Blutroter Sand - Tanja Litschel - E-Book

Blutroter Sand E-Book

Tanja Litschel

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Beschreibung

Die einsamste Herberge Deutschlands steht mitten in der Nordsee: der Leuchtturm 'Roter Sand'. Erreichbar ist er nur mit dem Schiff – und das auch bloß bei gutem Wetter. Für Lisa Holtkamp und ihre Familie entwickelt sich dieses Abenteuer schnell zu einem tödlichen Nervenkrieg, der Lisa an ihrem Verstand zweifeln lässt. Als das Küstenboot der Wasserschutzpolizei endlich ihren Notruf empfängt, glaubt Hauptkommissar Anton Hayen, eine Stimme aus seiner Vergangenheit zu hören.

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Seitenzahl: 490

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Tanja Litschel, Jahrgang 1969, studierte Geisteswissenschaften und arbeitete in unterschiedlichen Berufszweigen, bevor sie mit dem Schreiben begann. Ihre Kriminalromane spielen vor der Kulisse ihrer norddeutschen Heimat.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

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© 2019 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: Montage aus mauritius images/United Archives; shutterstock/Loboda Dmytro

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Lothar Strüh

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-466-7

Küsten Krimi

Originalausgabe

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The waves crash in and the tide pulls outIt’s an angry sea but there is no doubtThat the lighthouse will keep shining outTo warn the lonely sailor.

Dougie MacLean, »Ready for the Storm«

In den Hafenkneipen erzählt man sich, dass es das Blut des Riesen Rik war, das die Sandbank in der Außenweser rot färbte. Rik war gefräßig, aber ziemlich faul, und so verlangte er von den Fischern, die an seiner Wasserburg vorbeifuhren, einen Teil ihres Tagesfangs als Tribut. Um des lieben Friedens willen ließen sie sich darauf ein. Sie nahmen auch so schon genügend Gefahren auf sich, indem sie bei Sturm und Regen in die Bucht hinausfuhren, um ihre Netze zu füllen. Am Ende waren es ausgerechnet die Naturgewalten, die dem Riesen den Garaus machten. Eines Frühjahrs, nach einem besonders harten Winter, verwandelte die Schneeschmelze im Wiehengebirge die Weser in einen reißenden Strom, dem nicht einmal die Riesenburg standhalten konnte. Rik versuchte zu fliehen. Doch eine Eisscholle erwischte ihn kalt. Sie riss ihm das Haupt vom Körper, sein Blut trieb ins Meer hinaus, bis zu jener Untiefe, die bis heute den Namen »Roter Sand« trägt.

Prolog

Es war ein kühler, wolkiger Tag im Juni, als das Schicksal seine Weichen stellte. Bis zum frühen Morgen hatte das Wetter damit gedroht, den geplanten Ausflug buchstäblich ins Wasser fallen zu lassen. Jetzt war die kleine Reisegruppe nach dreistündiger Seefahrt endlich am Ziel angekommen. Doch Anton hatte nur noch Augen für sie.

Selbst aus der Ferne wirkte ihre zierliche Gestalt so zerbrechlich wie Porzellan. Obwohl bis zum Abend kaum mit Sonnenschein zu rechnen war, trug sie einen breitkrempigen Hut, der ihr milchweißes Gesicht beschattete. Dennoch bemerkte Anton die dunklen Halbmonde unter ihren Augen, die ihr den Anschein verliehen, sie erhole sich nur mühsam von einer langen Krankheit. Selbst das Lächeln ihrer blassen Lippen wirkte etwas angestrengt, fast so, als leide sie unter einer tiefen Traurigkeit, die nicht einmal die Scherze ihres Begleiters vertreiben konnten.

Je länger Anton sie und den Mann neben ihr beobachtete, desto stärker beschlich ihn das Gefühl, dass dieser Typ die Ursache für ihre Melancholie darstellte. Zugegeben, er sah blendend aus: sportliche Figur, kantige Wangenknochen, gerade Nase, breites Kinn und kräftige Brauen über den etwas eng stehenden Augen. Das schwarze Haar war so perfekt geschnitten, dass selbst der Seewind Mühe hatte, es zu zerzausen. Männer dieses Kalibers wussten für gewöhnlich, dass ihnen die Frauenherzen zuflogen. Daher wunderte es Anton nicht, diese zarte Schönheit an seiner Seite zu sehen. Nur spürte er allzu deutlich die düsteren Schwingungen zwischen dem Paar.

Im selben Atemzug schalt er sich einen Idioten. Natürlich waren es bloße Wunschvorstellungen, die sein verblendetes Gehirn produzierte. Wie ein pubertierender Jüngling sah er sich als weißer Ritter, der seine Herzdame aus den Fängen des dunklen Lords befreite. Mit einem energischen Kopfschütteln riss er sich vom Anblick dieser Frau los. Bis zum Ende des Tages würde er es nicht einmal schaffen, drei unverbindliche Sätze mit ihr zu wechseln oder sie gar nach ihrem Namen zu fragen. Jedenfalls nicht, solange dieser Dressman sie so gekonnt von den übrigen Menschen abschirmte. Wie ein Wachhund hielt er jeden auf Distanz, der höflichen Kontakt suchte. Richtete jemand das Wort an sie, antwortete er, bevor sie auch nur die Chance bekam, den Mund zu öffnen. Näherten sich mehrere Personen gleichzeitig, legte er seinen Arm um ihre Schultern und führte sie wie beiläufig ein Stück von der Gruppe fort. Tatsächlich hatte es den Anschein, als befürchtete er, sie könne etwas ungeheuer Dummes sagen oder ihn auf eine andere Weise beschämen. Dabei wirkte sie aus Antons Sicht viel zu schüchtern, um mehr als artig gestammelte Konversation zu treiben.

Seine Grübeleien ließen ihn fast vergessen, wo er sich aufhielt und wie viele Umstände es gekostet hatte, an diesen Ort zu gelangen. Wie ferngesteuert schlenderte er die gewundenen Treppen auf und ab, schaute in jedem Stockwerk in alle Himmelsrichtungen aus den Fenstern hinaus auf das Meer. Gedankenverloren betrachtete er die museale Einrichtung der runden Räume, die trotz der kaum isolierten Stahlwände eine erstaunliche Behaglichkeit verströmten. Noch einmal erklomm er die letzte Wendeltreppe hinauf ins Laternenhaus. Von dort führte eine schmale Tür auf die Galerie. Anton trat in den ewigen Wind hinaus.

Dort stand sie. Allein. Mit ihren zartgliedrigen Händen umklammerte sie das niedrige Geländer. Wie gebannt blickte sie auf einen weit entfernten Punkt am Horizont.

Jetzt oder nie. Anton konnte sein Glück kaum fassen. Mit mühsam gezügelten Schritten ging er auf sie zu.

»Beeindruckend, nicht wahr?« Sofort ärgerte er sich, dass ihm keine intelligentere Ansprache eingefallen war.

Sie benötigte einen Atemzug, um zu begreifen, dass sie gemeint war.

»Ja. Es ist einfach atemberaubend«, entgegnete sie. Ihre Stimme klang verblüffend tief und melodisch.

»Dieser Leuchtturm ist wirklich etwas ganz Besonderes. Gott sei’s gedankt, dass man ihn vor dem Verfall gerettet hat«, plapperte er weiter.

»Als Kind habe ich Postkarten gesammelt, auf denen er abgebildet ist.« Etwa eine Sekunde lang überwand sie ihre Schüchternheit und sah ihm direkt in die Augen.

Dies war der Moment, in dem er dieser Frau hoffnungslos verfiel. Im strahlenden Grün ihrer Iris schimmerte eine unstillbare Sehnsucht nach Freiheit, gepaart mit einer unvorstellbaren Angst, auch nur den ersten Schritt aus ihrem Schneckenhaus zu wagen. Dieser eine Blick löste in Anton den unbändigen Wunsch aus, sie vor allem Übel dieser Welt zu beschützen, koste es, was es wolle.

»Jede Nacht vor dem Einschlafen habe ich mir vorgestellt, wie es wohl wäre, hier zu wohnen. Ganz allein, mitten auf See«, sagte sie versonnen. Plötzlich senkte sie beschämt die Lider. »Bitte entschuldigen Sie, ich rede kindisches Zeugs.«

»Nein, überhaupt nicht«, entgegnete Anton schnell. »Mein Urgroßvater hat hier als Leuchtturmwärter gearbeitet. Die Männer haben wochenlang auf dem Turm gewohnt, bis die Ablösung kam. Ich habe alte Briefe auf dem Dachboden meines Elternhauses gefunden, die er während seiner Dienstzeiten an die Familie geschrieben hat. Seither habe ich mir gewünscht, eines Tages hierherkommen zu können.«

»Und jetzt sind wir beide hier«, sagte sie.

Mit diesem einen Satz versicherte sie Anton, dass sie dasselbe fühlte wie er. Es war kein Zufall, dass sie sich ausgerechnet hier begegneten. Es war ihre Bestimmung.

»Wie ich sehe, haben Sie meine Verlobte gut unterhalten«, sagte eine strenge Stimme aus dem Off.

Anton drehte sich um. Der dunkelhaarige Typ stand so dicht vor ihm, dass er seinen Atem im Gesicht spürte. Instinktiv trat Anton einen Schritt zurück.

»Robert, da bist du ja.« Sie lächelte ihm gehorsam entgegen. Eher pflichtschuldig ließ sie es zu, dass er einen Arm um ihre schmalen Schultern legte.

Der Bann war gebrochen. Dennoch bereitete es Anton Übelkeit zu sehen, wie der Macho seine Besitzansprüche zur Schau stellte. Außerdem verriet jede ihrer Regungen, wie unglücklich sie in diesem Augenblick war. Anton verspürte den intensiven Drang, den Mistkerl einfach über die Reling ins Meer zu stoßen.

Noch viele Jahre später wünschte er sich, er hätte es damals tatsächlich getan.

1

Der Seewind frischte böig auf. Auf den dunklen Wellen tanzten weiße Schaumkronen, die, von der Mittagssonne angestrahlt, einen wildromantischen Anblick boten. Vor mehr als zwei Stunden hatte die »Oland« in Bremerhaven abgelegt. Seither kämpfte sich der alte Tonnenleger tapfer die Weser hinunter. Jetzt folgte er dem Fahrwasser in die Deutsche Bucht hinaus. Linker Hand war mit bloßem Auge der weiße Sandstrand der Insel Wangerooge zu erkennen. Unmittelbar vor ihnen lag das Tor zur offenen Nordsee.

»Ist er das?«, fragte Lisa. Dabei deutete sie auf einen Strich am Horizont, der aus dieser Entfernung alles Mögliche sein konnte.

»Ja.« Hardy, Schiffseigentümer und Reiseleiter ihrer kleinen Ausflugsgruppe, reichte ihr sein Fernglas. »In zwanzig bis dreißig Minuten werden wir anlegen. Wenn alles glattläuft.«

»Was soll denn jetzt noch schiefgehen?«, mischte sich Karla ein.

Diese spezielle Mischung aus Hohn und Missmut erinnerte Lisa unwillkürlich an Robert, ihren verstorbenen Ehemann. Robert und Karla waren sich als Geschwister in vielen Dingen ähnlich gewesen. Insbesondere ihr Tonfall hatte in gewissen Situationen nahezu identisch geklungen. Vor allem wenn Unwägbarkeiten auftauchten, die sich nicht durch eigene Kraft ausbügeln ließen.

»Die Gezeitenströmungen sind in der Nähe des Leuchtturms unberechenbar«, erklärte Hardy. »Es ist schon vorgekommen, dass wir kaum Seegang hatten und unseren Kahn trotzdem nicht dicht genug an die Dalben heranbringen konnten.«

»Ich dachte, wir fahren mit diesem Seelenverkäufer, weil der Schiffstyp derartige Manöver beherrscht«, beharrte Karla.

Lisa unterdrückte ein Seufzen. Zuweilen ging ihr die ewige Besserwisserei ihrer Schwägerin nicht nur auf die Nerven, sondern war geradezu peinlich.

»Manchmal sind unsere Motoren der Nordsee schlicht unterlegen«, erklärte Hardy mit unerschütterlicher Geduld. Lisa dankte Gott im Stillen, dass er kein Typ war, der sich leicht provozieren ließ.

»Dann hoffen wir also einfach das Beste«, entgegnete Karla und ließ bewusst offen, was sie für das Beste hielt. »Warum stellt man einen Leuchtturm überhaupt mitten in die See, zwanzig Kilometer entfernt von der Küste?«, fragte sie stattdessen.

»Er markiert eine Sandbank, die selbst bei Ebbe noch unter Wasser liegt«, erklärte Hardy. »In Zeiten der Hanse, als die Koggen in Richtung Elbe- und Wesermündung segelten, mussten die Seemänner die Wassertiefen in der Deutschen Bucht ausloten, um nicht auf Grund zu laufen. Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt wurde es ziemlich schnell ziemlich eng hier draußen. Deshalb beschloss die Hafendirektion zu Bremerhaven Ende des 19. Jahrhunderts, auf dem Roten Sand einen Offshore-Leuchtturm zu errichten. 1885 war das eine echte Pionierleistung.«

Karla zeigte sich in keiner Weise beeindruckt.

»Hey, Sportsfreund!«, rief Hardy unvermittelt aus.

Lisa folgte seinem Blick zu Leon hinüber. Der Junge hatte offenbar etwas Spannendes unter der Meeresoberfläche erspäht und beugte sich so weit vor, wie es die niedrige Reling zuließ. In drei großen Schritten war Hardy neben ihm, bereit, notfalls blitzschnell zu reagieren.

»Das lass mal lieber bleiben! Niemand sollte sich so weit hinauslehnen!« Er legte seine von Wind und Wetter gegerbte Pranke auf Leons Schulter und zog ihn mit sanfter Gewalt zurück. »Ich meine es ernst! Falls du über Bord fällst, bist du außer Sichtweite getrieben, bevor unser Kapitän die Maschinen stoppen kann.«

»Da war eine Seeschlange«, intervenierte Leon. Ungeachtet seiner Brille, die bereits eine bedenkliche Schieflage eingenommen hatte, beugte er sich abermals über die weiße Schiffsbrüstung.

»Verdammt, Leon! Würdest du bitte tun, was der Mann sagt!« Karla eilte zu ihm, die dezent gebräunten Wangen vor Schreck eine Nuance blasser.

»Da war eine riesige, fette Schlange! Ehrlich, Mama!«, beteuerte Leon, mehr enthusiastisch als entschuldigend.

»Du bist wirklich zu alt für solch einen Unsinn.« Seine Mutter schaute zerknirscht zu Hardy empor, den die Phantasie des Jungen eher zu amüsieren schien. »Normalerweise ist er ganz vernünftig«, beteuerte sie. »Er hat sich nur schon tagelang auf den Ausflug gefreut. Schätze, die Aufregung ist ihm ein wenig zu Kopf gestiegen.«

»Du meine Güte, jetzt sei doch nicht so streng mit ihm.« Wie so häufig fühlte sich Lisa genötigt, Leon beizuspringen. »Er ist doch erst neun. Außerdem wissen wir doch gar nicht, was er gesehen hat. Vielleicht –«

»Ganz genau, mein Sohn ist neun Jahre alt. Dass er sich wie ein Fünfjähriger benimmt, liegt nur daran, dass ihm seine Tante ständig Flausen in den Kopf setzt!« Wenn Karla wütend war, trat die Ähnlichkeit mit Robert ganz besonders zutage. Die ausgeprägten Stirnfalten, tintenblaue Augen, die sich an den Schläfen abwärts bogen, dazu blutleere, schmale Lippen. Das sehr kurz geschnittene schwarze Haar trug zusätzlich dazu bei, dass ihr Gesicht fast maskulin wirkte.

Lisa hatte derartige Situationen zu oft erlebt, um sich übermäßig zu ärgern. Was nicht bedeutete, dass sie auch nur annähernd Verständnis für ihre Schwägerin aufbrachte. Leon war ein äußerst intelligenter Bursche, der in seinem kurzen Leben schon mehr Bücher gelesen hatte, als die meisten Menschen bis zu ihrer Beerdigung schafften. Im Kopfrechnen legte er ein schier unglaubliches Tempo vor. Er liebte Brettspiele, für die er laut Altersangabe auf der Pappschachtel viel zu jung war; meistens gewann er gegen die Erwachsenen, ohne dass man ihm den üblichen Welpenschutz gewährte. Dass der Junge außerdem über ein lebhaftes Vorstellungsvermögen verfügte, machte ihn nicht automatisch zu einem Dummkopf. Lisa hielt es für herzlos, dass seine Mutter so allergisch darauf reagierte. Genau genommen passte Karla Dehnhardt so ziemlich gar nichts an ihrem Sohn, der offenkundig mehr nach seinem Vater schlug. Zwar war Leon recht groß für sein Alter, allerdings auch ein wenig pummelig, was seine Mutter in keiner Weise tolerierte. Natürlich schrieb sie es seiner Angewohnheit zu, die Nase lieber stundenlang in Abenteuerromanen zu vergraben, anstatt sich nach dem langen Stillsitzen in der Schule körperlich auszutoben. Karla selbst leitete als ausgebildete Sportlehrerin ein angesagtes Fitnessstudio. Sie belegte regelmäßig einen der ersten Plätze beim jährlichen Stadtmarathon und hielt Müßiggang für eine Vorstufe zum Tod. Sie verbuchte es als persönlichen Misserfolg, dass Leon sich hartnäckig an anderen Vorbildern orientierte. Am liebsten an seiner Tante Lisa.

»Aber ich habe etwas gesehen!«, beharrte Leon.

»Damals, vor über hundert Jahren, als der Leuchtturm noch in Betrieb und ständig bemannt war, erzählten sich die Wärter Geschichten über eine mächtige Seeschlange, die sich zuweilen in die Bucht verirrt«, sagte Hardy, um die allgemeine Spannung zu entschärfen. Obwohl das Intro nicht sehr geschickt anmutete. »Wenn dort draußen ein Orkan tobte und die Brecher meterhoch am Turm emporschlugen, tauchte sie aus den Fluten auf, spukhässlich, kopflos und schwärzer als die Nordsee bei Nacht. Doch sobald sich das Wetter wieder beruhigte, verschwand sie, als hätte es sie niemals gegeben.« Hardy sah Leon mit todernster Miene in die Augen. »Dreimal darfst du raten, was diese Schlange in Wirklichkeit war.« Offenbar verfügte er doch über ein gewisses pädagogisches Talent. »Na, irgendeine Idee?«

Leon biss sich auf die Unterlippe; Lisa konnte förmlich sehen, wie es in seinem Köpfchen arbeitete. Schließlich zuckte er resignierend mit den Schultern.

»Ein Seekabel, das vom Roten Sand zum Festland führte. Vor über einhundert Jahren hatte man schon versucht, den Turm darüber von Land aus mit Strom zu versorgen. Aber das verdammte Ding riss immer wieder entzwei. Was nichts anderes hieß, als dass es dann auf dem Leuchtturm finster blieb und die Schiffe keinerlei Orientierung mehr hatten. Deshalb gab man den Plan schnell wieder auf und betrieb das Leuchtfeuer wie zuvor mit Petroleum. Aber das nutzlose Stromkabel lag weiterhin auf dem Meeresgrund. Bei aufgewühlter See trieb es manchmal an die Oberfläche und war dem Spiel der Wellen ausgesetzt. An dunklen Sturmtagen ist es selbst für gestandene Männer nicht weiter schwierig, sich ein Meerungeheuer vorzustellen, das mit seinem Schweif durch die Fluten peitscht.«

Leon überlegte einen Moment, ob er dem Seemann mit der Schirmmütze und dem verschmitzten Lächeln Glauben schenken sollte. Dann öffnete er den Mund zu einer Antwort. Doch der skeptische Blick seiner Mutter brachte ihn sichtlich aus dem Konzept. Schließlich zuckte er erneut mit den Schultern und betrachtete einen dunklen Fleck auf den hölzernen Planken.

»Sieh dir das an!« Der Ruf kam von der anderen Seite des Decks, wo Moritz Dehnhardt die familiäre Szene aus sicherer Entfernung belauscht hatte. Jetzt nutzte er den günstigen Augenblick, um die Missstimmung zu beenden.

»Was ist denn?«, fragte Leon eher gelangweilt.

»Ein Wrack. Dort hinten auf der Sandbank!«

Glücklicherweise fand Leon die Sache spannend genug, um seinem Vater Gesellschaft zu leisten.

»Das gammelt dort schon seit Jahrzehnten vor sich hin«, erklärte Hardy an Lisa gewandt. »Die Untiefen machen die Nordsee zu einem der schwierigsten Gewässer überhaupt für die Schifffahrt. Trotzdem wird sie ständig unterschätzt. Erst letzte Woche wollte ein Sportsegler eine Abkürzung an den Seezeichen vorbei nehmen und saß prompt auf Grund. Musste die nächste Flut abwarten, um wieder genügend Wasser unter den Kiel zu bekommen.«

»Hätte es für ihn gefährlich werden können?«, fragte Lisa. Sie war knapp einhundert Kilometer von der Küste entfernt aufgewachsen, doch ihr Wissen über die Seefahrt war bestenfalls rudimentär.

»Das nicht«, antwortete Hardy. »Aber vielleicht war es ihm ein Denkzettel. Unter den Skippern gibt es immer wieder Schlauberger, die wohl glauben, dass wir all die Baken und Tonnen nur zum Spaß auslegen.«

Lisa nickte. Mit gewisser Erleichterung beobachtete sie Karla, die sich zu ihren beiden Männern gesellte. Deutlich entspannter legte sie ihren Arm um Leon, der es protestlos geschehen ließ.

»Stimmt das eigentlich? Die Geschichte mit den Kabeln?«, fragte Lisa. Aus unerfindlichen Gründen verspürte sie bei dem Gedanken daran noch immer eine leichte Gänsehaut.

»Von einigen dramaturgischen Wendungen abgesehen schon«, entgegnete Hardy, den Blick starr aufs Meer gerichtet. »Mit den Seekabeln ist es in diesen geringen Tiefen immer ein wenig problematisch. Manchmal werden sie von Schiffsankern oder Schleppnetzen beschädigt. Direkt am Leuchtturm entstehen regelmäßig Turbulenzen unter Wasser, die der Ummantelung zusetzen. Sobald die rissig wird, dringt Salzwasser ein, und das war’s dann.«

»Das klingt ja nicht sonderlich vertrauenerweckend. Was ist mit dem Telefon auf dem Leuchtturm? Nicht auszudenken, dass jemand krank werden könnte und es nicht funktioniert.«

»Gleich nach der Restaurierung Ende der Neunziger wurden auf der Galerie des Turmes Solarzellen installiert«, erklärte Hardy. »Die Dinger liefern genügend Strom für eine Notbeleuchtung, das Telefon und natürlich für eure Handys. Sofern ihr die Ladekabel eingepackt habt, verliert ihr auf gar keinen Fall den Kontakt zur Außenwelt. Ganz oben habt ihr exzellenten Empfang und sogar WLAN, dem Funkmast auf Wangerooge sei Dank.« Hardy erlaubte sich ein breites Grinsen, das unregelmäßige, aber sehr weiße Zähne entblößte. Dann zwinkerte er Lisa zu. »Keine Angst, ich würde niemals zulassen, dass sich eine so schöne Frau in Gefahr begibt.«

Lisa versuchte, sein Lächeln zu erwidern, doch im selben Moment streifte eine salzige Windböe ihre Wangen und trieb ihr Tränen in die Augen. Sie blinzelte heftig. Gleichzeitig raffte sie ihre Strickjacke enger um die Schultern, um die eigentümliche Kälte zu vertreiben.

»Ich kann ihn sehen!«, rief Leon plötzlich. »Schau, Tante Lisa, da ist er!«

Sie drehte sich zum Bug des Schiffes und folgte dem Blick des Jungen. Tatsächlich war der Leuchtturm Roter Sand jetzt bis ins Detail zu erkennen. Der schwarze, etwas breitere Sockel, die abwechselnd rot und weiß gestrichenen Stockwerke aus geschweißtem und genietetem Stahl. Eine Kuppel, aufgesetzt wie ein Hütchen, beherbergte das mittlerweile erloschene Leuchtfeuer. Drei knallrote, runde Erker liefen gen Meeresspiegel spitz zu wie Trichter oder Bonbontüten. Einer von ihnen war ebenfalls gekrönt durch eine Kuppel. Der Balkon zog sich strahlend weiß um die Aufbauten herum. Zahlreiche Fenster zierten das gesamte Bauwerk und starrten den Besuchern aus schwarzen Pupillen entgegen. Wie etwas Lebendiges schien der Leuchtturm direkt aus dem Meeresboden gewachsen zu sein.

Das mulmige Gefühl wich augenblicklich einem faszinierten Herzklopfen. Von diesem historischen Seezeichen existierten unzählige Abbilder, die zwischen Nostalgie und Kitsch schwankten. Wer mit dem Ausflugsschiff von Bremerhaven nach Helgoland fuhr, konnte das Original aus der Ferne bestaunen. Direkt erreichte man es jedoch nur, wenn Wetter, Seegang, Strömungen und Tide perfekt zusammenspielten. Vorausgesetzt, man fand an jenem Tag ein Schiff, das Gäste mit hinausnahm.

Heute, einen Tag vor Lisas vierzigstem Geburtstag, schien ihnen die Nordsee hold zu sein.

Plötzlich spürte sie Leons kleine Hand in der ihren. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und schaute mit offenem Mund an dem Turm empor, der sich an die dreißig Meter in den Himmel erhob. Karla stand eine Schrittlänge entfernt, die Stirn in tiefe, gekräuselte Falten gelegt. Moritz hielt sich wie so häufig im Hintergrund, die Hände tief in den Taschen seiner Cordhose vergraben.

Gerade begann der Kapitän, das robuste Arbeitsschiff längsseits der zwei mächtigen Dalben zu manövrieren, die vor dem Einstieg in den Meeresboden gerammt worden waren. Orangeroter Rost wand sich an den Pfeilern flechtenartig vom Hochwasserpegel abwärts. Darauf hatte sich ein grün-buntes Biotop aus Algen, Muscheln und Schnecken gebildet, das geduldig auf die stetig wiederkehrende Flut wartete. Derselbe Bewuchs bevölkerte den Sockel, der den gesamten Leuchtturm im sandigen Meeresgrund verankerte. Soeben ließ sich eine Möwe auf dem etwa einen Meter breiten Absatz nieder und beäugte die Ankömmlinge misstrauisch.

Hardy und der Schiffsjunge, an dessen Namen sich Lisa nicht erinnern konnte, hantierten nun mit langen Stangen, an deren Ende sich ein Haken befand. Diese dienten dazu, die Schlaufen am Ende der Schiffsleinen an den zinkenförmigen Auskerbungen der Dalben zu befestigen.

»Das wird so nichts!«, schrie Hardy zum Steuerhaus hinauf. Sein angeborener Frohsinn war einer äußerst konzentrierten Miene gewichen. »Wir müssen dichter ran!«

»Das sehe ich selbst! Was, glaubst du, versuche ich hier die ganze Zeit?« Der Kapitän, ein bärtiger Mittfünfziger, den Lisa während der dreistündigen Überfahrt kaum zu Gesicht bekommen hatte, stand am Außenruder und schwitzte. »Die Strömung reißt unserem Kahn den Arsch weg!«

Die Schiffsdiesel arbeiteten hörbar auf Hochtouren. In aufreizendem Zeitlupentempo schwenkte das Heck auf den gezackten Pfeiler zu, nur um sogleich von der Strömung unter dem Kiel wieder in die Gegenrichtung getrieben zu werden. Hardy hatte also mit keiner Silbe übertrieben. Das Anlegemanöver am Leuchtturm erforderte von der Mannschaft vollen Einsatz.

»Neuer Versuch!«, brüllte der Kapitän gegen den Motorenlärm an.

Was auch immer er jetzt tat, es schien zu funktionieren. Zentimeterweise bewegte sich das Schiff seitwärts. »Jetzt!«, schrie Hardy. Der Schiffsjunge reagierte sofort. Mit dem Hakenende der Stange stülpte er die Schlaufe über einen der Zinken. Das Heck war gefangen. »Jetzt!« Dieses Kommando kam von der Brücke und richtete sich an Hardy, der in perfektem Timing auch die Vorleine festmachte. Die Seemänner atmeten hörbar auf.

Mit routinierter Geschäftigkeit befestigten sie weitere Leinen. Dann wuchteten sie einen schmalen Steg vom Deck zur Turmleiter und arretierten ihn auf etwa halber Höhe zur Einstiegsluke. Zu beiden Seiten der provisorischen Gangway spannten sie ein Netz, das Lisas Mutmaßung nach eher psychologischen Nutzen versprach. Sollte tatsächlich jemand ins Stolpern geraten, hätte man besser einen Rettungsring griffbereit.

»Die hier müsst ihr anziehen, bevor ihr rübergeht. Ist so Vorschrift.« Hardy reichte jedem von ihnen eine Schwimmweste und erklärte, wie man sie anlegte.

»Ich gehe jetzt rauf und mache die Tür auf«, verkündete er, wieder ganz in seinem Element. »Dann könnt ihr nachkommen, aber bitte einzeln, immer nur eine Person auf dem Steg und der Leiter!«

Lisa verspürte ein völlig ungewohntes Kribbeln in der Magengegend, als sie beobachtete, wie er die eisernen Sprossen erklomm. Der Eingang zum Leuchtturm befand sich in etwa sechs Metern Höhe über dem Sockel. In dessen Mitte war eine Luke eingelassen, die mit einem Vorhängeschloss gesichert war. Hardy entfernte das Schloss, schlüpfte hindurch, entriegelte die Tür von innen und zog sie auf. »Na, dann mal hinein in die gute Stube!«, rief er zum Schiffsdeck hinunter. Er selbst blieb an der Schwelle stehen, um im Bedarfsfall Hilfestellung zu leisten.

»Nach dir.« Moritz vollführte eine Geste, die Lisa den Vortritt signalisierte. »Wir können dich keine Sekunde länger warten lassen.« Sein Lächeln wirkte warm und ehrlich. Lisa zweifelte nicht daran, dass sie dieses ausgefallene Geburtstagsgeschenk allein Moritz verdankte.

Sie umfasste den Handlauf des Stegs zu beiden Seiten, trat vorsichtig auf die Bretter und schritt mit klopfendem Herzen voran, den Blick starr auf Hardy gerichtet, der sich lächelnd aus der Tür lehnte. Auf diese Weise schaffte sie recht zügig die Hälfte des Weges. Bis ihr der dumme Fehler unterlief. Sie blieb stehen und starrte auf das schäumende Meer unter ihren Füßen. Etwa drei Meter trennten sie von den trügerisch plätschernden Wellen. Plötzlich bemerkte sie, wie der Boden unter ihren Füßen im selben Rhythmus schwankte wie das Schiff, das hinter ihr in unerreichbarer Ferne lag. Für einen kurzen Moment schaute sie über ihre Schulter zurück. Fast glaubte sie, Robert an Deck stehen zu sehen, die Arme vor der Brust verschränkt, die Stirn tadelnd in Falten gelegt, ein abschätziges Lächeln auf den Lippen.

Na bitte, hab ich’s dir nicht gesagt? Dieser Ausflug war von Anfang an totaler Schwachsinn! Am besten kehrst du um, bevor noch irgendein Unglück geschieht. Jetzt gleich!

Seine Stimme hallte in Lisas Kopf wider, als hätte er die Worte hinausgeschrien. Dabei wusste sie hundertprozentig, dass er überhaupt nicht da sein konnte. Ihr Ehemann war tot und begraben. Es stand ihm nicht zu, sie zu schikanieren. Jetzt nicht mehr. Lisas Aufgabe bestand darin, ihm diese Macht zu versagen, ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen, sobald er sich zu Wort meldete. Jedenfalls hatte ein ganzes Geschwader von Therapeuten versucht, sie davon zu überzeugen. Zuweilen klappte es sogar.

Lisa spürte, wie sich kleine Schweißperlen zwischen ihren Brüsten sammelten und langsam gen Bauchnabel rannen. Ihre Beinmuskeln schienen sich in eine gallertartige Masse verwandelt zu haben. Sie atmete stoßweise. Instinktiv kniff sie die Augen zusammen. Eine ziemlich bescheuerte Idee, wenn man bedachte, wo sie sich gerade befand.

»Gleich hast du es geschafft!«, drang Hardys Stimme in ihr Bewusstsein, fröhlich, aufmunternd. »Nur noch ein paar Schritte, da kann gar nichts mehr schiefgehen!«

Genau. Mir wird überhaupt nichts passieren. Nicht hier, nicht heute und auch für den Rest des Wochenendes nicht. Diesen Scheißgefallen werde ich meinem Ehemann ganz bestimmt nicht tun. Er ist tot, tot, tot!

Lisa richtete ihren Blick geradeaus. Und lächelte. Ihre Muskeln gaben den Protest auf. So souverän, dass es sie selbst überraschte, erreichte sie die Leiter, deren Sprossen die letzten Meter senkrecht zur Türschwelle hinaufführten.

Einfach nur nach oben schauen. Es ist ein Kinderspiel, nichts anderes als die Sprossenwand in der Turnhalle. Du musst nur die Füße heben, einen nach dem anderen. Also halte dich einfach gut mit den Händen fest und steige endlich diese alberne Leiter hinauf!

»Na bitte, leichtfüßig wie eine Ballerina!« Hardy ergriff ihre Hand und half ihr über eine mehrere Zentimeter hohe Stahlkante. »Willkommen an Bord!«

Sie hatte es geschafft. Lisa Holtkamp, neununddreißig Jahre alt, Buchhändlerin, glücklich verwitwet, stand wirklich und wahrhaftig im Innern des Leuchtturms Roter Sand, umgeben von nichts als Wasser, die Wesermündung im Süden, in nördliche Richtung die offene Nordsee.

»Leon, was ist mit dir? Bist du der Nächste?«, rief Hardy zum Schiff hinab. »Super! Rauf mit dir!«

Mit einem Anflug von Stolz schielte Lisa an dem breiten Rücken des Seebären vorbei, während der Junge ohne zu zögern Steg und Leiter überwand, als hätte er wochenlang dafür geübt. Nur gut, dass seine Mutter mit eigenen Augen beobachten konnte, wie mutig ihr Sohn in Wirklichkeit war. Sobald sie nur einmal aufhörte, an ihm herumzunörgeln. Er grinste von einem Ohr zum anderen, als er an Lisa vorbeihüpfte. Sie hielt ihm die offene Handfläche entgegen. Mit einem atemlosen »Ja!« schlug er ein.

Natürlich überwand Karla den Parcours in Rekordzeit. Etwas bedächtiger folgte Moritz.

»Wer zuletzt kommt, übernimmt am ersten Abend das Kochen!«, rief Hardy ihm entgegen. »Das ist auf dem Turm Tradition. Sie zu brechen bringt Unglück!«

»Warum hast du das nicht gleich gesagt?« Moritz lächelte leicht gequält. »Meine Frau wird lieber mit bloßen Händen einen Fisch fangen und ihn roh verspeisen, als meine Kochkünste zu ertragen. Kann die Sache mit dem Unglück nicht mal eine Ausnahme machen?«

»Schwer zu sagen.« Hardy grinste herausfordernd. »Du wärest der Erste, der es darauf ankommen lässt.«

Da war er wieder, der kalte Schauer. Unbarmherzig rann er Lisas Rücken hinab und ließ ihr Lächeln zu einer Maske gefrieren. Dabei war Hardys Gefrotzel nichts weiter als albernes Seemannsgarn.

»Die Schwimmwesten könnt ihr jetzt ausziehen, wir bringen sie zurück auf das Schiff«, sagte Hardy nun sehr sachlich.

Nachdem sich Lisa umständlich aus den Riemen geschält hatte, sah sie sich im »Erdgeschoss« des Turms um. Offenkundig nutzte man es heute nur noch als Lagerraum. Ein notdürftig geordnetes Sammelsurium an Seilen, Werkzeugen, Schläuchen, antiquierten Gerätschaften und Putzutensilien verteilte sich über die gesamte Ebene. Links neben dem Einstieg ragte ein rechteckiger Wassertank in die Höhe, daneben standen einige Propangasflaschen.

»Gleich hier drüben befindet sich der Wellnessbereich.« Hardy sprach Letzteres betont breit und norddeutsch aus. Dabei wies er auf eine Tür, die Lisa noch nicht bemerkt hatte. Dahinter verbarg sich eine winzige Nasszelle mit einer relativ modernen Toilette, einem Waschbecken und einem nackten Spiegel. Der Duschkopf war unmittelbar über dem Abfluss in die Decke eingelassen. Ein Vorhang fehlte völlig.

»Vor einigen Jahren haben wir eine Gastherme installiert. Ihr könnt also sogar warm duschen, wenn ihr wollt«, sagte Hardy, als stelle dies einen außergewöhnlichen Luxus dar.

Moritz, der Lisa über die Schulter sah, pfiff durch die Zähne. Karla schob ihn beiseite und stieß ein leicht verzweifeltes Stöhnen aus.

»Die Jungs werden gleich euer Gepäck und den Proviant heraufbringen. Wenn die Herrschaften mir bitte folgen wollen, zeige ich euch die Gemächer. Aber als Erstes sollten wir ganz nach oben gehen. Der Ausblick von der Galerie wird euch auf der Stelle für alles entschädigen, das vielleicht unbequem erscheinen mag.« Hardy machte eine einladende Geste, ging dann aber selbst voraus.

Eiserne Treppenstufen führten auf die nächsthöhere Ebene, die als Schlafraum diente. Neun Kojen, drei mal drei übereinander, waren perfekt in das Rund des Turms eingepasst. Geblümte Vorhänge sorgten für ein Mindestmaß an Privatsphäre. Zwischen zwei Bullaugen standen schmale, hohe Schränke, in denen sich zumindest die Rucksäcke und Taschen verstauen ließen.

»Kommt schon, hier können wir uns später umsehen.« Die Aufforderung stammte von Moritz, der gerade seine persönliche Faszination für diesen Ort zu entdecken schien. Lächelnd tat er so, als würde er eine kleine Schafherde vor sich hertreiben.

Leon ließ sich nicht lange bitten und rannte voraus, eine ausgetretene Holztreppe hinauf, die sich an der inneren Außenwand des Turms emporwand. Sie durchquerten die Küche, die Lisa unweigerlich an die Puppenstube ihrer Großmutter erinnerte, und stiegen weiter hinauf in den ehemaligen Dienstraum, in dem sich Relikte aus verschiedenen Epochen des fast einhundertjährigen Betriebes wiederfanden. Drei Runderker stülpten sich wie riesige Beulen nach außen. In einem davon führte die letzte, sehr enge Wendeltreppe hinauf zur Spitze. Der Treppenabsatz endete genau zwischen den beiden rundherum verglasten Aufbauten, in denen sich die ehemaligen Leuchtfeuer befanden. Leon huschte nach links in das größere Laternenhaus. Staunend schaute er an dem riesigen optischen Apparat empor, der aussah wie eine Mischung aus Glühlampe und Bienenkorb. Mit einem Finger strich er über die gläsernen Lamellen, die der optimalen Streuung des Lichts dienten. Dabei hinterließ er einen hellen Strich auf der angesammelten Staubschicht.

»Himmel, musst du immer gleich alles anfassen?«, zischte Karla, die sich gerade an Lisa vorbeischob.

»Kann man das Licht eigentlich wieder einschalten?«, fragte Leon ungerührt.

»Nein«, entgegnete sein Vater und warf Karla einen fast schon flehenden Blick zu. »Es gibt keine Stromquelle mehr, die stark genug wäre.«

»Warum ist es überhaupt aus? Wenn das hier doch ein Leuchtturm ist.«

»Die großen Schiffe müssen inzwischen eine andere Route nehmen«, erklärte Moritz. »Vor einhundert Jahren verlief die Fahrrinne ganz in der Nähe. Im Laufe der Jahrzehnte haben die Meeresströmungen sie verschoben. Deshalb musste man in den sechziger Jahren einen neuen Leuchtturm bauen. Man kann ihn von hier aus sehen.«

»Hm. Aber was würde passieren, wenn wir das Licht doch wieder in Gang bringen könnten?« Was auch immer in Leons Kopf vorging, umfasste offenbar eine komplexere Theorie.

»Dann würden eine Menge Seefahrer vermutlich ein ziemlich dummes Gesicht machen.« Moritz tätschelte den Kopf seines Sohnes, ohne Karla dabei aus den Augen zu lassen.

»Ist das nicht toll«, versuchte er die allgemeine Stimmung in Schwung zu bringen, »hier oben können wir heute Abend alle gemeinsam sitzen und auf Lisas Geburtstag anstoßen, was haltet ihr davon?« Er ließ sich auf einer Holzbank nieder, die an der Fensterseite um den ganzen Raum herumführte, und grinste demonstrativ in die Runde.

Lisa bemühte sich um ein Lächeln, doch ihr Blick wanderte an Moritz vorbei zum Fenster hinaus. Dort, auf der anderen Seite der Scheibe, erblickte sie Hardy. Mit einer unverkennbaren Geste forderte der Seemann sie auf, endlich zu ihm nach draußen zu kommen.

Sie kehrte den anderen dreien den Rücken und schlüpfte durch eine schmale Eisentür hinaus auf den Balkon, der um den gesamten Turm herumführte, unterbrochen nur durch den Erkeraufbau, der das Nebenfeuer beherbergte. Dort, wo sich unter ihren Füßen die beiden anderen Erker befanden, stülpte sich die Galerie halbkreisförmig nach außen. In einer der Buchten stand Hardy. Er breitete einladend den Arm aus.

»Was ist los mit dir, mien Deern?«, sagte er ernst, als sie unmittelbar neben ihm stand. »Du siehst aus, als wäre dir eine Laus über die Leber gelaufen.«

»Nein«, entgegnete sie schnell, »alles gut. Ich musste nur gerade an jemanden denken, den ich schon sehr lange nicht mehr gesehen habe.«

»Keine sehr schöne Erinnerung, nehme ich an«, hakte Hardy nach. Seine Skepsis schien noch gewachsen zu sein.

»Die beste, die ich habe.« Als sie es aussprach, wurde ihr bewusst, dass es die reine Wahrheit war.

»Du warst schon einmal hier, habe ich recht?«, fragte er.

»Tante Lisa!«, rief Leon und befreite sie so von einer Antwort.

Mit apfelroten Wangen rannte er auf sie zu und lehnte sich glücklich an ihre Hüften. Lächelnd legte sie einen Arm um seine Schultern. Für einen glücklichen Moment schauten sie gemeinsam auf die kabbelige See hinaus. Über ihr prahlte der Sommer mit vereinzelten Schäfchenwolken, die gemächlich über einen strahlend blauen Himmel zogen. Mit geschlossenen Augen sog Lisa die salzige Brise tief in ihre Lungen. Das erste Mal in ihrem Leben verspürte sie einen Hauch von Freiheit.

Alles wird gut. Von jetzt an wird alles gut.

»Da ist ja noch eine Leiter!«, rief Leon plötzlich aus.

Irritiert sah Lisa auf. Der Junge beugte sich immer weiter vor, bis er in einem bedenklichen Winkel über der Reling hing.

»Ja, richtig«, bestätigte Hardy. Mit einem großen Schritt war er bei Leon und zog ihn energisch ein Stück zurück. »Habt ihr beim Hereinkommen die zweite Tür bemerkt, direkt gegenüber von unserem Einstieg?«, nahm er den Faden wieder auf, als sei nichts geschehen.

»Sie ist verriegelt und mit allerlei Kram verstellt«, sagte Lisa.

»Ganz genau. Denn heutzutage fahren wir den Turm von der Westseite nicht mehr an«, erklärte Hardy. »Früher musste man sich bei der Ablösung der Mannschaft nach dem Wind richten. Blies er aus Osten, was weniger häufig vorkommt, legte man auf der Westseite an. Die meiste Zeit über haben wir hier westliche Winde. Deshalb nutzen wir den östlichen Eingang, also immer die windabgewandte Seite. Oder, wie die Seefahrer sagen: Man nähert sich dem Turm immer von der Leeseite.«

»Und was macht ihr bei Ostwind?«, fragte Leon.

»Da sitzen wir zu Hause am Kamin und trinken einen steifen Grog.« Hardy fuhr dem Jungen mit seiner braun gebrannten Hand durchs stoppelige Haar.

»Kannst du nicht bei uns bleiben, solange wir hier sind?«, fragte Leon unvermittelt. »Du könntest uns bestimmt viele Geschichten erzählen, die hier passiert sind, als die Leuchtturmwärter hier noch gewohnt haben.«

»Tut mir leid, aber das geht nicht«, entgegnete Hardy. Er gab sich Mühe, amüsiert zu klingen, wirkte jedoch eher ein wenig besorgt.

Lisa lächelte, so gut sie konnte. Am liebsten hätte sie Leons Bitte bekräftigt. Was natürlich totaler Unsinn war. Der Tonnenleger würde in Kürze mitsamt seiner Mannschaft nach Bremerhaven heimkehren, bis er die Gäste schon übermorgen wieder abholen käme. Lisa hatte die letzten zwanzig Jahre mit Warten verbracht. Was waren dagegen zwei lächerliche Tage?

»Für mich wird es höchste Zeit zum Aufbruch.« Hardy richtete seine Augen auf Karla und Moritz, die soeben auf die Galerie hinausgetreten waren. »Eure Taschen stehen im Schlafraum. Am besten schaut ihr nach, ob alles da ist. Wenn wir erst auf dem Rückweg sind, werden wir nicht umkehren.«

»Komm, Schatz, gehen wir«, forderte Karla ihren Sohn auf.

Widerwillig folgte Leon seinen Eltern hinein.

Lisa setzte sich ebenfalls in Bewegung, verharrte jedoch, als sie Hardys Hand auf ihrer Schulter spürte.

»Alles in Ordnung?« Er betrachtete sie mit nachdenklicher Miene. »Bist reichlich blass um die Nase, mien Deern. Falls du dich krank fühlst, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, es zu sagen. Noch können wir dich mit zurück an Land nehmen.«

»Nein«, entgegnete sie eine Spur zu heftig. »Es geht mir gut. Wirklich.« Sie lächelte noch immer. Doch ein Blick in Hardys Gesicht verriet, dass er sich davon nicht beeindrucken ließ.

Er setzte zu einer Antwort an, schluckte diese jedoch hinunter und zuckte stattdessen mit den mächtigen Schultern. »Wie du meinst. Es ist deine Entscheidung.« Mit diesen Worten stieg er die steile Wendeltreppe hinab.

Lisa schaute wieder auf das Meer hinaus, wo der Wind blasse Wolkenschatten vor sich hertrieb. Bald, sehr bald würde sie ihn wiedersehen, genau hier, wo alles begonnen hatte. Vor einer Ewigkeit.

Das Dröhnen des Schiffshorns riss sie aus ihren Gedanken. So schnell sie konnte, lief sie die steilen Treppen hinab bis in den Lagerraum. Als sie dort ankam, stand Hardy bereits auf der Außenleiter; sein breiter Oberkörper ragte nur noch bis zur Brust über die Schwelle.

»Und nicht vergessen«, mahnte er, »Sonntag, um sechs Uhr morgens, erwarte ich euren Anruf. Dann weiß ich, ob wir euch wie vereinbart abholen können, ob wir es versuchen oder gar nicht erst losfahren werden.« Hardy schaute noch einmal in die Runde. Als er bei Lisa angekommen war, trafen sich ihre Blicke. Wie durch Telepathie hallten seine Worte in ihrem Kopf wider. Noch können wir dich mit zurück an Land nehmen! Sie zögerte einen Atemzug lang. Dann deutete sie ein Kopfschütteln an, das nur Hardy allein bemerkte.

»Sonntagmorgen, sechs Uhr. Wir werden uns pünktlich melden«, sagte sie mit fester Stimme.

Als Antwort hob er die Hand. Dann verschwand auch seine Schirmmütze unter der Türkante.

Lisa trat einen Schritt vor und beobachtete, wie zwei Männer den Steg einholten. Unmittelbar unter ihr führten die eisernen Sprossen fast senkrecht bis zum Sockel hinab, den die Wellen inzwischen vollständig überspülten. Die Flut hatte eingesetzt. Der alte Tonnenleger würde sich auf der Heimfahrt den Schub des auflaufenden Wassers zunutze machen, um möglichst zügig voranzukommen.

Einer der Männer nahm eine Hakenstange zur Hand und löste die Achterleine vom Dalben. Irgendein Gebrüll scholl vom Außenruder zum Heck. Es klang ein wenig wie »Noch nicht!«, untermalt von verständnislosen Gesten, was nach Lisas Meinung jedoch keinen Sinn ergab. Bis sie erkannte, dass der Tonnenleger plötzlich ein mächtiges Problem hatte. Denn die Strömung ließ das freie Heck bereits vom Anlegeplatz fortdriften. Dadurch zerrte es mit aller Kraft an der Vorleine, die den Bug nach wie vor an einem der Dalben gefangen hielt. Inzwischen spannte sich die Leine so straff, dass es dem Decksmann unmöglich war, die Schlaufe über die zinkenförmige Kerbe des Dalbens zu heben.

Die Diesel röhrten erbarmungswürdig. Endlich gelang es dem Kapitän, das Schiff quälend langsam auf den Turm zuzusteuern, nur einen Meter, vielleicht waren es sogar zwei. Doch nur eine Sekunde reichte aus, um ihm die gewonnene Strecke wieder zu nehmen. Zu schnell für den Decksmann.

»Verfluchte Scheiße!«, schrie er aus Leibeskräften.

Es schien, als zerre ein überdimensionaler, kosmischer Magnet das Schiff mit aller Macht vom Roten Sand fort. Die Männer an Deck konnten nichts weiter ausrichten. Noch einmal röhrten die Schiffsdiesel auf; schwarzer Qualm stieg aus dem Schornstein. Wieder erscholl ein Kapitänskommando von der Brücke. Unmittelbar darauf war niemand mehr an Deck des Schiffes zu sehen.

Lisa hielt unwillkürlich den Atem an, als ihr klar wurde, was der Kapitän nun vorhatte. Statt weiterhin vorwärts gegen die Strömung zu kämpfen, machte er sich die Naturgewalten zunutze und steuerte das Schiff in die entgegengesetzte Richtung. Die ohnehin schon überspannte Leine hielt dem Manöver nicht lange stand. Ein finaler Ruck überstieg ihre Sollbruchlast, etwa eine Armlänge vom Dalben entfernt riss sie entzwei. Mit einem irrsinnigen Peitschenschlag schnellte das lange Ende zurück über das Schiffsdeck. Der Tonnenleger war frei. Mit trägem Schwung driftete er der weit entfernten Küste entgegen.

Hardy trat aus dem Steuerhaus und winkte Lisa ein letztes Mal zu. Dann nahm die »Oland« Kurs auf den Heimathafen. Drei Erwachsene und ein neunjähriger Junge blieben allein auf dem Leuchtturm zurück.

2

Wie gebannt starrte Hauptkommissar Anton Hayen durch das Fernglas. Ungefähr einmal pro Woche kamen sie auf Küstenstreife in die Nähe des Leuchtturms Roter Sand. Anton konnte jede Einzelheit seiner markanten Architektur mit verbundenen Augen zeichnen. Aber heute schien ihm das historische Seezeichen irgendwie verändert.

»Was gibt es dort zu sehen?« Dorothea Raubach trat neben ihn an die Reling. Ein leicht blumiger Duft streifte Antons Nase. Es war ihm ein Rätsel, wie sie es fertigbrachte, nach einem Vierundzwanzig-Stunden-Dienst auf See so verdammt gut zu riechen.

»Es sind Leute auf dem Leuchtturm«, sagte er.

Jetzt sah er sie ganz deutlich, eine zierliche Person, die sich über die Brüstung der Galerie beugte. Die Abendsonne ließ ihr Haar feuerrot aufleuchten. Für einen kurzen Moment war sich Anton vollkommen sicher, dass er die Frau kannte. Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, blitzten ungeordnete Bilder durch sein Gedächtnis, Erinnerungen an einen längst vergangenen Tag in einem anderen Leben.

»Es liegt kein Schiff an den Dalben«, riss Dorothea ihn aus seinen Gedanken.

»Es könnten Gäste sein, die dort übernachten«, überlegte Anton laut.

Dorotheas Hand streifte die seine, als sie ihm das Fernglas abnahm und hindurchschaute. Ihr Scheitel reichte ihm gerade bis zur Schulter. Einige haselnussbraune Haarsträhnen, die sich aus dem strengen Knoten im Nacken gelöst hatten, flatterten im Wind.

»Ich kann niemanden erkennen.« Wie zufällig rückte sie noch ein Stückchen näher an ihn heran. »Schätze, du hast dich getäuscht.« Sie ließ das Fernglas sinken, machte jedoch keine Anstalten, es ihm zurückzugeben. »Im Ernst, es gibt keine Gästefahrten mehr zum Roten Sand.«

»Und das weißt du so genau, weil …?«

»Es stand in der Zeitung. Also in diesem lokalen Anzeigenblatt, das überall kostenfrei verteilt wird.«

Er bedachte sie mit einem skeptischen Seitenblick.

»Was denn? Ich war beim Zahnarzt. Wenn ich im Wartezimmer sitze, bin ich viel zu nervös für inhaltsschwere Lektüre.«

»Sicher.« Es war nicht der Mühe wert, sich mit Dorothea Raubach wegen dieser Geschichte anzulegen. Unnachgiebigkeit war ihr zweiter Vorname.

»Ich kann dir den Artikel gern besorgen, wenn du willst«, fuhr sie unnötigerweise fort. »Es ist dem Touristikbüro einfach zu aufwendig, da sie nie genau wissen, ob das Schiff am geplanten Tag da draußen anlegen kann oder nicht. Die Gäste werden sauer, wenn der Kapitän einfach wieder umkehrt, ohne dass sie den Leuchtturm von innen sehen konnten. Was nicht so verwunderlich ist, denn genau deshalb haben sie diese Tour ja gebucht.«

»Schon gut!« Anton hob beschwichtigend die Hand.

Die von Dorothea beschriebene Problematik war so alt wie der Leuchtturm selbst. Aus Antons Sicht war es von Anfang an eine Schnapsidee gewesen, auf den Leuchtturm Roter Sand als touristisches Highlight zu setzen. Es sollte ihn also nicht verwundern, dass der Veranstalter endlich zu demselben Schluss gelangt war. Trotzdem wusste Anton, was er gesehen hatte, ob es Dorothea nun passte oder nicht.

»Wann, glaubst du, werden die dort fertig sein?« Sie schaute nun demonstrativ in die Gegenrichtung, wo bizarre Arbeitsplattformen aus dem Wasser ragten. Um diese herum war innerhalb weniger Wochen ein ganzes Feld aus neongelben Stahlrohren entstanden, die stetig in die Höhe wuchsen. Die ersten Spezialschiffe mit gigantischen Rotorblättern an Bord fanden sich auf der Baustelle ein. Hier entstand ein weiterer Offshore-Windpark, der den unbändigen Energiehunger der Menschen bedienen sollte.

Anton zog die Augenbrauen zusammen und gab einen missbilligenden Laut von sich. Der gesamte Bauboom auf See war ihm unheimlich. Es erschien ihm wie die Entweihung eines Elements, das den Menschen von Natur aus feindlich gesinnt war. Dass es den immensen Schiffsverkehr duldete, war eine Sache. Aber nun auch mit Hilfe monströser Maschinen in den Meeresgrund einzudringen, mutete ihm übergriffig, arrogant und … unnatürlich an.

»Mir gefällt das alles auch nicht«, sagte Dorothea, als hätte sie seine Gedanken gelesen. »Aber irgendeinen Preis müssen wir in jedem Fall zahlen. Und die Windräder verstrahlen zumindest nicht den Planeten, falls ein Erdbeben sie zu Fall bringen sollte.«

»Ja, da hast du wohl recht«, murmelte er. Dabei widerstand er nur mühsam dem Drang, erneut auf den Roten Sand zu starren. Was auch immer die Leute dort trieben, auf dem Turm waren sie vollkommen sicher; nichts und niemand konnte ihnen dort draußen etwas anhaben.

Wie auf Kommando schwenkte das Küstenboot in westliche Richtung, legte einige Knoten zu und nahm Kurs auf Cuxhaven. Der Rote Sand verschwand rasch außer Sichtweite. Anton schickte sich an, seinem Bootssteuerer auf der Brücke Gesellschaft zu leisten, als er eine warme Hand auf seinem Unterarm spürte.

»Hast du heute Abend schon etwas vor?«, fragte Dorothea aus heiterem Himmel. Schnell stützte sie sich wieder auf die Reling und blickte in die Ferne.

»Ich habe eine Verabredung«, entgegnete Anton, wohl wissend, wie dämlich es sich anhören musste. Dabei war es nicht einmal gelogen. Denn anstatt sich am Wochenende die freundlichen Ausflüchte seiner verheirateten Kumpels anzuhören, war er dazu übergegangen, sich mit sich selbst zu verabreden. Me, myself and I, ein flotter Dreier, der über jegliche Enttäuschung erhaben war. Er würde die letzten Sonnenstrahlen mit einem guten Buch in der Hand auf einem Liegestuhl im Hinterhof genießen. Wenn die abendliche Kühle die Stadt erreichte, würde er in seinen Fernsehsessel umsiedeln, um einige Folgen »Game of Thrones« anzuschauen. Dazu noch ein Gläschen Scotch, und das Wochenende wäre sein Freund.

»Was ist mit dir, fährst du nach Bremen?«, fragte er pflichtschuldig.

»Ja. Das heißt: nein. Ich hatte es vor, aber es ist etwas dazwischengekommen.« Sie vermied es beharrlich, ihn anzusehen, was per se schon verdächtig war.

Normalerweise beeindruckte Dorothea Raubach die Männerwelt vor allem durch ihre überaus direkte Art, Fragen zu stellen, Antworten zu geben und Herausforderungen zu parieren. Frauen tendierten dazu, in ihrer Gegenwart den Mund zu halten, vermutlich aus Angst, etwas vergleichsweise Dummes zu sagen. Ein Umstand, der ihr nicht allzu viele Freundinnen bescherte. Aber auch das war ganz sicher nicht Antons Bier. Schließlich war er weder weiblich noch als Mann ihr Typ, so viel war mal sicher. Also warum konnte er es sich nicht einfach verkneifen, nachzuhaken?

»Okay, raus mit der Sprache: Was genau ist dein Problem?«

Sie drehte sich zögerlich zu ihm um. Ihr Blick verharrte jedoch auf Höhe seines Kehlkopfes. »Es ist mir ziemlich peinlich, aber …«

»Jaaa?«

»Ich weiß nicht, wo ich heute Nacht schlafen soll.«

»Wie bitte?« Ein echter Kerl hätte sicherlich mit einer deutlich schlagfertigeren Antwort gekontert. Doch was das Frauen-Thema anbelangte, war Anton viel zu lange aus der Übung.

»Die Sache ist die«, sie trat von einem Fuß auf den anderen, bevor sie es endlich schaffte, ihm ins Gesicht zu schauen. »Sandra will mich unbedingt loswerden. Das heißt, ihr Verlobter wird bei ihr einziehen, und die Mieterin«, sie deutete mit einer übertriebenen Geste auf sich, »muss weichen.«

»Und das ist ihr wann genau eingefallen?« Im Augenblick tendierte Anton dazu, ihrem Dilemma die komische Seite abzugewinnen. Er kannte Dorothea seit exakt zwölf Monaten und fünf Tagen. Bis heute war es ihm ein unergründliches Rätsel geblieben, warum eine intelligente, siebenunddreißigjährige Kommissarin das Gästezimmer im Haus ihrer Schwester bewohnte.

»Na ja, wir haben an Silvester das erste Mal darüber gesprochen«, gab Dorothea zu.

»Ach so.« Er erinnerte sich dunkel daran, dass sie fast den gesamten Januar über extrem miese Laune geschoben hatte. Allerdings war das mittlerweile ein halbes Jahr her. »Soweit ich weiß, gehört das Haus deiner Schwester, oder?«

»Schon, aber –«

»Und ihr seid nicht gerade ein Herz und eine Seele. Bitte korrigiere mich, wenn ich falschliege.«

»Nein, du hast ja recht. Ich hasse es bloß, allein zu wohnen. Wie hältst du das nur aus?«

»Langjähriges Training, würde ich sagen.« In Wirklichkeit schätzte er es sehr, sein eigener Herr zu sein. Zwar beschränkte sich seine WG-Erfahrung auf die Ausbildungszeit in Hamburg, war für seinen Geschmack jedoch vollkommen ausreichend. Vielleicht würde er es mit der richtigen Frau an seiner Seite noch einmal wagen. Aber solange sich diese gut versteckt hielt, genoss er die himmlische Ruhe, sobald er sein Haus betrat.

»Und du kannst nicht bei deinem Freund unterkommen, weil …?«

»Genau genommen ist er der Kern des Problems.« Sie trat einen Schritt vor und lehnte sich mit dem Rücken an die Seitenwand des Schlauchboots, das an Deck der »Rungholt« in seiner Halterung ruhte. Wie es aussah, hatte Dorothea beschlossen, auch den Rest ihrer Würde über Bord zu werfen, indem sie ihrem Vorgesetzten die schonungslose Wahrheit über ihr Privatleben offenbarte.

Anton zog die Augenbrauen in die Höhe und unterdrückte ein Seufzen. »Was hat er angestellt?«

»Er hat mit mir Schluss gemacht. Seine Band ist gerade dabei, in der Szene durchzustarten, da kann er eine Spießerin wie mich nicht gebrauchen.« Sie zog ihr Smartphone hervor und starrte auf die Mail, die sie anscheinend von ihm bekommen hatte. »Du kannst es gern lesen. Nur damit dir klar wird, auf was für ein Arschloch ich hereingefallen bin.« Sie reichte ihm das Gerät, doch er hielt abwehrend die Hände in die Luft.

»Kurz gefasst: Sandra hat sich darauf eingestellt, das Haus an diesem Wochenende für sich und ihren Lover allein zu haben«, fuhr sie freimütig fort. »Wenn ich ihr die Tour vermassele, gibt es vermutlich einen Krach, von dem wir uns so schnell nicht wieder erholen werden. Verstehst du, was ich meine?«

Anton nickte ergeben. Allerdings blieb ihm nach wie vor schleierhaft, was genau er mit der ganzen Geschichte zu tun haben sollte. »Ich kann dir ein nettes Hotel empfehlen«, sagte er vorsichtig.

»Soll das ein Witz sein?« Für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als wolle sie losprusten. »Zurzeit sind in ganz Deutschland Sommerferien. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass es in Cuxhaven und Umgebung auch nur ein freies Hotelbett gibt. Da müsste schon einer der Urlauber urplötzlich zu Tode kommen.«

Anton grinste wider Willen. Dorothea hatte recht, daran gab es nichts zu rütteln. »Wo stecken deine Eltern?«, fragte er ohne große Hoffnung.

»Rom? London? New York? Was weiß ich, ich habe es schon vor Jahren aufgegeben, die Odyssee zu verfolgen.«

Anton wusste nur, dass Dorotheas Vater als hohes Tier in diplomatischen Kreisen verkehrte und sie als Jugendliche etwa alle zwei Jahre mit der Familie umgezogen war. Somit ließ er es dabei bewenden. »Du denkst hoffentlich nicht, dass du bei mir wohnen kannst, oder?« Noch während er es aussprach, wurde ihm klar, dass er damit goldrichtig lag.

»Oh. Nein, natürlich nicht.« Sie biss sich auf die Unterlippe. Ihre Wangen röteten sich, während sie angestrengt ihre Schuhspitzen inspizierte.

Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, regte sich in seinem Innern etwas, das er seit langer Zeit überwunden wähnte. Wie naiv von ihm zu glauben, das gute, alte Helfersyndrom habe sich einfach in Wohlgefallen aufgelöst. Dennoch war es vollkommen unmöglich, Dorothea mit zu sich nach Hause zu nehmen. Aus vielerlei Gründen.

»Vielleicht hat Merle ein Schlafsofa, das du für ein paar Nächte benutzen kannst. Wenn du willst, frage ich sie für dich«, schlug er gnädig vor.

»Ja, das wäre toll.« Sie schaute zögernd auf und rang sich ein Lächeln ab. Es wirkte nicht sehr überzeugend.

Die »Rungholt« näherte sich der Landspitze, hinter der sich die Badestrände an der Küste entlang bis nach Cuxhaven zogen. Kurz darauf kam die Kugelbake in Sicht, ein pyramidenförmiges Holzgerüst, das an der Spitze eines kurzen Dammes stand und die Einfahrt zur Elbmündung markierte. Antons ganz persönlicher Meinung nach handelte es sich um das wohl hässlichste Seezeichen der Weltmeere. Auf seiner Spitze prangte nicht einmal mehr die namengebende Kugel, sondern lediglich zwei zusammengesetzte kreisförmige Scheiben. Trotzdem hatte es diese Konstruktion auf das Wappen der Stadt Cuxhaven geschafft und galt als deren unangefochtenes Wahrzeichen. Hinter der Bake erstreckte sich die Grimmershörner Bucht, an deren Ufer in den Sommermonaten ein buntes Treiben zwischen Strandkörben, Cafés und Ponton-Badeinseln herrschte.

»Hey, Leute, alles klar?« Gero Thyssen, neben Dorothea der zweite »Mann an Deck«, kam mit einem breiten Grinsen auf sie zu. »Was, wenn ich euch sagen würde, dass gerade eine Meldung von der Leitzentrale reingekommen ist? Bootsunfall, gleich hinter Neuwerk. Feierabend unbekannt.«

»Lass mich kurz nachdenken.« Anton zwinkerte Dorothea kaum merklich zu. »Was, glaubst du, sollten wir tun?«

»Nun ja«, entgegnete sie, ihren Katzenjammer für einen Moment vergessend, »in früheren Zeiten hat man kurzerhand den Überbringer der schlechten Nachricht getötet.« Sie bemühte sich um einen äußerst ernsten Gesichtsausdruck. »Wir könnten Gero einfach über Bord werfen. Unwahrscheinlich, dass er es schwimmend ans Ufer schafft.«

»Zur Sicherheit könnten wir ihm ein paar Gewichte um den Hals hängen«, schlug Anton im selben Tonfall vor. »Im Maschinenraum findet Tommy bestimmt etwas, das schwer genug ist.« Er tat so, als würde er an Gero Augenmaß nehmen.

»Wow, ihr zwei seid ja echte Spaßvögel«, sagte dieser stirnrunzelnd. »Blöd, dass man es nicht sofort merkt. Vor einer Minute habt ihr noch ausgesehen, als müsstet ihr gleich zu einer Beerdigung.«

Der weizenblonde Mittdreißiger gehörte erst seit einigen Monaten zum Team der Wasserschutzpolizei, doch Anton hatte ihn von Anfang an gemocht. Er schätzte es sehr, dass der Bursche mit Leib und Seele bei der Sache war, sich jedoch niemals ungefragt in den Vordergrund drängte. Er verfügte über ein unaufdringliches Selbstbewusstsein, ausgeprägten gesunden Menschenverstand und genau den richtigen Humor, um in diesem Job zu bestehen. Gero Thyssen würde es weit bringen, daran hegte Anton keinen Zweifel.

»Dorothea hat Stress mit ihrer Schwester. Jetzt weiß sie nicht, wo sie heute Nacht schlafen soll«, brachte Anton die Sache auf den Punkt. »Bei dir steht nicht zufällig ein Gästezimmer leer?« Er ignorierte, dass Dorothea wütend nach Luft schnappte.

»Äh – nein, ich denke nicht«, entgegnete Gero nun restlos verunsichert. Allem Anschein nach versuchte er zu ergründen, in welchem persönlichen Verhältnis sein Vorgesetzter und Dorothea Raubach wirklich standen. Gut möglich, dass ihm die eine oder andere Munkelei im Revier zu Ohren gekommen war. Allerdings glaubte Anton nicht, dass eine wasserdichte Theorie zu diesem Thema existierte.

Soeben passierten sie die Alte Liebe, den Schiffsanleger, der heute vor allem bei Touristen als Aussichtsplattform beliebt war. Gleich dahinter lag die Einfahrt in den Alten Hafen, der in früheren Zeiten als Anleger für die Schiffe aus Übersee gedient hatte. Dieser gabelte sich alsbald in zwei Wasserarme. Hauke Oldmanns, Antons rechte Hand und zweiter Bootssteuerer, drosselte die Geschwindigkeit des Küstenbootes und manövrierte es in das östliche Hafenbecken, den Alten Fischereihafen.

Wie der Name besagte, war dieser im 19. Jahrhundert ausgeschachtet worden, als Cuxhaven über eine ansehnliche Fischfangflotte verfügte. Mit seinen etwa einhundert Metern Breite bot er dem Küstenboot ausreichend Platz, um ein Wendemanöver zu fahren. Das Schiff kam fast zum Stillstand, die Diesel dröhnten auf, als eine der Maschinen rückwärts drehte. Kurz darauf schwenkte der Bug zurück in Richtung Hafenausfahrt, und die »Rungholt« driftete gemächlich an ihren Liegeplatz am Meinenkai. Gero und Dorothea belegten die Leinen auf den Pollern, die gesamte Besatzung stieg von Bord und schlenderte gemächlich auf den Backsteinbau zu, der das Revier vier der Wasserschutzpolizei Cuxhaven beherbergte. Wie alle anderen Gebäude entlang des Hafenbeckens stammte die ehemalige Fischauktionshalle aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts und strahlte einen leicht morbiden, maritimen Charme aus.

»Liegt noch etwas an?«, fragte Tomasz Kucharsky. Falls er wie alle anderen auf das Gegenteil hoffte, ließ er es sich nicht anmerken. Seit etwa drei Jahren fuhr der vierschrötige Pole als festes Besatzungsmitglied mit Anton und Hauke gemeinsam zur See, doch noch immer wusste niemand so genau, was ihr Maschinist in seiner Freizeit so trieb. Anton entließ ihn mit einer dankenden Geste in den Feierabend. Kopfschüttelnd schaute er ihm nach, wie er eine Melodie summend von dannen schlurfte.

Hauke Oldmanns verabschiedete sich von Anton mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter und eilte die Zufahrt entlang zur Straße, wo sein Wohnmobil parkte. »Zwei Tage mit meiner Frau und meiner Tochter«, hatte er Anton beim Mittagsimbiss erklärt. »Ich werde mein Telefon abschalten und vergessen, dass irgendein Idiot das Internet erfunden hat. Falls ihr mich sucht, müsst ihr mich zur Fahndung ausschreiben.«

Anton beobachtete, wie sich sein Kumpel ins Fahrerhaus schwang und den Motor startete. Beke, Haukes Frau, winkte auf eine etwas übertriebene Art aus dem Fenster, als das mobile Ferienhaus davonrollte.

»Ich muss unbedingt herausfinden, wie er das anstellt«, sagte Gero. »Ich meine, er wird doch nach Beamtentarif bezahlt, oder? Das Geschütz, das er fährt, kostet mehr als die Wohnung, die ich mir letzte Woche angesehen habe.«

Anton zuckte nur mit den Schultern. »Die eigentliche Frage lautet doch: Wo wollen die damit hin? Die wohnen doch in Cuxhaven. Oder habe ich etwas nicht mitbekommen?«

»Kümmert euch um euren eigenen Kram.« Dorothea strafte beide Männer mit einem abschätzigen Blick. »Kommt noch jemand mit auf einen Kaffee?« Sie deutete auf den Hauseingang zum vierten Revier.

»Nein, hab noch was vor«, entgegnete Gero. »Schönes Wochenende dann.« Plötzlich hatte er es eilig, wegzukommen.

»War ja klar, dass alles an mir hängen bleibt«, murmelte Anton.

»Was?« Dorothea schob sich an ihm vorbei durch die Tür.

»Nichts.« Dabei war ihnen beiden klar, um was es ging.

Im Gänsemarsch stiegen sie die ausgetretenen Steinstufen hinauf. In der oberen Büroetage hielten sich zumeist etwa zwölf Mitarbeiter gleichzeitig auf, was nur möglich war, indem man eng zusammenrückte. Jeweils zwei der altmodischen Schreibtische standen einander gegenüber, sodass sich die Kollegen in Zeiten der Grippewelle direkt ins Gesicht husteten. Seit die sperrigen Röhrenmonitore endgültig der Vergangenheit angehörten, stand zwar mehr Arbeitsfläche pro Tischplatte zur Verfügung, dennoch besaßen Aktenstapel die Angewohnheit, von einem Arbeitsplatz auf den nächsten zu wandern und in regelmäßigen Abständen verzweifelte Flüche zu provozieren. Telefonieren erforderte bei dem allgemeinen Geräuschpegel ein gut geschultes, selektives Hörvermögen. Nicht selten kam es vor, dass Polizeibeamte mit dem Handy am Ohr auf der Straße vor der Fischhalle V auf und ab gingen.

Nur eine einzige Sache war ebenso grandios wie mysteriös: In einer Fensternische stand ein hervorragender, hochmoderner Kaffeevollautomat, dessen Herkunft sich niemand so genau erklären konnte. Vor etwa einem halben Jahr, kurz nach den Weihnachtstagen, hatte sich das Ding quasi über Nacht materialisiert, ohne den geringsten Hinweis auf den edlen Spender preiszugeben. Eines Tages, vermutlich durch einen dummen Zufall, würde Anton herausfinden, was es mit dieser Wundermaschine auf sich hatte, dessen war er sich sicher. Dann würde er ihrem Wohltäter persönlich die Hand schütteln und ein paar kühle Biere spendieren. Bis dahin genoss er einfach stillschweigend den einzigen Luxus, den die Fischhalle V zu bieten hatte.

Er nahm einen halbwegs sauberen Becher von der Ablage, brachte ihn unter der Maschine in Position und drückte einen Knopf. Mit einigem Getöse verrichtete das Mahlwerk seine Arbeit. Kurz darauf füllte sich der Becher mit dampfendem, schwarzem Kaffee. Anton hatte den Koffeinschub dringend nötig, um die letzte Mission des Tages einigermaßen gelassen hinter sich zu bringen.

An seinem Kaffeebecher nippend sah er sich nach Merle Borgmeier um. Im Gegensatz zu anderen Dienststellen waren Frauen bei der Wasserschutzpolizei noch immer in der Minderheit, sodass ihr hellblonder Zopf selbst im allgemeinen Chaos der Fischhalle normalerweise leicht auszumachen war. Er schätzte Merle als äußerst loyale und zuverlässige Kollegin. Trotzdem empfand er sie zuweilen als ziemlich anstrengend, vor allem wenn er nach einer Vierundzwanzig-Stunden-Schicht auf See ins Büro zurückkehrte.

Sie bemerkte ihn, bevor er sie entdeckte. Mit einem aufreizend frischen »Moin, moin!« eilte sie auf ihn zu, als hätte sie den ganzen Tag lang auf ihn gewartet.