Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Blutsverdacht - Marie-Aude Murail

Bestsellerautorin Marie-Aude Murail liefert einen Thriller der Extraklasse Ruth und ihre Freundin wollten eigentlich nur wissen, mit wem Ruths Vater auf dem alten Klassenfoto Händchen hält: War es Ruths Mutter oder deren Zwillingsschwester? Als sie das Foto unter seinem Namen ins Internet stellen, treten die beiden Mädchen eine Lawine los, die sich unkontrolliert ihren Weg bahnt. Was, wenn Ruths Vater gar nicht der unbescholtene Arzt ist, für den ihn alle halten? Immerhin war er der Hauptverdächtige, als ihre Tante vor zwanzig Jahren ermordet wurde ... Antworten scheinen im Internet oft greifbar nah, aber manchmal ist auch das Böse nur einen Klick entfernt.

Meinungen über das E-Book Blutsverdacht - Marie-Aude Murail

E-Book-Leseprobe Blutsverdacht - Marie-Aude Murail

Marie-Aude Murail

Blutsverdacht

Thriller

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel

FISCHER E-Books

Inhalt

WidmungMittwoch, 6. Mai 2009Donnerstag, 7. MaiSonntag, 10. MaiMittwoch, 13. MaiDonnerstag, 14. MaiSonntag, 17. MaiMontag, 18. MaiDienstag, 19. MaiMittwoch, 20. MaiDonnerstag, 21. MaiFreitag, 22. MaiSamstag, 23. MaiMontag, 25. MaiDienstag, 26. MaiMittwoch, 27. MaiDonnerstag, 28. MaiFreitag, 29. MaiSamstag, 30. MaiSonntag, 31. Mai09.45 Uhr13.30 Uhr15.10 Uhr15.20 Uhr16.00 Uhr17.15 Uhr18.00 Uhr18.30 Uhr18.40 Uhr21.30 Uhr21.50 Uhr22.00 Uhr22.10 Uhr22.12 Uhr22.20 Uhr23.00 Uhr23.50 UhrMontag, 1. Juni0.09 Uhr0.18 Uhr0.21 Uhr0.23 Uhr0.24 Uhr0.25 UhrSamstag, 6. Juni 2009

Für Lauriane Lopes Costa

Mittwoch, 6. Mai 2009

Alles begann für Ruth an dem Tag, an dem ihre Freundin sie fragte, ob sie ein Foto von ihrer Mutter habe.

»Ich hab eins von ihr, als sie jung war. Willst du es sehen?«

Deborah begnügte sich mit einem Schulterzucken. Es ging ihr eigentlich nur um ein bisschen Zeitvertreib an einem regnerischen, schulfreien Mittwoch. Ruth kramte in ihrer Schreibtischschublade und gab dabei ein paar Kommentare ab, um ihrer Freundin das Warten zu verkürzen.

»Ich mag das Foto, weil da auch ihre Zwillingsschwester drauf ist. Sie sehen fast gleich aus, aber meine Mutter wirkt ernsthafter, fast ein bisschen …«

»Verklemmt?«, half ihr Deborah.

Ruth schüttelte den Kopf.

Als ihre Mutter starb, war sie zehn gewesen. Das war vier Jahre her. Wenn sie mit geschlossenen Augen versuchte, sich an sie zu erinnern, verwechselte Ruth sie mit einer Schauspielerin …

»Brigitte Fossey«, sagte sie laut.

»Was?«

»Sie sieht aus wie … Ach, da ist es! Es ist schwarz-weiß«, bemerkte sie etwas enttäuscht.

»Welche ist es?«

»Die magerere.«

Was die Zwillinge Eve-Marie und Marie-Eve Lechemin unterschied, war die Form ihres Gesichts, das bei der einen etwas breiter, bei der anderen etwas länglicher war.

»Da ist sie ungefähr so alt wie wir«, schätzte Deborah.

»Ein bisschen älter. Fünfzehn oder sechzehn.«

»Hast du nichts Neueres?«

»Nein.«

»Merkwürdig.«

»Warum?«

»Na, ich weiß nicht … Ich habe ja sogar von meinem Hund, der nicht mehr lebt, Fotos bei mir im Zimmer.«

Der Satz klang fast wie eine Anklage.

»Das ist wegen meinem Vater«, versuchte Ruth sich zu entschuldigen. »Er mag keine Fotos.«

»Er hat keine Fotos von seiner Frau?«

»Doch … In einer Schachtel.«

Martin Cassel hatte eines Tages diese Schachtel, ein einfacher Schuhkarton, geholt, um Ruths kleiner Schwester Bathseba zu beweisen, wie sehr sie ihrer Mama ähnelte.

Als Ruth die Schublade mit Unterhosen aufzog, wurde ihr bewusst, was sie gerade tat. Sie wühlte in den Sachen ihres Vaters. Wo war nur diese Schachtel mit Fotos? Sie musste sich beeilen. Lou, die Babysitterin, hatte Bathseba in den Park mitgenommen, aber sie würde bald wieder zurück sein. Ein paar dicke Tropfen eines Gewitterregens schlugen gegen die Scheibe.

»Und?«, fragte Deborah, die mitten im Zimmer stand.

Nachdenklich betrachtete sie das Bett von Monsieur Cassel, das mit einer dicken knallroten Tagesdecke überzogen war. Sie hatte Ruths Vater immer nur in Anzug und Krawatte gesehen. Und doch trug er nachts sicher einen Schlafanzug. Oder etwa nicht?

»Ah, ich hab’s!«

Die Schachtel war hinter einem Stapel Bettlaken versteckt. Moment, warum versteckt? Einfach nur weggeräumt. Ruth hob den Deckel und wollte endlich wissen, ob sie sich richtig erinnerte, aber im selben Moment schlug eine Tür zu. Deborah und sie wechselten einen panischen Blick, als sie die dünne Stimme hörten, die nach ihrer großen Schwester rief. Ruth griff ein paar Fotos, steckte sie unter ihr Sweatshirt und schob die Schachtel hastig wieder hinter die Laken. Wortlos schlichen sie aus Monsieur Cassels Schlafzimmer.

»Wo warst du?«

»In der vierten Dimension«, antwortete Ruth ihrer Schwester.

Bathseba versuchte nicht, die Sätze der Großen zu verstehen. Ihr kleines Leben füllte sie selbst völlig aus.

»Ich hab meinen Verliebten aus der Schule getroffen«, sagte sie. »Er hat mir was geschenkt.«

Sie öffnete die Faust. Sie hatte den Kieselstein so fest gedrückt, dass er sich auf ihrer Hand abzeichnete.

»Kommst du?«, fragte Deborah ungeduldig.

Ruth presste die Hände unten an ihr Sweatshirt, damit die Fotos nicht herausrutschten.

»Wirf das weg, das ist eklig«, sagte sie zu Bathseba und ging.

Die Kleine verzog hinter Deborahs Rücken das Gesicht. Sie mochte die Freundin ihrer Schwester nicht.

Als Ruth in ihrem Zimmer war, lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Tür, da sie die schlechte Angewohnheit von Bathseba kannte, ohne anzuklopfen hereinzukommen, und warf die Fotos aufs Bett. Deborah sortierte und zählte auf:

»Deine Schwester, deine Schwester, du … Was ist das?«

Ruth musste näher kommen.

»Ein altes Klassenfoto.«

»Danke, das hab ich gesehen. Aber von wem? … Ach, da ist deine Mutter!«

Sie legte den Finger auf eine der Lechemin-Zwillingsschwestern.

»Mit deinem Vater daneben, oder?«

Martin Cassel war leicht zu erkennen, selbst mit zwanzig Jahren Abstand.

»Ja, als meine Eltern sich kennengelernt haben, waren sie in …«

Ruth brachte ihren Satz nicht zu Ende. Sie hatte gerade die andere Zwillingsschwester entdeckt, die mit dem länglichen Gesicht am Ende der Reihe. Sie hatte einen Pferdeschwanz und in ihrem Gesicht lag etwas Trauriges.

»Was? In der Abschlussklasse?«, drängte Deborah. »Auf der kleinen Schiefertafel vor der Lehrerin steht Terminale C3.«

Sie schwiegen. Deborahs Finger glitt die Reihe entlang.

»Wer ist denn die da?«

»Manchmal waren … waren sie in derselben Klasse«, stammelte Ruth

»Wart mal, ich versteh da was nicht. Wer von den beiden ist denn nun deine Mutter?«

»Die da«, murmelte Ruth.

Sie deutete auf das Mädchen mit dem Pferdeschwanz.

»Und warum hängt dein Vater dann an der anderen?«

»Er hängt überhaupt nicht.«

»Na klar! Und außerdem hält er ihre Hand.«

»Nein.«

»Nimm eine Lupe, dann siehst du’s.«

Im Schlafzimmer ihres Vaters hätte es eine Lupe gegeben, aber Ruth hatte nicht die Absicht, noch mal dorthin zu gehen.

»Ich habe mich getäuscht«, beschloss sie. »Die mit dem Pferdeschwanz ist Eve-Marie.«

»Deine Tante.«

»Meine Tante?«

»Die Schwester deiner Mutter ist deine Tante«, sagte Deborah langsam und deutlich, als hätte sie es mit einer Zurückgebliebenen zu tun.

Ruth nickte. Die Schwester ihrer Mutter war ihre Tante. Zumindest wäre sie ihre Tante gewesen …

»Sie ist tot.«

»Was?«

Deborah kam nicht mehr mit. Sie hatte Ruth nach einem Foto ihrer Mutter gefragt, die tot war, und jetzt entdeckte sie, dass ihre Tante ebenfalls tot war.

»Also beide?«

»Ja.«

Sie hatten zu flüstern begonnen.

»Ist deine Tante schon so lange tot?«

»Also …«

»Gerade erst?«

»Nein, da …«

Sie zeigte auf das Foto.

»Als sie in der Abschlussklasse war.«

»Ach ja? Und woran ist sie gestorben?«

»In der Charente ertrunken.«

Sie fühlte sich beklommen, sie hatte keine Lust, darüber zu reden. Schon gar nicht, wenn sie nicht wusste, wer wer war. Sie holte noch mal das Foto der Zwillinge aus ihrer Schublade und legte es neben das Klassenfoto.

»Die da ist die da«, sagte Deborah und zeigte auf beiden Bildern erst auf die Zwillingsschwester mit dem länglichen Gesicht und dann auf die mit dem Pferdeschwanz.

»Ja.«

»Ist das deine Mutter oder nicht?«

Plötzlich erinnerte Ruth sich an das Spiel, das sie mit Mama spielte, als sie klein war. Sie stellten sich Fragen, aber man durfte weder mit Ja, noch mit Nein antworten.

»Ich weiß nicht.«

»Erkennst du deine Mutter etwa nicht?«, fragte Deborah unerbittlich weiter.

»Aber es sind doch Zwillinge, die sehen fast gleich aus! Und red nicht in diesem Ton mit mir!«

»Du brauchst ja nur deinen Vater zu fragen, ob wirklich die magere deine Mutter ist.«

»Meinen Vater frage ich gar nichts. Ist das klar?«

Einen Moment lang blieben beide still sitzen.

Als Deborah das Klassenfoto lang genug angestarrt hatte, kam ihr eine Idee, eine geniale Idee.

»Ich kann rausfinden, wer von beiden deine Mutter ist.«

Ruth warf ihr einen ungläubigen Blick zu. Aber Deborah erzählte ihr von einer Internetseite, auf der die Leute alte Klassenfotos stellten, um ihre Freunde von früher wiederzufinden.

»Das heißt irgendwie so was wie aus-den-augen-verloren … Ich zeig es dir.«

Deborah klackerte auf der Tastatur von Ruths PC herum und stieß bald auf die Anmeldeseite für die Plattform. Sie tippte: Martin Cassel, dann drehte sie sich zu ihrer Freundin um.

»Wann hat er Geburtstag?«

»Mein Vater? Am 5. Juni. Aber was machst du da?«

»Welches Jahr?«

Ruth blies die Backen auf und ließ die Luft wieder raus.

»Weißt du sein Geburtsjahr nicht? Wie alt ist er?«

»Ähh … acht… achtunddreißig!«

Martin Cassel war also am 5. Juni 1971 geboren. Er hatte die Abschlussklasse im Guez-de-Balzac-Gymnasium in Saintes besucht, das stand auf der Rückseite des Fotos. Deborah gab die Angaben ein, und mit ein paar Klicks gelangte sie zu dem fraglichen Gymnasium. Es gab bereits 3800 Anmeldungen und zehn Klassenfotos. Sie sahen sie sich rasch an. Auf keinem davon tauchten die Zwillinge oder Martin Cassel auf. Um das Foto der Klasse auf die Seite zu laden, musste man eine Mail-Adresse angeben, damit die Anmeldung bestätigt werden konnte.

»Wir besorgen uns eine Fake-Adresse bei gmail«, erklärte Deborah, die sich bestens im Netz auskannte.

Ruth, die die Vorgehensweise ihrer Freundin etwas beunruhigte, sah zu, wie ein m.cassel@gmail.com geboren wurde, der seine Anmeldung bei aus-den-augen-verloren.com bestätigte, bevor er sein Klassenfoto dort hochlud und drei Namen angab, seinen und den der beiden Lechemin-Schwestern. Wenn man den Cursor über eine der Personen bewegte, erschien unter deren Kopf ein kleines Feld mit ihrem Namen. Deborah fügte die kurze Nachricht hinzu: Wenn Sie sich auf dem Foto wiedererkannt haben, schreiben Sie an Martin Cassel.

»Und was passiert dann?«, maulte Ruth, die den Eindruck hatte, nichts mehr unter Kontrolle zu haben.

»Also, wenn wir uns geirrt haben, dann wird’s jemanden geben, der das sagt.«

»Das würde mich wundern.«

»Würdest du ein Mädchen, dass in deinem letzten Schuljahr ertrunken ist, nicht wiedererkennen?«

Ruth schüttelte mehr als zweifelnd den Kopf. Es waren Zwillinge!

»Und außerdem ist das cool«, fügte Deborah hinzu, die von ihren vierzehn Jahren gewaltig gelangweilt war.

Sie ahnte nicht, was ein einfaches, ins Internet gestelltes Foto für Folgen haben konnte.

 

Kaum war Deborah gegangen, schlich Bathseba ins Zimmer ihrer großen Schwester.

»Man klopft, bevor man reinkommt.«

»Oh, du hast das Foto von Mama!«, rief die Kleine und stürzte sich auf das Schwarz-Weiß-Foto der Zwillinge.

»Welche davon ist Mama?«, fragte Ruth wie bei einem Rätselspiel.

»Die da!«, antwortete Bathseba und drückte den Finger auf die Zwillingsschwester mit dem länglichen Gesicht.

»Pass auf, Bathseba, du machst es kaputt!«

Aber Bathseba waren die Zurechtweisungen ihrer Schwester absolut gleichgültig.

»Papa sagt, ich wäre so schön wie Mama.«

Sie pflanzte sich vor den Standspiegel, drückte ihr feines blondes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, drehte sich dann in den Hüften, die Faust in der Taille, und streckte den kleinen runden Bauch vor.

»Findest du, ich bin schön?«

Ruth mochte diese Posen nicht, die Bathseba manchmal auch vor ihrem Vater einnahm.

»Mama hat nie so posiert wie du«, sagte sie ein wenig aufs Geratewohl.

Bathseba ließ ihr Haar fallen.

»Das ist ungerecht! Du hattest Mama ein bisschen, und ich hatte gar nichts.«

»Aber natürlich! Du hast es nur vergessen, weil du noch nicht mal zwei warst.«

Wenn Bathseba ihr Waisenherz zeigte, hätte Ruth ihr am liebsten die ganze Welt zu Füßen gelegt. Das war ihr Geheimnis: Sie liebte Bathseba geradezu fanatisch. Mit neun hatte sie Die vier Töchter des Dr. March gelesen. Eine der vier Schwestern hieß Beth und war schwer krank. Ruth hatte das Buch in der Hoffnung verschlungen, dass sie gerettet wurde. Aber Beth starb friedlich eines Morgens, den Kopf auf den Arm ihrer Mutter gelegt, die Hand noch in der ihrer Schwester, und Ruth hatte dicke Tränen über ihrem Buch vergossen und sich geschworen, sie würde sich umbringen, falls Bathseba vor ihr sterben würde. Mit vierzehn galt das immer noch.

Monsieur Martin Cassel kam im Allgemeinen spät nach Hause, zwischen 20 und 22 Uhr. Lou, die vor kurzem eingestellt worden war, hatte die Aufgabe, mit den Mädchen zu Abend zu essen, Bathseba ins Bett zu bringen und die Rückkehr ihres Arbeitgebers abzuwarten. Außerdem versuchte sie, Ruth Gesellschaft zu leisten, meistens textete sie sie dann mit Geschichten über ihr Liebesleben zu. Die junge Frau lebte mit einem gewissen Frank Tournier zusammen, Installateur, Sohn eines Installateurs und Tuning-Fan. Samstags traf Frank sich mit seinen Kumpels, um die Felgen ihrer Autos miteinander zu vergleichen, während die Mädels, darunter Lou, die Farben ihres Nackellacks verglichen. Am Sonntag war Fußball mit denselben Kumpels dran, während dieselben Mädels sich über ihre Typen beklagten. Lou hatte ein Problem. Frank war eifersüchtig und auf Lous Arbeitgeber war er vom ersten Tag an eifersüchtig gewesen, obwohl er ihn nie gesehen hatte, aber er hielt sie abends zu lange auf.

»Wenn ich halb zehn nach Hause komme, zieht er eine Fresse«, erklärte Lou beim Abendessen. »Und wenn es zehn Uhr ist, dann brennen bei ihm alle Sicherungen durch.«

»Da hätte er besser Elektriker werden sollen«, bemerkte Ruth.

An diesem Abend war Monsieur Cassel um 21 Uhr noch immer nicht zu Hause, und Ruth, die sich Lous Jammereien ersparen wollte, verzog sich in ihr Zimmer. Sie legte sich aufs Bett, zog die Beine an, schloss die Augen und sah in Gedanken noch einmal das Klassenfoto ihrer Mutter vor sich. Sie hätte es sich mit der Lupe ansehen sollen. Nicht, um herauszufinden, ob ihr Vater die Hand der Zwillingsschwester neben sich hielt. In der Frage war sie sich ungefähr genau so sicher wie Deborah. Aber da das Mädchen lächelte, hätte sie gerne nachgesehen, ob diese Schwester auch eine Zahnlücke hatte. So war es nämlich bei Ruth, die deswegen Minderwertigkeitskomplexe hatte, als sie ihre bleibenden Zähne bekam. Deborah hatte ihr damals freundlich gesagt, sie sähe aus wie eine Alte mit einem fehlenden Zahn, sobald sie lächelte. Um sie zu trösten, hatte Mama ihr erklärt, das sei ein besonderes Familienmerkmal, und bei ihrer Schwester sei es genauso gewesen. »Oder ich täusche mich, und es war bei Mama …« All das war so weit weg. Ihre Kindheit wirkte auf sie wie ein Film, den sie vor langer Zeit gesehen hatte. Mama war gestorben, als sie ein Restaurant verlassen hatte, das war das Ende des Filmes, das Ende der Kindheit. Sie war auf den Gehweg gefallen und ertrunken. Ruth war gerade eingedöst und schreckte auf, als ihr bewusst wurde, dass sie Unsinn dachte. Eve-Marie war es, die in der Charente ertrunken war. Mama war vor dem Blue Elephant gestorben. In jener Nacht war Papa allein nach Hause gekommen. Ruth hatte seine Schritte im Flur gehört, so wie sie jetzt Schritte hörte.

»Das ist der Mörder«, sagt eine Stimme.

Der Mörder betritt das Zimmer. Ruth will sich verteidigen und nach dem Silberpokal greifen, den Mama beim Schwimmen gewonnen hat. Aber der Mörder versperrt ihr den Weg, er hält eine Waffe in der Hand.

»Niemand rührt sich! Ich bringe jemanden um.«

Er sagt es nicht, aber Ruth weiß, dass sie den- oder diejenige bestimmen muss, der sterben wird, damit die anderen mit dem Leben davonkommen. Wird sie dem Mörder sagen, er solle Mama umbringen? Nein, Mama darf nie sterben! Also Bathseba? Aber die ist ein Baby, da ist nicht einmal genug Platz, um ihr Herz mit einer Kugel zu treffen. Bleibt Papa. Bei Papa ist es weniger schlimm, wenn er stirbt. Wenn er stirbt, werden wir drei noch leben, wir werden uns aneinanderschmiegen, wir werden nicht frieren. Nein, Ruth kann etwas so Schreckliches nicht denken. Mit einem Schritt geht sie auf den Mörder zu.

»Bringen Sie mich um.«

So, wieder einmal hatte sie sich geopfert. Sie brauchte nur noch die Augen zu öffnen, ihrem Atem zu lauschen, sich von ihrem Traum zu lösen. Im selben Moment schlug eine Tür zu. Der Mörder. Ruth seufzte, sie war von sich selbst genervt. Es war nur ihr Vater, der von der Arbeit nach Hause kam. Sie war ein paar Augenblicke eingeschlafen, den Kopf schwer auf dem Arm, der davon ganz steif geworden war. Sie schüttelte ihn, um das Kribbeln wegzubekommen. Als sie dann die näherkommenden Schritte hörte, beeilte sie sich, ihre Nachttischlampe auszumachen. Sie wollte, dass ihr Vater glaubte, sie würde schlafen. Wenn er hereinkommen würde, wenn er sie fragen würde: Na, wie war der Tag?, würde sie ihm womöglich sagen, dass sie wieder den Traum mit dem Mörder geträumt hatte, so wie nach Mamas Tod. Sie wollte nicht, dass er das wusste, selbst ihre Psychiaterin, Madame Chapiro, die sehr nett war, würde es nicht erfahren.

 

Monsieur Cassel ging an dem Zimmer vorbei und ließ sich nicht täuschen, als er abrupt den Lichtstreifen unter der Tür verschwinden sah. Aber vielleicht kam es ihm gelegen, dass seine älteste Tochter so tat, als würde sie schlafen. Auf Zehenspitzen schlich er in das Zimmer der Kleinen. Er wollte sichergehen, dass sie gut schlief.

»Hast du heute jemanden umgebracht?«, ertönte eine neckende Stimme.

»Nein, ich hatte Glück. Ich habe niemanden umgebracht.«

Er war Facharzt für Anästhesie am Pellegrin-Krankenhaus.

»Papa?«

»Yep?«

»Hast du mich lieb?«

Er ging in die Hocke.

»Nicht besonders.«

»Ich dich auch nicht.«

Er beugte sich vor, um ihr einen Kuss zu geben und spürte, wie er plötzlich umschlungen wurde.

»Das war ein Witz«, flüsterte die Kleine, den Tränen nahe. »Ich hab dich soooo lieb …«

»Und ich dich wie verrückt.«

Ihre Lippen streiften sich.

 

Währenddessen packte Lou im Wohnzimmer hastig ihre Sachen zusammen. Sie würde nicht vor Viertel nach zehn zu Hause sein.

»Ist das der richtige Moment, um die Kissen aufzuschütteln?«, erkundigte sich eine Stimme hinter ihr.

»Ich schüttel nicht die Kissen auf! Ich suche mein Handy.«

Bei dem Gedanken, was Frank bei ihrer Rückkehr für ein Gesicht machen würde, stand sie haarscharf vor einem Nervenzusammenbruch.

»Ach, okay«, sagte Monsieur Cassel, der reglos an der Wohnzimmertür lehnte.

»Könnten Sie mich auf dem Handy anrufen?«, bettelte Lou.

»Yep«, sagte Martin, der sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte.

Ein paar Sekunden später drang unter dem Sofa Froschgequake hervor.

»Oh, verdammt!«, brummelte Lou und bückte sich, um ihr Telefon aufzuheben.

Dann richtete sie sich wieder auf.

»Konnten Sie nicht früher kommen?«

»Doch. Es war nur eine kleine Operation am offenen Herzen. Nächstes Mal lass ich die anderen die Sache ohne mich beenden.«

»Oh, schon gut, ich hab kapiert«, murmelte Lou, während sie ihre Jacke anzog. »Ich bin nur ein kleiner Haufen Dreck und du der Größte aller Anästhesisten.«

Plötzlich hatte sie Angst, ihr Arbeitgeber hätte sie gehört, und warf ihm schnell einen Blick zu. Er stand weiter bewegungslos da, wie aus dem Ei gepellt, wie immer. Nur sein Gesicht war nach zehn Stunden im OP-Saal ein bisschen müde. Sie verabschiedete sich mit einem hastigen »’n Abend, Msieur Martin«. Er zeigte den Anflug eines Lächelns, als er die Wohnungstür mit Schwung zuschlagen hörte. Überspannte Menschen amüsierten ihn, und Lou, die ständig von ihren Gefühlen überwältigt wurde, amüsierte ihn ganz besonders.

 

Lou rannte zu ihrem Renault Clio, kramte auf der Suche nach dem Autoschlüssel mit einer Hand in ihrer Umhängetasche, während sie gleichzeitig auf dem Display ihres Handys nach HÄSCHEN suchte. Ihre langen mageren Beine schwankten auf ihren hohen Absätzen, und tatsächlich verstauchte sie sich am Ende auch den Fuß.

»Oh, Mist! Äh … Hallo, bist du’s, Häs… Frank? Ahh, ahhh, ahh, verd… ich hab mir … Alles okay, Liebling? Ich komme in fünf …«

»Wo bist du denn? Wo treibst du dich denn noch rum?«

Nach Luft ringend und kaum in der Lage, mit dem linken Fuß aufzutreten, spürte Lou, wie die Wut in ihr hochstieg.

»Wo ich bin? Was glaubst du wohl? Ich arbeite! Ich komm gerade bei Cassel raus!«

»Und was macht der um zehn Uhr abends noch mit dir?«

Kurz, die Sache fing schlecht an. Lou zog es vor, Häschen gleich abzuwürgen. Sie war gerade losgefahren, als die Frösche wieder quakten.

»Ich fahre, Frank, es ist gefährlich zu tel… Ich komme, sag ich dir doch.«

Er schrie ihr Gemeinheiten durchs Telefon, beschimpfte sie als Flittchen und mieses Stück. Das war sie gewohnt. Sie steckte das Handy in den Becherhalter und trällerte ein Lied, um die Stimme, die sie beschimpfte, zu übertönen.

Donnerstag, 7. Mai

Alles begann für Guy an dem Tag, an dem er erfuhr, dass es im Internet eine Seite gab, auf der seine Buchhalterin ihren Verehrer vom Gymnasium wiedergefunden hatte. Warum tippte er eigentlich, kaum war er zu Hause, auf der Tastatur herum und meldete sich bei aus-den-augen-verloren.com an? Er wusste genau, dass er das Mädchen, das er geliebt hatte, nicht wiederfinden würde. Es war kurz vor dem Abitur gestorben, vor zwanzig Jahren. Aber dann kam der erste Schock: Die Schule, die sie besucht hatten, das Guez-de-Balzac-Gymnasium in Saintes, war auf der Seite eingetragen. Zweiter Schock: Unter den zehn Klassenfotos war auch das von ihrer Abschlussklasse. Eve-Marie! Da war sie und ließ den Bildschirm erstrahlen. Auch Martin Cassel war da, er klebte an ihr, spielte den Dandy mit Krawatte und machte wie immer ein trübseliges Gesicht. Ganz am äußeren Rand der Reihe stand ihre Zwillingsschwester, Marie-Eve, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Die beiden Schwestern hatten kein sonderlich enges Verhältnis, das konnte man auf dem Foto sehen. Sicher war die eine eifersüchtig auf die andere …

Als der Cursor über Eve-Marie fuhr, erschien ein Name: Marie-Eve Lechemin. Guy war entrüstet. Die beiden Schwestern konnte man doch nicht verwechseln! Natürlich, sie waren blond und hatten haselnussbraune Augen. Aber Eve-Maries Gesichtszüge leuchteten, sie war eine Sonne, während ihre Zwillingsschwester wirkte wie ein Griesgram. Und nur Eve-Marie hatte diese kleine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen. Wer hatte die Vornamen vertauscht? Dann ein weiterer Schock: Wenn Sie sich auf dem Foto wiedererkannt haben, schreiben Sie an Martin Cassel. Dieser Dreckskerl! Wollte er einem weismachen, er habe ausschließlich die geliebt, die er geheiratet hatte?

»Wenn ich seinen Namen anklicke«, murmelte Guy, »komme ich dann zu seiner Mailadresse?«

Nein, man musste in ein kleines Feld schreiben, und die Nachricht wurde automatisch übermittelt. Wie beginnen? Lieber Martin? Nein, so dann wohl doch nicht! Guten Tag? Ja. Guten Tag, ich habe mich auf dem Foto wiedererkannt. Ich bin der Erste links in der oberen Reihe. Guy hatte den Eindruck, er würde in ein Räderwerk geraten. Martin Cassel war ein Perverser. Was spielte der da für ein Spiel? Sehr rasch tippte er: Vor ein paar Jahren habe ich erfahren, dass du die Zwillingsschwester von Eve-Marie geheiratet hast, die am Ende der Reihe steht. Habt ihr Kinder? Bist du Arzt geworden, wie du es wolltest, oder Pfarrer wie dein Vater ☺? Und er unterschrieb: Guy Dampierre.

Sonntag, 10. Mai

Alles begann für René an einem Sonntag, an dem er sich seufzend vor den Computer setzte. Es war der einzige Sport, der ihm jetzt, wo die Arthrose seine Gelenke verformt hatte, noch blieb: im Internet surfen. Und selbst das Tippen verursachte ihm Schmerzen. Es klingelte, und er verzog das Gesicht.

»Wer nervt denn da jetzt …«

Aber sein mürrisches Gesicht glättete sich wieder, als er seine Nachbarin Suzanne Parmentier vor der Tür sah.

»Sind Sie zufällig gerade im Internet?«, fragte sie ihn als Erstes.

»Ja. Aber was machen Sie denn für ein Gesicht!«

»Ich muss Ihnen etwas zeigen, René. Ich hatte Ihnen noch nicht davon erzählt. Da gibt’s eine Seite, die ich ab und zu besuche.«

»Oh, oh, eine Kontaktbörse?«

Suzanne, die mit den Räumlichkeiten vertraut war, hatte das Wohnzimmer betreten und ging in das kleine Arbeitszimmer von Monsieur Lechemin.

»Das habe ich gestern Abend gesehen«, sagte sie und setzte sich vor den Computer, »und danach hatte ich Mühe, einzuschlafen.«

Sie ging auf die Homepage von aus-den-augen-verloren.com, dann klickte sie weiter, bis das Foto einer ihrer Abschlussklassen auf dem Bildschirm erschien.

»Was hat das da zu suchen?«, murmelte René Lechemin.

In wenigen Worten erklärte Suzanne Parmentier, die ehemalige Klassenlehrerin dieser Klasse, wie die Seite funktionierte.

»Das muss also jemand da hingeschickt haben?«

»Können Sie sich nicht denken, wer, René?«

Sie fuhr über den Satz: Wenn Sie sich auf dem Foto wiedererkannt haben, schreiben Sie an Martin Cassel.

»Der!«

Er war nicht einmal in der Lage, den Namen auszusprechen.

»Und das ist noch nicht das Eigenartigste, René. Sehen Sie, wenn ich mit der Maus über Ihre Tochter fahre, erscheint ein Name.«

»Marie-Eve«, las er, als er sich zum Bildschirm vorbeugte. »Aber das ist sie nicht!«

»Er hat die Vornamen vertauscht.«

Um ihre Demonstration abzuschließen, fuhr Suzanne über den anderen Zwilling.

»Aber warum …«

Monsieur Lechemin griff sich mit der Hand an sein müdes Herz und musste sich setzen, ihm war die Luft weggeblieben. Die Angst, die Angst jener drei Tage im Juni 1989, an denen er die Rückkehr von Eve-Marie erhofft hatte, schnürte ihm erneut die Kehle zu und drohte ihn zu ersticken. Würde er denn nie Ruhe haben?

»Hatten Sie später noch Kontakt zu Marie-Eve?«, fragte ihn Suzanne leise.

Er schüttelte den Kopf

»Meine Frau … die hat ihr … von Zeit zu Zeit geschrieben … und … und hat sich erkundigt«, antwortete er abgehackt. »Sie hatte die Kinder in Bordeaux in … in einem Park gesehen … Zwei Mädchen.«

»Und Sie, Sie haben sie nie gesehen?«

Wieder schüttelte er den Kopf. Marie-Eve hatte den Mann geheiratet, der des Mordes an ihrer Schwester hätte angeklagt werden müssen. Wenn René sich diesen düsteren Gedanken hingab, verdächtigte er Marie-Eve, nur deshalb so gehandelt zu haben, weil sie sich dafür rächen wollte, dass ihr Vater immer Eve-Marie bevorzugt hatte. Er hatte sie nie wiedersehen wollen, weder sie, noch ihre Kinder.

»Die Kinder haben unmögliche Namen. Die eine irgendwas wie Rebekka oder Esther oder so etwas Biblisches, Nein: Bathseba. Und die andere … die heißt Ruth!«

Ruth! Wie konnte man einem Kind bloß so einen Namen geben? Er wandte sich wieder dem Foto auf dem Bildschirm zu.

»Unglaublich. Warum tut er das?«

»Dieser Junge war für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln«, gestand Suzanne ein.

»Ein Buch mit sieben Siegeln? Sie meinen ein Mörder?«

»Sie wissen genau, dass der Mörder verhaftet wurde.«

Grégory Belhomme, dem die Zeitungen den Spitznamen der Krawattenmörder gegeben hatten, saß seit bald zwanzig Jahren im Gefängnis. Ein paar Tage, nachdem er Eve-Marie am Ufer der Charente erwürgt hatte, war er über eine Joggerin hergefallen, Francine Jolivet, wieder am Ufer der Charente.

»Belhomme hat sein Geständnis im Fall von Eve-Marie widerrufen.«

»Sie ist auf dieselbe Weise gestorben wie Madame Jolivet.«

Belhomme hatte sie beide erwürgt, indem er ihnen eine Krawatte um den Hals geschlungen und sie dann ins Wasser gestoßen hatte.

»Er hat gesagt, er habe sich von einem Fall inspirieren lassen, den er in der Zeitung gelesen hat«, wandte René ein.

Suzanne legte ihm teilnahmsvoll die Hand auf den Arm.

»Dieses Gespräch haben wir schon Dutzende Male geführt!«

Er löste seinen Arm von ihrer Hand. Er wollte kein Mitleid. Er wollte Gerechtigkeit. Er hatte nie geglaubt und er würde nie glauben, dass dieser schwachsinnige Belhomme seine Tochter getötet hatte.

»Bei den Ermittlungen wurde gepfuscht – weil der Vater von Cassel Pfarrer war. Er kannte viele Leute … Man hat Belhomme garantiert gezwungen, sich für beide Verbrechen schuldig zu bekennen. Ich hätte …«

Schmerzhaft ballte er die Fäuste. Auch er war schuldig, schuldig, die Ermittlungen verfälscht zu haben. Aber nur Georges Guéhenneux, seines Zeichens Gerichtsmediziner, wusste davon.

 

Suzanne Parmentier hatte nicht dieselben Ansichten wie Monsieur Lechemin, sie wusste, dass der echte Mörder verhaftet worden war, und das war nicht Martin Cassel. Aber sie hatte nie den Eindruck vergessen können, den der junge Mann an dem Tag, als er den Klassenraum betreten hatte, auf sie gemacht hatte – als ob, kaum hatte er die Tür aufgemacht, der Wind des Unglücks sich erhoben hätte. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, musste sie an den ersten Satz aus dem Roman Der große Meaulnes von Henri Alain-Fournier denken: Er kam an einem Sonntag im November zu uns. Nur, dass es ein Montag war. Er war in Anzug und Krawatte im Klassenzimmer aufgetaucht, mit einer abgewetzten ledernen Schultasche in der Hand. Die Schule hatte seit zwei Monaten begonnen, und dieser Junge kam zusätzlich noch eine halbe Stunde zu spät. Suzanne Parmentier war damals eine junge Frau, die ihre romantische Seele nicht unter Tonnen von Philosophie begraben hatte. Die Erscheinung des jungen Martin verschlug ihr die Sprache. Er war nicht sehr groß, vielleicht ein Meter siebzig, seine unregelmäßigen Züge hatten einen seltsamen Reiz, er trug sein halblanges schwarzes Haar nach hinten gekämmt.

»Suzanne! Suzanne!«

Sie zuckte zusammen. Monsieur Lechemin hatte ihr eine Frage gestellt, aber genau wie ihre Schüler früher hatte sie nicht zugehört.

»Was sucht er?«

»Ob er das selber weiß? Er war jemand, der … der nicht zu greifen war.«

Im Unterricht hielt der junge Cassel seine schmalen grau-blauen Augen gesenkt. Er war schweigsam, sein verächtlich verzogener Mund blieb verschlossen.

»Ich hatte den Eindruck, dass nichts ihn erreicht.«

»Genau das sagt man von Psychopathen«, bemerkte Monsieur Lechemin.

Suzanne tat, als hätte sie nicht gehört.

»Dieses Foto tut Ihnen nicht gut, René. Sie sollten verlangen, dass es von der Seite genommen wird.«

»Es wäre besser, wenn wir herausfänden, warum er so tut, als würde er seine Frau nicht mehr erkennen.«

Seufzend gab Suzanne auf.

»Na, dann bitten Sie ihn um eine Erklärung.«

»Ich? Da wird er misstrauisch werden … Nein, Sie! Schreiben Sie ihm eine Mail. Sagen Sie ihm, dass Sie sich auf dem Foto erkannt haben und gerne wieder von ihm hören würden, und so weiter.«

Suzanne weigerte sich, aber ihr Nachbar blieb hartnäckig: eine Mail, nur eine einzige, nur um herauszufinden, was er wollte, was riskierte sie da schon? Als sie endlich eingewilligt hatte, fühlte sie sich berechtigt, die Frage zu stellen, die sie bereits seit langem umtrieb: »René, ich habe nie gewagt, Sie zu fragen … Sie hatten so viel Kummer im Leben. Aber … Bei Marie-Eve, was ist da passiert? Hatte sie einen Infarkt?«

»Der Riss eines Aneurysmas, das hatte sie seit der Geburt … anscheinend. Sie kam gerade von einem guten Essen im Restaurant. Nachdem, was mir im Pellegrin-Krankenhaus gesagt wurde, hat sie sich beim Nachtisch über Übelkeit beklagt, dann hat sie sich auf der Toilette erbrochen. Auf der Straße bekam sie plötzlich starke Kopfschmerzen und ist auf den Gehsteig gefallen. Als sie ins Krankenhaus kam, war es schon zu spät.«

Monsieur Lechemin war sehr zurückhaltend und hatte das anscheinend und nach dem, was mir gesagt wurde deutlich hervorgehoben.

»Mit dreiunddreißig, wie schrecklich«, murmelte Suzanne.

»Vierunddreißig.«

»War sie allein?«

»Er war dabei. Sie hatten zusammen gegessen. Er hat sie in sein Krankenhaus bringen lassen … Verstehen Sie?«

Er deutete an, dass sie vergiftet worden sei. Kopfschüttelnd lehnte Suzanne diese Deutung ab.

An diesem Abend verfasste Suzanne die folgende Mail:

Lieber Monsieur Cassel,

ich habe mich auf dem Foto wiedererkannt. Ich war Ihre Philosophielehrerin. Vielleicht haben Sie meinen Namen vergessen? Seit ich in Pension bin, kümmere ich mich um den Verein der Ehemaligen des Guez-de-Balzac-Gymnasiums. Gelegentlich organisieren wir Jahrgangstreffen, und die Seite aus-den-augen-verloren ist uns dafür eine große Hilfe. Von Ihrer Klasse … Suzanne zögerte, wie sie es formulieren sollte: die von Trauer überschattet wurde? Nein, es war stärker: