Blutwahn Der Preis der Unsterblichkeit - Steve Wild - E-Book

Blutwahn Der Preis der Unsterblichkeit E-Book

Steve Wild

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Beschreibung

In einem geheimen Labor werden Experimente an Menschen durchgeführt. Angebliche Vampir-DNA soll den Reichen die Unsterblichkeit bescheren. Dave Sanders ist das erste Versuchsobjekt, bei dem die Behandlung anschlägt. Aber die DNA verursacht nicht nur Langlebigkeit, sondern auch einen kaum zu kontrollierenden Blutdurst...

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Blutwahn

Der Preis der Unsterblichkeit

Von Steve Wild

Copyright: © 2016 Steve Wild

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Für meine Prinzessin

Du hast die Dunkelheit in meinem Leben besiegt

Ich liebe dich

Willst du meine Frau werden?

Nochmal?

1

Kälte kroch durch meinen Körper und ließ jeden Muskel schmerzen. Ich zog die dünne Wolldecke enger um mich, aber auch das half nicht. Mit winzigen Zähnen biss die kühle Luft in jedes Stückchen Haut, das ihr ausgeliefert war.

Dazu kam, dass die Pritsche so hart war, dass ich genausogut auf dem Betonboden hätte liegen können. Meine Augenwinkel und Wangen waren feucht von meinen Tränen.

Ich versuchte mir einzureden, dass sie vom grellen Neonlicht tränten, aber es war die Verzweiflung, die sich in mir breitmachte.

Langsam zog ich meinen Arm unter der Decke hervor und legte ihn über die Augen. Sofort stürzte die Kälte sich darauf.

Das Licht kroch trotzdem unter meine Augenlider und verhinderte jede Möglichkeit, diesem Alptraum durch Schlaf zu entkommen.

Als ich vor zwei Tagen aus meinem warmen und kuscheligen Bett aufstand, hatte ich keine Ahnung, dass dies der letzte Schlaf war, den ich für eine gefühlte Ewigkeit bekommen würde. Hätte ich es gewusst, wäre der Wecker nicht auf fünf Uhr morgens eingestellt gewesen.

Verdammt, er wäre ausgeblieben und ich hätte diesen beschissenen Tag verschlafen. Einfach den Tag im Bett verbracht und niemals erfahren wie knapp ich einem Alptraum entronnen war.

Aber ich musste ja unbedingt aufstehen und Joggen gehen. Etwas für die Gesundheit tun.

Als ob es meiner Gesundheit jetzt besser gehen würde.

Sogar ein Lächeln hing diesen Morgen in meinem Gesicht.

Nachdem ich mich nach dem Aufwachen auf die andere Seite des Bettes wälzte, landete ich auf dem zweiten Kissen und atmete einen Hauch ihres Geruchs ein.

Mit ihrem Geruch meine ich Janine. Die tollste Frau der Welt.

Aber das wird jeder von seiner Freundin denken, der so verliebt war wie ich.

Vor zwei Tagen hatte sie zum ersten Mal bei mir übernachtet und mir diesen Duft hinterlassen.

Nach einem schnellen Frühstück sprang ich in meine Trainingshose und machte mich auf den Weg in den Park. Beim Öffnen der Tür fiel mein Blick auf einen geöffneten Brief, der auf meinem Schrank lag. Gerichtet an Dave Sanders, Systembetreuung.

Meine Einmannfirma, die mit diesem Schreiben endlich den großen Wurf geschafft hatte.

So gesehen war mein Lächeln verständlich. Es ging mir in jeder Beziehung gut, wie seit Jahren nicht mehr.

Ich hätte im Bett bleiben sollen.

Draußen empfing mich der Geruch des Frühlings. Es war ein Geruch nach Sonne, knospenden Pflanzen und guter Laune.

Vogelgezwitscher drang von allen Seiten auf mich ein und verkündete das Ende der dunklen Jahreszeit.

Ich entschloss mich, quer durch den Wald zu laufen. Trotz des Regens der letzten Tage war der Boden nicht matschig, sondern angenehm federnd. Als würde man über eine dünne Sportmatte laufen. Und ich musste mir den Weg nicht mit anderen Joggern teilen. Seitdem ich joggte, war mir auf diesem Weg noch nie ein anderer Sportliebhaber begegnet.

Eines Morgens traf ich auf einen Typen, der sich gerade mit heruntergelassener Hose neben einen Baum hockte. Wir taten beide so, als würde es den anderen nicht geben, deswegen zähle ich das nicht.

Nach der Hälfte der Strecke drang mir der Geruch von Zigarettenrauch in die Nase. Schnüffelnd schaute ich mich um und runzelte die Stirn. Ich mochte den Gestank von Zigaretten nicht, erst recht nicht beim Joggen. Zugegebenermaßen war ich schon immer empfindlich gegenüber solchen Gerüchen. Eine gute Nase zu haben ist nicht immer von Vorteil.

Durch die noch blätterlosen Äste der Bäume und Büsche erkannte ich drei kräftige Gestalten hinter der nächsten Kurve. Einer von ihnen stieß eine Rauchwolke aus, die sich im leichten Wind verteilte und in meine Richtung geweht wurde. Sein Blick folgte dem Rauch und blieb dann an meiner Gestalt hängen. Ein Lächeln legte sich über sein Gesicht und er schnippte die Zigarette ins Unterholz. Mit einem gemurmelten Wort machte er seine beiden Begleiter auf mich aufmerksam, so dass auch sie in meine Richtung schauten.

Plötzlich lag eine leichte Anspannung in der Luft und meine Augen wanderten automatisch umher, um einen anderen Weg zu finden. Irgendeinen Pfad, der nicht an den Dreien vorbeiführen würde.

Kurz kam ich aus dem Tritt und stolperte über eine Baumwurzel.

Das Grinsen des Rauchers schien breiter zu werden, als ich mich mit einem Ausfallschritt fing. Unverhohlen starrte er mich an und sagte etwas, das ich nicht verstand. Es schien nichts Nettes zu sein, da seine Begleiter abfällig lachten.

Ich atmete ein, beschleunigte und entschloss mich, an den Typen vorbeizulaufen. Was sollten sie schon machen, wenn ich sie nicht beachtete?

Meinen Blick auf den Weg gerichtet lief ich weiter und ignorierte das »Hei Hoh, was kommt denn da gelaufen?«, das einer der Typen ausstieß.

Der Raucher und ein anderer standen rechts des Weges und der dritte links, so dass ich zwischen ihnen durchlaufen musste. Da sich keiner auf den Weg stellte, um mich aufzuhalten, wollten sie wahrscheinlich nur ihre dummen Sprüche loswerden. Um dann wieder machen zu können, was auch immer man zu dritt im Wald machte.

Ich war gerade einen Schritt an ihnen vorbei, als mich etwas am Arm erwischte, meinen Schwung verstärkte und mich herumwirbelte. Genau auf einen Baum zu.

Ich riss den Arm hoch um nicht dagegen zu laufen, als mir jemand in die Kniekehlen trat. Schwer krachte ich gegen den Baum und dann zu Boden.

Verwirrt und erschrocken wollte ich mich hochdrücken, als ein Knie auf meinem Rücken landete und mich auf den Boden presste. Dreck und Tannennadeln drückten sich in meinen Mund, als ich gleichzeitig schreien und atmen wollte.

Dann spürte ich einen Stich im Arm und nichts mehr.

Aufgewacht bin ich in dieser Zelle aus grauem Beton, in der es nur eine unangenehm riechende Toilette und eine an die Wand geschraubte Pritsche gab. Von irgendwo drang das unaufhörliche Tropfen von Wasser an meine Ohren.

Ich saß in einer Zelle, wie man sie aus billigen Filmen kannte.

Die Stahltür, die mich von meiner Freiheit trennte, hatte in der Mitte eine Klappe, durch die mir schon zweimal Essen hereingereicht wurde. Es war jedes Mal eine Pampe aus Erbsen, Bohnen und etwas, das nach Fleisch aussah. Beim ersten Mal zwang mich mein Hunger, es herunterzuwürgen. Dabei hätte ich mich fast übergeben. Es sah aus wie Fleisch, schmeckte aber wie etwas, das vor mir schon jemand anders gegessen hatte.

Seitdem landet es in der Toilette, wo es besser hinpasste, als in einen Eintopf.

Beim Durchreichen des Essens war immer die Hand desselben Mannes zu sehen. Er hatte eine Tätowierung am Unterarm. Irgendein schlecht gestochener Adler oder so. Jedes mal, wenn das Quietschen der Klappe mich aufschreckte und die Hand mit dem Essen erschien, sprang ich auf und verlangte nach einer Erklärung, wollte wissen, warum ich hier war. Was ich auch sagte oder tat, die Antwort war immer dieselbe: Schweigen.

Jetzt lag ich auf der Seite und lauschte auf die Schritte im Gang. Manchmal hörte es sich an, als würden zwei oder drei Leute den Gang entlanggehen. Oft blieben sie vor meiner Tür stehen und unterhielten sich. Aber nie öffnete sich die Klappe. Den Grund, warum es ihnen reichte vor meiner Tür zu stehen, erkannte ich schnell. Meine Zelle sah zwar aus wie aus dem Krieg, aber das Computerzeitalter war auch hier eingezogen. Ich entdeckte drei kleine Kameras, die nicht viel größer als eine Fliege waren und den gesamten Raum überblicken konnten. Wenn ich diese Geräte nicht kennen würde, hätte ich sie übersehen. Trotz ihrer geringen Größe lieferten sie hochauflösende Bilder. Neben meiner Tür hing wahrscheinlich ein Monitor, der auf die Kameras geschaltet war. Ich konnte nicht einmal auf die Toilette gehen, ohne beobachtet zu werden. Wut staute sich bei dem Gedanken in mir auf. Ich hätte heulen und schreien können, bei der Vorstellung, dass fremde Leute mir dabei zusehen. Es ist erniedrigend, jeglicher Privatsphäre beraubt zu werden.

Auf dem Flur erklangen Schritte. Langsam konnte ich die verschiedenen Schrittmuster auseinanderhalten. Es waren dieselben wie die, die mir immer das Essen brachten.

Mein Zeitgefühl sagte mir, dass noch keine Essenszeit war, als die Schritte vor der Tür verstummten. Langsam setzte ich mich auf und starrte auf das Stück Stahl, das zwischen mir und der Freiheit stand.

Hoffnung keimte in mir auf. Wurde ich jetzt aus meinem Gefängnis entlassen? Hatte endlich jemand bemerkt, dass ich der Falsche war, dass alles nur ein Versehen war und ich das Opfer einer schrecklichen Verwechslung?

Ich hatte mir in den letzten Stunden schon tausende Erklärungen für mein Hiersein ausgedacht. Angefangen mit der Verwechslung mit einem Verbrecher oder einem gesuchten Terroristen. Eine böswillige Verleumdung von jemandem, der mich aus dem Weg haben wollte und mich als Drogendealer oder sonst was angezeigt hatte, bis hin zu meinem bösen Zwilling, von dem mir meine Eltern bis zu ihrem Tode nichts gesagt hatten, und der jetzt versucht, mir mein Leben zu stehlen.

An diesem Punkt hatte ich festgestellt, dass ich zu viel Fernsehen schaute und versuchte, wieder klar zu denken. Ich hatte Angst, ich könnte sonst den Verstand verlieren. Und wenn dann die große Auflösung käme, wäre ich nur noch ein Idiot, der sabbernd in der Ecke sitzt. So weit wollte ich es nicht kommen lassen. Also entschloss ich mich, von einer Verwechslung auszugehen, die sich bald aufklären würde. Dann konnte alles wieder gut werden.

War es jetzt so weit? Kam jetzt meine Erklärung Hand in Hand mit meiner Freiheit herein? Das Schlimmste war die Ungewissheit und das Warten.

Dann hörte ich, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde.

Als die Tür sich öffnete, standen zwei in schwarz gekleidete Gestalten auf dem Gang. An das Gesicht des Einen konnte ich mich erinnern. Es war der Raucher aus dem Wald. Der, dem ich die Beule und die Kratzer zu verdanken hatte.

Auf seinem Gesicht lag ein schmieriges Grinsen, so eines, das man aus alten, zweitklassigen Gangsterfilmen kennt.

Aber in mir spürte ich weder Hass noch Rachegefühle, ich spürte lediglich Freude in mir aufkommen. Endlich kam ich raus! Alles hatte sich aufgeklärt und ich konnte gehen!

»Na, ausgeschlafen?«, fragte der Raucher, ohne mit dem Grinsen aufzuhören. »Du kommst jetzt schön brav mit. Der Doc möchte dich sehen.«

Mit schweren Schritten kam er in die Zelle, packte mich grob am Arm und zog mich hoch.

Von dem, was er sagte, drang kein Wort in mein Bewusstsein. Ich war in meiner Euphorie gefangen. Endlich redete man mit mir. Endlich bekam ich eine Erklärung.

»Warum hat das so lange gedauert?«, fragte ich. »Habt ihr den Richtigen erwischt? Ich hoffe, ihr habt eine wirklich gute Entschuldigung für die Sache. Kann ich telefonieren? Ich würde gern meine Freundin anrufen und ihr sagen, warum ich mich nicht gemeldet habe.«

Ich versuchte, mich zu ihm umzudrehen, und fragte: »Oder habt ihr schon Bescheid gesagt? Wenn ich meinen Auftrag verliere, werde ich euch bis auf den letzten Cent verklagen.«

Ich stellte fest, dass ich wirr redete. Zwei Tage in Isolation machten einen fertiger, als man denkt. Die Worte sprudelten aus meinem Mund, ohne dass ich sie aufhalten konnte.

Ich war so abgelenkt, dass ich erst merkte, dass mir Handschellen angelegt wurden, als es zu spät war.

Mein vermeintlicher Befreier packte mich am Rücken und drückte mich an die Wand. Durch die Handschellen auf dem Rücken konnte ich mich nicht abstützen, und ich stieß mit dem Gesicht dagegen. Etwas in meiner Nase platzte und ein Schwall Blut ergoss sich über meinen Mund und die Wand, wo es in einem roten Bach nach unten floss. Der Schmerz trieb mir Tränen in die Augen.

Ein nach Zigaretten und Kaffee stinkender Mund tauchte neben meinem Gesicht auf.

»Halt deine Schnauze und quatsch mich nicht voll. Du hast nur zu reden, wenn ich es dir erlaube. Ist das klar? Und jetzt beweg deinen blöden Arsch und komm mit. Und wenn du irgendetwas versuchst, werde ich dir eine gratis Schönheitsoperation verpassen. Hast du das verstanden?«

Als ich nicht sofort antwortete, packte er mich am Kragen und schlug mich wieder gegen die Wand. Diesmal konnte ich meinen Kopf zur Seite drehen, um nicht wieder mit der Nase dagegen zu schlagen.

»Ich habe dich gefragt, ob du mich verstanden hast?!«

»Ja, ich habe verstanden«, stieß ich hervor. Ich hatte verstanden. Dies war nicht das Ende, es war der Anfang!

Er zog mich zurück und stieß mich aus der Zelle. Auf dem Gang wurde ich von dem zweiten Mann in Empfang genommen, der mich am Arm auffing und den Gang herunter führte. Hinter mir wurde die Zellentür zugezogen. Ich traute mich nicht, den Kopf zu drehen, um den Raucher nicht durch reines Ansehen zu provozieren.

»Irgendwann handelst du dir noch mal Ärger ein«, sagte mein Begleiter zu ihm.

»Halt deine Schnauze und bring ihn zum Doc. Ich weiß schon was ich mache. Du hast nur zu tun, was ich dir sage.«

»Ich meinte ja nur, dass du vielleicht mal versehentlich einen umbringst oder etwas zu sehr beschädigst. So viele Kandidaten laufen auch nicht herum.«

»Wenn ich einen Rat will, frag ich meine Mutter und nicht einen Blödmann wie dich. Jetzt beweg dich. Der Doc wartet.«

Er packte mich am anderen Arm und zerrte mich den Gang entlang.

Die Schmerzen in meiner Nase machten meinen Kopf wieder frei und ließen meine Euphorie verschwinden. Das hier war kein Versehen oder eine Verwechslung. Auch ein Dealer würde nicht so behandelt werden. Und keiner von beiden trug eine Uniform. Meine Hoffnung, hier herauszukommen, ging auf null. Wenn hier etwas Illegales ablief, würde man mich nicht einfach gehen lassen, sobald man bekommen hatte, was man wollte. Was auch immer das war.

Der Gang war genauso roh gearbeitet wie die Zellen. Nackter Beton, der weiß angestrichen war. Ich zählte auf jeder Seite des Ganges drei Türen. Neben jeder Tür war ein Flachbildmonitor angebracht. Alle waren abgeschaltet. Wenn meine Zelle in der Mitte lag, gab es etwa zwölf Türen. Zwölf Zellen? War ich nicht der Einzige hier? Ich versuchte, auf Stimmen hinter den Türen zu lauschen, konnte aber nichts hören, da in meinen Ohren das Blut rauschte. Und es lief mir noch immer in dicken, warmen Tropfen aus der Nase über das Kinn, bevor es zu Boden tropfte.

Als wir an der letzten Tür vorbeikamen, gab es einen Knall. Meine Bewacher machten einen schnellen Schritt zur Seite und erbleichten, als der Knall sich wiederholte. Die Tür der Zelle erzitterte, als hätte jemand von innen einen schweren Gegenstand dagegen geworfen.

»Er riecht das Blut«, flüsterte mein linker Begleiter.

»Schwachsinn. Er dreht nur langsam durch. Hat unsere Schritte gehört«, reagierte der Raucher aggressiv, aber aus seiner Stimme konnte man Angst heraushören.

»So? Und warum macht er sonst nicht so einen Aufstand, wenn wir vorbeikommen?«. Seine Stimme zitterte vor Nervosität.

Statt zu antworten, packte der Raucher mich kräftiger und beeilte sich, an der Tür vorbeizukommen.

Als wir die Biegung des Ganges erreichten, warf er noch einen Blick über die Schulter. Ein schrilles Heulen und Kreischen, als würde ein Mensch mit einem Hund um die Wette brüllen, schallte uns hinterher. Dann war Ruhe.

Wir gingen auf eine weitere Tür zu, die sich kaum von den anderen unterschied, nur dass neben ihr kein Monitor hing. Und das Türschloss war einfacher gehalten, nicht wie das einer Zelle.

Der Raucher nahm mir die Handschellen ab, öffnete die Tür und ging in den Raum. Sein Partner stieß mich hinter ihm über die Schwelle.

Der Raum war hell und freundlich. Ich wurde vor einen großen Schreibtisch geschoben, hinter dem ein etwas übergewichtiger Mann saß und mich durch seine randlose Brille freundlich ansah.

Meine Eskorte trat zur Seite und stellte sich neben die Tür.

»Setzen sie sich«, sagte der Brillenträger und deutete auf einen einfachen Stuhl vor dem Schreibtisch.

Der Raum sah aus wie eine Arztpraxis. Es gab einen Schrank mit Glastür, hinter der Medikamente, Spritzen und weiteres Zubehör zu sehen waren. Dominiert wurde der Raum aber von einer Untersuchungsliege, neben der mehrere teuer aussehende Geräte standen. Offensichtlich wurde bei Untersuchungen mit Widerstand gerechnet, da die Patienten mit Lederschnallen fixiert werden konnten.

Keine angenehme Vorstellung.

Ich setzte mich und schaute meinen Gastgeber an. Das Lächeln wirkte professionell, aufgesetzt und kalt. Ich ging davon aus, dass es sich bei ihm um einen Arzt handelte, da er zusätzlich zu seinem Lächeln einen weißen Kittel trug.

Er zog einige Taschentücher aus einem Pappspender und reichte sie mir. »Mike ist manchmal etwas unbeherrscht. Sie dürfen ihm das nicht übel nehmen. Der Job ist sehr anstrengend und geht auf die Psyche. Wenn sie nett zu ihm sind, wird er auch freundlicher zu ihnen sein.

Wie geht es ihnen sonst? Ich hoffe, sie haben sich in den letzten Tagen keine Grippe oder Ähnliches eingefangen?« Offensichtlich war meine blutende Nase damit abgetan. Ich nahm die Taschentücher und ließ zu meiner eigenen Verwunderung ein: »Nein, es geht mir gut«, hören.

»Schön, schön«, antwortete er, ohne mir zuzuhören, und schlug einen grauen Aktenordner auf.

»Ihr Name ist Dave Sanders?«

»Ja, das stimmt, aber es muss sich hier um eine Verwechslung handeln. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.« Trotz der eigenartigen Umstände hoffte ich doch wieder darauf, dass es nur ein Versehen war und ich hier herauskam.

»Reden sie bitte nur, wenn sie gefragt werden«, sagte er in dem gleichen beiläufigen Ton, den er seit Beginn unserer Begegnung an den Tag gelegt hatte. Ich spürte, wie Mike sich von hinten näherte, in der Hoffnung, dass ich die Anweisung des Arztes ignorierte und er sie mir deutlicher zu verstehen geben konnte.

Ich sackte innerlich zusammen und gab auf. Ich bin noch nie ein großer Kämpfer gewesen und musste mich fügen, wenn ich nicht wieder misshandelt werden wollte.

»Ihre Eltern sind vor drei Jahren bei einem Autounfall gestorben. Sie haben keine Geschwister, sind nicht verheiratet und haben keine Haustiere.« Er blickte von seiner Liste auf und mich erwartungsvoll an. Als müsste ich ihm applaudieren, dass er so schön von einer Liste ablesen konnte.

»Ja«, antwortete ich.

Er sah wieder auf seine Mappe und machte weiter.

»Ihre Blutgruppe ist AB Negativ und sie haben keine Geschlechtskrankheiten. Verlobt oder etwas in der Art haben sie sich in letzter Zeit auch nicht, oder?«

»Nein«, antwortete ich wieder.

Mike trat einen Schritt näher an den Schreibtisch heran. Ich zuckte zusammen, hatte Angst, dass ich etwas falsch gemacht hatte und er mich schlug. Ich hatte einen Heidenrespekt vor diesem Psychopathen.

Er beugte sich aber nur über den Schreibtisch und flüsterte dem Doc etwas ins Ohr.

»Eine Freundin?«, fragte er. »Kümmern sie sich darum.«

Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Als ich vorhin aus meiner Zelle geholt wurde, hatte ich nach meiner Freundin gefragt. Hatte ich sie dadurch in die Sache hineingezogen? Ich hatte keine Eltern, keine Geschwister und bis vor kurzem auch keine Freundin. Wenn ich verschwand, gäbe es niemanden, der Fragen stellt. Man müsste nur meine Wohnung ausräumen und kündigen. Eine Freundin änderte die Sache. Eine Freundin würde Fragen stellen. Das würde aber auch bedeuten, dass diese Sache langfristig geplant war.

Aber warum? Ich verstand nichts mehr. Am liebsten würde ich schweißgebadet in meinem Bett aufwachen und feststellen, dass alles nur ein böser Traum war. Aber ich wachte nicht auf. Stattdessen fing ich an zu schwitzen.

»Eine Freundin kann man das eigentlich nicht nennen«, versuchte ich, etwas zu retten. »Es ist mehr eine Bekannte. Wir haben uns erst zweimal gesehen und...« Ich verstummte, als Mike sich zu mir umdrehte und mich mit seinem bösen Blick bedachte. Der Doc schüttelte leicht den Kopf, was mich wahrscheinlich vor Handgreiflichkeiten bewahrte.

Es fiel Mike sichtbar schwer, an mir vorbei zu gehen, ohne mir auf seine Art zu sagen, dass ich gegen die Regel ‚Nur reden, wenn man gefragt wird‘ verstoßen hatte. Als er wieder seine Position neben der Tür eingenommen hatte, brannte noch immer sein Blick in meinem Nacken. Langsam kam ich mir vor, wie in einem schlechten Film. Typen wie Mike konnte es doch nicht in der Realität geben.

»Wir werden uns später über ihre Freundin unterhalten. Krempeln sie jetzt bitte ihren Ärmel hoch. Ich möchte ihren Blutdruck messen.«

Mein Gehirn schaltete sich ab und ich folgte den Anweisungen des Arztes. Was für andere Möglichkeiten hatte ich denn schon?

Es blieb nicht beim Pulsmessen, sondern es folgte eine komplette Untersuchung. Vom EKG bis zur Blutprobe. Ein bisschen Angst stieg noch auf, als ich mich auf den Untersuchungstisch mit den Lederfesseln legen sollte, aber auch die verschwand schnell und die Teilnahmslosigkeit nahm wieder ihren Platz ein.

Zum Schluss bekam ich noch eine Spritze mit einer durchsichtigen, leicht milchigen Flüssigkeit, die in meinen Adern ein Brennen verursachte, als wäre es Säure. Als das Brennen nachließ, blieb eine leichte Benommenheit und Übelkeit zurück.

Nachdem der Doc nochmals Blutdruck und Puls gemessen und seine Ergebnisse in meine Akte eingetragen hatte, nickte er Mike zu. Der half mir fast liebevoll auf die Beine und brachte mich zurück in meine Zelle.

Ich lag kaum auf meiner Pritsche, die mir jetzt sehr bequem vorkam, als sich die Müdigkeit meldete. Ich schloss die Augen und fiel in einen traumlosen Schlaf.

2

Schmerzen rissen mich aus dem Schlaf und ließen meinen Körper zucken. Unter Krämpfen warf ich mich auf der Matratze hin und her. Mein Magen zog sich zusammen und ich würgte, bis bittere Galle aufstieg. Meine Gedärme brannten, als würden sie über einem offenen Feuer gegrillt werden. Schweiß tropfte von meiner Stirn und ich bekam kaum Luft.

Dann wurden die Krämpfe schlimmer und ich krümmte mich so sehr zusammen, dass ich von der Liege fiel und auf dem kalten Betonboden aufschlug. Die Kühle brachte etwas Linderung, bis mein Körper wieder anfing, vor Schmerzen zu brennen. Ich versuchte, nach Hilfe zu rufen, aber es kam nur ein Krächzen aus meiner Kehle. Dann setzte das Würgen wieder ein, stärker als zuvor, bis ich mein Essen auf dem Zellenboden verteilte. Jedes Mal wenn ich versuchte einzuatmen, musste ich erneut würgen, bis ich das Gefühl hatte, ersticken zu müssen. Da mein Magen schon längst leer war, kam nur noch stinkende Magensäure heraus und mischte sich unter mein Essen, das in einer Pfütze auf dem Boden wiedergeboren wurde.

Als der Anfall nachließ, saugte ich gierig die saure Luft ein. Ich lag in meinem eigenen Erbrochenen und war unfähig, mich zu rühren.

Was war hier los? Was zum Teufel hatte der Doc mir gespritzt? Ich sterbe, dachte ich noch, bevor ich ohnmächtig wurde.

Als ich erwachte, lag ich wieder auf meiner Liege und starrte an die Decke. Auf meiner Haut fühlte ich neue Kleidung. Ich beugte mich vor, um besser sehen zu können. Es waren einfache Jeans und ein raues, dunkelblaues Baumwollhemd, das auf der Haut scheuerte. Ich setzte mich vollständig auf und schaute mich um. Alle Spuren meines Anfalls waren beseitigt worden, und der Geruch nach Zitronen lag in der Luft. Für eine Zelle war der Service gar nicht so schlecht, dachte ich grimmig.

Ich hoffte nur, dass nicht Mike für diese Arbeit abgestellt worden war. Der würde sich für die Sauerei bei mir bestimmt schmerzhaft revanchieren.

Mein Hals fühlte sich rau und trocken an und meine Haut glühte noch immer. Selbst mit meinen heißen Händen konnte ich die Hitze spüren, die meine Stirn abstrahlte.

Ich wollte etwas trinken, aber das Tablett, das sonst neben der Pritsche stand, war weg. Es gab nichts außer meiner Decke und dem Kissen.

Mein Blick fiel auf die Toilette, aber lieber würde ich verdursten, als mich so zu erniedrigen. Vorsichtig stand ich auf und stützte mich an der Wand ab. Ich war nicht in Bestform. Meine Knie wollten nachgeben und meine Muskeln fühlten sich wie Haferbrei an.

Ich schleppte mich zur Tür und schlug mit aller Kraft dagegen, was ein schwaches Pochen hervorrief. Mein Versuch laut zu rufen, brachte nur ein Krächzen hervor. Mit dem einzigen Effekt, dass meine Halsschmerzen stärker wurden.

Also schleppte ich mich zur Liege zurück und legte mich wieder hin.

Bei dem Versuch, die Schmerzen in meinem Körper zu ignorieren, schlief ich gnädigerweise ein.

Das Klicken des Türschlosses weckte mich. Mein Hals fühlte sich jetzt wie ein Streifen Schleifpapier an. Jeder Atemzug brannte stärker als der vorherige. Einer meiner Wächter betrat den Raum und stellte mir vorsichtig ein Glas Wasser auf den Boden. Er blieb einen Moment stehen und musterte mich. Er bemerkte nicht, dass ich wach war, obwohl ich mit offenen Augen dalag. So dick und trocken, wie sie sich anfühlten, hatte ich sie wahrscheinlich auch im Schlaf nicht geschlossen. Dann drehte er sich um und schloss mich wieder ein.

Meine Finger tasteten blind nach dem Glas. Noch immer verursachte jede Bewegung Übelkeit. Als ich unter meinen Fingern die kühle Glätte spürte, hob ich das Glas an und nahm gierig einen Schluck. Dann bekam ich wieder einen Krampf und verschüttete den Rest über mein Hemd.

Der Schluck hatte gereicht, um das Brennen im Hals etwas zu mildern. Ich schloss die schmerzenden Augen und schlief sofort wieder ein.

Beim nächsten Erwachen dröhnte mein Kopf und Erinnerungsfetzen zogen vorbei. Ich wurde mehrfach aus meiner Zelle geholt, um weitere Experimente über mich ergehen zu lassen. Medizinisches Gerät, Spritzen und unangenehme Untersuchungen kamen blitzlichtartig an die Oberfläche und verursachten eine Gänsehaut. Alle Erinnerungen waren verwaschen und undeutlich. Aber ich wusste, dass es keine Träume waren.

Als ich mich vorsichtig aufsetzte, rechnete ich mit Übelkeit und Schmerzen, aber ich fühlte mich überraschend gut, richtig ausgeruht und ausgeschlafen.

Mein Körper fühlte sich an, als wäre ich nach einem langen Training in Höchstform.

Ich stand auf und streckte mich. Als ich mir die Arme rieb, um die Blutzirkulation anzuregen, spürte ich meine Muskulatur unter den Händen. Meine kräftige Muskulatur.

Ich war überrascht. So hatten sich meine Muskeln das letzte Mal vor einigen Jahren angefühlt, als ich jeden Tag drei Stunden Sport getrieben hatte. Wieder ein Rätsel mehr. Was war los? Hatte ich im Delirium meine Leidenschaft zum Sport wiederentdeckt? War unter meiner Liege ein geheimes Sportstudio, das ich immer aufsuchte, wenn keiner meiner Wärter in der Nähe war?

Natürlich totaler Schwachsinn. Ich setzte mich auf den Rand der Liege und dachte nach.

Ich konnte nicht sagen, wie lange mein tranceartiger Zustand angehalten hatte, da ich mein Zeitgefühl verloren hatte. Aber in den Erinnerungen, die ich hatte, kam kein Sport vor. Nur Untersuchungen, Medikamente und Spritzen.

Das musste es sein: Medikamente und Spritzen.

Ich schüttelte den Kopf. Das konnte es nicht sein. Es gab keine Pillen, die Sport ersetzen und Muskeln wachsen ließen. Auch wenn der Markt für so ein Produkt riesig wäre, bei der Faulheit der meisten Menschen.

Oder war es das, und ich wurde als Versuchskaninchen benutzt, um genau diese Pillen zu testen? Man hatte ja schon genug über illegale Versuche der Pharmaindustrie gelesen. Allerdings fanden die meistens irgendwo in der Dritten Welt statt, wo niemand Fragen stellte und die Menschen glücklich waren, überhaupt Medikamente zu bekommen. Entführung war da etwas anderes.

Ein Schrei riss mich aus meinen Gedanken. Er drang nur gedämpft durch die Tür, aber ich erkannte ihn wieder. Als ich ihn das erste Mal hörte, kam er aus einer anderen Zelle. Ich stand auf und drückte mein Ohr an die Tür. Nach einigen Sekunden wiederholte sich der Laut. Es hörte sich nach einem Tier an. Kein Mensch konnte einen solchen Schrei ausstoßen. Eine leichte Vibration wanderte durch die Tür, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen oder gegen die Wand geworfen worden. Allerdings musste es jemand sehr kräftig geworfen haben, wenn sich die Vibration bis zu meiner Zelle ausbreitete. Die Haare auf meinem Unterarm richteten sich auf und ein unangenehmes Gefühl breitete sich aus. Was war in diesem Bau los?

Ich drückte noch einige Minuten mein Ohr an die Tür, aber das Schreien wiederholte sich nicht. Zögerliche Schritte erklangen auf dem Gang. Die Wache macht ihren Rundgang, dachte ich grimmig und legte mich hin, um zu tun, als würde ich schlafen. Sie brauchten nicht zu wissen, dass es mir besser ging.

3

Der Doc wirkte nervös hinter seinem Schreibtisch. Obwohl er in diesen, seinen, Räumen das Sagen hatte, ja sogar über Leben und Tod entscheiden konnte, fühlte er sich unwohl. Und das alles nur wegen eines hässlichen, mageren Mannes, der auch noch einen Silberblick hatte. Jedes Mal, wenn er ihn ansah, musste er sich beherrschen nicht den Kopf zu drehen, um nachzuschauen, was es denn so Interessantes neben ihm zu sehen gab.

Natürlich gab es nichts neben ihm. Der Blick galt ganz allein ihm. Was wollte er überhaupt hier? Er bekam doch jede Woche seine Berichte. Musste er unbedingt persönlich erscheinen? Oder hatten sie vor, das Projekt zu kippen? Dem Doc trat Schweiß auf die Stirn, als er an diese Möglichkeit dachte.

Hatten sie herausgefunden, dass er Geld abzweigte? Er hatte die Verantwortung für das Budget und den gesamten Einkauf. Da das Labor geheim war, hatte er ein paar Bekannte mit ins Spiel gebracht, die Ware lieferten, ohne Fragen zu stellen. Natürlich zu überhöhten Preisen, von denen er sein Teil abbekam. Das lief jetzt schon seit mehreren Jahren, sodass sich ein nettes Sümmchen auf einem geheimen Konto angesammelt hatte. Wenn er hier fertig war, konnte er die Füße hochlegen und das Leben genießen. Wenn er alles richtig machte, ein sehr langes Leben.

Er rief sich zur Ruhe. Wenn die Sache aufgeflogen wäre, hätte er nicht Besuch vom Chef bekommen, sondern von Mike und seinen Schlägern.

Mike machte ihm Angst und war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Er war aggressiv, unbeherrscht und dumm. Der Doc hatte schon mehrfach versucht, ihn loszuwerden, war aber immer gescheitert.

Man war der Meinung, dass Mike hervorragend in diesen Laden passte. Militärische Ausbildung. Sondereinheit. Idealer Sicherheitschef.

Alles Mist. Der Typ war einfach zu blöd und ist beim Versuch, in eine Sondereinheit zu kommen, bei der Prüfung durchgefallen. Als ein Kollege sich darüber lustig machte, hatte er ihn fast umgebracht. Das war es mit der militärischen Laufbahn.

Er war nichts als ein dämlicher Söldner, der gern andere Leute quälte und wahrscheinlich schon einen Orgasmus bekam, wenn er das Wort Macht nur hörte. Und so etwas hatte die Befehlsgewalt über das Sicherheitspersonal in diesem Labor.

Der Doc konzentrierte seine Gedanken wieder auf den Mann vor ihm. Siebenunddreißig Jahre alt. Single. Multimillionär. Er hatte zur Zeit des Internetbooms auf das richtige Pferd gesetzt und gewonnen. Er hatte ein paar Firmen gegründet, die sich mit allen Bereichen des Internets beschäftigten und sie dann mit viel Gewinn verkauft. Und nicht immer stimmten die Umsatzzahlen der Firmen beim Verkauf. Aber bei der damaligen Goldgräberstimmung waren die Menschen bereit, alles zu glauben.

Oh ja, der Doc hatte seine Hausaufgaben gemacht. Er wusste schon immer gern alles über die Leute, mit denen er zusammenarbeitete. Allerdings gab es Menschen, die diese Vorsorgemaßnahmen anders auslegen würden. Oder besser gesagt, ausgelegt hatten. Deswegen flog er aus einer staatlichen Forschungseinrichtung. Nur weil bei seinen Daten auch ein paar sehr private Fotos seiner Mitarbeiterinnen waren. Wen störte so etwas schon?

»Wie sahen die letzten Versuche aus?«, holte ihn diese widerliche, emotionslose Stimme aus seinen Gedanken. Das war schon immer sein Problem. Er dachte zuviel und schaltete dann immer ab. Es gab aber auch genug interessantere Sachen, über die man nachdenken konnte, anstatt die Fragen eines nervigen Millionärs, der Angst vor dem Tod hatte, zu beantworten.

Als er in das fragende Gesicht seines Gegenübers sah, merkte er, dass er schon wieder abgeschweift war. Das half nicht, seine Nervosität zu überwinden.

»Äh, ja. Die letzten Versuche.« Er räusperte sich und rutschte auf seinem Stuhl herum. »Die waren eigentlich ganz gut. Bis auf einige Nebenwirkungen.« Er suchte nach den richtigen Worten um es für Daniel verständlich auszudrücken. Mister Meyer bestand darauf, mit seinem Vornamen angesprochen zu werden. Er wollte damit das Persönliche in den Beziehungen unterstreichen. Weg vom kalten Chef-Angestellten-Verhältnis.

Er glaubte aber eher, dass es an dem Allerweltsnamen Meyer lag. Ein so wichtiger Mann kann doch nicht mit ‚Mister Meyer‘ angesprochen werden.

»Die letzten Versuche waren vielversprechend. Die Nebenwirkungen bekommen wir in den Griff. Ich glaube, dass wir in wenigen Monaten befriedigende Ergebnisse liefern können.«

Daniel beugte sich vor und starrte ihm in die Augen. »Speisen sie mich hier nicht mit irgendeinem Blah Blah ab. Sonst werden die nächsten Experimente an ihnen durchgeführt. Denselben Mist haben sie mir vor drei Monaten erzählt. Und jetzt brauchten sie schon wieder eine neue Laborratte. Mit jeder weiteren Versuchsperson steigt das Risiko, dass wir auffliegen. Oder glauben sie, wir können unbegrenzt Leute von der Bildfläche verschwinden lassen? Es gibt schon ein paar Stimmen, die das Experiment abbrechen wollen. Die Teilhaber bekommen langsam kalte Füße. Also noch mal: Wie sahen die letzten Versuche aus?«

Der Doc wurde noch blasser. Er hatte schon des Öfteren mit verärgerten Investoren zu tun gehabt, aber die hatten nie sein Leben bedroht. Es war auch das erste Mal, dass er illegale Experimente an Menschen durchführte.

Plötzlich war Daniel nicht mehr so eine Witzfigur. Seine schielenden Augen fixierten ihn kalt und die emotionslose Stimme machte ihm Angst. Ein kurzer Befehl an Mike, und er würde auf seinem eigenen Untersuchungstisch liegen.

»Wir haben große Fortschritte gemacht. Wirklich!«, beeilte er sich, zu sagen. »Der Zellverfall ist bei den letzten Versuchen auf ein Minimum zurückgegangen. Die errechnete Lebenserwartung liegt damit bei achthundert Jahren. Die regenerativen Fähigkeiten sind um das Tausendfache gestiegen. Schwere Wunden heilen in weniger als sechs Stunden. Wir haben festgestellt, dass sogar kleinere Gliedmaßen, in diesem Fall ein Finger, nachwachsen.«

Er konnte in den Augen seines Gegenübers sehen, dass er gewonnen hatte. Ihm strahlte Gier entgegen. Wie viele Milliarden konnte man in achthundert Jahren anhäufen? Und was wäre ein hundert oder sogar tausend Jahre längeres Leben den Reichen und Mächtigen dieser Welt wert? Man sah, dass es Daniel schwerfiel, sich seine Gedanken nicht anmerken zu lassen. Der Doc selbst konnte nachts kaum noch schlafen bei der Vorstellung. Achthundert Jahre Leben bei bester Gesundheit. Wer wäre da nicht bereit, fast alles zu geben? Man hatte ja genug Zeit, es sich zurückzuholen. Der Begriff langfristige Investition bekam eine völlig neue Bedeutung. Allerdings durften weltweit nicht mehr als einige Dutzend Menschen davon Kenntnis haben. Der Pöbel dürfte nie etwas davon erfahren. Wo kämen wir hin, wenn jeder so lange leben wollte? Wer wäre noch bereit, in einen Krieg zu ziehen, wenn er hunderte Jahre zu verlieren hätte? Was wäre mit der Waffenindustrie, wenn niemand mehr Krieg will? Und dann das Problem mit der Überbevölkerung. Nein! Die Masse durfte dieses Geheimnis niemals erfahren. Aber er selbst würde dazu gehören. Er würde im Laufe der Jahrhunderte die Geschicke der Menschen mitbestimmen. Er und wenige Auserwählte.

Das Auswahlverfahren war ganz einfach: Geld.

Die reichsten Menschen der Welt konnten sich das kaufen, was man bisher nicht für Geld bekam: Zeit.

Wenn er dabei sein wollte, musste er nur dafür sorgen, dass er nicht in irgendeinem Brückenpfeiler endete. Sobald er die letzten Schwierigkeiten gelöst hätte, wäre das aber kein Problem mehr.

»Und woran hapert es noch?«

»Wir arbeiten mit unbekannter DNA.« Der Doc stützte seine Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab und faltete die Hände. »Wir verstehen noch nicht genau was passiert, wenn wir die veränderte DNA injizieren. Sie setzt sich in der DNA des Körpers fest und verändert sie. Wir haben noch nicht alles entschlüsselt. Und es gibt noch ein weiteres Problem, das ich nicht verstehe.« Er schwieg einen Moment, da er nach den richtigen Worten suchte.

»Wir arbeiten hier mit der DNA von etwas, dass es nicht geben dürfte. So etwas gibt es nur in Legenden oder Filmen. Wer ist denn im echten Leben auf einen Vampir oder Werwolf getroffen? Diese DNA bewirkt noch etwas anderes im Körper. Etwas, das wir nicht erklären oder kontrollieren können. Der Drang nach Blut, das Verlangen zu töten. Etwas passiert mit diesen Menschen. Etwas, das auf der wissenschaftlichen Ebene nicht zu erklären ist. Entweder werden sie durch das Hinzufügen der DNA getötet, oder sie verwandeln sich nach einigen Wochen in Monster. Wir konnten den Zustand bisher nicht stabilisieren.«

»Wie lange noch?«

»Auch wenn wir jetzt das Problem in den Griff bekommen, müssten wir erst einen Langzeittest über mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte durchführen. Oder wollen sie eines Morgens aufwachen und aussehen wie ein Wolf? Oder sich beim Sonnenbaden in Staub auflösen?«

»Sie haben sechs Monate. Vier davon für ihre Tests. Wenn der Zustand so lange stabil ist, wird er es auch bleiben. Außerdem werde ich nicht der Erste sein, der es testet. Aber ich muss Ergebnisse vorlegen. Ihre medizinischen Spielereien verbrauchen eine Menge Geld. Mehr als geplant. Und das nicht nur durch die überhöhten Rechnungen ihrer Freunde. Die Geheimhaltung dieses Projektes ist schwieriger, als wir dachten.«

Der Doc wurde blass. Daniel wusste über sein Nebeneinkommen Bescheid.

Lachend stand Daniel auf. »Sie dachten doch nicht, dass sie mich hintergehen können, ohne dass ich etwas davon mitbekomme? Dieses Projekt ist zu wichtig, als dass nicht alle Beteiligten mehr als einmal auf Herz und Nieren überprüft werden. Ihre Freunde leisten gute Arbeit und scheinen zuverlässig zu sein. Wenn sie eine Provision kassieren, ist mir das egal.« Er zog seinen Mantel über. »Aber übertreiben sie es nicht«, fügte er warnend hinzu und ließ den Doc ohne Abschiedsgruß stehen.

Er wusste es also wirklich. Wenn ihm die Summen egal waren, musste noch wesentlich mehr Geld in der Sache stecken als das Budget, auf das er Zugriff hatte. Viel mehr.

Schwitzend rief der Doc nach Mike. Sechs Monate waren nicht viel. Er durfte keine Zeit vergeuden. Mike sollte ihm den Patienten bringen. Die Behandlung musste beschleunigt werden, damit er bei einem Fehlschlag noch genug Zeit hatte, den Versuch zu wiederholen.

4

Die Schritte auf dem Flur verstummten vor der Tür. Ich blieb mit geschlossenen Augen liegen und spielte den Schlafenden. Nach einer Pause hörte ich, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde und der Riegel zurückschnappte.

Mike betrat den Raum. Mittlerweile konnte ich ihn an seinem Rasierwasser erkennen, da er immer roch, als würde er darin baden. Sein Begleiter, ich nannte ihn in Gedanken Frank, blieb auf dem Gang stehen. Frank hatte einen auffälligen Körpergeruch, an dem ich ihn erkannte, ohne dass er den Raum betreten musste. Entweder hatte ich in den letzen Wochen, (oder waren es Monate?), eine empfindliche Nase bekommen. Oder hier stank alles intensiver, als ich es gewohnt war.

Mike stand neben dem Bett und sah auf mich herunter. In der Hand hielt er seinen heißgeliebten Schlagstock.

»Steh auf«, sagte er leise.

Ich mimte weiter den Schlafenden. Wenn sie nicht wussten, dass es mir gut ging, konnte ich das vielleicht zu meinem Vorteil nutzen.

Ich spürte eine Bewegung neben mir, als mich auch schon der Schlagstock am Kopf traf. Der Schlag war so heftig, dass die Haut an meiner Schläfe aufriss und Blutstropfen auf mein Kissen spritzten. Der Geruch nach Kupfer stieg mir in die Nase und löste ein Kribbeln im Magen aus.

»Ich sagte, du sollst aufstehen! Tu nicht so, als würdest du schlafen!«

Ich stöhnte, als ich mich auf die Seite wälzte. So viel zum Thema Vorteil nutzen.

Noch bevor ich ganz saß, schlug er wieder zu. Reflexartig zog ich die Arme an und schützte meinen Kopf. Dadurch bekam ich einen schmerzhaften Schlag auf den Ellenbogen. Mein Knochen schien zu zersplittern und ich rollte mich wie ein Kleinkind zusammen.

Schmerzwellen jagten durch den Arm bis in den Kopf. Ich konnte Schmerzen noch nie gut ertragen. In meiner Jugend bin ich jeder Schlägerei aus dem Weg gegangen, habe nie provoziert oder rumgepöbelt. Bis jetzt hatte ich nie die Bekanntschaft mit dieser Art Schmerz gemacht. Ich kannte nur die Angst vor Schmerzen.

Mike fing an zu lachen und trat einen Schritt zurück. »Jetzt liegt er da wie ein Baby. Piss dich aber bloß nicht ein, sonst werde ich wirklich unfreundlich. Steh auf, ich weiß, dass du selbst laufen kannst. Ich werde dich nicht wieder tragen. Der Doc hat Sehnsucht nach dir.«

Ich atmete durch und unterdrückte Tränen der Wut und Hilflosigkeit, die in mir aufsteigen wollten.

Wenn man den Schmerz spürt, ist die Angst vor ihm verschwunden. Ich war mir unsicher, ob das die bessere Alternative war.

Ich setzte mich auf und hielt mich an der Bettkante fest, da sich alles um mich herum drehte. Jetzt musste ich die Schwäche nicht mehr simulieren. Es war ein Wunder, dass ich nach so einem Schlag überhaupt noch klar denken konnte. Mike stand an der Tür und hatte sein dämliches Grinsen aufgesetzt. Kalte Wut stieg in mir hoch. Am liebsten würde ich ihm sein Grinsen mitsamt seinen Zähnen aus dem Gesicht schlagen. Aber wahrscheinlich würde ich bei dem Versuch nur meine eigenen Zähne verlieren.

Ich stand vorsichtig auf und ging mit einem schnellen Schritt an Mike vorbei, der mich nur herablassend angrinste. Ich wollte ihm keine Gelegenheit geben, mir nochmal die Stabilität seines Knüppels zu demonstrieren.

Auf dem Gang nahm mich wie gewohnt Frank am Arm und brachte mich den Gang hinunter. Mike blieb diesmal einen Schritt hinter uns. Als wir an der Tür vorbei kamen, aus der das letzte Mal die Schreie kamen, bekam mein Begleiter einen Linksdrall. Die Angst war nicht spürbar, aber latent vorhanden. Hinter der Tür war ein tiefes Atmen zu hören. Ein tierischer Geruch lag in der Luft. Ähnlich wie im Zoo, wenn man an den Raubtierkäfigen vorbei geht. Was für sanitäre Zustände mussten in der Zelle herrschen, wenn ich diesen Geruch auf dem Gang wahrnehmen konnte? Und dann kam der Gestank auch noch von einem Menschen. Der Geruch von Angstschweiß rundete das Ganze mit einer süßlichen Note ab.

Ich ging langsamer und nahm die Eindrücke in mich auf, als mich von hinten der Schlagstock an der Schulter traf. »Trödel hier nicht rum«, vernahm ich Mikes liebliche Stimme. Hass stieg in mir auf. Meine Muskeln spannten sich an und ich wollte mich herumwerfen, um ihm seinen Schlagstock durchs Gesicht zu ziehen. Aber so schnell, wie der Hass aufgestiegen war, verschwand er auch wieder. Ich wusste, dass das nicht mehr lange gut gehen würde. Noch so ein Zwischenfall, und ich würde mich nicht mehr im Griff haben. Egal was es kostete.

Mike machte einen Schritt an mir vorbei und öffnete die Tür zum Untersuchungszimmer. Er packte mich am Arm und gab Frank mit einem Blick zu verstehen, dass er draußen warten sollte.

Der Doc saß wieder hinter seinem Schreibtisch und blätterte in irgendwelchen Unterlagen. »Setzen sie sich«, sagte er, ohne aufzublicken.

Mike schob mich zum Stuhl und zog sich auf seinen Platz an der Tür zurück.

»Was soll das Ganze hier?«, fragte ich, als ich saß.

Der Doc schaute verwirrt auf. Er war überrascht, dass ich den Mut aufbrachte ungefragt zu reden, obwohl Mike keine drei Schritte hinter mir stand.

Ich war selbst etwas überrascht. Ich hatte mir fest vorgenommen, nichts zu tun, was weitere Gewalttätigkeiten provozieren könnte. Also kein Verstoß gegen irgendwelche Regeln. Auch wenn ich nur eine Frage gestellt hatte, kam das einem Verstoß gleich.

Ich zog den Kopf ein, als Mike einen Schritt auf mich zukam, um mich daran zu erinnern. Aber der Doc hob nur die Hand und scheuchte ihn mit einem Wedeln zurück auf seinen Platz. Braver Hund.

»Es geht ihnen offenbar wieder besser.« Er musterte mich ausgiebig über den Rand seiner Brille hinweg. Sein Blick blieb an meiner Platzwunde hängen und ein Lächeln erschien.

»Freut mich, dass es ihnen gefällt, wenn jemand misshandelt wird«, reagierte ich darauf. Die Folge war, dass er Mike erneut mit einer raschen Handbewegung auf seinen Platz zurückschicken musste.

»Und ein Rückgrat scheint ihnen auch gewachsen zu sein«, sagte er noch immer lächelnd. Allerdings wirkte es diesmal falsch.

Ich entschloss mich, wieder etwas vorsichtiger zu sein.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete mich mit schräggelegtem Kopf.

»Es freut mich, dass es ihnen so gut geht. Es freut mich wirklich. Haben sie vielleicht Hunger? Oder Durst? Ich lasse ihnen etwas holen. Wie wäre es mit einem schönen blutigen Steak? Oder essen sie Steaks lieber gut durch?«

Ich konnte seinem Blick ansehen, dass er irgendetwas mit dieser Frage bezweckte, konnte mir aber nicht vorstellen, was das sein sollte. Was sollte diese plötzliche Freundlichkeit überhaupt?

»Nein danke. Ich habe keinen Hunger. Allerdings würde ich wirklich gerne wissen, warum ich hier bin. Was ist das hier? Ein geheimes Versuchslabor? Und sie sind der irre Wissenschaftler, der die Weltherrschaft anstrebt?« Mike holte tief Luft. Ich hatte keine Ahnung, welcher Teufel mich ritt, aber es tat gut, auszusprechen, was ich dachte. Trotzdem sollte ich mich mit meiner Ironie zurückhalten, Mike verstand so etwas wahrscheinlich nicht. Und Schläge hatte ich heute schon genug einstecken müssen.

»Nicht ganz. Aber es handelt sich tatsächlich um ein geheimes Labor. Nur bin ich kein verrückter Wissenschaftler, der die Weltherrschaft anstrebt. Sie lesen zu viele Fantasygeschichten.«

Noch einer, der mit dem Ausdruck Ironie nichts anfangen konnte.

Ich beugte mich auf meinem Stuhl vor und senkte meine Stimme etwas. »Was habe ich mit der Sache zu tun?«

Er stand auf und ging an den Schrank hinter ihm. »Das hat mit ihrer Blutgruppe zu tun. Ihr Blut ist kompatibel zu unseren Medikamenten. Sie sind gesund und treiben Sport. Außerdem sind sie alleinstehend, ohne Verwandte oder Ähnliches. Es war ein Leichtes, sie verschwinden zu lassen. Niemand vermisst sie. Keiner stellt Fragen.« Er nahm einen Behälter mit einer roten Flüssigkeit aus dem Schrank und stellte ihn auf den Schreibtisch.

Die offenen Worte überraschten mich.

Was war hier los? Das hörte sich nicht so an, als würde ich hier wieder rauskommen. Wenn sie vorgehabt hätten mich laufen zu lassen, wären sie nicht ehrlich zu mir.

In diesem Moment wurde mir klar, dass hier alles endete. Man hatte mich verschwinden lassen. Ich würde nicht einmal auf einer Vermisstenliste auftauchen. Mein Leben endete als Versuchskaninchen in einem Labor für Medikamente.

Wahrscheinlich würde ich nicht einmal mehr die Sonne zu sehen bekommen. Und auch nie wieder Janine. Ich würde keinen Blick in ihre grünen Augen werfen können und den Duft ihrer Haare einatmen, die immer etwas nach Apfel rochen.

Obwohl ich mich erst ein Dutzend mal mit ihr getroffen hatte, war mir seit einiger Zeit klar, dass es mehr war als nur ein Flirt. Ich hatte noch keine Frau kennengelernt, deren Gesellschaft ich den ganzen Tag ertragen konnte. Was heißt, konnte. Wollte. Sie gab meinem Leben den Sinn, den ich so lange vermisst hatte.

Jetzt saß ich einem kranken Arschloch gegenüber, das mich für Experimente benutzte. Und das Letzte was ich sehen würde, bevor ich irgendwann entsorgt wurde, wird das Grinsen von Mike sein.

Der Doc beugte sich weiter vor und öffnete den Schraubverschluss des Glases. Das Geräusch holte mich in die Gegenwart zurück.

Er schob es in die Mitte des Schreibtisches, ohne dabei den Blick von mir zu nehmen. Es sah aus wie ein altes Marmeladenglas, das mit Blut gefüllt war.

Als ich einatmete, stellte ich fest, dass es nicht nur so aussah. Es war mit Blut gefüllt. Mit altem, abgestandenem Tierblut.

Allerdings machte ich mir keine Gedanken über diese Erkenntnis, mir gingen andere Sachen durch den Kopf.

»Um was für Experimente handelt es sich?«, fragte ich flüsternd.

Der Doc tauschte einen Blick mit Mike aus, als hätte er mit allem gerechnet, aber nicht mit einer Frage. Trotzdem antwortete er.

»Es handelt sich um lebensverlängernde Medikamente. Sie brauchen sich keine Gedanken wegen irgendwelcher bösartigen Viren oder ähnlichem machen, mit denen wir sie infizieren. Falls es das ist, was sie denken.« Wieder diese erbarmungslose Offenheit.

»Lebensverlängernd?« Ich konnte nur mühsam ein Lachen unterdrücken. »Das wird für mich wohl kaum zutreffen. Oder schicken sie mich nach erfolgreichem Abschluss der Experimente wieder nach Hause?«

»Wenn sie glauben, dass wir sie töten wollen, täuschen sie sich. Um die Wirksamkeit der Behandlung in vollem Umfang in Erfahrung zu bringen, können wir sie gar nicht beseitigen. Ihr Leben wird hoffentlich noch viele Jahre währen. Erst durch Langzeitstudien können wir eventuelle Nebenwirkungen ausmachen und eliminieren. Sie sind viel zu wertvoll.«

»Vorausgesetzt, dass die Behandlung anschlägt«, sagte ich. »Dann darf ich also den Rest meines Lebens in einer Zelle verbringen und Versuche über mich ergehen lassen? Tolle Aussichten. Wenn diese Behandlung so toll ist, warum wird sie dann im Geheimen durchgeführt?

Warum müssen sie Menschen entführen?«

Der Doc stand auf und kam um den Tisch herum. »Die Behandlung hat schon angeschlagen. Wenn sie Glück haben, werden sie hunderte Jahre alt. Können sie sich vorstellen, was passiert, wenn die Öffentlichkeit von dieser Möglichkeit erfährt? Jeder könnte zweihundert Jahre alt werden. Es würde Aufstände geben. Jeder würde so alt werden wollen. Keiner würde mehr Arbeiten machen, die gefährlich sind. Man hätte viel zu viel zu verlieren. Unser soziales Netz würde zusammenbrechen. Es würde Chaos herrschen. Deswegen muss es im Verborgenen laufen.«

Während seiner Rede griff er mir ans Kinn und betrachtete die Wunde an meiner Stirn. Mit einem Tuch, das er aus der Tasche zog, entfernte er grob das Blut, das mir im Gesicht klebte. Jetzt musste er nur noch das Taschentuch mit Spucke befeuchten, um wie der nette Onkel von nebenan auszusehen.

»Zusätzlich würde die Menschheit schon in Panik ausbrechen, wenn sie wüsste, woher die DNA kommt, mit der wir arbeiten. Die Masse ist nicht bereit für dieses Wissen.«

Offenbar war er mit seiner Reinigungsaktion zufrieden, denn er setzte sich wieder auf seinen Platz. Er schob das alte Marmeladenglas zu mir rüber und schaute mich an. Ich hörte, wie Mike näher an mich herantrat. Zusätzlich kam Frank herein, und stellte sich auf meiner anderen Seite auf, als hätten sie Angst, dass ich gleich über den Doc herfalle.

Ich ignorierte das Glas und bemühte mich, weitere Informationen zu bekommen. »Von was für einer DNA reden Sie? Ich dachte, hier werden illegale Medikamente getestet.«

Der Doc konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. »Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert. Wir mixen nicht mehr irgendwelche Stoffe zusammen und hoffen, dass etwas dabei herauskommt. Wir ändern ihre Zellstruktur, manipulieren ihre DNA. Sozusagen eine Heilung von innen heraus. Wir machen sie stärker, schneller, intelligenter. Das schafft man nicht mit Medikamenten. Da muss man schon etwas tiefer in den Körper eingreifen. Sehr tief.«

Ich beugte mich noch weiter vor und starrte ihn an. Der Blutgeruch aus dem Glas wurde langsam penetrant, aber ich ignorierte ihn weiterhin.

Ich spürte, wie Mike sich spannte. Er hielt die Luft an und machte sich bereit, mich aufzuhalten, falls ich so verrückt war, den Doc zu attackieren. Als ich meine Hände im Schoß faltete, entspannte er sich etwas.

»Von was für einer DNA sprechen wir?«

»Vampire«, sagte er nur.

Jetzt konnte ich ein Auflachen nicht unterdrücken. »Vampire. Natürlich. Nachts verwandle ich mich dann in eine Fledermaus und drehe meine Runden um die Lampe. Jetzt verstehe ich auch das Glas mit dem Blut. Ein zweites Frühstück. Nett von ihnen.« Ich griff nach dem Glas und wollte so tun, als würde ich einen Schluck nehmen. Als ich es unter meiner Nase hatte, übermannte mich der Blutgeruch. Ein unstillbarer Hunger stieg in mir auf. Ich musste unbedingt von dem Blut kosten. Es roch so süß, so lieblich. So musste Ambrosia riechen. Ich riss mir das Glas an den Mund und nahm zwei tiefe Schlucke.

Dann änderte sich die Empfindung. Aus Ambrosia wurde der Geschmack von Verwesung. Ich konnte den Tod des Tieres schmecken. Es war schal und abgestanden. Entsetzt warf ich das Glas an die Wand, sprang auf und machte einen Schritt nach hinten. Der Stuhl flog um, so dass Mike hastig zur Seite sprang, um nicht getroffen zu werden.

Ich starrte auf meine Hände, von denen Blut tropfte.

Was war das? Hatte ich wirklich Blut getrunken? Mein Verstand schaltete sich wieder ein und mir wurde schlecht. Würgend starrte ich den Doc an.

Mike stand unentschlossen im Raum. Sein Blick wanderte vom Doc zu mir und zurück. Sollte er jetzt eingreifen oder nicht? Da ich ihm keinen Grund lieferte, über mich herzufallen, konnte er nur blöd gucken.

»Was haben sie mit mir gemacht?«, flüsterte ich und starrte auf das Blut an meinen Händen. Tief in mir regte sich eine Gier, die mehr Blut wollte. Frisches, kräftiges Blut.

Vampire.

Es war kein Scherz. Aber wie konnte das sein? Es gab keine Vampire. Nicht im echten Leben.

Ich hob den Stuhl auf und setzte mich. Der Doc war bei meiner Aktion aufgesprungen und hinter seinem Stuhl in Deckung gegangen. Er war etwas blass um die Nase und sichtlich verwirrt. Scheinbar hatte er wieder etwas Anderes erwartet.

Als ich saß, setzte auch er sich wieder auf seinen Platz und schaute mich erwartungsvoll und ein wenig ängstlich an. Mike entspannte sich spürbar, als ich wieder saß, kam aber einen Schritt näher heran. Wenn ich noch einmal ausrastete, wollte er eingreifen können, und nicht nur als Zuschauer daneben stehen.

»Klären sie mich bitte auf.« Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte. Es gab keine Ironie mehr. Kein Spot. Ich wollte nur wissen, was los war.

»Nun ja«, fing er an und schob Papiere auf seinem Schreibtisch herum, um etwas Zeit zu gewinnen. »Wir haben vor einigen Jahren Beweise für die Existenz von Vampiren gefunden. Jemand wurde aufgegriffen, als er einer Frau im Park die Schlagader am Hals aufgerissen hatte und ihr Blut trank. Er behauptete, er sei ein Vampir. Natürlich wurde er als Spinner und nicht zurechnungsfähig abgetan.«

Ich konnte mich an diesen Fall erinnern. Er ging ein paar Tage durch die Zeitungen und sorgte für Diskussionen über die Behandlung von geistig behinderten Straftätern. Die Meisten verlangten, dass bei dem Strafmaß die geistige Behinderung keine Rolle spielen sollte. Den anderen tat der verwirrte, ohne Eltern aufgewachsene Mann leid und sie prangerten die Gesellschaft an, die mit ihren Horrorfilmen und Computerspielen solche Monster schuf. Der ganze Spuk legte sich nach einigen Wochen und man hörte nie wieder etwas darüber. Ich wusste nicht einmal mehr, was für eine Strafe verhängt wurde, oder wann die Verhandlung war.

»Der Mann wurde eingesperrt und ihm sollte der Prozess gemacht werden«, fuhr der Doc fort. »Allerdings kam es nie so weit. Nach drei Tagen brach er seine Gefängnistür auf, tötete vier Beamte und entkam. Die Sache wurde verschleiert, um die Öffentlichkeit nicht zu verunsichern. Außerdem standen Wahlen vor der Tür und man wollte keinen Skandal. Also wurde der Tod der vier Beamten als Unfall ausgegeben und alle Beteiligten zum Schweigen verpflichtet. Der Mann war ein gefährlicher Irrer, der wieder zuschlagen konnte, und niemand wollte eine Panik. Seine Verhaftung zuvor lief schon alles andere als harmlos ab. Es gab fünf gebrochene Rippen, zwei gebrochene Arme und ein zerstörtes Bein. Der Beamte wird nie wieder richtig laufen können. Der Täter erlitt ebenfalls drei Rippenbrüche und brach sich zwei Finger.

Bei einer Untersuchung zwei Tage später stellten die Ärzte fest, dass bei ihm alle Brüche verheilt waren. Die zuständigen Leute haben schnell reagiert und die Sache als geheim eingestuft. Umfangreiche Untersuchungen waren geplant, aber mehr als zu ein paar Blutproben kam es nicht, da er ausbrach.

Meine Auftraggeber haben ebenfalls schnell reagiert und sich die Blutproben besorgt. Ich wurde rekrutiert um diese Proben zu untersuchen und herauszufinden, wo diese immense Regenerationsfähigkeit herkam. Durch die geringe Menge an Proben musste ich sofort an Menschen experimentieren, was bisher relativ erfolgreich war.

Den Rest kennen sie.«

»Und sie glauben, das war ein Vampir?«

»Vielleicht nicht im klassischen Sinn. Die Verwandlung in eine Fledermaus zum Beispiel halte ich für reine Fantasie. Genauso wie die Angst vor dem Kreuz oder Weihwasser. Ich glaube, diese Lebensform gab es schon vor der Kirche. Die Reaktion auf Sonnenlicht konnten wir noch nicht testen, da die Sonne hier unten nicht scheint.«

Er stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und stützte sein Kinn auf die verschränkten Hände. Es war deutlich, dass er gern über dieses Thema sprach. Viel Gelegenheit hatte er bestimmt nicht dazu, da alles geheim war. Für mich war es von Vorteil, da ich Informationen bekam.

»Die meisten halten es eher für eine Krankheit, eine genetische Deformierung. Aber das erklärt nicht alles. Das ist so, als würde ich behaupten, der Grund für das kräftige Gebiss eines Hundes ist nicht Evolution, sondern eine Mutation oder Krankheit. Das große Gehirn eines Menschen nur ein Defekt. Warum wachsen manchen Tierarten Gliedmaßen nach? Ist das auch nur eine Krankheit? Ich glaube nicht an eine Krankheit. Ich halte es für eine andere Spezies, dem Menschen äußerlich ähnlich, aber mit einer uns überlegenen DNA. Warum sollten wir diese Spezies nicht Vampir nennen?«

»Weil es keine Vampire gibt. Vampire ernähren sich vom Blut anderer Menschen. Sie sind eine Erfindung der Filmindustrie und haben nichts mit dem wahren Leben zu tun.« Meine Stimme klang flehentlich. Ich wollte es nicht glauben. Aber tief in mir spürte ich die Gier. Ich spürte die Wahrheit. Ich wurde mit Vampir-DNA infiziert und veränderte mich.

»Der Mythos ist viel älter als die Filmindustrie. Und das mit dem Blut scheint auch zu stimmen.« Er lehnte sich zurück und schaute nachdenklich an mir vorbei. »Auch wenn es kein Menschenblut sein muss. Der Geruch von Blut scheint das Gehirn kurzzuschließen. Ich kann das noch nicht erklären. Es gibt keinen genetischen Grund dafür, aber die Reaktionen sind eindeutig. Sie sind der Erste, der dieses Verlangen einigermaßen unter Kontrolle hat.«

»Der Erste? Wie viele gab es den schon?«

»Sie sind der Dritte dieser Versuchsreihe.«

Ich hatte einen Kloß im Hals und musste mich räuspern. »Der Dritte? Was ist mit den beiden anderen passiert?«

Der Blick vom Doc wurde wieder fokussiert und auf mich gerichtet. Ich befürchtete schon, dass ihm klar wurde, dass er zu viel redete. Aber es schien ihn nicht zu stören, dass ich eingeweiht wurde. Er erhoffte sich Vorteile davon.

»Ich werde ihnen alle ihre Fragen beantworten. Aber sie sollten sich dann auch etwas kooperativer verhalten. Ich hätte ein paar Fragen, die sie mir beantworten müssen. Das Wissen über körperliche Reaktionen reicht nicht aus. Ich muss wissen, wie sie sich fühlen. Was für Veränderungen passieren in ihrem Geist? Sind sie vom Verstand her noch derselbe oder gab es da Veränderungen? Was bringt einem eine Lebenserwartung von hunderten Jahren, wenn man seine Identität verliert? Wir werden uns noch viele Stunden unterhalten. Wenn sie sich benehmen, können wir bestimmt auch eine bessere Unterkunft für sie auftreiben. Und wer weiß, vielleicht werden sie ja irgendwann ein Mitarbeiter statt ein Gefangener?«

Er saß da und lächelte freundlich. Ich war gewillt, seinen Worten Glauben zu schenken. Alles in mir schrie danach ihm zu glauben, eine Hoffnung zu haben. Eine Zukunft.

Aber ich konnte spüren, dass er log. Er wollte nur meine Kooperation. Die konnte er am besten erreichen, wenn er mir eine Chance bot. Mit dem Rücken zur Wand greift man nach jedem Strohhalm.

In diesem Fall irrte er sich. Ich glaubte ihm kein Wort, musste aber mitspielen, wenn ich Informationen bekommen wollte.

Wenn er erfahren hatte, was er wissen wollte, war ich nur noch ein Versuchskaninchen, das seinen Nutzen verloren hatte und ich würde nichts mehr von ihm erfahren.

Also ließ ich ein zaghaftes Lächeln erkennen und sprang auf sein Angebot an.

»Natürlich. Wer würde nicht alles für ein langes Leben tun? Und wenn das Experiment bei mir funktioniert, steht mir doch genau das bevor, oder?«

Ich hoffte, dass ich nicht übertrieben hatte. Viel Erfahrung hatte ich beim Anbiedern bei Verrückten nicht.

Aber es war genau die Reaktion, auf die er gehofft hatte. Sein Lächeln wurde breiter und er entspannte sich.

»Ja«, sagte er. »Wie es aussieht, funktioniert alles. Bei den anderen gab es nach wenigen Tagen Nebenwirkungen. Der Geruch von Blut machte sie wahnsinnig. Körperliche Veränderungen traten auf und sie waren nicht mehr in der Lage, sich verbal verständlich zu machen. Der erste Kandidat starb nach einem Monat. Eine Wucherung am Hals ließ ihn ersticken. Beim Zweiten waren wir vorsichtiger. Wir fingen mit kleineren Dosen an. Am Anfang lief alles gut, aber dann fing der Körper an, sich zu wehren. Und es traten auch...«, er zögerte kurz, überlegte wie er es sagen sollte, »...Veränderungen auf. Der Körper entwickelte sich zurück zu einer Art Steinzeitmensch. Eine Mischung aus Mensch und Tier. Seine Kraft verzehnfachte sich und der Verstand ließ im selben Maßstab nach. Die DNA war nicht kompatibel. Sie im Gegensatz scheinen voll kompatibel zu sein. Ihr Blut stimmt, ihre DNA ist hervorragend geeignet. In der Phase, in der sie sich befinden, waren die beiden anderen Versuche schon fehlgeschlagen. Sie sind ein voller Erfolg.«

Er strahlte stolz über das ganze Gesicht, als er eine Schublade öffnete und einen kleinen Handspiegel herausholte, um ihn mir zu reichen. Es war einer dieser billigen Plastikdinger, die man überall hinterhergeworfen bekam.

»Schauen sie sich ihre Wunde an.«

Ich nahm ihm zögernd den Spiegel aus der Hand und schaute hinein. Es war ein beruhigendes Gefühl, dass ich mich sehen konnte. Vampire haben ja bekanntlich kein Spiegelbild.

Der Doc bemerkte mein Zögern und deutete es richtig.