Verlag: Conbook Medien Kategorie: Lebensstil Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Boarderlines - Andreas Brendt

"Wer mir einen nachvollziehbaren Grund nennen kann, erwachsen zu werden, bekommt sämtliches Gold der Welt, einen Oscar in allen Kategorien und sei gleichzeitig in die Hölle verbannt." Andi ist ein pflichtbewusster VWL-Student, dem eine lukrative Zukunft winkt. Doch dann entscheidet er spontan, sein Konto zu plündern und nach Asien aufzubrechen. Auf Bali wird er mit dem Surfvirus infiziert, und von nun an ist das Wellenreiten seine lebensbestimmende Leidenschaft, die ihn vor eine große Entscheidung stellt: Gibt er dem inneren Feuer Zündstoff oder ebnet er den Weg für die geplante Managerkarriere? Die Suche nach der Antwort dauert zehn Jahre und führt über unfassbare Abenteuer, durch ferne Länder, zeigt Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, skurrilen Typen und gefährlichen Gangstern. Und sie beschreibt den ständigen Kampf mit sich selbst auf dem Weg zum persönlichen Glück. Boarderlines ist ein autobiografischer Reise-Roman über die schönsten Wellen dieses Planeten, die Sinnsuche und die Sehnsucht nach Abenteuer. Über ein Leben zwischen Pistolen, Edelsteinen, Malaria, einer entlegenen Insel, gemeinen Ganoven, allwissenden Professoren, und deutschen Bierdosen. Über Freundschaft und natürlich über die Liebe - zum Surfen, zu Menschen, zum Leben. Ein Erlebnis für junge Wilde und solche, die es (noch immer) werden wollen.

Meinungen über das E-Book Boarderlines - Andreas Brendt

E-Book-Leseprobe Boarderlines - Andreas Brendt

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Boarderlines

Andi ist ein pflichtbewusster VWL-Student, dem eine lukrative Zukunft winkt. Doch dann entscheidet er spontan, sein Konto zu plündern und nach Asien aufzubrechen. Auf Bali wird er mit dem Surfvirus infiziert, und von nun an ist das Wellenreiten seine lebensbestimmende Leidenschaft, die ihn vor eine große Entscheidung stellt: Gibt er dem inneren Feuer Zündstoff oder ebnet er den Weg für die geplante Managerkarriere?

Die Suche nach der Antwort dauert zehn Jahre und führt über unfassbare Abenteuer, durch ferne Länder, zeigt Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, skurrilen Typen und gefährlichen Gangstern. Und sie beschreibt den ständigen Kampf mit sich selbst auf dem Weg zum persönlichen Glück.

Boarderlines ist ein autobiografischer Reise-Roman über die schönsten Wellen dieses Planeten, die Sinnsuche und die Sehnsucht nach Abenteuer. Über ein Leben zwischen Pistolen, Edelsteinen, Malaria, einer entlegenen Insel, gemeinen Ganoven, allwissenden Professoren, und deutschen Bierdosen. Über Freundschaft und natürlich über die Liebe – zum Surfen, zu Menschen, zum Leben.

Ein Erlebnis für junge Wilde und solche, die es (noch immer) werden wollen.

Mark Twain

Twenty years from now you will be more

disappointed by the things you didn’t do

than by the ones you did.

So throw off the bowlines, sail away from

the safe harbor. Catch the trade winds in

your sails. Explore. Dream. Discover.

Inhalt

Prolog: Freak Set, 2004

I. Köln, 1996

Aufbruch, verrückte Idee mit weltweiten Folgen

II. Bali, 1996

Insel der Götter und Dämonen

III. Australien, 1996

Wildlife in Down Under

IV. Heimaturlaub, 1996

Nicht mehr gegen das Ertrinken, aber den Ernst des Lebens kämpfen

V. Südafrika, 1996

Kriminelle und Armdrücken mit dem weißen Hai

VI. Semester-Halbzeit, Februar 1997

Neues Leben, alte Pflicht und der große Zwiespalt dazwischen

VII. Europa, 1997

Der Rubel muss rollen, sonst steht der Flieger still

VIII. Bali, 1998

Surfen für harte Männer: The Uluwatu Experience

IX. Köln, 1998

Die Ritterrüstung zerfällt zu Staub

X. Sri Lanka, 1998

Weise Worte, lachende Vögel und glänzende Edelsteine

XI. Köln, 1999

Das Ende vom Anfang oder der Anfang vom Ende

XII. Peru, 2000

Ohne Worte zur längsten Welle der Welt

XIII. Deutschland in drei Tagen, 2000

Drei Tage in Erklärungsnot

XIV. Frankreich, 2000

Heimatgefühle im Surfcamp

XV. E-Mail von den Malediven, 2000

Déjà-vu aus dem Aquarium

XVI. Bali, 2001

Eine schwere Hand, dreißig Jahre Knast und das erste rote Feuerwehrauto

XVII. Frankreich, 2001

Stumme Fragen

XVIII. Ecuador, 2002

Heiße Nächte, Salsa und die Liebe im Regenwald

XIX. Deutschland, 2003

Saubere Bettwäsche und fehlende Freunde

XX. Frankreich, 2003

Die Liebe meines Lebens und der Tod danach

XXI. Fuerteventura, 2003

Lebenstraum aus Einsamkeit

XXII. Deutschland, 2003

Flucht!

XXIII. Neuseeland, 2004

Neue Leichtigkeit, aber schweinische Highlander sterben nicht

XXIV. Fiji, 2004

Kawa und coop

XXV. Indonesien, 2004

Mit einem Klick hat man sein Leben verpfuscht

XXVI. Sumbawa, 2004

Kann man unter Wasser weinen?

XXVII. Europa, 2004

Eine spanische Königin und die Nachricht vom deutschen Staat

XXVIII. Chile, 2004

Ein letzter Trip, der zurück zum Anfang führt

XXIX. Köln, 25. Januar 2005

Köln ist immer eine Reise wert

XXX. Köln, 1. Februar 2005

Vereidigung

Epilog

Glossar

Danksagung

Autor Andreas Brendt

Impressum

»Boarderlines – Fuck You Happiness« (Leseprobe)

Prolog: Freak Set, 2004

Zwölf junge Männer sitzen beisammen. Ein leises Rauschen weht durch die Luft. Keiner sagt etwas. Spannung und Nervosität liegen in den Gesichtern. Nein, Angst. Alle sind freiwillig hier, hoffen auf großartige Momente und fürchten gleichzeitig den Untergang. Sie haben viel gesehen in der Welt, sich Jahre vorbereitet, auf einen Moment wie diesen. Der Tag ist gekommen, für alle zusammen und jeden Einzelnen. Obwohl sie gemeinsam hier sind, bleibt jeder alleine, auf sich gestellt und ohne Hilfe von außen.

Die See ist spiegelglatt und das rettende Ufer ein paar hundert Meter entfernt. Das erste Dämmern verdrängt die Schatten der Nacht. Die Sonne beginnt zu glitzern. Verheißungsvoll nimmt der Tag Gestalt an, schickt ein paar Vögel an den Horizont und taucht das Tropenpanorama in zauberhaftes Licht. Palmen, türkisblaues Wasser und der Dschungel Indonesiens dahinter. Der nächste Ort, die Zivilisation, eine Tagesreise entfernt. Ich sitze mittendrin. Hocke auf dem Brett und meine Beine baumeln im Wasser. Die Ruhe ist trügerisch, die Stille vielsagend. Mein Herz hämmert in der Brust.

Dann passiert es. Wie aus dem Nichts türmt sich ein ungeheures Monster auf und rast auf uns zu. Überrascht und mit blankem Entsetzen paddeln wir um unser Leben, flüchten zum rettenden Horizont und beten um Gnade. Panik blitzt auf. Wird Gewissheit, denn nur wenige schaffen es, rudern die riesige Wasserwand hinauf, steil nach oben und gerade noch hinüber. Der Rest wird verschlungen, wird in Stücke gerissen. Die gigantische Welle tobt und trampelt alles nieder. Gewaltige Turbulenzen schleudern die Überrollten umher und drücken sie in die Finsternis des Ozeans hinab. Arme Seelen, und eine davon bin ich.

Während die Dampfwalze meine Glieder durch die Gegend wirbelt, verpufft die Luft in meinen Adern wie Erinnerungen an längst vergangene Träume. Alles um mich herum ist schwarz. Der Sauerstoff wird knapp. Und knapper. Ich kann nichts mehr tun. Muss aushalten. Muss Ruhe bewahren. Der Druck in meinen Lungen wird unerträglich, der Wunsch nach Luft, nach Leben, nach Sonne auch. Und in jedem Moment die Frage: Wie lange noch? Dann Hoffnung. Die Turbulenzen lösen sich auf, der Sog wird weniger, lässt mich los. Und dann endlich der ersehnte Moment zum Auftauchen. Ich kämpfe mich nach oben und mit jedem Zug weicht die Dunkelheit dem Licht der rettenden Wasseroberfläche. Ich werde es schaffen. Auftauchen und endlich wieder atmen.

Das Meer rauscht, die Gischt dampft. Überall schwimmen zerbrochene Bretter zwischen den weit aufgerissenen Augen der vor Erschöpfung keuchenden Gesichter. Weitere Wellen schlagen ein, reißen uns fort und unter Wasser. Wir werden herumgeschleudert, durchgewaschen und schleppen uns, mit den Armen rudernd, wieder an die Oberfläche. Und zurück ans Ufer.

Endlich aus der Gefahrenzone, setzt die Erleichterung ein. Durchatmen. Der Kampf ist vorüber. Wir sind geschlagen, aber leben. Und ziehen uns zurück. Für diesen Tag.

I. Köln, 1996

1996 ist eine Weile her. Helmut Kohl ist Bundeskanzler. Schon wieder. Es gibt weder ein richtiges Ozonloch noch Klimawandel. Bezahlt wird mit Deutscher Mark. Wirtschaftskrisen existieren nur in verstaubten Geschichtsbüchern, genau wie China, das irgendwo im Osten liegt. Man reist nach Italien oder Frankreich. Im Winter in die Schweiz. Exoten fliegen auf die Kanarischen Inseln und wer verrückt ist, wagt sich über den großen Teich in die Vereinigten Staaten von Amerika.

3. März, 11:47 Uhr

Nach vier Stunden Prüfung verlasse ich den Hörsaal I der Universität zu Köln. Mein Hirn ist leer. Destruktive Statistik ade! Endlich die verhasste Klausur absolviert, laufe ich hinaus, um meinen Kumpel Alex in der Mitschriften-AG zu treffen. Der Laden liegt vorne an der Ecke, ist Treffpunkt, Epizentrum von Uni-Klatsch und -Tratsch sowie einer meiner Nebenjobs. Eine arbeitserleichternde Institution, die sich fest im Campusleben der größten Uni Deutschlands verankert hat, da wir uns der Vervielfältigung von aktuellen Vorlesungsinhalten widmen. Die Nachfrage ist groß, weil man nichts verpasst, auch wenn man mal verhindert ist.

Der schwarze Zeiger über der Ladentheke klettert auf zwölf Uhr, als unsere Schicht beginnt. Ich beschäftige mich mit den Kopierern, während Alex Daten in einen Rechner tippt.

»Hey Andi, lass doch mal verreisen!«

Ich hebe den Kopf. »Super. Bin dabei.« An die Alster in Hamburg oder zum Ballermann auf Mallorca, ganz egal. »Und wohin?«

»Hauptsache weit weg!«

Logisch. Ich rücke einen Stapel Papier zurecht. »Auto, Zug oder Flugzeug?«

»Australien klingt doch nett!«

Müsste Flugzeug sein, aber ich hake sicherheitshalber nach. »Gibt’s da Palmen?«

Mit dem Drücken der Starttaste werden die Seiten der Vorlage in meinen Kopierer eingezogen.

Alex starrt den Bildschirm an. Ein paar Minuten Schweigen später lehnt er sich mit einem zufriedenen Ausdruck in den Augen zurück.

»Wir können auf dem Weg in Bali haltmachen. Und Surfen.«

Vor mir verschwindet leeres DIN-A4-Papier, um irgendwann als frisch bedruckte Seite voller Sinn und Inhalt wieder ausgespuckt zu werden. Mein Druckauftrag ist durch nichts in der Welt aufzuhalten. Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen. »Bali? Surfen?«

»Ja. Indonesien. Wellenreiten.«

An der linken Seite meines Kopierers füllen sich die Fächer mit den Mitschriften zu einer Vorlesung über dynamische Makroökonomie. Wellenreiten? Irgendwie ist mein übertriebenes Informationsbedürfnis immer noch nicht gestillt. »Surfen? Im Wasser?«


Alex blickt auf. »Bravo, Watson! Wo denn sonst? Und ja, es gibt jede Menge Palmen, aber wenn wir noch lange rummachen, ist die Aktion vorbei. Bei Garuda gibt es vierzig Prozent Studentenrabatt in der ersten Märzwoche.«

Wir buchen den Flug um halb fünf, im Reisebüro an der Ecke. Das Ticket in die weite Welt. Nach Bali und Australien, zehn Tage zum Warmwerden und zwei Monate zum Durchstarten. Der Indische Ozean und die Wellen des Pazifiks. Mit Garuda Indonesia zum Bombenpreis – Unterschrift, Bankeinzug und fertig ist die Sause. Ersparnisse ade.

Wir treten hinaus und an die frische Luft, während hinter uns die Glastüren zufallen. Auf dem Weg zu unseren Fahrrädern treffen wir Meike und Thorsten, die zusammen für die Statistikklausur gelernt haben und wirklich immer Händchen halten müssen. Die haben sich echt gefunden, wobei man fragen kann, ob man nach so was suchen sollte. Naja, manche Dinge kommen ungefragt, andere passieren einfach. Schwer, da den Überblick zu behalten. Weil ich Meike so irre hübsch finde, erwähne ich ganz beiläufig unseren Trip, worauf sie fragt, was man in Australien macht. Keine Ahnung. Surfen. Außerdem wollen wir nicht alles so rundum planen, denn man muss auch mal Schicksal und Abenteuermut ans Ruder lassen. Genau. Das ist es, darum geht es ja.

Wir trennen uns und fahren nach Hause. Während ich durch die Straßen radele, liegt Aufbruchsstimmung über den Dächern von Köln und die ersten Vögel des Frühlings zwitschern dazu.

Ich öffne die Wohnungstüre und werfe meine Tasche neben das Bett. Das Statistikbuch wandert in die hinterste Ecke in meinem Bücherregal. Ich hoffe auf Nimmerwiedersehen. Etwas liegt vor mir. Etwas Fremdes. Eine Insel, ein Kontinent, der Indische Ozean und etwas, das ich mir nicht vorstellen kann. Aber wir stolpern mitten rein. Das steht fest, alles andere weniger.

Reisegefährten: Wahre Helden, echte Weise oder arbeitsscheue Studenten

Alex habe ich bei einem Treffen für Erstsemester kennengelernt, bei dem außer uns keiner erschienen ist. Vielleicht haben wir auch beide nicht den richtigen Treffpunkt, aber dafür eben uns gefunden.

Also ab in die nächste Kneipe, um Gemeinsamkeiten auszuloten. Pat und Patachon, weil er aus Hamburg stammt, fast zwei Meter misst, und ich im Rheinland groß geworden bin und an einen Meter achtzig heranreiche, wenn ich auf Zehenspitzen stehe. Ein Riese und ein Zwerg. Er studiert BWL, ich VWL. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden, da wir in irgendwelche Managerfußstapfen treten wollen. In die Chefetage, Geld verdienen, Entscheidungen treffen. Verantwortung tragen oder besser noch: delegieren. Also folgen wir der Wirtschaftstheorie in den Vorlesungen wie die Jünger dem Propheten.

Ich studiere dazu noch Sportwissenschaft, weil ich Bewegung über alles liebe, aber für eine richtige Karriere muss man in Marktmodelle eintauchen und große Unternehmen kennenlernen. Alex ist da ein Vorbild für mich, weil er schon Praktika absolviert hat, während ich noch von den lustigen Ideen der Sportstudenten abgelenkt werde. Von denen lässt sich Alex gerne mitreißen, besonders wenn es um Partys und Sportstudentinnen geht. Eine Schnittmenge, die uns verbindet. Gute Noten und Feiern. Also Alkohol, auf Studentenpartys oder Freibierveranstaltungen. Bis zum Filmriss und der totalen Erschöpfung, weil der Sinn des Lebens irgendwo am Boden einer Bierdose zu finden sein muss.

Erscheint der Weg nach Hause dann zu weit, nächtigen wir unter einer Tischtennisplatte oder einfach im Dreck. Am nächsten Morgen den Kater niederkämpfen und frisch geduscht in die Bibliothek. Stundenlanges Lernen, um mit verkatertem Gewissen den Rausch zu legitimieren. Oder umgekehrt, mit saufroter Nase und Kopfschmerztabletten den Aufenthalt in der altehrwürdigen Lernanstalt schmücken. Feiern, nicht nur weil’s Spaß macht, sondern auch für das Gefühl, das Richtige zu tun. Mit Ausbruch aus gesellschaftlicher Norm und Spießigkeit ein bisschen gegen das System kämpfen und zeitgleich pflichtbewusst Auszeichnungen für die Bewerbungsmappe sammeln.

Und natürlich auch, um der Welt zu beweisen, dass die Saufköpfe klüger sind als die Streber.

Drei Tage vor Abflug hocke ich in meinem Zimmer. Vor mir steht die Reisetasche.

Handtuch, Zahnbürste, Sonnencreme. Unterhosen, Reisepass und Travellerschecks. Ist das alles?

Fragen schwirren durch den Raum. Wo wohnen? Was essen? Wen treffen? Gibt es Gefahren? Gibt es Straßen? Gibt es Krankenhäuser? Gibt es Geschäfte, einen Arzt und eine Touristeninformation? Ist das Wasser wirklich warm, und vor allem: Wie funktioniert das mit dem Wellenreiten?

II. Bali, 1996

Auf dem Rollfeld von Denpasar machen wir unseren ersten Schritt ins Freie und rein in den Backofen. Zunächst fasziniert von der brutalen Hitze, nimmt meine Begeisterung rapide ab, weil das weder Witz noch Heißluft der Turbinen ist, sondern Dauerzustand. Für einen Moment sehne ich mich zurück. In die engen Sitzreihen, zu den Plastikbechern, den zuvorkommenden Stewardessen, zurück in den Mutterleib aus Stahl und Flügeln mit seiner klimatisierten Fruchtblase. Doch dieser Traum ist geplatzt, als die Anschnallzeichen erloschen sind. Jetzt werden wir die Fluggasttreppe hinunter geschoben. Wie Gestrandete, die an Land gespült werden, wie Strafgefangene, die nach langer Haft endlich frei, endlich zurück in die Welt, endlich ins Leben entlassen werden. Noch zwei Stufen, dann ist es so weit. Touchdown. Ein kleiner Schritt für meine Turnschuhe, ein großer für uns.

Während wir das Rollfeld entlanglaufen, ist es nicht nur drückend heiß, sondern auch furchtbar hell. Die ersten Schweißtropfen laufen an mir herab, und es werden nicht die letzten sein. Vor uns öffnet sich eine Glastür. Erschöpft erreichen wir Rettung von kurzer Dauer im klimatisierten Flughafengebäude. Die kühlen gefliesten Gänge führen, den stummen Hinweisschildern folgend, zur »Immigration«. Erster Empfang ist eine endlose Schlange vor den Glaskästen, in denen die Offiziellen sitzen. Regungslose Männer in dunkler Uniform. Streng, genau und autoritär prüfen sie die Daten und Pässe der Neuankömmlinge. Wem wird Einlass gewährt? Wem nicht?

Irgendwann sind wir an der Reihe. Konzentriert und demütig treten wir heran, um vorzusprechen. Und werden überrascht. Der Mann in Uniform ist nett. Wir plaudern ein paar Sätze, erhalten die besten Wünsche, Glück und frohe Fügung sowie den ersehnten Stempel, den unumstößlichen Beweis für unsere Mission.

Wir laufen weiter, nehmen unser Gepäck vom Band, schreiten zum Ausgang. Vor dem Gebäude: Chaos in Reinform. Kofferträger, Reiseagenten, Familienwiedersehen, Putzkolonnen, Marktschreier. Menschen hetzen hin und her, rufen durch die Gegend, und wir stehen mittendrin. Auf der Stelle werden wir von einem kleinen, hektischen Mann abgegriffen, vorangeschoben und in ein Taxi verfrachtet. Wir leisten keine Gegenwehr.

Unser Fahrer ist eine Frohnatur mit schwarzem Haar. Seine Augen leuchten. Spielerisch sondiert er unsere Gesichtsfarbe (weißer als weiß) und Herkunft. Er lacht dabei, weil er sich freut, dass zwei deutsche Jungs den weiten Weg in seine Heimat geschafft haben. Ich hänge erschlagen hinten drin und versuche den flinken, merkwürdigen Satzbruchstücken zu folgen. Ein kindliches Englisch, ein Kauderwelsch mit komischen Wörtern, die verschiedene Bedeutungen haben könnten oder frei erfunden sind. Der Sinn ist irgendwie herauszuhören, wobei man mehr eine Ahnung bekommt, was er meinen könnte, als tatsächlich zu verstehen, was er sagt. Es geht um eine günstige Unterkunft, Restaurants, Einkaufstipps und Geschichten über Land und Leute. Wir lauschen interessiert und antworten höflich.

Als der Redefluss abebbt, lehne ich mich auf der Rückbank zurück. Mit einer lang gezogenen Linkskurve verschwindet der Flughafen aus den Rückspiegeln. Hinter den Scheiben rauscht die Welt vorbei. Und wir mitten rein. Staubige Straßen, überdimensionale Werbeplakate mit fremdem Aufdruck, Obststände und natürlich: Palmen! Alles ist anders. Alles ist neu, fremd, himmelblau und so voller Exotik, sodass wir auf jeden Bayer auf Rügen pfeifen, da nun zwei Kölner Studentenköpfe die Insel der Götter erobern. Vielleicht so unerfahren wie ein Fisch in der Wüste, sind wir echte Pioniere. Goldgräber und Abenteurer, fernab von Hamburg und Mallorca, von Pauschalreisen und den Heerscharen des Massentourismus. Bali, wir kommen!

Nach dreißig Minuten halten wir in einer Seitenstraße an einem Schild mit der Aufschrift »Kutakuta«. Die Unterkunft liegt im Herzen von Kuta. Mitten im Hexenkessel und umringt von Shops, Bars und rastlosem Treiben. Es gibt kaum Formalitäten beim Check-In, und nach hektischem Umrechnen der Wechselkurse, einigen wir uns – auf drei D-Mark die Nacht. Ein paar Schritte über einen Steinweg durch den kleinen Garten erreichen wir unser Heim. Die Hütte erstreckt sich über drei mal vier Meter. Kahle Wände und ausgestattet mit zwei Betten, Standventilator, schmuddeligem Bad und einer Veranda mit Bambus-Sesseln und einem Tisch davor. Wir sind da!

Die erste Stunde im Paradies verbringen wir im Bett. Abgedunkelt vegetieren wir vor uns hin und warten auf das Ende der großen Hitze. Zwischen uns spendet der Ventilator, von links nach rechts schwenkend, in regelmäßigen Abständen einen Hauch von Leben. Ein wunderbares Gefühl. Aber zu kurz, da es im Handumdrehen wieder der furchtbaren Hitze weicht und sich in die andere Richtung aufmacht. Dort erklingt wenig später ein erleichtertes Seufzen aus dem Nachbarbett. Auch Alex lebt. Noch, denke ich, während ich in meiner Ecke endgültig verrecke. Dann werde ich endlich wieder mit Leben benetzt und spüre die angenehme Kühle des Ventilators auf meiner Haut: Satte vier Sekunden lang.

Da sich keine Linderung einstellt, brechen wir auf zum Strand. Auf dem Weg gesellen sich zu den Temperaturen die Gerüche. Alle paar Meter ein anderer, ein neuer. Unbekannte Düfte, vergammelter Müll, furchtbarer Gestank, verpestete Luft. Nebeneinander, untereinander, durcheinander und ohne Platz für Sauerstoff – quasi das Gegenteil von frischer Bergluft. Kann man diese madige Schwüle ohne Gesundheitsrisiko inhalieren? Alex schweigt atemlos. Meine Lungen schreien nach einer frischen Brise, nach dem erlösenden Strand. Wir müssen weiter, um die nächste Ecke, wo irgendwo hinter der großen Hauptstraße das sandige Ziel der Ziele auf uns wartet. Dann kommt der Verkehr.

Wir bleiben stehen und starren ungläubig geradeaus.

Von überall stürmen laute Motorräder, knatternde Tuk-Tuks, brüllende Lastwagen und den deutschen TÜV verspottende Autos an uns vorbei. Alle hupen. Alle drängeln. Ab und an kommen Elefanten und Eselskarren dazu. Der Sicherheitsabstand liegt gemäß einer stummen Vereinbarung aller Teilnehmer bei genau einem Zentimeter. Das totale Chaos. Eines, in dem Unfallstatistiken sowie potenzielle Konsequenzen ebenso tabu sind wie eine Millisekunde Geistesabwesenheit. Wie um alles in der Welt lässt sich die andere Straßenseite erreichen? Wir setzen an, greifen uns am Arm – vielleicht jetzt – und springen schockiert zurück. Unmöglich.

Die Überquerung gelingt im vierten Anlauf. Wir blicken uns mit großen Augen an und lachen.

Also gut. Weiter geht’s. Nur in Badeshorts und ohne Sandalen, hüpfenderweise von Schatten zu Schatten. Der Weg zum Strand auf den zarten Füßen der Zivilisation brennt. Unmenschlich! Niemand, der je auf glühenden Kohlen gelaufen ist, kann mich jetzt noch beeindrucken. Balis Straßen stellen jeden Hochofen in den Schatten. Ich blicke konzentriert zu Boden, auf der Suche nach einer schmerzfreien Möglichkeit, den nächsten Schritt zu platzieren.

»Eeeeh, Mistar. Mistar, mei frent.«

Ich schaue nach links in eine Bretterbude. Ein kleiner Mann grinst mich an. Dann eine Millisekunde Augenkontakt ... und er springt auf.

»Miiistar, oh Miiistar. I have veri gud, vääheri guud! Yu buy! Yu buy for guud luck, mei frrent!«

Dann hektisch von rechts: »Hello Sör, hello Sör. Yu like, yu like! Dhis is väri cheap, onli for you my frent.«

Daneben völlig aus dem Häuschen: »Oh Sör, oh Sör. Mistar, yu like. I give väri speschal frrentship-price!«

»Yu come läta, I give yu!«

»I bring yu!«

Von hinten nähert sich: »Massasch, massasch! Exdra gud, my frrent. Full bodhi, onli five rupi.« Und in geheimnisvollem Flüsterton: »Äänd I mäke yu banana väri äppy my frrent!«

Äh ...? Ich drehe ich mich um und bin bereits umzingelt. Eine Horde wild grinsender Balinesen hat mich umstellt. In gebrochenem Englisch und diesem einzigartigem Akzent erzählt Madé von seinen handgefertigten Ketten. Ketut bietet selbst geschnitzte Holzkisten und Madé (der zweite) zieht an meinem Arm, weil er über leuchtende Plastikfiguren verfügt. Den Rest verstehe ich nicht genau: T-Schörd, Sarong, Massasch, Budda, Mashrum, Ällefent, cool Dring, immer only for you my frrrent und for gud luck ...

Alex schüttelt Hände. Ich stehe auf einem Bein, weil jemand hartnäckig versucht, mir eine Sandale anzuziehen. Lustige Gesellen, die nicht locker lassen. Alle lachen, alle verkaufen, alle werden wir wiedersehen.

Irgendwann schütteln wir Sandalen, Halsketten und die aufgebrachte Menge ab und schlagen uns durch zum Strand. Kuta Beach und der Indische Ozean. Wasser so weit das Auge reicht. Dazu Wellen, die sich majestätisch auftürmen und in der Sonne glitzern, bevor sie wuchtig zusammenbrechen.

Nach ein paar Metern treffen wir einheimische Surfer, die Boards vermieten. Ohne im Traum daran zu denken, zu verhandeln, zahlen wir glücklich den Wochenpreis für zwei Stunden Brettmiete. Wir stürmen los, denn die Herausforderung wartet direkt vor unserer Nase. Alex war schon surfen, an der Nordküste von Spanien, eine ganze Woche lang. Er soll mein Lehrmeister sein, wird mir alles beibringen, was nötig ist, wird das Geheimnis lüften, wie man übers Wasser läuft. Es ist so weit. Wissbegierig höre ich die weisesten Worte meines Lebens:

»Du musst einfach da rauspaddeln und wie die anderen die Wellen surfen!«

Große Pädagogik. Wahnsinn, da ganzheitliches Lernen hier so nützlich ist wie Starkstrom im Kinderzimmer. Überfordert werfe ich einen Blick auf die überdimensionale Planke in meinen Händen. Dann schaue ich herum, sehe das Meer und die Surfer. Lockere Jungs in weiten Shorts, die wie selbstverständlich in den Wellen spielen. Zwanzig Meter entfernt trägt einer Wachs auf, befestigt die Fangleine an seinem Fuß, springt ins kühle Nass und legt sich auf sein Board, um mit ruhigen Armzügen aufs Meer hinaus zu paddeln. Auf seinem Weg steuert er geschickt um die Brandung herum. Er erreicht eine speziell ausgesuchte Stelle hinter der Brechungszone, wo das Meer spiegelglatt ist. Als wenn er es geahnt hätte, taucht dann genau dort ein kleiner Wasserhügel auf, der sich bereits ein paar Meter weiter draußen erhebt. Der Surfer dreht sich Richtung Strand und paddelt mit der herannahenden, noch flachen Welle los. Dann wird er angeschoben – die beiden verschmelzen nahezu – und behutsam von ihr mitgenommen. Kurz bevor sie bricht, hüpft er auf seine Füße und fährt stehend in sie hinein. Er lenkt sein Board zu einer Seite und weiter die offene hellblaue Wand entlang. Dabei vollzieht er ein paar Kurven, bevor er zum Schluss über den Kamm steuert, sich auf sein Brett legt und zurück zum Ausgangspunkt paddelt, um auf die nächste Welle der Glückseligkeit zu warten. All das strahlt eine faszinierende Eleganz und Leichtigkeit aus. Ein akrobatisches Schauspiel, so intensiv, so überragend, so mühelos, dass es magisch anzieht. Eine verloren geglaubte Harmonie zwischen Mensch und Natur, zwischen Kraft und Anmut. Im Hier und Jetzt. Und jetzt bin ich an der Reihe.

Ich wate ins Wasser und lege mich bäuchlings auf die Planke. Zu weit vorne, denn anstatt elegant loszupaddeln, taucht die Brettspitze ins Wasser ein. Das bremst abrupt, katapultiert den hinteren Teil des Bretts in die Höhe und wirft mich vornüber. Ich robbe zurück aufs Board und lege mich diesmal weiter nach hinten. So ragt der vordere Teil weit aus dem Wasser heraus. Das ist zwar wenig effizient für das Vorankommen, aber es gelingt mir immerhin, mich auf der verdammt wackeligen Angelegenheit zu halten – zumindest im Liegen und bis die ersten Wellen kommen.

Was ein Kampf, was ein Spaß! Ich ringe mit Brett und Brechern und tauche unter und wieder auf. Die Wassermassen reißen mir das Board aus den Händen und wirbeln mich durch die Gegend. Von Harmonie und Leichtigkeit fehlt jede Spur. Und trotzdem, nach endlosem Kampf mit über hundert Wellen, die alle immer und genau über mir zusammenbrechen, schaffe ich es tatsächlich hinter die Brechungslinie. Ich bin fix und fertig, aber draußen.

Zeit zum Verschnaufen, denn hinter der mörderischen Impact Zone, dem Bereich, wo die Wellen einschlagen, breitet sich eine Oase der Ruhe aus. Das Wasser schaukelt auf und ab, um weiter vorne seine Energie zu entladen. Der Strand liegt etwa 60 Meter entfernt. Dahinter das tief grüne Tropenpanorama aus Palmen und Mangroven. Vögel zieren den Horizont und runden meine Postkartenaussicht ab.

Ich sehe andere Surfer auf schulterhohen Wellen reiten und brenne darauf, dasselbe zu tun, als plötzlich ein kleiner Wasserhügel genau auf mich zukommt. Hektisch drehe ich mein Brett und schlage auf das Wasser ein, um mit der Welle loszugleiten. Nichts geschieht. Kein Verschmelzen, kein Einswerden. Die Welle wandert gelassen unter mir hindurch, ohne dass mein Brett angeschoben wird. Während ich mich frage, warum ich nicht mitgenommen wurde, drehe ich den Kopf, um gerade noch mitzukrie... Wums! Ein heftiger Ruck reißt mich weg und katapultiert mich kopfüber in eine Waschmaschine. Schleudergang. Als ich auftauche, bin ich wieder ganz vorne am Strand. Alles umsonst. Ich sammle das Brett über die Gummileine an meinem Knöchel ein und wate keuchend zurück ins brusttiefe Wasser. Die ganze Tortur noch mal von vorne.

Eine nicht nur lustige, unendlich kräftezehrende Ewigkeit später darf ich auf einen neuen Versuch hoffen. Diesmal ist die Welle steiler und nimmt mich mit, sodass ich erstmals an der hellblauen Wand kurz vor der Brechung heruntersehe. Geile Optik, schwungvolle Angelegenheit, aber jetzt bin ich fest entschlossen, aufzuspring... Wums! Der Koloss aus Wasser überschlägt sich, ohne zu fackeln, und rammt mich ungespitzt ins Wellental. Nächster Waschgang. Nächste Salzwasserspülung bis zum Strand.

Zwei Stunden später, alles in allem: weltbewegende Erfolgserlebnisse. Nach unbändigem Kampf von unendlicher Dauer gelingt es mir, hinter die Wellen zu paddeln, um dann beim Versuch, eine zu erwischen, weniger mit der Welle, dafür umso mehr mit der Brechung eins zu werden. Die Brandung zieht mich hoch, spuckt mich aus und schleudert mich zurück zum Strand. Irgendetwas stimmt hier nicht. Es ist unmöglich, in eine ruhige Gleitfahrt zu kommen, die mir genug Zeit bietet, auf die Füße zu springen. Aber egal, weil witzig. Ich probiere weiter, schlucke literweise Salzwasser und lerne die unterschiedlichsten Spülgänge kennen. Kurz und lustig, schnell und heftig, schwindelerregend oder alles durcheinander.

Alex schlendert den Strand entlang und lacht. Unsere Erfahrungen sind ähnlich ausgefallen. Irgendwo zwischen durchwachsen und durchgewaschen. Wasser tropft aus meiner Nase. Nein, aus dem ganzen Kopf. Vom großen Stirnlappen durch alle Nebenhöhlen bis zum Hypothalamus. Gut, Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, und das Meer und die Wellen zu verstehen, gar auf ihnen zu reiten, braucht seine Zeit. Hier lässt sich nichts erzwingen oder schnell erreichen, und der Kampf mit den Wellen macht uns zu Gladiatoren, egal ob aufrecht stehend oder ständig stürzend.

Wir hocken uns in den Sand, während sich der große helle Ball am Himmel langsam dem Horizont, den ewigen Weiten des Indischen Ozeans nähert und auf der Bühne davor die vielen kleinen Surfer mit den Wellen spielen. Als die Sonne untergeht, wird Bali in ein leuchtendes Farbenspiel aus zartem Gold und blutrotem Lila verzaubert. Ich trage, nicht ohne Stolz, mein Board zurück zu den bis über beide Ohren grinsenden einheimischen Jungs. Wild gestikulierend erklären sie mir, dass ich für eine Menge Unterhaltung am Strand gesorgt habe. Keine Überheblichkeit spricht aus ihren Augen, sondern das Wissen um die besondere Herausforderung beim Surfen, gepaart mit der Tatsache, dass ich irre lustig anzusehende Dinge in den Wellen fabriziert habe.

Wir albern herum und machen jede Menge Witze. Ich bekomme die entscheidenden Tipps und Tricks für den nächsten Tag. Madé (schon wieder einer) weiß: »Du musst am Süd-Peak surfen, dich in der Pocket positionieren, früher aufstehen, die Beine aufs Brett legen, weiter vorne liegen, um die Impact Zone herum paddeln ...«

Ich nicke und verstehe kein Wort. Weil mein Hirn nur noch aus Salzwasser besteht. Aber morgen geht’s weiter mit der nächsten Lektion Poseidons. Keine Frage: Ich will surfen!

Wir schleppen uns durch die länger werdenden Schatten zurück zu unserer Hütte. Duschen. Salz, Hitze und Erschöpfung des zurückliegenden Tags abwaschen, um ein in Vergessenheit geratenes Bedürfnis zu befriedigen: die Nahrungsaufnahme. Erschlagen und ausgehungert latschen wir durch die belebten Straßen, hören das unnachahmliche Kauderwelsch, werden mit einzigartigen Angeboten überhäuft und kehren in eines der unzähligen Restaurants ein. Auf der Karte Gaumenschmaus mit lustigen Namen: Nasi Goreng, Gado Gado, Saté und Smothee. Wir verschlingen Berge und bestellen nach. Beim Essen sehen wir den Surfern auf dem Bildschirm in der Ecke zu. Wie sie große Wellen in der Röhre surfen. Dann kommt die Rechnung: 13.500 Rupien. Ungläubig zücke ich den Spickzettel und rechne um: 8 Mark und 82 Pfennig.

Wir laufen durch die Gassen, mitten im Geschehen, aber wie in Trance, zu erschöpft, zu überwältigt von allem. Also zurück in die Hütte. Zähneputzen, Licht aus und ab in die Kiste. Wo bin ich hier gelandet? Wo führt das hin? Die vergangenen Stunden geistern durch den Raum, mir fällt dieses ein, Alex jenes. Wir quatschen herum, kichern noch ein letztes Mal, bis später in der Nacht die Schläfrigkeit das Ruder übernimmt und Ruhe einkehrt. Was bleibt, ist die Vorfreude – auf Morgen.

Der zweite Tag erwacht mit Freiheit. Wir können alles tun, und auch noch, was wir wollen. Die Luft ist klar und kühl und durchdrungen von den Düften der Blumen und Räucherstäbchen am frühen Morgen. Wir sind Teil der Exotik, gehören dazu und überlegen, was wir anstellen können. Durch die Läden von Kuta streunen, die Insel der Götter mit ihren Tempeln erkunden oder zurück zum Strand und in die Fluten springen. Erst mal frühstücken. Wir lassen den wässrigen Instantkaffee genussvoll hochleben, schmecken zum ersten Mal im Leben richtige Früchte und spüren, wie die warme Sonne durch die Palmen auf uns herab scheint. Frisch gestärkt geht’s zum Strand, um unsere Mission fortzuführen. Wir treffen die einheimischen Surferjungs: High-Five und los!

Schon gelingt der Umgang mit der großen Planke etwas besser, aber ich bekomme weiter eine Menge Gelegenheit, über mich selbst zu lachen. Zumindest solange die Luft dazu reicht.

Wenn ich es ins Line Up schaffe, den Bereich hinter den Wellen, fühle ich mich wie ein echter Surfer.

Ich unterhalte mich mit den anderen. Mit denen, die in den Wogen spielen, alles unter Kontrolle haben und elegant die Brandung reiten. Neue Tipps, die ich nicht umsetzen kann, und wieder neue Wasserwände, die mich unvorbereitet treffen. Die anderen wissen immer schon viel früher, wo sich die Ozeanhügel auftürmen und brechen. Sie können sich in Position bringen oder rechtzeitig in Sicherheit. Ein wahres Mysterium. Diese Wellenreiter haben magische Fähigkeiten, keine Frage. Aber egal wie blind ich bin oder wie blöd ich mich anstelle, jeder kann diese Zauberkunst lernen. Auch ich. Und das Beste daran ist der Spaß dabei. Alles andere ist Nebensache.

Also, ab jetzt geht’s jeden Tag zum Strand. Von früh bis spät, bis die untergehende Sonne meinen müden Knochen Erlösung schenkt. Vor dem Einschlafen kann ich an nichts anderes mehr denken als an Wellen. Und damit wache ich auf. Eine Verliebtheit der anderen Art, mit Schmetterlingen im Bauch und einer drängenden Mission im Kopf. Ohne Plan, wo es hingeht, aber mit einer Gewissheit, die vorantreibt. Unaufhaltsam. Wie das Rad der Geschichte, das sich dreht, auch wenn keiner weiß warum.

Bali, wenn es dunkel wird

Das Nachtleben von Kuta schläft nicht. Nie. Aufgedreht, abgefahren, durchgeknallt. Egal wie müde man gerade noch war, egal was die Wellen des Tages mit dir angestellt haben, egal in welcher Stimmung du steckst, es geht ab. Zwischen schmuddeligen Bars, gleichgesinnten Backpackern, gigantisch beleibten Rockern, verrückten Aussteigern und aufgetakelten Prostituierten. Alles ist billig, alles ist möglich, alles ist frei.

Wir hocken mit ein paar Balinesen am Rinnstein. Abhängen, beobachten und mit den Einheimischen quatschen, deren Gesichter so viel Leichtigkeit ausstrahlen. Jeder Teil gehört dazu, die dunklen Augen, die sonnengebräunte Haut, das fröhliche Lachen mit den leuchtenden Zähnen und ihre Geschichten. Später am Tattoo-Shop teilen wir uns mit den Jungs eine Plastikflasche selbstgebrannten Arak, der mir in die Rübe schießt wie Apollo 13 auf dem Weg zum Mars. In der Cocktailbar kippen wir einen gewaltigen Tequila Sunrise mit drei tätowierten Bikern aus Australien hinterher und tauschen später die Tageserlebnisse mit zwei kanadischen Backpackern aus. Small Talk mit den Huren und atemberaubende Storys von einem englischen Pärchen, das hierher gezogen ist. Mit jeder Stunde werden die Begegnungen spannender, die Typen ungewöhnlicher.

Die Leute, die wir treffen, kennen die Welt, folgen völlig anderen Lebenskonzepten und scheinen alles zu wissen. Ich sauge ihre Geschichten auf und lebe plötzlich auf einem Planeten der unbegrenzten Möglichkeiten. Diese Aufsässigen besetzen die leuchtende Seite des Lebens. Mit Mut und Freiheit. Granatenstark. Manche sind lange unterwegs, ohne Zuhause, ohne Heimat, ohne Bindung. Ein bunter Haufen, jeder einzelne voller Stolz, den eigenen Weg zu gehen. Paul und Matt aus Neuseeland, Giorgio mit den roten Locken aus Italien, die beiden schrägen Iren, Jane und Silvia (wow!) aus den Staaten, der stille Alexandro aus Chile sowie Mike aus Südafrika. Wir stoßen an und trinken darauf. Worauf? Keine Ahnung. Auf uns!

Ich beneide das unglaubliche Maß an Selbstbestimmung und bin begeistert von dem unbändigen Vertrauen in sich und die Welt. Sie verdienen den größten Respekt und all meine Anerkennung. Dabei kann ich nur staunen, während die anderen erzählen. Wieder packt einer eine Story aus. Diesmal aus Kolumbien. Matt war in den 80ern dort. Zwischen Drogen und Maschinengewehren, und die Reise ist der Grund für die lachende Träne in den Augen der dunkelhaarigen Frau auf seinem Unterarm. Eine Tätowierung mit Herz, die atmet, die niemals sterben wird. Genau wie die Momente. Unfassbar. Ich habe bisher nichts erlebt und nichts gesehen. Nur Hörsäle und Kölschkneipen. Die Zeit meines Lebens verschwendet, mich nicht aus der Dunkelkammer getraut, darf ich nun zum ersten Mal durch einen Spalt hindurch linsen. Auf eine neue Sicht der Dinge, auf alternative Möglichkeiten der Lebensgestaltung, auf eine verrückte Welt, die uns zu Füßen liegt. Die Backpacker und Aussteiger, die hier vor mir stehen, sind mir Lichtjahre voraus, weil sie auf einem Spielplatz mit weltweitem Ausmaß leben. Ein ganzer Planet im Dienste ihrer Träume, Ideen oder Flausen. Sie stapfen durch das wahre Leben, auf welches ich nur von einer Tribüne aus schauen darf. Aber immerhin bin ich jetzt hier, Teil davon und für ein paar Tage mit dabei.

»Every second of life is like a wave, you can either take it or miss it«, sagt Giorgio.

Paul verschluckt sich vor Lachen und hustet: »Yeah, right, and you guys from Italy are a funny bunch of bastards.«

»The journey is the destination ...«, ergänzt Mike mit dem tiefsinnigen Grinsen eines erleuchteten Esels.

Alle lachen. Jeder hier ist, was er erlebt hat. Zuhause sind wir Söhne und Töchter, Nachbarn oder Angestellte, aber unterwegs verliert all das seine Bedeutung. Wir sind Reisende, auf dem Weg ins Leben, irgendeine Route entlang und irgendwohin.

Scott steht auf Surffilme. »In Pointbreak Bodhi told us everything: You have to lose yourself, to find yourself.«

Milchmädchenphilosphie vom Feinsten und jetzt haut jeder einen raus. Silvia surft nicht, mag weder Sand noch Salzwasser, und ich habe keine Ahnung, was sie hier macht. Aber auf dem Klo hat sie etwas entdeckt: »It was somethin’ like: Life’s like a wave, you can’t stop it, but you can learn to surf.«

Paul schmeißt sich vom Stuhl, kniet betend nieder und zieht sich an Silvias Beinen wieder hoch.

»Oohhmmm«, stimmen die beiden Iren ein. Ich trinke aus und latsche zur Theke. Heineken. Dann kehre ich in die heitere Runde zurück, in der ich ewig bleiben könnte, um zuzuhören, und in deren Fußstapfen ich treten sollte, um mich irgendwann selbst zu finden. Was immer das bedeuten mag. Ich schaue mir jeden Einzelnen an und proste Alex dabei zu. Scott fährt sich durch die schulterlangen Haare und blickt verborgen durch den Raum. Als wenn er etwas sucht, als wenn ihm etwas fehlt. Manchmal huscht da auch ein Schatten über die Gesichter. Wie eine dunkle Seite hinter den Masken dieser Lebenskünstler, die ich so bewundere. Ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht Einsamkeit, womöglich ein aberwitziger Wunsch nach Heimat, Routine oder Spießigkeit. Unvorstellbar, da ich ja genau dem gerade erst entkommen bin. Die Jungs hier sind voll auf Achse, unterwegs und auf und davon. Ungebunden oder einsam. Helden der Freiheit, die nichts mehr haben, außer der Frage, ob das reicht. Eine schwacher Augenblick nur, denn dann bestimmt wieder das fröhliche Lachen unsere vergnügte Runde, und das Geschenk des Lebens, alles tun und lassen zu können.

Mike bestellt ein Tablett Schnaps, weil wir jetzt hier sind und später weiterziehen müssen. Wir heben das Glas. »Auf die Zukunft. Eine segensreiche Zukunft«, schlägt Giorgio vor.

»Eine unvorhersehbare«, ergänzt Paul.

»Auf die Überraschungen«, findet Matt, »weil die in jedem Fall noch kommen werden.« Also auf ein Leben zum Lernen, mit Höhen und Tiefen, mit Liebe und Schmerz und allem, was dazu gehört. Na dann: Prost!

Nach neun Tagen sitzen wir wieder im Taxi. Am Steuer sitzt Madé. Natürlich. Er erklärt uns, was hier jeder weiß und für uns das letzte Geheimnis dieser Insel bedeutet: »Madé« heißt Zweitgeborener und ist eben deshalb so häufig Bestandteil der balinesischen Namen.

Wir fahren den Weg zurück zum Flughafen, lehnen uns in die Kunstledersitze auf der Rückbank und schauen aus dem Fenster. Bali rast vorbei. Dankbar erhalten wir Fahrtwind in der beginnenden Mittagshitze und kommen voran, durch den hektischen Verkehr, vorbei an grünen Palmen und über die staubigen Straßen. Die alte Strecke als neuer Mensch. Wir kennen Bali wie die Taschen unserer noch feuchten Boardshorts und sind gewappnet für den nächsten Kontinent. Unser Flug von Denpasar nach Brisbane ist ein Katzensprung, ein Steinwurf in das nächste Abenteuer, der Anfang von einem noch völlig offenen Ende mit weltweiten Folgen.

III. Australien, 1996

In Brisbane angekommen, fahren wir zu Jodie, die ich vor ein paar Monaten in Deutschland kennengelernt habe. Als wir abends eintreffen, sind schnell die ersten Biere getrunken. Wir bestaunen das gemütliche Holzhaus, die Bewohner und die minütig lauter werdende Musik, zu der sich Krach von nebenan mischt. Ein lachender Krieg der Musikanlagen ist ausgebrochen, der enthusiastisch auf beiden Seiten des Gartenzauns vorangetrieben wird. Dank des Erfindungsreichtums der beiden Herrschaftsgebiete bleibt das Leben der Straße davon nicht unberührt. Verbündete kreuzen auf, die neue Ideen für den Wettbewerb mitbringen, um mit dem lustigsten Fest, dem dekadentesten Gelage Ruhm und Ehre zu gewinnen. Füße werden im Planschbecken gekühlt, Autositze ausgebaut, um fehlende Liegestühle auszugleichen, ein Lagerfeuer im Vorgarten entfacht, der Gartenschlauch zur Druckbetankung mit Hochprozentigem umfunktioniert, das Barbecue brutzelt, und wenn alles gut läuft, müsste in einer Stunde die Karaokeanlage eintreffen.

Es erscheinen mehr und mehr Leute. Und mehr und mehr Bier. Partybattle an unserem ersten Abend am anderen Ende der Welt. An einem Wochentag!

Wir sitzen in der viel zu engen Küche um einen Tisch, der sich irgendwo unter den leeren Bierflaschen und Dosen befinden muss. Ein paar Leute quetschen sich auf der Couch zusammen, um die Diskussionen am Küchentisch mit qualifizierten Kommentaren aus der zweiten Reihe zu versorgen. Im Epizentrum unser Reiseplan: »Wir wollen die Küste entlang und surfen.«

Roadtrip ist angesagt. Die Jungs und Mädels stehen hilfreich zur Seite. Mit unnützem Wissen, Lokalpatriotismus, geheimen Insider-Ortskenntnissen und Gerüchten über Flora und Fauna. Im Nu haben wir eine Liste der dringlichsten Must-do’s für die kommenden Wochen zusammen. Ich schaue mir unseren Beraterstab an. Haut- und Haarfarbe könnte direkt aus Deutschland stammen. Kein bisschen exotisch eigentlich. Trotzdem anders. Wie sie quatschen, finde ich cool. Alleine das Englisch klingt international, und mit den ausgefallenen Redewendungen sollte man im Fernsehen auftreten. Sommersprossen, wildes Haar und echte Typen. Alle lässig, alle gut drauf. Selbstbewusster als meine VWL-Kommilitonen zu Hause. Jungs, die wissen, was sie wollen oder, falls nicht, abwarten, bis es passiert. Entspannt, gesellig, sorgenfrei. Und gastfreundlich, obwohl das Zuzwinkern in dieser Runde unverkennbar ist, dieses ständige Grinsen Bände spricht. Sie ahnen etwas oder wissen es genau. Auf jeden Fall witzeln sie schon jetzt in weiser Voraussicht des Einheimischen über mögliche Schlamassel, Debakel und Schwierigkeiten, die Alex und mir bevorstehen – ohne damit rauszurücken. Diese Australier sind fürsorglich-hilfsbereit und heimtückisch-schadenfroh zugleich. Aber was soll’s, ich kippe den letzten Schluck Bier aus meiner Dose hinunter. Dann schnappe ich mir Zettel und Stift, um sicherheitshalber ein paar Notizen anzufertigen.

Unser Roadtrip soll von Brisbane zunächst Richtung Norden verlaufen, um den südlichsten Teil des Great Barrier Reefs anzusteuern. Fraser Island ist die größte Sandinsel der Welt und ebenso unbewohnt wie ursprünglich. Ein Stück unberührte Natur, echte Abgeschiedenheit, türkisfarbenes Wasser und keine Menschenseele weit und breit. Genau richtig. Von dort nach Süden, um die schönsten Strände entlang der Sunshine Coast zu surfen. Danach steht die Gold Coast auf dem Programm. Und das Beste daran: Das Abenteuer wartet direkt vor dieser Haustür. Alles, was wir brauchen, ist ein Auto, zwei Surfbretter und eine Taschenlampe für das Überleben in der Wildnis.

Am nächsten Tag stehen wir für meine Kopfschmerzen zu früh auf, um zu einem empfohlenen privaten Gebrauchtwagenhändler zu fahren. Er ist der Einzige, der ein unserem Budget entsprechendes Fahrzeug zur Verfügung stellen kann. Ein Traum in mattem Rost-Gelb. Ohne viel Papierkram besteigen wir das Gefährt der Freiheit. Der Wagen riecht muffig, was ihn aber irgendwie gemütlich macht. Wir bemerken Lenkrad und Kupplung auf der falschen Seite und begutachten die Schalter und Knöpfe aus längst vergangenen Tagen. Ich drehe den Zündschlüssel. Der Motor stottert, ächzt und springt schließlich an. Er hustet, sodass ich etwas Gas gebe, um ihn freizupusten. Die Gänge gehen rein, aber die Karre kommt kaum aus dem Quark. Ich trete das Pedal durch, worauf sich der Motor plötzlich lautstark mit Umdrehungen zum Dienst meldet. Vorsichtig lasse ich die Kupplung kommen, er bewegt sich und rollt tatsächlich voran. Wir tuckern vom Hof ...

... und rein in den Linksverkehr einer australischen Großstadt. Anders als in Indonesien läuft die Sache zwar nach klaren Regeln ab, aber wenn man nicht nur zu Fuß die andere Straßenseite erreichen muss, sondern mittendrin steckt, steht die Welt auf einmal voll auf Kollisionskurs. Alle Autos kommen ständig und ausnahmslos aus der falschen Richtung. Ich kann nur raten, wer wann und als nächstes fährt, und erst recht, wer Vorfahrt hat. Der Restalkohol ist keine große Hilfe dabei. Alex, nicht weniger engagiert (oder voller Todesangst), achtet auf Überraschungsmomente aller Art. Als professioneller Beifahrer verdeutlicht er den anderen Verkehrsteilnehmern mittels Zeichensprache unser Vorhaben oder, weitaus öfter, entschuldigt dasselbige. An der dritten Kreuzung fabrizieren wir ein heilloses Durcheinander, weil irgendwann keiner mehr weiß, was er machen soll, während wir in der Mitte stehen und ich den Wagen abwürge. Ich drehe den Zündschlüssel, nichts passiert. Zweiter Versuch ... Gott sei Dank! Manche lachen, andere hupen, bis wir durch eine unschuldige Lücke einen weniger befahrenen Ausweg finden.

Irgendwie meistern wir den Rückweg, mit vereinten Kräften und Dank der australischen Nachsicht mit zwei Verrückten im Straßenverkehr, ohne Unfall. Eigentlich war’s gar nicht so schlimm, fast souverän und beinahe unauffällig.

Zurück im Haus packen wir zusammen, bedanken uns für die Gastfreundschaft und fahren los. Als wir am Nachmittag schließlich die Tore Brisbanes hinter uns lassen, gewinnen wir mit jedem Meter die Sicherheit, die wir brauchen, für die Unsicherheit, die vor uns liegt. Die Straße führt die Küste hinauf nach Norden und in ländliches Gebiet. Während wir herumalbern, können wir gar nicht schnell genug aus dem Fenster schauen. Fremde Bäume, massive Klippen, und endlich hüpft das erste von über hundert Millionen Kängurus an uns vorbei. Alles ist neu, alles ist anders und Teil des Landes, durch das wir treiben. Keine Vorgaben schränken uns ein. Eine grobe Richtung, mit der Bereitschaft, überall und nirgends anzuhalten, lenkt uns über den Asphalt. Nach einer kleinen, zeitlosen Weile landen wir in einem verträumten Ort am Meer. Wir halten, als wir finden, was wir gesucht haben. Ein großer Moment steht bevor.

Oh, wie ich darauf gewartet habe!

Die Türglocke kündigt unseren Besuch an. Mike – leidenschaftlicher Surfer seit über zwanzig Jahren – freut sich fremde Gesichter in seinem Surfshop zu sehen und lauscht unserem Anliegen. Ihm wird die Ehre zuteil, uns unser erstes eigenes Brett mit auf den Weg zu geben. Während wir die verschiedenen Boards bewundern, weist er uns in die Geheimnisse der unbekannten Formen ein. Mike erklärt die Vorzüge von größeren Brettern, die leichter ins Gleiten kommen und mit denen man viele Wellen erpaddeln kann. Kleine Bretter mit weniger Volumen haben nicht so viel Auftrieb, sind somit schwieriger zu paddeln, aber leichter durch die Wellen zu tauchen und wendiger beim Ritt an der Wasserwand entlang.

Die Führung durch den Laden wandert von Brett zu Brett, streift die Geschichte längst vergangener Tage, hält inne bei den Gesetzen der Hydrodynamik, um zu guter Letzt von Männern zu berichten, die magische Fertigkeiten besitzen. Wir lauschen, während Mike erzählt, die Biegung streichelt und immer wieder das ein oder andere ausgewählte Exemplar hervorzieht. Dann hält er Exkalibur hoch, wiegt es in seinen Armen, fährt die Kanten entlang und übergibt es mir. Ehrfürchtig halte ich das Wunderwerk der Brettbaukunst in Händen und sehe mich damit den Strand entlanglaufen. Diese Bretter fühlen sich so unsagbar gut an, so glatt und gleichmäßig, leicht und formvollendet, dass der Heilige Gral dagegen zu einem labbrigen Pappbecher verkommt.

Nach einer knappen Stunde blicke ich auf ein gebrauchtes sechs Fuß und vier Inch langes Shortboard mit gutem Volumen in den Kanten. Der Beginn einer wundervollen Freundschaft. Denn vom ersten Moment an entwickelt sich eine besondere, eine innige Beziehung zu diesem etwa zwei Meter langen Stück in Polyesterharz laminierten Schaum und seiner schnittigen Form. Nur über eine Gummileine (die Leash) verbunden, werden wir durch dick und dünn gehen, gemeinsam zum König der Welt werden und die gewaltigsten Wellen reiten. Oder untergehen. Ein treuer Gefährte, der mich begleiten wird, in guten wie in schlechten Zeiten, und den ich zu den wundervollsten Stränden von ganz Australien führen werde.

Wir verlassen den Laden, stürzen zum Auto und eilen zum Strand, um dort weiterzumachen, wo wir in Bali aufgehört haben. Nur jetzt nicht mehr allein, sondern mit dem eigenen Brett. Wie echte Surfer! Den Wellen scheint das egal zu sein, und das Meer fährt einen weiteren Punktsieg ein.

Wir mampfen Toastbrot, während wir zusammenpacken. Ein Blick durch das Chaos unserer Karre beweist, dass wir ausgestattet sind für den bevorstehenden, ultimativen Trip an der Ostküste von Australien. Ein Haufen Klamotten, ein Campingkocher samt Topf, ein Zelt und die Surfbretter füllen unser Auto und eröffnen alle Möglichkeiten, die Down Under zu bieten hat. Symbole der Freiheit und Werkzeuge für das Leben in der Wildnis am anderen Ende der Welt. Ein paar Kanister Wasser, zwanzig Dosen Baked Beans und Unmengen Toastbrot, für das leibliche Wohl. Alles bunt verstreut auf der Rückbank und im Kofferraum.

Nur eins fehlt noch: Die Quelle der Weisheit. Denn zu einem Roadtrip durch Australien gehört Marihuana wie dreckiges Geschirr in die standesgemäß versiffte Zivi-Bude. Der Turbo für die Welt – oder der Kinderwagen, weil man langsamer wird und banal genug, um die Momente endlich von der Logik, endlich vom Denken zu befreien. Zen und Bewusstseinserweiterung. Für die unvergesslichen Augenblicke, für das Unfassbare, für die Ewigkeit und vor allem für unseren Trip durch Australien. Und außerdem: Lachen ist gesund.

Nach reichlicher Überlegung fahren wir zu Mike in den Laden zurück und stellen schüchtern die verbotene Frage. Die pure Verlegenheit ins Gesicht geschrieben, grinst er, geht in eines der hinteren Zimmer und überreicht uns ein Beutelchen mit den göttlichen Kräutern. Er sieht uns gewappnet für den Trip, als ob er voraussieht, was geschehen wird. Die beiden deutschen Grünschnäbel wissen weniger als nichts und werden mehr als alles richtig machen. Bevor wir den Laden verlassen, gibt er uns noch das allgegenwärtige australische Lebensdogma mit auf den Weg. Die magischen drei Worte, die vermuten lassen, dass Buddha persönlich einen Abstecher nach Australien unternommen hat, um seine tiefste Weisheit in die Alltagssprache zu infiltrieren. Die meist genutzten Worte in Down Under. Worte, die uns an allen Ecken und Enden begegnen werden, spricht uns Mike jetzt weise wie gelassen hinterher: »… and no worries, mates!«

Wir finden eine schöne Ecke zum Parken, vor der eine große, seichte Lagune in der Dunkelheit ruht. Unter einer funkelnden Kuppel aus tausend Sternen stopfen wir köstliches Toastbrot mit kalten Baked Beans in uns hinein. Die Wocheneinkäufe werden locker bis morgen reichen. Ich sitze auf dem Fahrersitz und Alex kaut daneben. Die Konservendose zwischen den Beinen und das Brot auf der Handbremse, wandert Löffel für Löffel und Scheibe für Scheibe in meinen Rachen. Mikes Beutelchen wartet auf dem Armaturenbrett. Zeit, den ersten Tag auf Achse gebührend zu beenden.

Bei der technischen Umsetzung unseres Rauschvorhabens ist Kreativität gefragt, weil wir weder Zigaretten noch Joints drehen können. Also basteln wir ein Rauchwerkzeug aus einer leeren Plastikflasche und einem Wasserkanister. Im Fachjargon: Eimerrauchen. Ein einziger Atemzug, der die ungeübte Lunge zerfetzt und uns eine mächtige Dosis Marihuana direkt ins Hirn jagt. Keine Ahnung, was dort genau geschieht. Die überforderten Synapsen spielen verrückt und entfachen ein verwirrendes Feuerwerk der Sinne. Kreativität und Naivität nehmen zu, während Problembewusstsein und Tatendrang abnehmen. Die Gedanken wandern freier umher und treffen unter Umständen auf neue Weltsichten und phänomenale Erkenntnisse – zumindest bis die Wirkung nachlässt. Die Augen spielen gerne Streiche und die Logik verliert ihre Monopolstellung bei der Analyse der urkomischen Welt. So sitzen wir in den sicheren vier Wänden unseres Autos, reden irgendeinen Quatsch und lachen uns an einem Streifen schlapp.

Dann hält Alex inne. Er sieht nachdenklich aus und seine Miene verfinstert sich. Langsam, noch zweifelnd, aber plötzlich sehr deutlich. Dann sehe ich es auch. Wir starren beide auf seinen rechten Handrücken, auf dem sich zwei kleine, etwa zwei Zentimeter voneinander entfernte, blutige Male abzeichnen.

Totenstille.

Das kann doch nicht sein. Verdammt. Ist das echt ein ...? Ja. Ein Schlangenbiss! Wie ist das möglich und warum hat Alex nichts bemerkt? Viel wichtiger als alles wie und warum ist die Frage: Was nun? UND: Wo ist das Viech jetzt?! Ich rutsche im Fahrerfahrersitz hin und her, und suche die Ecken und Nischen der ahnungslosen Karre ab. Die Kopfhörerkabel von meinem Walkman auf der Rückbank jagen mir für eine Sekunde einen Infarkt ins Herz. In Australien gibt es mehr giftige Schlangen als irgendwo sonst auf der Welt, und eine davon befindet sich in diesem Auto. Schlimmer, sie hat bereits zugeschlagen. Gibt es ein Antiserum? Wo ist das nächste Krankenhaus und wie sollen wir in unserem verrauchten, verblödeten Zustand dorthin gelangen? Undenkbar, jetzt das Auto zu bewegen. Tod durch Unfall oder Dahinsiechen durch Gift.

Bloß keine Panik kriegen und den Verstand benutzen. Logisch denken, obwohl über tausend Dinge durch meinen Kopf wirbeln. Das ist voll krass, aber wir müssen unbedingt den Kreislauf unter Kontrolle bringen. Damit sich das Gift nur langsam ausbreiten kann. Wir brauchen Informationen über die Schlange, die Wirkung, die richtigen Maßnahmen. Und viel Wasser trinken ist immer gut. Vielleicht Fenster runter und frische Luft. Alles verrückte Verwirrung in meinem Hundehirn. Alex sieht keinen Deut besser aus. Müssten nicht längst die ersten Symptome auftreten, sich das nahende Ende in irgendeiner furchtbaren Form ankündigen? Wir müssen reden. Ich setze an und wähle gemütlichen, möglichst harmlosen Plauderton: »Sag mal, merkst du schon was? Ist irgendwas anders?«

Alex antwortet mit stummem Starren auf seine Hand. Und Kopfschütteln.

Gibt es eigentlich ungiftige Schlangen in Australien?, halte ich gerade noch zurück und sage stattdessen: »Wenn du jetzt noch nichts hast, passiert auch nichts mehr!«

Stummes Starren und Kopfschütteln.

»Jetzt sag doch mal was.«

Stummes Starren, Kopfschütteln.

»Geht’s dir irgendwie schlecht?«

Stummes Starren, Kopfschütteln. Dann ein tiefes Schnaufen: »Weiß nicht genau.«

Immerhin. Mit ein bisschen gutem Willen ein erfreuliches Zeichen. Wieso habe ich die Drehscheibe aus Pappe nicht eingepackt? Eine Mitbewohnerin von Jodie hatte sie mir vorgestellt, erklärt und angeboten. Ich habe lachend abgewunken. Das Hilfsmittel für Australien. Mit Abbildungen der giftigsten Schlangen und den Erste-Hilfe-Maßnahmen im Bissfall.

Todesotter – Zwei Stunden Zeit, um das nächste Krankenhaus zu finden,Kupferkopfschlange – Abbinden, dann Blut und Gift mit dem Mund absaugen und ausspucken,Taipan – Das Körperteil in kochendes Wasser halten (oder abwarten, bis die Atemlähmung einsetzt).

So was in der Art.

Ich entscheide, Alex nicht in meine Gedanken einzuweihen, geschweige denn darüber zu diskutieren. Das führt zu nichts. Lieber Kapitulation, denn Alex ist zwar versteinert, aber atmet. Die Zeit steht still. Also warten. Warten auf einen Ausweg, auf ein Ende dieser Nacht und auf ein Ende, das nicht das Ende ist ...

Ein paar grelle Sonnenstrahlen scheinen durch die verschmutzte Scheibe direkt ins Auto. Der kleine Kopfschmerz, der hinter meiner Stirn sein Unwesen treibt, lässt mich blinzeln. In meinem Mund klebt pelziger Geschmack und es riecht muffig. Neben mir: ein zusammengekrümmter Alex.

Der Schlangenbiss!

Er räkelt sich und öffnet die Augen. Keiner sagt etwas, denn es ist wahr. Wir sind mächtig verpeilt, steif und verspannt zwar, doch bei bester Gesundheit. Wir haben überlebt. Die rötlichen Male zieren weiterhin Alex’ Hand, sehen aber eigentlich eher wie zwei gewöhnliche Kratzer als wie der Biss einer todbringenden Schlange aus. Etwas dämmert. Bloß gewöhnliche Kratzer. Sahen die kleinen Wunden gestern Abend irgendwie anders aus oder haben wir ein wenig überreagiert? Sind wir den göttlichen Kräutern nicht gewachsen? Grünschnäbel. Bewusstseinserweiterung im Kindergarten. Aber eigentlich witzig. Also jetzt. Ich schmeiße den Wagen an und wir fahren zum Strand.

Die Landstraße führt die Küste hinauf. Nach ein paar Stunden erreichen wir die südlichste Spitze des Great Barrier Reefs, welches sich über 2.500 Kilometer entlang der Ostküste Australiens erstreckt. Ein Schild am Straßenrand verheißt über 9.000 Inseln, die von Korallen umgeben sind und ein schillerndes Ökosystem voller Leben bilden. Naturliebhaber der ganzen Welt sind herzlich willkommen, um nicht mehr und nicht weniger als die artenreichste Region der Erde zu erforschen.

In dem kleinen Städtchen Town of Seventeen Seventy laufen wir in einen älteren Mann. Bill, ein Kerl wie ein Baum. Nein, eher wie ein Baumstamm. Kurz und kompakt, aber mit bestechender Aura. Er hat einen Riesenkopf mit grauem Haar und grauem Bart. Dafür fehlt der Hals. Er fährt seit über vierzig Jahren zur See, oder besser gesagt, zu den Riffen. Jeden Tag, also auch heute, und in zwei Stunden geht es los. Einladender können Augen nicht lachen. Erfahrung und Begeisterung sprechen daraus und eine tiefe Liebe zu dem achten Weltwunder direkt vor seiner Haustür. Eine Stunde später sind wir Teil einer kleinen Gruppe und schießen über die in der Sonne schimmernde See. Der Fahrtwind bläst uns ins Gesicht, während Bill in der Mitte steht und in aller Seelenruhe seine Geschichten erzählt. Seemannsgarn aus der guten alten Zeit und die neuesten Erkenntnisse über den Zustand der Riffe.

Irgendwann erreichen wir die Trauminsel. Gerade so groß wie ein paar Fußballfelder, wird sie von einem riesigen Korallenring umgeben. Als wir durch eine Passage in seichtes Gewässer vordringen, verwandelt sich das Tiefblau der See in strahlendes Türkis. Vorfreudig und zu gespannt für Schnorchel-Theorie, bleibt die Einweisung kurz und knackig. »Die kleinen Riffhaie sind ungefährlich. Und wer mal etwas tiefer tauchen möchte, nicht vergessen, zwischendurch wieder nach oben zu kommen, um Luft zu holen.«

Einer nach dem anderen plumpst ins Wasser. Eins hat mir Bill noch an Land zu verstehen gegeben: Man muss sich auf das Tauchen einlassen. Nicht den anderen Beckenrand erreichen wollen, sondern da sein, sich ergreifen lassen. Dann erlebt man eine Menge.

Ich rücke die Brille zurecht und tauche unter. Meine Gehörgänge laufen voll, füllen sich mit schwerem Wasser, wodurch sich eine tiefgehende Ruhe in meinem ganzen Körper ausbreitet. Es gluckst und blubbert in mir, so als würde ich Teil des Meeres werden. Die physikalischen Gesetze verlieren ihre Gültigkeit. Alles schwebt. Endlich, denn die harmonische Stille und Langsamkeit ermöglichen innere Einkehr. Worauf ich nun treffe, hätte ich nicht zu träumen gewagt: Die Farben sind so fantastisch, dass jeder Vergleich verblassen muss. Die hügelige Landschaft des Riffs leuchtet in einem bunten Glanz, der mich glatt vom Hocker haut. Algen, Krebse und eine wundersame Felsformation nach der nächsten. Jede einzigartig und unendlich schön. Voller Frieden und Gelassenheit. Jetzt gesellen sich die Fische hinzu. Mir wird klar, warum Fische nicht sprechen können. Sie müssen sprachlos sein – bei all der Pracht. Manche behandeln mich wie Luft, schwimmen ruhig vorbei. Andere halten inne, mustern mich oder staunen einfach. Jeder wird zu einem glanzvollen Wunderwerk aus Fühlern, Kiemen, Flossen und allerlei kuriosem Fischdetail. Ihre Farben sind saftig grün, leuchtend lila, blutrot, sonnig gelb, tiefblau, und betrachtet man sie genau, erkennt man die Gesichtsausdrücke. Fische, die schmunzeln oder sich naiv verwundern. Putzig. Manch einer begriffsstutzig, andere allwissend. Ich sehe ein Exemplar, das ein Kicherfisch sein muss, weil der kleine Geselle so irre dusselig durch die Gegend grinst.

Es gibt ein Gerücht, ein Märchen. Nämlich, dass Fische kein Gedächtnis haben. Unfähig sich zu sorgen und ständig nur im Moment leben. Gute Fische, weise Fische, wundersam erleuchtete Fische! Das muss ich Alex unbedingt erzählen. Gleich oben auf dem Boot. Oder im Auto. Und Bill fragen, ob das stimmt. Wie gleich? Wann? Okay, Fokus verloren. Unachtsamkeit, voller Gedanken, also Zeit zum Auftauchen, denn ich bin zu abgelenkt, um mehr zu erleben.

Als mein Kopf durch die Oberfläche bricht, kehre ich zurück in die Welt unter der Sonne. Uninteressant. Also tauche ich wieder unter und ein und werde belohnt. Und wie! Eine Schildkrötenfamilie, Mutter mit fünf Kleinen im Schlepptau, schwimmt wie auf eine Schnur gezogen vorüber. Putzige Seepferdchen schwirren umher. Ein gewaltiger Rochen gleitet über Seesterne und Korallen. Noch atemberaubendere Riffformationen ragen am Horizont der Unterwasserwelt empor. Überhänge, Krater, Höhlen. Bewohnt von unzähligen kleinen und großen Lebewesen. Krebse, Muscheln, Algen, Seeigel, Würmer und ein Tintenfisch. Wieder grün, lila, orange und jegliche Couleur dazwischen. Alles scheint eins. Ein herrlicher Kosmos, der alles vergessen lässt. Und alles vergessen hat. Keiner hier schert sich um die Sorgen der Welt. Ein zeitloses Aquarium und eine unbezahlbare Gelegenheit. Nichts zu tun, als zu beobachten und den Denkapparat endlich mal zur Ruhe zu bringen. Die einfach schwierigste Aufgabe der Welt, das Lebenswerk von Mönchen oder die spirituelle Übung der Yoga-Großmeister auf ihren Gummimatten, gelingt uns hier kraft Zen und der Kunst des Schnorchelns.

Auf dem Weg zurück zum Festland wechseln sich in unserer Gruppe sprachlose Begeisterung mit gemeinsamer Freude ab. Das holländische Taucherpaar referiert über Flow, Leben total, intensive Momente, über Versenkung frei vom Denken, über Bewusstseinserweiterung, über Zen und die Wirkung auf Körper und Geist. Bill bringt’s auf den Punkt: »You guys are stoked!«, grinst er.

An Land gehen wir auseinander und sind doch für immer verbunden, durch nichts Geringeres als eine tiefe, meditative Erfahrung oder einfacher: einen Riesenspaß.

Wir schlafen an einem nahegelegenen Strand im Auto und springen in der Dämmerung des Morgens in die Fluten. Im selben Element ein gänzlich anderes Erlebnis. Wieder ist höchste Aufmerksamkeit gefordert, aber diesmal, aufgrund der einschlagenden Wellen, notwendiger. Zen und die Kunst der Waschmaschine. Das Meer hat viele Gesichter, eins über und eins unter Wasser. Zurück an Land stellt sich derselbe euphorische Effekt ein: Wir sind stoked.

Ein Info-Flyer informiert, und ich referiere im Auto: Fraser Island, ehemals bekannt als Great Sandy Island, ist die größte Sandinsel der Erde. Über 750.000 Jahre hat sich Sand auf dem darunter liegenden vulkanischen Felsgestein angehäuft und eine Insel von 120 Kilometern Länge und 25 Kilometern Breite entstehen lassen. Ein riesiger Sandkasten, der darüber hinaus ein paar Flachmoore und Heideland beherbergt. Davon abgesehen ist die Insel menschenleer.

Bis an die Zähne bewaffnet mit Campingequipment und Überlebenswerkzeug, setzen wir am frühen Vormittag mit der Fähre hinüber und wandern die endlosen Sandstrände entlang. Es ist warm und sonnig. Und einsam. Unser Ziel ist das Ende der Welt und kein Deut weniger. Nach einer guten Stunde fordert das Gewicht der Ausrüstung eine Lagerstelle. Wir haben keinen Bock mehr zu schleppen, lassen alles stehen und liegen und springen ins Meer.

Als wir uns abtrocknen, weiht mich Alex in das weitere Vorgehen ein. Den unumstößlichen Plan: »Wir werden die Insel rauchen, um mit ihr eins zu werden!«

Klingt vielversprechend. Wir finden ein Wasserloch am Strand, in das Alex die geladene Plastikflasche hineinführt, worauf wir uns mit einem Atemzug aus dem Universum schießen.

Wir bleiben in Rückenlage liegen. Wie hilflose Käfer. Langsam verschwindet die Wirklichkeit, verlieren Gesellschaft, Australien, Häuser oder Straßen ihre Existenz. Was bleibt, sind wir und die verlorene Insel. Die letzten beiden Exemplare der Spezies Mensch an einem vergessenen Hort der Natur. In diesem Moment zaubert Alex einen kleinen Kassettenrecorder hervor und drückt auf die Play-Taste. Miles Davis erklingt, spielt Jazz und seichte Aufzugmusik. Könnte nicht besser passen, weil die sanften Trompetenklänge jetzt den endlosen Strand in ihre Arme schließen. Und uns mit. Unendlich beruhigend. Toller Swing, spezieller Moment. Alex grinst. Vor Wochen hatte er die Idee mit der Musik an einem entlegenen Strand, seit Wochen hat er auf diesen bekifften Augenblick gewartet, den Recorder vor mir versteckt. Beste Vorbereitung, denn der Plan geht auf und schafft seine Atmosphäre.