Boarderlines - Fuck You Happiness - Andreas Brendt - E-Book
Beschreibung

"Ich stehe vor dem Lehrerzimmer. Zehn Jahre lang bin ich durch die Welt gereist, um jetzt vor dieser Tür zu stehen. Naja, Hütte im Dschungel kann ja jeder." Nach zehn turbulenten Reisejahren ist Andi zurück in der Heimat und stürzt sich in das Experiment Deutschland. Er probt den Alltag als Lehrer und manchmal auch den Aufstand, denn Routine und Beamtenapparat graben ihm das Wasser ab. Doch dann kommt sie: Paula. Andis Welt steht Kopf und die Sehnsucht nach Meer wird unbezwingbar. Gemeinsam brechen sie auf, finden das Abenteuer, leben die Liebe und lieben das Leben. Bis sie den Boden unter den Füßen verlieren und alles aus der Bahn geworfen wird. Plötzlich befindet sich Andi auf der abenteuerlichsten Reise seines Lebens – ohne davon zu ahnen. "Fuck You Happiness" ist die heiß ersehnte Fortsetzung des Erfolgsdebüts Boarderlines. Noch mehr Reisen, noch mehr Abenteuer, noch mehr Liebe – zum Surfen, zu Menschen, zum Leben.

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Boarderlines – Fuck You Happiness

»Das Schicksal der Wellenreiter ist ein Abenteuerbuch. Tausend unstete Seelen, deren Liebe zum Ozean sie auf die Suche schickt, um den Traum von der perfekten Welle am Ende der Welt wahrzumachen.«

Zehn Jahre lang ist Andi durch die Weltgeschichte gereist – immer auf der Suche nach Meer. Nun ist er reisemüde, denn ständig unterwegs zu sein kann auch einsam machen. Bereit für neue Taten kehrt Andi zurück auf die heimische Bühne, und die Komödie im Klassenraum kann beginnen. Der Alltag ist aufregend und gibt seinem Surfer-Dasein neuen Tiefgang. Aber rechtschaffende Routine, pedantische Vorgesetzte und ein unbezwingbarer Beamtenapparat nehmen ihm die Luft zum Atmen.

Grund genug, wieder aufzubrechen und sich in neue Abenteuer zu stürzen. Asien, Afrika und Lateinamerika. Glückspropheten, sprechende Pelikane, Naturkatastrophen und echte Gangster mit geladenen Pistolen ...

Und dann kommt sie: Paula.

Die Welt ist rund und rotiert im Takt, denn endlich ist Andi nicht mehr allein. Gemeinsam ziehen sie los, schweifen in die Ferne, fühlen das Wunder der Freiheit.

Doch plötzlich geraten sie ins Schleudern und Andi fällt in ein tiefes Loch, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Und damit hat die abenteuerlichste Etappe des Weitgereisten gerade erst begonnen ...

Widmung

Für Paula ...

... nee, doch nicht :)

Ein Boot ist am sichersten im Hafen, aber es wurde nicht für den Hafen gebaut. – Gina

Live is not a problem to be solved, it’s a mystery to be lived. – Osho

Ach, leck mich! – Andi

- Alle Personen und Taten in diesem Buch sind frei erfunden.

- Es gibt keine Zombieameisen.

- Ich habe den Colaautomaten nicht in die Luft gesprengt.

Inhalt

Prolog

I. Mitten rein!

II. Erlebnis ist Einstellungssache

III. Sri Lanka, 2005: Missing is great!

IV. Missing is ungreat!

V. Plauderei mit dem Anführer

VI. Notfallschnaps und heilige Bananen

VII. Zwerge haben kurze Beine

VIII. Teilchenbeschleunigung

IX. Senegal, 2006: Sprechende Pelikane und Glückspropheten

X. Dankbarkeit für jede Kakerlake, die man nicht erfinden muss

XI. Das Ende vom Anfang oder der Anfang vom Ende

XII. Mittelamerika, 2007: Pura Vida

XIII. Spanien, 2007: Spionage und Explosionen

XIV. Back to the Future

XV. Mexiko, 2009: Rühreier und geladene Pistolen

XVI. Ich kenne das Gefühl

XVII. Mentawai, 2010: Up to ju, my friend

XVIII. Der Prozess beginnt

XIX. Marokko, 2010: Komische Bohnen und arabische Helfer in der Not

XX. Die Axt Gottes

XXI. Nichts als die Wahrheit

XXII. Sabbatical: Monsterwellen in Mexiko, Langschwerter in El Salvador und der Dolchstoß in die Seele

XXIII. Nichts ist besser als alles

Was danach geschah

Aus dem Nähkästchen

Autor Andreas Brendt

Impressum

»Boarderlines« (Leseprobe)

Prolog

Was war das Krasseste, das du jemals gemacht hast?

Somewhere in Mexico Bonn, 7. April 2014

Eine Sekunde Stille, der Moment holt Luft ...

BÄM!

Ein Klavierakkord hallt durch den Raum.

UuuUunchain my heart ...

Joe Cocker raunt verzweifelt durch die Menge, katapultiert seine Seele in die Zeilen, ist nicht mehr aufzuhalten.

... Baby ...

... let me be ...

... set me ... free ...

Schön!

Dann der Bass. Gewaltig! Der Beat hämmert, der Rhythmus übernimmt den Lauf der Dinge. Der Spirit voll da, in den Köpfen, in den Leibern. Menschen in Bewegung, Gläser klirren, der Song infiziert die Leute ...

... vermute ich, denn ich war noch nie hier, kenne keinen und frage mich, wie ich nur auf die Idee gekommen bin. Bescheuert. Mit der Bahn wäre ich in 37 Minuten wieder zurück in Köln. Timmi, Jens und Caffa sind bestimmt noch unterwegs. Ohne mich. 37 Minuten.

Aber noch nicht, noch halte ich das aus. Noch ein Drink.

Samstagabend allein auszugehen ist ein komisches Gefühl. Wie bestellt und nicht abgeholt. Irgendwie überflüssig. Man ist fremd und allein, vor allem, weil man mit dem Alleinsein allein ist.

Alleine weggehen ...

... ist irgendwie auch wie Reisen. Weit weg reisen. Alles ist fremd, alles ist unsicher, das Leben unzurechnungsfähig. Jemanden kennenzulernen ist Abenteuer. Es gibt keine Vorabinformation, man muss keinem Bild entsprechen, nichts wird weitererzählt und man kann damit spielen, man selbst zu sein. Die zarten Seiten zeigen oder die harten, was immer gerade an die Oberfläche will. Es gibt weniger Vergangenheit und weniger Zukunft. Kaum Erwartungen und vor allem: keine Folgen. Was in der Fremde geschieht, bleibt in der Fremde, und das kann ungeheuer befreiend sein. Auch in Bonn.

»Was war das Krasseste, was du jemals gemacht hast?«

Ihre Augen sind wunderschön, die Gesichtszüge bezaubernd.

Die Kellnerin eilt heran, stellt zwei Longdrinks vor uns auf die Theke, kassiert, hetzt zur Kasse, greift drei Bier, haut sie auf den Tresen. Der Laden ist voll, die Luft heiß. Überall Gedränge, wir in der Mitte. Abgeschottet, eingekreist von namenlosen Körpern, Joe Cocker irgendwo hinten bei den Boxen.

»Du meinst so Zeug wie Fallschirmspringen, eine haushohe Welle surfen, Schweigemeditation im Kloster oder ein Buch schreiben? Sex im Park? Oder bei bewaffneten Gangstern Drogen kaufen? Solche Sachen?«

Sie wirft die Haare nach hinten. »Ja, genau. Was ist dein spannendstes Erlebnis?«

»Was ist denn deine beste Geschichte?«

»Ich bin sechs Monate mit dem Rucksack durch Asien gereist und drei Monate durch Südamerika. Das Semester in Texas war auch irgendwie irre, aber jetzt sag du!« Sie neigt den Kopf und zieht die Augenbrauen hoch.

Kribbeln in der Magengegend. Erwartungsdruck. Noch keine Panik. Nervosität vielleicht, aber auch Vorfreude, weil mir jetzt gleich irgendetwas ungeheuer Gutes einfällt.

Also, hoffentlich!

»Ist doch blöd, eine schöne Frau auf Kommando maximal beeindrucken zu müssen.«

»Schleimer! Und ist doch egal, ist doch nur ’ne Geschichte. Außerdem hab ja ich gefragt.«

»Okay. Lass mich überlegen.« Ich gehe die Liste von gerade in Gedanken durch und ergänze ein paar Storys, die außergewöhnlich klingen. Verrückt, was da alles zusammenkommt. Verschiedene Orte blitzen auf, viele Tausende Kilometer entfernt, Augenblicke kehren zurück, Spektakuläres und Gewöhnliches. Menschen, Gefahren, Emotionen ...

»Ich bin zu einem alten, weisen Mann nach Hawaii geflogen.«

»Und dann?« Die Neugierde in ihren Augen leuchtet. Neben der Lebensfreude. Eine Frau zum Verlieben, der Moment wie im Traum.

»Dann habe ich zwei Stunden in seinem Wohnzimmer verbracht und er hat mich verzaubert.« Das klingt wirklich schön. Wie im Märchen. Hatte ich fast vergessen.

»Wie, verzaubert? Mit Voodoo?«

Voodoo? Voodoo ist gut! Voodoo ist Weltklasse!!!

»Nein, anders«, und jetzt muss ich lachen, werde von einer Welle der Freude überrollt, »er hat mir nur den Sinn des Lebens gezeigt.«

»Ooohhh«, sie klatscht in die Hände. »Und wie bist du dahin gekommen?«

Diese Augen sind tiefer als der Ozean.

»Ach, das«, ich nippe an meinem Drink, »das ist eine lange Geschichte ...«

Es ist wunderschön, mit ihr zusammenzusitzen, das Richtige zu sagen. Fremd und allein ist lange her, fremd und allein ist jetzt unschlagbar gut. Fremd und allein hat all das erst möglich gemacht.

Sie haut mir fröhlich auf den Oberarm. »Erzääähhl!!!«

Vielleicht wären die anderen Punkte einfacher gewesen. Gangster, Drogen, wilde Tiere. Amüsant, schnell, spektakulär.

Aber ihre Frage war eindeutig – herrje, wo fange ich nur an?

I. Mitten rein!

Langenfeld, Dienstag, 1. Februar 2005, 7.35 Uhr

»... und in dem Gang hier rechts versammeln sich die Honks.«

»Honks?«, frage ich.

»Hauptschüler Ohne Nennenswerte Kenntnisse, die Handelsschule. In den oberen Etagen befinden sich die Ausbildungsgänge des dualen Systems. Im ersten Stock die Automechaniker, darüber Arzthelfer und Drogisten. Die Einzelhändler sind in diesem Jahr ganz oben. Sehr lustige und liebe Jugendliche, solange sie nichts auf den Parkplatz werfen oder einer aus dem Fenster springt.«

Die ältere Dame mit dem Blumenkleid lächelt, grüßt und nickt, während wir durch das Gebäude irren. Eine herzensgute Seele mitten im Chaos aus viel zu vielen Menschen, Türen und Gängen. Alle drängeln, lachen, rufen, schubsen und es wird gerempelt wie auf einem südamerikanischen Busbahnhof. Einziger Unterschied: Ich muss weder auf Taschendiebe achten, noch mein Gepäck beschützen.

Dafür Reizüberflutung aus zerdrückten Getränkepackungen, engen Jeans, bauchfreien Tops, Fellkragen und in jeder Hand ein Mobilfunkgerät. Die Fingernägel der Mädels leuchten, die Haare der Jungs glänzen, die Frisuren ... Die Frisuren sollen Frisuren sein.

Was für Geschöpfe! Potentielle Kneipenfreunde oder herzlose Kleinkriminelle. Aber egal, manchmal muss man das eine in Kauf nehmen, um das andere zu bekommen.

Always looki looki hat mir eine weise Frau in Peru mal mit auf den Weg gegeben, nachdem mir ein vernarbter Fischer am Vorabend fast das Herz rausgerissen hatte.

Also Aufmerksamkeit, das immerwährende Geheimnis. Denn Aufmerksamkeit ist alles, egal ob am Busbahnhof in San Salvador oder hier im Getümmel. Wobei diejenigen, die nach brutalem Haudegen aussehen, ja meist die liebevollen Kandidaten sind. Die Undurchsichtigen, die Unauffälligen sind da viel gefährlicher. Auch hier.

Aber ruhig Blut. Ich bin in einer deutschen Schule. Und ich bin der Einzige in überlebenstauglicher Cargohose. Die anderen sind im Discooutfit, die Klamotten irgendwo zwischen Boygroup und Minimafiosi.

Hat da gerade jemand Integralrechnung gesagt? Könnte auch intravenös gewesen sein. Von rechts Wortfetzen mit langgezogenen Vokalen aus den unter Strom stehenden Menschen in den aufgestylten Körpern.

»Ich schwöööre!«

»Konkreed.«

»Gib ma Hääändy!«

»Ääh, dein Vatahr is ne Amaihse!«

Wir laufen weiter, um uns herum sind alle gut drauf, alle hellwach, weil hier Scheißschule noch zelebriert wird und selbige immerhin der Grund für die Party auf den Gängen ist. Die Streber sehen aus, als unterhielten sie sich über notwendige und hinreichende Bedingungen von lokalen Extremwertpositionen. Tun sie aber nicht, so viel weiß ich noch von früher.

Trotzdem alles fremd. Wie Lateinamerika. Oder Indonesien: Same same but different, und das habe ich immer schon geliebt!

Neu ist gut, neu ist spannend, und der Drang erwacht, mich irgendwo dazuzustellen. Den Bandenanführer kennenlernen, mit den Schurken Geschäfte machen, hinter die Oberfläche gucken. Geht aber nicht, denn heute soll ich auf der anderen Seite mitspielen.

»Soooo, da sind wir. Schlüssel haben Sie, alles Gute für den ersten Tag und wenn irgendetwas ist, kommen sie im Sekretariat vorbei. Wir haben immer Schokolade für die Referendare.«

Sie lächelt und ist weg.

»Danke«, rufe ich hinterher und drehe mich wieder um.

Vor mir eine Tür, dahinter ein neuer Lebensabschnitt.

Ich stehe vor dem Lehrerzimmer.

Ich saß mit einem Bein im indonesichen Drogenkerker, habe am Düsseldorfer Flughafen einen international gesuchten Terroristen gestellt, stand einem über zwei Tonnen schweren Nashorn in freier Wildbahn gegenüber, habe auf einer verlorenen Insel in der Südsee den Kommunismus erlebt. In Sri Lanka sollte ich Edelsteine schmuggeln, in Ecuador bin ich in feurigen Salsa gestolpert und in Australien einer nackten Rollschuhläuferin begegnet. Habe in Neuseeland mit einem Gewehr um mich geschossen, in Peru eine Welle mit einem Delfin geteilt, wurde auf Bali von einem Hai gejagt, habe in Spanien mit einer Königin getanzt, in Varanasi mit den Sadhus Shillum geraucht, auf Lombok über dem gnadenlosen Riff von Desert Point vier Meter große Wellen gesurft.

Und jetzt eben: Lehrerzimmer.

Naja, Hütte im Dschungel kann ja jeder.

Ich krame nach dem Schlüssel. Der Moment dehnt sich in eine kleine Unendlichkeit aus, Gedanken kreisen. Meine eigene Schulzeit – gar nicht so lange her, und was ich den Lehrern angetan habe ...

Der Schlüssel passt.

Ich bin zehn Jahre lang durch die Welt gereist, um jetzt vor dieser Tür zu stehen.

Der Schlüssel dreht sich.

Der letzte Trip nach Chile ist Lichtjahre entfernt, aber noch keine zwei Monate her.

Das Schloss gibt den Weg frei.

Was hat mich bloß hierhin getrieben? Ich habe eine Aktentasche ohne Inhalt unterm Arm, obwohl da ein Surfbrett hineingehört.

Die Tür öffnet sich, der Impuls davonzulaufen blitzt auf und dann das Innenleben.

Große Fenster, zusammengestellte, sechseckige Tische, ein Mischmasch aus Arbeits- und Wohnzimmeratmosphäre, Regale, Kopierer und ICH nach nur drei Schritten auf einmal mittendrin. Ein Fremdkörper in einem eingespielten System mit komplexen Regeln, Akten, Laufwegen, Fächern, Klassenbüchern und Charakteren, von denen mich zum Glück keiner bemerkt.

Ich bin unsichtbar. Aber wer weiß, wie lange noch, und jetzt muss eine Entscheidung her. Hier werden Weichen gestellt. Der erste Anschluss an das Kollegium ist richtungsweisend, die Entscheidung für ein Lager ist Bekenntnis zum Arbeitsethos, ein pädagogisches Ausrufezeichen, kollegiale Selektion, oder anders ausgedrückt: Wo und wer sind hier die coolen Leute?

Ferngesteuerte Schritte führen mich in die Schaltzentrale des Ameisenbaus. Fremde Gesichter, Lachen wie vor der Klassenfahrt, Zittern wie im Guerillakrieg. Manche locker, andere ernst. Hektik am Kopierer, Langeweile an den Teetassen, kokette Damen, junge Typen, alte Kerle, die alle eine Funktion bekleiden. Hauptsache Daseinsberechtigung. Ich brauche einen leeren Stuhl! Sofort.

Warum kann man eigentlich nicht einfach mal kurz stehenbleiben? Sich in Ruhe umsehen, die Lage checken? Der große Typ im Anzug sieht nach Business aus, die Frau am Fenster zurückhaltend und der mit den Hosenträgern wie ein Jäger.

Die Antwort ist einfach: Das ist kein Museum hier. Und auch kein Zoo. Wobei der Verglei...

»Setzen Sie sich doch da drüben hin, da sitzen die Sportler«, fährt mir eine freundliche Stimme ins Mark, und hoffentlich bin ich jetzt nicht zusammengezuckt. Die Sekretärin ist zurück und grätscht brutal hilfsbereit in meine gedankenverlorene Welt hinein. Ihr Finger zeigt in die hintere linke Ecke des Raums.

»Ah, okay«, antworte ich, laufe zu dem Tisch, lege meine Tasche ab und setze mich auf einen freien Platz. Kinderspiel.

Der Tisch ist der richtige, die Vorstellungsrunde geschmeidig und die Jungs sind alle nett – obwohl das ja eigentlich Lehrer sind.

Peter, André, Stefan, und die anderen Namen habe ich vergessen. Fußball gespielt wird freitags um zwei, und weil es in drei Minuten losgeht, folge ich einem von ihnen, André Knaushof, in seinen Unterricht zum betrieblichen Rechnungswesen. Deswegen bin ich ja hier.

Das penetrante Bimmeln ruft zum Appell und klingt genauso wie früher. Ich dachte immer, alles verändert sich. Gut, manches hält sich hartnäckig. Die Spezies, also der Bildungsgang, heißt höhere Handelsschule, aber es wird weder höhere Mathematik noch höhere Bildung vermittelt, wobei ich mich plötzlich frage, was höhere Bildung sein soll. Was der Mensch wissen muss, was im Leben eine Rolle spielt.

Nach ein paar Gängen erscheint die Tür. Wir treten ein. Grüne Kreidetafel, Klassenzimmer, die Luft muffig, der Geruch in den Tiefen der Erinnerung bekannt. Leute strömen hinterher, Stühle poltern, Plätze werden erobert, Taschen fliegen auf die Tische. Wildes Kramen in den Sachen, Fenster auf, Aufschrei in der letzten Reihe, der Lehrer vorne in zentraler Position, die Klasse im Blick, der Unterrichtsbeginn nur noch Sekundenbruchteile entfernt, und dann soll sich der Referendar vorstellen.

Schreck – das bin ja ich!

Plötzlich: Friedhof, ein Meer gespannter Gesichter, ich im Fadenkreuz, sechzig Augen verfolgen jede Bewegung, also stillstehen, Ruhe bewahren und der Aufgabe entgegentreten.

»Ich bin Andreas Brendt ...«,

Wen interessiert mein Nachname?

»Lehramtsanwärter ...«,

Bis vor Kurzem war ich noch Andi!

»... aus Köln.

... zwei Jahre Referendariat ...

Ich will zurück ans Meer!!!

... hier am Berufskolleg Langenfeld ...

... Wirtschaft und Sport ...

... freue mich ...

... Herr Knaushof war so nett ...

... und schönen guten Morgen.«

Stille. Dann Nicken, Flüstern, Wortmeldungen mit weiteren Fragen zu Sport, Musik, meine Meinung zu Hausaufgaben im Allgemeinen, meinen Beziehungsstatus im Speziellen. Mein Auftauchen ist Abwechslung, meine Person interessanter als Rechnungswesen, der bunte Haufen irgendwie ganz lustig. Dann fordert André die Schulbücher heraus, die Allgemeinheit murrt, aber ist bereit mitzumachen. Ich setze mich an den leeren Tisch links neben dem Lehrerpult. Nah am Feind. Eigentlich sitze ich immer in der letzten Reihe.

Meine Aufgabe lautet Nichtstun. Oder Beobachten, was ab jetzt Hospitieren heißt. Die Methode: Lehrer fragt, Schüler antwortet. André hat die Sache im Griff, auch wenn er mit dem Öffnen der Klassentür plötzlich in eine Art Großvaterrolle geschlüpft ist, was sich in der Stimmlage sowie seinen Formulierungen äußert und bei mir latentes Fremdschämen auslöst. Das sind doch keine Kinder hier.

Nach 90 Minuten: Rückzug und zum zweiten Mal ins Lehrerzimmer. Die Stimmung gewinnt an Schwung, die Lehrer sind voll auf Kurs, das Ganze eigentlich ganz spannend. An unserem Tisch sitzen jetzt auch drei weibliche Pädagogen, die mich beäugen wie den neuen Ziegenkäse im Streichelzoo.

»Referendariat ... OH MEIN GOTT!«, apokalypsiert Frau Schuler.

»Die schlimmste Zeit meines Lebens«, erinnert sich Frau Hanekamp und zückt eine Tupperdose mit Apfelstücken, die schon bessere Tage gesehen haben, während die dritte Frau ihre sehr dünnen Lippen sehr heftig aufeinanderpresst und extrem ausdrucksstark und oscarverdächtig langsam nickt: »Ganz, gaanz, gaanzzz schlimm.«

André und Stefan grinsen. Indianer kennen keinen Schmerz.

»Für kein Geld der Welt würde ich das noch mal machen«, fügt sie noch hinzu. »Aber du schaffst das, Andreas.« Sie lehnt sich in den Stuhl zurück. Die schmalen Lippen füllen sich mit Blut, worauf sie ein Butterbrot zückt, abbeißt und darauf rumkaut. Und kaut. Mindestens vierzigmal, weil die Verdauung ja schon im Mund beginnt. Andreas klingt echt scheiße! Was ist nur aus Andi geworden?

»Die machen dich zwei Jahre lang fertig, um herauszufinden, ob du die 35 Dienstjahre überstehen wirst.« Zufrieden fliegt das nächste Apfelstückchen seiner Bestimmung entgegen.

»Und fang nicht an, mit denen zu diskutieren, das ist wie Öl ins Feuer kippen«, ergänzt Frau Schuler, während sie genüsslich ihre Ohrläppchen mit einer Salbe massiert.

Das kann ja heiter werden. Heiter wie Napalm und Flächenbrand.

Ich schaue aus dem Fenster. So sieht es also aus, das Berufskolleg in Langenfeld, meine neue Wirkungsstätte, 30 Kilometer nördlich von Köln, 17.000 Kilometer von Uluwatu auf Bali.

Jeden Tag von Dienstag bis Freitag.

Naja, alles halb so wild, die ersten beiden Stunden der kommenden zwei Jahre sind ja schon geschafft.

III. Sri Lanka, 2005: Missing is great!

»Irgendwann will ich auch mal richtig reisen.«

Duty-free-Shops bleiben links und rechts zurück, wir huschen durch die Mitte.

»Wir reisen doch gerade«, antworte ich.

»Nee, das ist nur Urlaub«, sagt Chris.

»Nur Urlaub?«

»Ja, reisen ist richtig unterwegs sein, zwei Wochen ist Urlaub.«

Urlaub? Reisen? Kategorien geben Sicherheit und das Gefühl, das Leben im Griff zu haben. So hält man länger durch, macht aber im Prinzip alles falsch. Ich steuere an einer Familie vorbei, die mit ihrem Handgepäck hantiert.

»Reise oder Urlaub, alles nur Ideen im Kopf. Urlaub klingt sauber, nach Golfhotel, und bedeutet, sich von den Strapazen des Alltags zu erholen. Wer Urlaub braucht, bei dem läuft was falsch, weil sein Leben keine Party ist. Reisen klingt nach Abenteuer, nach weit weg«, kurze schöpferische Pause für den letzten Akt, »... wie Sri Lanka eben.«

Der Flughafen in Colombo erwacht, wir hetzen durch die Gänge.

»Urlaub ist immer zu kurz!«

»Klar ist Urlaub immer zu kurz, genau wie Reisen.«

»Ja, aber Urlaub ist so kurz, dass man gar nicht richtig ankommt. Da passiert nichts Richtiges. Da bleibt man Gast. Tourist. Ohne richtig einzutauchen, in alles.«

»Mein Lieber, es geht um den Moment. Das Hier und Jetzt fängt nicht erst nach zwei Wochen an. Der Augenblick ist immer da.« Ich liebe das Totschlagargument mit dem Augenblick. »Außerdem: Was ist mit Pauschalreise?« Großartige Eingebung, trotz der Uhrzeit, trotz der Umstände, also dem Versuch, als erster unserer Maschine bei der Immigration aufzulaufen.

»Pauschalreise ist ein anderes Wort für Urlaub.« So sprach er, und die Welt dankte für die Erkenntnis ...

»Von mir aus. Aber jetzt mach hin, ich will in spätestens drei Stunden im Wasser sein.«

Diese Ruhe will ich haben. Der quatscht hier rum, philosophiert über Reisen und Urlaub, während uns wertvolle Surfzeit verlorengeht. Der Urlaub hat noch gar nicht angefangen, und ich habe jetzt schon Angst, dass er zu Ende geht. Urlaub? Ach egal. Da vorne sitzen die Offiziellen von der Einreisebehörde. Dahinter geht’s los.

Mittellange Schlange bei der Passkontrolle, Gepäck kommt schnell, Bretter auch, zum Ausgang, an den penetranten Taxifahrern vorbei und draußen jemanden zum Verhandeln suchen. Drinnen ist für Anfänger. Apropos, wir sollten eigentlich Zug fahren, weil Christian das erleben muss und es außerdem auch billiger ist. Aber dafür ist keine Zeit, denn ich will heute noch ins Wasser.

Die Taxifahrer spüren, dass ich es eilig habe. Die verdienen ihr Geld damit. Also hetze ich weiter und handele den dritten Fahrer knallhart runter – um satte 2,70 Euro. Das Gefühl wie Fußballweltmeister. Taschen in den Kofferraum, Bretter aufs Dach, und für knapp 30 Euro werden wir in den Südwesten der Insel nach Hikkaduwa kutschiert.

Der Fahrer steuert sein Fahrzeug mit Würde vom Flughafengelände und richtet seine dunklen Augen kurz darauf in den Rückspiegel zu uns nach hinten. Die sehen alle so lieb aus, die Asiaten. Echte Freunde, voller Güte, voller Mitgefühl.

»You laik aircondishanings?«

»Yes, very good, thank you«, antworte ich.

»Mister, if you laik fast road, we take da new highway ...«

Davon hatte ich gehört, bin ich für ...

»... very gud and only 3 Juro for driwing.«

Das relativiert den 2,70-Euro-Verhandlungs-Sieg.

Und mal im Ernst: Die Küstenstraße kostet ihn mehr Benzin, uns mehr Zeit. Das könnte er auch ohne Aufpreis machen. Macht er aber nicht, und ich kann jetzt aus Prinzip nicht einknicken. Eigentlich. Die Küstenstraße wäre allerdings auch mehr Erlebnis, vor allem für Christian. Oh Mann.

Für den neuen Highway gibt es nur ein Wort: Urlaub. Weit und breit kein anderes Auto, kahler Beton ohne Risse. Ein Sichtschutz, der dafür sorgt, dass man nichts von der puren Schönheit dieses Landes mitbekommt.

Wer hat diese Höllenschneise in die Insel getrieben?

Nach 20 Minuten ein Loch in der Monotonie, und plötzlich gleiten wir durch tropisches Paradies. Die Stämme der Palmen sind in Morgentau getränkt und das zarte Licht der aufgehenden Sonne schimmert durch die Blätter hindurch. Ihr Glitzern verwandelt das saftige Grün der Gräser und Büsche in noch verschlafene, zauberhafte Natur.

Sri Lanka schließt uns in die Arme. Christian schweigt, ich schwelge in Erinnerungen, weil dieser Anblick für so viele Länder steht. Ich liebe dieses Bild. Ich liebe den frühen Morgen. Ich liebe Palmen.

Eine Stunde später, noch sechs Kilometer und damit höchste Zeit für Aufregung – aber jetzt in gut. Ich ersehne Mister Miyagi und das Lions Paradise. Hoffentlich ist ein Zimmer frei. Ob er sich an mich erinnern kann? Wie lange das jetzt her ist ... Hat der Wind schon gedreht, sind die Wellen gut, wo kriege ich vorher eine Flasche Wasser her? Wann kann ich endlich aus den überflüssigen Klamotten raus? Ich werde maximal vier Minuten brauchen, um mein Brett zu wachsen, die Leash anzubringen, die Finnen reinzuschrauben. Jupiieh, ich werde in einer halben Stunde im Wasser sein.

Ortseingang, die Straße entlang, überall Restaurants, jede Menge Shops. Dass in sieben Jahren immer so viel passieren muss. Dass überall die Menschen einfallen. Der Tsunami hat hier nicht gewütet, weil die Küstenlinie nach Südwesten ausgerichtet ist und die Zerstörung aus dem Osten kam. Aber der Tourismus tanzt aus allen Himmelsrichtungen an.

Wir zerstören, was wir suchen, indem wir es finden. – H. M. Enzensberger. Der Hans Magnus, der wusste früh Bescheid.

Dann das Schild: »Lions Paradise«.

Der Eingang ist offen, ich stürze herein und plötzlich steht er vor mir. Der ganze Zauber, demütig und großartig, 1,55 Meter und keinen Zentimeter weniger. Geballte Weisheit, graues Haar, die Ruhe selbst und natürlich voll da: Mein heiliger Teddybär. Guckt mich einfach an, ganz sanft, ganz lieb, voll ...

... aber halt! Ich will ja surfen! Bevor der Wind dreht.

»Do you remember me?«

Blitzkrieg aus dem Westen mit nur zwei Wochen Jahresurlaub – verdammt, ich hätte auch mal Guten Morgen sagen können. Das ist der Unterschied. Ich muss immerzu drauf losplappern, alles überstürzen, und Mister Miyagi muss das nicht. Der lässt einfach geschehen, und wie der dabei lächelt. Über das Leben und jetzt gerade über mich. Aber von Mister Miyagi ausgelacht zu werden, ist wie eine Umarmung.

»Yes. Yu are fom Gärmany. Eendi. Welcome in mei house.«

Dieser Blick ist nicht von dieser Welt. Der guckt wie einer, der gerade eine kleine Schatztruhe mit schwerem Eisenbeschlag entdeckt hat, vorsichtig den Deckel anhebt, sodass das erste Leuchten von Gold und Reichtum sein neugieriges Gesicht in freudige Gewissheit taucht – und zwar immer sieht der so aus, nonstop, vermutlich auch auf dem Pott.

»Do you have a ...« Halt. Ruhe bewahren! »G-o-o-d m-o-r-n-i-n-g and thank you.« Immer an die Schatztruhe des Augenblicks denken ... »It is great to be back. It is so great to see you.« Atmen, denn es ist großartig, ihn zu sehen. »Do you maybe have a room available?«

Er reagiert nicht. Oder total, weil er so aufmerksam ist. Wenn ich so mal vor der Klasse stehen könnte. So wie er jetzt auf den von der Feuchtigkeit der Tropen aufgeweichten Brettern des gammeligen Eingangsbereichs. Der Hausherr in der Rolle des Sanftmuts.

»Yes, we go outside, get yur luggätch.«

Na klar, wie immer alles kein Problem.

Christian steht am Auto, die Bretter sind bereits vom Dach, der Taxifahrer schon bezahlt.

Wir gehen die Treppe hoch in den ersten Stock, jeder in ein kleines Zimmer. Alles weitere kommt später, denn der heilige Teddybär ist schon wieder nach unten gewandert, während ich mein Zeug aufs Bett schmeiße, mich umdrehe, um über den Balkon hinaus zum Horizont zu schauen.

Leichter Wind aus nordöstlicher Richtung. Perfekt. Der Indische Ozean breitet sich aus und verschmilzt irgendwo mit blauem Himmel. Er lächelt. Nein, er lacht, er glitzert im morgendlichen Licht und seine Weite nimmt jeden gefangen, der eine empfindsame Seite hat. Ruhe und Geborgenheit, die den Augenblick in eine Unendlichkeit ausdehnen, während aus den Tiefen des Meeres Wellen heranrollen, um sich in regelmäßigen Abständen über dem Riff zu erheben. Traumhaft schöne, tiefblaue Wasserwände, die kurz ihre ganze Herrlichkeit präsentieren, bevor sie wuchtig zusammenbrechen und dabei einen Surfer mitnehmen, der sie entlangfliegt und fast bis in den trockenen Sand nach vorne surft ... Wow.

Und jetzt Bewegung, denn ich habe gerade 30 wertvolle Sekunden verloren – bleiben noch drei-ein-halb Minuten, bis zum ersten Wasserkontakt.

Ich hüpfe durch den kleinen Garten, lege die Leash an und laufe über den weichen Sand. Die letzten 20 Meter sprinte ich, drücke mich an der Wasserkante mit vollem Schwung ab, segele eine Sekunde lang durch die Luft und lande mit dem Bauch auf dem Brett, sodass wir gemeinsam die ersten Meter aufs Meer hinausgleiten. Die ersten Paddelzüge, als wäre ich nie weggewesen, als wäre in der Zwischenzeit alles noch viel schöner geworden.

Die Wellen sind kopfhoch. Ich tauche durch eine Weißwasserwalze. Endlich zurück. Im Line Up begrüße ich zwei andere Surfer, für die das alles hier normal zu sein scheint. Den beiden geht’s gut und ich mache jetzt mit. Aber ruhig bleiben, nicht das entspannte Ménage à trois in verbissenen Wettkampf verwandeln. Wellen zu teilen ist tausendmal schöner als darum zu kämpfen.

Ich bin Dritter in der unausgesprochenen Reihenfolge, aber sehe das Set als Erster und paddele wie von der Tarantel gestochen los. Alter Automatismus, Brett in Position, mit fünf kräftigen Zügen in die sich aufstellende Welle, rein ins Vergnügen, auf die Füße, ab geht’s und schon fliege ich die Wellenwand entlang. Nicht ganz so graziös wie erhofft, aber ... Freudääähhh...!

Das Set liefert drei weitere Wellen und die beiden anderen surfen mit etwas mehr Eleganz an mir vorbei. Am Strand sehe ich Christian zum Channel wandern. Woher der nur die Ruhe hat. Er paddelt direkt in meine Richtung und wir gemeinsam wieder nach draußen. Die anderen sind auch zurück. Grant und Jordy sind aus Kalifornien, wir aus Deutschland. Familienfest, und es gibt eine Menge leckeren Kuchen zu teilen. Wir harmonieren von der ersten Minute an und nehmen die Sache als Team in die Hand. Keine Welle soll ungesurft den Strand erreichen.

Surfen ist unfassbar schön, aber wie bei allem im Leben, spielt auch die Gesellschaft eine Rolle. Der Spirit. Freude ist das Einzige, was mehr wird, wenn man es teilt – und das haben alle hier verstanden. Der perfekte Anfang unserer Reise. Oder Urlaub? Egal!

Nach zwei Stunden geht’s zurück an Land, flott ins Zimmer, Kulturbeutel an den Nagel neben der Eingangstür, Boardbag unters Bett, Duschgel in die Ecke über der Brause, Toilettenpapier in greifbare Entfernung, Sonnencreme und Autan ins Regal, die aufklappbare Reisetasche auf den Tisch, Buch und Wecker ins Bett, das Moskitonetz darüber und schon ist das karge, staubige Zimmer ein gemütliches Zuhause. Kaum zu glauben, dass ich bis gestern noch in einer Wohnung in Köln gelebt habe. Kaum zu glauben, dass ich bis gestern noch ein Pädagoge war.

Zum Frühstück gibt’s natürlich Pfannkuchen, dazu Toast mit Marmelade, schwarzen Tee mit Milch für mich und Kaffe für Christian. Eine halbe Stunde verdauen und dann zurück ins Wasser, da der Wind bereits abgeflaut ist und es nicht mehr lange dauern kann, bis er die Richtung wechselt und der Onshore die Wellen plattdrückt. Gegen 13 Uhr wieder Essen und dann endlich der verdiente Schlaf für all die Strapazen, die uns in dieses Paradies gebracht haben.

Das Leben ist wunderbar.

Manche Menschen brauchen ein paar Tage, um sich einzustimmen, dem Organismus Ruhe zu gestatten, zu entspannen und in der neuen Umgebung anzukommen. Ich gehöre nicht dazu. Vielleicht wäscht das Salzwasser den Arbeitsalltag von mir ab, vielleicht ist es die Rückkehr zu einem altbekannten Tagesablauf, der mich einholt und sofort zurück in alte Muster katapultiert. Abendessen und früh ins Bett, um morgens als Erster im Wasser zu sein. Wie immer. Und das Beste: Übermorgen dasselbe und den Tag darauf auch.

Ein paar Tage später zeige ich Mister Miyagi ein Foto von uns beiden, das bei meinem Besuch vor sieben Jahren aufgenommen wurde. Er lacht, weil die Zeit eine wundervolle Begleiterin ist, die uns durch das Leben führt. Und wir dürfen sie erleben, dabei sein, darin schwelgen, zurückblicken und voraus, wenn uns danach ist. Was der sich immer für schöne Sachen ausdenkt.

»Väähhry joung, I am. A vähry joung man«, sagt er wie Yoda. Er sieht haargenau so aus wie vor sieben Jahren.

»Where yu hair go? Yu forget in Sri Lanka«, kommentiert er die lange blonde Surfermähne auf dem Bild, die einem Kurzhaarschnitt weichen musste, dessen Tage ebenfalls gezählt sind. Mein Kumpel Martin sprach vor ein paar Wochen von dem sich abzeichnenden Hubschrauberlandeplatz an meinem Hinterkopf. Sehr lustig, solange man nicht betroffen ist. Für mich aber Sackgasse, Verzweiflung, lähmende Ohnmacht. Das Ganze ist so schlimm, dass die flexiblen Werbeflächen in meinem Browser auf einmal voller Haarausfall-Wundermittel sind. Nur weil ich das vielleicht einmal gegoogelt habe. Und klar, jeder Kommentar zu der Situation auf meinem Kopf wirkt wie ausgerissene Fingernägel oder Salzsäure in der Wunde. Die Angst wächst, die Glatze naht und die Panik ist jederzeit bereit, aus dem Nichts einen Überfall zu starten. Aber sowohl Martin als auch Mister Miyagi sind eine besondere Gesellschaft. Die quälenden Gedanken verlieren ihre Kraft, Freundschaft klopft auf die Schulter, die Verbundenheit ist da, und so landen die schmerzlichen Worte auf einem Boden der Leichtigkeit. Landen wie ein Hubschrauber. Ich wünsche sie für eine Sekunde in die Hölle, aber eigentlich haben sie mich viel zu lieb, als dass ich schlecht drauf kommen könnte. Das einzige Mittel gegen Haarausfall ... ist Liebe.

»Wat yu do in dhis last years? You travel more?«

»Yes, I was travelling a few more years, went to Indonesia, Southamerica and Africa. In summer I was running surfschools in France. But end of last year I changed my life and went back home. Now I am living in Germany, living an ordinary life and I am about to become a schoolteacher. I started working two months ago.«

»Dhis is great. Yu are häfing a guud wörk. Good wörk mäke people happy.« Er ist voller Freude. Ich finde: Ein Lottogewinn täte es auch.

Aber das ist Buddhismus. Arbeit bringt Erfüllung. Wir im Westen entscheiden uns, das anders zu sehen. Arbeit stiehlt Zeit, schafft unsinnigen Lebensstandard, verursacht Stress, bringt die Gesellschaft voran und zum Schluss den Herzinfarkt. Wer hat recht?

Die Freude entspringt nicht den Dingen, sondern du lässt sie in die Dinge hineinfließen. Den Scheiß könnte ich Eckart Tolle im rechten Moment um die Ohren pfeffern. Die Idee ist ja ganz schön, der Inhalt schlüssig, didaktisch einwandfrei, was fehlt, ist die Methodik: Das WIE. Wie kommt man da hin? Beim Frühsurf bin ich ja nah dran, aber am Montagmorgen auf dem Weg nach Remscheid auch schon mal Lichtjahre entfernt.

»Well, working every day is tiring sometimes and I miss the ocean so much and the waves, the sunrise and the stars on some days.«

»Yes, dhis is great. Missing is great.«

Missing is great?

»You will see, because yu are a wonderfully person.«

Und du bist mein heiliger Teddybär, würde ich ihm gerne mal sagen, ist aber nicht nötig, weil er auch so ganz gut drauf ist. So vergnügt, so ohne hektischen Antrieb. Als wenn das Leben ein Spiel ist oder ein Film und er nur eine Figur. Und er beobachtet den Verlauf, was mit der Figur passiert, greift weniger ein, lässt mehr geschehen, weil er so einverstanden ist, mit dem was ist.

Grant stapft die Stufen herunter, weil wir zum Abendessen verabredet sind. Ich berühre meinen Großmeister dankbar an der Schulter, weil ich mich nicht traue, ihn einfach in die Arme zu schließen. Er verneigt sich mit den Augen und zieht sich in seinen Lieblingssessel zurück, immer bereit, den nächsten Augenblick geschehen zu lassen.

Während Grant, Chris und ich in das Tuk Tuk steigen wechselt meine Gefühlslage wie das Aufschlagsrecht in Wimbledon. Die Fahrt durch den frühen Abend fühlt sich nach Freiheit an. Nach Leichtigkeit. Nach früher. Die Erkenntnis, dass ich in zehn Tagen wieder am Schreibtisch sitze, nicht. Grant bleibt fünf Monate, ich zwei Wochen, und das Problem ist noch nicht mal die Zeit, sondern die Normalität. Ich bin ein Referendar, Grant ist Freedomtraveler. Und das gefällt mir nicht.

Mister Miyagi wiederum ist total normal und total beeindruckend. Wieso muss der kein Abenteurer sein – ich aber schon?

Wir halten, steigen aus, betreten das Restaurant, finden einen Tisch. Grant ordert Bier. Ich muss diese Gedanken aus meinem Kopf verbannen. Dieser Abend ist genau so viel Abenteuer, wie ich will. Chris überfliegt die Karte voller Begeisterung. Ich muss einfach den Augenblick geschehen lassen. Wenn Grant nach meinem Job fragt, werde ich von früher erzählen.

Nach sechs Tagen Surfspaß ziehen wir weiter, weil ich eine Familie im Süden besuchen möchte. Der Ort heißt Midigama. Vinoth und seine Frau Madiha haben mich 1998 so überwältigend liebevoll aufgenommen, dass die Wochen in ihrem Haus unglaublich besonders wurden. Für alle, die dort zusammengefunden haben. Zeit kann voller Wunder sein, ohne dass die Umstände außergewöhnlich sind, ohne Lottogewinn, ohne Beförderung, ohne perfekte Wellen, ohne irgendwas. Das Miteinander macht Freude, weil die Augenblicke zusammen wichtiger sind als das Drumherum. Es gibt keine Rollen, keine Erwartungen, weniger Gedanken. Nur noch lustige Charaktere, die zusammen das große Ganze ausmachen. Rumblödeln, sich austauschen, Visionen teilen. Nur noch Menschsein, die Geborgenheit ist voll da, das Lebensgefühl rein. Und darum geht es doch. Um das Lebensgefühl. Manchmal denke ich, dass der Westen unter einer geistigen Krankheit leidet, die durch die Gehirnwäsche von Kapitalismus und Industrie in unsere Köpfe getrieben wird. Und natürlich durch zu viel Fernsehen, zu viel Werbung, zu viel Facebook. G-a-r-a-n-t-i-e-r-t werden wir alle auf dem Sterbebett bereuen, so viele Stunden vor den Bildschirmen verbracht zu haben und zu wenig mit den Menschen. Oh man, warum spiele ich nur jeden Tag bei dem ganzen Wahnsinn mit?

In Midigama sind darüber hinaus auch die Wellen gut, und gelegentliche Ortswechsel dehnen die gefühlte Reisedauer aus. Christian zögert, weil in Hikkaduwa alles passt, aber ich kriege ihn, denn im Hot Tuna gibt es das beste Essen der Welt, was im Garten auf einer großen Tafel mit kitschigem Geschirr serviert wird. Keine 50 Meter vom Meer entfernt. Die beiden Kinder, die jetzt schon erwachsen sein müssten, sind Weltmeister im Fröhlichsein. Und das ist ansteckend.

Das Haus liegt eine gute halbe Stunde hinter der Stadt Galle und damit im Süden – dem Gebiet der Tsunamikatastrophe 2004. Ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen, aber nichts gefühlt. Jetzt macht sich ein flaues Gefühl im Magen breit. Sorgen, eine Mischung aus Angst und Trauer. Hoffentlich ist Vinoth und Madiha nichts passiert. Hoffentlich wurde das Hot Tuna verschont. Die tragischen Ereignisse liegen vier Monate zurück und seitdem fast 40.000 Menschen unter der Erde.

Wir fahren in einem Taxi die Küstenstraße entlang. Mit dem Ortsausgangsschild in Galle steuern wir in das Zentrum der Verwüstung. Die Aufräumarbeiten laufen seit Monaten, die Toten sind gezählt, aber die Zerstörung allgegenwärtig. Reste der Katastrophe lungern zwischen den zum Himmel betenden Palmen. Schutt und Trümmer, Häuserteile, umgeknickte Bäume oder zerfetztes Gebüsch. Menschen, die nur wenig haben, haben alles verloren. Andere sind einfach umgekommen. Fortgerissen von einem Monster aus Wasser, von Autos zerquetscht, an Häuserwände geprügelt oder im Strom der Wassermassen ertränkt. Nichts davon ist vergessen. Provisorische Unterkünfte aus Wellblechen und Holzresten wanken neben neu angefertigten Behausungen, die mit knappem Baumaterial zusammengeschustert worden sind. Wenige Häuser haben standgehalten, die Tempel sind unversehrt, was laut unseres Taxifahrers daran liegt, dass Buddha seine schützende Hand über sie gehalten hat. Mit der solideren Bausubstanz hat das natürlich nichts zu tun.

Der Alltag wagt sich langsam zurück, aber der Schock sitzt tief. Ich habe keine Ahnung, was uns in Midigama erwartet. Ständig verändert sich das Bild. Einige Ecken sind unbeschädigt, andere liegen in Trümmern. Je nachdem in welchem Winkel die über zehn Meter hohe Wasserwand über die Insel hergefallen ist. Ein Tsunami rast mit 1.000 Kilometern pro Stunde (so schnell wie ein Düsenflugzeug) durch die Ozeane, der ansteigende Meeresgrund in Küstennähe bremst die Urgewalt, die Welle türmt sich auf und fegt dann über das Land. Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen hageren Mann, der versucht, einen zersplitterten, vielleicht noch brauchbaren Balken aus einem Haufen Müll zu retten. Sein Blick ist zerrüttet. Kraftlos.

Warum? Warum hier, warum ausgerechnet hier?

Wir fahren die lange Kurve vor Midigama entlang und erreichen das Hot Tuna, vor dem sich eine weite Lagune erstreckt, welche die Wucht der Zerstörung anscheinend abgebremst hat. Erstes Aufatmen. Das Haus steht noch. Die Mauer um den Garten ist eingerissen und der Schriftzug liegt zusammengewürfelt am Straßenrand.

Wir halten, ich steige aus, betrachte die am Boden liegenden, blau bemalten Gesteinsbrocken, die nun die Grundstücksgrenze markieren sollen. Dann schaue ich auf, atme tief und stapfe mit zögernden Schritten durch den grünen Garten, der zum Haus führt. Kurz vorm Eingang erscheint Vinoth in der Tür und bläst meine schlimmsten Befürchtungen weg. Er lächelt, erinnert sich, freut sich, dass ich da bin und begrüßt mich mit einer stillen Umarmung. Alles ist gut.

Wir laden die Sachen aus und ziehen im Raum neben dem Wohnzimmer der Familie ein. Dann sehe ich die Hausherrin. Madiha, würdevoll, Mutterliebe und Herzlichkeit in ganzer Pracht. Ihr Mann nimmt sie in den Arm, sagt schnell, dass die Wellen heute toll sind, und sie, dass sie das Abendessen für uns vorbereitet. Kein Wort über das Unglück. Ich antworte, dass es schön ist, zurück zu sein. Denn genau das ist es.

Wir machen die Boards fertig, gehen zwei Stunden surfen, und als wir zurückkehren, ist die Tafel im Garten reich gedeckt. Wir essen das unnachahmliche Curry und trinken eine riesige Kanne schwarzen Tee mit Milch und Zucker. Natürlich ist alles anders, aber auch so, als wäre ich nie weggewesen. Ich liebe diese Menschen. In ihrem Haus zu sein ist etwas Besonderes, und vielleicht ist es besser das große Unglück zu vergessen, als sich im Kreis zu drehen. Wir gehen früh schlafen und stehen früh auf, um als Erste im Wasser zu sein. Das Meer ist gutmütig, schenkt uns schöne, cleane Wellen.

Der Ort Midigama am Ende der Kurve, Richtung Osten, liegt in Schutt und Asche. Einige Bauten stehen aber schon wieder, weil Unterkünfte für die Surfer bereit sein müssen, wegen der dringend benötigten Devisen. Damit das bescheidene Tropenparadies zurück in die Normalität finden kann. Der Aufbau geht voran, die Fassade wächst, aber was rumort dahinter? Was spielt sich in den Köpfen ab?

Ich quatsche mit einer alten Frau, die ihre ganze Familie verloren hat und jetzt alleine ist. Sie möchte die Küste so schnell wie möglich verlassen, nie mehr zurückkehren und im Landesinneren zu Ende leben. Sie will ihr Grundstück verkaufen, und es laufen tatsächlich schon die ersten ausländischen Investoren herum – auf Schnäppchenjagd. Das könnte eine Gelegenheit sein, die es nicht alle Tage gibt.

In einer Fernsehdokumentation wurde erklärt, dass, statistisch betrachtet, der nächste Tsunami in 2.000 Jahren folgt. Schon immer träume ich von einem eigenen Stück Land am Strand, aber weil ich nur wenige Ersparnisse habe, ist nur ein risikoreiches Investment in einem Schurkenstaat wie Mexiko denkbar – oder eine besondere Gelegenheit. So wie diese hier. Fühlt sich aber komisch an. Falsch. Vielleicht ist der Kauf sogar der erhoffte Ausweg für die alte Frau. Weil sie das Geld bekommt, das sie jetzt braucht. Aber die herumschleichenden Investoren sehen nicht nach Support und Entwicklungshilfe aus. Eher nach Halsabschneidern. Also lieber die romantischen Haus-am-Meer-Gedanken aus dem Kopf verbannen. Nicht jetzt, nicht hier und lieber einfach Urlaub machen.

Nach zwei Tagen haben wir uns an das zusammengesetzte Bild aus Wiederaufbau und Urlaubsparadies gewöhnt, lernen immer mehr Leute kennen, stiefeln über Schutt und Asche und packen hier und da mit an, weil das verbindet. Das Leben geht seinen Gang. Sonne, Surfen, Neuanfang. Vinoth und Madiha verwöhnen uns, die beiden Söhne sind außer Haus, aber leben. Noch sind nicht viele Surfer zurück, aber sie werden kommen. Alles wird gut.

Vor dem Abendessen kommt Christian voller Stolz in den Garten hinein marschiert.

»Ich habe uns etwas besorgt.«