Bob, der Sonderling - Hugo Bertsch - E-Book

Bob, der Sonderling E-Book

Hugo Bertsch

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Beschreibung

Der deutsche Auswanderer Hugo Bertsch arbeitet in den schneebedeckten Bergen von White Mountains. Dabei wird er mit unterschiedlichsten Schicksalen und beeindruckenden Charakteren konfrontiert. Ein Mann bleibt ihm dabei unauslöschlich im Gedächtnis — Bob. Nichts fesselte Bob mehr als die Geschichte des deutschen Volkes. Zweitausend Jahre lang liegt diese Nation zwischen eifersüchtigen, feindlichen Großmächten eingekeilt und hat sich rein erhalten. Dutzend andere Völker haben derweil ihren Atem ausgehaucht, oder sich so weit von der Ursprünglichkeit entfernt, daß sie nichts mehr besitzen vom Erbe ihrer Ahnen. Deutschland nicht! Das sind immer noch die alten, ehrlichen, geselligen, nach Freiheit und — gutem Bier dürstenden Bärenhäuter. Nationen sterben. Völker sterben. Menschen sterben. Denn einmal wird eine Zeit kommen, wo die Erde, die uns heute trägt, ernährt und Heimat ist, verdorrt und erkaltet; die Sonne erkaltet, grauenvolle Mitternacht den Raum erfüllt und öde Sterne —Sterbekerzen gleich — herableuchten auf das Riesengrab der gewesenen Menschheit.

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Bob, der Sonderling

Seine Geschichte und seine Gedanken

 

von

Hugo Bertsch

_______

 

Erstmals erschienen im:

Verlag der J. G. Cotta‘sche Buchhandlung Nachfolger,

Stuttgart und Berlin, 1905

__________

Vollständig überarbeitete Ausgabe.

Ungekürzte Fassung.

© 2018 Klarwelt-Verlag, Leipzig

ISBN: 978-3-96559-125-7

www.klarweltverlag.de

Inhaltsverzeichnis

 

Titel

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

I

uf meinen außergewöhnlich vielen Reisen zu Wasser und zu Land bin ich mit Menschen bekannt geworden, über deren Leben sich Romane schreiben ließen, und manche haben durch ihre Schicksale oder Charaktere unauslöschliche Eindrücke in mir hinterlassen.

Über allen andern steht aber ein Menschenbild vor meiner Erinnerung — außerordentlich, rätselhaft — gleich einer wolkenstreifenden Kathedrale inmitten niederer, von Alltagsleuten bewohnter Strohhütten.

Oft, wenn ich jetzt in stillen, betrachtenden Stunden an jenen seltsamen Mann im groben, geflickten Arbeitskittel denke, wenn ich mir seine Gestalt, seine Worte, Blicke, Bewegungen so recht lebhaft wieder ins Gedächtnis zurückrufe, da überkommt mich der Wahn, als schwebe sein Wesen in der Luft; ich atme es ein; ich fühle es um meine Stirne fächeln; ich höre des längst Verstorbenen Stimme mahnend und prophetisch in meine Ohren tönen; ich schauere unter dem Seherblick seiner Augen, die unwiderstehlich aus den Grund der Seele tauchen, alle Regungen darin lesend wie ein aufgeschlagenes Buch.

Und mehr noch sehe ich: hinter diesem Menschen erblicke ich die Menschheit. Myriadenköpfig starrt sie über seine Schultern weg und mir ins Gesicht. Myriadenstimmig spricht sie die Worte nach, die er gesprochen; klagt und tröstet sich wie er; lacht und weint, irrt, sucht, fällt und rafft sich wieder auf, hofft, glaubt, sehnt. Sein Gedankenschatz ist die Philosophie der Menschheit von ihrem ersten Heraustreten aus dem Dschungelsumpf „Barbarei“ ins Ackerland der Zivilisation; vom ersten, ängstlichen Tasten am Rätselhaften bis zum kühnen Griff, der den Schleier reißt vom dichtverhüllten Bilde „Wahrheit“; vom naiven Kindesträumen (jenem Blumengärtchen hinterm Elternhaus) zum Denken (der selbstgewählten Straße in die Fremde), zum Zweifeln (dem Irren und Verirren in der Fremde), zum Atheismus, Pessimismus (diesem Absturz in die bodenlose Tiefe), zur lichten, bejahenden Erkenntnis (diesem Gipfelsteigen der glücklichsten, beneidenswertesten aller Pilger). Und immer und immer höre ich dann des Toten Mahnen, seine oft gesprochenen Worte: „Freund! Bruder! Verlass dieses Erdenleben nicht mit unserm Geheimnis belastet. Trag es in jedes Menschen Herz, das du erreichen kannst. Die Not ist groß; Zweifel und Verzweiflung schreiten seelenwürgend durch die Welt, und der Menschheit Ideale siechen hin. Ja, trag sie weiter, die Religion der lichten, bejahenden Weltanschauung — Millionen dürsten danach.“

Wie manche Stunde hat er so zu mir geredet; wie manche halbe, ganze Nacht am Wachfeuer im Urwald, ringsherum die starren, schneebehangenen Felsen der Wildnis, und über uns des stillen Raumes stille Sterne.

Hin und wieder richtete er sich auf und warf frisches Holz in die prasselnden Flammen, und Funkengarben brennender Fichtennadeln sprühten aus der Lohe. Hin und wieder schritt er — eine imposante Gestalt — in die Finsternis hinaus, oder umkreiste, die Hände auf dem Rücken und die Augen himmelwärts, das Lagerfeuer. Dann schien es mir, als bildeten die Sterne dort oben, die feuerspritzenden Fichtennadeln, die Reflexe des gefrorenen Schnees am zackigen Klippengehänge einen Glorienschein um seinen Scheitel.

Jahre sind seither verstrichen; stürmische Jahre für mich, stille, unsäglich stille für ihn, denn mein teurer, teurer Freund und Lehrer liegt tot, begraben, vermodert im fernen Land; und nichts ist geblieben von ihm als die süßschmerzliche Erinnerung an sein Bild und seine mahnenden Worte.

Als ich das letztemal den Grabhügel besuchte — es war eine Maiennacht mit allen Zaubern des auferstehenden Lebens; der Vollmond schüttete sein bläulich Feuer regengleich durch schwarze Tannenriesen auf den Rasen; Sterne schauten aus jeder Öffnung der überhängenden Zweige in die Finsternis herab; der Nachtwind rüttelte die schlummernde Wildnis aus dem Träumen, und der Urwald begann zu rauschen wie ein Geisterchor; der dicht vorüberflutende Bach murmelte, nach langem Winterschlaf, wieder sein melodisch Lied; Harz- und Blütendüfte, des Waldes bittersüße Grüße, hauchten himmelwärts — — als ich damals kniete vor dem frischen, noch mit keiner Gabe der allesbeschenkenden Natur geschmückten Grab, und laut weinend wie ein Kind Abschied nahm von der heiligen Stätte, Abschied nahm auf Nimmer Wiederkehr von dem Tal, dem Wald, der Wildnis, die mir trotz ihrer Schrecken, Leiden und Entbehrungen liebgeworden, da gelobte ich dem Toten: der Welt sein Wesen und sein Denken zu schildern, sozusagen sein Apostel zu werden, wenn ich auch nicht auf alle Worte dieses Meisters schwöre.

Er sagt gewiss nicht das letzte Wort — wer wird das je sagen? — er hat gewähnt und geirrt wie wir alle; aber ich glaube, er hat neues Licht gesehn.

Und er war ein verwunderlich großer Mensch.

 

__________

II

u den mannigfaltigen Handwerkszeugen, mit denen ich mir auf meinen Wanderungen das tägliche Brot verdienen musste, gehören auch die Picke und Schaufel. Als Bergmann arbeitete ich in Missouri; am Kanalbau in Kanada; am Eisenbahnbau in Texas, Arkansas, Illinois und den White Mountains.

Der letztere Ort ist der Schauplatz meiner Erzählung.

In Neuyork wurde ich — mit noch etwa fünfzig Mann aller Nationalitäten und Farben — angeworben, auf einem Frachtdampfer nach Portland transportiert und von dort in die White Mountains. Die White Mountains liegen im Herzen der Neu-England-Staaten, halbwegs zwischen dem Meer und der kanadischen Grenze.

White Mountains heißt auf Deutsch: Weiße Berge. Sieben, acht Monate lang — auf den Berggipfeln schier das ganze Jahr — liegt die weiße, kristallene Schneehülle; und wenn drüben in Vermont und drunten in Massachusetts die Frühlingsblumen blühen, die Felder und Wälder sich in Grün kleiden, ist droben in den White Mountains noch alles leichentuchartig; das rechtfertigt wohl die Bezeichnung: Weiße Berge.

Die Yankees geben dem Gebirge auch noch den schmeichelhaften Namen: amerikanische Schweiz; wie sie den Hudsonfluss den amerikanischen Rhein tauften, obwohl weder der Hudson noch die Weißen Berge einen vollen Vergleich mit ihren europäischen Namens-Vettern aushalten können. Immerhin sind die White Mountains ein grimmiges, felsengepanzertes, abgrunddurchfurchtes Gebirg, noch ausgezeichnet durch urwüchsige Wildromantik, schier völlige Unbewohntheit und arktische Winter.

Wie der Rhein den Deutschen, so ist dieses Gebirge den Yankees im Lauf der Zeiten ein nationales Kleinod geworden. Jeder größere Berggipfel trägt heute den Namen eines ihrer Staatsmänner oder ihrer patriotischen Helden. Da ragt der Mount Washington, über sechstausend Fuß hoch, in die Wolken hinauf; daneben steht der Munroe, der Jefferson, Jackson, Adams, Madison, Franklin, Webster, Clinton, Clay, Lafayette.

Zahlreiche Sagen und Mythen umweben die Berge und Täler mit einem feenhaften Schleier und legen sie noch inniger an die Menschenbrust. Schon der Name „Agiocahook“ (Wohnstätte des großen Waldgeistes), den die Indianer ihrer Zeit dem Gebirge gaben, schauert den Touristen an wie Märchenluft.

Vom Winnipiscugee im Süden bis hinauf zum „See in den Wolken“, an jedem Pass und Wasserlauf, an jeder Pfadkrümmung klebt irgendeine Geschichte aus längst verschwundenen Tagen.

In der Franconia-Ranche ist das charakteristische Felsenplateau „Cocorna“. Die Sage erzählt, dass der von Weißen verfolgte und eingefangene Indianerhäuptling Cocorna gezwungen wurde, dort hinab zu springen. „Fluch euch Bleichgesichtern!“ schrie der Verurteilte vor dem tödlichen Sturz in die Tiefe; „mögen Sturm und Winterkälte von diesem Augenblick an meine Heimat zur Wüste machen, dass ihr verhungern müsst wie Wölfe im Schnee. Mögen Felsen und fallende Berge euch, eure Weiber und Kinder und euer Vieh erschlagen!“ — Von der Stunde an verwandelte sich die Franconia-Ranche in eine Steinwüste ohne jede Vegetation; und — der Bergrutsch am „Willey Slide“, der in den Dreißigerjahren eine ganze Ansiedlung mit sämtlichen Insassen begrub, wäre demnach keine bloß zufällige Katastrophe zu nennen.

Am Eingang in die wildeste der Schluchten, in die Crawford Notch mit ihrer Wasserkaskade gegenüber der schwarzblauen Granitwand, die aussieht als hätten Zyklopen versucht eine Mauer in den Himmel zu bauen, schaut „der alte Mann der Berge“ in das Tal herab. Es ist eines jener Naturspiele, vor denen der Mensch staunend und lächelnd zugleich emporschauen muss; ein Felsenvorsprung — tausend Fuß über der Talsohle — zeigt, im Profil betrachtet, ein wundervoll scharfgezeichnetes Gesicht.

Die Sagen von diesem „Steingesicht“ sind verschieden und viele; eine lautet so: Die kriegerischen Mohawks trieben die friedlichen, zum Christentum bekehrten Pennacooks wie zersprengte Schafe vor sich her und in die Berge. Eines Abends, nach furchtbarem Gemetzel, lagerten sich die Wilden in einer bachdurchrauschten, rechts und links von Klippen begrenzten Schlucht. Gegen Mitternacht stieg der Vollmond langsam hinter den Felsen hervor und zeigte vor seiner Scheibe ein so ernstblickendes Riesengesicht, dass die Mohawks „Manitu!“ schrieen (Manitu ist der große Geist, der Hauptgott der Rothäute); „Manitu zürnt, schaut wie er zürnt!“ Und vor Schrecken verwandelten sich die Körper der Mohawks zu Steinen, die in wunderlichem Durcheinander noch heute am Sacobach herumliegen.

Kaum ein anderer Teil der Neuen Welt hat mehr an Bestialität gesehen, wie die Weißen Berge und die Strecke bis zum oberen Hudsonfluss. Die Abenaquis, die einen Teil der White Mountains als Jagdrevier besaßen, schlachteten kurz vor der Revolution sechshundert Ansiedler der umliegenden Kolonien. Sie spießten die Kinder, schändeten die Frauen und marterten die gefangenen Männer zu Tod. Eine Truppe englischer Soldaten, die zur Züchtigung der Rothäute ausgeschickt war, wurde von den vereinigten Stämmen angegriffen, zersprengt und schier aufgerieben. Die Überlebenden verirrten sich in der urwaldfinstern Wildnis und wurden endlich vor Hunger zu Kannibalen an ihren erschöpften Kameraden.

Manchen Abend, wenn ich mutterseelenallein den Sacobach entlang schritt, das Plätschern des Wassers, das Rauschen und Ächzen hörte — —

Doch halt! Im Zickzack den Leser in meine Erzählung hineinzulocken, wäre so unehrlich wie unvorsichtig.

Ich führte damals ein Tagebuch; es enthielt Aufzeichnungen über bemerkenswerte Erlebnisse. Ich schrieb sie auf, um meinen Angehörigen in Deutschland recht lange, inhaltreiche Briefe schreiben zu können. Ich tat es sogar mit dem keimenden Gefühl, später eine Reiseschilderung in Buchform herauszugeben. Das Tagebuch ging mir leider bei der Rückfahrt von Neuseeland nach London verloren; doch in langweiligen Stunden hatte ich das Geschriebene oft gelesen, und mein gottbegnadetes Gedächtnis hilft mir nach, so dass ich jenes Erlebnis in den White Mountains fast wörtlich zu wiederholen vermag.

Hier ist es:

 

__________

III

Donnerstag

(Mitte September, genaues Datum vergessen).

egen Morgengrauen kamen wir in Conway an. Bis hierher ist die Eisenbahn fertig gebaut und im Betrieb. Conway liegt am östlichen Eingang zu den White Mountains, St. Fabian am westlichen. Von St. Fabian bis Montreal ist der Schienenweg ebenfalls gelegt, und es bleibt nur noch die, allerdings ungewöhnlich schwierige, Durchkreuzung der „Weißen Berge“ zu bewerkstelligen, und Kanada wäre mit dem Seehafen Portland in direkte Verbindung gesetzt.

Unser Gepäck (Koffer, Bündel, Reisetaschen) wurde auf einen Farmwagen geworfen. Wir, im ganzen achtundfünfzig Mann (den Agenten mitgezählt, der uns in Neuyork anwarb und begleitete), trabten dem Wagen nach in die Berge. Bald verloren wir das Fuhrwerk, das rascher ging als wir, aus dem Gesicht.

Die „Stonington Road“ ist wirklich, wie ihr Name andeutet, ein „steiniger Weg“; auf und ab, herüber und hinüber, um Felsen herum schlängelt sich der holperige Pfad. Der Sacobach wird öfters überschritten. Mittags aßen wir in einer Shanty (Hütte) ein frugales Mahl, aus gesalzenem Schweinefleisch, Kartoffeln, Brot und schwarzem Kaffee bestehend.

Diese Shanty gehört zu den übrigen, die in Abständen von je einer Meile oder mehr längs der ausgesteckten und zu erbauenden Bahnlinie liegen und als Herberge für die Arbeiter dienen. Es sind rohgezimmerte, an den Löchern und Ritzen mit Lehm verstrichene Blockhütten mit nur einer Tür und zwei, höchstens drei ganz kleinen Fensterchen. Das Dach wird von schräg liegenden Brettern gebildet, denen eine Lage Teerpapier aufgenagelt wird, um die Shanty wasserdicht zu machen. Zu ebener Erde befindet sich die Speisestube, zugleich Wohnstube; sie füllt die ganze untere Hütte aus.

Die volle Länge dieses Raumes einnehmend steht ein Tisch; rechts und links vom Tisch eine ebenso lange Bank. Der eiserne Ofen — im Winter Tag und Nacht rotglühend — bildet das Zentrum des Hauses. Ein kleiner Anbau an der Shanty dient als Küche. Über dem Speisesaal, unter dem Dach befinden sich die Betten. Dort liegen auf dem Boden schlechtgefüllte Strohsäcke, und die sind, mit rauhen Pferdedecken überworfen, das Bett des Eisenbahnarbeiters.

Eine Leiter, anstatt Treppe, führt vom unteren Raum in den oberen.

Nach dem Mittagessen ging’s wieder vorwärts, in die Berge hinein.

Wie ganz anders bin ich doch angelegt, als meine Reisekollegen, musste ich immer und immer denken; ohne jedoch hochnäsig auf die armen Teufel herabzublicken. Ausnahmslos räsonierten und fluchten sie über den krummer werdenden Weg, über den dichter werdenden Wald, über das schauriger sich türmende Felsenchaos, das uns stellenweise das Weiterschreiten zu verbieten drohte. „Ah, welch ein Bild der schaffenden Natur!“ rief es in meinem Innern; „diese grandiosen Felsenmauern; diese Risse, Löcher, Zacken, als hätte die Zeit mit ihren alles zermalmenden Zähnen buchstäblich hineingebissen in den Berg; diese Wasserrinnen, mit ihrem hügelhohen, zu Tal gewaschenen Geröll; diese Steinkolosse, herabgedonnert einst von stolzer Höhe.

Wie lang mag jener Granitblock schon dort am Bache liegen, dem Moos und Efeu einen Mantel überzogen? und der dort, der halb im Boden steckt? und dieser da, dem sogar ein Baum die Wurzel in die harten Rippen flocht?“

Der Abend war nasskalt, es drohte zu regnen. Wir kampierten in einem Stall aus Stroh und hartem Boden.

_______

F r e i t a g.

Frühstück in der nächsten Shanty. Dann geht die Trampelei wieder los. Mittags beginnt es zu regnen. Wir erreichen den „Store“ (Verkaufsladen) der Eisenbahngesellschaft. Unser Gepäck liegt in grausem Durcheinander im Schuppen. Jeder sucht und nimmt sich sein Teil, und dann treten wir an, gleich der Korporalschaft beim Appell.

Etliche Beamte der Bahngesellschaft stehen mit Büchern bereit und die Verteilung der Mannschaften beginnt. Numero 1 — 2 — 3 — 4 — und so weiter; jeder der Angeworbenen erhält eine Nummer (Namen gelten nichts) und wird an eine der Shantys verwiesen. Nach der Verteilung geht ein Trupp talaufwärts, der andere talabwärts — also wieder zurück auf dem schon gemachten Weg. Jeder Trupp erhält einen Führer, der sorgt, dass die richtigen „Nummern“ an die richtigen Plätze gelangen.

Mein Schicksal ist es, höher hinauf in die Schlucht zu steigen. Bei der dritten Shanty verliere ich meinen, während der Reise liebgewonnenen Kameraden, einen Deutschen, von Hamburg gebürtig. Glücklicherweise wird schon die nächste Station mein Quartier, und so bleibt mir die Hoffnung, dem Landsmann hin und wieder einen Besuch abstatten zu können.

Bis auf die Haut durchnäßt (es regnete gegen Abend in Strömen) setze ich mich zum Nachtessen an den langen Tisch. In der Shanty befinden sich ein halbes Dutzend Leute, die schon längere Zeit mit Vorarbeiten für den Bahnbau hier beschäftigt sind. Mit einer impertinenten Überlegenheit und Geringschätzung — in der jedoch Verachtung, in Mitleid gebadet, bald zur rührendsten Kameradschaft zerschmolz — blicken diese Veteranen auf uns Rekruten herab.

Nach dem Essen suchen wir in unseren durchweichten Bündeln nach trockenen Unterkleidern; dann sagen wir demütig: „Gute Nacht!“ klettern die Leiter hinauf unters Dach, und bald schlummern die fünf todmüden Zugereisten auf ihren Strohsäcken im erlösenden Schlaf.

_______

Samstag.

„Da gießt unendlicher Regen herab,

Und die Bäche, die Ströme“ schwellen“

sagt unser Schiller in der Bürgschaft.

Vom feinsten, nasskalten Sprühregen bis zum Wolkenbruch, die ganze verstimmte Tonleiter eines abscheulichen Regentages musizierte in den White Mountains. Der Wind pfiff, die Bäume knarrten, die Höhlen heulten; tiefhängende Wolken, vom Nordost in die Schluchten gehetzt, prallten wider die Berge und platzten; Tannenriesen — des Waldes alte Garde — zitterten und schlotterten wie frierende Greise; Felsen trieften von Wasser und Schlamm; das Bächlein, das sonst friedlich an der Hütte vorüberflutete und mit den Farnkräutern und wilden Blumen schäkerte und schwatzte, war zu einem brüllenden, schäumenden, um sich schnappenden Ungeheuer angeschwollen, in dessen gelbschmutzigen Fängen Steine und Baumstämme zu Tal gerissen wurden.

Bei solchem Wetter konnte niemand schaffen gehn. Die Arbeiter blieben in der wasserdichten, warmen Shanty und vergeudeten die Zeit mit Schlafen, Rauchen, Kartenspielen um sauerverdientes Geld. Die vernünftigeren unter ihnen (und das waren wenige) flickten ihre Hemden und alten Kleider.

Das Treiben in der geräumigen, und doch für so viele Bewohner engen Stube; der husten- und kopfweherregende Rauch von einem Dutzend mit dem billigsten Kraut gefüllter Tonpfeifen; der qualmende Ofen; die dampfenden Kleider, wenn einer von außen herein kam und sich am Feuer trocknete; das rohe, unflätige Lachen und Gerede, untermischt mit Flüchen und Zoten; und das alles von zwei kleinen, schmutzigen Fensterchen in gespenstischem Halbdunkel gelassen — das bot ein Bild, wie verwahrlost des Mannes Leib und Seele werden kann ohne — die Frau.

Da ich vom Kartenspielen nichts verstehe, vom Nähen aber ziemlich viel, so zog es mich nach der Bank unter dem Fensterchen, wo zwei meiner Kollegen mit der Nadel tätig waren. Der eine der beiden Schneider war ein junger, blonder, bildhübscher Riese, mit nur dem gewiss verzeihlichen Fehler, dass ihm der kleine und der nächstkleine Finger der rechten Hand mangelten. Der andere Schneider — mit lauter Fehlern, das absolute Gegenteil des ersten — war ein altes, kahlköpfiges, verkommenes Männchen, das jedoch in früheren Jahren des Lebens köstliche Früchte und — Getränke in unmäßigen Quantitäten genossen und getrunken haben musste; denn seine Hände waren — wenn auch arg zerschunden — schlank geformt und klein, seine Nase aber und die Umgebung der Nase flammte in hochroter (nicht bloß einen Temperenzler mit Ekel erfüllender) Farbenschmiere.

Der junge Mann flickte ein Wams. Er zeigte, in Anbetracht seiner Herkulesarme und der verkrüppelten Hand, verblüffendes Geschick zum Schneiderfach. Gewiss hatte er schon viel und oft seine ärmlichen Lumpen selber flicken müssen, und die Tage mütterlicher Fürsorge ruhen auch ihm in weiter Vergangenheit.

Der alte Mann aber, dass Gott erbarm! — Ich bin geizig im Mitleidverschenken an Trunkenbolde, aber hier fasste mich des Jammers ganze Größe. Herabgebeugt über eine, schon mit einem Dutzend Lappen aller Farben geflickte Hose, versuchte der Greis die unvernünftig große Nadel einzufädeln. Wieder und wieder machte er mit zitternden Fingern einen Angriff auf das Loch, und immer fuhr’s vorbei — rechts und links und darüber vorbei.

Jetzt bemerkte ich auch noch, dass das zur Operation auf seinen Knien ausgebreitete Beinkleid des alten Mannes einziges war, denn er saß in dünnen Unterhosen auf der Bank.

„Geht’s schwer?“ frug ich, von Mitleid ergriffen.

Wie aus einer Betäubung erwachend blickte er auf und mir in die Augen; Schweißtropfen perlten über seine Stirn. „Soll’s meinen“, stöhnte er. „Wenn ich nur die verdammte Nadel sehen könnte, nachher ging’s schon leichter.“

„Soll ich dir einfädeln?“

Bereitwillig streckte er mir Nadel und Zwirn entgegen; einen Fingerhut hatte er selbstverständlich nicht.

„Blitz!“ schrie ich lachend; das Fadenende hatte schier die Länge der ganzen Stube. „Du willst doch nicht sagen, dass mit so ’nem Faden genäht werden soll? Da gehört ja ein gesatteltes Pony dazu beim Ausziehen.“ „Nimm’s doppelt“, seufzte der Alte mit einer Armensündermiene. „Ich nehm’s immer doppelt.“ „Dann ist es immer noch zu lang.“ Der Alte wischte sich die Schweißtropfen. „Freilich ist’s zu lang, aber das Einfädeln hol’ der Teufel! Lieber hab’ ich meine Not beim Ausziehen.“

„Soll ich dir den Flecken draufnähen?“ frug ich, als ich Nadel und Faden in Ordnung hatte.

„Kannst du’s?“

„Ob ich‘s kann? Hab’ die Kürschnerei gelernt, drüben in Deutschland, und Kürschnerei und Schneiderei sind verwandte Geschäfte. Gib’s her, das Ding, du wirst doch nicht fertig damit, eh’ der Regen aufhört.“

Ich lachte. Der junge Mann nebenan lachte auch. Der Alte schmunzelte ebenfalls und machte mit einigem Zögern Platz.

„Kannst du’s aber gut?“ sagte er noch einmal.

Ich setzte mich aus die Bank und begann, meinen Fingerhut ans der Westentasche langend, den Herren zu zeigen, wie genäht wird. Der Alte starrte sprachlos ins Leere, denn so schnell, wie die Nadel juckte, konnten seine wässerigen Triefaugen nicht folgen. Der blonde Riese rastete auch und starrte mich an.

„Du hast’s los!“ meinte er dann. „Wenn ich so nähen könnt’, schaffte ich nicht an der Eisenbahn. Warum gehst du nicht auf dein Geschäft?“ „Weil mir das Stubensitzen nicht passt“, erwiderte ich. „Kannst aber doch mehr verdienen als hier beim Steine klopfen.“ „Ach was, verdienen! Freiheit will ich haben, Freiheit! Man kann nicht in der Stube hocken und gleichzeitig die Welt bereisen. Solang ich jung bin und ledig, liebe ich das wilde Leben.“

„Bis es dir geht wie mir“, sagte der Blonde und zeigte seine dreifingerige Rechte.

„Wo hast die zwei anderen gelassen?“ frug ich, langsamer nähend.

„In der Kohlengrube.“

„In Pennsylvanien? Illinois?“

“In Cornwall.“

„Bist ein Engländer?“

„Von Wales; und im Bergwerk liegt das Drittel meiner besten Klaue; der Teufel hol’s! Ums Haar wär’s die ganze geworden; der Schuss ging beim Laden los. Dann hatt’ ich noch ein knappes Entkommen vom lebendig Gebraten werden bei einem Grubenbrand.“

„Das letztere kann dir wohl nicht passieren hier in den White Mountains, wenn erst der Winter einsetzt“, scherzte ich.

„Lieber in der frischen Luft krepieren als im Kohlengas, das dacht’ ich auch. Mir gefällt’s hier, nur —“

Er stockte plötzlich und zeigte nach dem Spieltisch, vor dem sich der alte Mann, leibhaftig in Unterhosen, als Zuschauer aufgepflanzt hatte. „Und führe uns nicht in Versuchung“, kicherte der Kohlengräber.

„Hat’s ihn weggelockt?“ frug ich.

„Hat’s ihn, haha! Wenn der jetzt fünf runde Nickel in den Unterhosen finden könnt’, hielten ihn keine zehn Pferde zurück vom Mitspielen. Ein Luftibus ist der ‚Jonny‘; ein Melancholiker bei Gelegenheit, ein Sünder und Büßer, eine Doppelnatur — mit dem der liebe Gott noch seine Verlegenheit haben wird.“

„Wieso?“ frug ich.

„Wieso? — Wenn der Jonny vor den Richterstuhl kommt und seine Streiche verlesen werden aus dem Buch, da wird der Herrgott so lachen müssen, dass er schwerlich ein ernsthaftes Urteil fällen kann.“

„Was für ein Landsmann ist der Jonny?“

„Weiß niemand; aber in Hull soll er eine Wirtschaft gehabt und sie — versoffen haben.“

„Seine eigene Wirtschaft vertrunken?“

„So erzählt er. Er sagt, er hätt’s tun müssen. Weil das Geschäft nicht ging wie es gehen sollte, musste er seinen Kunden mit gutem Beispiel vorangehen.“

„Und am guten Beispielgeben ging er zu Grunde!“

„Seit dem Februar“, fuhr der Blonde fort, „arbeiten ich und Jonny hier beim Holzfällen und Shantybauen; wir waren die ersten. Wir kamen auch zusammen über See. Jeden Zahltag verspielt oder versauft er im Handumdrehen seinen ganzen Monatslohn. Schnaps darf an der Bahn nicht verkauft werden: so geht der Alte den weiten Weg in die Kneipen von St. Fabian. Nach etlichen Tagen kommt er dann und manches Mal auf allen Vieren zurück“

„Und diesem Lump flicke ich die Lumpen!“ — Mit einem gelinden Fluch schleuderte ich die fertig genähte Hose unter die Bank.

„Ssst!“ beschwichtigte mich der junge Mann. „Sei christlich. In der Bibel steht geschrieben: ‚Der Gerechte erbarmet sich auch des Viehs‘.“

„Pah! Erbarmen! Der Trunkenbold soll sich neue Beinkleider kaufen, anstatt sein Geld zu verlumpen!“

„Er tut’s aber nicht, ums Verhexen nicht. Die Hose ist ihm so ans Herz gewachsen! Schau’s einmal genau an, das Ungeheuer.“ Der junge Mann hob die unterm Sitz liegende Lumpensammlung auf und entfaltete sie: „Hier, hier, da, Flicken und Flecken, einer aus dem andern wie Fischschuppen. Alle Farben, alle Größen, die reinste Landkarte der Vereinigten Staaten. Und diese Wehen und Qualen, die der Alte bei der Schneiderei erdulden musste; diese Seufzer und Schweißtropfen; geweint hat er sogar. Man sagt ja: die Liebe einer Mutter für ihr Kind wachse mit den Schmerzen, die sie seinetwegen leidet.“

„Das eine Hosenbein ist ja kürzer wie das andere“, unterbrach ich ihn.

„Ha, siehst du’s! Jonny war in Verlegenheit um Flecken; er schnitt sich das Notwendige unten ab. Nachher kaufte er Stiefel mit langen Schäften für fünf Dollar; und neue Hosen bekäm’ er für zwei, und auf Kredit im Gesellschaftsladen.“

„Dann ist doch Aussicht, die Hose wird den Weg alles Irdischen wandern“, sagte ich.

„Wieso?“

„Sie verschluckt sich am Ende selber, wie die Riesenschlange im Märchen!“

Wir lachten beide. — Dann unterhielten wir uns noch eine Weile über allerlei Dinge in und außerhalb der Shanty. Zu meinem innigen Behagen merkte ich, dass ich an dem jungen Menschen einen Nebenarbeiter gefunden hatte, mit dem sich manche langweilige Stunde vertreiben lässt, deren es ja im Winter und in dieser öden Gegend genug geben wird.

Jetzt kam der Koch aus der Küche und gebot den Spielern am Tisch, Platz zu machen: das Mittagessen sei fertig. Unglaublich schnell wurde der Aufforderung Folge geleistet; ein Beweis wohl, dass jedermann Hunger spürte. Mehrere Arbeiter halfen dem Koch und seinem Gehilfen den Tisch decken. Ist weniger wie zehn Minuten lagen zwanzig Teller und ebenso viele Teetassen, nebst Gabeln, Messern und Löffeln auf dem weißen Öltuch, das die ungehobelten Bretter bedeckte. Zwischen den Tellern — mehr in der Mitte der Tafel — wurden in Abständen große Blechschüsseln aufgestellt, die Speckschnitten, Brotschnitten, Kartoffeln mit der Schale enthielten. Salz- und Pfefferbüchsen, Glasflaschen mit Sirup (anstatt Butter) standen für sich, in Drahtgeflechten. Alles war billig, einfach, sauber, echt amerikanisch sauber.

Ob es durch uraltes Herkommen oder sonstwie den Leuten ein Gesetz bedeutet, weiß ich nicht, aber das ähnliche Gebaren bemerkte ich schier überall, in anderen Staaten, zu andern Zeiten, bei anders zusammengewürfelten Nationalitäten: die Leute setzten sich nie eher an die gedeckte Tafel, als bis der Koch mit der Schelle klingelte. In Ermanglung einer Schelle trommelte hier der Küchenchef mit dem Löffel gegen eine Blechkanne.

Der Nachmittag war ein zum Verzweifeln langweiliger. Mein neuer Freund, der blonde Cornishman, legte sich bald nach dem Essen unters Dach auf sein Strohlager und schlummerte wie ein Baby. Ich versuchte es ebenfalls mit einem Nachmittagschläfchen, aber der Heidenspektakel in der Hütte ließ es nicht geschehen. Unten begann das Kartenspielen von frischem, mit all seinem Gejohle, Lachen, Fluchen, Trümpfe schlagen auf den hohlen Tisch. Etliche sangen Missstimmungen Lieder — schwedische, altirische, italienische — von denen ich nichts verstand. Andere führten einen mehr oder minder lauten Disput. Neben mir schnarchte ein Halbindianer mit einem Geräusch, als säge er durch Bretter und Balken.

Und draußen pfiff und heulte der Sturm. Der Regen klatschte in Strömen auf das Hüttendach und hielt uns gefangen. In der Nähe des kleinen Fensters setzte ich mich dann für den Nachmittag und schrieb in mein Taschenbuch die Erlebnisse der letzten Reise.

_______

Sonntag.

Während der Nacht hatte sich der Himmel endlich ausgeregnet. Der Morgen war klar und kalt, so kalt schon, dass kleine Wassertümpel mit Eis überzogen wurden.

Nach dem Frühstück zündeten wir Arbeiter vor der Shanty mehrere Feuer an, holten in leeren Pulverkannen Wasser aus dem Bach und stellten die gefüllten Kannen ins Feuer zum kochen.

Der Sonntag ist im Lager gewöhnlich der Waschtag. Wenn andere Christenmenschen zur Kirche gehen und ihre Seelen reinigen vom Schmutz der Woche, dann denkt auch der Mann im Lager an das Bibelwort: „Selig sind die Reinen, sie werden Gott schauen“; und da er keine Kirche hat und leider keine Phantasie, um sich die herrliche Natur als Kathedrale zu denken, das blaue Firmament als Kuppel, die Felsen als Decke stützende Pfeiler, die dampfenden Bergkolosse als Altäre, das Rauschen und Verneigen der Bäume, Büsche, Blumen als betende Heerscharen, das Tosen der Wasserfälle als Chorgesang und Orgelspiel— so reinigt der Wilde wenigstens seines Körpers Decke.

Es ist ein buntes Treiben um die rauchenden, prasselnden Feuer und die brodelnden Kessel. Und dann das Waschen der Hemden, Unterhosen, Strümpfe auf irgendeinem Stein oder Baumstumpf; dann das Auswinden und Aufhängen der Kleider an niederem Geäste. Die Unglücklichen, die nur ein Hemd besitzen, trocknen es rasch am Feuer, indem sie den Lumpen an langem Stock über die Flamme halten. Während des Mittagessens verabredeten mir Zugereisten uns, der neuen Arbeitsstätte einen Besuch abzustatten. Wir ließen uns von älteren Leuten den Weg beschreiben. „Der Platz liegt droben in der Felswand“, sagten sie, „Die da ist’s, die im Bogen in die Notch hinüberläuft; es ist nicht leicht hinzukommen.“ Sie hatten recht, den Weg konnten wir nur mit halsbrechendem Klettern über loses und festes Gestein mühsam bewältigen. Mehr wie einmal stützten wir uns gegenseitig; mehr wie zweimal mussten wir rasten um auszuschnaufen. Das Klettern an sich war schon ein Stück Arbeit, das Bezahlung beanspruchen dürfte. Vielleicht hatten wir auch die richtige Fährte verfehlt. „Also Felsensprengen und nur Felsensprengen!“ stöhnten wir, oben angelangt, und schauten uns gegenseitig enttäuscht in die Gesichter.

Dass wir diese Art Arbeit würden verrichten müssen, wussten wir bereits in Neuyork bei der Anwerbung; aber hier und so, das war doch enttäuschend.

Schon vor etlichen Wochen hatten die alten Arbeiter angefangen, Felsen zu brechen. Handwerkszeug aller Art (Stahlbohrer, Brecheisen, Hammer, Picken und Schaufeln, Zündschnüre, leere Pulverkannen) lagen in und neben einer Truhe. Losgeschossenes Gestein zeigte, was die Pioniere der Zivilisation schon geleistet hatten. Aber an solcher Jähe den Hammer schwingen, wo ein Straucheln, ein Ausrutschen mit den Stiefeln unfehlbaren Tod bedeutet! Hundert Meter tief ging es da senkrecht hinab auf Tannenspitzen, und von dort dachsteil weiter zu Tal.

„Hier bleib’ ich keine sieben Jahre“, keuchte der mir folgende Irländer.

„Und ich keine sechs“, unterstützte ihn sein Landsmann, vom Bergsteigen ebenfalls noch ganz atemlos.

„Selbstmord begehen kann man bequemer im warmen Bett wie hier oben“, lachte ironisch der immer praktische Yankee. Und der Schwede, der zuletzt nachgeklettert kam, sprach nur mit stummen Jammerblicken.