Bones in London - Edgar Wallace - E-Book
Beschreibung

Das Werk "Bones in London" ist ein 1928 veröffentlichter Afrikaroman von Edgar Wallace. Der Originaltitel lautet "Bones in London". Richard Horatio Edgar Wallace (geboren 1. April 1875 in Greenwich, London; gestorben 10. Februar 1932 in Hollywood, Kalifornien) war ein englischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur, Journalist und Dramatiker. Wallace gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Kriminalschriftstellern.

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Seitenzahl:267

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Bones in London

1 – Bones und ein großes Geschäft2 – Der verborgene Schatz3 – Bones und die Werfteigentümer4 – Das kleine Kiebitz-Auto5 – Eine Filmaufnahme6 – Bones macht in Jute7 – Detektiv Bones8 – Ein Urteil über Dichtkunst9 – Die Lampe, die niemals ausging10 – Die Kleinbahn11 – Der Menschenkenner12 – Bones wird gefährlichImpressum

1 – Bones und ein großes Geschäft

Das Geschäft am Schiffsmarkt lag vollständig darnieder und selbst Leute, die sonst friedliche Bürger waren, sehnten sich in dieser Zeit nach einer Stunde des siegreichen Krieges, als die Aktien der Kenyon Line auf 88½ standen und sogar eine so armselige Gesellschaft wie die Siddons Steam Packets Line mit 3? notiert wurde.

Zwei tadellos frisierte Herren kamen ohne Hut die belebte Straße entlang. Ihre Hände waren tief in die Taschen vergraben und ihre Köpfe mißmutig gesenkt.

Sie sprachen kein Wort und gingen wie Soldaten im Gleichschritt nebeneinander. Sie marschierten zusammen durch das offene Tor des Commercial Trust-Hauses. Gleichzeitig wandten sie sich nach links zum Aufzug, gleichzeitig schauten sie auf die Decke der Fahrstuhlkabine, als ob auf ihrer Vertäfelung irgendein delphisches Orakel stände, das ihnen den Ausweg aus ihren geschäftlichen Schwierigkeiten zeigen könne.

Dann ließen sie wieder die Köpfe sinken und schauten betrübt auf den Fahrstuhlführer, der langsam die Tür öffnete. Sie traten hinaus und marschierten einer hinter dem anderen zu den Bureauräumen der Firma Gebr. Pole, Schiffsmakler. Auf dem Schild stand noch eine andere Firma: United Merchant Shippers Corporation. Sie schritten durch eine Türe, die die Aufschrift »Privateingang« trug.

Hier trennten sie sich. Der eine trat auf die eine Seite, der andere auf die andere Seite eines großen Schreibtisches. Und während sie immer noch die Hände tief in ihren Taschen vergraben hatten, setzten sie sich wie auf Kommando in die weichen Polsterstühle und schauten einander über den Tisch an.

Es waren kräftige junge Leute, Mitte der Dreißiger, glatt rasiert und von gesunder Gesichtsfarbe. Im Weltkrieg hatten sie ihrem Vaterlande gedient und der Allgemeinheit große Opfer gebracht. Der eine von ihnen trug damals Uniform, der andere nicht. Joe bekleidete irgendein geheimnisvolles Amt und trug deshalb Kapitäns-Uniform. Dadurch war er aber an London gebunden und hatte sein Heimatland nicht verlassen. Der andere erhielt im Kriege eine kleine Auszeichnung und einen pompösen Titel als Aufkäufer von Militärstiefeln für die verbündeten Nationen. Beide hatten im großen Maßstab Kriegsanleihe gezeichnet und erhielten jetzt noch halbjährlich die Zinsen dafür.

Aber der Krieg mit seinen schrecklichen Ereignissen war vorüber. Man dachte nicht mehr an die aufreibende Nachtarbeit und an die nächtlichen Eisenbahnfahrten, bei denen man weder für Geld noch gute Worte Schlafwagenkarten erhalten konnte. Auch Lebensmittelkarten gab es nicht mehr, und die Anschuldigungen wegen zu großer Kriegsgewinne gehörten ebenfalls der Vergangenheit an. Jetzt erlebten sie die bittere Tragödie, daß der Friedensschluß sie und die Firma gerade in dem Augenblick überraschte, als sie den Verkauf der Feen-Frachtlinie noch nicht abgeschlossen hatten. Die Verträge waren noch nicht gezeichnet, und der Preis für Schiffe, der während des Krieges himmelhoch stand, erreichte plötzlich einen Tiefstand wie nie zuvor.

Die Fee-Linie war nicht sehr groß. Es war nur eine kleine Schiffsgesellschaft. Man hätte sie für zweihunderttausend Pfund kaufen können, wie die Firma es auch getan hatte. Heute müßte man hundertfünfzigtausend dafür bekommen, aber bis jetzt war der Verkauf nicht geglückt.

»Joe«, sagte der ältere Mr. Pole mit einer Stimme, die aus der Gegend seiner blankgeputzten Schuhe zu kommen schien, »wir müssen irgend etwas mit den ›Feen‹ anfangen.«

»Dieser verfluchte Krieg!« sagte Joe ärgerlich und verbissen. »Dieser Kaiser! Hätte der Held nicht wenigstens noch einen weiteren Monat aushalten können? Er ist verantwortlich dafür, daß Amerika Schiffe gebaut hat – verantwortlich dafür –«

»Joe«, erwiderte der junge Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches und schüttelte traurig seinen Kopf. »Das Fluchen hat auch keinen Zweck. Wir wußten, daß sie Schiffe bauen, und das Geschäft sah auch gar nicht schlecht aus. Wenn die Türkei nicht zusammengebrochen wäre und all die beschlagnahmten Schiffe freigegeben hätte –«

»Verdammte Türkei!« sagte der andere diesmal ganz ruhig. »Dieser niederträchtige Sultan und Enver und Taalat. Dieses verfluchte Bulgarien, dieser Ferdinand –«

»Jetzt mußt du auch noch die Bolschewiken verfluchen, Joe!« fiel sein Bruder schnell ein. »Meiner Meinung nach sind die am ersten an der jetzigen Lage schuld. Nun verfluche nicht auch noch Österreich, sonst müßtest du auch noch Jugoslawien verdammen und – –«

Er seufzte tief, zog die Lippen zusammen und schaute angestrengt auf das Löschpapier, das vor ihm lag.

Joe und Fred Pole hatten allerhand Fehler, die sie auch ganz offen zugaben, z. B. ihre Freigebigkeit, ihre rückhaltlose Herzensgüte und ihre Bereitwilligkeit, selbst ihren schlimmsten Feinden einmal etwas Gutes zukommen zu lassen. Sie hatten aber auch andere Fehler, die sie nicht eingestanden, die ihre Mitmenschen aber trotzdem kannten.

Aber sie besaßen auch bewunderungswürdige Vorzüge. So waren sie z. B. einander sehr zugetan und nichts konnte sie von ihrer gegenseitigen Hochachtung abbringen. Sie halfen einander durch dick und dünn. Machte Joe einmal ein schlechtes Geschäft, so ruhte Fred nicht eher, als bis er die Sache wieder in Ordnung gebracht hatte, und wenn Fred in einem schwachen Augenblick einen zu hohen Preis gezahlt hatte, lud Joe den eleganten Verkäufer zum Essen ein, redete ihm solange zu und versicherte ihm so offenherzig seine Zuneigung, bis der gute Mann wieder einen großen Teil seines schnell erworbenen Verdienstes aufgab.

»Ich vermute«, sagte Joe am Schluß einer etwas düsteren Auseinandersetzung, »daß wir Billing nicht dazu zwingen können, seinen Vertrag einzuhalten.« Er nahm sich eine Zigarre aus dem silbernen Kasten, der auf dem Schreibtisch zwischen den beiden stand. »Hast du unseren Rechtsanwalt deshalb gesprochen, Fred?«

Der andere nickte langsam.

»Cole hat mir erklärt, daß der Vertrag vom juristischen Standpunkt aus nicht perfekt ist. Billing hat sich zwar erboten, die Schiffe zu kaufen, und er hat es auch zweifellos so gemeint, aber Cole erklärt, daß der Richter dir mit der Feder in die Augen stechen wird, wenn du Billing vors Gericht bringst.«

»Meinst du das wirklich?« fragte Joe, der Freds Äußerung zu wörtlich genommen hatte. »Aber könntest du Billing nicht zu einem netten Essen einladen –«

»Er ist Vegetarier, Joe!« Er nahm sich auch eine Zigarre, biß das Ende ab und steckte sie an. »Und außerdem ist er taub. Das geht also nicht. Wir müssen uns nach einem anderen umschauen, der noch so jung und unerfahren ist, daß er auf die Sache anbeißt. Ich kann die beiden Dampfer, die Fee ›May‹ und die Fee ›Bell‹ verkaufen. Es sind verhältnismäßig kleine Kähne, und solche Schiffe werden im offenen Markt immer verlangt. Ich kann die Werften verkaufen, die Bureaus und die Firma mit den Kunden –«

»Na, was ist denn auch schon die Firma wert, Fred?«

»Fünfzig Cents netto«, sagte der andere düster. »Alles das kann ich verkaufen, aber die Fee ›Mary‹ und die Fee ›Tilda‹ bringen mich um. Man kann zwei solche Dampfer mit ihrem merkwürdigen Deplacement auf dem ganzen Markt nicht finden. Wenn du zwei Schiffe von genau derselben Größe bekommen wolltest, könntest du sie nicht einmal für eine Million haben – ganz ausgeschlossen. Aber sie sind vermutlich schlecht gebaut.«

Joe wußte das schon lange.

»Ich habe sie Saddler von der White Anchor Line angeboten«, fuhr Fred fort, »und er sagte, wenn er einmal eine Sammlung von Kuriositäten anlegte, würde er an mich denken. Dann habe ich versucht, sie an die Coastal Cargo Line zu verkaufen – es sind doch die geeigneten Schiffe für Fahrten nach New Castle und auch auf der Themse. Der redete sich damit heraus, daß die Gefahr von Seeminen und Unterseebooten noch nicht vollständig beseitigt sei. Dann sprach ich den jungen Topping darüber, der eine Linie nach der Westküste eröffnen will. Aber der gab mir zu Antwort, daß er an Feen und den heiligen Nikolaus und derartige Dinge nicht glaube.«

»Wer kam denn auch nur auf die verrückte Idee, sie Fee Mary und Fee Tilda zu nennen?«

»Wir wollen nicht schlecht von den Toten sprechen«, antwortete Fred. »Der Mann, der sie erbaut hat, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Man sagt doch, daß man vor Freude nicht stirbt, aber das ist nicht wahr, denn er starb zwei Tage, nachdem wir sie ihm abgekauft hatten und hinterließ all sein Geld – all unser Geld – seinem Neffen.«

»Das ist mir ganz neu«, sagte Joe und richtete sich auf.

»Ich habe es auch nicht gewußt, bis ich gestern die Verkaufsurkunde mit zu Cole nahm, um nachzuprüfen, ob sich nicht irgendein Formfehler finden ließe, damit der Kauf rückgängig gemacht werden kann. Ich habe ihm telegraphiert.«

»Wem? Cole?«

»Nein, dem jungen Neffen. Wenn wir den nur –«

Er vollendete seinen Satz nicht, aber die beiden schauten sich groß an und verstanden sich.

»Wer ist das eigentlich? Ist es überhaupt jemand?« fragte Joe ungewiß.

Fred strich die Asche seiner Zigarre ab und nickte.

»Jemand, der eine halbe Million Pfund hat, ist schon jemand, Joe«, sagte er ernst. »Der junge Mensch war früher in der Armee. Er hat den Dienst quittiert und besitzt jetzt ein Geschäft in der City. Schemes Ltd. nennt es sich, viele Leute kennen ihn – besonders die Seeleute von der Westküste. Er hat einen schrecklichen Beinamen.«

»Na, und –?«

»Bones (Knochen)!« sagte Fred mit Grabesstimme. »Aber er ist einer von den Knochen, die ich gebrauchen kann.«

In der großen, sorgenvollen City lag auch ein anderes Bureau. Es hatte aber weniger das Aussehen eines Geschäftsraumes als das eines eleganten Salons, denn es war nach den wohldurchdachten Plänen einer berühmten Firma für Innenausstattung möbliert, deren Geschäftsanzeigen man in den vornehmsten Zeitschriften finden konnte und deren ganzseitige Annoncen außer einem königlichen Wappen nur noch einen Stuhl aus der Queen-Ann-Zeit und den berühmten Namen der Firma zeigten. Die Räume waren mit erlesenem Geschmack ausgestattet, so daß man selbst an den kleinsten Kissen oder dem purpurroten Vorhang nicht das mindeste aussetzen konnte.

Das große, oxydierte Silbergitter vor dem Kamin, die persischen Teppiche und die Möbel aus Rosenholz, die venetianischen Blumenvasen waren fein abgestimmt zu den vertäfelten Wänden und der vornehmen Standuhr, die so ruhig über dem prachtvollen Kamin tickte. Nicht vergessen darf man die wundervollen, bequemen Sessel, die silbernen Armleuchter und die dezente Tischlampe mit ihrem wundervoll gerafften, purpurseidenen Schirm.

Alle diese Dinge zeugten für die vornehme Erziehung und künstlerische Veranlagung des jungen Mannes, dessen Einrichtung ein Beweis für die Leistungsfähigkeit der Hoflieferanten Worrow war.

Der junge Mann selbst saß in einem äußerst bequemen Sessel und hatte seine Füße auf das olivgrüne Leder des Rosenholzschreibtisches gelegt. Er war schon längst mit seiner luxuriösen Umgebung vertraut und fühlte sich wohl darin. Aus Langeweile, nicht weil er Hunger hatte, kaute er an einem kostbar geschnitzten Messer aus Elfenbein. Er war im Vertrauen auf sein gutes Glück und sein großes Bankkonto von Hunderttausenden von Pfunden bei der Midland- und Somerset-Bank nach England zurückgekommen. Er hatte ein Buch in blauem Ledereinband und mit Messingbeschlägen mitgebracht, auf dessen Vorderseite das Wort »Schemes« in Goldbuchstaben geprägt war.

Die Seiten des Buches waren mit merkwürdigen und verrückten Berechnungen bedeckt, die quer über die Seiten geschrieben waren. So z. B. folgender Kostenanschlag:

Alte Häuser aufkaufen

ungefähr  

20 000 Pfund 

Abreißen

ungefähr 

5 000 Pfund 

Für Erbauen von 50 großen Wohnungen

ungefähr 

10 000 Pfund 

Tapezieren, Farbe, Fenster usw.

ungefähr 

5 000 Pfund 

Summa 

40 000 Pfund 

50 Wohnungen Miete zu 80 Pfund, das Jahr 40 000 Pfund. Verdienst netto ungefähr 100 Prozent.

Bemerkung: Für Familien des besseren Mittelstandes, anständige Leute. Auf diese Weise könnte man eine gute Tat tun, indem man der Arbeiterbevölkerung Wohnungen verschafft und Geld verdient, das unter die Armen verteilt werden könnte.

Mr. Augustus Tibbetts, früher Offizier bei Sr. Majestät Haussa-Schützen, war der geschäftsführende Direktor der Firma »Schemes Ltd.«, wie das große Messingschild an der Türe bekundete. Der ernst dreinschauende junge Mann trug ein goldeingefaßtes Monokel, das auf seiner graugewürfelten Weste hing und das er gelegentlich auch in das linke Auge klemmte. Seine braunrote Gesichtsfarbe zeigte, daß er sich lange in den Tropen aufgehalten hatte. Wenn er sich aufrichtete, hatte man den Eindruck, daß man es mit einem früheren Militär zu tun hatte.

Er nahm seine Füße von der Tischplatte, griff nach einem Brief, las ihn laut, das heißt, er las nur bestimmte Worte, ließ andere aus und setzte für einige andere usw. usw. ein, wenn es ihm zu langweilig war, den ganzen Satz zu lesen.

»Sehr geehrter Herr, als alte Freunde Ihres verehrten Onkels usw. und dergleichen, ergreifen wir die ernste Gelegenheit usw. usw. ... unser Mr. Fred Pole wird Ihnen seine Aufwartung machen und, na usw. usw. Ihre hochachtungsvoll Ergebenen.«

Mr. Tibbetts zog die Augenbrauen zusammen und läutete unnötig heftig die silberne Glocke. In der Türöffnung erschien eine sonderbare Gestalt in roten Hosen, einer grünen Zuavenjacke, einem phantastischen Fes und purpurroten Lederpantoffeln. Als Gürtel war kühn eine orientalische Seidenschärpe umgeschlungen. Das große, sanfte Gesicht war schwarz und trotz all dieser glänzenden arabischen Kleidung war er zweifellos ein Neger.

Dieses Gewand war eigens nach den Plänen von Mr. Tibbetts angefertigt worden. Er hatte es genau nach der Kleidung des farbigen Kellners kopieren lassen, der den türkischen Kaffee im Wistaria-Restaurant servierte. Es gab keinen Grund, weshalb ein Geschäftsmann wie Bones eine Leibwache nötig gehabt hätte und noch viel weniger Ursache war vorhanden, einen Leibdiener in dem farbenfreudigen Gewand eines Othello auftreten zu lassen. Aber obwohl Mr. Tibbetts ein Geschäftsmann war, hatte er doch seine Besonderheiten.

Er hob den ernsten Blick.

»Ali«, fragte er, »hast du die Posten in dem Hauptbuch nachgetragen?«

»O Herr,« sagte Ali mit tiefer Ergebenheit, »der Gegenstand war zu umfangreich, um in die Öffnung des Briefkastens hineinzugehen. So habe ich ihn dem weiblichen Beamten hinter dem Postschalter persönlich überreicht.«

Bones sprang auf und sah ihn entsetzt an.

»Zum Donnerwetter, du alter, verrückter Esel, du hast das Hauptbuch doch nicht etwa zur Post getragen?«

»O Herr,« entgegnete Ali vorwurfsvoll, »du hast mir den ausdrücklichen Befehl gegeben, die ›Post nachtragen‹. Deshalb habe ich das Geschäftsbuch sorgfältig in Packpapier eingepackt und mit Bindfäden verschnürt und es nach der Post getragen.«

Bones fiel in seinen Sessel zurück.

»Es hat wirklich keinen Zweck, Ali,« sagte er traurig, »mein armer, unzivilisierter Wilder, du kannst wahrhaftig nichts dafür. Ich werde dich niemals soweit bringen, mein armer, alter, verrückter Kerl! Wenn ich dir sage, die ›Posten nachtragen‹, dann meine ich doch, du sollst das Geld, das du für Wagen, Autobus usw. ausgegeben hast, in das Buch einschreiben. Ohne Vernunft kann man natürlich kein Geschäft führen, Ali. Weißt du denn das nicht, du alter Götze? Wie sollen denn nachher die Rechnungsrevisoren sich auskennen, wie ich das Geld meines Onkels ausgegeben habe, wenn du es nicht einmal aufschreibst! Die Posten nachtragen heißt aufschreiben. Aber um alles in der Welt –« plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke – »an wen hast du es denn adressiert?«

»O Herr,« sagte Ali ruhig, »ich habe das Buch an die Privatadresse deiner Hoheit gesandt.«

Ali hatte sein Englisch in dem Laboratorium eines britischen Gelehrten in Sierra Leone erlernt und durch sein langes Zusammenleben mit diesem gelehrten Mann enthielt sein Wortschatz viele ungebräuchliche und hochtönende Ausdrücke.

Bones seufzte resigniert.

»Ich erwarte –«

In diesem Augenblick ertönte die Glocke.

Auch diese Glocke war aus Silber. Bones schaute auf, zog seine Weste herunter, strich noch einmal über das Haar, klemmte das Monokel ein und nahm einen großen Federkiel mit einer lebhaft roten Feder in die Hand.

»Laß ihn herein«, sagte er geschäftsmäßig.

Ein wohlgekleideter junger Mann betrat das innere Heiligtum. Er hatte einen glänzenden Zylinder in der Hand und kam mit leichten Schritten quer durch den Raum.

»Ah, Mr. Fred Pole!« las Bones auf der Karte des Besuchers mit einem düsteren Blick, den er sich in den Geschäftsstunden angewöhnt hatte.

»O ja.«

»Nehmen Sie, bitte, Platz, Mr. Pole. Ich stehe gleich zu Ihrer Verfügung.«

Den ganzen Morgen hatte er nun auf Mr. Pole gewartet, und der Firmenaufdruck auf dem Brief, den Mr. Pole ihm geschrieben hatte, war Veranlassung zu kühnsten Träumen gewesen.

Schiffe ... Dampfer ... Hausflagge ... die goldenen Uniformknöpfe der Schiffsoffiziere ...

Mit einer Handbewegung lud er Fred zum Sitzen ein, und als dieser Platz genommen hatte, schrieb er wie besessen. Diese plötzliche, eilige Tätigkeit war eine Erscheinung, die mit der Ankunft seines Besuches zusammenfiel. Daran war teils seine Nervosität, teils auch der Umstand schuld, daß ihm Fremde unsympathisch waren. Mit großer Eile beendete er seine Arbeit, löschte das Papier ab und steckte es in einen Briefumschlag, fügte die Adresse hinzu und legte den Brief auf den Schreibtisch. Dann nahm er wieder die Visitenkarte in die Hand.

»Mr. Pole?«

»Mr. Pole!« wiederholte der fremde Herr.

»Mr. Fred Pole?« fragte Bones mit einigem Erstaunen.

»Mr. Fred Pole!« bestätigte der andere.

Bones schaute von der Visitenkarte zu dem Besucher, als ob er seinen Augen nicht trauen könne.

»Ich habe von Ihnen einen Brief bekommen«, sagte er und suchte auf dem Schreibtisch. »Ah, hier ist er.« Es lag nur das eine Papier auf dem großen Tisch. »Ja, ich freue mich sehr, Sie zu sehen.«

Er stand auf und schüttelte dem anderen feierlich die Hand. Darauf setzte er sich wieder und hustete. Dann nahm er seinen Elfenbeinbrieföffner, kaute daran, hustete wieder, als er entdeckte, daß er etwas Unschickliches tat, und legte den Brieföffner geräuschvoll auf den Tisch.

»Ich hatte mir vorgenommen, Sie zu besuchen, Mr. Tibbetts«, sagte Fred liebenswürdig. »Wir stehen, wenn ich so sagen darf, in geschäftlicher Verbindung.«

»So – tatsächlich?«

»Sehen Sie, Mr. Tibbetts«, fuhr Fred mit einem traurigen Lächeln fort. »Ihr verehrter, verstorbener Onkel verkaufte uns seine Schiffe, bevor er sich vom Geschäft zurückzog. Einen Monat später starb er.«

Er seufzte und Bones seufzte auch.

»Ihr Onkel war ein großer Mann, Mr. Tibbetts, einer der größten Geschäftsleute in dieser kleinen City – was für ein Mann!«

»Ja!« sagte Bones und schüttelte traurig den Kopf.

Er hatte seinen Onkel niemals gesehen und nur selten von ihm gehört. Saul Tibbetts war als Geizhals bekannt, und seine Sprache war derartig rauh, daß man den Knaben Augustus unweigerlich und eilig in das Kinderzimmer brachte, wenn der alte Onkel Saul die Familie besuchte, was allerdings nur selten vorkam. Bones hatte nun das ganze große Erbe angetreten und wußte selbst nicht, wie. Es erschien ihm alles wie ein Traum, aus dem er noch nicht ganz erwacht war.

»Ich muß gestehen, Mr. Tibbetts, daß ich mir oft Gewissensbisse wegen Ihres Onkels gemacht habe. Schon öfter wollte ich zu Ihnen kommen, um mit Ihnen zu sprechen. Heute morgen sagte ich zu meinem Bruder: ›Joe, ich werde herumgehen und Tibbetts besuchen‹ – verzeihen Sie mir diese Freiheit – aber wir sprechen immer so, wenn wir von den Rothschilds und den Morgans sprechen, ohne daß wir Titulaturen hinzufügen.«

»Natürlich, selbstverständlich!« murmelte Bones.

»› ... ich werde Tibbetts besuchen und werde mir einmal die Sache vom Herzen reden‹, sagte ich. ›Wenn er diese Schiffe zu dem Preise zurückhaben will, den wir dafür gezahlt haben und selbst für weniger, dann soll er sie bekommen.‹ ›Fred‹, sagte er, ›für einen Geschäftsmann bist du zu feinfühlig.‹ ›Joe‹, entgegnete ich, ›mein Gewissen arbeitet auch während der Geschäftsstunden.‹«

Bones schien zu verstehen und strahlte.

»O ja, mein lieber, alter Pole«, sagte er munter. »Ich verstehe, Sie haben meinen lieben, alten Onkel beschwindelt. Sie haben ihm Geld abgenommen und das wollen Sie jetzt zurückzahlen.«

Bones erhob sich und streckte seine knochige Hand aus.

»Sie sind ein netter, alter Sportsmann, Sie können das Geld hier auf den Tisch legen.«

»Was ich sagen wollte« – begann Fred etwas erregt.

»Kein Wort weiter – wir wollen eine Flasche zusammen trinken. Was darf ich Ihnen anbieten, Gingerbier oder Apfelwein?«

Fred unterdrückte mühsam ein Lachen.

»Warten Sie, warten Sie, Mr. Tibbetts,« bat er. »Ich muß Ihnen doch alles erst erklären. Natürlich haben wir Ihren Onkel nicht wissentlich beraubt –«

»Nein, natürlich nicht,« sagte Bones und verzog einen Augenblick lang das Gesicht. »Wir Geschäftsleute berauben niemals jemand! Ali, bringe die Getränke!«

»Wir beraubten ihn nicht bewußt,« fuhr Mr. Fred verzweifelt fort, »aber wir – hören Sie mein Geständnis!«

»Sie haben etwas von ihm geborgt und haben es nicht zurückgezahlt – wie leichtfertig! Her mit dem Korkenzieher, Ali! Was darf es sein – Sodawasser oder etwas Alkoholisches?«

Mr. Fred betrachtete den jungen Mann ernst und lange.

»Mr. Tibbetts,« sagte er und ergriff schnell Bones' Hand. »Ich hoffe, daß wir Freunde werden. Ich liebe Sie. Das ist meine Besonderheit – ich mag die Leute oder ich mag sie nicht. Um aber wieder auf die Sache zurückzukommen. Wir kauften von Ihrem Onkel zwei Schiffe für hundertvierzigtausend Pfund, als wir wußten – ja, wir wußten es ganz bestimmt, daß sie mindestens zwanzigtausend Pfund mehr wert waren – jetzt, nachdem ich Ihnen das gesagt habe, fühle ich mich glücklicher.«

»Zwanzigtausend Pfund mehr wert«, sagte Bones nachdenklich. Die Vorsehung arbeitete für ihn.

»Wenn es das Geld eines andern gewesen wäre, hätte ich mich nicht darum gekümmert«, sagte Fred kühn. »Aber fragen Sie Cole – er ist der beste Rechtsanwalt in dieser Stadt in Schiffsangelegenheiten – fragen Sie meinen Bruder, der vermutlich die größte Schiffsautorität auf der ganzen Welt ist, oder – wozu andere fragen – fragen Sie sich selbst. Wenn Sie nicht der zweite Saul Tibbetts sind, wenn Sie nicht den Instinkt und das Auge und den Verstand eines Reeders haben – dann will ich nicht Fred Pole heißen!«

Er nahm seinen Hut auf und preßte die Lippen zusammen. Diese Grimasse und diese Geste sollten seine tiefste Überzeugung ausdrücken.

»Was sind sie heute wert?« fragte Bones nach einer Pause.

»Was sie heute wert sind?« Mr. Fred runzelte die Stirn und schaute nachdenklich an die Decke. »Nun, was werden sie heute wert sein? Ich vergaß, wieviel ich auf sie verwandt habe – sie liegen jetzt im Dock.«

Nun zog auch Bones die Lippen zusammen.

»Sie liegen jetzt im Dock?« sagte er. »Lieber, alter Fred Pole, Sie sind ein nettes, altes Idol! Beim Himmel, das ist nicht schlecht! ›Pole‹ und ›Idol‹, das reimt sich – haben Sie es bemerkt?«

Fred hatte es bemerkt.

»Es ist ausgezeichnet«, sagte Bones und schüttelte den Kopf. »Es ist ausgezeichnet, wie sich die Dinge entwickeln. Woher haben Sie gewußt, alter Landsmann, daß ich in das Schiffsgeschäft steigen wollte?«

Mr. Fred wußte nicht, daß Bones das beabsichtigte, aber er lächelte.

»Es ereignen sich wenig Dinge in der City, von denen ich nichts weiß«, gab er bescheiden zu.

»Die Tibbetts-Linie«, sagte Bones entschieden, »wird eine Hausflagge von roten und grünen Diagonalen haben – von Ecke zu Ecke. Ein gelber Anker in einer blauen Girlande in einer Ecke und der große Buchstabe T in der anderen.«

»Originell, sehr originell«, sagte Fred bewundernd. »Woher haben Sie diese gute Idee?«

»Ich habe immer Ideen,« gestand Bones errötend, »manchmal nachts, manchmal am Tage. Die Flotte« – Bones betonte das Wort und wiederholte es – »die Flotte wird bestehen aus dem ›Augustus‹, dem ›Sanders‹, einem lieben, alten Freund von mir, der in Hindhead wohnt, der ›Patricia‹, auch einer lieben, alten Freundin von mir, die auch in Hindhead wohnt, sogar in demselben Hause. Um die Wahrheit zu sagen, lieber, alter Fred, sie ist mit dem andern Schiff verheiratet. Und dann wird es den ›Hamilton‹ geben, eine wertvolle, treue Seele, ein sehr, sehr, sehr alter, lieber Freund von mir, der in kurzer Zeit zurückkommt –«

»Wie wollen wir die Sache nun regeln, Mr. Tibbetts?« fragte Fred, der eine Verabredung zum Lunch hatte. »Würden Sie die beiden Schiffe zu dem Preise übernehmen, den wir Ihrem Onkel gegeben haben?«

Bones läutete.

»Ich bin ein Geschäftsmann, mein lieber, alter Fred«, sagte er korrekt. »Die Zeit kehrt nicht wieder, wir wollen die Sache jetzt in Ordnung bringen!«

Mit dem »Jetzt« wollte er den Charakter des harten, unbeugsamen Geschäftsmannes zum Ausdruck bringen.

Fred kam in das Privatbureau von Pole & Pole, nachdem er in Gesellschaft gegessen hatte. Er strahlte vor Freude und seine Züge waren von einem wunderbaren Frieden verklärt.

Aber Freds strahlende Miene war nichts gegen das Hochgefühl, das sich in Joes Gesicht spiegelte. Er wartete auf seinen Bruder und hatte sich soweit in seinem Sessel zurückgelehnt, daß die Spitze seiner Zigarre zur Decke zeigte.

»Nun, Fred, wie geht es dir?« Es war fast so wie der Wechselgesang in der Kirche.

»Sehr gut, Joe.« Fred hing seinen Regenschirm auf, den er unnötigerweise mitgenommen hatte.

»Ich habe die Feen verkauft.«

Joe sagte es und Fred sagte es auch. Sie sagten es beide zusammen und es war dasselbe siegesbewußte Trällern in ihren Stimmen. Und beide hörten im selben Augenblick auf, zu lächeln.

»Du hast die beiden Schiffe verkauft?« sagten beide wieder zusammen. Es sah fast aus, als ob sie diese Szene seit Monaten eingeübt hätten, so genau sprachen sie im Chor.

»Warte ein wenig, Joe. Wollen wir die Sache einmal gründlich durchsprechen. Soviel ich verstanden habe, hast du mir die Angelegenheit überlassen?«

»Das stimmt, Fred. Aber ich war so versessen auf meine Idee, nämlich die Sache vor dir zu regeln und dann bin ich ja auch gar nicht als Vertreter der Firma Pole & Pole zu ihm gegangen –«

»Zu ihm – zu wem?« fragte Fred und atmete schnell.

»Na, wie ist doch gleich sein Name – Bones!«

Fred nahm sein blauseidenes Taschentuch heraus und tupfte seine Stirne.

»Erzähle weiter, Joe!« sagte er traurig.

»Ich erwischte ihn gerade noch in dem Moment, als er zum Essen gehen wollte. Ich hatte die Firmenkarte von der United Merchant Shippers in sein Bureau geschickt. Das ist natürlich auch unsere Firma, und ich habe kein Wort von Pole & Pole erwähnt.«

»O nein, sicherlich nicht«, sagte Fred.

»Und, mein Junge« – das war scheinbar Joes größter Trumpf, denn er sagte es mit großem Pathos – »ich habe kein Wort über die Namen der beiden Schiffe in den Vertrag aufgenommen. Ich habe nur zwei Dampfer verkauft von so und so großer Tonnage und der und der Klasse –«

»Für wieviel hast du verkauft?«

Fred war doch etwas neugierig.

»Hundertzwanzigtausend!« rief Joe freudig. »Er gründet eine Flotte, wie er sagt, mit der er die Tibbetts-Linie eröffnen wird. Auch erzählte er mir, daß er diesen Morgen schon zwei Schiffe gekauft hätte.«

Fred schaute nachdenklich zur Decke empor, bevor er sprach.

»Joe, ist es ein fester Abschluß? Hast du die Sache schriftlich gemacht?«

»Ganz selbstverständlich«, sagte Joe wütend bei dem Gedanken, daß der andere ihm zutraute, einen so wichtigen Teil eines Kaufabschlusses unterlassen zu haben.

»Das habe ich auch getan. Jene beiden Schiffe, von denen er erzählte, daß er sie gekauft hat, waren die beiden Feen.«

Es herrschte Totenstille im Bureau.

»Nun wohl«, meinte Joe nach einer Weile unbehaglich, »dann müssen wir eben noch ein paar Schiffe dazu besorgen –«

»Wo sollten wir die wohl her bekommen? Gestern hast du noch zugegeben, daß zwei solche Boote in der ganzen Welt nicht mehr aufzutreiben sind.«

Wieder herrschte tiefes Schweigen.

»Ich glaubte, mein Bestes zu tun, Fred.«

Der andere nickte.

»Aber wir müssen etwas unternehmen, wir können einem Mann nicht etwas verkaufen, was wir nicht haben. Joe, könntest du heute nachmittag nicht Golf spielen gehen, während ich versuchen will, die Sache in Ordnung zu bringen?«

Joe nickte und erhob sich feierlich, nahm seinen Regenschirm von dem Ständer und seinen glänzenden Zylinder und verließ leise das Zimmer.

Von drei bis vier Uhr saß Mr. Fred Pole in tiefen Gedanken versunken und schließlich schloß er mit einem schweren Seufzer seinen Kassenschrank auf, nahm sein Scheckbuch heraus und steckte es in die Tasche.

Bones war gerade dabei, fortzugehen, nachdem er mit dem Erfolg des heutigen Tages sehr zufrieden war, als Fred Pole gemeldet wurde.

Bones grüßte ihn so herzlich wie einen Bruder, faßte ihn gleich beim Eingang an der Hand und führte ihn zu einem der bequemen Sessel.

»Das ist aber nett von Ihnen, lieber, alter Fred!« sagte er vergnügt. »Wirklich zu liebenswürdig. Man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist, mein lieber, alter Schiffseigentümer. Ali, bringe mein Scheckbuch!«

»Nur einen kurzen Augenblick, Mr. Bones. Seien Sie nicht böse, daß ich Sie mit Ihrem Spitznamen nenne, der schon einen guten Klang in der City hat.«

Bones schaute ihn zweifelnd von der Seite an.

»Persönlich ziehe ich allerdings Tibbetts vor«, verbesserte sich Fred.

»Persönlich tue ich das auch«, fügte Bones hinzu.

»Ich komme wegen eines merkwürdigen Irrtums«, sagte Fred mit so beschlagener Stimme, daß Bones aufschaute. »Tatsächlich, mein lieber Freund, ich –«

Er ließ den Kopf hängen und Bones legte ihm voll Mitgefühl die Hand auf die Schulter.

»Jeder ist gezwungen, einmal den Weg zu gehen, mein lieber, alter Fred«, sagte Bones. »Was mich betrifft, so bin ich dem Alkohol nicht ergeben. Ich habe Nerven wie Stahl und Eisen und all so was.«

»Ich muß mich tatsächlich vor Ihnen schämen«, gab Fred zu.

»Sie brauchen sich gar nicht vor mir zu schämen, mein armer, alter Trinker. Ich kann mich darauf besinnen, daß einmal –«

»Als ein ehrlicher Geschäftsmann, Mr. Tibbetts«, sagte Fred tapfer, »können Sie mir vergeben, wenn ich Gefühl habe?«

»Gefühl? Sie verrückter, alter Kerl. Ich bin ganz Gefühl, mein lieber, alter Freund. Ich weine mich jeden Abend in Schlaf, wenn ich die Bücher des alten Charles Dickens lese.«

»Ich tue es nur aus Gefühl«, sagte Fred gebrochen. »Ich kann es einfach nicht – ich kann mich von diesen beiden Schiffen nicht trennen, die ich Ihnen verkauft habe.«

»Wie?«

»Sie gehörten Ihrem Onkel. Aber mein Bruder und ich haben eine solche Anhänglichkeit an diese Schiffe, daß es profan wäre, darüber zu sprechen. Mr. Tibbetts, wir wollen das Geschäft annullieren.«

Bones atmete schnell und rieb sich die Nase.

»Geschäft, mein lieber, alter Freund,« erwiderte er höflich, »bleibt Geschäft. Tragen Sie es standhaft wie ein Mann. So sagte der alte, ehrwürdige Francis Drake, als sie ihn beim Kricketspiel störten. – Aber Geschäft ist Geschäft, mein lieber Freund. Es würde mir ja ein großes Vergnügen sein, Sie mir zu Dank zu verpflichten, aber es geht nicht –.« Er schüttelte heftig den Kopf.

Mr. Fred holte langsam sein Scheckbuch heraus und legte es mit einem Seufzer auf den Tisch, wie jemand, der sein Testament machen will.

»Sie sollen nichts verlieren«, sagte er und schluckte, denn er war tatsächlich sehr betrübt. »Ich muß für meine Schwäche zahlen. Was meinen Sie zu fünfhundert Pfund?«

»Nun, was meinen Sie zu tausend, wenn die Sache so geregelt werden soll, Freddy? Ich bin wirklich sehr ärgerlich, daß Sie das Geschäft rückgängig machen wollen!«

»Siebenhundertfünfzig!« Er blinzelte Bones an.

»Also, nun schreiben Sie tausend, mein lieber Fred, ich kann die Fünfziger nicht so gut zusammenzählen!«

So wurde »in Anbetracht«, wie Fred schnell zu Papier brachte und Bones noch schneller unterschrieb, »gegen eine Abstandssumme von tausend Pfund der Vertrag zwischen usw. usw. annulliert« und Fred wurde wieder Eigentümer der beiden Schiffe.

»Mein lieber, alter Fred«, sagte Bones, als er seinen Scheck in die Tasche steckte. »Ich verstehe nicht – Offenheit ist von je ein Fehler von mir gewesen – viel von dem ganzen Schiffsgeschäft. Aber sagen Sie mir doch, mein netter, alter Geschäftsmann, warum verkaufen die Leute einem die Schiffe am Morgen und kaufen sie am Nachmittag wieder zurück?«

»Das ist Geschäft, Mr. Tibbetts«, sagte Fred lächelnd. »Nichts weiter als Geschäft.«

Bones hatte sich den Finger mit Tinte beschmutzt und versuchte, ihn mit dem Löscher zu reinigen.

»Ein ganz hübsches Geschäft für mich, mein lieber, alter Freund. Ich habe tausend Pfund von Ihnen bekommen und tausend Pfund von einem andern Herrn, der mir auch zwei Schiffe verkauft hat.«

»Ein anderer Herr?« fragte Fred schwach. »Vielleicht jemand von der Firma United Merchant Shippers?«

»Ja, ja, diese Firma vertrat er.«

»Hat der auch sein Geschäft mit Ihnen aufgegeben?«

»Gewiß! Er war übrigens ein sehr netter, lieber Mensch! Er sagte, ich könnte ihn ruhig bei seinem Vornamen nennen! Der nette, alte Joe!«

»Der nette, alte Joe«, wiederholte Fred mechanisch, als er aus dem Bureau ging. Und den ganzen Weg nach Hause sagte er noch: »Der nette, alte Joe!«

2 – Der verborgene Schatz

Mrs. Staleybornes erster Gatte war ein Universitätsprofessor und ein Träumer. Ihr zweiter Mann hatte aber sein Leben als Zauberkünstler begonnen und sich allmählich durch natürliche Veranlagung zum Teilhaber einer kleinen Winkelbank heraufgearbeitet.

Als Mrs. Staleyborne noch Miß Clara Smith hieß, war sie die Haushälterin des Mr. Whitland, eines Gelehrten der Biologie, der eines Tages ihre Unentbehrlichkeit entdeckte und nur wenig an die gesellschaftliche Kluft dachte, die zwischen dem jüngsten Sohn des verstorbenen Lord Bortelydine und der einzigen Tochter des Mechanikers Albert Edward Smith lag. Für den Professor war sie Miß Homo Sapiens, ein hübscher, federloser Zweisohlengänger des Geschlechtes Homo. Sie hatte ein häusliches Wesen und konnte kochen wie ein Engel. Die hübsche Frau wußte scheinbar niemals, wie ihr Gatte mit Vornamen hieß, denn sie nannte ihn bis zu seinem Todestage Mr. Whitland.

Nach ihrer Verheiratung wurden ihre Beziehungen zueinander enger, als sie einem kleinen Töchterchen das Leben schenkte, und sie steigerten sich noch, als diese Tochter heranwuchs. Marguerite Whitland hatte die geistige Veranlagung ihres Vaters und die Grazie und wunderbare Schönheit geerbt, die von jeher die Frauen des Hauses Bortelydine auszeichneten.

Als Professor Whitland starb, betrauerte ihn seine Frau in aller Anhänglichkeit, aber sie fühlte sich doch erleichtert. Die Hälfte der Last, die auf ihr ruhte, war von ihr genommen. Ihre Tochter war damals Schülerin des Cheltenham College und mühte sich ab, den binomischen Lehrsatz zu lernen.

Als sie zwölf Monate Witwe war, machte sie in einem Sanatorium in Harrogate die Bekanntschaft des Mr. Cresta Morris. Und wenn man die Wahrheit sagen soll, erfüllte er ihre Vorstellungen von einem liebenswürdigen Mann mehr als der verstorbene Professor. Mr. Cresta Morris trug weiße Kragen und wunderschöne Krawatten, und eine goldene Uhrkette hing über seiner Phantasieweste. Er rauchte große Zigarren, hatte ein offenes und herzliches Wesen und sprach mit der Witwe in einer Sprache, die sie verstand. Es kam ihr dunkel zum Bewußtsein, daß der Professor niemals so zu ihr gesprochen hatte.

Mr. Cresta Morris verfügte über einen Wortschatz von etwa tausend Worten, mit denen Mrs. Whitland gut vertraut war. Auch war er ein Mann, der Einkommen und Vermögen hatte, wie er ihr erklärte. Sie gab Vertrauen gegen Vertrauen und erzählte von ihrem Haus in Cambridge, von ihrer Einrichtung, der großen Bibliothek und der jährlichen Rente von dreihundert Pfund, die von Professor Whitland für die Erziehung seiner Tochter bestimmt war und zu diesem Zweck an die Witwe ausgezahlt wurde. Auch teilte sie ihm mit, daß sie ein Vermögen von viertausenddreihundert Pfund besaß, das in Kriegsanleihe angelegt war und über das sie ohne Einschränkung verfügen konnte.

Mr. Cresta Morris wurde noch freundlicher als vorher. Nach drei Monaten heirateten sie und sechs Monate später war das alte Haus in Cambridge verkauft und die Bibliothek in alle Winde zerstoben. Alles, was Mr. Morris für altmodisch hielt, wurde veräußert, und der Rest der Einrichtung in ein schönes, ansehnliches Haus in Brocklay gebracht, das in mancher Beziehung nach der Ansicht der Mrs. Morris hübscher als das planlos gebaute, alte Gebäude in Cambridge war. Sie fühlte sich glücklich und, obwohl sie nicht wußte, wie ihr Mann seinen Lebensunterhalt verdiente, lebte sie doch zufrieden, ohne um eine Aufklärung zu fragen.