Boneshaker - Cherie Priest - E-Book
Beschreibung

Mit Volldampf voraus!Amerika kurz nach dem Bürgerkrieg: Es sollte Dr. Leveticus Blues größte und ruhmreichste Erfindung sein, doch der »Boneshaker« verursachte eine Katastrophe. Bei seinem Testlauf wurde ein mysteriöses Gas freigesetzt, dass die Bewohner Seattles in seelenlose Kreaturen verwandelte, woraufhin die vergiftete Stadt und ihre Bewohner durch eine riesige Mauer isoliert wurden. Sechzehn Jahre später macht sich Briar Wilkes, Dr. Blues Witwe, in einem Luftschiff auf den Weg nach Seattle, um dem Geheimnis des »Boneshakers« auf die Spur zu kommen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:664


Das Buch

Amerika im 19. Jahrhundert: Es sollte die größte Erfindung seines Lebens sein, doch der »Boneshaker«, der Dr. Leveticus Blue zu Ruhm und Reichtum verhelfen sollte, verursachte eine Katastrophe. Bei seinem Testlauf wurde ein mysteriöses Gas freigesetzt, das die Bewohner Seattles in seelenlose Kreaturen verwandelte, woraufhin die vergiftete Stadt und ihre Bewohner durch eine riesige Mauer isoliert wurden. Sechzehn Jahre später lebt Briar Wilkies, die Witwe des unglückseligen Erfinders, mit dem gemeinsamen Sohn Ezechiel ihr bescheidenes, aber zufriedenes Leben im Schatten der Mauer Seattles. Bis zu dem Tag, an dem Ezechiel beschließt, den angeknacksten Ruf seines verstorbenen Vaters wieder in Ordnung zu bringen und heimlich still und leise nach Seattle entschwindet – in eine Stadt, in der es vor seelenlosen Subjekten, Luftpiraten, kriminellen Unterweltherrschern und schwer bewaffneten Flüchtlingen nur so wimmelt. Der aufgebrachten Briar bleibt nichts anderes übrig, als ins nächste Luftschiff nach Seattle zu steigen und ihren Sohn zu befreien …

»Hätten sich Jules Verne und George Romero zusammengetan, um die Geschichte Amerikas neu zu schreiben, wäre Boneshaker, das Ergebnis gewesen.« Mike Mignola

Die Autorin

Cherie Priest wurde 1975 in Tampa, Florida, geboren. Sie studierte Englisch an der Southern Adventist University und Rhetorik an der University of Tennessee, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihr Roman Boneshakerist ein Riesenerfolg und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Die Autorin lebt und arbeitet in Seattle.

Weitere Informationen zu Autorin und Werk finden Sie unter:

www.cheriepriest.com

CHERIE PRIEST

BONESHAKER

ROMAN

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

BONESHAKER

Deutsche Übersetzung von Frank Böhmert

Deutsche Erstausgabe 03/2012

Redaktion: Michael Pfingstl

Copyright © 2009 by Cherie Priest

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN 978-3-641-07125-7

www.heyne-magische-bestseller.de

Das hier ist fürs Team Seattle –

Mark Henry, Caitlin Kittredge,

Richelle Mead und Kat Richardson –

denn sie sind Herz und Seele dieser Stadt.

In diesem Zeitalter der Erfindungen hat die Waffentechnik große Fortschritte gemacht. Tatsächlich sind seit den verlängerten Kriegen Europas in den Anfangsjahren des Jahrhunderts die bemerkenswertesten Erfindungen gemacht worden, und der kurze Italienfeldzug Frankreichs 1859 hat dienlich illustriert, welche gewaltigen Kräfte die Maschinen der Zerstörung entfesseln können.

– Thomas P. Kettell, Vollständige Geschichte der großen amerikanischen Rebellion. Nach dem Englischen bearbeitet von Paul Löser, Redacteur der New-Yorker »Handels-Zeitung.« (1865)

Aus: Hale Quarter, Denkwürdige Begebenheiten in der Geschichte des Westens

Kapitel7:

»Der befremdliche Zustand des ummauerten Seattle«

in Arbeit (1880)

Ungepflasterte, unebene Wege, die vorgaben, Straßen zu sein, spannten sich von Küste zu Küste wie Schnürsenkel über einen Schuh und hielten die Nation zusammen wie ein Versprechen. Über den großen Fluss, durch die Prärie und über die Bergpässe drangen die Siedler von Osten nach Westen vor. In Planwagen und Kutschen tröpfelten sie in kleinen Gruppen über die Rockies ein.

Zunächst jedenfalls.

In Kalifornien lagen walnussgroße Nuggets auf dem Boden herum – so wurde erzählt, und während Gerüchte goldene Flügel haben, reist die Wahrheit langsam. Aus dem Tröpfeln wurde ein mächtiger Strom. Die glitzernden Küsten des Westens wimmelten von Prospektoren, die ihre Nasen in den Wind und ihre Goldpfannen in die steinigen Flüsse hielten und auf Reichtum hofften.

Bald war kein Stück Land mehr frei, und die Claims verdienten kaum mehr ihren Namen. Das Gold lag in so feiner Körnung in der Erde, dass es die Männer beim Abbau einzuatmen drohten.

Dann machte im Jahre 1850, getragen von mächtigen Schwingen und mit funkelnden Versprechen lockend, von Norden her ein weiteres Gerücht die Runde.

Der Klondike, besagte es. Kommt und bahnt euch einen Weg durch sein Eis, denn auf jeden Mann mit hinreichend Tatkraft wartet dort ein Vermögen an Gold.

Die Strömungen verschoben sich, wandten sich den nördlichen Breiten zu – sehr zum Vorteil der letzten Ortschaft vor der kanadischen Grenze, einer provinziellen kleinen Textilstadt am Puget Sound, die nach dem Häuptling der dortigen Indianerstämme Seattle hieß. Nahezu über Nacht wurde aus dem schlickfeuchten Städtchen ein kleines Reich, als Forschungsreisende und Prospektoren dort haltmachten, um Handel zu treiben und ihre Vorräte aufzustocken.

Während amerikanische Abgeordnete darüber stritten, ob sich der Erwerb des Alaska-Territoriums nun lohnte oder nicht, ging Russland auf Nummer sicher und wägte den Verkaufspreis ab. Wenn das Land tatsächlich reich an Gold war, änderte das die Lage grundlegend; doch blieb immer noch die Frage, ob es sich auch abbauen ließ. Eine vielversprechende Ader, die an manchen Stellen sichtbar, zum größten Teil jedoch unter einer dreißig Meter dicken, auch sommers nicht abschmelzenden Eisschicht begraben lag, bot das ideale Versuchsgelände.

Im Jahre 1860 riefen die Russen einen Wettbewerb aus, der demjenigen Erfinder, der eine Maschine herstellen oder entwerfen konnte, die in der Lage war, sich auf der Suche nach Gold durch Eis zu bohren, ein Preisgeld in Höhe von 100000 Rubel versprach. Und so setzte trotz des heraufdämmernden Bürgerkriegs ein wissenschaftliches Wettrüsten ein.

Überall im pazifischen Nordwesten wurden an großen wie auch an kleinen Maschinen geschraubt. Es handelte sich um ausgetüftelte Fahrzeuge, die bitterer Kälte trotzen und sich durch diamanthart gefrorenen Erdboden wühlen sollten. Sie wurden mit Dampf und Kohle angetrieben und mit Spezialmitteln geschmiert, die ihre Mechaniken vor den Elementen schützten. Manche wurden wie Postkutschen von Männern gelenkt, teils bohrten sie sich allein ihren Weg, gesteuert durch Getriebe und raffinierte Vorrichtungen.

Aber nicht eine war robust genug, um an die unterirdische Ader heranzukommen, und die Russen freundeten sich bereits mit dem Gedanken an, das Land mehr oder weniger für einen Spottpreis an Amerika abzutreten – da wandte sich ein Erfinder aus Seattle mit den Plänen für eine unglaubliche Maschine an sie. Es sollte das größte je konstruierte Minenfahrzeug werden: fünfzehn Meter lang und voll mechanisiert, angetrieben durch Dampfdruck. An der Vorderseite sollten drei riesige Bohr- und Schneidköpfe prangen, und ein System spiralförmiger Grabvorrichtungen an der Seite und am Heck sollte den aus Eis, Fels und Erde bestehenden Aushub nach hinten in die Bohrröhre befördern. Aufgrund der exakt berechneten Statik und punktgenauen Versteifung sollte diese Maschine in der Lage sein, sich horizontal wie vertikal in nahezu alle Richtungen fortzubewegen, abhängig allein von den Fähigkeiten des Mannes, der sie lenkte. Ihre Präzision sollte alles bisher Dagewesene übertreffen und ihre Leistung für alle künftigen derartigen Baufahrzeuge maßgeblich sein.

Allerdings existierte sie bislang nur auf dem Papier.

Ihr Konstrukteur, ein gewisser Leviticus Blue, überzeugte die Russen, ihm eine Summe vorzuschießen, die zur Beschaffung der Teile ausreichte, und den Bau von Dr. Blue’s Incredible Bone-Shaking Drill Engine zu finanzieren. Er erbat sich sechs Monate Zeit und stellte eine öffentliche Testvorführung in Aussicht.

Leviticus Blue kassierte seinen Vorschuss, kehrte nach Seattle zurück und machte sich im Keller seines Hauses an den Bau der bemerkenswerten Maschine. Teil für Teil stellte er seinen Apparat zusammen, ohne dass seine Mitbürger etwas davon zu sehen bekamen, und Nacht um Nacht schreckte der Lärm geheimnisvoller Werkzeuge und Instrumente die Nachbarn auf. Schließlich jedoch, und zwar ein gutes Stück vor Ablauf der sechs Monate, erklärte der Erfinder sein Meisterstück für vollendet.

Was dann geschah, bleibt Gegenstand zahlreicher Debatten.

Es mag durchaus einfach nur ein Unfall gewesen sein – die schreckliche Fehlfunktion einer amoklaufenden Maschine. Vielleicht war das Ganze auch lediglich auf Zerstreutheit oder einen schlecht gewählten Zeitpunkt oder entscheidende Rechenfehler zurückzuführen. Andererseits kann es auch Vorsatz gewesen sein, ein Schachzug, der dazu gedacht war, einen ganzen Stadtkern mit nie dagewesener Skrupellosigkeit und Brutalität dem Erdboden gleichzumachen.

Dr. Blues Motivation wird wohl auf ewig im Dunkeln liegen.

Er neigte durchaus zur Habgier, aber auch nicht ärger als die meisten seiner Mitmenschen; und es ist möglich, dass er nur das Geld einstreichen und sich absetzen wollte – mit etwas zusätzlichem Bargeld in der Tasche, um eine Flucht zu finanzieren. Der Erfinder hatte kürzlich geheiratet (eine rund fünfundzwanzig Jahre jüngere Frau, wie es heißt), und es gab einige Spekulation darüber, dass sie bei seinen Entscheidungen womöglich die Hand im Spiel hatte. Vielleicht trieb sie ihn zur Eile an oder wollte gern mit einem reichen Mann verheiratet sein. Möglicherweise traf auch zu, was sie lange behauptet hatte, und sie war in keinster Weise eingeweiht.

Fest steht Folgendes: Am Nachmittag des 2. Januar 1863 brach eine Monstrosität aus dem Keller des Hauses in Denny Hill hervor und riss eine Schneise der Verwüstung bis zum Geschäftsviertel in der Innenstadt, um dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

Die meisten Zeugenaussagen widersprechen einander, und kaum jemand bekam die Incredible Bone-Shaking Drill Engine zu sehen. Sein Weg führte den Boneshaker unter der Erde die Hügel hinab; er fraß sich durch den Grund unter den luxuriösen Wohnstätten wohlhabender Seefahrer und Schiffsmagnaten, unter dem schlickbedeckten Flachland, auf dem das großflächige Sägewerk stand, unter den Korridoren, Kellern und Lagerräumen von Gemischtwarenhandlungen, Kurzwarengeschäften, Apotheken, und machte auch vor den Banken nicht halt.

Vier große Geldinstitute lagen dort direkt nebeneinander, und alle vier wurden dem Erdboden gleichgemacht, als der Boneshaker ihre Fundamente zu Krümeln zermalmte. Ihre Mauern bebten, wankten, stürzten ein. Ihre Stockwerke fielen in sich zusammen, als die Tragpfeiler jäh absackten; dann füllte sich der trichterförmige Leerraum teilweise wieder mit den einstürzenden Dächern. Das Kapital dieser vier Banken belief sich auf mindestens drei Millionen Dollar, angehäuft von den kalifornischen Goldgräbern, die dort ihre Nuggets deponiert und sich dann nach Norden aufgemacht hatten, auf der Suche nach mehr.

Dutzende Unbeteiligter, die für Einzahlungen oder Abhebungen angestanden hatten, kamen in den Bankhäusern zu Tode. Noch mehr starben draußen auf der Straße, wurden von herabstürzenden Mauerteilen erschlagen.

Bürger liefen schreiend um ihr Leben, aber wo ließ sich Schutz finden? Die Erde öffnete sich und verschluckte die Menschen, wo sich die Maschine zu dicht unter der Oberfläche entlanggebohrt hatte und die dünne Tunneldecke nicht standhielt. Wie ein Teppich, der vor dem Klopfen ausgeschüttelt wird, schlug die Straße Wellen und wurde von heftigen Stößen erschüttert. Und immer noch war unter der Erde das Grollen der einstürzenden Hohlräume zu hören, die der Boneshaker hinterließ.

Die Ereignisse als Katastrophe zu bezeichnen, wäre eine zynische Untertreibung. Die Opferzahl ließ sich nie endgültig feststellen, denn der Himmel allein weiß, wie viele Menschen unter den Erdmassen begraben wurden. Und für die Bergung der Leichname blieb schmerzlicherweise keine Zeit.

Denn nachdem Dr. Blue seine Maschine wieder unter seinem Haus versteckte hatte und die Helfer den Schreien der Verletzten folgten, während Überlebende von den verbliebenen Dächern die ersten wütenden Fragen riefen, da schlug eine zweite Welle des Grauens über der Stadt zusammen. Für die Einwohner Seattles lag die Schlussfolgerung nahe, dass auch diese zweite Welle vorsätzlich herbeigeführt worden war, aber ob dieser Verdacht berechtigt war, konnte nie zur allgemeinen Zufriedenheit geklärt werden.

An dieser Stelle können einzig die unwiderlegbaren Tatsachen festgehalten werden, und es mag einer zukünftigen Generation gelingen, eine Antwort zu liefern, die mehr als Spekulation ist.

Folgendes steht fest: Im Nachzug der unfassbaren Schneise der Verwüstung, welche die Bohrmaschine geschlagen hatte, wurden die Aufräumarbeiter, die in unmittelbarer Nähe der Bankruinen zugange waren, von einer sonderbaren Krankheit befallen. Sämtlichen Berichten zufolge ließ sich diese Seuche in die Bohrtunnel zurückverfolgen respektive zu einem dort austretenden Gas. Dieses in geringer Konzentration geruch- und farblos erscheinende Gas wurde erst bei Betrachtung durch eine polarisierte Glasscheibe sichtbar.

Durch Versuch und Irrtum konnte man einige wenige Eigenschaften dieses Gases ermitteln. Die bei Kontakt tödlich wirkende Substanz war schwer und träge genug, dass sie sich durch einfache Barrieren aufhalten oder zumindest eindämmen ließ. Überall in der Stadt wurden provisorische Zufluchten errichtet und gleichzeitig die Evakuierung organisiert. Zelte wurden zerlegt und mit Pech bestrichen, um behelfsmäßige Schutzwände zu schaffen.

Als diese Barrieren, ein Ring nach dem anderen, versagten und Tausende weiterer Stadtbewohner tödlich erkrankten, rief man nach härteren Maßnahmen. Rasch wurden Pläne gezeichnet und umgesetzt, und binnen eines Jahres nach dem Zwischenfall mit Dr. Blue’s Incredible Bone-Shaking Drill Engine war die gesamte Innenstadt von einer gewaltigen Mauer aus Ziegeln, Mörtel und Steinen umgeben.

Die Mauer ragt, abhängig vom jeweiligen Gelände, rund sechzig Meter empor und ist im Schnitt vier bis sechs Meter dick. Sie umschließt die zerstörten Viertel vollständig, ein Gebiet von beinahe zwei Quadratmeilen, und stellt ein wahres Wunderwerk der Baukunst dar.

Innerhalb dieser Mauer jedoch bleibt die Stadt zerstört und ist bis auf die Ratten und Krähen, die dort noch leben sollen, völlig ausgestorben. Das weiterhin aus dem Boden tretende Gas vernichtet alles, was es berührt. Die einst blühende Metropole ist nur noch eine Geisterstadt, um die herum sich die überlebende Bevölkerung angesiedelt hat. Zwar sind viele Einwohner in den Norden nach Vancouver oder in den Süden nach Tacoma oder Portland gezogen, aber eine nicht geringe Zahl blieb in der Nähe der Mauer, als Flüchtlinge in der eigenen Heimatstadt.

Sie leben unten in den flachen Sumpfgebieten nahe der Küste und oben in den Bergen, in einer sich ausdehnenden Nicht-Stadt, die zumeist als der »Stadtrand« bezeichnet wird, und haben dort ein neues Leben angefangen.

Eins

Sie sah ihn und blieb ein Stück vor den Stufen stehen.

»Es tut mir leid«, sagte er rasch. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«

Die Frau in dem abgewetzten schwarzen Mantel zeigte keinerlei Reaktion, aber sie ging auch nicht weiter. »Was wollen Sie?«

Er hatte sich Worte zurechtgelegt, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern. »Reden. Mit Ihnen. Ich möchte mit Ihnen reden.«

Briar Wilkes kniff die Augen zusammen und öffnete sie dann wieder. »Geht es um Zeke? Was hat er diesmal angestellt?«

»Nein, nein, um ihn geht es nicht«, sagte er mit Nachdruck. »Ma’am, ich hatte gehofft, wir könnten uns über Ihren Vater unterhalten.«

Briar ließ die in Abwehrhaltung hochgezogenen Schultern sinken und schüttelte den Kopf. »Was auch sonst. Ich schwöre bei Gott, noch jeder Mann in meinem Leben hat …« Sie brach ab. »Mein Vater war ein Tyrann, und alle, die in liebten, haben ihn gefürchtet. Ist es das, was Sie hören möchten?«

Der Mann blieb, wo er war, während Briar die elf krummen Stufen erklomm, die zu ihrem Haus führten – und zu ihm. Als sie die schmale Veranda erreichte, fragte er: »Stimmt das denn?«

»Jedenfalls eher als das Gegenteil.«

Sie stand vor ihm, in der Hand einen Schlüsselbund. Sie reichte ihm gerade mal bis ans Kinn und hielt die Schlüssel direkt auf seine Hüfte gerichtet. So kam es ihm zumindest vor, doch dann begriff er, dass er die Tür versperrte, und trat beiseite.

»Wie lange warten Sie schon auf mich?«, fragte Briar.

Er war stark versucht, zu lügen, aber ihr starrer Blick nagelte ihn an die Wand. »Ein paar Stunden. Ich wollte hier sein, wenn Sie nach Hause kommen.«

Die Tür klickte, klackte und schwang nach innen auf. »Ich hatte noch eine Zusatzschicht übernommen. Sie hätten ruhig später noch einmal wiederkommen können.«

»Bitte, Ma’am. Dürfte ich eintreten?«

Sie sagte nicht ja, schloss ihn aber auch nicht draußen in der Kälte aus; also folgte er ihr, machte die Tür hinter sich zu und blieb stehen, während Briar nach einer Lampe tastete und Licht machte.

Sie trug die Lampe zum Feuer, das heruntergebrannt war. Neben dem Kamin fanden sich ein Schürhaken und ein Blasebalg sowie ein einfacher Blecheimer mit einem Vorrat gespaltener Scheite. Mit dem Schürhaken stocherte sie in den verkohlten Überresten, bis sie am Boden ein wenig Glut fand, der sie mit einer Handvoll Anmachholz und zwei frischen Scheiten neue Flammen entlockte.

Briar schälte sich aus ihrem Mantel und hängte ihn an einen Holzhaken. Sie sah mager aus, als würde sie zu viel arbeiten und nicht genug essen, oder nur Arme-Leute-Mahlzeiten. Ihre Handschuhe und hohen braunen Stiefel starrten vom Schmutz der Fabrik, und sie trug Hosen wie ein Mann. Die langen, dunklen Haare trug sie hochgesteckt, aber zwei Arbeitsschichten hatten ihre Spuren hinterlassen; überall hingen dicke Strähnen herab, die sich aus den Steckkämmen gelöst hatten.

Sie war fünfunddreißig und sah keine Minute jünger aus.

Vor dem allmählich höher lodernden Kaminfeuer stand ein großer, alter Ledersessel. Briar ließ sich hineinfallen. »Sagen Sie mir, Mr. … Verzeihung. Sie hatten sich nicht vorgestellt.«

»Hale. Hale Quarter. Und ich muss sagen, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.«

Einen Moment lang glaubte er, sie würde in Lachen ausbrechen, doch sie tat es nicht.

Briar beugte sich zu einem Tischchen neben dem Sessel hinüber und griff nach einem Beutel. »Nun gut, Hale Quarter. Erzählen Sie. Warum haben Sie in dieser bitteren Kälte so lange draußen gewartet?« Sie entnahm dem Beutel ein kleines Blatt Papier und eine große Portion Tabak. Dann rollte sie beides zu einer Zigarette und zündete sie an der Lampe an.

Bis hierher hatte ihn die Wahrheit immerhin gebracht, also riskierte er ein weiteres Geständnis. »Ich bin absichtlich gekommen, als Sie nicht zu Hause waren. Jemand hat mir erzählt, dass Sie sonst durch das Guckloch geschossen hätten, sobald ich klopfe.«

Briar nickte und presste ihren Hinterkopf gegen das Leder. »Diese Geschichte habe ich auch schon gehört. Sie hält nicht annähernd so viele Leute fern, wie man erwarten sollte.«

Er konnte nicht sagen, ob diese Antwort als Bestätigung gemeint war oder nicht. »Dann habe ich Ihnen doppelt zu danken. Dafür, dass Sie nicht auf mich geschossen haben, und dafür, dass Sie mich hereingelassen haben.«

»Keine Ursache.«

»Dürfte … dürfte ich Platz nehmen? Wäre das in Ordnung?«

»Machen Sie es sich bequem, aber Sie werden nicht lange bleiben.«

»Dann möchten Sie nicht reden?«

»Nein. Jedenfalls nicht über Maynard. Ich habe auf nichts, was seine Handlungen und sein Schicksal betrifft, eine Antwort. Das hat niemand. Aber Sie dürfen fragen, was immer Sie möchten. Und Sie dürfen sich verabschieden, sobald ich Ihrer überdrüssig werde oder Sie von den vielen verschiedenen Arten, auf die ich ›Das weiß ich nicht‹ sagen kann, gelangweilt sind – je nachdem, welches davon zuerst eintritt.«

Solchermaßen ermutigt zog er einen Holzstuhl mit hoher Rückenlehne heran und setzte sich Briar direkt gegenüber. In seinem aufgeschlagenen Notizbuch war eine leere Seite mit ein paar eilig hingekritzelten Notizen in der ersten Zeile zu sehen.

Während er seine Sachen zurechtlegte, fragte Briar: »Warum wollen Sie etwas über Maynard wissen? Warum jetzt? Er ist seit fünfzehn Jahren tot. Sechzehn fast.«

»Warum nicht jetzt?« Hale überflog seine letzten Notizen und griff nach dem Bleistift. »Aber um Ihrer Frage nicht auszuweichen, ich arbeite an einem Buch.«

»Noch ein Buch?«, fragte sie, und es kam scharf und schnell.

»Kein Sensationsstück«, stellte er vorsichtig klar. »Ich möchte eine ernsthafte Biografie über Maynard Wilkes schreiben, weil ich überzeugt bin, dass man ihm in keinster Weise gerecht geworden ist. Stimmen Sie mir darin nicht zu?«

»Nein, durchaus nicht. Er hat absolut bekommen, was zu erwarten war. Er hat dreißig Jahre hart gearbeitet, für nichts und wieder nichts, und wurde von der Stadt, der er gedient hat, schäbig behandelt.« Sie spielte mit der halb gerauchten Zigarette. »Und er hat es zugelassen. Dafür habe ich ihn gehasst.«

»Aber Ihr Vater hat an das Gesetz geglaubt.«

Sie hätte ihn beinahe angefahren. »Wie jeder Kriminelle auch.«

Hale rückte nach vorn. »Dann halten Sie ihn tatsächlich für einen Kriminellen?«

Wieder ein kräftiger Zug an der Zigarette, dann sagte Briar: »Drehen Sie mir nicht das Wort im Mund um. Aber ich stimme Ihnen zu. Er hat an das Gesetz geglaubt. Es gab Zeiten, da war ich mir nicht sicher, ob er überhaupt an etwas glaubte, aber, ja, daran hat er geglaubt.«

Ein Fauchen und Knistern vom Kamin her erfüllte die Stille, die sich über die beiden legte. Schließlich sagte Hale: »Ich bin bestrebt, die Dinge richtig darzustellen, Ma’am. Das ist alles. Ich glaube, dass es sich nicht einfach nur um einen Ausbruch …«

»Warum?«, unterbrach sie ihn. »Was meinen Sie, warum er es getan hat? Welche Theorie möchten Sie in Ihrem Buch aufstellen, Mr. Quarter?«

Hale zögerte, weil er sich noch keinen Reim darauf gemacht hatte. Noch nicht. Er setzte auf diejenige Theorie, von der er hoffte, dass sie bei Briar am wenigsten Anstoß erregte. »Ich glaube, dass er aus seiner Sicht das Richtige getan hat. Aber ich möchte vor allem wissen, was Sie denken. Maynard hat Sie allein großgezogen, nicht wahr? Sie müssen ihn besser gekannt haben als alle anderen.«

Briars Miene blieb etwas zu ungerührt, als wollte sie sich nichts anmerken lassen. »Sie wären überrascht. So nahe standen wir einander nicht.«

»Aber Ihre Mutter verstarb …«

»Bei meiner Geburt, das ist richtig. Er war alles, was mir an Eltern blieb, und zum Vater nicht gerade geschaffen. Er wusste kaum mehr mit einer Tochter anzufangen als ich mit einer Karte von Spanien.«

Hale spürte eine Mauer, also zog er sich zurück und suchte nach einer Möglichkeit, sie zu umgehen und Briars Wohlwollen zu gewinnen. Sein Blick schweifte durch das kleine Zimmer, über die solide, schlichte Einrichtung und den sauberen, aber ramponierten Dielenboden. Ihm fiel ein Korridor auf, der zur Rückseite des Hauses führte. Alle vier Türen, die davon abgingen, waren geschlossen.

»Sie sind hier aufgewachsen, nicht wahr?«, gab er vor zu raten. »In diesem Haus?«

Briar ließ sich nicht erweichen. »Das weiß jeder.«

»Doch man brachte ihn hierher zurück. Zwei Ausbrecher, zwei Brüder – sie brachten ihn hierher und versuchten, ihn zu retten. Es wurde nach einem Arzt geschickt, aber …«

Briar nahm den verschlungenen Faden der Konversation wieder auf und zog ihn straff. »Aber der Fraß hatte ihn schon erwischt. Er war tot, noch bevor der Arzt Nachricht erhielt, und ich schwöre« – sie schnippte ein fingerspitzengroßes Stück Asche ins Feuer – »das ist auch gut so. Können Sie sich vorstellen, was aus ihm geworden wäre, wenn er weitergelebt hätte? Eine Anklage wegen Hochverrats oder wegen grober Gehorsamsverweigerung, wenn er Glück gehabt hätte. Mindestens Gefängnis. Schlimmstenfalls Erschießen. Mein Vater und ich hatten unsere Meinungsverschiedenheiten, aber das hätte ich ihm nicht gewünscht. Es ist gut so«, wiederholte sie erneut und starrte ins Feuer.

Hale brachte einige Sekunden mit dem Versuch zu, sich eine Erwiderung zurechtzulegen. Schließlich fragte er: »Haben Sie ihn noch gesehen vor seinem Tod? Ich weiß, dass Sie eine der Letzten waren, die Seattle verlassen haben – und ich weiß, dass Sie hierhergekommen sind. Haben Sie ihn noch ein letztes Mal gesehen?«

»Ich habe ihn gesehen.« Sie nickte. »Er lag allein in diesem Hinterzimmer, auf seinem Bett, unter einer Decke, die von dem Erbrochenen durchweicht war, an dem er erstickt ist. Der Doktor war nicht da, und soweit ich weiß, ist er nie gekommen. Ich habe keine Ahnung, ob man überhaupt einen hätte finden können damals, mitten während der Evakuierung.«

»Dann war er allein? Tot, in diesem Haus?«

»Er war allein«, bestätigte Briar. »Die Vordertür war aufgebrochen, aber geschlossen. Jemand hatte ihn auf dem Bett zurückgelassen, ihn dort mit Respekt gebettet, das weiß ich noch. Man hatte ihn zugedeckt, und neben ihm auf dem Bett lagen sein Gewehr und seine Dienstmarke. Aber er war tot, und er blieb tot. Der Fraß hat ihn nicht wieder zurückgeholt, und ich denke, man muss auch für die kleinen Dinge dankbar sein.«

Hale schrieb alles mit und gab zufriedene Laute von sich, während sein Bleistift über das Papier huschte. »Glauben Sie, das sind die Ausbrecher gewesen?«

»Sie glauben es«, erwiderte Briar, doch es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme.

»Ich vermute es jedenfalls«, erwiderte er, auch wenn er sich dessen auf geradezu leichtfertige Art und Weise sicher war: Der eine Bruder hatte ihm erzählt, dass sie Maynards Haus ordentlich hinterlassen und auch nichts gestohlen hätten. Er hatte erklärt, dass sie Maynard auf das Bett gelegt und sein Gesicht zugedeckt hätten. Von niemandem sonst waren diese Einzelheiten je erwähnt worden, in den gesamten Spekulationen und Berichten nicht. Und was war im Laufe der Jahre nicht an Seiten gefüllt worden über den sogenannten »Massenausbruch, als der Fraß kam«.

»Und dann …«, versuchte er, Briar zum Weiterreden zu bewegen.

»Ich habe ihn nach hinten in den Garten geschleppt und unter dem Baum begraben, neben seinem Hund. Ein paar Tage später kamen zwei städtische Polizisten und buddelten ihn wieder aus.«

»Um sicherzugehen?«

Briar schnaubte. »Um sicherzugehen, dass er sich nicht in den Osten abgesetzt hatte; um sicherzugehen, dass ihn der Fraß nicht bald wieder herumlaufen lassen würde; um sicherzugehen, dass ich ihn da hingetan hatte, wo ich sagte. Suchen Sie es sich aus.«

Hale hörte auf, Briars Worten mit dem Stift hinterherzujagen, und hob den Blick. »Was Sie eben gesagt haben, über den Fraß. Wusste man wirklich so schnell, was er für Auswirkungen hatte?«

»Man wusste es. Man hat sich das ziemlich schnell zusammenreimen können. Nicht alle Fraßtoten fingen an, sich zu bewegen, aber diejenigen, die es doch taten, stiegen ziemlich schnell wieder aus ihren Gräbern und schlichen umher, binnen weniger Tage. Aber vor allem wollte man sichergehen, dass Maynard nicht womöglich ungeschoren davongekommen war. Und als sie erfreut feststellten, dass dem nicht so war, da haben sie ihn hinten liegen lassen. Sie haben ihn nicht einmal wieder eingebuddelt. Er lag einfach da hinten unterm Baum. Ich musste ihn zweimal begraben.«

Hales Stift schwebte unentschlossen unter seinem Kinn. »Verzeihung, meinten Sie eben … Wollen Sie damit sagen …?«

»Nun machen Sie kein so schockiertes Gesicht.« Briar setzte sich anders hin, und das Leder quietschte dabei. »Immerhin haben sie die Grube nicht wieder zugeschaufelt. Beim zweiten Mal ging es wesentlich schneller. Aber nun will ich Ihnen mal eine Frage stellen, Mr. Quarter.«

»Hale, bitte.«

»Hale. Wie Sie wollen. Sagen Sie, wie alt waren Sie, als der Fraß kam?«

Mit zitternder Hand legte Hale den Stift aufs Notizbuch. »Ich war fast sechs.«

»Das war auch ungefähr meine Einschätzung. Dann waren Sie damals also noch klein. Sie erinnern sich nicht einmal mehr daran, oder? Wie es vor der Mauer gewesen ist?«

Hale schüttelte vorsichtig den Kopf; nein, er erinnerte sich nicht. Nicht richtig. »Aber ich weiß noch, wie sie die Mauer hochgezogen haben, Meter für Meter, rings um die verseuchten Straßen herum. Ich weiß noch, wie ich zugeschaut habe. Die ganzen sechzig Meter, einmal komplett um die evakuierten Viertel.«

»Ich weiß es auch noch. Ich habe es von hier aus beobachtet. Man konnte es vom Hinterfenster aus sehen, bei der Küche.« Briar deutete zum Herd und zu einem kleinen rechteckigen Durchgang dahinter. »Tag und Nacht haben sie daran gearbeitet, sieben Monate, zwei Wochen und drei Tage lang.«

»Das ist sehr präzise. Zählen Sie bei solchen Dingen immer mit?«

»Nein«, erwiderte sie. »Aber es ließ sich leicht einprägen. Sie haben den Bau genau an dem Tag abgeschlossen, als mein Sohn auf die Welt kam. Ich habe mich immer gefragt, ob es ihm nicht fehlen würde – der ganze Lärm, den die Arbeiter gemacht haben. Er hatte ja nie etwas anderes gehört, während ich mit ihm schwanger war, immer nur das Klirren der Hämmer, das Klopfen der Meißel der Steinmetze. Kaum war das arme Kind geboren, da verstummte die Welt.«

Ihr schien etwas einzufallen, und sie setzte sich auf.

Sie sah zur Tür. »Da wir gerade von dem Jungen reden, es wird allmählich spät. Ich frage mich, wo er sich wieder herumtreibt. Normalerweise ist er um diese Zeit zu Hause.« Briar berichtigte sich. »Er ist oft um diese Zeit zu Hause, und draußen ist es scheußlich kalt.«

Hale presste den Rücken gegen die harte Stuhllehne. »Es ist ein Jammer, dass er seinen Großvater nie kennengelernt hat. Maynard wäre gewiss stolz auf ihn gewesen.«

Briar beugte sich nach vorn und stützte die Ellbogen auf die Knie. Dann legte sie das Gesicht in die Hände und rieb sich die Augen. »Ich weiß es nicht«, sagte sie, richtete sich wieder auf und wischte sich mit dem Ärmel die Stirn ab. Sie zog ihre Handschuhe aus und legte sie auf den niedrigen, runden Tisch zwischen Sessel und Kamin.

»Sie wissen es nicht? Aber es gibt doch keine anderen Enkel, oder? Hatte er etwa noch weitere Kinder?«

»Soweit ich weiß nicht, aber das lässt sich schwer sagen.« Briar beugte sich vor und löste ihre Schnürsenkel. »Ich hoffe, Sie werden mich jetzt entschuldigen«, sagte sie. »Ich stecke schon seit sechs Uhr früh in diesen Stiefeln.«

»Gewiss doch, kümmern Sie sich gar nicht um mich«, erwiderte Hale und hielt seinen Blick auf das Feuer gerichtet. »Bitte verzeihen Sie. Ich weiß, dass ich störe.«

»Sie stören durchaus, aber ich habe Sie hereingelassen, also liegt der Fehler bei mir.« Mit einem Schmatzen löste sich der erste Stiefel von ihrem Fuß, und Briar nahm sich den anderen vor. »Ich weiß wirklich nicht, ob sich Maynard sonderlich für Zeke interessiert hätte oder umgekehrt. Sie sind nicht aus demselben Holz.«

»Ist Zeke …« Hale betrat gefährliches Terrain, und er wusste es, aber er konnte nicht anders. »Kommt er vielleicht zu sehr nach seinem Vater?«

Briar fuhr weder auf noch runzelte sie die Stirn. Sie setzte wieder dieses ausdruckslose Gesicht von vorhin auf, während sie den zweiten Stiefel auszog und neben den ersten stellte. »Wäre möglich. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, aber noch ist er nur ein Kind. Er hat noch Zeit genug, sich über sich selbst klar zu werden. Aber was Sie betrifft, Mr. Hale, so fürchte ich, dass Sie sich langsam auf den Weg machen müssen. Es wird spät, und bald bricht die Nacht herein.«

Hale nickte seufzend. Er hatte sie zu sehr bedrängt und obendrein die falsche Richtung eingeschlagen. Er hätte beim Thema bleiben sollen, bei ihrem verstorbenen Vater – und nicht zu ihrem verstorbenen Ehemann wechseln.

»Verzeihung.« Er stand auf und klemmte sich das Notizbuch unter den Arm. Dann setzte er sich den Hut auf und zog den Mantel über der Brust zusammen. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich weiß die Informationen, die Sie mir gegeben haben, sehr zu schätzen, und sollte mein Buch je verlegt werden, werde ich Ihre Unterstützung dankend erwähnen.«

»Gut«, erwiderte Briar und entließ Hale nach draußen in die Dunkelheit.

Er zog sich den Schal enger um den Hals, zupfte seine Wollhandschuhe zurecht und stellte sich dem windigen Winterabend.

Zwei

Ein Schatten schoss hinter die Hausecke, versteckte sich. Dann ein Flüstern: »He. He, Sie.«

Hale blieb stehen und wartete, bis ein Kopf mit struppigen braunen Haaren um die Ecke lugte. Dem Kopf folgte der dürre, aber dick eingepackte Körper eines Jungen mit hohlen Wangen und beinahe wilden Augen. Der Feuerschein aus dem Fenster ließ zuckende Schatten über sein Gesicht tanzen.

»Haben Sie nach meinem Großvater gefragt?«

»Ezekiel?«, riet Hale, ohne großartig nachdenken zu müssen.

Der Junge schlich näher heran, peinlich genau darauf bedacht, sich von dem Spalt zwischen den Vorhängen im Fenster fernzuhalten, damit er von drinnen nicht gesehen werden konnte. »Was hat meine Mutter Ihnen erzählt?«

»Nicht viel.«

»Hat sie gesagt, dass er ein Held war?«

»Nein. Das hat sie mir nicht gesagt.«

Der Junge schnaubte wütend und fuhr sich mit der behandschuhten Hand durch die verfilzten Haare. »Natürlich nicht. Weil sie es nicht glaubt – oder wenn doch, dann ist es ihr egal.«

»Das kann ich nicht beurteilen.«

»Ich aber. Sie tut so, als hätte er nie was Gutes getan. Sie tut so, als ob alle recht hätten und er die Gefangenen rausgelassen hat, weil ihn jemand dafür bezahlt hat – aber wenn das so war, wo ist dann das Geld geblieben? Sehen wir vielleicht so aus, als ob wir Geld hätten?«

Zeke ließ dem Biografen genug Zeit, um zu antworten, aber Hale wusste nicht, was er sagen sollte.

Der Junge fuhr fort. »Sobald alle über den Fraß Bescheid wussten, haben sie alles evakuiert, was nur ging, richtig? Sie haben das Krankenhaus geräumt und sogar das Gefängnis, aber die Leute, die auf dem Revier festsaßen – die man festgenommen, aber noch überhaupt nicht angeklagt hatte –, die hat man dort eingesperrt sitzen lassen. Und sie konnten da nicht weg. Der Fraß kam, und alle wussten es. Die ganzen Leute da drin, sie wären gestorben.«

Er schniefte und rieb sich mit dem Handrücken unter der Nase. Vielleicht lief sie oder war einfach nur taub von der Kälte.

»Aber mein Großvater, Maynard, was hat er gemacht? Sein Vorgesetzter hat ihn angewiesen, das letzte Stück des Viertels abzuriegeln, aber das wollte er nicht, solange noch Leute drin waren. Und diese Leute, sie waren arm, wie wir. Sie waren nicht durch und durch schlecht, nicht alle. Die meisten waren nur für kleinere Vergehen festgenommen worden, für einen kleinen Diebstahl oder weil sie irgendwas kaputtgemacht haben. Und mein Großvater, der wollte das nicht tun. Der wollte sie nicht da drin abriegeln und sterben lassen. Der Fraß kam schon angekrochen, und der kürzeste Weg zum Revier war schon komplett verseucht. Aber er lief zurück, mitten rein in den Fraß, und bedeckte sich das Gesicht, so gut er eben konnte. Als er dort ankam, legte er den Hebel um, mit dem sämtliche Zellen verriegelt wurden, und lehnte sich darauf – er hielt ihn mit seinem eigenen Gewicht unten, weil man das musste, damit die Türen aufblieben. Er blieb also zurück, während alle anderen flohen. Und die letzten beiden waren zwei Brüder. Sie begriffen, was er gemacht hatte, und sie halfen ihm. Aber er hatte richtig viel von dem Gas abbekommen, und es war zu spät. Also brachten sie ihn nach Hause und versuchten, ihm zu helfen, obwohl sie genau wussten: Wenn sie gesehen wurden, würden sie wieder hinter Gitter kommen. Aber sie machten es trotzdem, aus demselben Grund, warum Maynard sie rausgelassen hat: Weil niemand einfach nur schlecht ist, durch und durch. Vielleicht war Maynard ja ein bisschen schlecht, weil er das gemacht hat, und vielleicht waren diese beiden auch ein bisschen gut. Aber am Ende läuft es auf das hier hinaus« – an dieser Stelle hob Zeke einen Finger und hielt ihn beinahe drohend unter Hales Nase – »in diesen Zellen saßen zweiundzwanzig Leute, und Maynard hat sie gerettet, jeden Einzelnen. Es hat ihn sein Leben gekostet, und niemand hat es ihm gedankt.«

Als der Junge sich zur Vordertür umwandte und nach dem Knauf griff, fügte er hinzu: »Und uns auch nicht.«

Drei

Briar Wilkes schloss die Tür hinter dem Biografen.

Sie lehnte einen Moment lang die Stirn dagegen, dann ging sie zurück zum Feuer. Dort wärmte sie sich die Hände, klaubte ihre Stiefel auf und knöpfte sich im Gehen das Hemd auf, löste den Stützgurt, der es dicht an ihrem Körper hielt.

Im Korridor ging sie an den Türen zu den Zimmern ihres Vaters und ihres Sohnes vorbei. Beide Türen hätten ebenso gut zugenagelt sein können, denn Briar öffnete sie nie. Im Zimmer ihres Vaters war sie seit Jahren nicht gewesen, und im Zimmer ihres Sohnes seit … Sie konnte sich an kein bestimmtes Datum erinnern, sosehr sie sich auch den Kopf zerbrach – sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie es dort drinnen aussah.

Maynards Zimmer hatte Briar aus Pietätsgründen aufgegeben; dem Zimmer des Jungen aber blieb sie fern, ohne einen richtigen Grund dafür zu haben. Wenn sie jemand gefragt hätte (was natürlich nie jemand tat), dann hätte sie sich wahrscheinlich damit herausgeredet, dass sie seine Privatsphäre respektierte; aber es war viel einfacher als das – und vermutlich schlimmer. Sie ließ den Raum unbeachtet, weil sie einfach keinerlei Neugierde dafür aufbrachte. Ihr mangelndes Interesse hätte als Mangel an Fürsorge interpretiert werden können, aber es war nur eine Nebenwirkung ihrer permanenten Erschöpfung. Das wusste Briar. Dennoch plagte sie ihr Gewissen, und sie sagte laut – es war ja niemand da, der sie hörte, ihr zustimmen oder aber widersprechen konnte: »Ich bin eine schreckliche Mutter.«

Es war lediglich eine Feststellung, aber Briar verspürte das Bedürfnis, sie in irgendeiner Weise zu widerlegen; also griff sie nach dem Knauf und öffnete die Tür.

Sie hielt ihre Lampe ins Zimmer, das finster wie eine Höhle war. In der einen Ecke stand ein Bett mit einem flachen Kopfteil, das ihr bekannt vorkam. Sie hatte als Kind darin geschlafen. Es war durchaus lang genug für einen erwachsenen Mann, aber nur halb so breit wie das ihre. Den Lattenrost bedeckte eine alte, mit Federn gefüllte Matratze, die inzwischen bis auf wenige Zentimeter durchgelegen war. Obenauf lag, zurückgeschlagen und mit einem schmutzigen Laken verknäult, ein schweres Deckbett.

Beim Fenster am Fußende des Betts stand eine klobige braune Kommode, davor lag ein Haufen Schmutzwäsche, aus dem einzelne, nicht zusammenpassende Schuhe lugten.

»Ich muss dringend seine Wäsche machen«, murmelte Briar, aber wenn sie nicht noch spätabends waschen wollte, würde das bis Sonntag warten müssen – und bis dahin dürfte Zeke die Nase voll haben und die Wäsche selbst erledigen. Briar hatte noch von keinem anderen Jungen gehört, der so selbstständig war wie er, aber seit dem Fraß war für Familien eben alles anders. War für alle alles anders. Vor allem aber für Briar und Zeke.

Sie redete sich gern ein, dass er begriff, weshalb sie so wenig Zeit für ihn hatte – wenigstens ansatzweise. Und sie zog es vor, davon auszugehen, dass er ihr keine allzu großen Vorwürfe machte. Jungen wollen schließlich ihre Freiheit, oder etwa nicht? Sie legen Wert auf ihre Unabhängigkeit und tragen sie stolz vor sich her als Zeichen der Reife; so gesehen war ihr Sohn ein richtiger Glückspilz.

Die Vordertür rumste, und jemand tastete sich ins Haus.

Briar fuhr zusammen, schloss die Zimmertür wieder und ging rasch den Flur hinunter.

In der Sicherheit ihres eigenen Zimmers schälte Briar sich aus der restlichen Arbeitskleidung, und als sie das Stampfen der Stiefel ihres Sohnes im Wohnzimmer hörte, rief sie: »Zeke, bist du das?« Sie kam sich reichlich dumm vor für diese Frage, aber sie war immerhin besser als gar keine Begrüßung.

»Was?«

»Ich hab gefragt, ob du das bist!«

»Wer sonst?«, rief er zurück. »Wo steckst du denn?«

»Eine Sekunde noch!« Eher eine gute Minute später verließ Briar ihr Zimmer. Sie hatte Sachen angezogen, die nicht ganz so sehr nach Schmiermittel und Kohlenstaub rochen. »Wo bist du gewesen?«

»Draußen.« Zeke hatte bereits seine Jacke ausgezogen und an den Ständer neben der Tür gehängt.

»Hast du etwas gegessen?« Sie konnte gar nicht hinsehen, so dünn war er. »Ich habe gestern Geld bekommen. Ich weiß, wir haben fast nichts mehr da, aber das lässt sich ändern. Und ein bisschen findet sich schon noch.«

»Nein, ich hab schon gegessen.« Das sagte er immer, und Briar wusste nie, ob es stimmte. Dann wich Zeke weiteren Fragen aus, indem er selbst eine stellte. »Hattest du heute später Feierabend? Es ist kalt hier drin. Das Feuer brennt wohl noch nicht so lange.«

Briar nickte und ging zur Speisekammer. Sie war am Verhungern, aber das kannte sie schon und hatte gelernt, nicht weiter darauf zu achten. »Ich hatte eine Zusatzschicht. Jemand ist krank geworden und ausgefallen.« Auf dem obersten Regalbrett stand eine Trockenmischung Bohnen mit Mais, aus der sich ein leichter Eintopf kochen ließ. Briar holte sie herunter und wünschte sich, sie hätten etwas Fleisch dazu gehabt, aber der Gedanke ging so schnell, wie er gekommen war. Sie setzte Wasser auf und griff nach einem Stück Brot, das unter einem Handtuch lag. Es war steinhart, aber Briar stopfte es sich in den Mund und kaute eilig.

Ezekiel nahm den Stuhl, in dem Hale gesessen hatte, und zog ihn ans Feuer, um sich die steifgefrorenen Finger zu wärmen. »Ich habe einen Mann weggehen sehen«, sagte er laut genug, dass Briar ihn um die Ecke herum hören konnte.

»Ach so?«

»Was hat er gewollt?«

Mit einem Rascheln schüttete sie die Hülsenfrüchte ins Wasser. »Reden. Es ist spät, ich weiß. Macht einen schlechten Eindruck, aber was sollen die Nachbarn schon tun – sich hinter unserem Rücken das Maul zerreißen?«

Briar konnte Zekes Grinsen förmlich hören, als er fragte: »Worüber wollte er denn reden?«

Sie antwortete nicht. Sie kaute das Brot herunter und fragte: »Möchtest du wirklich nichts? Es reicht für zwei, und du solltest dich mal sehen. Du bestehst ja nur noch aus Haut und Knochen.«

»Ich sagte doch, ich hab schon gegessen. Iss du dich mal satt. Du bist dünner als ich.«

»Bin ich nicht.«

»Und ob. Aber was hat dieser Mann gewollt?«

Briar kam um die Ecke und lehnte sich gegen die Wand, die Arme vor der Brust verschränkt, die Hochsteckfrisur kaum noch als solche zu erkennen. »Er schreibt ein Buch über deinen Großvater. Oder behauptet es jedenfalls.«

»Du meinst, er schreibt vielleicht gar keins?«

Briar betrachtete ihren Sohn eindringlich und versuchte dahinterzukommen, wem er eigentlich ähnelte, wenn er diese, sorgfältig von jeglichem Gefühl entleerte Unschuldsmiene aufsetzte. Seinem Vater gewiss nicht, wenngleich der arme Junge dessen groteskes Haar geerbt hatte. Zekes Mähne war ein wenig heller als Briars Haar, aber dunkler als das seines Vaters, und sie ließ sich weder mit dem Kamm noch mit Öl bändigen. Es war genau die Art Haare, die alte Damen bei kleinen Kindern so gerne zerzausten und dabei gurrende Laute von sich gaben. Aber je älter Zeke wurde, desto lächerlicher sahen sie auf seinem Kopf aus.

»Mutter?«, versuchte er es erneut. »Meinst du, dieser Mann hat vielleicht gelogen?«

Sie schüttelte den Kopf, jedoch nicht als Antwort, sondern um ihn wieder klar zu bekommen. »Ach so. Nun ja, das weiß ich nicht. Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Alles in Ordnung?«

»Aber ja. Ich habe nur … Ich hab dich nur angeschaut, das ist alles. Ich bekomme dich nicht oft genug zu sehen, glaube ich. Wir sollten … ich weiß nicht … etwas zusammen machen, ab und zu.«

Es war ihm unangenehm. »Was denn?«

Sichtlich unangenehm, und Briar versuchte, den Vorstoß abzumildern. »Mir schwebt nichts Konkretes vor. Und vielleicht ist es auch gar keine gute Idee. Es ist wahrscheinlich … nun ja.« Sie wandte sich ab und ging zurück in die Küche, damit sie sein Unbehagen nicht mit anzusehen brauchte, während sie ihm die Wahrheit gestand. »Es ist wahrscheinlich sowieso leichter für dich, wenn wir nicht so viel miteinander zu tun haben. Als mein Sohn hast du es auch so schon schwer genug gehabt, kann ich mir vorstellen. Manchmal denke ich, das Netteste, was ich tun kann, ist, dich so leben zu lassen, als ob ich gar nicht existiere.«

Vom Feuer her kam kein Protest, dann sagte Zeke: »So schlimm ist es nun auch wieder nicht, dein Sohn zu sein. Ich schäme mich nicht für dich oder so was.« Allerdings kam er auch nicht vom Kamin herüber, um es ihr ins Gesicht zu sagen.

»Danke.« Briar rührte mit einem Holzlöffel im Topf, zeichnete wirbelnde Muster in die brodelnde Masse.

»Wirklich nicht. Und wo wir gerade dabei sind, es ist auch gar nicht so schlecht, Maynards Enkel zu sein. In manchen Kreisen ist das richtig was wert«, fügte er hinzu, und Briar hörte, wie er rasch den Mund zumachte, als ob er fürchtete, zu viel gesagt zu haben.

Dabei war sie sich dessen längst bewusst.

»Ich wünschte, du hättest einen besseren Umgang.« Aber noch während sie das sagte, konnte Briar sich mehr denken, als sie wissen wollte. Wo sollte ihr Kind sonst Freunde finden? Wer wollte außerhalb der Viertel, in denen Maynard Wilkes ein Volksheld war – und kein Verbrecher, der zu seinem Glück gestorben war, bevor man ihn hatte zur Rechenschaft ziehen können –, schon etwas mit ihm zu tun haben?

»Mutter …«

»Nein, hör mir zu.« Sie verließ den Herd und stellte sich wieder an die Ecke. »Wenn du je die Hoffnung auf ein normales Leben haben möchtest, dann musst du dich von Ärger fernhalten, und das bedeutet, von dieser Gegend und diesen Leuten.«

»Ein normales Leben? Wie soll das denn gehen? Ich kann mein ganzes Leben lang arm, aber ehrlich bleiben, wenn du das gern möchtest, aber …«

»Ich weiß, du bist jung, und du glaubst mir nicht, aber du musst mir vertrauen – es ist besser als die Alternative. Bleib arm, aber ehrlich, wenn es dir ein Dach über dem Kopf verschafft und dafür sorgt, dass du nicht ins Gefängnis kommst. Nichts dort draußen ist es wert …« Briar wusste nicht recht, wie sie den Satz zu Ende führen sollte, aber da sie wohl schon deutlich genug gewesen war, beließ sie es dabei und kehrte zum Herd zurück.

Ezekiel stand auf und folgte ihr. Er stellte sich in den Durchgang zur Küche, versperrte Briar den Weg und zwang sie, ihn anzusehen.

»Ist was wert? Was habe ich denn zu verlieren, Mutter? Das hier alles?« Mit einer weit ausholenden, spöttischen Geste deutete er auf das graue, dunkle Haus, in dem sie untergeschlüpft waren. »Die ganzen Freunde und das viele Geld?«

Briar pfefferte den Kochlöffel in die Spüle und nahm eine Schale, damit sie eine Kelle halbgares Abendessen hineinschütten konnte und dieses Kind, das sie in die Welt gesetzt hatte, nicht länger ansehen musste. Dieser Bursche kam überhaupt nicht nach ihr. Dafür sah er jeden Tag ein wenig mehr wie sein Vater oder sein Großvater aus, je nach Licht und nach seiner Laune.

Briar musste aufpassen, dass sie nicht kleckerte, während sie mit dem faden Eintopf an Zeke vorbeistakste.

»Du möchtest alldem lieber entkommen? Das verstehe ich. Hier hält dich nicht viel, und vielleicht machst du dich ja wirklich davon, sobald du ein erwachsener Mann bist.« Sie stellte die Steingutschale auf den Tisch und zwängte sich auf den Stuhl daneben. »Mir ist klar, dass es dir nicht gerade verlockend erscheinen wird, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen, wenn du mich so ansiehst, und mir ist auch klar, dass du dich um ein besseres Leben betrogen fühlst, und ich mache dir keinen Vorwurf. Aber hier sind wir nun mal, und das hier ist alles, was wir haben. Die Umstände sind unser beider Verhängnis.«

»Die Umstände?«

Briar schluckte einen großen Löffel voll von dem Eintopf und wich Zekes Blick aus. »Na schön, die Umstände und ich. Du kannst mir die Schuld geben, wenn du willst, so wie ich deinem Vater die Schuld geben kann oder meinem Vater, wenn ich will – es spielt keine Rolle. Es ändert nichts. Deine Zukunft war kaputt, bevor du überhaupt auf die Welt gekommen bist, und außer mir ist niemand übrig, dem du das vorwerfen kannst.«

Aus den Augenwinkeln sah Briar, wie Ezekiel die Fäuste ballte. Gleich war es so weit: Nur noch eine Sekunde, und er würde die Beherrschung verlieren; in sein Gesicht würde dieser wilde, gemeine Blick treten, das Gespenst seines Vaters, und Briar würde die Augen schließen müssen, um den Geist zu vertreiben.

Aber es geschah nicht, der Wahnsinn legte sich nicht wie ein schrecklicher Schleier über ihn. Stattdessen sagte er mit vollkommen unbewegter Stimme, die nur allzu gut zu dem leeren Blick passte, mit dem er sie vorhin bedacht hatte: »Aber das ist ja die größte Ungerechtigkeit an dem Ganzen: Du hast überhaupt nichts getan.«

Briar war verblüfft, blieb aber auf der Hut. »So denkst du also darüber?«

»So habe ich es mir zusammengereimt.«

Sie schnaubte, ein bitteres Lachen. »So so, du hast dir also alles zusammengereimt, ja?«

»Mehr als du denkst, wette ich. Und du hättest diesem Schreiberling ruhig erzählen sollen, was Maynard getan hat. Wenn nämlich mehr Leute davon wüssten und es begreifen, dann wüssten vielleicht auch mehr anständige Leute, dass er kein Verbrecher war, und du bräuchtest nicht mehr wie eine Aussätzige zu leben.«

Briar verschaffte sich mit Kauen ein wenig Zeit zum Nachdenken. Ihr war nicht entgangen, dass Zeke mit Hale gesprochen haben musste, aber sie beschloss, dieses Thema nicht weiterzuverfolgen.

»Ich habe dem Biografen nichts über Maynard erzählt, weil er auch so schon genug wusste und sich eine Meinung gebildet hat. Falls es dir damit besser geht, er ist deiner Meinung. Er findet ebenfalls, dass Maynard ein Held war.«

Zeke warf die Hände in die Luft. »Siehst du? Ich bin nicht der Einzige. Und was meinen Umgang angeht: Meine Freunde sind vielleicht keine vornehmen Leute, aber sie erkennen einen guten Menschen, wenn sie einen sehen.«

»Deine Freunde sind Gauner.«

»Das kannst du gar nicht beurteilen. Du kennst ja keinen Einzigen von ihnen; bloß Rector hast du mal getroffen, und der ist für schlechten Umgang gar nicht mal so übel, das hast du selbst gesagt. Und eins solltest du wissen: Maynards Name ist wie ein geheimes Zeichen. Ihn auszusprechen ist so, als ob man bei seiner Ehre schwört, oder auf die Bibel, bloß dass alle wissen, dass Maynard wirklich etwas getan hat.«

»Hör auf, solches Zeug zu reden«, unterbrach ihn Briar. »Du suchst Ärger, du versuchst, die Geschichte umzuschreiben, und schiebst alles so lange zurecht, bis es sich besser liest.«

»Ich versuche überhaupt nicht, irgendwas umzuschreiben!« Zu ihrem Entsetzen fiel Briar auf, dass Zekes Stimme tiefer geworden war; er klang fast schon wie ein Mann. »Ich versuche nur, das Ganze geradezurücken!«

Sie löffelte den Eintopf viel zu hastig hinunter, verbrühte sich fast die Kehle in ihrer Eile, das Essen so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, damit sie sich auf diesen Streit konzentrieren konnte – falls es auf einen hinauslief.

»Du begreifst nicht«, sagte Briar ruhig, und die Worte drangen heiß aus ihrer Kehle. »Das ist die grausame und schreckliche Wahrheit des Lebens, Zeke, und du hörst mir besser ausnahmsweise einmal zu: Es spielt keine Rolle, ob Maynard ein Held war. Es spielt keine Rolle, ob mein Vater ein ehrlicher Mann mit guten Absichten war. Es spielt keine Rolle, ob ich je etwas getan habe, womit ich das alles verdient habe, und es spielt keine Rolle, dass auf deinem Leben schon ein Fluch lag, bevor ich überhaupt wusste, dass ich mit dir schwanger bin.«

»Aber wie kann das sein? Wenn die Leute nur begreifen würden, wenn sie nur die Wahrheit über meinen Großvater und meinen Vater wüssten, dann …«

Die Verzweiflung schnürte ihm die Kehle zu.

»Dann was? Dann wären wir plötzlich reich und beliebt und glücklich? Du bist jung, ja, aber doch nicht so dumm, dass du das ernsthaft glaubst. In ein paar Generationen, wenn genug Zeit vergangen ist und sich niemand mehr an das Chaos und die Angst erinnert und dein Großvater zu einer Legende geworden ist, wer weiß, dann werden Geschichtenerzähler wie der junge Mr. Quarter vielleicht das letzte Wort haben …«

Briar brach erschrocken ab, denn ihr wurde unvermittelt klar, dass ihr Sohn gar nicht von Maynard gesprochen hatte. Sie holte tief Luft, ging mit der leeren Schale zur Spüle und ließ sie dort stehen. Die Vorstellung, noch mal frisches Wasser zu pumpen und sie gleich abzuwaschen, war zu viel.

»Mutter?« Ezekiel merkte, dass er irgendwie zu weit gegangen war, aber hatte keine Ahnung, in welcher Hinsicht. »Mutter, was ist denn?«

»Das verstehst du nicht«, erklärte Briar, obwohl sie das Gefühl hatte, das in der letzten Stunde schon hundert Mal gesagt zu haben. »Es gibt so vieles, das du nicht verstehst, und ich kenne dich besser, als du denkst. Ich kenne dich besser als jeder andere, weil ich die Männer kannte, denen du nacheiferst, ohne es zu merken … und mich damit zu Tode erschreckst.«

»Mutter, du redest Unsinn.«

Sie schlug sich mit der Hand vor die Brust. »Ich rede Unsinn? Du erzählst mir doch all diese Wunderdinge über jemanden, den du nie kennengelernt hast, du bastelst dir diese Abbitte für einen Toten zurecht, weil du in deiner Unschuld denkst, wenn du den einen Toten reinwaschen kannst, dann gelingt dir das mit dem anderen vielleicht auch. Du hast dich eben verraten, als du sie beide in einem Atemzug genannt hast.« Zeke schwieg, und Briar fuhr fort, bevor er sich aus seiner Schockstarre lösen konnte. »Darauf willst du doch hinaus, nicht wahr? Wenn Maynard nicht durch und durch schlecht war, dann war dein Vater das vielleicht auch nicht? Wenn du den einen rehabilitieren kannst, dann besteht für den anderen vielleicht auch noch Hoffnung?«

Zeke nickte, zuerst langsam, dann immer nachdrücklicher. »Ja, nur dass das gar nicht so naiv ist, wie du es klingen lässt. Nein, warte und lass mich ausreden: Wenn die Leute am Stadtrand die ganze Zeit ein falsches Bild von dir haben, dann …«

»Was haben sie denn für ein Bild von mir?«

»Sie denken, dass alles deine Schuld war! Der Ausbruch, der Fraß, sogar der Boneshaker. Aber daran warst du nicht schuld, und der Ausbruch hat die Stadt auch nicht mit Chaos und Gewalt überzogen.« Ezekiel holte Luft, und seine Mutter fragte sich, wo er diese Redewendung wohl aufgeschnappt hatte. »Sie haben also ein falsches Bild von dir, und ich glaube, von Großvater genauso. Das macht dann zwei von drei, richtig? Warum ist es dann so verrückt, zu glauben, dass sie bei Levi auch alle falschliegen?«

Es war genau, wie Briar befürchtet hatte: Er hatte sich alles hübsch zurechtgelegt. »Du«, versuchte sie zu sagen, aber es kam nur ein Husten heraus. Die gefährlichen, unbedarften Worte ihres Sohnes setzten ihr zu, und sie hatte alle Mühe, sich zusammenzureißen. »Es gibt … Hör zu. Ich verstehe, warum dir das so sehr einleuchtet; ich verstehe auch, warum du gern glauben möchtest, dass es irgendwas gibt, um dessentwillen es sich lohnt, deinen Vater in guter Erinnerung zu behalten. Und wer weiß … vielleicht hast du ja recht mit Maynard. Es kann ebenso gut sein, dass er nur hatte helfen wollen. Vielleicht gab es für ihn einen Moment, einen Wendepunkt, an dem ihm klar wurde, dass er entweder die Vorschriften befolgen oder ihrem Geist gerecht werden konnte; und dann ist er irgendeinem Ideal nachgejagt, mitten hinein in den Fraß und in sein Grab. Das kann ich mir vorstellen, das kann ich akzeptieren, und ich kann sogar ein bisschen wütend darüber sein, in welch schlechter Erinnerung man ihn behält.«

Zeke keuchte fassungslos und seine Hände zuckten, als wollte er seine Mutter schütteln oder erwürgen. »Warum hast du dann nie etwas gesagt? Warum hast du zugelassen, dass man sein Andenken mit Füßen tritt, wenn du in Wirklichkeit glaubst, dass er versucht hat, den Leuten zu helfen?«

»Ich sagte doch schon, das würde nichts ändern. Und außerdem, selbst wenn es nie zu dem Ausbruch gekommen wäre und Maynard einen anderen, weniger befremdlichen Tod gestorben wäre, so hätte das für mich keinen Unterschied gemacht. Meine Meinung über ihn ändert sich doch nicht plötzlich wegen irgendwelcher Heldentaten in letzter Minute, und … und … und außerdem, wer würde denn schon auf mich hören? Die Leute meiden mich, sie ignorieren mich, und das ist nicht mal Maynards Schuld. Ich könnte zu seiner Verteidigung anführen, was ich wollte, kein Mensch hier im Stadtrand würde deshalb seine Meinung ändern, weil die Tatsache, dass ich Maynards Tochter bin, nicht der schlimmste Fluch ist, der auf meinem Leben liegt.«

Wieder klang ihr ihre Stimme viel zu hoch und gepresst. Sie atmete ein paarmal tief durch und ordnete ihre Argumente, um Ezekiels Worte punktgenau zu widerlegen.

»Ich habe mir meine Eltern nicht ausgesucht; das tut niemand. Die Sünden meines Vaters könnte man mir vergeben. Aber deinen Vater habe ich mir ausgesucht, und das werden sie mir nie verzeihen.«

In ihrer Brust wühlte es, und Briar stiegen Tränen in die Augen. Sie blinzelte sie weg, und als ihr Sohn sie stehen ließ und zu seinem Zimmer ging, wo er sie aussperren konnte, da eilte sie ihm nach.

Ezekiel schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Er hätte abgeschlossen, nur hatte die Tür kein Schloss, darum lehnte er sich mit seinem Gewicht dagegen – sie hörte das leise Rumsen, mit dem er sich auf der anderen Seite hartnäckig dagegenstemmte.

Briar drehte den Türknauf nicht, sie berührte ihn nicht einmal.

Sie presste ihre Schläfe gegen die Stelle, wo sie Zekes Kopf vermutete, und sagte: »Versuch Maynards Andenken zu retten, wenn dich das glücklich macht. Mach das zu deiner Mission, wenn es dir eine Richtung gibt und wenn du damit deinen Zorn loswirst. Aber ich bitte dich, Zeke. Bei Leviticus Blue gibt es nichts wiedergutzumachen. Gar nichts. Wenn du da zu tief gräbst oder zu viel Druck machst, wenn du zu viel ans Licht zerrst, dann wird es dir nur das Herz brechen. Manchmal haben die Leute recht. Nicht immer, nicht einmal oft, aber ab und zu haben die Leute recht.«

Es brauchte ihre gesamte Selbstbeherrschung, nicht noch mehr zu sagen. Stattdessen wandte sie sich ab und ging ebenfalls in ihr Zimmer, um dort zu fluchen und zu schäumen.

Vier

Am Freitagmorgen stand Briar wie immer kurz vor der Dämmerung auf und zündete eine Kerze an, um etwas sehen zu können.

Ihre Kleider lagen immer noch dort, wo sie sie gestern hingeworfen hatte. Sie tauschte das Hemd gegen ein frisches aus, schob ihre Beine aber in dasselbe Paar Hosen und stopfte die schmalen Aufschläge in die Stiefel. Der Stützgurt baumelte am Bettpfosten. Sie schnallte ihn sich enger um die Taille, als eigentlich bequem war. Sobald das Leder sich erwärmt hatte, würde er besser sitzen.

Nachdem sie sich die Stiefel geschnürt und einen dicken Wollpullunder herausgesucht und über ihr Hemd geworfen hatte, nahm sie ihren Mantel vom anderen Bettpfosten und schlüpfte hinein.

Auf dem Flur war kein Laut aus dem Zimmer ihres Sohnes zu hören, nicht einmal ein kurzes Schnarchen oder Umdrehen im Bett. Er war mit Sicherheit noch nicht wach, nicht einmal, wenn er heute zur Schule gehen sollte – was er oft bleiben ließ.

Briar hatte bereits dafür gesorgt, dass er lesen konnte, und zählen und addieren konnte er besser als viele andere Kinder, darum machte sie sich keine allzu großen Sorgen um ihn. Die Schule sorgte dafür, dass er nicht auf die schiefe Bahn geriet – nur war die Schule manchmal schon schiefe Bahn genug. Vor dem Fraß war die Bevölkerung groß genug für mehrere Schulen gewesen. Aber nachdem so viele Leute gestorben oder geflohen waren, verfügte die Stadt nur noch über wenige Lehrer, und die Schüler bekamen nicht viel Disziplin vermittelt.

Briar fragte sich, wann der Krieg im Osten wohl enden würde. Die Zeitungen berichteten in aufgeregten Worten darüber, von einem »Bürgerkrieg«, einem »Krieg zwischen den Staaten«, einem »Unabhängigkeitskampf« oder auch einem »Angriffskrieg«. Es klang gewaltig, und nach den mittlerweile achtzehn Jahre andauernden Spannungen war es das wahrscheinlich auch. Wenn er nur enden würde, dann könnte es sich vielleicht lohnen, an die andere Küste zu gehen. Mit ein bisschen Knapsen und Knausern ließ sich vielleicht genug Geld beiseitelegen, um woanders, wo niemand etwas von ihrem Vater oder Ehemann wusste, noch einmal von vorn anzufangen. Oder wenn Washington wenigstens ein richtiger Staat wurde und nicht nur ein entlegenes Territorium! Wenn Seattle Teil eines Staates wäre, dann würde Amerika doch Hilfe schicken müssen, oder nicht? Mit Bundeshilfe ließe sich eine bessere Mauer bauen oder vielleicht etwas gegen den darin eingeschlossenen Fraß unternehmen. Dann konnte man Ärzte beauftragen, nach einer Behandlungsmethode für Opfer des Gases zu forschen – sie vielleicht sogar heilen, wer weiß.

Das sollte eigentlich eine aufregende Vorstellung sein, war es aber nicht. Nicht um sechs Uhr früh und nicht, wenn einem ein zwei Meilen weiter Fußmarsch hinunter in den Schlicksand bevorstand.

Die Sonne ging schon langsam auf, und der Himmel nahm den milchig grauen Farbton an, den er tagsüber so schnell nicht wieder ablegen würde, erst im Frühling. Der Wind trieb Sprühregen vor sich her, die Nässe drang unter Briars breitkrempigen Lederhut, kletterte die Ärmelaufschläge hinauf und die Stiefelschäfte hinab, bis ihre Füße eiskalt waren und ihre Hände sich anfühlten wie rohe Hühnerhaut.

Als sie beim Werk ankam, war ihr Gesicht taub von der Kälte und zugleich leicht verätzt von dem widerwärtig riechenden Regen.

Sie ging an der Rückseite des gewaltigen Gebäudekomplexes entlang, der lärmend am Rand des Sunds kauerte. Tag und Nacht drehten sich dort die Pumpenräder, sogen Regen- und Grundwasser in die Anlage, wo es zerlegt, sterilisiert und gesäubert wurde, bis es rein genug war, um es trinken und darin baden zu können. Es war ein langwieriger und mühsamer Prozess, ein Vorgang, der umständlich, aber notwendig war. Das Gas war in die natürlichen Systeme eingesickert, bis die Bäche und Flüsse sich gelb färbten vom Fraß. Selbst dem nahezu unablässig tröpfelnden Regen durfte man nicht trauen. Die Wolken, aus denen er fiel, konnten über die ummauerte Stadt gezogen sein und genug giftige Stoffe aufgenommen haben, um die Haut zu verätzen und die Haare auszubleichen.

Aber der Fraß ließ sich abkochen, er konnte ausgefiltert und kondensiert und wieder ausgefiltert werden. Und nach siebzehnstündiger Behandlung konnte man das Wasser gefahrlos trinken.

Große Pferdewagen, gezogen von kräftigen Kaltblütern, belieferten, einen nach dem anderen, die Häuserblocks, speisten es aus ihren Tanks in öffentliche Speicher, aus denen es sich die einzelnen Familien dann mit der Pumpe holen konnten.

Aber davor musste es sterilisiert werden. Es musste die Anlage von Waterworks durchlaufen, wo Briar Wilkes als eine von mehreren Hundert Arbeiterinnen zehn bis fünfzehn Stunden am Tag Messingzylinder ein- und wieder ausklinkte und sie von Station zu Station, von Filter zu Filter bewegte. Die meisten Tanks befanden sich über Kopfhöhe, und die Messingzylinder konnten an Kabeln und Schienen vom einen zum nächsten gezogen werden, aber manche waren in den Boden eingelassen und mussten von Anschluss zu Anschluss gehoben werden wie Teile in einem Steckpuzzle.

Briar stieg die Hintertreppe hinauf und hob den Riegel an, der den Personaleingang sicherte.