Böse Gute Zeit - Rainer Weidlinger - E-Book

Böse Gute Zeit E-Book

Rainer Weidlinger

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Beschreibung

Der junge Dorfpolizist Thomas Mayer kämpft sich gemeinsam mit der abgebrühten Kriminalistin Carla Habner durch die aufreibenden Ermittlungen in einem grausamen Ritualmord. Dadurch kommen sich die beiden näher. Das bleibt auch Mayers Ehefrau Stefanie nicht verborgen. Dass dieses Beziehungsgeflecht in einem rätselhaften Zusammenhang mit dem schrecklichen Verbrechen steht, kann niemand erahnen. Schon gar nicht der Mayer.

LESERINNENSTIMMEN
"Was wie ein kleiner Provinzkrimi beginnt, schlägt blitzschnell und mit überraschenden Wendungen in einen fesselnden und extrem spannenden Thriller um."
"Ein unfassbarer Schreibstil, der schon ab der ersten Seite ein extremes Kopfkino auslöst."
"Ein Psychothriller vom Feinsten!"
"Der Rhythmus der Sprache ist einzigartig, die Story selbst ist nicht nur sauspannend, sondern in ihrer Abgründigkeit sehr intelligent konstruiert."
"In jeder Hinsicht anders!"
"Ein atmosphärisch extrem dichter Krimi, definitiv jenseits des Mainstreams."
"Für mich leider ganz schwer zu lesen, obwohl die Story mitreißend spannend ist."
"Ein wahrer Pageturner, Gänsehaut pur!"
"Den Schreibstil mag man oder nicht, aber nach ein paar Seiten ist man drinnen und dann... wow, dieser düstere Landthriller geht ab."
"Wunderbar beschriebene Charaktere, absolute Leseempfehlung!"
"Ein Landkrimi, der zu einem Wahnsinnsthriller mit einem furiosen Finale wird."
"Ein ganz besonderer Thriller, der unter die Haut geht und in dem viel viel mehr steckt, als man anfangs vermuten würde."

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Rainer Weidlinger

BÖSE

GUTE

ZEIT

Thriller

 

 

 

IMPRESSUM

Copyright © 2020 Rainer Weidlinger

via tolino media, E-Bookversion 2021

 

www.rainerweidlinger.wordpress.com

[email protected]

 

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen.

Alle Rechte vorbehalten.

 

Drei Tage bis sie alle tot sind.

Die Sonne geht auf durch den Nebel. Es ist kein schönes Land mitten im Winter ohne Schnee. Den gibt es schon lange nicht mehr, immer regnet es grau. Überall rostige Masten, vermooste Stahlseile knarren im Wind, die Liftbügel quietschen hin und her. Auf der matschigen Piste die Rehe, nackte Flecken im Fell, kranke Haut sieht man. Das macht der Regen, der riecht komisch, oft nach Metall.

 

Das Wild blickt aufgeschreckt hinab. Ein einziger Fischteich, einer von vielen, schwillt an wie brodelndes Wasser am Herd, laut in der absoluten Ruhe. Fütterungszeit. Aber das Futter kommt nicht vom Automaten, ein toter Körper schwebt im Wasser. Die gierigen Fische hängen an der runzeligen Haut, blutige Schlieren treiben im trüben Wasser. Der greise Mann hat immer nach den Fischen gesehen, jetzt fressen sie ihm die Augen aus dem Kopf.

 

 

„Schalt die blöde Kiste aus, ich will noch schlafen!“, sagt sie.

Und dreht sich mit ihrem dicken Körper behäbig weg, mummelt sich in die wohlige Decke.

„Ja, gleich!“, erwidert er.

Greift dabei mit verschlafenen Augen zum Huawei. Am Nachtkästchen liegt auch ein Buch, ein Schundroman, irgendwas mit Agenten.

 

Vorm Haus ruhen Zementsäcke und ein Haufen Sand mit einer Schaufel drinnen, eine Mischmaschine von Samsung steht da, und viel Dreck ist überall.

Die Stefanie streift die letzte Falte aus der gebügelten Uniform, ihr Ehering gleitet sanft über das Namensschild:

T. Mayer.

Ein Fussel muss auch noch weg.

„Passt schon“, meint er.

„Vielleicht ist es ja diesmal was G’scheites.“

Sie lächelt dabei und bläst mit einem Atemstoß eine blonde Locke aus ihrem vollen Gesicht, Pausbäckchen.

„Was soll hier schon sein?“, lächelt er kurz zurück.

Er hofft das Gegenteil. Sie gibt ihm die große Tupperwarebox mit der Jause.

„Ich sollte aber eh weniger essen.“

Er legt die Hand auf seinen Bauch. Da spannt die Uniform, sonst ist sie überall ein bisschen zu groß.

„Essen muss man was“, entgegnet sie.

Sonst ist er schmal, sogar hager im schönen Gesicht. Ein Ehering an seiner zarten Hand.

Schnelles Bussi.

Er zieht den Stromstecker aus dem VW und surrt davon, ohne Blaulicht.

Sie geht ins Haus. Das ist noch nicht fertig, aber schon alt. Mit ihren Schlapfen, ihrem weiten Nachthemd und einem gelben Regenmantel über die breiten Schultern gehängt.

 

 

Fast alle sind da, die glauben, von Bedeutung zu sein, unten bei den Teichen, bei der auf dem trüben Wasser treibenden Leiche. Da starren sie drauf.

Der Bürgermeister, der deutet viel und ausladend herum.

„Der muss ausgerutscht sein, wie er wieder da war, wie so oft in der Früh, verwirrt“, sagt der Bürgermeister, „und dann ist er reingefallen und ersoffen.“

Immer, wenn er etwas gesagt hat, kräuselt er dann die Nase, so, dass sich seine modische Brille etwas hebt.

Der Bürgermeister hat studiert, noch nicht lange im Amt. Ein Heimkehrer, der einzige von ganz vielen Weggehern, will hier etwas verändern.

Der schlaksige Schwendinger wendet sich ihm zu.

„Ein Unfall, ein ganz schrecklicher Unfall war das“, meint er.

Hat früher Volksschulkinder unterrichtet, dann Frühpension. Die Schule hier gibt es schon lange nicht mehr, und die wenigen Kinder, die noch hier sind, fahren mit dem Bus in die Bezirkshauptstadt. Über eine Stunde dauert das, einfache Fahrt.

Er hält die alte Brandtnerin, so nennen sie sie alle, tröstend im Arm und den Regenschirm schützend über sie, die demente Schwester des Opfers. Gebückt steht sie da. Ganz ruhig, wie entseelt schaut sie und murmelt vor sich hin.

Es ist ihr Zwillingsbruder, der da drinnen liegt im Wasser. Nackt, mit dem Rücken nach oben, bei den aufgescheuchten Fischen, der Severin Brandtner, der alte Brandtner.

 

Stinkender Auspuff, schwerer, knatternder Benziner. Der goldene Mercedes rollt an, gemächlich. Alle Blicke gehen dorthin.

Der Steger kommt. Der Wagen hält an, quietschende Handbremse, knarrende Tür. Der Mercedes ist ein alter SLK, der fährt noch ewig.

Der Steger schiebt seinen dicken Wanst heraus, die Tür wird hart und laut zugeschlagen. Er ist jetzt da. Zieht am schweren Gürtel die Hose zurecht. Sein Hut hat eine breite Krempe, da tropft Wasser runter auf die Schulterklappen aus schwarzem Leder. Er trägt einen schweren Mantel, so wie Jäger ihn tragen bei Schlechtwetter, olivgrün.

Seine zwei Söhne wie zum Begleitschutz hinter ihm, der Franz und der Walter, die sind mit einem amerikanischen Pickup da, einem elektrischen GM. Die Jagdflinte hängt hinten bei der Heckscheibe. Zwei Kampfhunde stehen angekettet auf der Ladefläche, der Tasso und der Ari, aggressiv gemacht, schon von klein auf.

Wenn der Steger spricht, er redet nicht viel und in Anbetracht seiner stämmigen Erscheinung überraschend leise, sind alle ruhig.

Vor allem der Bürgermeister. Der redet sonst viel, immer dann, wenn es besonders unwichtig ist.

Der Steger blickt ins Wasser, regungslos. Dann schweigend vom Bürgermeister zum Schwendinger, wieder ins Wasser, auf den alten Brandtner. Geht dann zur alten Brandtnerin, nimmt ihre Hand und drückt sein Beileid aus. Die murmelt vor sich hin, man hört nicht was. Aber sie murmelt immer, schon ihr Leben lang.

 

Natürlich ist der Mayer nicht der Erste, das kennt er schon. Was auch passiert, er erfährt es spät. Aber oft auch nie. Im Nachhinein erfährt er manchmal, dass er etwas nicht erfahren hat. Das ärgert ihn. Nicht, dass hier viel Wichtiges passiert, aber auch das Unwichtige will er wissen. Er ist hier der Polizist.

Mit seinem Polizeiwagen ist er gleich am Ziel.

 

Alle sind da, die glauben, sie sind von Bedeutung, unten bei den Teichen bei der an der Oberfläche treibenden Leiche. Da starren sie drauf.

Der Polizeiwagen hält.

Es wird vielleicht was G’scheites sein, hat seine Ehefrau, die Stefanie, gesagt. Und es wird tatsächlich was sehr Wichtiges sein. Das weiß der Mayer noch nicht, die anderen auch nicht.

Der Mayer begrüßt alle mit Handschlag und einem Servus.

„Gut, dass du da bist“, sagt der Bürgermeister.

„Danke für den Anruf!“, erwidert der Mayer.

Es ärgert ihn noch immer, dass er erst gerufen wurde, als schon alle da waren. Aber er sagt nichts.

Der Steger ist sein Schwiegervater.

„Servus Schwiegerpapa!“, grüßt ihn der Mayer.

„Servus Bub!“

Der Mayer schaut ins Wasser, bedrückt.

„Mein Gott, der alte Brandtner“, sagt er leise vor sich hin.

Schaut auf die alte Brandtnerin, mitleidsvoll. Er drückt ihr sein Beileid aus. Sie murmelt nur.

Der Bürgermeister erklärt dem Mayer, wie es gewesen ist. Dass der Schwendinger und die alte Brandtnerin den alten Brandtner, dement wie er war, wieder einmal überall gesucht haben. Und dann gefunden haben hier beim Teich, wo er ja oft hingegangen ist, nackt, vor lauter Demenz.

„Ja, so war das“, sagt der Schwendinger, „wir haben dann ja eh gleich gesehen, dass der tot ist.“

Der Mayer nickt dem Schwendinger zu.

„Aha.“

Nicht kritisch, verstehend sagt der Mayer das Aha.

„Schlimm ist das“, fügt der Schwendinger dann auch noch an.

Und blickt dabei besorgt auf die alte Brandtnerin.

Der Bürgermeister greift zum Huawei, will den Gemeindearzt anrufen, der soll den Totenzettel schreiben.

„Dann ist das hier auch gleich erledigt“, ergänzt der Bürgermeister.

Er blickt dabei fragend auf den Steger.

„So machen wir das“, bestätigt der Steger, „und nicht anders.“

Der Bürgermeister nickt und wählt.

„Und wir kommen dann gleich aus dem Regen“, sagt er dabei, „der riecht heute eh schon wieder so grauslich.“

Kräuselt wie jedes Mal die Nase nach dem Sprechen. Keiner geht ans Telefon, das sagt sein Gesicht.

Der Schwendinger fordert Respekt ein. Seinen grauen Zopf mit den verbliebenen Haaren hat er mit einem Gummiband nach hinten gebunden.

„Zieht ihn doch erst mal aus dem Wasser!“, verlangt er.

Der Bürgermeister fühlt sich angesprochen, rückt sich seine Brille zurecht, sitzt aber eh richtig. Entschuldigt sich dann bei der alten Brandtnerin. Er hat halt gerne alles schnell offiziell.

„Holt ihn raus!“, befiehlt der Steger.

Seine Söhne schreiten mit ihren schweren, schwarzen Gummistiefeln zum Wasser.

 

Die Söhne Franz und Walter sind sehr unterschiedlich. Der Walter ist der ältere Bruder, grobschlächtig, laut und dumm. Der Franz zart, ruhig und schlau. Verschiedene Mütter.

Darf man aber nicht laut sagen, weil der Franz von einer Prostituierten aus der Großen Stadt zur Welt gebracht wurde. Die hat aber nie wer gesehen, die war ja nie hier. Aber auf einmal war der Franz da, und bei der Mutter vom Walter und von der Stefanie. Die Mutter ist schon lange tot, Krebs. Die Prostituierte hat es nie gegeben, hier.

Geht es um die Familie, dann sind sie eins, die zwei Brüder.

 

„Wartet noch kurz!“, ruft der Mayer.

Er macht dann Fotos von den Fußspuren im Matsch beim Teich, aber die meisten sind eh schon ausgetreten von den anderen. Auch Fotos von der Leiche und dem Drumherum.

Der Walter macht sich lustig, dass sein Schwager einen auf Cop macht, so einen richtigen, wie auf Netflix.

„Das ist für den Bericht“, erklärt der Mayer.

Als müsste er sich für sein Tun entschuldigen.

„Für den Bericht ist gut“, stellt der Bürgermeister wichtig fest.

„Ist schon gut so, Bub“, sagt der Steger, „aber jetzt reicht’s.“

Und nickt zu der Leiche, dann zu der alten Brandtnerin.

Der Mayer schießt noch hastig ein paar Fotos, dann steckt er sein Huawei weg. Gemeinsam mit den Söhnen zieht er an dem Körper.

Der Schwendinger betet, die anderen jetzt auch. Die alte Brandtnerin nuschelt. Das verschwimmt ineinander.

Die Glocken läuten herüber vom Dorfzentrum, zufällig jetzt, wie passend. Einen Pfarrer gibt es hier schon lange nicht mehr, aber eine große Kirche.

Fischkot klebt zäh an der Leiche, die kommt an Land und ein paar Fische auch. Die hängen zappelnd an der faltigen Haut wie an einem Köder, Wasser tropft aus allen Löchern.

Der Schwendinger umarmt die Brandtnerin, will sie wegdrehen. Sie will aber hinsehen, ihre zittrigen Finger am abgegriffenen Rosenkranz.

Sie drehen die Leiche.

Die Glocke schlägt jetzt zum siebten und letzten Mal.

Und das Gebet verstummt, die Gesichter sind voller Schrecken, die Münder verzerrt.

 

Stille.

 

Ein Kreuz, tief hineingeschnitten in das alte Fleisch des Mannes, quer über die Brust und dann hinunter bis zum Bauchnabel, verwaschenes Blut umsäumt die Wunde. So tief hinein, dass die aufgeweichte Haut den Gedärmen fast nachgibt. Die Augenhöhlen ausgefressen, kleine Krebse sind da drinnen.

Der Rosenkranz fällt zu Boden, die alte Brandtnerin kreischt.

„Satan hat sein Werk vollbracht. Satan!“, schreit sie.

Und sie hört nicht mehr auf. Ihr Gesicht wie eine Fratze, die wenigen Zähne im verzerrten Mund faulig.

„Satan!“, kreischt sie.

Wieder und wieder.

„Bring sie heim, schnell!“, bittet der Mayer den Schwendinger, „ich komm’ dann später nach.“

„Mach´ ich, Thomas.“

Der Schwendinger bringt sie weg, beruhigend auf sie einredend, obwohl er selbst ganz aufgeregt ist. Er führt sie zu seinem alten VW-Bus, einen Bulli, und fährt dann weg. Alle Blicke verfolgen den ratternden Bulli.

Der Bürgermeister schaut wieder zum toten Brandtner.

„Dass er sich sowas antut“, meint der Bürgermeister ganz entsetzt.

„Verrückt war er und vor lauter Religion ganz wahnsinnig“, erklärt der Steger, „das war er eh schon immer.“

Der Mayer nervös. Er glaubt, dass sich der alte Brandtner das nicht selbst angetan hat. Er macht wieder Fotos mit seinem Huawei, viele Fotos.

„Wir müssen das untersuchen lassen, von einem Gerichtsmediziner, die Spurensicherung brauchen wir auch“, stellt der Mayer fest.

„Du bist die Polizei.“

Der Bürgermeister schaut ihn dabei fordernd an.

„Selbstmord war das“, sagt der Steger.

„Glaube ich auch, was denn sonst?“, fügt der Bürgermeister an.

Der Walter wirft ein, dass der Schwager schon wieder was sehen will, was gar nicht da ist, nur damit er wichtig ist.

Der Franz schweigt, er schaut nur stumm auf den toten, alten Brandtner.

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht“, spricht der Mayer vor sich hin.

Und ist ganz unsicher, weil er eben nicht weiß, was er glauben und was er tun soll. Er blickt jeden an, fragend, beinahe hilfesuchend.

„Und das Messer, wo ist das?“, fragt er.

„Im Wasser. Kannst ja danach suchen, wenn du willst. Aber ich fahr’ jetzt“, sagt der Steger.

Die Söhne sollen den Toten zum Gemeindearzt bringen, wegen dem Totenzettel und dem Begräbnis.

„Das ist wichtig“, stellt der Bürgermeister fest.

Die Söhne nicken.

Der Mayer schaut fragend zum Bürgermeister. Der sagt nichts und geht dann dem Steger zum goldenen Mercedes nach.

„Greif zu, auf die Ladefläche damit!“, poltert der Walter in einem Befehlston zum Mayer.

Deutet dabei mit dem Kopf zum Pickup und hebt die Leiche an.

Beim Mercedes an der offenen Tür steht der Bürgermeister.

„Schon seltsam“, sagt er nachdenklich zum Steger, „das mit dem Alten.“

Der Steger steigt ein.

„Ja, seltsam, aber gut, dass es vorbei ist mit ihm.“

„Mehr sagst du nicht dazu, Steger?“

„Mehr ist es auch nicht.“

„Ich weiß nicht.“

Der Bürgermeister blickt dabei kritisch auf den toten, alten Brandtner, der zwischen den Händen der Träger hängt, verwaschenes Blut und trübes Wasser tropfen aus ihm.

„Ist aber so“, beharrt der Steger.

„Na, hoffentlich hast du damit recht.“

Der Bürgermeister blickt wieder auf den Steger.

„Was anderes, mit dem Auto da darfst du aber nicht mehr herumfahren, weil das ist schon lange verboten, weißt eh, Umweltplakette und so.“

Der Steger beißend, aber ruhig wie immer zum Bürgermeister.

„Die Polizei ist der da drüben, nicht du, du Studierter.“

„Der kann ja nichts sagen zu dir, das ist ja dein Schwiegersohn.“

Der Bürgermeister zeigt auf den Mayer. Dabei rutscht ihm der Ärmel der zu engen Steppjacke hoch.

„Dann passt ja eh alles“, meint der Steger.

Seine braunen Augen brennen unter den Schlupflidern. Er schlägt hart die Tür zu. Schwarze Luft steigt auf, der Mercedes stinkt davon. Der Bürgermeister schaut der goldenen Karosse gedemütigt nach.

Aber der Steger, der schaut da drinnen auch nachdenklich. So egal ist ihm das Ganze nicht, wie er den anderen gegenüber tut.

Der Bürgermeister schaut nach oben zum Himmel, zieht den Kragen seiner blauen Jacke enger.

„Scheiß Regen!“, sagt er zu sich.

Und meint den Steger und das Ganze hier mit dem alten Brandtner.

Der Mayer und die Söhne schleppen den Leichnam durch den tiefen Schlamm zum Pickup. Schleimig glitschig ist er. Die Männer müssen immer wieder nachfassen, so rutscht er durch die Finger.

„Hoffentlich zerreißen ihn nicht der Tasso und der Ari, wenn die das Blut riechen“, sagt der Walter, „die zerreißen nämlich alles.“

Sein Grinsen dämlich gemein. Seine Hunde sind dafür gemacht, alles zu zerreißen.

Um Punkt acht Uhr läutet die Glocke dann das nächste Mal.

 

 

Eine enge Straße, links und rechts kranker Wald. Die Straße ist kaputt, die vielen Lastwagen sind das, repariert wird nichts. Und zwei rollen wieder daher.

Sie weicht geschickt aus mit ihrem E-Jeep, mit Reserverad hinten und Seilwinde vorne.

Die haben viel Sand oben, Bausand. Steger & Söhne steht auf der Seite, mächtig mit weißer Farbe auf grünem Lack. Die fahren bis zum großen Bahnhof, dann fährt der Sand mit dem Zug nach Norditalien. Dort bauen die Chinesen eine Insel ins Meer, mit viel drauf. Selbst haben sie keinen Sand mehr, Sand schon, aber keinen Bausand. Der wird überall knapp, nur hier im toten Winkel der Welt, da gibt es noch einen. So ein Glück für den Steger und seine Söhne.

Ihre roten Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Carla Habner lenkt den E-Jeep.

Starkregen. Eine enge Kurve, vor ihr ein Hirsch. Zu spät, trotz Notbremssystem.

„Zusammenstoß!“, stellt die sanfte Frauenstimme des Bordcomputers fest.

In einem ganz sachlich ruhigen Tonfall. Für den Computer ist das Ganze nur eine Abfolge von Nullen und Einsen, Maschinensprache, Abhandeln von Informationen. Eine kalte Analyse trifft Entscheidungen, keine Gefühle wie ein Mensch Gefühle hat.

Wie die Habner ganz früher gehabt hat.

„Zusammenstoß!“

Der Hirsch knallt auf die Motorhaube und dann gegen die Scheibe. Eine Spitze des Geweihs bohrt sich durch das Glas und knapp vor ihr Gesicht. Die Habner verreißt, der Jeep stellt sich quer, das Tier wird weggeschleudert und schlägt hart auf der Straße auf. Der Wagen kommt vor einem Abhang zum Stehen, drunten ein Bach, sein Wasser gelblich wie heller Urin. Das kommt von oben, wo der Bausand mit viel Chemie und Physik bis tief in die Erde abgegraben wird. An die Farbe des Baches hat man sich hier schnell gewöhnen müssen.

 

Stille.

 

Der erste Schock vorbei.

„Brauchen Sie Hilfe, Frau Habner?“, fragt der Bordcomputer mit dieser zu sanften Frauenstimme.

Und klingt dabei irgendwie anbiedernd. Wie eine zu aufdringliche Verkaufskraft in einem zu kleinen Bekleidungsgeschäft, die man loswerden will, die aber nicht geht.

„Brauchen Sie Hilfe, Frau Habner?“

Immer und immer wieder. Monoton.

Bis die Habner bestimmt sagt: „Keine Hilfe!“

Die Stimme verstummt.

„Das Fahrzeug ist fahrtüchtig“, sagt der Bordcomputer dann noch und klingt dabei so, als wäre das sein Verdienst.

Die Habner steigt aus dem Wagen, greift sich ans schmerzende Knie. Schwere, schwarze Stiefel, graue Hose mit großen Seitentaschen. Sie sieht nach dem Tier, zieht dabei ihr rechtes Bein nach.

Das Tier röchelt mit schwerem Atem. Es wird sterben und es weiß das, das sieht man an den Augen. So wie die Habner es weiß. Sie geht zurück zum Wagen. Dicker Rollkragenpullover, ärmellose Daunenjacke. Sie greift ins Handschuhfach, geht zum Hirsch und kniet sich langsam nieder, tröstend lächelnd. Mit einer Pistole, einer alten Beretta, zielt sie auf den Kopf.

 

 

Der Hall im Tal hat den Schuss bis zu ihm getragen. Der Mayer horcht auf, wundert sich und beugt sich dann aus dem Polizeiwagen, in seiner Hand eine Kühlbox, Alufolie darin. Dienstag ist Schnitzeltag.

 

Er geht hinein in das verfallene Haus der alten Brandtnerin, wo sie mit ihrem Bruder gelebt hat. Ihr gemeinsames Leben lang.

 

„Mein Gott, wie schaut’s denn hier aus?“

Der Mayer sieht sich schockiert in der Stube um. Der Geruch von Feuer hängt in der Luft, alter Holzofen im Eck mit einem Kessel drauf.

„Hier kann ja keiner leben“, stellt er fest.

Der Schwendinger schaut von der alten Brandtnerin auf zum Mayer.

„Ja, schlimm hier.“

„Ja, Wahnsinn“, erwidert der Mayer.

Überall Kruzifixe und Marienbilder an der Wand, Katzen streunen umher, Katzenhaare überall und Mist und Müll, aufgeplatzte Plastiksäcke, wo alles Alte herausfällt. Sogar ein Stofftier ist dabei, oder was davon noch übrig ist.

„Aber du kennst sie ja eh, die alten Brandtners“, sagt der Schwendinger.

Die Zwillingsgeschwister waren mit allem überfordert, wollten keine Hilfe, von niemandem. Nur er war manchmal hier, wenn es ganz schlimm war, da durfte er rein.

„Alles Gott gewollt, haben sie immer g’sagt“, erklärt der Schwendinger.

„Ja, eh, aber muss es deswegen hier gleich so schlimm ausschauen?“

Der Mayer räumt dreckiges Geschirr zur Seite, stellt die Kühlbox ab.

„Und? Wie geht’s ihr?“

Die alte Brandtnerin faselt auch im Schlaf, liegt auf der gammeligen Couch und der Decke drüber.

„Zumindest schläft sie“, meint der Schwendinger.

Hat einen kalten Waschlappen in der Hand.

„Die hat schon so viel durchgemacht. Und jetzt das auch noch mit ihrem Bruder,“ führt er aus.

„Ja, die hat viel durchgemacht.“

Der Mayer blickt sich um.

„Die Stefanie hat Schnitzel gemacht,“ sagt er dann.

Öffnet dabei die Box, riecht hinein.

„Die sind ein Wahnsinn, im Butterschmalz ’backen“, fügt er noch an.

„Die sind wirklich immer gut“, sagt der Schwendinger.

„Vielleicht isst sie ja was,“ hofft der Mayer, „Essen hilft immer.“

Der Schwendinger nickt.

 

Stille.

 

„Wie geht’s denn mit der Stefanie eigentlich so? Wird das noch was mit einem Kind? Die Leute reden ja schon, dass das nichts mehr wird, bei euch zwei.“

Und zwinkert dem Mayer zu.

„Sicher wird das was, aber alles zu seiner Zeit. Erst muss das Haus fertig werden“, antwortet er.

Routiniertes Schmunzeln. Er versucht, von dem Thema abzulenken.

„Hast du auch den Schuss vorher gehört?“

„Nein, aber wird halt ein Jäger gewesen sein. Das ist ja nichts Neues hier.“

„Hat sich aber angehört wie eine Pistole“, meint der Mayer.

„Das hörst du?“, fragt der Schwendinger zweifelnd.

„Glaub’ schon.“

„Ich glaub’, da liegst du falsch. Wo ist denn deine Pistole überhaupt?“

Zeigt auf den leeren Gürtel.

„Noch immer ganz der Lehrer, wie früher. Am Revier, glaub’ ich“, meint der Mayer mit einem Lächeln.

„Und du noch immer der kleine schusselige Bub.“

Kurzes Lächeln zurück.

„Gott sei Dank brauchst du die eh nie“, stellt der Schwendinger fest.

„Ja, Gott sei Dank. Und? Was sagst du zu der ganzen Sache?“

„Weiß nicht, bisschen fanatisch waren die zwei schon immer. Was sagt denn der Doktor? Weiß der schon was?“

„Gar nichts, der war schon wieder so besoffen, dass er sich überhaupt nicht ausgekannt hat. Der alte Brandtner liegt auf alle Fälle jetzt einmal oben bei ihm. Später erfahren wir hoffentlich mehr, wenn der dann endlich einmal seinen Rausch ausgeschlafen hat“, erklärt der Mayer.

Der Schwendinger nickt und wendet sich wieder der Brandtnerin zu, die jetzt wimmert.

„Ich schau’ am Abend wieder vorbei“, sagt der Mayer, „mit ein paar Semmeln und Gurken, dann könnt ihr euch noch Schnitzelsemmeln herrichten, weil es sind eh so viele Schnitzel da.“

Zeigt auf die Box.

„Vergelt’s Gott“, sagt der Schwendinger.

Der Mayer geht, spricht aber vorher noch was.

„Übrigens, Herr Lehrer, ich bin nicht mehr der kleine Bub von früher. Das weißt du eh, oder?“

„Das weiß ich eh, war auch nicht so gemeint.“

Der Mayer nickt.

„Also, ich geh’ jetzt.“

Und er geht. Der Schwendinger blickt ihm nach. 

Der Schwendinger war ein guter Lehrer. Er wusste immer, ob er den Kindern etwas zu sagen oder ob er zu schweigen hatte. Als damals keine Kinder mehr da waren hier im Ort, hätte er woanders hinmüssen. Das wollte er nicht. Der Gemeindearzt hat das mit der Frühpension für ihn erledigt.

 

Die alte Brandtnerin flüstert wieder von Engeln und vom Teufel. Schlimm steht es um sie.

Der Schwendinger wischt ihr den Schweiß aus dem eingefallenen Gesicht. Sanft und einfühlsam macht er das.

 

 

Ich bin im Wirtshaus, Mittagspause.

Steht da auf einem Stück Karton, selbst gebastelt, hängt an einer Schnur an der Tür.

Die Habner wundert sich und steigt wieder in ihren Jeep. Auf dem Dach der tote Hirsch, mit der Seilwinde hinaufgezogen, festgezurrt. Das Loch in der Windschutzscheibe verklebt.

Sie fährt weg vom Polizeirevier, einem alten, kleinen Haus, von dem der Verputz mit der blauen Farbe abbröckelt. Abgerückt von den anderen Häusern, weiter hinten steht die alte Volksschule mit dem verblichenen Schriftzug drauf, zerbrochenes Glas, die Wände mit Hakenkreuzen beschmiert, und schon lange geschlossen.

 

 

Im Wirtshaus. Der schwere, olivgrüne Mantel am Haken. Am Stammtisch der Steger und der alte Mayer, der Wirt in diesem Ort, Bier und Schnaps vor ihnen. Der Vater und der Schwiegervater vom Mayer kennen sich von klein auf, so wie hier jeder jeden von klein auf kennt.

 

So kennen sich auch die Stefanie und der Thomas von klein auf. Irgendwie war schon immer klar, dass die beiden heiraten werden. Und sie haben auch geheiratet, schön war die Hochzeit. Und wen hätte er sonst heiraten sollen? Oder wen sie? Aber das passt ja auch. Es ist Liebe.

 

Der Wirt ist hager, versoffen, an allem sieht man das, er ist gezeichnet. Er war immer sein bester Kunde. Kommen auch nicht mehr viele, in den letzten Jahren eigentlich keiner mehr. Schnee gibt es keinen mehr und im Sommer fast immer nur trüben Regen. Nur manchmal sind ein paar Arbeiter hier vom Steger seiner Firma. Und für die Arbeiter oben wird auch gekocht, das Essen dann raufgebracht, zur Firma. Das einzige Einkommen. Abhängigkeit überall.

 

Die zwei Männer reden über den alten, jetzt toten Brandtner, aber nicht viel. Eigentlich gäbe es ja viel zu bereden, wenn einer der ihren hier und auf diese Weise ums Leben kommt. Würde so etwas in der Großen Stadt passieren und sie würden das in der Zeitung lesen, dann würden sie sich stundenlang das Maul darüber zerreißen. Aber jetzt fällt ihnen nichts dazu ein.

„Gut, dass das vorbei ist“, meint der Steger.

Mehr nicht. Die kurze Unsicherheit von vorher im Mercedes wie verflogen. Der Steger zeigt nie Gefühle, nicht einmal Nachdenklichkeit, niemandem gegenüber. Das sieht er als Schwäche. Das kann er nicht zulassen.

Aber der Wirt will schon darüber reden. Das merkt man, dass ihn das beschäftigt. Aber wenn der Steger nicht will, dann wird eben über etwas anderes geredet.

Sie reden über das alte, verfallene Hotel unten bei den Teichen, das hat den Brandtnerzwillingen gehört, das war schon immer im Familienbesitz. Und jetzt gehört es nur noch der alten Brandtnerin.

„Das wird trotzdem alles so werden wie geplant, das wirst du schon sehen“, sagt der Steger.

„Wenn sie nicht noch alles der Kirche schenkt“, meint der Wirt.

Und nimmt einen Schnaps.

„Das wär’ ja noch schöner“, erwidert der Steger, „wenn die Kuttenbrunzer das auch noch kriegen, die haben eh schon so viel.“

Auch Schnaps.

„Wird schon so werden, wie du sagst“, fügt der Wirt an, „aber meinem Buben könntest schon auch ein wenig helfen mit dem Haus. Das wird ja sonst nie fertig.“

„Fragen muss er schon, der Bub. Wenn mein Dirndl was braucht, dann fragt sie. Das habe ich ihr so beigebracht. Und wenn sie nicht fragt, dann braucht sie auch nichts.“

„Du weißt ja selbst, wie die Jungen sind, stolz halt“, meint der Wirt.

„Das vergeht mit dem Alter“, ergänzt der Steger.

„Ja, das vergeht.“

Die beiden lachen und saufen noch einen. Einer geht immer noch.

Die beiden sind über den Gast erstaunt. Über die Habner. Die bei der Tür reinkommt. Mitten in der Stube steht und sich umsieht. Und so anders aussieht. Eine perfekte Fremde.

Überall altes Holz in der Stube, das auch so riecht.

„Was brauchst du denn?“, fragt der Wirt.

„Kann man hier essen?“

„Heute gibt es Schnitzel, in Butterschmalz heraus’backen“, sagt der Wirt.

Die Habner nickt zustimmend.

„Kundschaft!“, schreit der Wirt zur Ausschank.

Wo keiner ist und wo es dahinter zur Küche geht. Von dort schallt es zurück.

„Bin gleich da.“

Der Mayer kommt heraus, durch die Schwingtür. Ganz kurz sieht man die Stefanie, in der Küche am Herd.

„Grüß Gott“, sagt er.

Als er die Habner sieht und überrascht ist, über so einen Menschen in der Stube im Wirtshaus. Einen Menschen, der gleich ganz anders wirkt als die anderen hier.

Die Habner nickt zur Begrüßung.

Der Mayer trägt die Uniform ohne Jacke, darüber eine weiße, bodenlange Kellnerschürze. Fleckig, da ein Klecks Tomatensauce, der andere muss Gulasch sein.

„Bitt’ schön!“

Er zeigt zu einem Tisch. Ist dabei anders als sonst, ein bisschen gekünstelt, nicht so natürlich wie sonst.

Dem Steger und dem Wirt fällt das natürlich gleich auf, die schauen nämlich schon die ganze Zeit.

Die Habner setzt sich, blickt auf die Uniform mit der Schürze. Sehr ungewöhnlich ist das.

„Was darf’s denn sein? Schnitzel gibt’s heute.“

„Forelle, gebraten. Ich habe unten die Teiche gesehen“, sagt die Habner.

Der Mayer zögert kurz, weil da ja im Teich eine Leiche drinnen war. Er weiß aber, dass der Fisch schon länger im Trockenen ist.

„Sicher, mit Salat und Erdäpfeln. In Butterschmalz angebraten?“

„Petersilienerdäpfel haben Sie auch?“, fragt sie nach.

„Geht auch“, erklärt der Mayer, „aber die Petersilie schmeckt heuer ein bisschen fad, nach gar nichts eigentlich, so wässrig.“

„Ich nehme sie trotzdem.“

„Wegen der Farbe passt das, die ist schön, grün halt.“

Dabei lächelt er ein bisschen, ein bisschen lächelt sie zurück.

„Und zum Trinken?“

„Ein Kracherl, ein großes.“

Kracherl sagt sie, denkt er sich, weil sie sonst doch ein bisschen anders, ein bisschen feiner spricht als die Menschen hier. Das hat er schon nach den wenigen Worten herausgehört.

„Mit Himbeergeschmack?“

„Ja.“

„Machen wir gleich“, sagt der Mayer.

Geht in die Küche zurück.

Beim Öffnen quietscht die Schwingtür. Wenn sie zufällt und langsam ausschwingt, knarren die Scharniere. Das ständige Auf und Zu mit den nervigen Geräuschen scheint hier niemanden zu stören. Es gehört irgendwie schon dazu. Und es würde fehlen, wenn der Mayer die Tür richtete, wie er sich das schon so lange vorgenommen hat.

Die zwei Alten beobachten weiter die Habner, alles an ihr, argwöhnisch.„Wo kommst denn du her?“, fragt der Steger quer durch die Stube.

Die Habner dreht sich kurz zurück, blickt über ihre Schulter.

„Aus der Großen Stadt.“

„Da ist’s hier aber schöner“, meint der Wirt.

„Das weiß ich noch nicht, ich bin das erste Mal hier.“

„Und was willst du hier?“, fragt der Steger.

„Essen“, erwidert die Habner kurz, „in Ruhe.“

Die zwei Alten schauen sich an. In ihrer Ablehnung der Habner gegenüber herrscht große Einigkeit zwischen ihnen.

„Na dann, Mahlzeit!“, sagt der Wirt.

Aufgesetzt freundlich, mit aufeinander gebissenen Zähnen. Die Habner nickt.

Die Schwingtür öffnet und schließt sich mit dem Quietschen und dem Knarren.

„Da haben wir ein großes Himbeerkracherl für Sie.“

Der Mayer stellt das große Glas auf den Tisch.

„Wann sind Sie wieder im Dienst?“, fragt die Habner.

„Ich? Also, eigentlich eh jetzt“, meint der Mayer zögernd. Blickt dabei unsicher auf die zwei Alten, dann wieder zur Habner.

„Was gibt’s denn?“, fragt er unsicher und aufgeregt. Vor allem, weil eine Fremde das fragt, eine, die nicht von hier ist, eine wirkliche Fremde. Und die zwei Alten zerspringen schon vor Neugierde.

„Wildschaden mit dem Auto, ein Hirsch ist tot“, sagt die Habner.

„Wo war denn das?“, fragt der Steger mitten hinein.

Polternd, aber nicht laut durch die Stube.

Die Habner ignoriert ihn, spricht zum Mayer.

„Knapp vor der Waldausfahrt, beim Bach bei der engen Kurve.“

„Aha“, meint der Mayer zur Habner.

Auch ein bisschen erleichtert, weil doch nur ein Wildschaden.

„Dann war das mein Hirsch“, stellt der Steger fest, „aus meinem Revier.“

Er erhebt sich, macht dabei seine Brust breit.

„Ich kümmere mich darum“, beruhigt der Mayer den Steger, „das zahlt eh alles die Versicherung, wenn sie versichert ist.“

Der Mayer blickt fragend auf die Habner. Sie nickt.

„Die werden aber viel zahlen müssen, das sag’ ich dir gleich,“ meint der Steger zur Habner.

Und der Wirt nickt eifrig dazu.

Der Steger erhebt sich mit breit aufgestützten Armen. Er zieht wieder an seinem Gürtel die Hose zurecht, kommt mit schweren, langsamen Schritten näher.

Die Habner sitzt schweigend da, ganz ruhig und souverän.

„Zahlt eh alles die Versicherung“, der Mayer nochmals zum Steger beschwichtigend, „ich erledige das schon. Aber zuerst hol’ ich noch den Fisch.“

„Wo liegt denn der Hirsch? Noch auf der Straße?“, fragt der Steger.

Greift dabei zu seinem Mantel.

„Auf meinem Auto am Dach“, antwortet die Habner und nickt dabei in Richtung Parkplatz.

„Wo liegt der?“

Der Steger ungläubig, schaut hinaus auf den Parkplatz. Der Mayer und der Wirt auch, der ist aufgeregt aufgestanden.

Da liegt tatsächlich der Hirsch auf dem weißen Jeep oben.

Alle schauen wieder auf die Habner, baff sind sie.

„War er wenigstens gleich tot?“

Der Steger wirkt dabei viel besorgter, als er es beim alten Brandtner unten beim Teich gewesen ist.

Die Habner schüttelt den Kopf.

„Gnadenschuss.“

 

Stille.

 

„Sie haben eine Pistole dabei?“, fragt der Wirt.

Er sagt nicht mehr Du zu der Habner sondern Sie. Und er kommt jetzt auch näher.

„Dann waren Sie das mit der Pistole? So vor zwei Stunden?“

Der Mayer aufgeregt. Die Habner tippt kurz auf ihr Huawei, zeigt auf dem Display ihren Dienstausweis mit Foto und Strichcode.

„Aha, Carla Habner heißen Sie also“, liest der Mayer ab.

Hat sich schon vorher über ihren Namen Gedanken gemacht. Blickt beeindruckt vom Display auf die Habner, dann auf seinen Schwiegervater und dann auf seinen Vater.

„Von der Kriminalpolizei ist die.“

 

Stille.

 

„Was wollen Sie denn bei uns? Gibt’s was?“, fragt der Wirt.

„Nur auf der Durchreise“, erwidert die Habner.

„Und wohin?“, will der Steger wissen.

„Weiter ins Tal rein, Urlaub.“

„Aha“, nickt der Wirt ungläubig, so wie der Steger auch.

 

Stille.

 

Der Steger zieht den schweren Mantel über.

„Hilf mir mit dem Hirsch beim Abwiegen!“, fordert der Steger den Wirt auf.

Der bejaht.

„Ich sag’ dir dann das Gewicht wegen der Versicherung“, teilt der Steger dem Mayer mit.

Der nickt.

„Na dann, Mahlzeit noch mal, und passen Sie auf mit den Gräten, an denen kann man leicht ersticken“, meint der Steger zur Habner.

„Keine Sorge, ich habe schon viele Fische gegessen“, erwidert die Habner.

Fast muss der Mayer lachen, aber er verbeißt sich das.

„Gute Reise auch“, wünscht der Wirt, „und erzählen Sie es ruhig weiter, wenn Ihnen der Fisch geschmeckt hat! Ist hier unsere Spezialität.“

Die Habner reagiert nicht.

Der Steger und der Wirt gehen.

„Und jetzt hätte ich gerne was zum Essen“, sagt die Habner zum Mayer.

Der blickt aufgeschreckt auf die Habner. Er war mit den Gedanken woanders, bestimmt nicht beim Essen.

„Kommt gleich“, erwidert er.

Reibt sich die Hände an der Schürze an den Oberschenkeln und geht dann in die Küche.

 

„Da ist wer da… von der Kriminalpolizei“, flüstert der Mayer geheimnisvoll zur Stefanie.

Die steht am Herd, schaut von der Pfanne nicht auf, so unaufgeregt ist sie.

„Und was will der da?“

„Es ist eine Frau. Und die ist auf der Durchreise.“

„Durchreise? Aha. Nach uns ist aber nicht mehr viel“, meint sie.

„Die will da Urlaub machen, wahrscheinlich wandern oder irgendwas. Die kommt aus der Großen Stadt, das steht am Dienstausweis.“

Der Fisch rutscht aus der Pfanne auf den Teller.

„Die Forelle ist fertig“, sagt sie.

„Schaut gut aus“, erwidert er und bekommt schlagartig Hunger.

„Ja, ist schön geworden“, stellt sie fest.

„Ja, wirklich schön“, gibt er ihr recht.

Die beiden freuen sich gemeinsam über dieses kleine Glück, beinahe routiniert. Er nimmt den Teller.

 

„Bitt’ schön, guten Appetit wünsch’ ich! Und wirklich aufpassen mit den Gräten“, sagt der Mayer.

Die Habner und der Mayer lächeln sich an.

„Ich mach’ das jetzt gleich mit der Versicherung, dann ist das erledigt für Sie.“

Etwas schüchtern wirkt er, reibt sich die Hände an der Schürze an den Oberschenkeln.

Das tut er immer, wenn er nervös ist. Ihm gefällt sie nämlich die Habner. Hat sie sofort, schon beim ersten Anblick. Er will zurück in die Küche, vor der Schwingtür steht er.

„Wo finde ich denn hier einen gewissen Severin Brandtner?“, hört er die Habner fragen.

Seine Bewegung friert ein, dann dreht er sich um.

„Wen suchen Sie?“

„Severin Brandtner“, wiederholt sie.

Der Mayer steht wie angewachsen da.

„Der ist tot… seit heut’ in der Früh.“

Und wendet sich der Habner ganz zu.

Die Habner fixiert den Mayer, sie will mehr hören.

„Der liegt oben beim Doktor, also beim Gemeindearzt“, fügt er an.

„Dann sollten Sie sich jetzt umziehen… für den Dienst.“

Sie schiebt dabei den Teller weg.

„Ich bin gleich wieder da“, stottert der Mayer vor sich hin. Und öffnet schon während des Gehens die Schleife an der Schürze.

 

In der Küche wirft er aufgeregt die Schürze weg, die Stefanie ist gerade beim Putzen.

„Die ist wegen dem alten Brandtner da“, flüstert er ganz nervös.

---ENDE DER LESEPROBE---