Böse Täuschung - Christopher Reich - E-Book
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Böse Täuschung E-Book

Christopher Reich

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Beschreibung

Wann ist deine Frau nicht deine Frau? Und wenn sie nicht deine Frau ist, wer ist sie dann?

Eine Lawine in den Schweizer Alpen reißt Jonathan Ransom und seine Frau Emma in die Tiefe. Jonathan überlebt, Emma verschwindet spurlos. Sie wird für tot erklärt. In einem Schließfach entdeckt Jonathan Beweise dafür, dass seine Frau seit Jahren ein Doppelleben führte. Und je mehr er über ihre geheime Identität erfährt, desto weniger glaubt er, dass sie wirklich tot ist ...

Das Buch erschien vormals unter dem Titel "Geblendet".

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Seitenzahl: 681

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


Inhalt

Cover

Titel

Widmung

PROLOG

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NACHWORT

DANKSAGUNGEN

Impressum

Christopher Reich

BÖSE TÄUSCHUNG

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Damaris Brandhorst

Für meine Töchter, Noelle und Katja,die mich sehr glücklich machen.

PROLOG

Ein kalter Windstoß fegte über die Ebene und trieb den Schmetterling vor sich her. Das auffällige Insekt flatterte hin und her, flog in die Höhe, ließ sich wieder herabsinken und drehte dabei große und kleine Pirouetten. Es war ein wunderschönes Exemplar mit leuchtend gelben, schwarz gemusterten Flügeln, das den gewöhnlichen Tagfaltern aus dieser Region überhaupt nicht ähnlich sah. Sein Name war ebenso ungewöhnlich. Er lautete: Papilio Panoptes.

Der Schmetterling überflog die bewachte Straße, den elektrischen Sicherheitszaun und die aufgetürmten Rollen aus Stacheldraht. Hinter dem Zaun lag eine Wiese mit einer beachtlichen Vielfalt an farbenprächtigen Wildblumen. Nirgendwo war ein Gebäude zu sehen – weder Häuser, noch Scheunen oder sonstige Bauten. Nur frisch aufgeworfene Erdhügel, die auf den ersten Blick kaum unter dem Blumenteppich zu erkennen waren, verrieten, dass hier bis vor kurzem noch gearbeitet worden war.

Obwohl der Schmetterling eine lange Strecke zurückgelegt hatte, schenkte er den Blumen keinerlei Beachtung. Weder ließ er sich von ihrem betörenden Duft verführen, noch naschte er von ihrem süßen Nektar. Stattdessen flog er noch höher in die Luft, als könne er sich ausschließlich von ihr ernähren.

Dort oben verharrte er, ein leuchtend gelber Farbfleck vor einem grauen Winterhimmel. Nie ließ er sich auf einem der Lavendelbüsche nieder, um sich ein wenig auszuruhen, oder trank aus einem der rauschenden Flüsse, die den kargen, majestätischen Bergen entsprangen und das fruchtbare Grasland durchzogen. Tatsächlich wagte er sich zu keinem Zeitpunkt aus dem genau einen Quadratkilometer großen vom Sicherheitszaun begrenzten Gebiet heraus. Unbeirrt flatterte er über die farbenprächtigen Felder, vor und zurück, tagein, tagaus – ja, sogar nachts –, wobei er niemals aß, trank oder ruhte.

Nach sieben Tagen fiel ein starker Wind, der N’aschi, aus dem Norden ein. Heulend fegten die Böen von den Bergen über die Ebene, wobei sie noch an Stärke zunahmen und alles fortbliesen, was sich ihnen in den Weg stellte. Der Schmetterling hatte gegen die gewaltige Windkraft keine Chance. Er war müde und geschwächt von seinen rastlosen Rundflügen im Sicherheitsgebiet. Eine heftige Windböe riss ihn in die Luft und schleuderte ihn mit so großer Wucht zu Boden, dass es seinen zerbrechlichen Körper beim Aufprall zerschmetterte.

Ein auf der Straße patrouillierender Soldat sah etwas Gelbes im Dreck aufleuchten und stoppte seinen Jeep. Vorsichtig trat er näher und bückte sich im knöchelhohen Gras. Der Schmetterling hatte keine Ähnlichkeit mit den Exemplaren, die er kannte. Zunächst einmal war er größer. Seine Flügel waren starr, und aus der seidigen Haut ragten hauchfeine Metallteilchen hervor. Der haarige Körper war in zwei Teile zerbrochen, verbunden lediglich durch einen grünen Draht. Verwundert hob er den Falter auf und betrachtete ihn genauer. Wie alle Mitarbeiter dieser Einrichtung war er zuerst einmal Ingenieur und nur gezwungenermaßen auch Soldat. Seine Entdeckung erschütterte ihn zutiefst.

Im Körper des Schmetterlings befand sich eine aluminiumverkleidete Batterie von der Größe eines Reiskorns, damit verbunden war ein Mikrowellentransmitter. Mit dem Fingernagel kratzte der Mann die Hülle des Senders auf, unter der ein Büschel Fiberglaskabel zum Vorschein kam, kaum dicker als menschliches Haar.

Nein!, schoss es ihm durch den Kopf. Das kann nicht sein. Nicht schon so bald.

Eilig rannte der Mann zu seinem Jeep zurück. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Erklärungsversuche. Mögliche Theorien. Nichts davon ergab einen Sinn. Auf dem Weg stolperte er über einen Stein, fiel zu Boden, rappelte sich wieder auf und rannte weiter. Jede Minute zählte.

Seine Hände zitterten, als er den Wagen erreicht hatte und Funkkontakt mit seinen Vorgesetzten aufnahm:

»Sie haben uns aufgespürt.«

1

Jonathan Ransom klopfte sich das Eis von der Skibrille und warf einen prüfenden Blick zum Himmel. Wenn sich das Wetter weiter verschlechtert, dachte er, kommen wir in ernsthafte Schwierigkeiten. Ein beißender Wind schleuderte ihm Schnee und Kies gegen die Wangen. Die ihm vertrauten zerklüfteten Bergspitzen, welche die Hochgebirgsschlucht in den Schweizer Alpen säumten, waren von einer Armee unheilverkündender Wolken eingehüllt.

Er neigte sich beim Hangaufstieg nach vorne, hob die Füße bei jedem Schritt leicht an. Die Nylon-Seehundhäute unter seinen Skiern sorgten für festen Halt auf dem Schnee, spezielle Bindungen für den Tourenskilauf dafür, dass er zügig vorankam. Er war ein hochgewachsener Mann, siebenunddreißig Jahre alt, mit schmalen Hüften und breiten Schultern. Eine gut sitzende Wollmütze verbarg sein volles, frühzeitig angegrautes Haar. Die Skibrille verdeckte seine blau-schwarzen Augen. Nur sein entschlossener Mund und seine von einem Zweitagebart stoppeligen Wangen waren unbedeckt. Er trug seine alte Bergwachtjacke. Ohne sie ging er niemals auf die Piste.

Hinter ihm kämpfte sich Emma, seine Frau, die mit einem roten Parka und einer schwarzen Hose bekleidet war, den Berghang hinauf. Sie tat sich sichtlich schwer mit dem Aufstieg, machte drei Schritte vorwärts und legte dann eine Pause ein. Zwei Schritte vorwärts, Pause. Sie hatten gerade einmal die halbe Strecke zurückgelegt, doch sie schien mit ihren Kräften bereits am Ende zu sein.

Jonathan richtete seine Skier quer zum Hang aus und rammte die Stöcke in den Schnee. »Bleib, wo du bist«, rief er Emma durch seine trichterförmig um den Mund gelegten Hände zu. Er wartete auf eine Reaktion, doch seine Frau hatte ihn im heulenden Wind nicht gehört. Mit gesenktem Kopf setzte sie ihren schwerfälligen Aufstieg fort.

Mit seitlich gestellten Skiern bewegte sich Jonathan wieder den Hang hinunter. Er war steil und schmal, mit nacktem Felsgestein auf der einen und einer tiefen Schlucht auf der anderen Seite. Tief unter ihnen lag an einem geschwungenen Berghang des Kantons Graubünden die Gemeinde Arosa. Das Dorf war jedoch nur schemenhaft unter den schnell aufziehenden Wolkentürmen zu erkennen.

»War der Aufstieg schon immer so anstrengend?«, fragte Emma, als er sie erreicht hatte.

»Beim letzten Mal hast du mich auf dem Weg zum Gipfel abgehängt.«

»Das letzte Mal liegt acht Jahre zurück. Ich werde eben alt.«

»Klar, zweiunddreißig, ein wahrhaft biblisches Alter. Was soll ich denn sagen? Glaub mir, wenn du die fünfunddreißig erst mal überschritten hast, geht’s nur noch bergab.« Er kramte in seinem Rucksack nach einer Flasche Wasser und reichte sie ihr. »Wie fühlst du dich?«

»Halbtot«, sagte sie und stützte sich schwer auf ihre Skistöcke. »Ist wohl an der Zeit, die Sherpas zu rufen.«

»Falsches Land. Hier gibt’s nur Bergmännchen. Die sind zwar gewitzter, aber leider auch nur halb so kräftig. Ich fürchte, wir sind auf uns allein gestellt.«

»Irrtum ausgeschlossen?«

Jonathan nickte. »Du bist nur überhitzt. Nimm für einen Moment deine Mütze ab, und trink so viel du kannst.«

»In Ordnung, Doktor. Wird sofort erledigt.« Emma entledigte sich ihrer Mütze und trank mit gierigen Schlucken aus der Flasche.

Jonathan erinnerte sich daran, wie er und seine Frau vor acht Jahren ihren ersten gemeinsamen Aufstieg auf demselben Berg unternommen hatten. Damals war er ein frischgebackener Chirurg gewesen, der gerade von seinem ersten Afrika-Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen zurückgekehrt war, sie eine zupackende englische Krankenschwester, die er von dort als seine Braut mitgebracht hatte. Kurz vor ihrem Aufbruch hatte er sie gefragt, ob sie bereits Erfahrungen mit dem Bergsteigen gesammelt hätte. »Einige wenige«, hatte sie darauf erwidert. »Kaum der Rede wert.« Und dann hatte sie ihn auf dem Weg zum Gipfel einfach abgehängt und ihm gezeigt, dass sie eine erfahrene Alpinistin war.

»Jetzt ist’s besser«, sagte Emma und fuhr sich mit der Hand durch ihr zerzaustes rotbraunes Haar.

»Bist du sicher?«

Emma lächelte, doch aus ihren haselnussbraunen Augen sprach die blanke Erschöpfung. »Tut mir leid«, sagte sie.

»Was denn?«

»Dass ich nicht so fit bin, wie ich’s hätte sein sollen. Dass wir wegen mir nicht so schnell vorankommen. Dass ich dich in den letzten Jahren nicht hierher begleitet habe.«

»Sei nicht albern. Ich bin froh, dass du hier bist.«

Emma reckte ihm ihr Gesicht entgegen und küsste ihn. »Ich auch.«

»Hör mal«, sagte er und wurde ernst. »Hier wird’s bald sehr ungemütlich. Ich frage mich, ob wir nicht lieber umkehren sollten.«

Emma warf ihm die Flasche zu. »Keine Chance, mein Lieber. Ich hab dich schon einmal auf dem Weg zum Gipfel geschlagen, und ich bin fest entschlossen, es wieder zu tun.«

»Willst du dein Geld darauf verwetten?«

»Ich dachte an was viel Besseres.«

»Ach wirklich?« Jonathan trank einen Schluck und freute sich, von ihr mal wieder eine zweideutige Bemerkung zu hören. Wie lange war es her, dass sie so etwas zu ihm gesagt hatte? Sechs Monate? Oder war sogar schon ein Jahr vergangen, seit bei ihr die Kopfschmerzen eingesetzt hatten und sie sich für viele Stunden am Tag in abgedunkelte Räume zurückzog? Er konnte sich nicht mehr an das genaue Datum erinnern. Lediglich daran, dass die Sache kurz vor Paris angefangen hatte. Und Paris, das war im Juli gewesen.

Er schob seinen Ärmel hoch und prüfte die Daten auf seiner Suunto-Armbanduhr. Höhe: 2 804 Meter. Temperatur: -10° C. Barometer: 900 Millibar, Tendenz fallend. Er starrte auf die Zahlen und wusste nicht, ob er seinen Augen trauen konnte. Der Luftdruck fiel rapide.

»Was ist los?«, wollte Emma wissen.

Jonathan verstaute die Wasserflasche in seinem Rucksack. »Der Sturm wird noch mal zulegen, bevor das Wetter sich schließlich beruhigt. Wir müssen zusehen, dass wir hier wegkommen. Bist du sicher, dass du nicht umkehren willst?«

Emma schüttelte den Kopf. Kein verletzter Stolz diesmal. Nur Entschlossenheit.

»In Ordnung«, sagte er. »Du gehst voran. Ich folge dir. Lass mich nur eben rasch meine Bindungen kontrollieren.«

Als er sich hinkniete, sah Jonathan, wie etwas Schnee auf seine Skispitzen purzelte. Kurz darauf waren seine Skier komplett mit Schnee bedeckt, und die Skispitzen erzitterten fast unmerklich.

Jonathan ließ die Bindungen Bindungen sein und richtete sich alarmiert auf. Hinter ihm türmte sich die Furkanordwand auf, ein dreihundert Meter hohes Massiv aus Felsgestein und Eis mit einem zerklüfteten Kalksteingipfel. Die vorherrschenden Winde hatten losen Schnee gegen den unteren Teil der Wand geweht, sodass ein hoher, breiter Schneewall entstanden war, der gestaucht und instabil wirkte.

Jonathans Kehle war wie ausgedörrt. Er war ein erfahrener Bergsteiger. Hatte Klettertouren in den Alpen, den Rockys und auch auf dem Himalaya unternommen und dabei einige Blessuren davongetragen. Er war mit einem blauen Auge davongekommen, wo andere auf der Strecke geblieben waren. Kurz: Er wusste, wann er sich Sorgen machen musste.

»Spürst du das auch?«, fragte er. »Die Schneedecke ist drauf und dran, sich zu lösen.«

»Hast du irgendwas gehört?«

»Nein. Noch nicht. Aber …«

Von irgendwoher … irgendwo über ihnen … konnten sie das Grollen eines herannahenden Donners hören. Der Berg erzitterte. Er dachte an den Schnee auf dem Furka. Die tagelange Kälteperiode hatte ihn zu einer gigantischen Platte zusammenfrieren lassen, die mehrere tausend Tonnen wog. Das war kein Donnergrollen, das er gehört hatte, sondern das Geräusch der auseinanderbrechenden Schneeplatte, die sich von dem darunterliegenden, alten, festen Schnee löste.

Jonathan blickte zum Berg auf. Er war schon einmal von einer Schneelawine überrollt worden. Elf Minuten lang hatte er unter der weißen Last gelegen, begraben in der Dunkelheit, unfähig, eine Hand zu bewegen oder auch nur einen Finger, zu betäubt von der Kälte, um zu spüren, dass sein Bein aus dem Hüftgelenk gerissen worden war, sodass sich sein Knie nur wenige Zentimeter von seinem Ohr befunden hatte. Am Ende hatte er überlebt, weil einem Freund das Kreuz auf seiner Bergwachtjacke ins Auge gefallen war, kurz bevor die Lawine Jonathan unter sich begraben hatte.

Zehn Sekunden verstrichen. Der Donner verhallte. Der Wind ließ nach, und eine unheimliche Stille breitete sich aus. Wortlos löste Jonathan das Seil, das um seine Taille gebunden war, und schlang das eine Ende um Emmas Körper. An einen Rückzug war nun nicht mehr zu denken. Sie mussten so schnell wie möglich aus dem Lawinengebiet heraus. Mit einigen knappen Handsignalen gab er Emma zu verstehen, dass sie auf direktem Wege bergauf laufen würden und sie ihm ohne großen Abstand folgen sollte. »Okay?«, fragte er sie per Handzeichen.

»Okay«, lautete die Antwort.

Jonathan brachte seine Skier in Position und ging los. Die Bergwand war steil und ähnelte in ihrem Verlauf der Bergseite. Er kam zügig voran. Alle paar Meter warf er einen Blick über die Schulter und sah, dass Emma mit ihm Schritt hielt und ihm in etwa anderthalb Metern Abstand folgte. Der Wind nahm wieder zu und drehte in östliche Richtung. Dicke Schneeflocken fielen senkrecht vom Himmel und setzten sich auf ihre Kleidung. Seine Zehen wurden gefühllos, seine Finger taub und steif. Die Sicht verschlechterte sich von sechs auf drei Meter, und schon bald konnte er den Weg vor seiner Nasenspitze nicht mehr erkennen. Allein seine schmerzenden Oberschenkel verrieten ihm, dass er immer noch bergauf ging und sich von der Schlucht entfernte.

Eine Stunde später erreichte er das Felsplateau. Erschöpft sicherte Jonathan seine Skier und half Emma die letzten paar Meter hinauf. Nachdem sich ihre Skier über die Kante geschoben hatten, brach sie in seinen Armen zusammen und rang keuchend nach Luft. Er hielt sie fest, bis sich ihre Atmung etwas normalisiert hatte und sie wieder ohne Hilfe stehen konnte.

Hier, zwischen zwei Bergspitzen, pfiff ihnen der Wind mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets um die Ohren. Die Wolken am Himmel jedoch hatten sich etwas verzogen, und Jonathan genoss den atemberaubenden Blick über das Tal bis nach Frauenkirch und dem dahinter gelegenen Davos.

Er fuhr auf seinen Skiern bis an den gegenüberliegenden Rand des Felsenplateaus. Sechs Meter unter ihm befand sich eine Abfahrtsschanze, die sich steil wie ein Fahrstuhlschacht zwischen den Felsen hindurchschlängelte. »Das ist die Romansschanze. Wenn wir da runterkommen, sind wir in Sicherheit.«

Die Romansschanze war in der Gegend berühmt und berüchtigt, denn sie war nach einem Mann benannt worden, der von einer Schneelawine erfasst und getötet worden war, als er an dieser Stelle zu Tal hatte fahren wollen.

Beim Anblick der Schanze weiteten sich Emmas Augen vor Entsetzen. Sie blickte Jonathan an und schüttelte den Kopf. »Zu abschüssig.«

»Wir sind schon mit Schlimmerem fertig geworden.«

»Nein, Jonathan … schau nur, wie steil es hier bergab geht. Gibt’s keinen anderen Weg?«

»Heute nicht.«

»Aber …«

»Em, wenn wir nicht bald von diesem Felsplateau runterkommen, erfrieren wir.«

Sie trat noch einen Schritt näher an den Rand und reckte den Hals, um zu sehen, was sie dort unten erwartete. Dann schob sie sich zurück und legte das Kinn an die Brust. »Ach, was soll’s«, sagte sie mit wenig Überzeugung in der Stimme. »Wir stecken nun mal hier oben fest. Was haben wir für eine Wahl?«

»Nur eine kurze Abfahrt, eine schnelle Drehung, und dann haben wir’s geschafft. Wie gesagt, wir haben schon Schlimmeres überstanden.«

Emma nickte, etwas beruhigter jetzt. Einen Moment lang wirkte sie fast so, als sei alles in bester Ordnung, als müssten sie sich nicht um erfrorene Gliedmaßen sorgen, als freue sie sich fast auf die persönliche Herausforderung, eine selbstmörderische Schanze zu bewältigen.

»Also abgemacht.« Jonathan löste seine Bretter und entfernte die Häute von der Unterseite. Dann schlug er mit einem der Skier wie mit einer Axt ein neunzig Zentimeter großes Schneestück heraus und warf es über die Kante. Der Brocken geriet in Bewegung und rollte den Berg hinunter. Hier und dort löste sich etwas Schnee, doch die Piste wirkte fest und sicher.

»Du folgst mir«, sagte er. »Ich gebe die Spur vor.«

Emma trat an seine Seite. Ihre Skispitzen ragten über die Kante.

»Geh zurück«, sagte er und beeilte sich, seine Skier wieder anzuschnallen. Er wusste, sie hatte nun diesen gewissen Ausdruck in ihrem Gesicht. Er musste sie dazu nicht mal ansehen. Er konnte es fühlen. »Lass mich zuerst fahren.«

»Ich will aber nicht, dass du die ganze Schwerarbeit erledigst.«

»Denk nicht mal dran.«

»Wer als Letzter unten ankommt, hat verloren. Weißt du noch?«

»Hey … nicht!«

Emma schob sich über den Rand, hing für einen Moment in der Luft und landete dann auf der Piste. Ihre Skier berührten das Eis mit einem leise zischenden Geräusch. Sie landete ziemlich wackelig und sauste in Blitzgeschwindigkeit die Schanze hinab, mit einem etwas schief gestellten Abfahrtsski, den sie fest auf den Schnee presste. Dabei hielt sie die Hände zu weit oben und den Körper zu weit aufgerichtet. Ihre gesamte Haltung wirkte unsicher und unkontrolliert. Jonathans Blicke flogen zwischen den Felsen hin und her, die die Piste säumten. Komm schon! Kurve!, schrie eine Stimme in seinem Kopf.

Kaum drei Meter befanden sich noch zwischen ihr und den Felsen. Anderthalb. Im nächsten Augenblick legte Emma eine perfekte Sprungwende hin und wechselte die Richtung.

Jonathan fiel ein Stein vom Herzen.

Emma raste über die Piste und bewältigte eine weitere Kurve fehlerfrei. Die Hände waren nun dicht an ihrem Körper, die Knie leicht gebeugt, um die unebenen Stellen auf der Strecke abzufedern. Alle Anzeichen von Erschöpfung waren von ihr abgefallen.

Jonathan reckte triumphierend eine Faust gen Himmel. Sie hatte es geschafft. In dreißig Minuten würden sie in einer gemütlichen Ecke im Staffelalp-Restaurant in Frauenkirch sitzen, sich bei zwei dampfenden »Kaffee Lutz« die Anspannung des Tages von der Seele lachen und sich einreden, dass sie nie wirklich in Gefahr geschwebt hätten. Nicht ernsthaft jedenfalls. Später würden sie ins Hotel zurückkehren, ins Bett fallen, und …

In der dritten Kurve stürzte Emma.

Vielleicht war sie irgendwo hängen geblieben oder hatte eine halbe Sekunde zu spät reagiert und die Felsen mit den Skiern gestreift. Jonathans Magen krampfte sich zusammen. Starr vor Entsetzen sah er, wie ihre Skier eine tiefe Schneise in die Piste schnitten. Emma versuchte, sich mit den Händen im Schnee festzukrallen, aber der Abhang war zu steil. Und zu vereist. Sie legte an Geschwindigkeit zu. Wurde schneller und schneller. Als sie gegen ein Hindernis prallte, wurde sie wie eine Stoffpuppe in die Luft geschleudert. Mit einem unnatürlich verdrehten Bein schlug sie auf dem Boden auf. Dabei schoss der Schnee explosionsartig in die Höhe. Wie von einer Kanone abgefeuert flogen ihre Skier durch die Luft. Einige Sekunden lang sah Emma aus wie ein großer, sich überschlagender Seestern, der mit weit abgespreizten Armen und Beinen den Hang hinabkugelte.

»Emma!«, schrie er und stürzte sich auf die Piste. Er fuhr wie ein Besessener und attackierte den Berg mit angespanntem Körper und weit ausgestreckten Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Ein Nebelschleier zog über den Abhang, dann wurde er von dichten Schwaden eingehüllt, sodass er die Hand nicht mehr vor Augen erkennen konnte und keine Ahnung hatte, in welche Richtung er fahren musste. Er lenkte seine Skier geradeaus und schoss durch die weiße Wolke.

Emma lag ein gutes Stück weiter unten auf der Piste – bäuchlings, mit auswärts gerichteten Füßen und im Schnee vergrabenem Gesicht. Etwa drei Meter von ihr entfernt hielt Jonathan an. Nachdem er sich der Skier entledigt hatte, lief er mit ausladenden Schritten durch den Pulverschnee auf sie zu, suchte schon beim Näherkommen nach irgendeinem Lebenszeichen. »Emma«, sagte er mit fester Stimme. »Kannst du mich hören?«

Im Niederknien streifte er hastig seinen Rucksack ab, dann befreite er ihren Mund und ihre Nase vom Schnee. Als er ihr eine Hand auf den Rücken legte, spürte er, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte. Ihr Pulsschlag war regelmäßig und deutlich zu fühlen. Er holte eine Nylon-Netztasche aus seinem Rucksack, in der sich eine Ersatzmütze, ein Paar Fäustlinge, eine Skibrille und ein Capilene-Hemd befanden. Das Hemd faltete er zusammen und legte es unter ihre Wange.

In diesem Moment regte sich Emma. »Oh, Scheiße«, murmelte sie.

»Beweg dich nicht«, wies er sie in seinem Notaufnahmeton an und tastete vom Oberschenkel aus abwärts vorsichtig ihre Hosenbeine ab. Plötzlich verzog sie schmerzverzerrt das Gesicht. »Nicht … Hör auf!«, rief sie aus.

Jonathan zog die Hand zurück. Ein paar Zentimeter oberhalb ihres Knies zeichnete sich unter dem Stoff deutlich etwas ab. Er sah sich die groteske Wölbung genauer an. Es gab nur eine mögliche Erklärung dafür.

»Es ist gebrochen, oder?« Emma sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an und blinzelte heftig. »Ich kann meine Zehen nicht bewegen. Sie fühlen sich an wie ein loses Kabelbündel. Und es tut weh, Jonathan. Ich meine wirklich höllisch weh.«

»Bleib ganz ruhig, damit ich mir die Sache mal ansehen kann.«

Mit seinem Schweizer Armeemesser schnitt er vorsichtig ihr Hosenbein auf und zog den Stoff auseinander. Aus ihrer Thermalunterwäsche ragten Knochensplitter. Der die Wunde umgebende Stoff war blutgetränkt. Keine Frage, sie hatte sich einen offenen Oberschenkelbruch zugezogen.

»Wie schlimm ist es?«, fragte Emma.

»Es geht so«, antwortete er, als handele es sich nur um eine Verstauchung. Er holte fünf Schmerztabletten aus seinem Rucksack und half ihr dabei, sie mit etwas Wasser einzunehmen. Dann nahm er einen Pflasterverband aus dem Erste-Hilfe-Kasten und verschloss damit den Schlitz in ihrer Skihose. »Wir müssen dich auf den Rücken drehen und dich mit dem Kopf bergauf legen. Okay?«

Emma nickte.

»Zuerst werde ich aber dein Bein notdürftig schienen. Der gebrochene Knochen darf sich auf keinen Fall verschieben. Bleib bitte einen Moment ganz still liegen.«

»Grundgütiger Himmel, Jonathan. Sehe ich vielleicht so aus, als ob ich dir jeden Augenblick davonlaufe?«

Jonathan kletterte die Piste hinauf, um Emmas Skier und Skistöcke einzusammeln. Dann positionierte er die Stöcke rechts und links neben ihrem Bein, schnitt ein Stück des Kletterseils ab, band es um das untere Ende der Stöcke und schlang es locker um ihren Oberschenkel und ihr Schienbein. Danach kniete er sich neben sie und reichte ihr sein Lederportemonnaie. »Hier.«

Emma steckte es sich zwischen die Zähne.

Behutsam zog Jonathan das Seil an, bis sich die Stöcke fest an das gebrochene Bein geschmiegt hatten. Emma hielt die Luft an. Schließlich band er das andere Ende des Seils fest und drehte sie zunächst auf den Rücken und dann um hundertachtzig Grad, sodass ihr Kopf oben und ihre Füße unten lagen. Die nächste Minute verbrachte er damit, aus Schnee einen kleinen Hügel hinter ihrem Rücken aufzuhäufen, sodass sie sich aufrichten konnte. »Besser?«, fragte er.

Emma zog eine Grimasse, während ihr eine Träne über die Wange rollte.

Er drückte ihre Schulter. »In Ordnung. Jetzt sollten wir schleunigst Hilfe holen.« Er nahm das Funkgerät aus seiner Jacke. »Davos Rettungsstation«, rief er und drehte sich in eine windgeschütztere Position. »Ich möchte einen Notfall melden. Eine Skifahrerin liegt verletzt am südlichen Abhang des Furka am Fuße der Romansschanze. Over.«

Auf seinen Funkspruch folgte nichts als Stille.

»Davos Rettungsstation«, wiederholte er. »Dies ist ein Notruf. Wir brauchen dringend Hilfe. Bitte melden Sie sich.«

Laute Störgeräusche drangen aus dem Funkgerät. Er versuchte es noch einmal. Doch wieder erhielt er keine Antwort.

»Wahrscheinlich liegt’s am Wetter«, sagte Emma. »Versuch’s mal auf einer anderen Frequenz.«

Jonathan schaltete auf eine andere Frequenz.

Vor Jahren hatte er in dieser Gegend als Bergtrainer und bei der Skiwacht gearbeitet und sämtliche Frequenzen der umliegenden Rettungsstationen in seinem Funkgerät gespeichert – Davos, Arosa und Lenzerheide. Wie auch die Kanäle der Kantonspolizei, des Schweizer Alpine Clubs und der von Rega, der Hubschrauber-Rettungsstation, die von Skifahrern und Bergsteigern gemeinhin als »der Fleischtransport« bezeichnet wurde.

»Arosa Rettungsstation. Eine Skifahrerin liegt verletzt am Südhang des Furka. Wir brauchen sofort Hilfe.«

Wieder keine Antwort.

Er sah sich das Funkgerät genauer an. Das Lämpchen für die Stromzufuhr flackerte schwach. Er schlug das verdammte Ding gegen sein Bein. Das Lämpchen flackerte erneut, dann erlosch es. »Es ist tot.«

»Tot? Das Funkgerät? Wie kann das sein? Ich hab doch gesehen, wie du’s gestern Abend überprüft hast.«

»Ja, und da funktionierte es auch noch einwandfrei.« Jonathan schaltete das Gerät mehrmals ein und aus, doch nichts tat sich.

»Liegt’s vielleicht an den Batterien?«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Hab gestern extra einen neuen Satz eingelegt.« Er zog die Fäustlinge aus und öffnete das Gerät. »Die Batterien sind’s nicht. Es liegt an der Verkabelung. Die Stromzufuhr ist nicht mit dem Sender verbunden.«

»Dann repariere es.«

»Das kann ich nicht. Nicht hier jedenfalls. Ich weiß nicht mal, ob ich’s könnte, wenn ich das nötige Werkzeug dafür hätte.« Er warf das Funkgerät in seinen Rucksack.

»Und was ist mit dem Handy?«, wollte Emma wissen.

»Was soll damit sein? Hier oben kriegt man doch nirgendwo Empfang.«

»Versuch’s wenigstens«, forderte sie ihn auf.

Das Display von Jonathans Handy zeigte einen Sendemast, der mit einer dicken schwarzen Linie durchgestrichen war. Er wählte trotzdem die Nummer der Station Rega, erhielt aber wie erwartet keine Verbindung. »Nichts. Wir stecken mitten im Funkloch.«

Emma starrte ihn an, und er konnte sehen, dass sie angestrengt versuchte, die Informationen zu verarbeiten. »Aber wir müssen mit irgendjemandem Kontakt aufnehmen.«

»Es gibt niemanden, mit dem wir Kontakt aufnehmen können.«

»Versuch’s noch mal mit dem Funkgerät.«

»Wozu soll das gut sein? Ich habe dir doch gesagt, dass es nicht funktioniert.«

»Tu’s einfach!«

Jonathan kniete sich neben sie. »Hör mal, wir schaffen das schon«, sagte er so ruhig wie möglich. »Ich werde runterfahren und Hilfe holen. Solange du dein Lawinenfunkgerät bei dir hast, werde ich dich problemlos wiederfinden.«

»Du kannst mich hier doch nicht alleine zurücklassen! Du findest niemals den Weg zu mir zurück, nicht mal mit dem Ortungsgerät. Die Sicht beträgt unter sechs Metern. Ich werde erfrieren. Wir können nicht … Ich kann nicht …« Ihre Worte erstarben. Sie ließ den Kopf auf den Schnee sinken und wandte ihr Gesicht ab, damit er nicht sah, dass sie weinte. »Weißt du, ich hatte es fast geschafft … Die letzte Kurve … Hab nur den Bruchteil einer Sekunde zu spät reagiert …«

»Hör mir zu. Dir wird nichts passieren.«

Emma blickte zu ihm hoch. »Wirklich nicht?«

Jonathan wischte ihr die Tränen von den Wangen. »Ich verspreche es dir«, sagte er.

Er griff erneut in seinen Rucksack, nahm die Thermosflasche heraus und goss seiner Frau eine Tasse heißen Tee ein. Während sie trank, holte er ihre Skier und legte sie kreuzförmig hinter ihr in den Schnee, sodass er sie aus einiger Entfernung gut erkennen konnte. Dann zog er seine Bergwachtjacke aus und legte sie ihr über die Brust. Anschließend setzte er seine Mütze ab und zog sie über Emmas Mütze bis in ihren Nacken hinunter. Schließlich holte er noch die Erste-Hilfe-Decke aus seinem Rucksack und wickelte sie ihr vorsichtig um Brust und Rücken. Auf der Decke prangte in orangefarbenen Neonlettern das Wort »HILFE«. Die Buchstaben waren im Falle einer Rettungsaktion von einem Hubschrauber aus gut zu erkennen. Doch an diesem Tag würde kein Hubschrauber dieses Gebiet überfliegen.

»Gieß dir etwa alle fünfzehn Minuten eine neue Tasse Tee ein«, sagte er und nahm ihre Hand. »Achte darauf, dass du etwas isst, und schlaf auf keinen Fall ein.«

Emma nickte und umklammerte seine Hand wie ein Schraubstock.

»Denk an den Tee«, ermahnte er sie wieder. »Alle fünfzehn –«

»Halt die Klappe und mach, dass du wegkommst«, sagte sie. Sie drückte seine Hand ein letztes Mal, dann ließ sie ihn los. »Hau schon ab, bevor du mich zu Tode ängstigst.«

»Ich komme, so schnell ich kann, zurück.«

Unverwandt sah Emma ihn an. »Und Jonathan … schau nicht so, als ob du dir selbst nicht traust. Du hast noch nie ein Versprechen gebrochen.«

2

Dreihundert Kilometer westlich von Davos, am Bundeshauptstadtflughafen Bern-Belp, hatte es den ganzen Morgen lang geschneit. Imposante arktische CAT-Schneepflüge fuhren die Start- und Landebahnen auf und ab und schoben Berge aus Schnee zusammen, die sie am äußersten Ende der Rollbahnen aufhäuften – eine schmutzig graue Parodie auf die Alpen.

Am westlichen Ende der Landebahn 14 stand eine Gruppe Männer eng beieinander und blickte zum Himmel auf. Es waren Polizeibeamte, die auf ein landendes Flugzeug warteten, und sie waren gekommen, um jemanden festzunehmen.

Einer der Männer stand etwas abseits von den anderen. Er hieß Marcus von Daeniken – ein fünfzigjähriger, gedrungener Mann mit schwarzen, kurzgeschorenen Haaren und einem grimmigen Mund. Sechs Jahre schon leitete er den Schweizer Inlandnachrichtendienst DAP – die Abkürzung stand für »Dienst für Analyse und Prävention«. Die Aufgabe des DAP bestand darin, die Sicherheit des Landes vor Übergriffen von Extremisten, Terroristen und Spionen zu schützen. In den USA wurde diese Aufgabe vom FBI wahrgenommen, in Großbritannien vom MI5. Im Augenblick zitterte von Daeniken vor Kälte. Er hoffte, dass das Flugzeug bald landen würde.

»Was sagt der Wetterdienst?«, fragte er den Mann, der direkt neben ihm stand, einen Major der Grenzpolizei.

»Noch zehn Minuten und sie machen den Flughafen dicht. Die Sicht ist einfach zu schlecht.«

»Was ist mit dem Flugzeug?«

»Eins der Triebwerke ist ausgefallen«, erwiderte der Major. »Das andere ist überhitzt. Die Maschine befindet sich bereits im Landeanflug.«

Von Daeniken blickte wieder suchend in den Himmel. Nur wenige Meter über der Landebahn blinkten hin und wieder ein Paar gelbe Landeleuchten im Nebel auf. Kurze Zeit später tauchte das Flugzeug aus der Wolkendecke auf. Es war eine Gulfstream IV, und sie kam aus Stockholm. Die Seriennummer auf der Heckflosse, N415GB, war den westlichen Geheimdiensten nur allzu gut bekannt. In derselben Maschine hatte schon Abu Omar gesessen, ein radikaler muslimischer Imam, der von den Amerikanern aus Italien nach Deutschland und schließlich nach Ägypten verbracht worden war, wo er sich im eigenen Land einem Verhör unterziehen musste.

Das Flugzeug hatte auch einen deutschen Staatsbürger libanesischer Abstammung transportiert – einen Mann namens Khaled El-Masri, der Ende 2003 in Mazedonien verhaftet und in ein US-Internierungslager in Afghanistan, die Bagram Air Base vor Kabul, geflogen worden war. Dort hatte die CIA schließlich herausgefunden, dass es sich bei ihm nicht um denselben Khaled El-Masri handelte, der im Zusammenhang mit terroristischen Aktivitäten gesucht wurde.

Ein Fahndungserfolg, ein Irrtum. Das spiegelt die derzeitige Quote recht gut wider, dachte von Daeniken. Wichtig war nur, dass man am Ball blieb und sich das Spiel nicht aus der Hand nehmen ließ.

Holprig setzte das Flugzeug auf der Landebahn auf. Eis und Wasser spritzten von den Reifen. Das Triebwerk heulte auf, als die Landeklappen ausfuhren.

»Selbstgefällige Mistkerle«, sagte ein schlanker, fast hagerer Mann mit längerem rotem Haar und einer Professorenbrille. »Ich kann’s kaum erwarten, ihre Gesichter zu sehen. Es ist wirklich an der Zeit, dass wir denen eine Lektion erteilen.« Der Mann hieß Alphons Marti, seines Zeichens Bundesratsmitglied und Leiter des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements.

Im Jahre 1988 war Marti bei den olympischen Spielen in Seoul als Marathonläufer für die Schweiz gestartet. Er war als Letzter ins Stadion eingelaufen, völlig überhitzt und taumelnd wie ein Alkoholiker nach einer dreitägigen Sauftour. Zuvor hatte das Rettungsdienstpersonal einige Male versucht, ihn zum Aufhören zu überreden, doch irgendwie war es Marti gelungen, sämtliche Helfer abzuschütteln. Einen Schritt hinter der Ziellinie war er dann zusammengebrochen und sofort ins Krankenhaus gebracht worden. Bis zum heutigen Tage gab es eine Fangemeinde, die Marti wie einen Helden verehrte. Andere hingegen bezeichneten ihn hinter vorgehaltener Hand als Amateur und Schaumschläger.

»Keine Fehler von jetzt an«, fuhr Marti fort und griff nach von Daenikens Arm. »Unser Ruf steht auf dem Spiel. Die Schweiz lässt sich so was nicht gefallen. Wir sind ein neutrales Land. Es ist an der Zeit, dass wir Position beziehen und das auch demonstrieren. Stimmen Sie mir zu?«

Von Daeniken hatte genug Jahre und Lebenserfahrung auf dem Buckel, um sich dazu nicht zu äußern. Er hob das Funkgerät zum Mund. »Niemand setzt sich in Bewegung, bevor ich es befehle«, sagte er.

In etwa dreißig Meter Entfernung warteten einige Polizeifahrzeuge, die sich hinter einer karierten Schranke verbargen, auf ihren Einsatz. Von Daeniken blickte nach links. Eine andere Schranke versperrte die Sicht auf einen gepanzerten MTW, in dem sich zehn schwerbewaffnete Grenzbeamte befanden. Er hatte sich gegen eine Beteiligung des Militärs ausgesprochen, doch Marti hatte in diesem Punkt nicht mit sich reden lassen. Er hatte lange auf diesen Tag gewartet.

»Der Pilot hat um die Einparkerlaubnis gebeten«, vermeldete der Major der Grenzpolizei. »Der Kontrollturm schickt ihn zum Zollabfertigungsbereich.«

Von Daeniken und Marti bestiegen eine unauffällige Limousine und fuhren zu dem ausgewiesenen Parkplatz. Die anderen folgten in einem zweiten Fahrzeug.

Das Flugzeug rollte von der Landebahn und näherte sich dem Zollabfertigungsbereich. Von Daeniken wartete, bis die Maschine vollständig zum Stillstand gekommen war. »An alle Einheiten. Zugriff!«

Blaue und weiße Signallampen erleuchteten den dichtbewölkten Himmel. Die Polizeifahrzeuge rasten aus ihrem Versteck und umzingelten die Maschine. Der gepanzerte MTW rumpelte auf seine Position, während einer der Soldaten das Turmgeschütz ausrichtete. Kommandoeinheiten in Kampfanzügen stürmten aus den Fahrzeugen und bildeten einen Halbkreis um die Gulfstream; ihre vor der Brust gezückten Maschinenpistolen waren auf die Flugzeugtür gerichtet.

So ein Zirkus wegen eines einzigen Telegramms, dachte von Daeniken, während er aus der Limousine stieg. Im Laufen überprüfte er seine Pistole, um sicherzugehen, dass sich keine Kugel im Magazin befand und die Waffe gesichert war.

Vor drei Stunden hatte ONYX, das Satellitenabhörsystem des MND, ein Telegramm abgefangen, das von der syrischen Botschaft in Stockholm zur syrischen Botschaft in Damaskus gesendet worden war. Inhalt: Die Passagierliste eines gewissen Flugzeugs, das auf dem Weg in den Nahen Osten war. An Bord vier Personen: der Pilot, der Co-Pilot sowie zwei Passagiere. Der eine Fluggast war ein amerikanischer Regierungsvertreter, der andere ein Terrorist, der in zwölf westlichen Nationen auf der Fahndungsliste stand. Die Nachricht wurde innerhalb von Minuten an die höchsten verantwortlichen Stellen weitergeleitet. Eine Kopie war an von Daeniken, eine weitere an Marti gemailt worden.

Damit wäre die Sache für sie eigentlich erledigt gewesen. Die E-Mail hatte nämlich den Geheimdienstvermerk »Kein weiterer Handlungsbedarf« getragen – eine Anweisung, der sie sich wohl oder übel hätten beugen müssen. Bis zu dem Moment jedenfalls, als sich das fragliche Flugzeug an die Schweizer Flugkontrolle gewandt, eine Störung des Triebwerks gemeldet und die Bitte geäußert hatte, in Bern notlanden zu dürfen.

Die vordere Tür des Jets öffnete sich, dann wurde die Treppe ausgeklappt.

Marti lief eilig die Stufen hinauf, von Daeniken folgte ihm. Im Türrahmen tauchte der Pilot auf. Der Justizminister zückte einen Durchsuchungsbefehl und reichte ihn dem Piloten zur näheren Betrachtung. »Uns liegen Informationen vor, dass Sie einen Gefangenen an Bord haben und damit gegen das Genfer Abkommen verstoßen.«

Der Pilot würdigte das Dokument kaum eines Blickes. »Da muss ein Irrtum vorliegen«, sagte er. »Außer meinem Kopiloten und Herrn Palumbo befindet sich keine Menschenseele an Bord.«

»Wir irren uns ganz sicher nicht«, erwiderte Marti. Er schob sich an dem Piloten vorbei und betrat das Flugzeug. »Außerordentliche Überstellungen lassen wir auf Schweizer Boden nicht zu. Chefinspektor von Daeniken, durchsuchen Sie dieses Flugzeug.«

Von Daeniken lief den Flugzeuggang entlang. In einem der breiten Ledersessel saß ein einzelner Passagier, ein weißer Mann um die vierzig, mit kahlgeschorenem Kopf, massigen Schultern und kalten grauen Augen. Auf den ersten Blick wirkte er wie jemand, der sich vollständig im Griff hatte. Sein Fenster bot ihm einen freien Blick auf die Einsatztruppen, die das Flugzeug umzingelt hatten. Sie schienen ihn jedoch nicht sonderlich zu beunruhigen.

»Guten Tag«, sagte von Daeniken in flüssigem, wenngleich stark akzentgefärbtem Englisch. »Sind Sie Herr Palumbo?«

»Und wer sind Sie?«

Von Daeniken stellte sich vor und zeigte ihm seinen Dienstausweis. »Wir haben Grund zu der Annahme, dass ein Gefangener namens Walid Gassan in diesem Flugzeug transportiert wird. Entspricht das der Wahrheit?«

»Nein, das tut es nicht.« Palumbo schlug die Beine übereinander, und von Daeniken fiel auf, dass er Stiefel mit verstärkten Spitzen trug.

»In diesem Fall macht es Ihnen doch sicher nichts aus, wenn wir uns in der Maschine mal etwas umsehen?«

»Wir befinden uns auf Schweizer Boden. Sie können tun und lassen, was Sie wollen.«

Von Daeniken wies den Amerikaner an, auf seinem Platz sitzen zu bleiben, bis die Suche beendet war, und betrat den hinteren Teil des Flugzeugs. Im Spülbecken der Bordküche entdeckte er Teller und Gläser. Er zählte jeweils vier. Für den Piloten, den Kopiloten, Palumbo und … Jemand fehlte. Er sah in der Toilette nach und kontrollierte den Gepäckraum.

»Niemand an Bord«, gab er per Funk an Marti weiter. »Passagierbereich und Ladefläche sind sauber.«

»Was meinen Sie mit ›sauber‹?«, wollte Marti wissen. »Das kann nicht sein.«

»Sofern sie ihn nicht in einem Koffer verstaut haben, befindet sich der Mann nicht an Bord dieses Flugzeugs«, erwiderte von Daeniken.

»Suchen Sie weiter.«

Ein weiteres Mal durchforstete von Daeniken den Gepäckraum und überprüfte ihn auf Hohlräume. Nichts. Er schloss die hintere Klappe und ging zurück in den Passagierbereich.

»Haben Sie wirklich das gesamte Flugzeug durchsucht?«, fragte Marti, der mit verschränkten Armen neben dem Hauptmann stand.

»Von oben bis unten. Außer Mr. Palumbo befindet sich kein weiterer Passagier an Bord.«

»Das ist unmöglich.« Marti warf von Daeniken einen vorwurfsvollen Blick zu. »Wir haben einen Beweis dafür, dass sich der Gefangene an Bord befindet.«

»Von was für einem Beweis sprechen Sie?«, fragte Palumbo.

»Verkaufen Sie mich nicht für dumm«, sagte Marti. »Wir wissen genau, wer Sie sind und für wen Sie arbeiten.«

»Ach wirklich? Ich schätze, in diesem Fall kann ich Ihnen auch gleich alles erzählen.«

»Was erzählen?«, verlangte Marti zu wissen.

»Der Typ, nach dem Sie suchen … Wir haben ihn vor dreißig Minuten über Ihren großen Bergen an die Luft gesetzt. Er meinte, er wollte schon immer mal die Alpen sehen.«

Marti sah den Amerikaner mit weit aufgerissenen Augen an. »Soll das ein Witz sein?«

»Vielleicht war er’s ja, der unser Triebwerk blockiert hat. Entweder er oder eine Fluggans.« Palumbo blickte aus dem Fenster und schüttelte lächelnd den Kopf.

Von Daeniken zog Marti beiseite. »Scheinbar war unsere Information falsch. Es befindet sich kein Gefangener an Bord.«

Blass vor Wut starrte Marti ihn an. Eine plötzliche Gefühlsregung ließ seine Schultern erbeben. Stumm nickte er Palumbo zu und verließ das Flugzeug.

Ein einsamer Kommandant hielt an der Tür die Stellung. Von Daeniken gab ihm das Zeichen zum Rückzug. Er wartete, bis der Soldat die Treppenstufen hinuntergeklettert war, dann wandte er sich noch einmal an den CIA-Beamten. »Ich bin mir sicher, unsere Mechaniker werden Ihr Triebwerk in kürzester Zeit repariert haben. Für den Fall, dass sich bis dahin das Wetter nicht gebessert hat und der Flughafen geschlossen bleibt, empfehle ich Ihnen das recht komfortable Hotel Rössli am Ende der Straße. Entschuldigen Sie bitte, wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet haben.«

»Entschuldigung akzeptiert«, sagte Palumbo.

»Ach, und übrigens«, fuhr von Daeniken fort. »Das hab ich eben zufällig auf dem Boden gefunden.« Er beugte sich vor und legte einen kleinen, harten Gegenstand in die Hand des Amerikaners. »Ich gehe davon aus, dass Sie alle für uns relevanten Informationen auf dem schnellsten Weg an uns weiterleiten.«

Palumbo wartete, bis von Daeniken das Flugzeug verlassen hatte, dann öffnete er seine Hand.

Darin lag der herausgerissene, blutige Fingernagel eines Mannes.

3

»Sie ist weg.«

Jonathan stand auf der Spitze einer Anhöhe zweihundert Meter vom Fuße der Romansschanze entfernt. Windböen heulten und fegten ihm um die Ohren, hüllten ihn im einen Moment in undurchdringliches Weiß und flauten im nächsten wieder ab. Er hielt sich ein Fernglas vor die Augen und konnte die gekreuzten Skier und die leuchtenden Buchstaben »H-I« auf der Rettungsdecke erkennen. Etwas weiter links entdeckte er auch die orangefarbene Sicherheitsschaufel. Doch von Emma fehlte jede Spur.

Jonathan ließ die drei Helfer der Davos Rettungseinheit stehen und kämpfte sich auf seinen Skiern das letzte Bergstück hinauf. Vier Stunden waren vergangen, seit er von hier aufgebrochen und zu Tal gefahren war, um Hilfe zu holen. Die gekreuzten Skier waren bis zu ihren Bindungen zugeschneit, doch auf ihrem Rucksack lag nur ein Finger breit Schnee. Er öffnete ihn und sah, dass die Sandwiches und Energieriegel fehlten. Die Thermosflasche war leer. Er ließ den Rucksack zu Boden fallen. Der Abdruck von Emmas Körper im Schnee war noch schwach zu erkennen. Sie konnte noch nicht lange weg sein.

Jonathan aktivierte das Lawinenverschütteten-Ortungsgerät, das um seine Brust gebunden war, und drehte sich im Kreis, um alle Punkte auf dem Kompass zu finden. Das System verfügte über eine Zielsuchvorrichtung mit einer Reichweite von einhundert Metern. Das Instrument gab einen langgezogenen Piepton von sich – ein Testsignal –, dann verstummte er. Aus der Ferne drang über den Berghang das Wumm Wumm des absinkenden Schnees zu ihm herüber wie die dumpfen Schläge indianischer Kriegstrommeln.

»Empfangen Sie ein Signal?«, fragte Sepp Steiner, der Leiter der Rettungstruppe, als er Jonathan erreicht hatte. Steiner war ein kleiner, schmächtiger Mann mit hohlen Wangen und zusammengekniffenen Augen.

»Nein, nichts.«

In diesem Moment entdeckte er etwas Rotes im Schnee. Jonathan beugte sich hinab und berührte den Blutstropfen, der die Form eines Blütenblattes besaß. Ein paar Zentimeter entfernt fand er einen weiteren, und nach ein paar Schritten noch einen. »Hier entlang«, sagte er und bedeutete den anderen, ihm zu folgen.

»Sie sollten nicht weitergehen«, warnte Steiner. »Nur ein paar Meter vor Ihnen befindet sich eine Gletscherspalte.«

»Eine Gletscherspalte?«

»Eine ziemlich tiefe sogar. Sie reicht bis zum Boden des Gletschers.«

Jonathan kniff die Augen zusammen und versuchte die Kluft auszumachen, doch außer der undurchdringlichen weißen Schneewand konnte er nichts erkennen. »Sichern Sie mich mit Seilen.« Die beiden Männer schnallten ihre Skier ab. Dann legte Jonathan einen Sitzgurt an und befestigte das Seil um seine Taille.

»Seien Sie vorsichtig«, sagte Steiner, nachdem er Jonathan an seinem eigenen Gurt gesichert hatte. »Wir wollen Sie nicht auch noch verlieren.«

Jonathan drehte sich um und blickte dem kleineren Mann ins Gesicht. »Bis jetzt ist sie noch nicht verloren.«

Anfangs war es schwierig, die Tropfen zu entdecken, die kaum größer als Reißzwecken waren. Doch dann folgten sie in immer kürzeren Abständen, bis das Blut schließlich eine Punktlinie bildete, so als hätte jemand ein Loch in eine Grenadinedose gebohrt und den Inhalt im Gehen in den Schnee geträufelt. Nur dass die Sirupspur, der Jonathan folgte, die sauerstoffreiche rote Farbe des arteriellen Blutes besaß.

Wie lange es wohl her ist, dass Emma hier entlanggelaufen war?, fragte er sich. Fünf Minuten? Zehn? Er beugte sich erneut vor und konnte erkennen, wo sie ihren unverletzten Fuß aufgesetzt und wo sie den anderen hinter sich hergeschleift hatte. Ein paar Schritte weiter entdeckte er eine Mulde, und in deren Mitte ein gähnendes Loch.

Jonathan ließ sich auf den Bauch fallen, kroch langsam vorwärts und leuchtete mit seiner Taschenlampe in das Loch hinein. Es war ein Stollen aus Eis und Gestein, zehn Meter breit und bodenlos. Er rollte sich zur Seite und überprüfte das Ortungsgerät. Auf der Digitalanzeige erschien die Nummer Achtundneunzig. Jonathan drehte sich der Magen um. Achtundneunzig Meter tief!

»Empfangen Sie ein Signal?«, fragte Steiner. »Ist sie dort drin?«

»Ja«, erwiderte Jonathan knapp. »Ich gehe da runter. Sicherheitsleine festmachen.«

»Sicherheitsleine ist befestigt«, bestätigte Steiner.

Jonathan vergrößerte das Loch mit seiner Axt. Ein Schneestück brach heraus, und unter ihm öffnete sich die Gletscherspalte. Er legte sich flach auf den Rücken, steckte seine Füße in das Loch und schob sich Stück für Stück in den Stollen hinein, bis die Schneedecke unter ihm einbrach. Wie ein Senklot stürzte er hinab in die Dunkelheit, dann krachte er gegen eine Eiswand, bevor sich die Leine spannte und seinen Fall bremste. »Ich bin drin.«

Er stieß sich von der Wand ab und ließ das Seil zwischen seinen Fingern hindurchgleiten, um sich tiefer in die Erdspalte hinunterzulassen. Im Licht der Taschenlampe tat sich eine unberührte und wilde Landschaft vor ihm auf, der ewige Eispalast einer Schneekönigin. Eine unwirkliche Welt. Gletscherspalten waren einem ständigen Wandel unterworfen, dehnten sich aus, verengten sich und waren den gewaltigen Kräften des unter ihnen liegenden, sich unaufhörlich verschiebenden Felsengesteins ausgeliefert.

Nach zehn Metern erblickte er auf einem Felsvorsprung ein schwarzweißes Stück Stoff. Es war Emmas Mütze. Er schwang sich wie ein Pendel vor und zurück und stieß sich von der Eiswand ab, bis er glaubte, den idealen Moment abgepasst zu haben. Beim dritten Anlauf brachte er seinen Körper in eine beinahe waagerechte Position, streckte den Arm aus und ergriff die Mütze.

Mit der Mütze in der Hand richtete er sich wieder auf und leuchtete mit der Taschenlampe den Felsvorsprung ab. Der Schnee dort war blutverschmiert. Keine kleine Fährte diesmal, sondern ein Fleck von der Größe einer Grapefruit. Er konnte nicht länger leugnen, was passiert war: Emma hatte versucht, den Berg hinunterzulaufen. Das hatte dazu geführt, dass ihr gesplitterter Knochen die Oberschenkelarterie durchbohrt hatte. Die Arterie war die Hauptschlagader für das Blut, das vom Herzen in die unteren Gliedmaßen, also Beine, Füße und Zehen, gepumpt wurde. Als Chirurg wusste er, was das bedeutete: Ohne eine Abschnürbinde würde man innerhalb weniger Minuten verbluten.

Er überprüfte das Ortungsgerät. Das Digitaldisplay zeigte immer noch achtundneunzig Meter. Der Pfeil wies nach unten. Er leuchtete mit seiner Lampe in die Richtung, in der er den Grund der Gletscherspalte vermutete. Doch vor seinen Augen gähnte nur ein unendliches Nichts.

»Tiefer«, sagte Jonathan.

»Ich kann Ihnen nur noch fünfundzwanzig Meter geben. Mehr Seil haben wir nicht.«

Jonathan warf einen Blick nach oben. Der Spalt, durch den er gekommen war, wirkte so grell wie ein Riss im Nachthimmel. Er wartete, bis das zweite Seil mit dem ersten verbunden war. Steiner zog an der Leine, und Jonathan ließ sich weiter hinunter. Er ging dabei sehr langsam vor und hielt etwa alle drei Meter an, um seine Umgebung auszuleuchten, Hindernisse zu erspähen und nach Emma Ausschau zu halten. Die Zahlen auf dem Ortungsgerät wurden kleiner. Das Licht der Oberwelt schwand. Die vereisten Wände leuchteten in einem gespenstischen Blau … 70 … 68 … 64 … Plötzlich spannte sich das Seil.

»Weiter geht’s nicht«, rief Steiner.

Jonathan leuchtete mit seiner Lampe nach vorne und nach hinten und warf einen gelben Lichtstrahl auf das Eis unter sich. Aus den Augenwinkeln sah er etwas Rotes aufblitzen. Seine Bergwachtjacke? Er leuchtete ein wenig nach links und konnte etwas Rötlichbraunes erkennen. Emmas Haar? Sein Herz machte einen Sprung. »Ich brauche mehr Seil. Noch mal dieselbe Länge.«

»Wir haben aber nichts mehr.«

»Dann besorgen Sie was«, befahl er.

»Dafür haben wir keine Zeit. Hinter uns hat sich gerade eine kleine Lawine gelöst. Jeden Moment kann der Schnee auf dem gesamten Berg nachrutschen.«

Jonathan sah sich die beleuchtete Fläche genauer an. Er richtete sein Augenmerk wieder auf den roten Schemen, leuchtete um ihn herum. Ja, es war tatsächlich das Kreuz seiner Bergwachtjacke. Und das Rötlichbraune waren die Haare seiner Frau.

Emma … Das Wort blieb ihm im Halse stecken.

Und dann konnte er auch sie erkennen, zumindest die Umrisse ihres Körpers. Sie lag ausgestreckt auf dem Bauch und hatte einen Arm über den Kopf erhoben, als riefe sie um Hilfe. Doch etwas an dem Bild stimmte nicht … das Eis um sie herum war dunkel. Sie lag in einer Blutlache.

»Sie ist hier«, rief er nach oben. »Wir können an sie herankommen.«

»Sie ist knapp hundert Meter tief gestürzt«, entgegnete Steiner. »Das kann sie unmöglich überlebt haben. Sie müssen wieder raufkommen. Ich werde nicht das Leben von vier Männern aufs Spiel setzen.«

»Emma!«, rief Jonathan. »Ich bin’s. Jonathan. Wenn du mich hörst, beweg bitte deine Hand.«

Der Körper seiner Frau blieb reglos, während seine Stimme in der Erdspalte verhallte.

»Hören Sie auf zu schreien«, sagte Steiner mit unterdrücktem Ärger in der Stimme. »Sie werden uns noch alle umbringen.«

Das Seil machte einen Ruck. Jonathan wurde gegen die Wand geschleudert und ein Stück in die Höhe gerissen. Dann zog Steiner das Seil mitsamt seiner Last nach oben. Blind vor Wut rammte Jonathan die Spikes seiner Schuhspitzen ins Eis, zog sein Messer und bewegte die Klinge nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt in Richtung Seil. Er hatte Steigeisen dabei. Er besaß eine Eisaxt. Er würde an der Wand zu ihr hinunterklettern …

Er starrte wieder hinab in die Tiefe und hielt die Augen fest auf ihre Umrisse gerichtet. Ihr Körper wirkte bereits kleiner und irgendwie fremd. Er konnte kein Lebenszeichen entdecken. Es spielte keine Rolle mehr, ob Steiner mit seiner Vermutung Recht hatte, ob sie zu tief gefallen oder ob ihr Sturz durch irgendwelche Hindernisse abgebremst worden war. Sie hatte inzwischen einfach zu viel Blut verloren.

Er zog die Hand mit dem Messer zurück und befreite die Steigeisen aus der Eiswand. Das Rettungsseil spannte sich erneut, dann wurde Jonathan einen weiteren Meter aus der Gletscherspalte nach oben gezogen. Erneut schwenkte er seine Lampe in Richtung des roten Schemens, doch er konnte ihn nicht mehr ausmachen. Er hatte seine Frau aus den Augen verloren.

»Emma!«, rief er, während ihm die Tränen über die Wangen liefen.

Doch er erhielt keine Antwort. Nur seine eigene Stimme hallte in einem langgezogenen Echo von den Wänden wider.

4

Der Landrover raste auf seinem Weg aus Zürich die Seestraße hinunter.

Hinter dem Steuer saß ein einsamer Mann. Bartstoppeln bedeckten seine Wangen, unter den Augen zeigten sich dunkle Augenringe. Vierundzwanzig Stunden war er schon unterwegs. Er sehnte sich nach einer Mahlzeit, einer Dusche und einem Bett. Doch all das würde warten müssen. Zuvor hatte er noch einen Job zu erledigen.

Er öffnete das Handschuhfach, holte eine Pistole mit Schalldämpfer heraus und legte sie auf den Sitz neben sich. Dann blickte er aus dem Fenster über den See. Schaumkronen blitzten in der Dunkelheit auf. In einiger Entfernung hüpften die Lichter eines großen Schiffes besorgniserregend auf und ab. Keine gute Nacht für einen Ausflug auf dem Wasser.

An der nächsten Ampel bog er ab und lenkte den Wagen eine kurvenreiche Straße hinauf. Der fallende Schnee behinderte seine Sicht, doch er verlangsamte seine Fahrt nicht. Er kannte die Strecke. Er war sie am frühen Abend schon einmal abgefahren. Er hatte Karten von der Umgebung studiert und sich die Zugangsstraßen und die Fluchtwege eingeprägt.

Mit einem waghalsigen Beschleunigungsmanöver gelangte er auf eine Anhöhe. Große, gepflegte Häuser säumten die Straße. Das östliche Ufer des Zürichsees war wegen der von morgens bis abends anhaltend sonnigen Lage und seiner wohlhabenden Bewohner unter dem Namen »Goldküste« bekannt. Beim Anblick des Hauses seiner Zielperson drosselte der Mann das Tempo. Das im Stil eines französischen Landsitzes errichtete Gebäude stand auf einem Hügel, ein wenig zurückversetzt von der Straße, mit verschneiten Obstbäumen zu beiden Seiten.

Nach zwanzig Metern brachte er den Wagen unter einer riesigen Kiefer zum Stehen. Er schaltete die Scheinwerfer aus und lauschte den Geräuschen des auskühlenden Motors und des Windes, der an den Wagenfenstern rüttelte. Aus seiner Jackentasche holte der Mann ein silbernes Kästchen. In ihm lagen vier Patronen. Sie hatten eine schlanke Form und ein eingeritztes X im bronzefarbenen Projektil. Er legte sie mit spitzen Fingern auf das Ablagefach. Als Nächstes nahm er die Keramikflasche, die um seinen Hals hing, und schraubte den Deckel ab. Er begann leise zu singen. Worte aus einer alten und längst vergessenen Sprache. Seiner eigenen Rechnung zufolge hatte er in seinem Leben über dreihundert Männer, Frauen und Kinder getötet. Die Worte waren eine Art Gebet, um seine Seele vor den Geistern aus der Totenwelt zu schützen. Seine zwanzigjährige Tätigkeit als Berufskiller hatte einen abergläubischen Mann aus ihm gemacht.

Nacheinander tauchte er die Patronen in die Flasche und bedeckte sie mit einer dickflüssigen, bitter riechenden Flüssigkeit. Das gehörte zu seinem Ritual. Erst das Gebet, dann die Flüssigkeit. Als Profi wusste er, dass man niemals zu viele Vorsichtsmaßnahmen ergreifen konnte. Nicht in dieser Welt und auch nicht im Hinblick auf die nächste. Er pustete einmal über jede Patrone und steckte sie dann in die Trommel, die er anschließend einmal drehte. Er vergewisserte sich, dass die Waffe gesichert war, holte einen robusten Twillbeutel aus der anderen Jackentasche und befestigte ihn an einer Stelle über der Austrittskammer.

Dann verließ er den Wagen. Mit den Augen eines eingesperrten Tieres beobachtete er die Straße. Niemand war zu sehen. Heute Nacht war das Wetter auf seiner Seite. Um halb zehn regte sich in dieser Gegend niemand mehr.

Er knöpfte sich den Mantel zu und ging zügig die Straße hinauf. Er war ein durchtrainierter Mann von durchschnittlicher Größe, mit schmalen Schultern und strähnigen schwarzen Haaren, die ihm bis auf die Schultern fielen. Seine Wangen waren eingefallen, seine Nase schmal und aristokratisch, sein Teint so blass wie der eines Toten. Aus der Ferne betrachtet wirkte er, als ob er über den Bürgersteig schweben würde. Es war die Kombination aus der totenbleichen Gesichtsfarbe und seiner fast übersinnlichen Erscheinung, die ihm seinen Decknamen eingebracht hatte: das Phantom.

Als er am Haus der Zielperson vorbeikam, konnte er ungehindert einen Blick durch das Erkerfenster direkt neben der Eingangstür werfen. Eine Frau und drei Kinder saßen zusammen auf dem Sofa und verfolgten gebannt das Abendprogramm im Fernsehen. Er hielt lange genug inne, um zu sehen, dass das jüngste Kind ein Junge war, dunkel und bleich wie er selbst, der beide Arme um seine Mutter geschlungen hielt. Sein Herz schlug schneller. In seinem Kopf regte sich die Erinnerung wie ein eingesperrter Vogel, der verzweifelt gegen ein Fenster fliegt.

Er wandte den Blick ab.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich kein Auto aus irgendeiner Richtung näherte, übersprang er den einfachen Maschendrahtzaun vor der Wiese und versteckte sich hinter einem ordentlichen Holzstapel neben dem Haus. Dort kauerte er sich in den Schnee und wartete.

Früher einmal hatte er in einem Team gearbeitet, wenngleich nie als dessen Leiter. Er wusste, dass die Zielperson bereits im Restaurant abwechselnd von zwei Männern beschattet werden und ihr danach ein Auto nach Hause folgen sollte. Er wusste, dass eigentlich ein Fluchtteam zur Stelle sein sollte, das den Schützen zum nächstgelegenen Flughafen oder Bahnhof brachte, damit dieser auf schnellstem Wege das Land verlassen konnte. All das gehörte zur üblichen Vorgehensweise.

Doch so, wie es jetzt war, war es ihm lieber. Allein zu sein in der Dunkelheit. Ein Agent des Todes.

Er holte ein Metallkästchen hervor, legte den Kippschalter um und steckte es wieder ein. Das Kästchen sendete ein Störsignal, das den automatischen Garagentoröffner außer Funktion setzte. Die Zielperson musste somit aus dem Auto steigen, um das Garagentor von Hand zu betätigen, oder aber durch eine Seitentür die Garage betreten und das Tor von innen öffnen.

In der Ferne konnte er das Geräusch eines herannahenden starken Motors hören. Er nahm die Pistole mit dem Schalldämpfer aus der Jackentasche und konzentrierte seinen Blick auf den Teil der Straße, wo das Auto der Zielperson, ein älterer Audi A8, den Hügel hinaufkommen würde. Die Scheinwerfer durchdrangen die Nacht und wurden zunehmend heller. Mit seinem Daumen entsicherte er die Pistole.

Plötzlich tauchte das Auto auf. Als der Wagen eine Straßenlampe passierte, überprüfte er Marke und Kennzeichen. Das Auto wurde langsamer, bog in die Auffahrt ein und hielt vor der Garage an. Die Fahrertür öffnete sich. Die Zielperson stieg aus – ein großer, kräftig gebauter Mann mit rötlichem Haar und vollen Wangen. Ein fähiger Ingenieur. Und ein Familienmensch. Ein Mann mit eiserner Disziplin.

Auf diesen Moment hatte das Phantom gewartet. In drei lautlosen Schritten näherte er sich seinem Opfer.

Der Mann sah ihn an, wirkte verwirrt. Warum funktioniert das Garagentor nicht? Wer ist dieser Fremde, der so plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist? Das Phantom sah all diese Fragen in den Augen des Mannes, während er den Arm hob und feuerte. Drei nahezu lautlose Schüsse trafen den Mann mitten ins Gesicht. Die Patronenhülsen landeten im Twillbeutel. Die Zielperson brach auf der Auffahrt zusammen.

Das Phantom beugte sich über den Mann, drückte ihm die Mündung des Schalldämpfers auf die Brust und schoss ihm mitten ins Herz. Die Durchschlagskraft katapultierte den Körper ein Stück in die Höhe. In diesem Augenblick bemerkte das Phantom etwas Seltsames auf dem Revers des Mannes. Eine Art Anstecknadel. Er beugte sich tiefer hinunter, um es genauer in Augenschein zu nehmen.

Es war ein Schmetterling.

5

Marcus von Daeniken kehrte kurz nach elf in sein Haus zurück. Unter dem Arm trug er zwei langstielige, in Papier eingewickelte Rosen. Er durchquerte die dunklen Flure bis zur Küche, in der eine einsame Lampe über dem Tisch brannte. Dort legte er die Blumen ab und warf seine Waffe und sein Portemonnaie auf den Küchentresen. Ein Gähnen unterdrückend öffnete er den Kühlschrank und holte eine Flasche Bier heraus. Im mittleren Fach lagen ein Schinkensandwich, ein Teller mit Kartoffelsalat und ein Zitronenkuchen. Alles war ordentlich in Frischhaltefolie eingewickelt. Auf einem Zettel erinnerte ihn seine Haushälterin daran, die Reste wieder zurück in den Kühlschrank zu legen. Er hängte seine Jacke über eine der Stuhllehnen, krempelte die Ärmel hoch und wusch sich am Spülbecken die Hände. Nachdem er das Sandwich gegessen hatte, stellte er den Kartoffelsalat und den Zitronenkuchen, die er beide nicht angerührt hatte, pflichtbewusst in den Kühlschrank zurück.

Von Daeniken lebte allein in einem riesigen Chalet, am Fuße der Berge außerhalb von Bern. Für einen Junggesellen war das Haus viel zu groß. Es hatte seinem Vater, Großvater und so weiter gehört und war schon seit dem neunzehnten Jahrhundert in Familienbesitz. Er hasste es, allein zu leben, aber er hasste die Vorstellung umzuziehen noch viel mehr. Und so hatte er sich im Laufe der Jahre an die hallenden Flure, die bedrückende Stille und die unbeleuchteten Räume gewöhnt.

Er drehte sich wieder zum Tisch um und wickelte die Rosen aus dem Papier. Sorgfältig schnitt er die Stiele zurecht und stellte sie in eine mundgeblasene Glasvase, eine der beiden, die er in seinen Flitterwochen in der berühmten Fabrik von Murano gekauft hatte. Ja, er war mal verheiratet gewesen. Er hatte eine Tochter gehabt, und seine Frau war mit ihrem zweiten Kind – wieder einem Mädchen – schwanger gewesen. Damals war ihm das Haus noch nicht zu groß vorgekommen. Und doch hatte seine Frau ihn nach ihrer Hochzeit darum gebeten, es zu verkaufen. Sie war Anwältin in Genf gewesen, hochmotiviert, ungestüm und brillant auf ihrem Gebiet. In ihren Augen war das Haus ein Relikt, genauso uninspiriert und altmodisch wie die Zeit, in der es erbaut worden war. Er war anderer Meinung gewesen. Sie hatten nie die Gelegenheit gehabt, ihre Meinungsverschiedenheit beizulegen.

Von Daeniken schaltete das Licht im Wohnzimmer an. Über dem Kamin stand ein Foto. Es zeigte seine Frau und seine Tochter. Zwei Blondinen, Marie-France und Stephanie – zwei Menschen, die er vor fünfzehn Jahren bei einem Flugzeugunglück verloren hatte. Er tauschte die Rosen vom gestrigen Tag gegen die frischen aus, setzte sich in einen alten Lehnstuhl und trank einen Schluck Bier. Dann nahm er die Fernbedienung zur Hand und schaltete den Fernseher ein. Zum Glück wurde der gescheiterte Zugriff nicht in den Spätnachrichten erwähnt. Er zappte weiter und verweilte einige Zeit beim französischen Literaturprogramm. Er machte sich nichts aus Literatur, weder aus französischer noch aus anderssprachiger, aber er liebte die Moderatorin, eine umwerfende Brünette mittleren Alters. Er schaltete den Ton ab und betrachtete sie eine Weile. Perfekt. Jetzt fühlte er sich nicht mehr allein.

Das Fernsehen war nicht so unberechenbar wie das wahre Leben. Im Laufe der Jahre hatte er viele erste Dates gehabt, deutlich weniger zweite und nur zwei Beziehungen, die länger als sechs Monate gedauert hatten. Beide Frauen waren attraktiv, intelligent und recht gut im Bett gewesen. Doch keine hatte dem Vergleich mit seiner Frau standhalten können. Sobald ihm das klar geworden war, hatten die Beziehungen darunter gelitten. Anrufe blieben unbeantwortet, die Treffen wurden seltener. Immer häufiger sagte er Verabredungen in letzter Minute wegen eines Falles ab. Beide Frauen hatten nicht lange gebraucht, um die unterschwellige Botschaft zu verstehen. Seltsamerweise waren die Trennungen bitterer für ihn gewesen, als er gedacht hatte.

Sein Handy klingelte. »Ja?«

»Widmer. Zürcher Kantonspolizei. Wir haben da einen Vorfall. Mord in Erlenbach. Goldküste. Profi-Arbeit.«

Von Daeniken schwang sich aus dem Lehnstuhl und schaltete den Fernseher aus. »Und was hab ich damit zu tun? Das hört sich für mich nach einem Fall für die Kriminalpolizei an.«

Doch er war bereits auf dem Sprung. Kurz darauf stand er in der Küche und schüttete das kalte Bier in die Spüle. Dann befestigte er das Pistolenhalfter an seinem Gürtel, zog die Jacke an und steckte das Portemonnaie ein.

»Das Opfer wurde bei ISIS geführt«, erklärte Widmer. »Die Akte trägt den Vermerk ›Streng geheim‹ und enthält lediglich die Information, dass der Mann vor zwanzig Jahren mal verhört worden ist.«

»ISIS« war die Abkürzung für das »Informatisiertes Staatsschutz-Informations-System« – eine Datenbank der Schweizer Bundespolizei, in der über fünfzigtausend Personen erfasst waren, die im Verdacht standen, Terroristen, Extremisten oder Mitglieder eines freundlich oder feindlich gesinnten ausländischen Geheimdienstes zu sein.

»Und wer ist der Glückspilz?«, fragte von Daeniken und nahm seine Autoschlüssel zur Hand.