Beschreibung

JEDE LÜGE HAT IHREN PREIS. DIESE WIRD DICH TÖTEN.   Ein Mord mitten in der Hauptstadt. Das Opfer wurde erschlagen und gekreuzigt. Kriminalkommissar Henry Frei und sein Team ermitteln.   Suse, heillos mit ihren Kindern überfordert, seit ihr Mann sie verlassen hat, ist in Panik: Ihre Tochter Jacqueline ist verschwunden. Die alarmierte Polizei glaubt der Mutter kein Wort.   Wo ist Jacqueline? Wer zieht seine blutige Spur durch Berlin? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt!   Der erste Fall für Kommissar Henry Frei.

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Martin Krist

Böses Kind

Der erste Fall für Kommissar Henry Frei

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Titelseite

Böses Kind

Martin Krist

R&K

Inhalt

Inhalt

Über den Autor

Böses Kind

Intermezzo

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Intermezzo

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Intermezzo

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Intermezzo

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreissig

Einunddreissig

Zweiunddreissig

Dreiunddreissig

Vierunddreissig

Fünfundreissig

Sechsunddreissig

Intermezzo

Siebenunddreissig

Achtunddreissig

Neununddreissig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Intermezzo

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Intermezzo

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Bücher von Martin Krist

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Leseprobe DRECKSSPIEL

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Leseprobe BRANDSTIFTER

Danksagung

Über den Autor

Über den Autor

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter Biografien über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido, die Grunge-Ikone Kurt Cobain und den gewaltlosen Rebell Mahatma Gandhi, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

Für mehr Informationen:

www.Martin-Krist.de

Böses Kind

Martin Krist

Böses Kind

Der erste Fall für

Kommissar Henry Frei

Impressum

Originalausgabe bei R&K

20. November 2017

Copyright © R&K c/o Martin Krist

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch

auszugsweise – nur mit Genehmigung des Autors

wiedergegeben werden.

Titelbild & Umschlaggestaltung:

Designomicon | Anke Koopmann

Lektorat: Hannes Windisch

Korrektorat: Rebecca Feist

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Martin Krist, Postfach 910104, 12413 Berlin

www.Martin-Krist.de

Epigraph

»Die Zeit bewegte sich in zwei Richtungen,

denn jeder Schritt in die Zukunft beinhaltet

eine Erinnerung an die Vergangenheit.«

Paul Auster

»Es gibt Fehler, die sind

zu ungeheuerlich für Reue.«

Roger Smith

Intermezzo

Intermezzo

Als sie erwacht, ist es fast dunkel in dem Zimmer.

Nur ein Lichtfleck dringt durch eine Tür. Oder ist es ein Fenster? Sie kann es nicht erkennen. Ihr Blick ist getrübt, in ihrem Kopf dröhnt es.

Sie hebt die Arme zum Gesicht und braucht einen Moment, bis sie merkt, dass sie ihrem Befehl nicht folgen. Langsam begreift sie, dass ihr die Hände auf dem Rücken gefesselt sind.

Verzweiflung steigt in ihr empor. Sie richtet sich auf. Der Schmerz in ihrem Schädel entfacht Übelkeit. Sie sackt zu Boden.

Als sich ihr Magen endlich beruhigt hat, richtet sie sich behutsam erneut auf. Die Welt beginnt sich zu drehen. Mehrmals atmet sie ein und aus. Die Luft ist stickig. Es stinkt nach Schimmel. Und Metall.

In dem Zwielicht kann sie den kalten Steinboden erkennen, auf dem sie sitzt.

Wo bin ich?

Sie versucht sich zu erinnern, doch in ihrem Kopf ist es ebenso dunkel wie in diesem Raum.

Mühsam stemmt sie sich auf die Knie und robbt dem Lichtschein entgegen.

Je näher sie ihm kommt, desto klarer zeichnet sich eine Tür vor ihr ab. Durch ein kleines Sichtfenster fällt etwas Licht.

Sie keucht erleichtert. In derselben Sekunde rutscht sie in einer Flüssigkeit aus. Mit dem Gesicht voran knallt sie auf den Steinboden. Ein höllischer Schmerz explodiert in ihrem Kopf.

Ihr wird schwarz vor Augen.

Als sie wieder zu sich kommt, schmerzt eine Wunde an ihrer Stirn. Stöhnend setzt sie sich auf.

Ihr Blick fällt auf den feuchten Steinboden vor ihr.

In dem Lichtschein schimmert eine große Blutlache. Mehr Blut, als je aus ihrer Wunde hätte fließen können.

Ungläubig beugt sie sich vor. Haarbüschel ragen aus dem Blut hervor. Und dort –

Sie schmeckt Galle an ihrem Gaumen.

Knochensplitter und … Gehirnmasse.

Diesmal kann sie nicht mehr an sich halten. Sie muss sich übergeben. Halb verdaute Pommes, Burgerfleisch und Zwiebeln spritzen ihr über die Brust, die Beine, bleiben an ihrem Kinn kleben.

Das ist nur ein Traum, bittet sie, nur ein schlechter Traum ...

Eins

Eins

... nur ein schlechter Traum, hoffte Suse, als sie erwachte.

Ihr Wunsch erfüllte sich tatsächlich. Sie lag eingemummelt unter ihrer kuschelig warmen Bettdecke, das Schlafzimmer noch im gedämpften Morgengrau, friedlich und still. Ein überraschender, beinahe unwirklicher Moment, vielleicht deshalb so berauschend.

So fühlte es sich also an, wenn sich das Leben zum Besseren wendete. Mit einem behaglichen Schnurren drehte sie sich auf die Seite.

Ihr Handy klingelte.

Suse wollte es ignorieren, sich stattdessen die Decke über den Kopf ziehen, als könnte sie auf diese Weise den glücklichen Augenblick bewahren, am liebsten für immer. Oder zumindest noch ein kleines Weilchen.

Aus dem Babybettchen kam ein unwilliges Quieken.

Rasch griff Suse nach dem klingelnden Telefon. »Ja?«

Keine Antwort.

»Miro, bist du das wieder?«

Nichts. Nicht einmal ein Atmen.

»Verflixt, Miro!« Suses Hochgefühl schwand. »Hör endlich auf damit!« Wütend legte sie auf.

Das Telefon zeigte 8:20. Sie erschrak.

Wieso hatte der Wecker nicht geklingelt? Oder hatte sie ihn überhört?

Nein, es fiel ihr wieder ein: Sie war am Abend völlig erschöpft ins Bett gefallen – und offenbar eingenickt, ohne an den Wecker zu denken. Und jetzt hatte sie verschlafen.

Sie streckte sich. Ihr verspannter Nacken knackte. Stöhnend glitt sie unter der Decke hervor, stolperte in dem schmalen Spalt zwischen Bett und Wand zuerst über ihre Hausschlappen und dann über ihre Jeans, die auf dem Boden lag. Als sie vor das Babybettchen trat, knallte sie mit ihrem Knie gegen die Wickelkommode, deren Tür wegen der vier Vorratspackungen Windeln darin nicht mehr richtig schloss. Sie unterdrückte einen Schmerzenslaut.

Theo, kein Jahr alt, murrte unruhig vor sich hin.

Suse gab ihm seinen Schnuller, was ihn vorerst zu besänftigen schien. Sie humpelte vorbei am Bügelbrett und drei übereinandergestapelten Kleiderkisten. Mit ihrem Shirt, ihr Lieblingsshirt, ein schlabbriges, verwaschenes Souvenir von einem Foo-Fighters-Konzert, blieb sie am zerschrammten Türrahmen hängen.

»Mama!« In der Diele kam ihr Dennis, gerade sechs, in seinem knatschgelben Minion-Schlafanzug entgegen. Er schleifte seine heiß geliebte, nicht minder gelbe Minion-Puppe hinter sich her. »Wo ist Tapsi?«

Suses Wohlbefinden erstarb endgültig. »Wieso bist du noch nicht angezogen?«

»Tapsi ist nicht da.«

»Jaquie hätte dir längst Frühstück machen sollen!«

»Kommt Tapsi wieder?«

»Verflixt, Dennis!«

Erschrocken zog er den Kopf zwischen die Schultern.

Suse kämpfte gegen ihre Wut. »Ich«, sie senkte ihre Stimme, »weiß nicht, wo Tapsi steckt.« Allerdings war sie froh, dass der verzogene, kläffende Retriever ausnahmsweise nicht zwischen ihren Beinen herumtobte.

Sie schaute ins Bad. »Bist du hier, Jaquie?«

Die Duschkabine war leer und an diesem Morgen noch unbenutzt.

»Jaquie?«

Auch die Küche lag verlassen, bis auf das Chaos vom Vorabend. Die Stühle standen kreuz und quer um den Tisch, darauf Milchtüten und Babybreigläser, die verschmierten Schüsseln und Teller mit den Resten vom Abendessen, Theos Rassel, zwei Modellautos, Zettel, Kugelschreiber, zwei Kartons mit … was war da eigentlich drin? Auf dem Boden ein angenagter Hundeknochen zwischen Wollmäusen.

Kurz dachte Suse an den Staubsauger, den sie längst zur Reparatur hatte bringen wollen, es aber nicht getan hatte, weil das Geld diesen Monat knapp war. Aber darüber konnte sie sich später noch Gedanken machen.

»Jacqueline!« Sie hastete ins Kinderzimmer. »Wehe, du lungerst noch im Bett herum!«

Doch in der einen Ecke, auf der Matratze ihrer Tochter, lagen nur ein Kissen, die zerwühlte Decke und ein Laptop, auf dem Boden drum herum das übliche Durcheinander aus Socken, Schuhen, Shirts und anderem Teenagerkram, Nagellack, Lippenstift, Kopfhörer, eine Telefonhülle, ein Brillenetui.

Die gegenüberliegende Zimmerhälfte, Dennis' Bett, bot keinen besseren Anblick: ein Teppich aus Legosteinen, Modellautos, Spielzeugfiguren, die Tapete mit roter, blauer, grüner Farbe bekleckst.

Suse fröstelte. Es war ungewöhnlich frisch in dem Raum.

Spitze Schwerter und Ritterhelme bohrten sich schmerzhaft in ihre nackten Fußsohlen, während sie sich einen Weg zur Terrassentür bahnte. Sie zog den Vorhang beiseite. Die Tür klaffte einen Spalt offen.

Verwundert schaute sie in ihren Garten hinaus. Das Areal, keine zwanzig Quadratmeter groß, ein schmales Blumenbeet und ein kleines Stück Wiese, umsäumt von mannshohen Hecken, war das einzig Gute an ihrer beengten Zweiraumwohnung im Parterre. Neben der günstigen Miete natürlich.

Ein dichtes, graues Wolkenfeld hing über den Plattenbauten Spandaus, die sich ringsum erhoben. Es schaute nach Regen aus.

Von Jacqueline keine Spur.

Suse verriegelte die Terrassentür. »Dennis, hast du die Tür aufgemacht?«

Ihr Sohn deutete ein beklommenes Kopfschütteln an.

»Ganz sicher?«

Er nickte scheu.

»Du weißt doch, du sollst nicht allein die Tür aufmachen.«

Er murmelte etwas.

»Was sagst du?«

»Ist Tapsi weggelaufen?«, flüsterte er bang.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Suse, die eine ganz andere Frage beschäftigte. »Ist Jaquie gestern Abend nicht nach Hause gekommen?«

»Vielleicht«, Dennis' Stimme war ein ängstliches Wispern, »vielleicht hat sie Tapsi geholt.«

»Wohl kaum!« Zwar hatten sie den Hund vor drei Jahren nur deshalb angeschafft, weil Jaquie darum gebeten und gebettelt hatte, und verflixt, was hatte sie nicht alles versprochen. Aber nach nicht einmal einem halben Jahr war ihre Begeisterung erloschen und die ganze Arbeit an ihrer Mutter hängen geblieben.

Jetzt allerdings war der verschwundene Vierbeiner Suses geringstes Problem.

Im Schlafzimmer begann Theo wieder zu quengeln. Dennis stand im Schlafanzug da, ungewaschen und ohne Frühstück. Und schon bald fuhr der letzte Bus, mit dem sie noch pünktlich zur Arbeit gelangte.

Suse wählte die Handynummer ihrer Tochter.

The person you have called is temporarily not available.

»Verflixt«, schimpfte Suse, »das darf doch nicht wahr sein!« Sie war nicht sicher, was sie mehr erzürnte: Dass Jacqueline, gerade erst 14, unerlaubt über Nacht weggeblieben war, oder dass sie ihre morgendlichen Pflichten völlig ignorierte.

»Zieh dich bitte schon mal an, Dennis«, sagte sie und klaubte Unterwäsche, Jeans und Pullover aus seiner Schublade.

»Tut Jaquie ...«

»Nein, das machst du heute selbst.«

»Aber Jaquie muss ...«

»Verflixt, Dennis, wie alt bist du eigentlich?«

Sein Kopf sank auf die Brust. Er knetete seinen Minion.

Suse klemmte ihm die Kleidungsstücke unter die Arme. »Geh jetzt ins Bad, wasch dir Hände und Gesicht mit Wasser, zieh dich an und danach kommst du in die Küche.« Sie gefror in der Bewegung, als ihr Blick nach draußen ging.

In der Gartenhecke lauerte ein Mann.

Zwei

Zwei

Kriminalhauptkommissar Henry Frei parkte seinen Audi in der Gotenstraße in Tempelhof, stieg aber nicht aus.

Stattdessen sortierte er den Kleinkram, den er seit Tagen im Ablagefach der Mittelkonsole herumkutschierte – zwei Haargummis, eine Haarbürste, einen Labello, eine angebrochene Tüte Gummibärchen, lilafarbene Haftmarker und eine Powerbank. Das zugehörige USB-Kabel legte er aufgerollt daneben.

Mit seinem Taschentuch entfernte er einen Fettfleck am Armaturenbrett.

Die Digitaluhr zeigte fünf nach 9.

Another sunrise with my sad captains, sangen Elbow im Radio.

Draußen trieb der Oktoberwind Laub über den Bürgersteig. Einer älteren Dame fegte er den Pillbox-Hut vom Kopf. Er trudelte über den Boden hüpfend auf die Straße zu. Ein Lkw bretterte heran.

Die anderen Passanten, mürrisch die Blicke auf ihre Smartphones gerichtet, nahmen keine Notiz davon.

Einzig eine Frau blieb stehen – Anfang 30, in schwarzem Blazer, Jeans und halbhohen Stiefeletten. Sie hatte selbst ihre liebe Not mit einem Stoffbeutel, einer Aktenmappe, ihrer Handtasche und ihren dichten, blonden Locken, die ihr fortwährend ins Gesicht wehten. Trotzdem bückte sie sich nach dem Hut.

Als sie ihn der Rentnerin übergab, war diese außer sich vor Freude.

Another sunrise with my sad captains, with who I choose to lose my mind.

Es gab zwei Dinge, die Frei nicht ausstehen konnte. Das eine war Unpünktlichkeit.

9.19 Uhr.

Endlich fand die alte Dame in ihrer Eloge ein Ende. Mit ihrem Hut zwischen den Händen trippelte sie in einen trostlosen, grauen Altbau – eines der wenigen Gebäude im Viertel, die noch nicht gentrifiziert worden waren.

Unterdessen rang die junge Frau mit ihrer windzersausten Mähne. Sie schaute die Straße rauf und runter.

Als sie Frei entdeckte, schien ihr klar zu werden, dass er sie die ganze Zeit beobachtet hatte. Sie verdrehte die Augen.

Laub wirbelte herein, als sie zu ihm in den Wagen stieg.

»Morgen«, sagte Louisa Albers, Kriminaloberkommissarin und seine Kollegin im Morddezernat.

»Guten Morgen.«

»Ja, ich weiß«, sie ließ den Stoffbeutel in den Fußraum fallen, Aktenmappe und Handtasche landeten auf dem Armaturenbrett. »Ich bin spät dran.«

And if it's so we only pass this way but once ...

Frei pickte zwei Laubblätter vom Hosenbein seines nachtblauen Anzugs.

»Entschuldige.« Albers klemmte sich ihre Locken hinters Ohr. Sie war etwas blass um die Nase. »Ich wurde aufgehalten.«

»Das habe ich gesehen.«

»Nein, das meinte ich nicht.« Albers gähnte und die Strähnen fielen ihr wieder ins Gesicht. »Unser Knirps hat fast die ganze Nacht geschrien.«

»Ist das da Quark an deinem Kragen?«

»Wieso sollte da Quark ... Oh Scheiße, doch, ist es!«

»Hast du das nicht mitbekommen?«

»Ich sagte doch, der Kleine hält uns mächtig auf Trab.« Albers durchwühlte den Kram in der Mittelkonsole. Mit einem der beiden Haargummis band sie sich einen Zopf. Dann versuchte sie mit mäßigem Erfolg, den Quark von ihrem Blazer zu wischen. »Ist Charlie noch nicht da?«

Anstatt einer Antwort räumte Frei das Ablagefach wieder auf. Nicht zum ersten Mal wurde ihm dabei bewusst, dass ihm das Zeug nicht einmal gehörte.

Kurz vor halb 10.

And if it's so we only pass this way but once, what a perfect waste of time.

Er schaltete das Radio aus. »Lass uns rübergehen.«

»Und Charlie?«

»Er weiß, wo er uns findet.«

»Bestimmt steht er im Stau und ist gleich da. Er hat ...«

»... ein Handy.«

»Soll ich ihn anrufen?«

»Nein!«

»Ach komm, Henry, sei nicht so streng mit ihm, er gibt sich wirklich Mühe. Außerdem ist er neu dabei. Er hat keine Ahnung, wie du tick... Ach Mist!« Albers schielte auf ihren Kragen. Der Quark hatte sich in unansehnliche, bleiche Flecken verwandelt. »Der war frisch aus der Reinigung.«

Erneut machte sie sich über den Blazer her.

Nach wenigen Sekunden gab sie auf. Aus ihrem Stoffbeutel brachte sie eine Packung Mohrrüben zum Vorschein. »Auch eine?«

»Danke, nein.«

Achselzuckend biss sie in eine Möhre. Sie griff nach ihrer Handtasche und der Aktenmappe. »Gehen wir.«

Erste Regentropfen fielen, während sie das schmucklose Gebäude ansteuerten, in das die alte Dame mit ihrem Hut vorhin verschwunden war.

Das farblose Fassadenschild war kaum zu entziffern.

Hotel Brendt's.

Das Foyer war noch weniger ansprechend – eine zerschrammte Empfangstheke, abgetretene Dielenbretter, vergilbte Tapeten, ein verblasster Wandspiegel.

Rasch glättete Frei sein Sakko und richtete sich den Krawattenknoten.

Albers wartete Karotten kauend im Treppenhaus.

»Hey, Sie!«, bellte eine Stimme aus dem Büro hinter der Rezeption. »Herrgott, warten Sie, Herr ...« Schnaufend stampfte ein kleiner, dicker Mann auf sie zu. »Herr Kommissar ...«

»Kriminalhauptkommissar.«

»Wie bitte?«

»Kriminalhauptkommissar Frei!«

»Ja, Herrgott, meinetwegen.« Mit zornesrotem Gesicht baute sich das dralle Männchen hinter dem Empfangstresen auf.

S. Brendt war dort auf einem Schildchen treffenderweise zu lesen, Hotelmanager. Auf einem Block mit Meldeformularen lagen ein halbes Dutzend Kugelschreiber kreuz und quer verstreut, daneben eine zwei Wochen alte, zerknitterte Ausgabe des Berliner Kurier.

Traditionelle Familie als Leitbild erhalten!, lautete die Schlagzeile zu einem Interview mit dem ebenso prominenten wie konservativen Fernsehprediger Franz Weinstein.

Frei konzentrierte sich auf den Manager.

Hinter diesem hing ein Bilderrahmen an der Wand, die Reproduktion einer alten Berlin-Lithographie.

»Was ...«, der Manager schnappte nach Luft, »was sollte das letzte Nacht in Nummer 4?«

»Was meinen Sie? Die Spurensicherung hat eine Untersuchung vorgenommen.«

»Untersuchung? Herrgott, das klang wie ... wie eine Großbaustelle! Was haben die da gemacht? Ich dachte, das Zimmer wurde schon vor fünf Tagen untersucht.«

»Es haben sich neue Fragen ergeben.«

»Und was, wenn Ihnen in fünf Tagen noch mehr einfallen?«

»Dann werden die Kollegen ein weiteres Mal anrücken.«

»Das können Sie nicht machen! Wir haben ...« Der Manager brach ab und funkelte Albers an. »Langweile ich Sie?«

Sie unterdrückte ein Gähnen und nahm einen Bissen von ihrer Mohrrübe. »Tschuldigung.«

Kopfschüttelnd wandte sich der Manager wieder an Frei. »Wir haben Gäste und müssen ...«

»Darf ich Sie daran erinnern, dass ein Verbrechen geschehen ist.«

»Glauben Sie, das könnte ich vergessen? Haben Sie eine Ahnung, was diese ... diese Sache für den Ruf unseres Hauses bedeutet?«

Freis Blick kehrte zurück zum Durcheinander auf dem Tresen.

»Von welchem Ruf genau reden Sie?«, fragte Albers.

»Was soll das denn heißen?«, schnappte der Manager.

»Dass Sie für Ihre Gäste gerne mal ein Auge zudrücken«, antwortete Albers, »gegen eine kleine, nun ja, Aufwandsentschädigung.«

»Das ist doch ...«

»Eine Straftat.«

»Herrgott, wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Hier wurde eine Frau ermordet, und Sie ... Sie regen sich darüber auf, dass ich ...« Der Manager hielt inne. Er starrte Frei an. »Was machen Sie da?«

Frei hatte das Namensschildchen an der Tresenkante ausgerichtet, im rechten Winkel dazu die Zeitung, darauf den Formularblock.

Der Manager musterte ihn mit hoch gezogener Augenbraue.

Jetzt schob Frei die Kugelschreiber in Reih und Glied. »Das Bild.«

»Wie bitte?«

Er deutete auf die Berlin-Lithographie.

»Was ist damit?«

»Es hängt schief.« Frei wandte sich zur Treppe. Der argwöhnische Blick des Managers entging ihm nicht.

9.42 Uhr.

Unordnung war die zweite Sache, die Frei verabscheute.

Schmunzelnd biss Albers in ihre Möhre, dann folgte sie ihm.

Drei

Drei

Der Mann im Garten starrte Suse unverhohlen an.

Ihr wurde bewusst, dass sie nur ihr altes, verwaschenes T-Shirt trug, das ihr gerade mal bis zum Slip hinabreichte. Für einen kurzen Augenblick empfand sie Scham. Bis ihr klar wurde, dass es keinen Grund dafür gab. Sie stand hier immerhin in ihrer eigenen Wohnung!

Wut kochte in ihr hoch. Wenn überhaupt sollte dieser Spanner sich schämen.

Sie riss die Terrassentür auf. Knirschend verkeilte sich die Tür mit einem von Dennis' Modellautos.

Suse rüttelte hin und her, kriegte die Tür weder auf noch zu. Zornig trat sie dagegen. Die Tür flog auf. Ein Windstoß fegte Suse kalte Regentropfen ins Gesicht. »Miro!«

Der Mann in der Hecke war verschwunden.

»Ich hab dich gesehen!«

Bestimmt verbarg er sich in der schmalen Gasse hinter dem Garten.

»Ich weiß, dass du mich hörst!«

»Yo«, grunzte es vom Balkon über ihr, »ich kann dich auch hören.«

»Ich hab dir gesagt, du sollst damit aufhören!«

»Wie wär's, wenn du dich selbst mal dran hältst? Andere Leute wollen ihre Ruhe haben!«

Suse stierte in das Gestrüpp am Ende ihres Gartens. Miro, dieser Mistkerl, ließ sich nicht mehr blicken.

»Und kümmer dich um dein Balg!«, schimpfte der Übermieter.

Erst jetzt vernahm Suse das klägliche Babyschreien. Sie eilte in die Wohnung.

Dennis trug nach wie vor seinen Schlafanzug. »Ist Tapsi draußen?«

»Dennis, hab ich dir nicht gesagt ...«

»Ist Tapsi wirklich weg?«

»... du sollst dich fertigmachen?« Suse brachte ihn ins Bad. Im Schlafzimmer steigerte sich Theos Weinen zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll.

Aus der Wohnung über ihnen erscholl plötzlich Techno-Musik. Bumm Bumm Bumm. Der Spiegelschrank im Badezimmer klirrte. Die Zahnbürsten vibrierten in ihren Gläsern.

Fast überhörte Suse ihr Telefon. Sie schnappte danach. »Miro, verflixt, wenn das nicht aufhört, dann werde ich ...«

»Susanne?«, unterbrach sie eine zaghafte Stimme.

»Mama?«

»Wer ist denn Miro?«, fragte ihre Mutter.

»Ach der«, Suse klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Wange, »der ist egal.« Sie befreite Dennis von seinem Schlafanzug und drückte ihm einen Waschlappen in die Hand. »Hier, den Rest schaffst du selbst.«

Bumm Bumm Bumm.

»Was ist das für ein Lärm bei dir?«, fragte ihre Mutter.

»Das ist mein Übermieter.«

»Was?«

»Mein Nachbar!« Suse hastete ins Schlafzimmer. Theo krakeelte wie wild. Die Musik wummerte.

»Ist ja gut, mein Kleiner, ist ja gut«, nahm sie ihn säuselnd aus dem Bettchen. Der Gestank, der seiner Windel entwich, war eindeutig. Als sie ihn auf die Wickelkommode legte, stieß sie sich erneut das Knie an der Tür. Sie fluchte in sich hinein. »Wieso rufst du an, Mama?«

»Na, ich warte auf dich.«

»Kannst du Theo heute bitte abholen? Und Dennis in die Kita bringen?«

»Ach, Suse ...«

»Bitte, Mama.«

»... du weißt doch ...«

»Was hast du denn heute sonst noch zu tun?« Suse wickelte den Kleinen. Aus seinem Heulen wurde ein Wimmern. Bumm Bumm Bumm, ging es unvermindert weiter. Ihre Mutter schwieg. »Mama?«

»Na, ich muss mich doch um Theo kümmern.«

»Siehst du, und noch ist er hier bei mir. Und wenn ich mich nicht beeile, komme ich zu spät zur Arbeit.«

»Ach Kind ...«

»Kommst du sie holen oder nicht?«, brach es aus Suse heraus.

Ihre Mutter schnaufte angestrengt. »Aber nur heute, du weißt doch ...«

»Ja, ich weiß.« Suse trennte die Verbindung, schlüpfte in ihre Jeans, eilte mit dem Kleinen in die Küche und setzte ihn in seinen Hochstuhl.

Sie entsorgte die volle Windel im Abfalleimer und kippte die Reste vom Abendessen hinzu.

Dann schuf sie etwas Platz auf dem Küchentisch, indem sie die Milchtüten, Babybreigläser, das Spielzeug und den anderen Kram beiseite rückte. Die Rassel plumpste zu Boden. Als sie sich danach bückte, trat sie auf den angenagten Hundeknochen. Sie presste die Zähne aufeinander.

Gott sei Dank hatte zumindest ihr Übermieter ein Einsehen und schaltete die Musik ab. Auch Theo war, in freudiger Erwartung einer Mahlzeit, endlich still.

Im Badezimmer plätscherte Wasser.

»Dennis«, rief sie, »beeil dich, Oma ist gleich da.«

Sie spähte aus dem Küchenfenster.

Der morgendliche Berufsverkehr rauschte am Haus vorbei. Ein Mehrtonner brachte den Boden zum Beben.

Aus dem Plattenbau gegenüber kamen drei Halbstarke, ihre Hände in den Taschen ihrer Jogginghosen, ihre Köpfe unter Kapuzen, aus denen Zigarettenqualm hervorkräuselte.

Suse drückte die Wahlwiederholung ihres Handys.

The person you have ...

Sie trennte die Verbindung, scrollte durch das Adressbuch ihres Telefons auf der Suche nach Jaquies Freundin. Wie war noch gleich deren Name? Uta? Ulla? Nein, Urte! Sie fand eine Festnetznummer.

»Bei Wagner«, meldete sich Urtes Mutter.

»Ich bin's, Susanne Pirnatt, Jaquies Mutter.«

»Oh, hallo, Frau Pirnatt.«

»Hat Jaquie letzte Nacht vielleicht bei Urte übernachtet?«, fragte Suse.

»Äh«, machte Urtes Mutter, »nein.«

»Aber gestern Mittag, da war sie bei ihr, oder?«

»Ja, gestern nach der Schule. Abends ist sie dann aber los, wollte noch kurz was Wichtiges erledigen und dann nach Hause. Ist sie nicht bei Ihnen?«

Suse legte auf. Sie hatte eine Ahnung, was ihre Tochter am Abend noch Wichtiges zu erledigen gehabt oder vielmehr zu wem es sie verschlagen hatte. Das machte sie nur noch wütender. Hatte sie Jaquie nicht ausdrücklich erklärt, dass sie nicht –

»Mama«, Dennis stand in der Diele, »krieg ich ...«

»Verflixt, Dennis!«

Er zuckte erschrocken zusammen. Er war nackt bis auf seine Unterhose. Von seiner Hand baumelte sein pitschnasser Minion. Eine Pfütze bildete sich um seine Füße.

Die Türklingel rasselte. Rasch ließ Suse ihre Mutter herein.

Diese blickte konsterniert auf Dennis herab. »Aber Junge, was stehst du hier pitschnass im Schlüpfer herum?«

»Er sollte sich waschen«, sagte Suse.

»Also wirklich, wie kannst du ihn ...«

»Mama, jetzt nicht!« Suse schob Dennis ins Bad und gab ihm ein Handtuch. »Abtrocken, anziehen, aber flott!«

»Kann Oma ...«

»Nein, kann sie nicht!«

Ihre Mutter beäugte unterdessen das Durcheinander in der Küche. »Wann hast du hier das letzte Mal aufgeräumt, Suse?«

In ihre Frage mischte sich Sirenengeheul. Vor dem Haus raste ein Polizeiauto vorbei. Ein Stück die Straße rauf suchten die Teenager in einer heruntergekommenen Bushaltestelle Schutz vor dem Regen. Ein junges Mädchen gesellte sich zu ihnen.

»Da!«, sagte Suse und wirbelte herum.

»Suse«, ihre Mutter folgte ihr in die Diele, »was ist denn los?«

Suse schlüpfte in ihre Schuhe. »Da ist Jaquie!«

Vier

Vier

Frei erklomm knarzende Stufen in die erste Etage.

»Was meinte der Manager damit?« Albers vertilgte den letzten Rest ihrer Mohrrübe. »Mit der Baustelle?«

»Die Spurensicherung war letzte Nacht gründlich.«

»Das ist sie doch immer.«

»Diesmal noch etwas mehr als sonst.«

»Hm, habe ich hier irgendwas nicht mitbekommen?«

Frei betrat den Flur – ein fensterloser, schummeriger Schlauch, spärliches Licht betagter Wandleuchten, ein knirschender Sisalläufer.

»Wärst du so liebenswürdig«, Albers gähnte, »mir zu erklären, weshalb du die Spurensicherung letzte Nacht ein zweites Mal durch das Zimmer gejagt hast.«

Zimmer Nummer 4 lag am Ende des Gangs. Zwischen Tür und Angel pappte ein neues Polizeisiegel.

»Louisa«, Frei blieb stehen, »wie viel Stunden hast du letzte Nacht geschlafen?«

»Drei, vielleicht vier …«, erwiderte Albers. »Aber hey, im Vergleich zu den vorherigen Nächten ist das schon eine Menge.«

»Das geht also schon länger so?«

»Eine Weile.«

»Ist euer Kleiner krank?«

»Nein. Sagt zumindest der Arzt.«

»Und warum schreit er?«

»Na hör mal, haben eure Kinder das in dem Alter nicht gemacht?«

»Selbstverständlich. Vor allem Benni, jahrelang«, sagte Frei. »Und wie du weißt, macht er das manchmal sogar noch heute. Stundenlang schreien.«

Sein Sohn Benedikt litt am Asperger-Syndrom. Das Gedächtnis des Achtjährigen mochte enorm sein, sein logisches Denken dem anderer Kinder seines Alters weit voraus. Dagegen waren seine Interessen und sein soziales Verhalten engen Grenzen unterworfen.

»Entschuldige«, sagte Albers, »daran habe ich nicht gedacht. Aber das alles ist so ... Ach, ich weiß auch nicht, ich bin einfach nur müde.« Sie zeigte zur Tür. »Was ist? Wollen wir oder nicht?«

Frei brach das Siegel und betrat das Zimmer. Sein erster Blick galt dem Bad.

»Ah«, machte Albers, »das hat er gemeint.«

Das Handwaschbecken war abmontiert, die Fliesen aus der Badewannenumrandung geschlagen, die Abflussrohre auseinandergenommen.

»Was haben die Kollegen der Spurensicherung gesucht?«, fragte Albers.

»Die interessantere Frage ist: Haben sie etwas gefunden?«

»Und – haben sie?«

»Sie melden sich.«

»Hätten sie dich nicht längst informiert?«, fragte Albers.

Achselzuckend schaltete Frei sein Handy auf lautlos. Dann verschloss er die Badezimmertür.

Kurz vor 10.

Seine volle Aufmerksamkeit galt nun dem Schlafzimmer – ein kleiner, pseudo-rustikaler Raum mit einem pseudo-rustikalen Tisch, zwei ebensolchen Sesseln, einem Kleiderschrank und zwei Nachttischen. Einziges Schmuckelement waren zwei billige Gemälde, die galoppierende Gäule zeigten, ein kleines neben dem Fenster zur Straße, ein etwas größeres über dem Doppelbett.

Alles sah aus wie bei ihrem ersten Besuch hier vor fünf Tagen – einzig die Frau fehlte.

Das polnische Zimmermädchen hatte sie am Mittag, kurz nach halb 1, auf der rechten Betthälfte entdeckt, eine halbe Stunde, nachdem sie hätte auschecken müssen. Sie schien noch zu schlafen. Weil sie auf die Zurufe der Reinigungskraft nicht reagierte, hatte diese genauer hingeschaut und Strangulationsmale am Hals der Frau entdeckt.

Schon bei den ersten Überprüfungen hatte sich herausgestellt, dass der Name der Toten und die Adresse, die sie ins Meldeformular eingetragen hatte, falsch waren. Der Ausweis, den man in ihrer Handtasche fand, wies sie als Sina Weinstein aus, Mutter zweier Kinder, Ehefrau des bekannten TV-Pfarrers Franz Weinstein.

Traditionelle Familie als Leitbild erhalten!

Wie ernst man im Hause Weinstein die eigenen Parolen nahm, wurde in der Öffentlichkeit heiß diskutiert, seit die Presse nicht nur vom Mord an der Dame des Hauses Wind bekommen hatte, sondern auch von ihrem ominösen Aufenthalt im Brendt's Hotel.

Albers studierte die ersten Seiten ihrer Aktenmappe, dann entnahm sie ihr einige Tatortfotos und breitete sie auf dem Tisch aus.

Noch ehe sie zu einer Erklärung ansetzen konnte, schob Frei die Bilder in gerader Linie zur Tischkante, in vier parallele Spalten, drei parallele Reihen.

Albers kämpfte gegen ein Gähnen. »Kann ich jetzt?«

»Bitte«, sagte Frei.

»Herr Brendt, der Hotelmanager, hat zu Protokoll gegeben, Sina Weinstein habe am Abend vor sechs Tagen gegen 19 Uhr bei ihm eingecheckt – ohne Begleitung.«

»Die Glaubwürdigkeit seiner Aussage ist … fragwürdig.«

»Allerdings deckt sie sich mit der eines Schweizer Ehepaares, das um die gleiche Zeit von einer Stadtrundfahrt zurückgekehrt ist. Sina Weinstein sei mit ihnen die Treppe hochgelaufen – allein.«

»Wurde sie oben erwartet?«

»Der Manager schwört Stein und Bein, er hätte mitbekommen, wenn eine fremde Person das Hotel betreten hätte.«

»Wie gesagt«, erwiderte Frei, »seine Aussage ist mit Vorsicht ...«

»Richtig«, unterbrach ihn Albers, »aber wieso sollte er lügen?«

»Weil er der Mörder ist.«

»Er hat das Hotel kurz nach 19 Uhr verlassen, blieb bis kurz vor Mitternacht bei einem Kegelabend. Es gibt mehr als ein Dutzend Zeugen, die das bestätigen.«

»Möglicherweise war einer der Gäste der Mörder.«

»Auch das nicht, es waren ...« Albers warf einen Blick in die Akte. »Fünf der neun Hotelzimmer waren belegt. Aber keiner der Gäste hielt sich zum Tatzeitpunkt im Haus auf.«

»Bis auf das Schweizer Ehepaar.«

»Nein, auch das nicht. Die beiden haben geduscht, ihre Kleidung gewechselt und sich anschließend für den Rest des Abends mit Freunden in einem Restaurant in Charlottenburg getroffen. Die Freunde haben das bestätigt.«

»Folglich ist der Mörder später eingetroffen.«

»Offensichtlich, und ebenso klar ist, dass Sina Weinstein ihm Zutritt zum Hotel verschafft hat.«

»Wie kommst du darauf?«

»Wie gesagt, die Rezeption ist lediglich bis 19 Uhr besetzt. Danach hat nur Zutritt zum Hotel, wer im Besitz eines Schlüssels ist. Da es weder am Hauseingang noch an der Tür von Zimmer Nummer 4 Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen gibt, können wir davon ausgehen, dass Sina Weinstein bis zu ihrem Tod – laut Obduktionsbericht zwischen 21 und 22 Uhr –, noch mindestens einmal das Zimmer verlassen hat, um ihren Mörder ins Haus zu lassen.«

»Wurde sie angerufen?«

»Nein, das hat unser Check der Anruflisten sowohl vom Zimmertelefon als auch ihres Handys ergeben.«

»Demnach war sie verabredet«, stellte Frei fest.

Albers nickte. Ihr Pferdeschwanz hüpfte. »Was wiederum bedeutet, dass sie ihren Mörder gekannt hat.«

»Der Ehemann?«

»Kann es nicht gewesen sein. Franz Weinstein hat ein Alibi. Er war mit seinem Schwager Bruno Chinski, dem Bruder seiner Frau, in der Oper.«

»Die er zwischenzeitlich verlassen haben kann. Die Oper liegt nicht allzu weit entfernt und die Aufführung ging bis 23 Uhr – hinreichend Zeit, um zum Hotel zu gelangen und wieder zurück.«

»Durchaus möglich«, sagte Albers. »Allerdings hätte dann sein Schwager Bruno Chinski gelogen.«

Frei rief sich die Befragung in Erinnerung. »Fandest du sein Verhalten nicht auch seltsam?«

»Na ja, er hatte gerade vom Mord an seiner Schwester erfahren. Da ist jeder erst einmal durch den Wind.«

»Da war noch etwas anderes als nur Schock und Trauer.«

»Mag sein, aber wir haben zur Sicherheit sowohl bei Chinski als auch Weinstein Fingerabdrücke und eine DNA-Probe genommen. Es gibt keine Überstimmung mit den Spuren, die die Kriminaltechniker auf dem Hotelzimmer gesichert haben.«

»Welche konkreten Spuren haben sie sichern können?«, fragte Frei.

»Na ja«, Albers holte Luft und überflog einige Seiten in der Akte, »es gibt Spuren, Fingerabdrücke, Haare, Schuppen, Fasern, aber die sind mindestens einige Tage, der Großteil sogar Wochen alt, und fast alle an den Wänden, in den Ecken, an den Rändern. Es scheint, als sei der Täter nicht nur sehr umsichtig vorgegangen, möglicherweise hat er das Hotelzimmer nach seiner Tat sogar gesäubert. Bislang zumindest wurden keinerlei Spuren gesichert, die direkt der Tat beziehungsweise dem Täter zuzuordnen sind.«

»Gibt es einen Hinweis darauf, was Sina Weinstein in dem Hotel zu suchen hatte?«

»Das liegt auf der Hand.«

»Tatsächlich?«, fragte Frei.

Albers atmete durch. »Zuerst einmal: das Hotel. Eine billige Absteige, deren Rezeption nur bis 19 Uhr besetzt ist.«

»Das kann alles Mögliche bedeuten.«

»Dann: Es gibt keine Sicherheitskameras an der Rezeption, auf der Treppe oder auf den Fluren der oberen Stockwerke.«

»Auch kein Beweis.«

»Und wer bar bezahlt, muss seine wahre Identität und Herkunft nicht preisgeben.«

»Immer noch kein Beweis!«, beharrte Frei.

Albers ächzte. »Aber eine verdammt lange Indizienkette. Das Hotel ist der perfekte Ort für eine Affäre. Möglicherweise hatte Sina Weinstein sie beenden wollen, jetzt, da ihr Ehemann zunehmend in der Presse auftauchte.« Sie blätterte durch die Akte, bis sie auf einige Zeitungsausschnitte stieß.

Kampf für das bewährte, traditionelle Familienbild! Ein weiteres Interview mit Franz Weinstein.

»Aber ihr Liebhaber akzeptierte die Trennung nicht«, fuhr Albers fort, »und strangulierte sie mit einem Stahlseil.«

»Reine Spekulation, tut mir leid. Hatte sie Sex?«

»Scheiße, nein«, schnaubte Albers entnervt.

Frei schob ihre Reaktion auf die Müdigkeit. Für gewöhnlich verlor sie nicht so rasch die Beherrschung.

Draußen legte der Regen an Heftigkeit zu. Regentropfen klatschten gegen die Fensterscheibe.

»Entschuldigung«, murmelte Albers und beugte sich über die Tatortfotos auf dem Tisch. »Laut Obduktionsbericht deutet nichts darauf hin, dass sie vor ihrem Tod Sex hatte, aber ...«

»Es gab einen Kampf.«

»Richtig, die Gerichtsmedizin hat Abwehrspuren festgestellt«, Albers tippte auf zwei Close-ups, »einen abgebrochenen Fingernagel, eine Prellung an der Hüfte, aber ...« Seufzend wartete sie, bis Frei die verrutschten Bilder wieder zurück an Ort und Stelle geschoben hatte. »Aber danach hat der Mörder ihre Leiche in der Badewanne gewaschen, sie von Kopf bis Fuß eingeseift, ihr die Nägel gesäubert, ihr die Haare gekämmt, ihre Haut mit Bodylotion eingecremt und sie zum Schluss nackt auf dem Bett drapiert.«

»Also hat er seine Spuren entfernt.«

»Das wäre eine Möglichkeit. Die andere, schlüssigere –« Albers' Handy klingelte. »Das ist Charlie.«

Frei holte sein eigenes Telefon hervor.

10.33 Uhr.

Vier Anrufe hatte er verpasst, keiner mit Mailboxnachricht.

Der erste Anruf war von Oskar Marek gewesen, einem alten Freund. Mehr oder weniger. Die anderen von Charlie.

»Charlie«, Albers nahm den Anruf entgegen, »wo steckst du?«

Frei blendete ihre Stimme aus, konzentrierte sich wieder auf den Fall.

Die andere Erklärung für das Arrangement der toten Sina Weinstein war ein starkes Schuldgefühl.

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Mörder nach der Tat seine Reue durch einen innigen, respektvollen Umgang mit der Leiche zum Ausdruck brachte. Allerdings verriet er auf diese Weise auch, dass er in einer persönlichen, meist intimen Beziehung zu seinem Opfer gestanden hatte.

Albers hatte recht, alles deutete auf das tragische Ende einer Affäre hin. Aber gänzlich überzeugt war Frei nicht.

Seine Kollegin beendete das Telefonat. »Charlie sagt, wir sollen nach Spandau kommen. Heerstraße-Nord. Er hat da was entdeckt.«

»Hat es mit unserem Fall zu tun?«

»Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt ein Fall für uns ist.«

»Was soll das heißen?«

»Dass ich nicht wirklich verstanden habe, worauf Charlie hinauswollte. Er klang sehr aufgebracht.«

Frei stellte sein Handy wieder auf laut. Während seine Kollegin die Fotos vom Tisch klaubte, rekapitulierte er ihren Wortwechsel.

Er hatte ihre Schlagabtäusche schätzen gelernt. Er konnte nicht sagen, wann genau sie damit begonnen hatten – mit den Jahren hatten sie sich wie von selbst eingespielt. Seither nahmen sie während ihrer Ermittlungen stets klar verteilte Rollen ein: Albers, die als Klägerin die Indizien, Spuren und Verdachtsmomente ins Feld führte. Er als Verteidiger, der zweifelte, hinterfragte, widerlegte.

Tatsächlich entdeckten sie dabei manches Mal Fehler in ihrer Arbeit, Lücken, nicht selten neue Ermittlungsansätze. Diesmal allerdings – nichts.

Nur ein latentes Unbehagen, das auch dann nicht verschwinden wollte, als sie das Hotel verließen.

Fünf

Fünf

Suse rannte durch den Regen. Schon nach wenigen Metern war sie bis auf die Haut durchnässt. Das Wasser brannte in ihren Augen. Sie blinzelte es weg. Fast übersah sie ein Auto, das aus der Querstraße schoss. Mit einem Hupen raste es an ihr vorbei. Sie überquerte den Pillnitzer Weg.

Als sie die Bushaltestelle erreichte, war ihre Tochter verschwunden. Nur die Halbstarken hingen unter dem verkratzten Häuschen herum. Aus einem Handy pumpte Hip-Hop. Eine Kippe machte die Runde.

»Wo ist Jaquie?«, fragte Suse.

Die Typen starrten auf ihre Brustwarzen, die durch das klatschnasse T-Shirt förmlich herausstachen.

»Habt ihr euch endlich sattgesehen?«, fauchte sie.

Die Jungs grinsten.

»Wo ist sie hin?«

»Wer?«, murmelte einer von ihnen unter seiner Kapuze hervor.

»Jacqueline!«

»Wer ist Jacqueline?«

»Meine Tochter!«

»Kenn' ich nicht.«

»Sie war aber hier. Gerade eben.«

»Hier?« Der Typ nahm einen Zug von der Kippe. »Nee, hier war niemand.« Das Grinsen unter der Kapuze strafte ihn Lügen.

Suse schlug ein süßlicher Geruch entgegen. »Ich weiß, was ihr hier macht.«

»Wir warten auf den Bus.«

»Klar, und ich auf den Weihnachtsmann.«

Der Typ griente breit.

»Verflixt, wo ist sie hin!«, blaffte Suse.

Das Kapuzenshirt schrak zurück. Er deutete zum Magistratsweg.

Regenwasser quoll aus den maroden Abwasserkanälen, füllte die Schlaglöcher am Rinnstein. Autos spritzten Fontänen über den Bürgersteig.

Ein Stück voraus lief ein junges Pärchen. Jacqueline! Natürlich, was auch sonst: Ihre Tochter war wieder mit diesem Typen unterwegs. Sie hastete los. »Jaquie!«

Die beiden taten, als hätten sie Suse nicht gehört.

»Na warte«, keuchte Suse, verschluckte sich, hustete. Ihr Puls raste. Sie hetzte hinterher. Keine drei Tage waren vergangen, seit sie ihrer Tochter zu verstehen gegeben hatte – unmissverständlich eigentlich –, dass sie ihr den Umgang mit diesem Jungen nicht erlaubte. Und jetzt?

Jaquie ignorierte sie, schlimmer noch, sie legte mit diesem Kerl an Tempo zu, als wollte sie Reißaus nehmen. Verflixt, in letzter Zeit war sie nur noch auf Krawall gebürstet, als gäbe sie ihrer Mutter die Schuld an ihrer erbärmlichen Situation.

Zornig platschte Suse durch eine Pfütze. Mit schmatzenden Schuhen lief sie weiter, vorbei an den Plattenbauten, hässlicher, grauer Beton, soweit das Auge reichte.

Mit jedem Schritt, den sie tat, wuchs Hass in ihr – auf dieses Viertel, seine Bewohner, die Arbeitslosen, Ausländer, Halbstarken und Kriminellen. Sie hatte niemals in die Heerstraße-Nord ziehen wollen, doch nirgendwo waren die Mieten so billig. Etwas anderes konnte sie sich schlicht nicht leisten, nicht seit ihr Ex-Mann sie verlassen hatte.

Sie gelangte zur Heerstraße, schaute nach rechts. Eine Lücke im Verkehr. Suse eilte über die Kreuzung.

Wenn hier irgendwer schuld war, dann Jaquies Vater. Dieses Arschloch! Wenn er nicht –

Eine Hupe dröhnte laut in ihren Ohren. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Bremsen quietschten. Ein Wagen schlidderte über den nassen Asphalt. Suse hielt die Luft an, schloss die Augen.

Doch der Aufprall blieb aus. Nur ein zorniges Gehupe erscholl.

Suse öffnete die Augen. Die Stoßstange war nur wenige Zentimeter vor ihrem Unterschenkel entfernt. Erleichtert schnappte sie nach Luft. Ihr Herz schlug hinauf bis zum Hals.

Zwischen den Bäumen am Straßenrand sah sie eine Bewegung.

Suse lief weiter. »Jaquie, bleib stehen!«

Ihre Tochter reagierte nicht.

»Jacqueline, verflixt!« Endlich hatte sie die beiden Teenager eingeholt. Sie packte Jaquies Schulter und riss sie herum.

Sie schaute in ein erschrockenes, völlig fremdes Gesicht.

»Hey«, schnauzte das Mädchen, »hackt's bei dir?«

Um Atem ringend schaute Suse sich um.

Vereinzelt waren Leute unterwegs, kämpften mit ihren Schirmen gegen den Wind und den Regen. Unter dem Vordach eines Spätis hingen zwei, drei verlotterte Gestalten. In den kargen, verwahrlosten Grünsteifen lagen zerschlagene Bierflaschen, Plastiktüten, anderer Müll. Ein Verteilerhäuschen war mit kruden Graffitis übersät. Die Stadt wollte die Gegend aufhübschen, aber das hatte sie schon vor Ewigkeiten versprochen. Getan hatte sich nichts.

Jaquie war nirgends zu sehen.

Ein Lkw bretterte durch ein Schlagloch. Eine Wasserfontäne ergoss sich über Suse.

Fluchend trat sie den Rückweg an.