Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung? - Timo Strömer - E-Book

Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung? E-Book

Timo Strömer

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Beschreibung

Diplomarbeit aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik, Note: 1,7, Georg-August-Universität Göttingen, Sprache: Deutsch, Abstract: Im Jahr 1986 feierte die Sportberichterstattung in Deutschland ihren 100. Geburtstag , doch statt mit Glückwünschen begegnete die Wissenschaft dem Sportjournalismus mit zum Teil heftiger Kritik , die bis heute anhält. Die Berichterstattung im Sport sei emotional aufgeladen, superlativistisch überbewertet, stereotypisch und neige zur Starkultivierung, um nur eine kleine Auswahl der Kritikpunkte am Sportjournalismus zu nennen. Die Beanstandungen lassen sich dabei unter einem übergeordneten Vorwurf zusammenfassen: Die Sportberichterstattung (TV, Hörfunk, Print, Internet) weise regelmäßig Kennzeichen des Boulevardjournalismus auf. Josef Hackforth, Leiter des Lehrstuhls Sport, Medien und Kommunikation an der technischen Universität München, stellte 2000 in seinen zehn Thesen zur Sportberichterstattung im dritten Jahrtausend die Behauptung auf, „die Boulevardisierung der Sportberichterstattung wird weiter zunehmen.“. Die Aussage impliziert, dass es bereits einen Trend gebe, wonach die Sportberichterstattung sich dem Boulevardjournalismus annähre, beziehungsweise bereits angenähert habe. Die in der Literatur vorzufindenden Ausführungen zum (zunehmenden) Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung weckten das Interesse des Autors dieser Arbeit, die sich im weiteren Verlauf mit dem folgenden Thema auseinandersetzt: Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung? – Die Spielberichterstattung von Werder Bremen in der Fußball-Bundesliga-Saison 2007/2008. Ein inhaltsanalytischer Vergleich der Spielberichte ausgewählter Medien. Das Forschungsinteresse besteht darin, die Spielberichte der Punktspiele von Werder Bremen in der Bundesliga-Saison 2007/2008 in ausgewählten Medien auf Boulevardaspekte hin zu untersuchen und miteinander zu vergleichen. Dies scheint insofern interessant, da die Spielberichte als Basis der Fußball-Berichterstattung verstanden werden dürfen, schließlich ist es deren Funktion, den Rezipienten über die wichtigsten Ereignisse eines Fußballspiels objektiv und sachlich zu informieren. Es stellt sich die Frage, ob sogar die Spielberichte - als Informationsbasis für den Fußballjournalismus – Kennzeichen aufweisen, die für einen Boulevardjournalismus sprechen. Die Auswahl der Medien beinhaltet eine Boulevardzeitung, eine überregionale Tageszeitung, eine regionale Tageszeitung sowie die Homepage des Fußball-Bundesligavereins Werder Bremen.

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Inhaltsverzeichnis

 

I Theoretischer Diskurs: Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung - der Spielbericht im Fokus. Einordnung, Bedingungen, Boulevardaspekte.

1. Einleitung

2. Boulevardjournalismus auf dem Vormarsch: Sportberichterstattung im Wandel

2.1 Definition Boulevardjournalismus

2.2 Veränderte Bedingungen für den Sportjournalismus

2.3 Die Rolle des Sportjournalisten im Wandel

2.4 Die Konstante: Ethik in der Sportberichterstattung

3. Der Spielbericht im Fokus: Charakteristika und Abgrenzungen

3.1 Historische Einordnung

3.2 Der Bericht als journalistische Darstellungsform

3.3 Besondere Merkmale des Spielberichts

4. Emotionalisierung der Spielberichterstattung als Indiz für Boulevardjournalismus

4.1 Sensationalisierung

4.2 Personalisierung

4.3 Visualisierung

5. Themensetzung in der Spielberichterstattung

5.1 Gate-Keeper-Prozesse

5.2 Einfluss der Nachrichtenfaktoren

5.3 Agenda Setting

6. Zwischenfazit: Zusammenfassung des Theorieteils

II Inhaltsanalyse: Vergleich der Boulevardaspekte in der Spielberichterstattung von Werder Bremen in der Fußball-Bundesliga-Saison 2007/2008 in den Medien „Bild“, „Süddeutsche Zeitung“, „WeserKurier“ und „Werder.de“.

7. Theoretische Einordnung der Untersuchungsobjekte

7.1 Die „Bild“

7.2 Die „Süddeutsche Zeitung“

7.3 Der „Weser-Kurier“

7.4 „Werder.de“

8. Methodik der Inhaltsanalyse

8.1 Inhaltsanalyse als empirische Methode

8.2 Validität und Reliabilität

9. Operationalisierung, Design, Datengrundlage

10. Forschungsfragen und Hypothesenbildung

11. Ergebnisse

11.1 Sprachliche Ebene

11.2 Inhaltliche Ebene

11.3 Optische Ebene

11.4 Boulevardjournalismus auf drei Ebenen

12. Zusammenfassung der Ergebnisse

12.1 Forschungsfragen im Fokus

12.2 Fazit

III Anhang: Literaturverzeichnis, Tabellenübersicht, Codebuch, Grad des Boulevardstils, Intra-Coder-Reliabilität, Codierbogen.

Literaturverzeichnis

Tabellenübersicht

Codebuch

Intra-Coder-Reliabilität

Codierboqen

 

I Theoretischer Diskurs: Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung - der Spielbericht im Fokus. Einordnung, Bedingungen, Boulevardaspekte.

 

1. Einleitung

 

Im Jahr 1986 feierte die Sportberichterstattung in Deutschland ihren 100. Geburtstag[1], doch statt mit Glückwünschen begegnete die Wissenschaft dem Sportjournalismus mit zum Teil heftiger Kritik[2], die bis heute anhält. Die Berichterstattung im Sport sei emotional aufgeladen, superlativistisch überbewertet, stereotypisch und neige zur Starkultivierung, um nur eine kleine Auswahl der Kritikpunkte am Sportjournalismus zu nennen.[3] Die Beanstandungen lassen sich dabei unter einem übergeordneten Vorwurf zusammenfassen: Die Sportberichterstattung (TV, Hörfunk, Print, Internet) weise regelmäßig Kennzeichen des Boulevardjournalismus[4] auf. Josef Hackforth, Leiter des Lehrstuhls Sport, Medien und Kommunikation an der technischen Universität München, stellte 2000 in seinen zehn Thesen zur Sportberichterstattung im dritten Jahrtausend die Behauptung auf, „die Boulevardisierung der Sportberichterstattung wird weiter zunehmen.“[5]. Die Aussage impliziert, dass es bereits einen Trend gebe, wonach die Sportberichterstattung sich dem Boulevardjournalismus annähre, beziehungsweise bereits angenähert habe. Die in der Literatur vorzufindenden Ausführungen zum (zunehmenden) Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung weckten das Interesse des Autors dieser Arbeit, die sich im weiteren Verlauf mit dem folgenden Thema auseinandersetzt:

 

Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung? - Die Spielberichterstattung von Werder Bremen in der Fußball-Bundesliga-Saison 2007/2008. Ein inhaltsanalytischer Vergleich der Spielberichte ausgewählter Medien.

 

Das Forschungsinteresse besteht darin, die Spielberichte[6] der Punktspiele von Werder Bremen in der Bundesliga-Saison 2007/2008 in ausgewählten Medien auf Boulevardaspekte hin zu untersuchen und miteinander zu vergleichen. Dies scheint insofern interessant, da die Spielberichte als Basis der Fußball-Berichterstattung verstanden werden dürfen, schließlich ist es deren Funktion, den Rezipienten über die wichtigsten Ereignisse eines Fußballspiels objektiv und sachlich zu informieren (vgl. Kapitel 3). Der Spielbericht beinhaltet also die essentiellen Informationen zum Spielgeschehen, um dessen Gerüst die Masse der fortführenden Geschichten zum Fußballalltag gestrickt werden. Es stellt sich die Frage, ob sogar die Spielberichte - als Informationsbasis für den Fußballjournalismus - Kennzeichen aufweisen, die für einen Boulevardjournalismus sprechen.

 

Eine umfassende Medienanalyse wird in dieser Arbeit nicht durchgeführt. Die vorliegenden Ausführungen beschränken sich auf Spielberichte (Sportberichterstattung) aus dem Print- und Onlinejournalismus, demzufolge auf Erzeugnisse in Wort und Schrift. Des Weiteren befasst sich die Analyse mit den Spielberichten ausgewählter Presseprodukte und es wurden keine Vergleichszeiträume erhoben. Die Auswahl der Medien beinhaltet eine Boulevardzeitung, eine überregionale Tageszeitung, eine regionale Tageszeitung sowie die Homepage des Fußball-Bundesligavereins Werder Bremen. In diesen Medien werden die Spielberichte auf Boulevardaspekte untersucht. Die Entscheidung, Werder-Spielberichte zu untersuchen, begründet sich mit dem großen Medieninteresse an dem Bremer Fußballverein. Die Spiele von Werder Bremen, als einer der Topklubs in der Bundesliga, finden auch überregional große Beachtung in der Presse und bieten sich somit für diese Forschung an.

 

Obwohl der Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung in der wissenschaftlichen Literatur zunehmend thematisiert wird, existieren kaum Forschungen zu diesem Themenkomplex. Einige Arbeiten beschäftigen sich mit der Boulevardisierung des Sports in der TV-Berichterstattung. Arbeiten, die sich mit Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung auseinandersetzen und sich auf den Print - respektive Onlinejournalismus beziehen sind dagegen rar. Grundsätzlich lässt sich festhalten: „Bisher gibt es noch kaum Analysen über den Wandel der Sportberichterstattung in der Presse.“ [7] Dennoch lassen sich Arbeiten finden, die sich mit Boulevardaspekten in der Print-Sportberichterstattung und sogar explizit mit dem Fußballsport befassen. Exemplarisch werden hier die Werke von Christian Koziara „Alles 'schwarz, rot geil'- oder was?“[8] und von Herdin Wipper „Sportpresse unter Druck. Die Entwicklung der Fußballberichterstattung in bundesdeutschen Printmedien“[9] angeführt. Koziara untersucht in seiner Arbeit die Berichterstattung zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in der „Bild“ und in der „Süddeutschen Zeitung“ auf Boulevardaspekte, Wipper vergleicht die Berichterstattung der Fußball-Weltmeisterschaften von 1990 und 1998 in ausgewählten Printmedien miteinander. Beide Autoren konnten (zunehmende) Boulevardaspekte in der Fußballberichterstattung nachweisen. Forschungen, die Boulevardjournalismus explizit in Spielberichten der Partien eines Bundesligisten zum Untersuchungsgegenstand haben, sind dem Autor nicht bekannt. Demnach ist es sinnvoll, diesem noch unerforschten Themengebiet Beachtung zu schenken.

 

In dieser Arbeit werden die Werder-Spielberichte der Bundesliga-Saison 2007/2008 in jeweils einer Boulevardzeitung („Bild“), einer überregionalen Tageszeitung („Süddeutsche Zeitung“), einer regionalen Tageszeitung („Weser-Kurier“) und auf der offiziellen, vereinseigenen Homepage von Werder Bremen („Werder.de“) mit der Methodik der quantitativen Inhaltsanalyse im Hinblick auf folgende Forschungsleitfragen untersucht und miteinander verglichen.

 

Wie berichten die Boulevardzeitung „Bild“, die überregionale Tageszeitung „Süddeutsche Zeitung die regionale Tageszeitung „ Weser-Kurier “ und die vereinseigene Website „Werder.de“ von den Bundesliga-Spielen mit Beteiligung von Werder Bremen?

 

Präziser: Sind in den Spielberichten der Bundesliga-Partien von Werder Bremen in den untersuchten Medien Aspekte/Indizien vorzufinden, die Boulevardjournalismus in der Spielberichterstattung nachweisen?/Welche Boulevardaspekte treten in Erscheinung?

 

Wie unterscheiden sich die Spielberichte der untersuchten Medien bezüglich des Boulevardjournalismus voneinander? Welche Gemeinsamkeiten bestehen?

 

Mit der quantitativen Datenerhebung sollen Rückschlüsse auf die formale, optische, sprachliche, thematische und inhaltliche Aufbereitung der Spielberichte gezogen und Vergleiche angestellt werden. Die nachstehenden Thesen lassen sich aus dem Forschungsinteresse ableiten:

 

In den Spielberichten aller untersuchten Medien sind Boulevardaspekte auszumachen.

 

Die Spielberichte der „Bild“ weisen, dem journalistischen Selbstverständnis einer Boulevardzeitung entsprechend, im Vergleich die meisten Boulevardaspekte auf, aber auch die Spielberichte der „Süddeutschen Zeitung“, des „ Weser-Kuriers“ und von „ Werder.de“ beinhalten Boulevardaspekte.

 

Die Spielberichte in allen untersuchten Medien entsprechen nicht der Funktion des prototypischen Berichts, über Geschehnisse sachlich und objektiv zu informieren.

 

Selbst in den hauseigenen Spielberichten von Werder Bremen auf der offiziellen Homepage „ Werder.de“ sind auffällig viele Boulevardaspekte vorzufinden und der Verein trägt somit, aufgrund seiner Servicefunktion für die Medien, zum Boulevardjournalismus in der Spielberichterstattung der Tagespresse bei.

 

Die vorliegende Arbeit beinhaltet einen Theorie- und einen Analyseteil. Im ersten Abschnitt wird zunächst der Wandel des Sportjournalismus hin zu einer boulevardesken Berichterstattung beschrieben und Ursachen, Charakteristika und Folgen des Boulevardjournalismus in der Sportberichterstattung aufgezeigt, bevor der Spielbericht, welcher im Fokus der Untersuchung steht, genauer beleuchtet wird. Im Anschluss werden Indizien/Merkmale vorgestellt, anhand derer sich Boulevardaspekte in der Spielberichterstattung festmachen lassen, ehe die Themensetzung, welche Boulevardjournalismus in einem Spielbericht gleichermaßen bedingen kann, beschrieben wird. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Analyse der Spielberichte. Den Forschungsfragen und Thesen entsprechend werden die Ergebnisse der Untersuchung erarbeitet und dargestellt.

 

Die Berichterstattung im Fußballsport weist keine gravierenden Unterschiede zur allgemeinen Sportberichterstattung auf. Demnach gelten die theoretischen Ansätze in der Literatur, die sich vornehmlich mit dem Boulevardjournalismus in der Sport- und eher selten explizit mit der Fußballberichterstattung auseinandersetzen auch für den letzteren Themenkomplex. Soll heißen: Im Theorieteil dieser Arbeit behandeln die Ausführungen oftmals die allgemeine Sportberichterstattung, obwohl ausschließlich der Fußballsport im Fokus der Inhaltsanalyse steht. Diese allgemeinen Ausführungen können aber aus genannten Gründen zweifelsohne auch auf die Fußballberichterstattung bezogen und für diese geltend gemacht werden. Gleiches gilt für den Spielbericht. Spielberichte lassen sich im Sportjournalismus zu verschiedenen Sportarten verfassen, dennoch gibt es keine wesentlichen charakteristischen Unterschiede. Die Ausführungen zum Spielbericht beziehen sich in dieser Arbeit ausschließlich auf Fußball-Spielberichte.

 

2. Boulevardjournalismus auf dem Vormarsch: Sportberichterstattung im Wandel

 

Wer sich wissenschaftlich mit der Sportberichterstattung auseinandersetzt, wird feststellen müssen, dass diese in der Literatur zumeist kritisch betrachtet wird. Allen voran der Wandel von einer informationsbasierten hin zu einer emotionalisierten, unterhaltungsorientierten Berichterstattung steht im Fokus der Kritik. Sport werde zunehmend zu einem Unterhaltungsangebot, die Informationsfunktion rücke in den Hintergrund. Zudem wird beanstandet, dass es sich bei Mediensport um selektierten Spitzensport handle, der häufig ereigniszentriert und dramatisiert präsentiert werde. Sport sei eine Show, die Sportler seien Showstars. Der Mediensport werde dabei von Männern dominiert, die einen nationalen Bezug aufweisen.[10] Die Hintergrundberichterstattung werde vernachlässigt und die Journalisten würden sich vermehrt einer emotionalen Sprache bedienen, vermehrt auf visuelle Reize setzen und die notwendige Distanz zum sportlichen Geschehen vermissen lassen. Fakten und Meinung würden sich vermischen. Der Mediensport sei insgesamt selektiert und inszeniert, er verzerre die Realität.[11] Damit einhergehend stellt sich die Frage, inwiefern die Sportberichterstattung ihrer primären Funktion, der Informationsvermittlung, noch Rechnung trägt. „Kritisiert wird in vielen Fällen die Qualität der Sportberichterstattung, und die ihr zugedachte aber offensichtlich nicht erfüllte Aufgabe, [...] umfassend , wahrhaftig und hintergründig reportierend und analysierend über den Sport zu informieren.“[12]

 

Trends, die dem Vorbild des Boulevardjournalismus entsprechen. Es ist eine Entwicklung auszumachen, dass die Sportberichterstattung in allen Medien zunehmend boulevardisiert wird. Auch in Printmedien findet eine Boulevardisierung [13] Eingang. Vor allem die Personalisierung, die Orientierung an Stars hat merklich zugenommen. Sport wird zunehmend als Unterhaltungsware verstanden, das mit Emotionen aufgeladene Produkt wird für den Rezipienten interessant aufbereitet. Der Sport wird als populäres Angebot mit dramatischen Schlagzeilen angepriesen. Oft wird dabei die Verpackung wichtiger genommen als der Inhalt, oberflächliche Berichterstattung ist die Folge.[14] Hintergrund und Analyse sind weit weniger präsent als „Entertainisierung von Ereignissen“ und „bunte Geschichten“.[15] Festzuhalten bleibt: „Inhalt und Form der Sportberichterstattung - auch die der sogenannten seriösen Presse sind stark am Boulevard-Vorbild orientiert.“[16]

 

Bevor nun der Wandel der Sportberichterstattung hin zum Boulevardjournalismus detailliert beschrieben wird, beziehungsweise aufgezeigt wird, welche Faktoren den Wandel der Sportberichterstattung hin zu einer, am Boulevardjournalismus orientierten, Sportberichterstattung bedingen, soll Boulevardjournalismus zunächst definiert werden.

 

2.1 Definition Boulevardjournalismus

 

„Zur Boulevardpresse, Klatschpresse (englisch: "yellow press”) gehören regelmäßig erscheinende Zeitungen und Zeitschriften, die vorwiegend auf der Straße ("Boulevard") verkauft werden, also nicht im Abonnement vertrieben werden. Diese zeichnen sich durch eine betont sensationelle Aufmachung, große Überschriften, großflächige Fotos, auffällige Farben und plakative Schlagzeilen aus, welche sowohl die Aufmerksamkeit des Lesers sichern und somit zum Kauf anregen sollen. Sie wollen den Leser durch schockierende Stories ansprechen und bedienen sich häufig einer einfachen und sehr direkten Ausdrucksweise, in der nicht selten Elemente der Umgangs- und Vulgärsprache wiederzufinden sind. Aufmachung und Sprache wollen Neugier, Sensationshunger und Nervenkitzel bei den Lesern wecken und befriedigen, um diese so immer wieder zum Kauf der Zeitschrift/Zeitung anzuregen.“[17] So wird Boulevardjournalismus im Online-Lexikon „Calsky“ definiert. In der wissenschaftlichen Literatur wird Boulevardjournalismus zudem eng mit den Begriffen Boulevardisierung und Tabloidization verbunden, welche den Prozess der Zunahme von Boulevardelementen respektive die Annährung der seriösen Presse an die Boulevardpresse beschreiben.

 

Laut Hoffmann sind Sensationalismus, Personalisierung, Negativismus und Emotionalität wesentliche Merkmale des Boulevardjournalismus. Des Weiteren tritt neben die Informationsfunktion die Unterhaltungs- und Servicefunktion. Sogenannte Soft News, Neuigkeiten mit unterhaltendem Wert, sind oft Gegenstand des Boulevardjournalismus. Informationen werden „bunt“ aufbereitet, Information und Unterhaltung vermischen sich zu Infotainment (engl. Information und Entertainment).[18]

 

Koziara betont, dass im Boulevardjournalismus keine deutliche Trennung von Fakten und Meinung erkennbar ist und dieser auf drei Ebenen, der inhaltlichen, sprachlichen und optischen Ebene, präsent sein kann. Inhaltliche Elemente des Boulevardjournalismus sind die Bevorzugung von Human-Interest-Themen [19], die Personalisierung (Fokussierung auf Themen, die einzelne (prominente) Personen und deren Handlungen zum Gegenstand haben), das Publizieren von unterhaltenden Begebenheiten, die oberflächliche, unzulängliche Hintergrundberichterstattung, die (ungeprüfte) Übernahme von Agenturmeldungen sowie die Einbeziehung des persönlichen Standpunktes des Journalisten beziehungsweise des Standpunktes des publizierenden Mediums. Inhaltlicher Boulevardjournalismus existiert ebenso, wenn Geschehnisse dramatisiert, übertrieben und/oder unverhältnismäßig sensationell aufbereitet werden. Sprachlicher Boulevardjournalismus ist durch die Verwendung einer emotionalen, einfachen, lockereren und volksnahen Ausdrucksweise gekennzeichnet, die sich Stilmitteln wie Zynismus, Ironie, Satire und Sarkasmus bedient. Auf der optischen Ebene besticht Boulevardjournalismus mit einer plakativen Aufmachung. So werden große Bilder möglichst zahlreich und auffällig in der Berichterstattung platziert, die emotional aufgeladene Momente festhalten. Auffällige Überschriften sind die Regel, Boulevardjournalismus setzt auf visuelle Reize.[20]

 

Den vorangegangenen Ausführungen ist gemein, dass Boulevardjournalismus vornehmlich durch Emotionalisierung, Personalisierung, Sensationsmache und Visualisierung gekennzeichnet ist. Diese Faktoren werden in Kapitel 4 dieser Arbeit ausführlich beleuchtet. Festzuhalten bleibt aber auch, dass die Grenzen zwischen seriösem Journalismus und Boulevardjournalismus fließender geworden sind und eine trennscharfe Unterscheidung schwierig ist. Erich Laaser, Präsident des Verbandes deutscher Sportjournalisten (VDS) stellt dazu fest: „Die Trennung zwischen Boulevardjournalismus und seriösem Journalismus, die es früher viel deutlicher gab, ist heute in der Form nicht mehr vorhanden. Die Grenzen sind fließender geworden, weil auch die sogenannten seriösen Tageszeitungen gemerkt haben, dass ihre Leserschaft sich durchaus für das Privatleben eines Fußballers interessiert, [...]. Das wollen auch die sogenannten seriösen Leser wissen. Das heißt, es wird immer schwieriger für den Sportjournalisten, seinen Platz zu finden und die Abgrenzung zu finden zwischen seriösem Sportjournalismus und Boulevardjournalismus.“[21]

 

Inwiefern diese Abgrenzung in der Spielberichterstattung vorhanden ist, wird im Analyseteil dieser Arbeit noch zu klären sein. Zuvor gilt es herauszustellen, welche Veränderungen im Sportjournalismus, neben dem von Laaser formulierten wachsenden Interesse der Rezipienten an Human-Interest-Inhalten, den Wandel hin zu einer boulevardesken Berichterstattung forcieren.

 

2.2 Veränderte Bedingungen für den Sportjournalismus

 

Sport erfreut sich nach wie vor zunehmender Beliebtheit. Nicht zuletzt die umfangreicher gewordene Freizeit in der Bevölkerung trägt dazu bei, dass das Interesse am Sport in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist. Sportvereine verzeichnen zunehmende Mitgliederzahlen, kommerzielle Sportanlagen werden vermehrt installiert und finden regen Zuspruch. Sportliche Aktivitäten haben sich im gesellschaftlichen Leben etabliert. Diesem Trend können sich auch die Medien nicht entziehen. Im Zuge der wachsenden Bedeutung des Sports ist eine gestiegene Widerspiegelung des Sports in den Medien zu verzeichnen.[22]

 

Sport kommt beim Publikum gut an und insofern ist es wenig verwunderlich, dass die Medien auf das Interesse an Sportberichterstattung reagieren. Neben der TV-Be- richterstattung, die weiterhin expandiert, neue Formate konzipiert und die Sendezeit ausweitet, hat sich auch die Sportberichterstattung in Tageszeitungen als „Leistungsträger“ etabliert. „Für die Bundesrepublik gilt, dass Intensivnutzer von Sportinformationen sich vor allem über das Fernsehen informieren, dass hiervon 60 % sich ebenfalls intensiv über den Sport in Tageszeitungen und 40 % im Rundfunk auf dem Laufenden halten.“[23] Der Sportteil macht in einer Tageszeitung bis zu 20 % aus, bei der „Bild-Zeitung“ aus gegebenen Anlässen sogar bis zu 38 % - Tendenz steigend. Oft wird der Sportteil vom Leser als erstes aufgeschlagen, knapp 50% aller männlichen Leser konsumieren die Sportseiten. Die Sportberichterstattung der Tageszeitungen hat sich in Boulevardblättern ebenso wie in regionalen und überregionalen Zeitungen quantitativ ständig ausgeweitet.[24] Bereits 1988 stellte Bizer fest, dass der Sport für eine Abonnenten-Zeitung zum Boom-Ressort und für eine Boulevard-Zeitung sogar zum unverzichtbaren Verkaufsargument avanciert ist.[25] Sportereignisse und ihre Widerspiegelung in den Medien sind ein Phänomen, das nicht nur gegenwärtig ein Hoch erlebt. Vielmehr zeichnet sich ein Trend ab, wonach Sportberichterstattung eine wachsende Bedeutung, einen immer größer werdenden Raum im Bewusstsein von immer mehr - vornehmlich männlichen - Medienkonsumenten einnimmt.[26]

 

Der Fußballsport hat in dieser expandierenden Sportberichterstattung eine besondere Stellung inne. Keiner anderen Sportart wird ähnlich viel mediale Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Fußball. Sei es im TV, im Hörfunk, im Internet oder in der gedruckten Tagespresse, Fußballberichterstattung nimmt in der an Bedeutung gewinnenden Mediensportagenda eine vormachtähnliche Position ein.[27]

 

Sport und insbesondere Fußball ist folglich auch wegen seiner Wechselwirkung zwischen den Medien und den Rezipienten zu einem bedeutsamen gesellschaftlichen Ereignis gereift, das aufgrund der zunehmenden Publizität und dem damit einhergehenden Werbepotenzial auch für die Wirtschaft an Bedeutung dazu gewonnen hat.[28] Dabei sind Parallelen in der Entwicklung des Spitzensports und der medialen Aufbereitung des Sports deutlich erkennbar. Das Erreichen verbesserter Leistungen beziehungsweise das Herantasten an absolute Leistungsgrenzen führte zu einer gestiegenen (medialen) Popularität des Sports und der Leistungsträger, zu einer Professionalisierung und damit schließlich zu einer Kommerzialisierung.[29]

 

Die Kommerzialisierung schreitet weiter voran. Sport fungiert als Ware, Sport lässt sich gut verkaufen. Sport und Medien als zwei Subsysteme mit einem überdurchschnittlich gewachsenen Kommerzialisierungsgrad instrumentalisieren sich dabei gegenseitig zu einem beiderseitigen ökonomischen Nutzen. Von dieser engen Verbindung profitieren beide Systeme im Idealfall im gleichen Ausmaß. Dies gilt im Besonderen für die Symbiose von Sport und Fernsehen, da die Möglichkeit der direkten oder zeitversetzten Wiedergabe des sportlichen Geschehens besteht und damit der Verkauf und Handel von Übertragungsrechten einhergeht.[30] Der Pay-TV-Sender „Premiere“ zahlt aktuell für die Live-Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga etwa 220 Millionen Euro pro Saison an die Deutsche Fußball Liga (DFL).[31]

 

Der Nutzen der Wechselbeziehung liegt für die Medien auf der Hand. Sportübertragungen erzielen überdurchschnittlich hohe Reichweiten, Sport wird gerne und viel rezipiert (s.o.). Dadurch lassen sich die Werbeerträge des Anbieters steigern, der Anbieter selbst steigert seine Attraktivität im Werbemarkt und gegenüber den Konsumenten. Im Pay-TV-Bereich fungiert der Sport als wichtigstes Argument für ein Abonnement. Die Sportveranstalter auf der anderen Seite erhöhen durch den Verkauf der Übertragungsrechte ihre Erträge, die Sportveranstaltungen werden wirksam vermarktet und die Vertragsabschlüsse gewähren eine gewisse Planungssicherheit im Vorfeld.[32]