Verlag: Poppy J. Anderson Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Brandheiße Küsse - Poppy J. Anderson

Als Heath Fitzpatrick urplötzlich die Verlobung löst, bricht für Hayden eine Welt zusammen, immerhin liebt sie ihn, seit sie denken kann. Verzweifelt muss sie erkennen, dass er es mit der Trennung ernst meint, und bemüht sich darum, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Doch das ist gar nicht so leicht, schließlich ist Heaths Familie auch Teil ihres Lebens, die sich nicht davor scheut, sich ständig in alles einzumischen. Außerdem benimmt sich Heath nicht wie ein Mann, der keine Gefühle mehr für die Frau hegt, die er sein ganzes Leben lang geliebt hat. Auf diese Weise kann Hayden ihren Ex-Verlobten nicht aus ihren Gedanken vertreiben und aus ihren Gefühlen sowieso nicht, schließlich sind die Fitzpatricks dafür bekannt, dass man sie so leicht nicht loswird. "Brandheiße Küsse" ist der Auftakt zu einer Reihe von Romanen, die zwar zueinander gehören, jedoch alle in sich abgeschlossen sind.

Meinungen über das E-Book Brandheiße Küsse - Poppy J. Anderson

E-Book-Leseprobe Brandheiße Küsse - Poppy J. Anderson

Table of Contents

Title Page

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Epilog

Vorschau „Draufgängerische Küsse“ (Band 2)

Die Fitzpatricks

Weitere Romane von Poppy J. Anderson

Impressum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebesroman

 

 

 

Brandheiße Küsse

 

 

 

 

 

 

Poppy J. Anderson

 

 

 

 

 

 

Band 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage August 2014

 

 

Copyright © 2014 by Poppy J. Anderson

Covergestaltung: Catrin Sommer rausch-gold.com

Unter Verwendung von © YurkaImmortal – shutterstock.com

© KoQ Creative – shutterstock.com

© Nejron Photo – stutterstock.com

©Oxlock – shutterstock.com

 

Korrektorat: SW Korrekturen e.U

 

www.poppyjanderson.de

 

 

poppyj.anderson@googlemail.com

 

 

Besuchen Sie mich auf Facebook:

 

www.facebook.com/pages/Poppy-J-Anderson

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

 

wie einige von Ihnen vielleicht schon wissen, habe ich ein Faible für Footballspieler. Die New York Titans sind mittlerweile so real für mich, dass ich mich nicht von ihnen verabschieden kann und will. Dies bedeutet, dass es noch sehr viele Romane geben wird, in denen Julian, Brian, Dupree und die anderen Jungs vorkommen werden. Der nächste Spieler, der seine eigene Geschichte bekommen wird, ist Lieblingsrüpel Blake O’Neill.

 

Jedoch möchte ich Ihnen heute den Auftakt zu einer neuen Reihe vorstellen, in der es um eine starrköpfige Familie aus Boston geht, die teilweise chaotisch, teilweise witzig und ganz sicher sehr liebenswert ist.

 

Nun wünsche ich Ihnen sehr viel Vergnügen beim Lesen und hoffe, dass Ihnen die Fitzpatricks genauso viel Freude bereiten werden wie die Titans.

 

Ihre Poppy J. Anderson

 

 

 

 

 

 

 

Danke an ...

 

 

Natascha, die einfach die Allerbeste ist, alles verschlingt, was ich schreibe, und sich augenblicklich in Blake und Shane verliebt hat.

 

Ina, die morgens mit French Toasts vorbeigekommen ist, als ich im Schreibwahn zu faul zum Frühstücken war.

 

Julia, die mich mit Fotos von Feuerwehrmännern und Polizisten versorgt hat.

 

Bab Els, die meine Obsession für Schotten, Kilts und Zeitreiseromane teilt.

 

Heidi, die mir mit einem Video-Link den Samstag gerettet hat.

 

Zipi (meinen Hund), der regelmäßig meinen Fußboden vollsabbert und mich davon abhält, alles allein aufzuessen.

 

Catrin, die die wunderbarsten Cover macht und selbst nach meinem hundertsten Änderungswunsch die Ruhe bewahrt.

 

Hannah, die zwar nicht mein Zwilling, aber mein Facebook-Ehemann ist.

 

Mym, die sich seit über zwanzig Jahren über alles aufregt, über das ich mich aufrege – einfach weil sie meine Freundin ist.

 

Sybille, die alle meine kleinen und großen Fehler ausbügelt und eine wundervolle Korrektorin ist.

 

Alle, die mir mit ihren lieben Nachrichten zu meinen Büchern die Tränen in die Augen treiben und mich wissen lassen, dass meine Geschichten sie berühren.

 

Last but not least geht ein Dank an Dieter, Ralf, Nils und Papa, weil sie zwei Stunden damit verbracht haben, einen entsetzlich schweren Crosstrainer durch ein Fenster zu heben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

 

Heath Fitzpatrick öffnete mühsam die Augen und bereute dies im gleichen Moment, als gleißendes Tageslicht seine Pupillen zum Explodieren zu bringen schien. Stöhnend vergrub er das Gesicht in seinem Kopfkissen, das nach einer Mischung aus schalem Bier, übelkeitserregendem Tequila und Sangria roch, die ihm, kaum dass er daran gedacht hatte, die Speiseröhre wieder hochzukommen schien.

Während sein Schädel dröhnte und er darum betete, in ein Koma zu fallen, damit er weder diese grauenvolle Übelkeit noch alle anderen Symptome des schlimmsten Katers seines Lebens erdulden musste, klingelte es wieder Sturm an seiner Tür.

Genervt drehte er sich auf den Rücken, stach sich dabei die Fernbedienung in die Nieren und presste sich das Kopfkissen vors Gesicht. Bewegungslos und schnaufend blieb er auf seiner Klappcouch liegen und dachte darüber nach, dass sowohl er als auch das gammelige Sofa eine ordentliche Wäsche gebrauchen konnten. Jedenfalls stanken sie beide zum Himmel und mussten einer wie der andere einen miserablen Eindruck machen.

Da das herrische Klingeln kein Ende zu nehmen schien, warf er das Kissen beiseite und kämpfte sich hoch. Beinahe wäre er auf einer alten Pizzaschachtel ausgerutscht, als er barfuß und unter Schmerzen durch das Ein-Zimmer-Apartment trottete, das glücklicherweise nicht weit entfernt von seinem Arbeitsplatz lag. Unglücklicherweise war das Haus, in dem sich sein Apartment befand, in der unmittelbaren Nähe der Hauptstraße und der Bahngleise gelegen, so dass er neben dem ständigen Geruch von Curry aus dem indischen Restaurant unter seiner Wohnung auch noch permanenten Krach ertragen musste.

Vor allem jetzt hallte die Geräuschkulisse von der Straße unangenehm in seinem Kopf wider, obwohl die Fenster geschlossen waren. Die geschlossenen Fenster waren auch ein Grund für den furchtbaren Gestank in der winzigen Bude, die er seit einigen Wochen bewohnte. Im Vergleich zu dem schönen Haus, das er in den vergangenen zwei Jahren mühsam restauriert hatte, konnte das grauenvolle Apartment nur verlieren. Nicht, dass er sich darum kümmern würde. Ihm war schon seit einiger Zeit alles egal. So war auch der Krach, dem er tagtäglich ausgesetzt war, lediglich ein unbedeutender Störfaktor. Da Heath abends den Fernseher auf volle Lautstärke stellte und sich volllaufen ließ, wenn er am nächsten Morgen keine Schicht hatte, störte ihn das Geräuschchaos überhaupt nicht.

Erschöpft rieb er sich über das Gesicht, entfernte die Türkette und starrte mit finster zusammengezogenen Augenbrauen in besorgte blaue Augen, die er allzu gut kannte.

Zu der Übelkeit, die er seinem Alkoholkonsum zuzuschreiben hatte, kam nun das Gefühl hinzu, dass jemand ihm die Luft abschnürte und ihm einen Faustschlag in den Magen verpasste. Seit drei Monaten wiederholte sich nun das Spiel, sobald sich diese blauen Augen auf ihn richteten.

Mit einer grauenvoll heiseren Stimme fragte er düster: „Was willst du hier?“

„Dumme Frage.“ Die blauen Augen verdrehten sich, bevor die Besitzerin des hübschen Augenpaares sich einfach an ihm vorbei in die Wohnung quetschte. „Himmel! Wie sieht es denn hier aus?“

Heath antwortete nicht, sondern warf die Wohnungstür zu und folgte seinem ungebetenen Besuch in das einzige Zimmer seiner Wohnung. Im Gegensatz zu ihm sah sie frisch, sauber und überhaupt nicht verkommen aus. Adrett wie eh und je hielt sie ihre Tasche vor ein rot-weiß gemustertes Kleid, sah sich in seiner katastrophalen Bude um und schnitt eine Grimasse, die dem hübschen Ausdruck ihres Gesichts jedoch nicht schadete. Er riss sich von ihrem Anblick los, ignorierte das perfekt frisierte blonde Haar und achtete nicht auf das schmerzhafte Ziehen in seiner Brust.

„Willst du ein Bier?“

„Heath, so kann das doch nicht weitergehen.“

„Also kein Bier.“ Er zuckte mit der Schulter und wandte sich der Kochnische zu, um dort die Kühlschranktür zu öffnen und eine Flasche Wasser herauszunehmen, nachdem er bemerkt hatte, dass kein Bier mehr da war. Den letzten Sechserpack hatte er zusammen mit einer halben Flasche Tequila am letzten Abend vernichtet. Die nun leere Tequilaflasche lag auf dem fleckigen Teppich neben dem Klappsofa und verströmte einen widerlichen Geruch. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass seine Wohnung aussah, als hätte er eine sechsköpfige Rockband zu Gast gehabt, schließlich schüttelte sie unmerklich den Kopf und presste die Lippen aufeinander.

Er lehnte sich gegen die wackelige Spüle, öffnete die Flasche und trank den Inhalt in beinahe einem Zug aus. Die ganze Zeit über war er sich bewusst, dass sie ihn musterte, wie er verkatert, nur in Boxershorts bekleidet und mit zerzaustem Haar vor ihr stand.

Sobald er die Flasche absetzte und sah, wie sie sich bückte, um die leere Pizzaschachtel sowie einen dreckigen Teller aufzuheben, runzelte er finster die Stirn. „Was tust du da, Hayden?“

„Es sieht hier aus wie in einem Schweinestall. Das bist doch nicht du.“

„Ich wüsste nicht, dass ich dich nach deiner Meinung gefragt hätte.“

„Das musst du auch nicht.“ Sie schüttelte unglücklich den Kopf, was in Heath den Wunsch auslöste, beschämt den Blick zu senken und gleichzeitig mit der Faust gegen die fleckige Wand neben sich zu schlagen. Er wollte Hayden nicht hier haben, er wollte sie nicht sehen, nicht ihre Stimme hören und nicht an sie denken. Er wollte überhaupt nicht mehr denken – an nichts. Seit drei Monaten bemühte er sich darum, alles zu vergessen, was passiert war, aber wie sollte das funktionieren, wenn Hayden bei ihm auftauchte und ihn so verdammt verständnisvoll und mitleidig mit ihren blauen Augen ansah?

Er räusperte sich. „Was tust du eigentlich hier? Müsstest du nicht bei der Arbeit sein?“

„Es ist Sonntag“, erwiderte sie mit einem eindeutigen Blick. „Du warst schon wieder nicht in der Kirche, Heath. Pater Brady hat nach dir gefragt ...“

Dass sich selbst der Pastor ihrer Gemeinde um sein Seelenheil sorgte, rang ihm ein amüsiertes Lächeln ab, auch wenn ihm nicht wirklich zum Lachen zumute war.

Hayden schien dies ganz ähnlich zu sehen. „Das ist nicht komisch, Heath. Deine Mom macht sich furchtbare Sorgen um dich ... Ich mache mir furchtbare Sorgen.“

„Mir geht’s blendend. Siehst du das nicht?“

„Nein, das sehe ich nicht“, widersprach sie und legte die Pizzaschachtel sowie den dreckigen Teller auf einen Beistelltisch, auf dem sich Zeitschriften sowie eine leere Essenspackung vom Chinesen tummelten. „Du siehst grauenvoll aus, du lebst in einer Absteige und selbst deine Brüder haben seit Ewigkeiten nichts von dir gehört! Nicht einmal mit Kayleigh sprichst du mehr.“

„Ich habe zu tun.“ Angriffslustig schob er das Kinn nach vorne.

Aufgebracht ließ sie ihre Handtasche auf die schmuddelige Klappcouch fallen, bevor sie hilflos die Hände hob. „Erzähl doch keinen Mist, Heath. Seit Wochen hast du dich weder beim Bowlen noch beim Basketball blicken lassen, stattdessen verbringst du deine Zeit bei O’Rearys und lässt dich dort volllaufen ...“

„Spionierst du mir etwa nach?“

„Wie soll ich dir nachspionieren, wenn deine Freunde auch meine Freunde sind? Alle fragen mich, was mit dir los ist, und erzählen mir, dass sie dich betrunken im Pub gesehen haben. Auch deine Familie ruft mich an, weil sie dich nie erreichen können.“

„Hayden, wir sind getrennt“, antwortete er mit lahmer Stimme. „Ich brauche weder deine Sorge noch deine Hilfe. Du musst auch nicht den Telefondienst für mich spielen.“

„Du verdammter Idiot“, brach es aus ihr heraus. „Denkst du etwa, ich wüsste nicht, was du durchmachst? Joseph war auch mein ...“

„Nein, du weißt gar nichts!“ Wütend fiel er ihr ins Wort und ballte beide Hände zu Fäusten. „Könnt ihr mich nicht alle in Ruhe lassen?“

„Deine Familie macht sich Sorgen um dich!“

„Meine Familie erstickt mich. Du erstickst mich, Hayden!“ Er biss die Zähne zusammen. „Deshalb brauche ich Abstand, aber das scheint niemand von euch zu verstehen!“

Ihr bleiches Gesicht sprach Bände. „Du machst dich noch kaputt. Sollen wir etwa tatenlos zusehen, wie du dich zugrunde richtest?“

„Ich habe es dir schon vor zwei Monaten gesagt, Hayden“, entgegnete er mühsam beherrscht. „Wir sind getrennt und mein Leben geht dich nichts mehr an.“

Sie ging nicht einmal auf seinen Kommentar ein. „Du steckst in einer Krise, dafür haben wir alle Verständnis ...“

Mit einem abfälligen Schnauben fragte er: „Auch Shane? Ich habe nicht den Eindruck, dass er für mich Verständnis hätte.“

Hayden fasste sich ins Gesicht, während sie unglücklich hervorbrachte: „Deinem Bruder geht es ebenfalls miserabel. Dass er sich neben all dem Kummer auch noch Sorgen um dich machen muss, nimmt ihn mit, Heath. Wieso sprichst du nicht mit ihm?“

„Weil er nicht mit mir sprechen will.“

Sie knirschte mit den Zähnen. „Die Fitzpatricks sind verdammt sture Idioten! Ihr alle miteinander. Ich habe keine Ahnung, wie es deine Mutter geschafft hat, vier derart widerspenstige Söhne und eine nicht weniger sture Tochter zu ertragen.“

„Wenn das alles war, was du mir sagen wolltest ...“

„Ich bin noch lange nicht fertig.“ Ihr Gesicht wirkte entschlossen. „Seit zwei Monaten will ich mit dir sprechen, aber du blockst immer ab.“

Kopfschüttelnd verschränkte er die Arme vor der nackten Brust. „Es gibt auch nichts mehr zu bereden, Hayden.“

„Dann versteh doch wenigstens, welche Sorgen wir uns machen.“

„Niemand von euch muss sich Sorgen um mich machen“, ächzte er erbost.

„Wir sind eine Familie – natürlich machen wir uns Sorgen um dich! Wir würden uns auch um Kayleigh oder die Zwillinge Sorgen machen, Liebling ...“

„Hör auf.“ Grimmig schüttelte er den Kopf und war nahe dran, irgendetwas gegen die Wand zu werfen. „Lass mich endlich in Ruhe und nenn mich nicht Liebling!“

Unbeherrscht machte sie zwei Schritte auf ihn zu und ohrfeigte ihn. „Du bist unglücklich ... Das verstehe ich! Ich bin auch unglücklich. Die ganze Familie ist unglücklich, aber du kannst nicht einfach abhauen und so tun, als wäre es in Ordnung. Weißt du eigentlich, was du uns allen antust?“

Er rieb sich die Wange und sagte sich, dass ihr aufgebrachtes Gesicht, ihre feuchten Augen und ihr lieblicher Geruch ihn nicht berührten. Er wollte allein sein und sie nicht mehr sehen. „Ich weiß nur, dass ich mich von dir getrennt habe, Hayden.“

„Lass mich für dich da sein“, flüsterte sie und wollte nach seiner Hand greifen.

Heath schüttelte den Kopf und versteifte sich, während er ihr die Hand entzog. „Es ist vorbei.“

„Aber ... aber das meinst du nicht ernst“, erklärte sie mit brüchiger Stimme. „Wir sind Heath und Hayden ... seit der ersten Klasse ein Paar. Wir lieben uns doch.“

Beinahe hätte er seiner eigenen Stimme nicht getraut, weil seine Kehle plötzlich furchtbar trocken war. Gleichzeitig schmerzte sein Magen, als hätte er Gift zu sich genommen. „Hayden, ich habe meine Sachen gepackt, bin ausgezogen und habe die Hochzeit abgesagt. Wie kannst du da noch glauben, dass wir immer noch ein Paar sind?“

Als sich immer mehr Tränen in ihren Augen bildeten, hätte er sie am liebsten an sich gezogen und getröstet, stattdessen blieb er stumm.

„Ich weiß, dass du es nicht ernst meinst, Heath.“

„Doch, das tue ich.“ Auch wenn er sich lieber die Pulsadern aufgeschnitten hätte, als ihr weh zu tun, hoffte er, dass sie seine Lüge glaubte, und erklärte mit fester Stimme: „Ich liebe dich nicht mehr, Hayden. Seit ich ausgezogen bin, treffe ich mich mit anderen Frauen und habe Sex mit ihnen ...“

Anscheinend konnte er mittlerweile besser lügen als mit zehn Jahren, als er ihr hatte weismachen wollen, dass seine Eltern ihm erlaubt hätten, den Terminator im Kino zu sehen, da sie mit einem erstickten Schluchzen ihre Tasche von der Klappcouch riss und aus der Wohnung rannte.

Nun konnte Heath seinem Drang nachgeben und schlug seine Faust gegen die Wand.

 

 

 

 

1. Kapitel

 

 

Hayden erkannte Kayleighs Auto sofort, als sie in die ruhige Straße des Bostoner Stadtteils Charlestown einbog, und unterdrückte ein Seufzen, denn gerade jetzt wollte sie eigentlich allein sein und konnte auf Besuch gut verzichten. Ein Blick in den Rückspiegel sagte ihr, dass ihre Augen geschwollen waren und ihre Nase leuchtend rot aus ihrem Gesicht schien. Ihre Freundin würde sofort erkennen, dass sie geweint hatte, und musste nicht einmal eins und eins zusammenzählen, um zu wissen, dass ihr eigener Bruder dahintersteckte. Auf diese Diskussion hatte Hayden wirklich keine Lust, aber ihr war auch klar, dass sich Kayleigh nicht so einfach verscheuchen lassen würde, schließlich war sie eine Fitzpatrick und als diese für ihren Starrsinn bekannt.

Dass es als Familienmitglied der Fitzpatricks nicht möglich war, auch nur ansatzweise für sich zu sein und seine Ruhe zu haben, wusste Hayden nur zu gut, schließlich kannte sie die Familie seit ihrem fünften Lebensjahr. Alle vier Söhne der Familie besaßen einen ausgeprägten Sturkopf, während ihnen ihre Schwester Kayleigh in nichts nachstand.

Der Gedanke, dass Hayden im Grunde kein Mitglied dieser Familie mehr war, schnürte ihr für einen Moment die Kehle zu und sie krampfte die Finger um das geflochtene Lenkrad ihres Vans. Die Tatsache, dass Heath und sie das Auto erst vor einem halben Jahr zusammen gekauft hatten, weil sie sich in weiser Voraussicht auf ihre Hochzeit und auf Babys ein Familienauto hatten anschaffen wollen, weckte in ihr nun pure Verzweiflung. Wie hatte alles derart aus den Fugen geraten können?

Sie lebte allein in einem Haus, das Heath vor zwei Jahren für sie beide gekauft und renoviert hatte, fuhr einen Wagen, der für ihre Kinderschar gedacht gewesen war, und trug noch immer den Verlobungsring, welchen Heath ihr im Beisein der ganzen Familie über den Finger geschoben hatte, während er nun allem Anschein nach nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Eigentlich hätten sie bald heiraten sollen, doch den Termin beim Standesamt und die Zeremonie in ihrer Kirche hatte Heath bereits abgesagt, auch wenn seine Mutter und seine Brüder auf ihn eingeredet hatten, es nicht zu tun. Hayden konnte nicht in Worte fassen, wie schrecklich sie sich fühlte.

Der Anblick des Einfamilienhauses mit der renovierten Fassade und der neu geteerten Einfahrt ließ sie bittere Magensäure schlucken. Sie konnte hier nicht weiter wohnen und dieses Auto fahren, während Heath in jener Absteige hauste und irgendwo eine alte Schrottkarre aufgetrieben hatte, mit der er nun durch die Gegend kurvte. Als er von heute auf morgen mit ihr Schluss gemacht hatte, hatte er zwar darauf bestanden, dass sie das Haus und das Auto behielt, aber da war Hayden auch davon ausgegangen, dass die Trennung lediglich eine Kurzschlussreaktion von ihm gewesen war. Da sie ihn seit dreiundzwanzig Jahren kannte, war sie sich sicher gewesen, dass sie die Situation in den Griff bekamen. Etwas anderes war ihr absolut abwegig erschienen. Seit drei Monaten redete sie sich ständig ein, dass Heath bald einsehen würde, dass er sie brauchte, und dass er bald zurück zu ihr käme, um nun zu erkennen, dass dies ein großer Trugschluss war.

Sein Beharren auf ihrer Trennung und ihre Begegnung vor wenigen Minuten sprachen eine eindeutige Sprache. Es war aus.

Es war tatsächlich aus.

All die Beschönigungen und Ausreden, die sie für seinen Gemütszustand drei Monate lang gefunden hatte, waren nichts als verzweifelte Versuche gewesen, der Wahrheit zu entgehen. Ihr Verlobter hatte sich verändert und wollte sie nicht mehr heiraten. Das Wieso spielte dabei keine Rolle, denn seine Entscheidung schien unumstößlich zu sein.

Hayden fuhr in die Einfahrt und schaltete den Motor aus, während sie für einen Moment die Augen schloss und tief durchatmete.

Wie sollte sie weiterhin hier wohnen? Hier, in dem Haus, das sie zusammen ausgewählt und bewohnt hatten? Wie sollte sie jeden Tag mit diesem Auto zur Arbeit fahren? Und wie sollte sie weiterhin Teil der Fitzpatricks sein, wenn sie es nicht mehr war? Sie verstand Heath und wusste, dass er trauerte, schließlich tat sie das auch. Deshalb hatte sie auch für ihn da sein wollen, doch er hatte sie einfach von sich geschoben und zutiefst verletzt. Der Gedanke, dass er andere Frauen ...

Das schreckliche Magengefühl verstärkte sich, daher schob sie jedes Aufblitzen solcher Bilder aus ihrem Kopf. Nur daran zu denken, dass er andere Frauen küsste, anfasste und mit ihnen schlief, ließ sie beinahe durchdrehen. Doch die Tatsache blieb: Sie hatte nicht nur ihren Verlobten verloren, sondern auch ihren ältesten und besten Freund.

Dumpf fragte sie sich, wie es bloß weitergehen sollte, und stieg wie in Zeitlupe aus. Normalerweise war sie kein Trauerkloß, aber seit Wochen stand sie völlig neben sich und hatte Schwierigkeiten, sich für das Nötigste aufzuraffen. Auch wenn ihr Job sie tagsüber davon abhielt, zu viel nachzudenken und zu grübeln, half dies nicht gegen ihre Gedanken, sobald sie das Schulgebäude verließ und keine lärmende Schülerschar mehr um sich hatte.

Apropos lärmend ... Als sie die drei Stufen zur Veranda des Hauses hochstieg, wurde sie bereits von dem Lärm begrüßt, den Kayleigh veranstaltete. Ihre Freundin hatte die Musikanlage – Heaths Musikanlage – so laut aufgedreht, dass Hayden befürchtete, gleich Besuch von der Polizei zu bekommen. An und für sich hätte das kein Problem sein sollen, schließlich waren gleich zwei Söhne der Fitzpatricks Polizisten, aber auf Ärger mit ihren Nachbarn konnte sie verzichten.

Sobald sie das Haus betrat, legte sie ihre Jacke und Handtasche auf das Sofa, drehte die Musik leiser und erntete dafür einen missbilligenden Blick der dunkelhaarigen Frau, die den Kopf aus der Küchentür steckte und sich mit vollem Mund beschwerte. „Hey! Ich liebe diesen Song.“

„Ich liebe eine friedliche Koexistenz mit meinen Nachbarn.“ Hayden schüttelte den Kopf und schlüpfte gleichzeitig aus ihren Schuhen, bevor sie barfuß in die Küche lief, ihre Freundin freundlich vom Kühlschrank vertrieb und sich eine kleine Flasche Wasser schnappte. Obwohl sie heute Morgen die Küche blitzeblank geschrubbt und den Abwasch erledigt hatte, sah es leider so aus, als wäre ein Tornado durch den Raum gefegt. Ein Tornado mit dem Namen Kayleigh, der jetzt seelenruhig auf einem Stuhl saß und einen Joghurt in sich hineinlöffelte.

Da Kayleigh eine Nachtschicht hinter sich hatte und gerade erst aus dem Krankenhaus gekommen sein musste, hatte sie nicht nur den sonntäglichen Gottesdienst verpasst, sondern trug noch immer ihre Arbeitskleidung, auch wenn sie den weißen Kittel sowie das Stethoskop ausgezogen hatte. Die junge Notärztin hatte zwar dunkle Ringe unter den Augen, wirkte dennoch putzmunter, was vielleicht auch daran lag, dass sie Haydens halben Kühlschrank aufgefuttert hatte, während die bei Heath gewesen war.

„Wo kommst du her?“ Grüne Augen blitzten unter einem dunkelbraunen Pony auf und erinnerten Hayden schlagartig an Kayleighs um zwei Jahre älteren Bruder. Alle Fitzpatricks sahen sich unglaublich ähnlich, doch vor allem die drei ältesten Kinder, Heath, Shane und Kayleigh, die jeweils im Abstand von knapp einem Jahr zur Welt gekommen waren, glichen sich ungemein. Sie alle hatten das dunkelbraune Haar ihres Vaters, doch Heath und Kayleigh besaßen zudem die gleichen grünen Augen, die sie ebenfalls von ihrem Vater geerbt hatten. Da war es kein Wunder, dass Hayden sofort an Heath denken musste, wenn sie Kayleigh ins Gesicht sah.

„Ich war bei Heath“, erklärte sie mit belegter Stimme.

Augenblicklich zog ihre Freundin beide Augenbrauen in die Höhe, auch wenn von ihrer Miene ansonsten keine Gefühlsregung abzulesen war. „Wie geht es ihm?“

„Nicht gut.“ Mit einem Kloß im Hals setzte sie sich auf einen Stuhl und strich geistesabwesend eine Falte der Tischdecke glatt, während sie auf den glänzend polierten Fußboden starrte.

„Du kennst ihn doch“, drang die tröstende Stimme ihrer Freundin an ihr Ohr. „Er fängt sich schon wieder.“

Hayden schüttelte tonlos den Kopf.

„Er braucht nur etwas Zeit.“

„Das habe ich auch gedacht, aber ...“ Sie brach kurz ab, räusperte sich und sagte aufgebracht: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie er aussieht, Kayleigh. Wenn er so weitermacht, bringt er sich selbst ins Grab.“

„Heath ist doch kein Idiot“, entgegnete ihre Freundin fest, auch wenn ihr die Sorge um den Bruder anzumerken war. Hayden hatte bereits in den vergangenen Monaten bemerkt, dass weder Kayleigh noch ihre drei Brüder offen über Heaths Problem sprachen, sondern ihren Bruder dies lieber allein mit sich ausmachen ließen. Allein ihre Mutter Ellen wirkte angesichts der Verfassung ihres ältesten Sohnes besorgt und gab dies auch offen zu.

„Er war völlig verkatert, seine Wohnung wirkte wie eine Müllhalde und überall lag Abfall herum. Ich weiß nicht, wie viele leere Flaschen Alkohol bei ihm zu finden sind ...“

Gespielt scherzhaft unterbrach Kayleigh sie, auch wenn sie nicht so sorgenfrei klang, wie sie wirken wollte. „Nun ja, immerhin ist er Ire.“

„Das ist nicht lustig“, antwortete Hayden leise.

„Ich weiß.“ Kayleigh seufzte. „Aber was soll ich tun? Mit mir redet er darüber nicht.“

„Er schläft mit anderen Frauen.“ Zitternd presste Hayden die Worte heraus und erschrak über ihre eigene Aussage. Es auszusprechen, machte es unerträglich real.

Selbst aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie sich ihre Freundin steif aufrichtete, und konnte hören, dass sie nach Luft schnappte. „Hayden ...“

„Er ... er hat es mir selbst gesagt.“

„Das ist doch Unsinn. Heath ist total verrückt nach dir und liebt dich.“

Auch wenn es gut tat, dass Kayleigh dies sagte, war Hayden nicht mehr sicher, was denn nun stimmte. Sie wollte nicht glauben, dass Heath sie nicht mehr liebte, aber sein abweisendes Verhalten und sein schroffer Ton hatten sie vom Gegenteil überzeugt.

„Kayleigh ... dein Bruder hat die Verlobung gelöst und die Hochzeit abgesagt.“

„Aber doch nur, weil er völlig durch den Wind ist! Das wird sich wieder geben, Hayden. Bald sieht er ein, dass er einen Fehler gemacht hat.“

„Nein.“ Sie verschränkte die zitternden Finger in ihrem Schoß. „Er ... er meinte es völlig ernst. Was soll ich denn nun tun? Ich liebe ihn und mache mir Sorgen, aber er hat Schluss gemacht und ... und er hat Sex mit anderen Frauen …“ Sie brach ab.

„Wenn er mit anderen Frauen geschlafen hätte, wüsste ich davon.“

„Woher solltest du das wissen?“, fragte Hayden mit tränenerstickter Stimme.

Kayleigh verdrehte die Augen. „Weil ich seine Schwester bin und mich sofort irgendjemand darauf angesprochen hätte, wenn Heath mit anderen Frauen gesehen worden wäre. Hast du vergessen, wo wir wohnen? In Charlestown kennt uns jeder.“

Es stimmte zwar, dass die Familie Fitzpatrick im irischen Stadtteil Charlestown so bekannt wie ein bunter Hund war, aber für Hayden war dies nur ein schwacher Trost.

„Er hätte auch woanders hinfahren und dort eine Frau treffen können“, gab sie mit zittriger Stimme zu bedenken.

„Heath ist nicht der Typ, der in fremde Betten springt, Hayden. Er war schon in dich verliebt, als ihr sechs Jahre alt wart!“

Kreuzunglücklich fuhr sie sich über das Gesicht. „Er hat sich verändert und lässt mich nicht mehr an sich heran.“

„Ich bin mir sicher, dass er nichts mit anderen Frauen hat.“

„Warum sollte er mir dann so etwas sagen? Will er mir absichtlich weh tun?“ Es war verdammt schwer, sich diese Frage zu stellen. Heath hatte sich ihr gegenüber niemals gedankenlos oder in irgendeiner Form verletzend verhalten, daher wusste Hayden nicht, wie sie damit umgehen sollte, dass er sie anlog, um sie absichtlich zu verletzen.

Eigentlich kannte sie ihn besser als jeden anderen Menschen auf der Welt – jedenfalls hatte sie das geglaubt. Doch nun stand ihre Welt Kopf.

„Heath würde dir niemals weh tun, Hayden.“

„Aber er hat es getan.“ Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und richtete sich auf. „Seit Monaten geht er mir aus dem Weg, und jetzt erzählt er mir, dass er andere Frauen trifft. Es ist ... Es ist aus.“

Kayleigh schien zu zögern. „Er leidet noch immer unter ...“

„Ich weiß das“, unterbrach Hayden sie scharf. „Das wissen wir alle, aber Heath ist nicht der Einzige, der trauert, Kayleigh. Wie soll es deiner Mom denn gehen? Oder dir? Glaubst du etwa, dass mich Josephs Tod kaltlässt?“ Ihr kamen die Tränen. Um nicht in unbeherrschtes Weinen auszubrechen, biss sie sich so fest auf die Unterlippe, dass sie den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge schmeckte. „Ich wollte für ihn da sein, aber das ließ er nicht zu.“

Ihre Freundin erhob sich und stellte die Müslischüssel in die Spüle, bevor sie neben Haydens Stuhl trat und ihr eine Hand auf die Schulter legte. Der Geruch von Desinfektionsmitteln und Joghurt stieg Hayden in die Nase, während sie für einen kurzen Moment die brennenden Augen schloss.

„Ich habe keine Ahnung, was mit meinem Bruder los ist“, erklärte Kayleigh weich. „Und es tut mir entsetzlich leid, dass sein Verhalten dir weh tut, aber ich weiß, dass Heath das nicht absichtlich tut. Ihr beide gehört zusammen wie Erdnussbutter und Marmelade ...“

Die Mischung aus einem Schnauben, einem Lachen und einem Schluchzen drang aus Haydens Mund. „Kayleigh ...“

„Ernsthaft. Wenn ihr beide nicht glücklich miteinander werden könnt, wer soll es denn dann schaffen?“

Leise widersprach sie: „Dein Bruder will mich nicht mehr heiraten.“

„Mein Bruder flippt gerade aus, aber er fängt sich schon wieder. Du darfst nicht aufgeben.“

Das hatte sie sich zwar auch die ganze Zeit eingeredet, war mittlerweile jedoch realistischer als Kayleigh. Leise, aber entschlossen erklärte sie: „Ich werde mit ihm wegen des Hauses sprechen müssen.“

„Wegen des Hauses?“ Verblüfft hielt ihre Freundin inne.

Hayden nickte. „Und wegen des Autos. Außerdem stehen hier auch noch seine Möbel. Wir müssen unseren Besitz trennen.“

„Bist du nicht etwas zu voreilig?“

„Nein.“ Sie senkte den Blick, um nicht in das störrische Gesicht ihrer Freundin zu blicken. „Wenn eine Trennung das ist, was er will, müssen wir das regeln.“

„Heath will, dass du hier wohnst und das Auto fährst. Das bedeutet, dass du ihm am Herzen liegst.“

„Es bedeutet, dass ihm sein Leben egal ist“, flüsterte sie heiser. „Mit mir muss das nichts zu tun haben.“

 

 

 

 

Das sonntägliche Abendessen war fester Bestandteil der Familientradition im Hause Fitzpatrick. Auch wenn Hayden heute lieber daheim geblieben wäre, brachte sie es nicht übers Herz, Ellen abzusagen oder gar ihren Brotpudding, auf den die Zwillinge so versessen waren, nicht vorbeizubringen. Daher betrat sie Heaths Elternhaus mit einer Auflaufform in beiden Händen, nickte Kayleigh zu, die in kurzen Hosen und T-Shirt auf dem Sofa im Wohnzimmer lag und irgendeine Sportsendung schaute, und lief durch den kleinen Flur des typischen Arbeiterhauses aus den frühen Zwanziger Jahren in Richtung Küche. Neben den vertrauten Gerüchen, die ihr entgegenschlugen, knarrte das Holz unter ihren Füßen, als sie über eine bestimmte Stelle lief.

An dem alten Holztürrahmen fanden sich heute noch die Markierungen wieder, die Ellen dort jedes Jahr hinterlassen hatte, um die Körpergröße ihrer Kinder festzuhalten. Auch Haydens Name war dort neben den Namen der fünf Fitzpatrick-Kinder zu finden. Schwach konnte sie sich daran erinnern, wie sie sich alle hintereinander an den Türrahmen hatten stellen müssen und gespannt darauf gestarrt hatten, wer wie groß geworden war. Hayden war immer kleiner als Heath, Shane oder Kayleigh gewesen und selbst die Zwillinge, die fünf Jahre jünger als sie waren, hatten sie ziemlich schnell eingeholt. Die Fitzpatricks waren alle sehr groß – selbst Kayleigh als einziges Mädchen unter vier Brüdern war mit knapp einem Meter achtzig sehr viel größer als der Durchschnitt und reichte dennoch nicht an ihre Brüder heran. Unter ihnen hatte sich Hayden stets wie ein Zwerg gefühlt und tat es heute noch oft.

Auch jetzt, als sie die Küche betrat, in der Ellen mit Kyle stand und Salat klein schnitt, fiel ihr auf, wie groß der dreiundzwanzigjährige Kyle war, der seiner Mom problemlos auf den Kopf schauen konnte. Auch wenn er wie sein eineiiger Zwilling Ryan blond war, erkannte man auf den ersten Blick die Familienähnlichkeit der Geschwister. Bis auf Kayleigh besaßen alle vier Söhne äußerst markante Gesichtszüge, schmale Wangen, ein stures Kinn sowie einen breiten Mund, der die Sonne aufgehen ließ, wenn er sich zu einem Lächeln verzog.

Haydens Mom hatte bereits vor Jahren prophezeit, dass die Fitzpatrick-Jungen alle Mädchen und jungen Frauen ganz Bostons in den Wahnsinn treiben würden, womit sie nicht einmal Unrecht gehabt hatte. Seit Jahren konnte Hayden beobachten, dass sich diverse Frauenköpfe umdrehten, sobald einer der Kerle einen Raum betrat. Alle vier auf einmal bedeuteten ein heilloses Chaos. Gutaussehende Männer, die teilweise Uniformen trugen und sehr charmant sein konnten, übten auf das weibliche Geschlecht nun einmal eine besonders starke Anziehung aus. Als Bostoner irischer Abstammung waren die Kinder der Fitzpatricks zwar katholisch erzogen worden und gingen brav in die Kirche sowie zur Beichte, jedoch hieß dies nicht, dass sie sich in irgendeiner Weise weltfremd benahmen. Die Zwillinge flirteten seit ihrer Pubertät mit allen Frauen, die ihnen über den Weg liefen, Kayleigh war für ihr verdorbenes Mundwerk bekannt und ließ selten etwas anbrennen, Shane hatte zum Missfallen seiner Eltern mehr Exfreundinnen als Hugh Hefner und Heath ...

Innerlich seufzend gestand sich Hayden ein, dass Heath seinen Eltern auf diesem Gebiet die wenigsten Sorgen bereitet hatte, denn er hatte bislang nur eine Freundin gehabt – nämlich sie selbst.

Als Fünfjährige war Hayden mit ihren Eltern nach Boston gekommen. Ihr Dad war Josephs neuer Arbeitskollege gewesen, der gleich in der ersten Woche mit der ganzen Familie bei den Fitzpatricks zum Essen eingeladen worden war. So hatte Hayden den gleichaltrigen Heath kennengelernt. Von Stund an waren sie ein Herz und eine Seele gewesen – Heath und Hayden. Nicht für einen Tag waren sie getrennt gewesen. Auch nicht während ihrer Studienzeit, da Hayden das Community-College besucht hatte, um in seiner Nähe zu bleiben. Trotz ihrer katholischen Erziehung waren sie bereits vor einer Ehe zusammengezogen, hatten zuerst eine winzige Wohnung gemietet und dann ein Haus gekauft. Vor einem Jahr hatte er ihr dann die alles entscheidende Frage gestellt. Auch wenn Heath es niemals ausgesprochen hatte, wusste Hayden, dass er mit einer Hochzeit hatte warten wollen, bis er sich ein Haus für sie hatte leisten können. Da sie immer damit zufrieden gewesen war, einfach nur mit ihm zusammen zu sein, hatte es sie nicht gestört, noch nicht mit ihm vor den Altar getreten zu sein. Er hatte sie geliebt und sie hatte ihn geliebt – das war genug gewesen.

Rasch schüttelte sie diese Gedanken ab, setzte ein hoffentlich überzeugendes Lächeln auf und räusperte sich laut.

„Hallo! Störe ich?“

„Du vielleicht, aber dein Brotpudding nicht“, erklärte Kyle, nahm ihr die Auflaufform aus den Händen und gab ihr gleichzeitig einen Kuss auf die Stirn.

„Sei still, du Frechdachs.“ Ellen Fitzpatrick rümpfte ihre Nase und schenkte Hayden kurz darauf einen weichen Blick. „Schön, dass du da bist, mein Liebling. Du hättest doch nichts mitzubringen brauchen.“

„Ach, das mache ich gerne.“ Sie winkte ab, legte ihren Autoschlüssel auf den Küchentisch und nahm sich einen Löffel aus der obersten Schublade, um Ellens fantastische Rosmarinsauce zu probieren.

Gleichzeitig ertönte hinter ihr ein Schnauben. „Mom, setz ihr bloß keine Flausen in den Kopf. Ich liebe ihren Brotpudding.“

„Danke.“ Lächelnd begegnete sie Kyles Blick, während ihr warm ums Herz wurde, als er aufmunternd nickte. Sie konnte sich denken, dass Kayleigh ihrem jüngeren Bruder bereits von Haydens Zusammenstoß mit Heath berichtet hatte, da in dieser Familie nie etwas wirklich geheim blieb. Noch sehr lebhaft erinnerte sie sich an das Barbecue, als Ellen der Familie verraten hatte, dass Kayleigh ihre erste Periode bekommen hatte. Der Wutanfall der dreizehnjährigen Tochter sowie Shanes Kommentare dazu klangen noch heute in Haydens Ohren. Im Grunde wurde alles innerhalb der Familie besprochen, ob es nun das Urlaubsziel eines Familienmitglieds, neue Vorhänge für das Badezimmer oder die erste Periode der einzigen Tochter war. Die Jungs konnten froh sein, dass sie niemals beim Masturbieren erwischt worden waren, denn das wäre sicherlich ebenfalls Thema des allabendlichen Essens gewesen.

„Schätzchen, magst du nach den Karotten schauen?“

Hayden tätschelte Ellens Rücken und bemerkte, dass die ältere Frau viel zu dünn geworden war. Sorgenvoll dachte sie darüber nach, dass Heaths Mom in den vergangenen drei Monaten wie ein Spatz gegessen hatte und mittlerweile viel zu viel Gewicht verloren haben musste. Während sie die Karotten probierte, beschloss sie, mit Kayleigh darüber zu reden, schließlich war die Ärztin und sollte sich in Zukunft mehr Gedanken um den Gesundheitszustand ihrer Mutter machen.

Um sich ein wenig abzulenken, fragte sie gespielt gelassen: „Wo stecken Ryan und Shane?“

„Shane schaut in der Garage nach Moms Auto und Ryan hatte bis gerade eben noch Dienst, kommt aber gleich“, gab Kyle zur Auskunft.

Ellen strich sich das ergraute blonde Haar zurück und blickte ihren Sohn auffordernd an. „Kyle, könntest du mit deiner Schwester den Tisch decken?“