Verlag: AAVAA Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Brandmale - Rainer Karl Litz

Der zweite Berger-Krimi: Eine fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche am idyllischen Silbersee. Ronny Berger, Leiter der Neuwieder Mordkommission, ermittelt auf seine bekannt eigenwillige Art. Dabei gerät er nicht nur mit der Regionalpolitik in Konflikte. Auch die Koblenzer Polizeidirektion versucht den kantigen Beamten auszubremsen. Das alles lässt Berger kalt. Dafür verwirrt ihn der Umstand, dass ihn seine Frau verlassen hat und ihm die attraktive Staatsanwältin Dragowar eindeutige Avancen macht, umso mehr. Zudem stürzt die unvermutete Aktivierung seiner verloren geglaubten Manneskraft sein Privatleben immer mehr ins Chaos. Da ist es auch nicht hilfreich, dass er den alkoholkranken Kollegen Bohnert in seinen Männerhaushalt aufnimmt. Vor allem nicht, da weitere Tote auftauchen. Und bei den Ermittlungen häufen sich die Katastrophen ...

Meinungen über das E-Book Brandmale - Rainer Karl Litz

E-Book-Leseprobe Brandmale - Rainer Karl Litz

Rainer Karl Litz

© 2016 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: fotolia: Detail of grunge weathered cement wall with cracks Datei: 111556426  Urheber: bonciutoma

Printed in Germany

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-2136-5

Großdruck:     ISBN 978-3-8459-2137-2

eBook epub:   ISBN 978-3-8459-2138-9

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-2139-6

Sonderdruck  Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken!

Kapitel 1

So konnte es nicht weitergehen.

Keine Nacht schaffte er es durchzuschlafen. Und das seit mindestens drei Jahren schon, soweit er sich richtig erinnerte. Wobei sein Gedächtnis auch nicht mehr so war wie früher. Seit er vor drei Jahren die Fünfzig überschritten hatte häuften sich solche Problemchen. Aber so war das wohl mit dem Älterwerden.

Meistens wachte er gegen zwei, drei Uhr auf. Nicht nur wegen des Harndrangs. Nein, vor allem wegen der harten Herzschläge und beunruhigenden Gedanken an die Arbeit. Heute verfluchte er seinen Entschluss, dem Wunsch von Breuer, dem Betriebsinhaber, nachgegeben zu haben und die Schichtleitung zu übernehmen. Es war ihm doch gut gegangen bis dahin. Er hatte seine Arbeit nach Vorschrift gemacht und keinen Stress gehabt. Aber seitdem …

Was konnte er dafür, wenn Kollegen wegen Krankheit ausfielen und die Schicht nicht das Leistungsoptimum schaffte? Immer häufiger gab es Ärger mit der Betriebsleitung wegen der Sollzahlen. Er war nun mal kein Sklaventreiber, und seine Kollegen waren ihm wichtiger als irgendwelche von Betriebswirten berechnete Kennzahlen. Menschen waren zu wichtig, um sie kaufmännischen Gesetzen oder den Interessen des Betriebes zu opfern. Man lebt schließlich nicht, um zu arbeiten. Genau umgekehrt war es ja wohl richtig.

Mein Gott, warum bloß hatte er sich auf die Beförderung eingelassen?

Breuer hatte vor dreieinhalb Jahren einen Nachfolger von Esch, dem kurz vor der Verrentung stehenden früheren Schichtleiter, gesucht. Und als Breuer ihn angesprochen und für diese Stelle als geeignet bezeichnet hatte, war er nicht in der Lage gewesen, nein zu sagen. Stolz war er gewesen, hatte sich gebauchpinselt gefühlt und geglaubt, er wäre ein ganz toller Hecht. Mann, wie bescheuert war er nur gewesen. Und das alles für dreihundert Euro mehr. Na, selbst schuld wenn er nicht in der Lage war, seine tatsächlichen Bedürfnisse auszusprechen und sich gegen seinen Chef zu behaupten.

Es müsste so gegen drei Uhr sein. Er rieb sich über den juckenden Unterarm. Die Luft war angenehm warm, selbst jetzt zur Nachtzeit. Gestern war es um die dreißig Grad warm gewesen und heute würde es wahrscheinlich noch wärmer.

Er nahm eine weitere Zigarette aus der Schachtel, zündete sie mit dem Einwegfeuerzeug an und zog langsam aber ausdauernd den Rauch in seine Lungen. Breuer Beton – Spezialbaustoffe stand auf dem Feuerzeug, das der Betrieb zu Tausenden verschenkte und das so gar nichts mit den Produkten zu tun hatte, die sie dort aus Zement und allerlei chemischen Zusätzen im Vierundzwanzigstundenbetrieb herstellten. Er warf das Feuerzeug auf den kleinen Campingtisch, der auf dem Balkon stand, inhalierte nochmals tief und blickte dem ausströmenden Rauch nach, Richtung Rhein.

Mit dem Rauchen wollte er eigentlich aufhören. Genauso, wie mit dem ungezügelten Essen. Sein T-Shirt spannte über dem Bauch, wie er soeben wieder einmal in einem Anflug ungnädiger Selbstkritik feststellte. Er kratzte sich am Bauchnabel und fragte sich mit einem Blick zum dunklen Himmel, ob Vögel eigentlich nachts nicht flögen. Blöde Frage, dachte er. Wen interessiert das schon?

Beim letzten Zug an seiner Zigarette überlegte er, ob diese wohl die letzte für die Nacht wäre. Er flippte sie auf die Rasenfläche, zwei Stockwerke unter ihm und wandte sich zur Balkontüre.

Eine deutlich spürbare Unruhe ließ ihn in der Bewegung innehalten, noch bevor er ins Wohnzimmer eintrat. Unwillkürlich drehte er sich wieder um, sog die Luft durch die Nasenlöcher und schnupperte.

Es roch nach Rauch. Nein, nicht nach dem seiner Zigarette. Die konnte da unten nichts entzündet haben, da war er sich sicher. Irgendwie roch es nach einer ganzen Menge Rauch. Holz, Stroh … irgend sowas. Ein richtiger Brand! Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Engers war er sensibel für solche Sinneswahrnehmungen.

Hastig trat an die Brüstung heran und versuchte den Brandgeruch zu lokalisieren. Ja, ganz eindeutig, es musste sich um einen unkontrollierten Brand handeln! Ganz sachte machte sich bereits ein schwaches Glimmen von Tageslicht hinter der Stromberger Höhe bemerkbar. Er kniff die Augenlider zusammen und spähte angestrengt Richtung Rhein. Jetzt konnte er es erkennen: Eine schmale, dunkle Rauchsäule, die sich leicht gekrümmt gen Himmel hob. Sie trug hell leuchtende Funken mit sich.

Das Herz schlug ihm in den Ohren, als er überlegte, wo genau das sein müsste. Es könnte auf Höhe des Silbersees sein. Aber, was konnte da brennen? Da war doch nichts außer den Skulpturen aus Beton. Mit drei Sprüngen war er im Wohnzimmer, griff sein Handy und informierte die Rettungsleitstelle. Dann weckte er seine Frau mit einem hastigen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Wehreinsatz … bis nachher!“

Eilig verließ er die Wohnung, ohne auf eine deutliche Reaktion seiner Frau zu warten, rannte nach unten und hechtete die zehn Meter über den buntkieseligen Schotter zum Parkplatz. Als er die Wagentür öffnete, hörte er bereits die Sirene von der Neuwieder Straße herübertönen. Bevor er einstieg warf er einen besorgten Blick zurück zu der sich gewaltig ausbreitenden Rauchwolke. Der Brandgeruch hing nun beißend in der Luft. Na, die Frühschicht fällt für mich jedenfalls aus, dachte er, startete den Wagen und raste zur Feuerwache.

-

„Du denkst doch bitte daran, dass wir heute Abend bei Melanie eingeladen sind?“, rief Monika Berger aus dem Badezimmer zu ihrem Mann herunter, der sich bereits im Erdgeschoss befand. Der leichte Vorwurf in ihrer Stimme verriet, dass sie alles andere als sicher war, heute auch tatsächlich zusammen mit ihrem Gatten zum Geburtstag ihrer Freundin fahren zu können. Sie wusste nicht, ob er solche Termine absichtlich vergaß, weil sie ihm nicht behagten oder ob er gedanklich einfach immer zu sehr bei seiner Arbeit war und sie dabei vergaß. Sie hatte ihm das „Vergessen“ ihrer vier letzten Hochzeitstage ebenso wenig verziehen, wie das Nichterscheinen zum achtzigsten Geburtstag ihrer Mutter. Und zuletzt vorgestern, und das nicht zum ersten Mal, die Gemeinheit, dass er vergessen hatte, dem Hund sein Fressen zu geben, weil sie selbst auf einer zweitägigen Fortbildung gewesen war, ohne ihn an diese Verpflichtung zu erinnern. Natürlich wusste sie, dass sein Dienst Unwägbarkeiten und unsichere Arbeitszeiten mit sich brachte, aber er hatte auch einfach so eine unbekümmerte, ja, sie war mittlerweile bereit, es eine unverantwortliche Art zu nennen. Er machte sich einfach keine Gedanken, so schien es. Gedanken darüber, was andere Menschen für wichtig hielten, schienen ihm fremd zu sein. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass er es nicht aus Böswilligkeit tat. Ihr Mann war im Grunde genommen mehr mit seiner Arbeit verheiratet als mit ihr und hatte Verantwortung doch immer nur für seinen Beruf aufgebracht. Für die Kriminalinspektion der Neuwieder Kripo.

Ja, in seiner Arbeit ging er auf. Es hatte Tage gegeben, da war er über vierzig Stunden ohne Schlaf ausgekommen. Hatte sich dermaßen in einen Fall verbissen, dass er diesen erst aufklären musste, bevor er wieder an Schlaf denken konnte.

Aber die Hingabe für seinen Beruf war in den letzten Jahren einem Auf und Ab gewichen. Mehrmals hatte sie gedacht, er würde alles hinschmeißen. Zu sehr schien der ganze Wahnsinn von Mord und Totschlag ihn zermürbt und aufgezehrt zu haben. Aber immer dann, wenn sie gerade dachte, jetzt sei es soweit, jetzt ginge ihm tatsächlich die Luft aus, hatte er sich wieder aufgerichtet und in einen neuen Fall gestürzt. Wie ein Stehaufmännchen, der Ron, dachte sie. Aber ein Stehaufmännchen, mit dem es ihr immer schwerer fiel, ihr Leben zu teilen.

„Klar, Moni!“

Ronald Berger rief von unten herauf und riss sie aus ihren Gedanken. Scheinbar hatte er ihre Frage soeben erst wahrgenommen.

„Bin spätestens um halb sechs zu Hause. Kannst dich drauf verlassen“, klang es aus dem Wohnzimmer, wo Berger sich mit der aktuellen Ausgabe der Rheinland-Post beschäftigte.

Seit der Timmermans nicht mehr für das Käseblatt schreibt, dachte er und vergegenwärtigte sich bei dem Gedanken der letzten Bilder, die er von dem früheren Lokalredakteur noch vor Augen hatte und die zugleich die letzten Bilder des lebenden Timmermans gewesen waren, seit der Timmermans nicht mehr für die schreibt, scheint nichts Schreckliches mehr zu passieren in Neuwied. Die Nachfolger des früheren und für Sensationen zuständigen Lokalredakteurs und überführten Verbrechers waren zwar weit davon entfernt gute Journalisten zu sein oder für ihre dürftigen Artikel korrekt zu recherchieren, sie hatten aber keinesfalls das bösartig intrigante Format Timmermans. Besaßen nicht diesen krankhaften Trieb, in aufgewühlter Kacke irgendwann den ganz großen Skandal zu entdecken. Timmermans war im Zuge eines Ermittlungsverfahrens in mehreren Mordsachen erst vor einigen Monaten im Schusswechsel mit Bergers Kollegen ums Leben gekommen. Sie hatten Timmermans und seinem Partner etliche Schweinereien nachweisen können, unter anderem mehrere Morde, Entführung, Freiheitsberaubung, Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz und sexuellen Missbrauch von Kindern. Einen ganzen Kinderpornoring hatten sie hochgehen lassen. Widerlich, nur an diese Figur zu denken.

Ronald Berger, von seiner Frau liebevoll oder auch nur aus Gewohnheit Ron genannt, erhob sich vom Sofa und warf die Zeitung auf den Couchtisch. Er streckte sich und fasste sich dabei mit einer schmerzerfüllten Grimasse ans Kreuzbein.

„Wird verdammt noch mal nicht besser“, brummte er und schlenderte in schräger Körperhaltung zur Küche.

Er griff sich die wiederverschließbare Tüte mit getrockneten Fischhautstreifen aus dem Regal, brach einen Teil des längeren Stücks getrockneter Kabeljauhaut ab und warf es Janis zu, die schwanzwedelnd vor seinen Füßen saß und das Teil knackend und schmatzend verdrückte.

Wie man sich an so einen Hund doch gewöhnen kann, dachte Berger und streichelte das Tier zärtlich, das er vor einem halben Jahr, bei den Ermittlungen um den Verbrecher Timmermans, aus der Wohnung eines Ermordeten geholt hatte und das seitdem bei ihnen lebte.

„Ich bin dann mal weg!“, rief er nach oben, erntete aber nur ein nüchternes „Gut!“ von Monika, die im Bad stand und letzte Hand an ihr Äußeres legte. Ihr Arbeitstag als Psychologin in einer Rehaklinik im Wiedtal begann um halb neun.

Berger schmuste nochmals den Hund und verließ das Haus.

Als er im Ortsteil Block an der roten Ampel unter der Bahnunterführung, kurz vor der Engerser Landstraße, hielt, klingelte sein Mobiltelefon.

„Berger!“ Es war Nikolai Sorokin, sein junger Kollege aus dem Neuwieder Kommissariat. „Was … sicher? Okay …  ja, ich hatte den Brandgeruch schon beim Aufwachen in der Nase. Wo denn … Silbersee? Schimmelsberger Weg? Ich bin in zwei Minuten da!“

Nachdem die Ampel auf Grün gesprungen war, wechselte er die Blinkerrichtung von rechts nach links und raste mit hoher Geschwindigkeit Richtung Engers.

-

Mehrere Feuerwehrfahrzeuge standen auf der Parkfläche rechts vom Zugang zum Seegrundstück. Berger hatte das Wagenfenster heruntergelassen und konnte verschiedene Generatoren laufen hören. Vielleicht waren es auch die Motoren der Wehrfahrzeuge, die das brummende Geräusch erzeugten.

Er erkannte die Einsatzfahrzeuge seiner Kollegen. Neben den Jungs der Schutzpolizei waren offensichtlich Niko Sorokin, Jürgen Rübesam und dessen Kollegen der Kriminaltechnik vor Ort.

Der Opel Omega rollte langsam aus und Berger parkte den Wagen am Rand der planierten Fläche.

Die Luft war erfüllt von einem beißenden Brandgeruch. Er grüßte einige Männer der Wehr, die mit verschiedenen Gerätschaften vom See zurückkamen, um sie in ihren Fahrzeugen zu verstauen. Der Brand war ganz offensichtlich bereits vollständig gelöscht.

Der Silbersee war eigentlich eine Kiesgrube, die sich über die Zeit mit Grundwasser gefüllt hatte und somit einige Meter unter dem umgebenden Flächenniveau lag. Das gesamte Grundstück war Eigentum des Unternehmers Werner Scheidweiler, dessen Familie hier seit dem neunzehnten Jahrhundert und bis in die neunzehnhundertachtziger Jahre Kies gefördert hatte. Scheidweilers schöpferischer Tatendrang hatte rund um den See eine Vielzahl von mystischen und märchenhaften Skulpturen und Bauwerken aus Kiesbeton, Bruchsteinen, metallenem Abfall und Baumstämmen entstehen lassen, die das gesamte von Strauchwerk und Bäumen eingefriedete Gelände wie eine Traumlandschaft erscheinen ließ. Der von ihm ursprünglich für die Öffentlichkeit zugänglich gemachte See war weit über Neuwieds Stadtgrenzen hinaus bekannt und regelmäßig Ziel von Wandergruppen, Romantikern und Liebespärchen. Scheidweiler hatte sich, der behördlich versagten Duldung dieses Eingriffs in die Natur wegen, einen jahrelangen Schlagabtausch mit der Neuwieder Stadtverwaltung und dem zuständigen Baudezernenten geliefert. Letztlich musste er seinen Traum, ein für jedermann frei zugängliches Erholungsgebiet zu schaffen, zumindest offiziell begraben, gründete daraufhin aber einen Freundeskreis. Ein taktischer Schachzug gegen die Behördenwillkür, denn gegen einen geringen Beitrag konnte jedermann Mitglied dieser Vereinigung werden und somit auch weiterhin Zutritt zu der malerisch gelegenen Seenlandschaft haben.

Berger betrat den schmalen und von dichtem Strauchwerk umzäunten Feldweg am Hochufer des Sees. Aufgrund des üppigen Blätterwerks konnte er nur ab und zu einen versteckten Blick auf das darunter liegende leicht türkisfarbene Wasser werfen. Nach etwa zweihundert Metern zweigte ein Weg nach  links und steil nach unten zum Wasser ab. Bereits auf halber Höhe konnte er die brandgeschwärzten Grundmauern eines kleinen Hauses oder Schuppens sehen, über dem sich eine weiße, dampfende Rauchwolke beständig ihren Weg in den blauen Sommerhimmel bahnte. Die Gebäudereste lagen hangseitig auf einer kleinen, flachen Erhebung etwa zehn Meter vom Seeufer entfernt und wiesen einen quadratischen Grundriss auf. Das zerstörte Gebäude mochte eine Grundfläche von weniger als zwanzig Quadratmetern gehabt haben.

Berger hob das Absperrband, dass die Kollegen der Schutzpolizei zur Sicherung des Geländes gut zwanzig Meter vor den Trümmern vom Hang bis zum See gezogen hatten und wand sich darunter hindurch. Rübesam und zwei seiner Kollegen standen in ihren weißen Overalls und mit ihren Utensilienkoffern in einigen Metern Entfernung vor den schwarzen Fragmenten aus Bimsstein, die einmal die Eingangstür des kleinen Gebäudes gewesen sein mussten.

„Morgen“, sagte Berger halblaut, nickte einigen Feuerwehrleuten und den uniformierten Kollegen zu, die auf dem Weg standen, ging an ihnen vorbei und stellte sich neben Sorokin und die Spusi-Leute in ihren weißen Overalls, die sich einige Meter weiter auf dem Weg unweit des Seeufers unterhielten.

„Morgen Ronny!“, begrüßte Sorokin seinen Vorgesetzten. „Ist noch zu heiß um reinzugehen.“ Er wies mit dem Kopf zu den schwarzen, dampfenden Brandresten. Jürgen Rübesam und seine zwei Kollegen von der Spusi nickten zustimmend.

„Wo ist sie?“, fragte Berger, der sich umgedreht hatte und versuchte durch die Rauchschwaden hindurchzusehen, was ihm nicht gelang. Er musste dabei die Augen zusammenkneifen, um dem beißenden weißen Nebel etwas entgegenzusetzen.

„Die Brandleiche liegt mitten drin“, antwortete Sorokin.

„Wer hat sie entdeckt?“

Sorokin griff in seine Gesäßtasche, zog einen kleinen Notizblock heraus, blätterte zwei Seiten zurück und las. „Sascha Heinz, Mitglied der Engerser Wehr. Er hat den Brand bemerkt und die Leiche nach dem Löschen als Erster entdeckt. Er muss gute Augen haben, da drin ist alles schwarz.“

„Was ist das eigentlich für ein Schuppen?“, fragte Berger und wies auf das abgebrannte Gebäude.

„Nach Aussagen der Wehrleute war oder ist das immer noch die Anglerhütte oder das Anglerheim des Bendorfer Angelsportvereins. Der Scheidweiler, also der Grundstückseigner, hat den See für den Angelsport freigegeben. Der Angelverein sollte im Gegenzug wohl ursprünglich das Gelände sauber halten. Einige der Wehrleute sind sich aber sicher, dass der Schuppen hier von den Anglern schon lange nicht mehr genutzt wird. Er war scheinbar schon ziemlich verfallen und lud nicht zum Verweilen ein.“

„War denn irgendwas drin … ich meine, wurde irgendwas drin gelagert?“, wandte sich Berger an Rübesam.

„Keine Ahnung. Die Wehrleute sagen, dass etliche Bretter, alte Stühle, also Holz oder sowas drin gelegen haben müssen. Deshalb hat es überhaupt so gut gebrannt. Die Mauern selbst sind aus Bimssteinen gemauert und hätten alleine wohl nicht dieses Feuer erzeugt“, entgegnete der Mann von der kriminaltechnischen Abteilung.

Berger strich sich über den Hinterkopf, der bis gestern noch durch mittellange, ergraute Haare imponiert hatte. Anlässlich seines gestrigen Frisörtermins waren sie einem modischen Stufenhaarschnitt mit ausrasiertem Nacken zum Opfer gefallen. Berger wusste selbst nicht mehr genau, wie er sich dazu hatte hinreißen lassen. Mit siebenundfünfzig auf Haarmode zu achten, dachte er und schüttelte den Kopf über die eigene Dummheit. Bereits beim Verlassen des Frisörladens hatte er entschieden, die bewährte halblange Haarpracht wieder wachsen zu lassen.

„Jürgen!“, wandte er sich Rübesam zu. „Sind Fußabdrücke oder Schleifspuren zu finden?“

„Die Feuerwehrleute haben beim Löschen so ziemlich alles um die Brandstelle plattgetrampelt. Mit viel Glück finden wir Spuren, die nicht von Feuerwehrstiefeln stammen.“

„Und Reifenspuren … oben, am Parkplatz?“

„Der Boden ist staubtrocken, da wird nicht viel zu finden sein. Hier, oberhalb des Sees …“ Er wies zum Zufahrtsweg im Hang hinter der abgebrannten Hütte, „ist jedenfalls kein Fahrzeug vorbeigefahren.“

„Wurde mit Brandbeschleuniger nachgeholfen?“

„Kann ich noch nicht mit Gewissheit sagen, aber ich gehe davon aus. Zumal …“ Er wies mit dem Kopf auf das Gebäude, „Zumal der Zustand der Brandleiche dafür spricht.“

„Du meinst, dass jemand …“

„… dass jemand Drittes die noch lebende oder bereits tote Person mit Brandbeschleuniger zum Brennen gebracht oder dass derjenige, dessen Reste da drin liegen, mit Brandbeschleuniger gespielt und sich dabei selbst hingerichtet hat. Willentlich oder unwillentlich kann man natürlich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.“

Berger nickte und sah sich um.

Der See lag absolut ruhig und wirkte angesichts der Umstände, die ihren Einsatz hier notwendig machte, unnatürlich friedlich. Nur einige Enten erzeugten zarte Wellenbewegungen auf der ansonsten makellos spiegelglatten Wasseroberfläche. Die geschwungene Uferlinie war von Trauerweiden gesäumt, deren lange Äste bis zum See herabhingen. Berger gab Sorokin ein Zeichen, ihm zu folgen. Sie gingen einige Schritte auf dem schmalen Uferweg, der von hier zu einem erhöhten Plateau führte, auf der rustikale Fragmente eines Bauwerks standen, das einer mittelalterlichen Burgruine nachempfundenen zu sein schienen. Die beiden Beamten erklommen die kleine Anhöhe und blickten aus einem gemauerten Rundbogen auf den See. Sonnenstrahlen suchten ihren Weg durch die wild wuchernden Schilfpflanzen im Ufersumpf und beschienen ein Libellenpärchen, das in seinem von zackigen Flugbewegungen begleiteten Liebesspiel bunte Lichtreflexe in die Umgebung abwarf.

„Was ist denn das für ein …?“, fragte Berger und folgte mit seinem Blick interessiert einem grellgelben Vogel, der knapp über der Wasserfläche fliegend einen Unterschlupf am anderen Seeufer ansteuerte.

„Könnte ein Pirol sein“, meinte Sorokin und bewies mit diesem Beispiel solider schulischer Bildung, dass er nicht zu den schlechtesten Schülern im Abiturfach Biologie gehört hatte. „Wie man hört, sollen einige Exemplare dieser seltenen Gattung hier am Silbersee nisten.“

„Ein Paradies“, meinte Berger ein wenig entrückt. „Das hat alles der Scheidweiler gemacht?“, fragte er mit Blick auf eine Steinskulptur, die irgendein Fabelwesen mit Adlerkopf darstellte.

„So, wie man hört, ja. Seit Jahrzehnten baut er hier an seiner Märchenlandschaft. Hast du dir das noch nie angesehen?“

Berger schüttelte den Kopf und zog die Mundwinkel nach unten, so, als bedauere er dies. „Nein, Niko.“ Wie geistesabwesend blickte er über die Seefläche Richtung Rhein. „Wie weit ist der Fluss von hier?“

„Wahrscheinlich keine dreihundert Meter. Das Wasser …“, er wies mit dem Kopf auf den See, „ist also quasi Uferfiltrat vom Rhein. Grundwasser … absolut sauber.“

Berger betrachtete das glasklare Wasser, in dem man weit bis auf den Grund sehen konnte. Ein größerer Fisch zog ruhig seine Bahn, ohne sich an den Beiden auf dem Uferweg zu stören.

„Ein Paradies!“, wiederholte Berger seine Worte von eben und blickte dabei verträumt übers Wasser.

Doch plötzlich schien ihn ein anderer Gedanke zu bewegen. Unwirsch riss er den Kopf herum und sah Sorokin grimmig an. „Wo ist eigentlich der Fassbender?“

„Ist auf dem Weg hierhin“, antwortete der junge Kollege und beobachte dabei betont abwesend die in hundert Metern Entfernung verweilenden Kollegen der Spusi, die es nun wagten, ihre Arbeit zu beginnen. Das Gebäude war nicht groß gewesen. Die vorhandene Gebäudemasse kühlte nach dem Brand also verhältnismäßig schnell ab, sodass sich die Männer nun an die Brandreste herantrauen konnten.

„Seit wann ist er denn informiert?“

„Wen meinst du?“

„Na, den Fassbender!“ Berger rollte mit den Augen.

„Ich habe ihn unmittelbar nach dir angerufen.“

„Und wieso ist er dann noch nicht aufgetaucht?“

Sorokin zog die Augenbrauen hoch und zuckte mit den Schultern.

„Der drückt sich doch schon wieder!“, fauchte Berger, dem unmissverständlich anzusehen war, wie sehr er das Verhalten des jungen Kollegen Fassbender missbilligte. Wie so oft schon.

Er wandte sich wieder zum See und blickte über das Wasser und zum gegenüberliegenden Seeufer, wo man zwischen Weiden und Eichen weitere gemauerte Torbögen und Zinnen entdecken konnte.

„Na, jedenfalls können wir im Augenblick noch nicht allzu viel tun“, meinte Berger, der sich mit der fraglichen Motivation Fassbenders offensichtlich nicht weiter beschäftigen wollte. „Unglücksfall, Selbsttötung, Tötung durch fremde Hand oder Mordbrand … alles möglich.“, meinte er zu Sorokin und ging einige Schritte am Seeufer entlang.

„Spontane menschliche Selbstentzündung noch …“, ergänzte Sorokin mit einem schelmischen Grinsen, erhielt aber umgehend einen rüffelnden Blick von seinem Vorgesetzten.

„Vielleicht ein Penner, der hier sein Quartier hatte und sich beim Feuermachen ungeschickt angestellt hat.“

„Das glaube ich weniger.“ Sorokin war Berger zurück Richtung Leichenfundort gefolgt. Er schüttelte entschieden den Kopf. „Der Silbersee ist so stark frequentiert … also zum einen die Angler, die hier häufig mit einigen Leuten vertreten sind. Dann die Wanderer und Leute aus dem Ort, die das Gelände als Freizeitanlage nutzen. Nein, Penner verirren sich nicht hierhin. Das würde ich ausschließen.“

Sie standen nun zehn Meter vor den Trümmern des abgebrannten Hauses, vor dem die Spusi ihre Arbeit machte. Berger reckte den Hals, um in das Innere der Brandruine blicken zu können.

„Da!“, er wies mit der Hand auf eine Stelle in dem früheren Anglerheim. „Ist das die Leiche?“ Mit etwas Erfahrung konnte man in dem Durcheinander schwarzer Brandreste und weißer Wasserdampfschwaden die Überbleibsel eines menschlichen Körpers erahnen.

Sorokin nickte. „Ja, das sind die Reste Desjenigen …“

„Wirklich kaum was von übrig.“

„Die Fechterstellung.“ Sorokin hob einen Arm und winkelte ihn an, wie Popeye. „Bei der Verbrennung erfolgt eine hitzebedingte Muskelschrumpfung. Die Beuger überwiegen die Strecker.“ Er wies auf seinen Oberarm, als wolle er die Größe seines Bizeps demonstrieren. Mit Recht hätte man die bei dieser Form extremer Verbrennung auftretende Körperverformung eines Menschen auch als Motorradfahrerstellung bezeichnen können.

Die Reste des verkohlten Körpers waren rußschwarz und beträchtlich geschrumpft. Die Extremitäten von sich streckend, lag die Gestalt auf dem Rücken. Die kurzen Armstümpfe wirkten, als trüge das seidenmatt-schwarze Überbleibsel eines Menschen ein imaginäres Tablett vor sich her. Das Tablett, auf dem uns der Tote die Nachricht über seinen Tod und den Namen des Mörders präsentieren will, ging es Berger durch den Kopf. Die auf Kindsgröße geschrumpften Beine waren angewinkelt, als hätte der Tote soeben noch auf einem viel zu kleinen Stuhl gesessen. Hände und Füße schienen nicht zu existieren, so sehr waren sie abgebrannt. Der bis auf den blanken, schwarzen Schädel abgesengte Kopf hing leicht zurückgeworfen in Nackenlage. Aus dem aufgerissenen Mund schien ein permanenter unhörbarer Hilfeschrei zu entweichen.

Berger presste die Lippen zusammen und wendete sich ab. „Gut, wie auch immer … ich glaube nicht an einen Unglücksfall. Immerhin ist der Brand mitten in der Nacht entstanden. Was sollte sich eine einzelne Person hier nachts mit Feuer zu schaffen machen? Dazu war die Nacht noch extrem warm.“ Berger blickte seinen Kollegen an.

Selbsttötung oder Unfall? Beides schloss Berger bereits jetzt aus. Hier war eine bewusste Tat Grundlage des Todes gewesen. Und diese Tat erfolgte durch fremde Hand. Das spürte Berger förmlich. In dieser Hinsicht machte ihm niemand so schnell etwas vor.

Er wandte sich ab und betrachtete nochmals das idyllische Bild des Silbersees, der ja nur wenige Meter von der ganzen Grausamkeit dieses noch unbekannten Dramas lag und der trotzdem eine solche Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte. Er seufzte und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ähnliche Fälle kamen ihm in den Sinn. Solche, in denen ein Unfall als wahrscheinlich angesehen worden war und bei denen sich keine richtige Ermittlungsspur ergeben wollte. Fälle, die sein Koblenzer Kollege Monreal nur zu gerne schnell zu den Akten legte, nach dem Motto: „Da kann man eh nichts machen.“ Nein, das war ganz und gar nicht Bergers Stil. Er würde sich wieder einmal auf Streit mit denen in Koblenz einstellen müssen.

Kapitel 2

„Zahlen!“

Er winkte der Bedienung des Eiscafés zu. Sie lächelte ihn etwas hektisch an und gab ihm mit einem Fingerzeig zu verstehen, dass sie nach der nächsten Bestellung zu ihm käme. Er nickte, zwinkerte ihr mit dem Auge zu und trank seinen Eiskaffee aus.

Er war stinksauer. Das hatte er wirklich nicht nötig. Keine Frau versetzte ihn, ohne die Konsequenzen zu spüren. Da bliebe er sich treu. Egal wie sie hieße, aussah und welche Zuneigung er zu ihr verspürte. So etwas ließe er sich einfach nicht bieten!

Das Dolomiti war das beste Eiscafé in der Neuwieder Innenstadt. Ein Sehen-Und-Gesehen-Werden-Eiscafé mit entsprechend großem Außenbereich auf dem Luisenplatz, der Neuwieder Flaniermeile. Seine Verabredung war nicht erschienen. Bisher hatte er sie als äußerst zuverlässig eingeschätzt. Das hier war außergewöhnlich. Seit den fünfundzwanzig Minuten, in denen er hier draußen an einem der kleinen runden Tische auf sie wartete, hatten ihn mindestens fünfzehn Mädels und zwanzig Jungs gegrüßt. Alles Fans, die ihn vom Eishockey kannten. Als einer der Center der Neuwieder Bären, ursprünglich aus Füssen kommend, spielte er hier in der zweiten Saison. Mit seinen vierundzwanzig Jahren müsste er zwar höherklassiger spielen, um sich eine sportliche Karriere zu sichern, aber er war ganz zufrieden in der Deichstadt. Hier war er ein Star und erhielt eine Prämie für jedes geschossene Tor. Zudem hatte er einen Studienplatz an der Uni Koblenz ergattert: Sport und Englisch auf Lehramt. Die Wohnung hatte ihm der Vorstand besorgt und wurde vom Verein bezahlt. So kam er ganz gut über die Runden.

Er sah auf die Uhr und ärgerte sich erneut. Alleine von diesen fünfzehn Mädels, die ihn in den letzten fünfundzwanzig Minuten angelächelt hatten, wären mindestens acht sofort mit ihm nach Hause gegangen. Und das waren nur die, die er ohnehin ganz akzeptabel fand. So aber saß er hier wie ein Dämel rum. Das wäre das letzte Mal, da konnte sie Ausreden haben, wie sie wollte. Nicht mit ihm. Nicht mit Gregor Hartmann!

Natürlich wusste er, dass er sie nicht ganz für sich alleine haben konnte. Sie war unglaublich. Klipp und klar hatte sie ihm beim Kennenlernen bereits gesagt, was sie von ihm wollte: Sex.

Es war nach dem Spiel Ende Januar, gegen Iserlohn, gewesen, in der Pistenbar. Er hatte vier Tore zum 7:3 beigesteuert und war gut drauf gewesen. Und sie hatte ihm unglaublich imponiert. Was sollte er sich auch beschweren? Da kommt so ein Traummädel, Top Figur, unglaublich hübsch und tatsächlich noch intelligent dazu und fragt ihn, ob er hin und wieder mal Sex mit ihr haben wolle. Wer würde da schon nein sagen?

Seitdem trafen sie sich so ungefähr einmal in der Woche. Das war super! Er wusste, dass sie einen großen Freundeskreis hatte. Im Grunde genommen wusste er auch, dass andere ebenso scharf auf sie waren. Wahrscheinlich auch andere Sportler. Fußballer vom Rheinlandligisten FV Engers 07 zum Beispiel. Ja, da war doch dieser Basti. Sebastian Steinebach, wie er richtig hieß. Ein zugegebenermaßen attraktiver Kerl. Gut, sicherlich nicht so attraktiv, wie er selbst, aber doch gut aussehend. Der hatte schon lange ein Auge auf sie geworfen, das hatte er gemerkt. Und dem traute er auch zu, dass der ihm in die Suppe spucken und sie ihm abspenstig machen wollte. Vielleicht hatte der sie dazu gebracht, ihn zu versetzen? Na, das würde er ja rausbekommen und dann würde er sich das Bürschchen vorknöpfen und ihm ein paar Kopfnüsse verpassen.

Es war ihm lange egal gewesen, aber irgendwie hatte er sich dann doch irgendwann an sie gewöhnt. Nein, das war das falsche Wort. Er hatte sie … ja, so könnte man es nennen: er hatte sie regelrecht lieb gewonnen. Wenn er ehrlich war, sogar mehr als das.

Die Bedienung kam, lächelte ihn an und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Na, wann geht´s wieder los mit dem Eishockey?“

„Wir haben schon mit dem Training angefangen“, meinte er mit seinem bayrisch gerollten „R“ und einigem Stolz in der kernigen Stimme, lächelte zurück und schob sich seine schulterlangen blonden Haare hinter das Ohr.

„Ist das nicht ein bisschen zu warm für Eishockey?“ Sie legte den Kopf auf die Seite.

„Auf´s Eis gehen wir erst in der übernächsten Woche, aber wir sind im Konditionstraining. Wir müssen uns früh genug quälen, sonst wird das nix mit der Meisterschaft.“ Er lachte und bezahlte seinen Eiskaffee.

Anrufen würde er Kathi nicht. Keinesfalls! Nachher bildet sie sich noch was drauf ein. Nein, irgendwann würde sie sich schon von selbst melden. Und vielleicht hatte sie ja wirklich einen nachvollziehbaren Grund gehabt, ihn zu versetzen.

-

Niko Sorokin hatte Berger kurz informiert. Die Mutter des vermissten Mädchens hieß Angelika Seifert-Möbus und war praktische Ärztin. Sie hatte heute angerufen und ihre Tochter als vermisst gemeldet. Die Familie wohnte in Melsbach.

Da Berger sich sicher war, dass es sich bei der Brandleiche um ebendieses vermisste Mädchen handelte, erhoffte er sich bedeutsame Informationen von den Eltern, weshalb er umgehend ein Gespräch mit der Mutter vereinbart hatte. Zusammen mit Sorokin fuhr er die K 106 vom Neuwieder Ortsteil Niederbieber nach Melsbach. Ein Katzensprung, besonders, wenn man wie Berger fuhr.

„Also, Frau Seifert-Möbus, beziehungsweise Frau Doktor Seifert-Möbus, ist Ärztin mit Praxis in Bendorf. Sie ist verheiratet mit Martin Seifert, der …“

„Der Direktor der KWK?“ Berger machte große Augen.

„Richtig! Martin Seifert ist der Direktor der Kraft-Werke-Koblenz. Die Tochter, das einzige Kind übrigens, heißt Katharina Seifert, ist neunzehn Jahre alt und hat dieses Jahr Abitur gemacht. Erst vor wenigen Wochen“, meinte Sorokin, hielt sich dabei verkrampft am Haltegriff der Beifahrerseite fest und beäugte beklommen die an der Karosserie vorbeihuschenden Leitpfosten, die immer näher zu kommen schienen. Da passte kein Blatt Papier mehr dazwischen.  Bergers Fahrstil hätte man vorsichtig ausgedrückt unkonventionell bis eigen nennen können. Vielleicht sah er aber auch ganz einfach nicht mehr gut. Sorokin war froh, als der Dienstwagen am Ende einer mit luxuriösen Villengrundstücken gesäumten Wohnstraße ausrollte.

Das Seifertsche Haus lag am Ende der Straße an einem Wendehammer in südwestlich ausgerichteter Hanglage. Sie klingelten am schmiedeeisernen Gartentor, das offensichtlich nur vom Haus aus zu entriegeln war. Da nicht sofort geöffnet wurde, hielt Sorokin es für angemessen, nochmals auf seine Bedenken, Bergers eigenmächtiges Vorgehen betreffend, hinzuweisen: „Ich hoffe nicht, dass Kleinschmidt und Monreal uns dafür grillen. Die Vernehmung wird das Erste sein, was sie durchführen wollen, wenn das Mädchen als Opfer identifiziert ist. Ich meine, es wäre vielleicht besser gewesen, wir hätten gewartet, bis …“

„Lass das mal meine Sorge sein, Niko. Außerdem: Bis die in Koblenz ausgeschissen haben, sind die möglichen Hinweise nur noch die Hälfte wert.“ Er wies mit einem Kopfnicken auf das vor ihnen liegende Gebäude und legte ein zweites Mal die Hand auf den Klingelknopf. „Man scheint gut zu verdienen, bei unseren kommunalen Energieversorgern“, meinte er mit einem unbekümmerten Gesichtsausdruck und schaute auf seine Armbanduhr. Zwei Minuten vor halb fünf.

Das Tor fuhr mit einem leisen Surren auf und sie betraten das repräsentative Anwesen. Einem geschwungenen Fußweg aus Bruchsteinen folgend durchschritten sie bunte gepflegte Rabatten, sorgsam gehegte Sträucher blühender Rosen und geschmackvoll arrangierte sattgrüne Rasenflächen, bis sie vor dem modernen, in weiß gehaltenen, Eingangsbereich standen. Die Tür ging sogleich auf und eine attraktive, etwa Mitte vierzigjährige Frau mit adretter blonder Kurzhaarfrisur bat sie freundlich herein. Sie trug eine fliederfarbene Bluse, einen fast knielangen schwarzen Faltenrock und dunkle, glänzende Dianetten mit leicht erhöhtem Absatz. Trotz ihrer äußerst sympathischen und zuvorkommenden Art merkte man ihr eine tiefe Besorgnis an.

Die beiden stellten sich vor und die Frau des Hauses ging voraus ins Wohnzimmer, aus dessen ausladendem Panoramafenster man einen beeindruckenden Blick über den Rhein bis weit hinein in die Eifel hatte.

„Bitte verzeihen sie, dass ich sie habe warten lassen“, sie breitete entschuldigend die Arme aus, „aber ich hatte mit meinen Eltern telefoniert, wegen unserer Tochter. Bitte, nehmen sie doch Platz.“ Sie wies mit einer einladenden Geste auf die altgrüne lederne Sitzgruppe, die einen Couchtisch aus weißem Marmor umrahmte. „Darf ich ihnen etwas anbieten?“

Beide lehnten dankend ab und setzten sich jeweils auf einen der beiden dunkelgrünen Ledersessel. Frau Doktor Seifert Möbus setzte sich auf einen Zweisitzer gegenüber.

„Einen Kaffee, vielleicht?“ Aufgeregt sprang sie wieder auf, fast schon im Begriff in die Küche zu eilen, aber Berger bremste sie mit erhobener Hand.

„Nein, danke! Wir wollen sie nicht lange aufhalten, Frau Doktor Seifert-Möbus.“

Die Hausherrin setzte sich wieder. Erkennbar nervös prüfte sie den Sitz ihrer ohnehin wenig korrigierbedürftigen Kurzhaarfrisur.

„Ihr Mann ist …“, begann Berger das Gespräch.

„Er ist noch auf der Arbeit“, unterbrach sie Seifert-Möbus. „Er kommt selten vor acht Uhr abends nach Hause. Ich bin auch nur deshalb schon hier, weil …“ Sie senkte den Kopf und nestelte an ihren Fingernägeln. „Naja, es ist noch niemals vorgekommen, dass Kathi, also unsere Tochter, nicht vorher Bescheid gegeben hat, wenn sie woanders schläft oder länger ausbleibt. Ich bin sehr beunruhigt, weswegen ich auch heute Mittag sofort angerufen habe. Normalerweise hätte ich heute Nachmittag in meiner Praxis sein müssen.“

„Frau Doktor Seifert-Möbus, hat ihre Tochter gesagt, wo sie gestern hinwollte?“

Ein deprimiertes Kopfschütteln beantworte Bergers Frage.

„Und haben sie irgendeine Idee, warum ihre Tochter nicht nach Hause gekommen sein könnte?“ Berger versuchte so entspannt wie möglich zu wirken, um sein Gegenüber nicht zu verängstigen. Die grausame Wahrheit kommt noch früh genug ans Tageslicht, dachte er und kam sich dabei, seinen Verdacht nicht sofort zu nennen, durchaus schäbig vor.

„Nein, wie gesagt: Sie ist noch nie … Sie ruft an, wenn sie sich verspäten sollte oder woanders schläft.“

„Wo schläft sie denn sonst schon mal?“

„Bei ihrer Freundin … Janine, Janine Muscheid, zum Beispiel. Sie haben auch zusammen Abitur gemacht. Gerade erst, vor ein paar Wochen. Sie ist Kathis beste Freundin. Aber ich habe schon mit ihr gesprochen. Sie haben sich gestern nicht gesehen.“

„Und sonst … schläft sie sonst auch schon mal woanders?“, fragte Sorokin.

Mutter Seifert räusperte sich und blickte Berger und Sorokin abwechselnd an. „Nun, sie ist neunzehn Jahre alt. Die Mädchen von heute sind sehr …“ Sie wiegte den Kopf von einer Seite zur anderen, hob die Hände und sah dann kopfschüttelnd zur Decke. „… sehr frei in ihrem Tun. Sie sind sehr selbstsicher, ich meine selbstständig und sehr bewusst in ihrem Handeln.“

„Was meinen sie? Dass sie Männerbekanntschaften hat?“, fragte Berger forsch.

„Nun ja, sie können sich denken, dass ein neunzehnjähriges Mädchen, das heißt, eine junge Frau, schon auch männliche Freunde hat.“ Mit einem selbstbewussten Blick schlug sie die Beine übereinander, wobei Berger ihre wohlgeformten Waden und eine makellose, seidige und dunkelcurryfarben gebräunte Haut auffielen.

„Um welche Art von Freunden handelt es sich dabei?“, setzte Sorokin nach.

„Schulfreunde, Bekannte vom Sport, aus der Clique und so weiter …“ Sie wedelte mit ihren Händen und sah dabei die Wände an, als suche sie weitere harmlose Begriffe.

„Sind ihnen sexuelle Kontakte zu Männern bekannt … oder Frauen?“, konkretisierte Berger ihre Frage nach der Art der Beziehungen, die Katharina Seifert insbesondere zu männlichen Bekannten pflegte oder gepflegt hatte.

Angelika Seifert-Möbius warf Berger einen verärgerten Blick zu. Wieso fragte dieser Polizist derart intime Fragen? Was sollte das bedeuten und wie das Verschwinden ihrer Tochter klären helfen? Nach einigen Augenaufschlägen verstetigte sich aber ihr freundlicher Blick wieder, nachdem sie realisiert hatte, dass die beiden Beamten doch offensichtlich nur ihre Arbeit machten und ihr helfen wollten.

„Ja … wie ich schon sagte, hat sie natürlich auch männliche Freunde. Und mit neunzehn … nun, da hat man natürlich auch Sex. Was sonst? Mit Freundinnen hat sie keine derartigen Beziehungen, wenn sie auf eine lesbische Beziehung anspielen.“ Sie sah Berger auffordernd an, um ihm zu verstehen zu geben, dass seine Frage im Grunde genommen überflüssig wäre. „Wissen sie, Kathi ist ein sehr attraktives Mädchen … also eine attraktive junge Frau. Was ich meine ist, sie war bereits in jungen Jahren sehr entwickelt. Körperlich wie geistig.“ Sie sah zu einer Anrichte links von sich an der Wand, auf der ein Foto ihrer Tochter in einem silbernen Rahmen stand. „Das ist sie.“ Sie wies mit der Hand auf das Foto, stand auf und nahm es, um es Berger zu geben.

Berger betrachtete das etwa postkartengroße Porträtfoto eines außergewöhnlich hübschen Mädchens, das seine Mutter nicht verleugnen konnte. Katharina Seifert hatte lange blonde Haare und makellose Gesichtszüge, die dem Idealbild einer klassischen Schönheit entsprachen. Ihre ausdrucksstarken strahlend blauen Augen verrieten dazu einen wachen Intellekt. Man hätte zudem mit Fug und Recht behaupten können, dass sie mit ihren Neunzehn durchaus schon das Gewisse Etwas hatte.

Berger stellte den Klapprahmen vor sich auf dem Marmortisch und sprach Frau Doktor Seifert-Möbius an, die sich wieder ihnen gegenüber gesetzt hatte. „Was uns interessiert: Hat sie eine feste oder hat sie mehrere solcher sexuellen Beziehungen?“

„Sie hat keinen festen Freund, wenn sie das meinen. Aber ich glaube schon, dass sie sich mit einigen der Jungs aus der Clique trifft.“

„Sie meinen, dass sie mit denen Sex hat?“, fragte Berger und fuhr fort ohne auf die Antwort zu warten. „Kennen sie die? Oder kennen sie einige von denen?“

„Den einen oder anderen, ja.“

„Können sie uns Namen und Anschriften von denen geben … und von der Freundin auch?“

Sie bejahte und nannte einige Namen und Adressen, die Sorokin sich notierte.

„Ohne sie beunruhigen zu wollen … ihre Tochter hat doch sicherlich einen Computer, oder so etwas. Könnten sie uns den vielleicht auch mitgeben?“

„Ja, natürlich.“ Sie nickte Berger zu, stand auf und ging nach oben, um kurz darauf mit einem Klapprechner zurückzukommen. Sie stellte ihn auf den Wohnzimmertisch.

„Hatte sie mit irgendjemandem Streit in letzter Zeit?“

„Streit? Ist das wichtig für … warum soll es wichtig sein, ob sie sich gestritten hat, wenn sie sich nicht meldet?“ Natürlich mussten sie die Fragen nun zusätzlich verunsichern.

„Wir fragen das nur, um alles Mögliche auszuschließen. Wir haben da unsere Erfahrungen, wissen sie? Alles kann wichtig sein.“ Bergers Worte schienen sie nicht wirklich zu beruhigen.

Ihre Hände begannen zu zittern. „Nein, von einem Streit weiß ich nichts.“

„War sie gestern oder die Tage zuvor irgendwie anders als sonst? Ist ihnen irgendetwas an ihrer Tochter aufgefallen, was sie sonst nicht bemerkt haben?“

Frau Doktor Seifert-Möbus hatte die Hände gefaltet um das Zittern zu kaschieren. Ihr Blick fiel nach unten. „Nein. Ich wüsste wirklich nicht …“

„Wie ist sie denn unterwegs? Ich meine, hat sie ein eigenes Fahrzeug?“

„Ja, einen Opel Tigra … blau.“

„Und damit ist sie gestern auch weggefahren?“

Frau Dr. Möbus nickte wie abwesend. Auf Bergers Frage nannte sie Kennzeichen und weitere Merkmale des Fahrzeugs. Sorokin machte sich Notizen.

„Zuletzt eine Information“, begann Berger mit durchaus sensibel leiser Stimme. „Eine Information, die uns zwar wichtig ist, die sie aber nicht zwingend verängstigen muss.“ Berger, der ihr diese letzte Information nicht ersparen konnte, beobachtete, wie sie unwillkürlich die Hände vor ihre Brust zog und aufgeregt schluckte.

„Was meinen sie? Haben sie Hinweise auf …?“ Ihr hektischer Blick wechselte zwischen Berger und Sorokin.

„Wir haben heute Morgen eine tote Person im Engerser Feld gefunden. Genauer gesagt, am Silbersee. Die Person ist verbrannt“, sagte Berger, für seine Verhältnisse ungewöhnlich zaghaft.

Mit einem erstickten Laut ließ sie sich in das Polster zurückfallen und starrte Berger an.

„Wie gesagt, Frau Doktor Seifert-Möbius, wir wissen noch gar nichts. Es kann reiner Zufall sein, dass am Silbersee jemand starb und ihre Tochter vielleicht bei einer Bekannten ist und sich später meldet.“

Obwohl Berger versuchte, so beruhigend wie möglich zu wirken, konnte er nicht verhindern, dass sein Gegenüber in ein leises Schluchzen ausbrach.

„Frau Doktor Seifert …“

„Wir werden alles tun um die Sache aufzuklären und geben ihnen so schnell wie möglich Bescheid, wenn wir etwas Neues erfahren“, beeilte sich Sorokin beschwichtigend, der seinem Chef eine wie auch immer geartete Unsicherheit anmerkte. Er war einfach nicht der Alte, hatte nicht mehr diese zupackende Art. Jedenfalls nicht mehr ständig, so wie früher. Und da Berger sich in einem energetisch nicht gut versorgten Zustand zu befinden schien, fuhr er fort: „Dürften wir das Foto vielleicht mitnehmen?“ Er zeigte auf den Klapprahmen auf dem Couchtisch. „Sie bekommen es zurück. Und … es klingt für sie vielleicht ungewöhnlich: Wir benötigen die Zahnbürste und einen Kamm oder besser noch die Haarbürste ihrer Tochter. Für alle Fälle …“

Sie schluckte, seufzte laut und strich sich mit zittrigen Fingern durch die Haare. Dann nickte sie. „Ja!“

Nachdem sie die beiden Gegenstände besorgt hatte, setzte sie sich müde und abgespannt wirkend zurück auf das Sofa. Sie faltete die Hände im Schoß, ließ den Kopf sinken und sprach leise: „Und … nein, sie hatte keinen Streit. Sie ist ein sehr ausgeglichener und kommunikativer Mensch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mit irgendjemandem ernsthaft in Streit gerät. Sie kennen sie nicht, sie …“ Sie hatte den Kopf wieder gehoben und schaute beide Beamten mit tränengeröteten Augen an. Ihre Arme hingen schlaff und kraftlos von den Schultern, die Hände lagen noch immer gefaltet in ihrem Schoß.

-

„Das kann ich dir sagen …“ Bergers Zornesfalte glühte und seine Stimme hatte eine bedrohliche Lautstärke angenommen. „Wenn der glaubt, er könnte hier das Hännesje mit uns machen … wenn der das glaubt, dann soll der mich mal richtig kennen lernen. Wenn der morgen nicht hier auftaucht und seine Arbeit macht, dann … dann Gnade ihm Gott!“ Im Rhythmus der zuletzt gebrüllten Worte klopfte er mit seinem Zeigefinger auf der Schreibtischplatte herum. Die andere Hand hielt er als geballte Faust in die Luft und drohte damit quasi symbolisch dem nicht anwesenden Fassbender.

Sorokin nickte wie abwesend und notierte sich irgendetwas. Er saß an seinem Schreibtisch, hinter dem er sich angesichts Bergers lauten Wortschwalls sicher fühlte und ertrug den Wutausbruch seines Vorgesetzten daher fast mit Gelassenheit. Er wusste, dass man Berger nicht bremsen konnte, wenn er mal Fahrt aufgenommen hatte. Und letztlich betraf es ihn selbst ja nicht. Klar, was sich Fassbender erlaubte, war unmöglich. Sich an so einem Tag krank zu melden, war eine Frechheit. Wie pflegte Berger stets zu sagen: Solange wir den Kopf nicht unter dem Arm tragen, sind wir im Dienst. Da war auch was dran. Wer sich zum Polizeidienst verpflichtete, ging ganz bestimmte Verpflichtungen ein, übernahm Verantwortung, die vor einer handelsüblichen Erkältung nicht Halt machte. Im Grunde genommen wusste Sorokin mittlerweile auch, dass Fassbender für ihre Art von Arbeit nicht gemacht war. Sicherlich hatte der sich die Polizeiarbeit ganz anders, irgendwie romantisch und so ähnlich, wie in einem Fernsehkrimi, vorgestellt. Dass man aber tatsächlich mit Blut, zerfetzten Leibern, Exkrementen und dem Abschaum der Menschheit zu tun hatte und  das alles noch ansehen, anhören und manchmal auch anfühlen musste, das hatte sich Fassbender ganz offensichtlich so nicht ausgemalt. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass man immer etwas von dieser Arbeit mit nach Hause nahm. Und dieses Etwas meldete sich irgendwann wieder, auch wenn man es gar nicht wollte.

„Hat Rübesam gesagt, wann der den vorläufigen Bericht fertig hat?“

Berger kam so langsam wieder runter. Ist manchmal besser, wenn man ihn sich austoben lässt, dachte Sorokin zufrieden.

„Heute noch, hat er gesagt.“

Berger rieb sich die Hände. Er war ungeduldig. Wollte loslegen. War wie ein Tiger vor dem Sprung. Alle kannten das von ihm: Er konnte wochenlang wie unbeteiligt wirken, aber wenn ein richtiger Fall vor ihm lag, dann explodierte er förmlich.

„Na, ich werde mal zu ihm runtergehen und nachsehen, warum das so lange dauern muss. Vielleicht kann ich ihm auf die Sprünge helfen.“ Berger klopfte auf Sorokins Schreibtisch und wendete sich zur Tür. Sorokin nickte wieder. Natürlich wusste Berger selbst, dass die Leute der Spurensicherung und Kriminaltechnik gute Arbeit machten und dass sie ihre Zeit brauchten, um die Ergebnisse ihrer Arbeit zu dokumentieren, aber er hielt es einfach nicht aus, zu warten.

Die Kriminaltechniker um Jürgen Rübesam waren ein eingespieltes Team. Hervorragende Fachleute, die ihre Arbeit verstanden. Berger hatte großen Respekt vor der Arbeit seiner Kollegen, die ihre Arbeitsräume im Kellergeschoss des Polizeigebäudes hatten.

„Jürgen, alter Physiker! Was sagt uns der Tote?“

Jürgen Rübesam, der ein Physikstudium mit ordentlichem Abschluss absolviert hatte, bevor er in den Polizeidienst eingetreten war, hatte mit seinem Team bis zum Nachmittag am Fundort der Leiche verbracht. Nun war es kurz vor drei. Rübesam saß hinter seinem Schreibtisch, auf dem sein Klapprechner, Fotoausdrucke und einige Asservatenbeutel unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Inhalts lagen. Er tippte fleißig auf den Tasten seines Rechners.

„Bin gleich so weit“, sagte er, ohne von der Tastatur aufzublicken. „Nur eins schon vorweg …“ Er hob die Augenbrauen an und tippte dabei weiter. „Das wird tatsächlich schwierig mit der …“ Er kratzte sich am Kopf. Offensichtlich suchte er nach einer Formulierung für seinen Bericht.

„Womit wird das schwierig?“, setzte Berger nach, bereits ahnend, dass ihm Rübesams Information nicht passen würde.

„Na, das mit den Umständen des Todes.“

„Wie meinst du das?“ Berger war unmittelbar an Rübesams Schreibtisch herangetreten. Die spontan eingetretene Erregung war ihm unschwer anzumerken.

„Na, genau, wie wir eben vor Ort gemutmaßt haben, beziehungsweise, was du hellseherisch bereits geahnt hattest.“ Rübesam hatte aufgehört zu tippen und sah Berger nun an. „Wir haben den einigermaßen verwertbaren Abdruck eines Gummistiefels. Ob der in Zusammenhang mit dem Brand steht, kann ich natürlich nicht sagen. Dann … in dem ausgebrannten Gebäude haben wir einen abgefackelten Benzinkanister gefunden. Oder zumindest das, was von ihm übrig ist. Der war aus Plastik und ist fast gänzlich verbrannt. Aber es hatte sich zweifelsfrei um einen Kanister gehandelt, schätzungsweise einen zehn Liter Kanister. Ebenso ein Feuerzeug, oder das, was von ihm übrig geblieben ist.“

Berger starrte sein Gegenüber mit offenem Mund an. „Und das soll jetzt einen Unfall beschreiben?“ Er hatte die Hände gehoben, als wollte er nach etwas Rettendem greifen. Etwas, dass ihm den korrekten Tathergang doch noch sichern würde. „Aber das …“ Berger rang nach Luft. „Das ist kein Unglücksfall! Das ist …“

„Woher willst du wissen, dass es kein Unglücksfall war, hm?“, unterbrach ihn Rübesam. „Außerdem, Ronny, wissen wir ja auch nicht, wie sich der Fall entwickeln wird. Das hängt ja nun von euren Ermittlungen ab.“

„Ist doch ganz klar, dass hier ein Verbrechen vorliegt“, polterte Berger, als hätte er Rübesams letzte Worte überhaupt nicht wahrgenommen. „Nachts …“, er ruderte mit den Armen und blickte mit aufgerissenen Augen zur Decke des Büros, als fände er dort Zustimmung für seine Worte. „… irgendwann nach Mitternacht. Es ist so warm, dass man selbst nur mit einem T-Shirt bekleidet nicht friert. Eine Person alleine an diesem … diesem Märchensee … mit einem Benzinkanister und einem Feuerzeug in dem maroden Schuppen. Wahrscheinlich wollte der sich ein Steak braten … oder was?“ Berger wurde langsam laut. Seine Mimik verhärtete sich.

Rübesam lehnte sich in seinen Schreibtischstuhl und schob ihn vorsichtshalber etwas zurück. Berger war noch nicht fertig.

„Dabei stellt der sich so dämlich an, dass er den Inhalt des Kanisters über sich verschüttet und dann auch noch das Feuerzeug nimmt, um sich damit anzuzünden. So stellst du dir also den Verlauf des Dramas vor, was?“ Berger starrte Rübesam mit funkelnden Augen an.

Rübesam ließ vier taktische Sekunden verstreichen, ehe er sich an eine Antwort traute. Er vermied es auch, Berger dabei anzusehen. Ähnlich, wie bei Raubtieren, dachte er. Die empfinden das Anstarren durch einen Artgenossen auch als Provokation.

„Ronny, ich habe doch gar nichts zum Ablauf des Geschehens gesagt. Ich habe dir nur mitgeteilt, dass wir einen verbrannten Kanister und die Reste eines Einwegfeuerzeugs gefunden haben. Und zwar in unmittelbarer Nähe des Brandopfers.“ Er streckte seine Handflächen aus, als wolle er damit ein Friedensangebot machen.

„Ja, verdammt, aber damit sagst du …“ Berger hielt abrupt inne. Er überlegte. Rübesam sah ihm an, wie sich die Gedanken einen Weg durch seine Gehirnwindungen suchten. Seine Erregung schien sich zu legen. Jedenfalls brüllte er nicht mehr, als er wieder sprach.

„Gut, Jürgen. Das hast du mir ja jetzt gesagt. Und das steht auch in deinem Bericht, dass mit dem Benzinkanister. Oder?“

„Ja, natürlich.“

„Hm, aber du weißt auch, dass dieser Hinweis in Koblenz den Verdacht eines Unfalls aufkommen lassen könnte, was wiederum die Motivation der Ermittlungen bremsen würde.“

„Nun, Ronny, da kann man aber nun nix machen.“ Er beobachtete den Leiter der K1, dessen Wutfalte an der Nasenwurzel wieder begann, Konturen anzunehmen. Rübesam beeilte sich deshalb fortzufahren. „In diesem Zusammenhang … wir haben einen Anhänger gefunden. Das Brandopfer hatte eine dünne Kette, wahrscheinlich Gold, mit einem Anhänger daran, um den Hals. Einen kleinen Thorshammer, wenn ich es richtig deuten konnte. Ist ja alles schwarz und zusammengebacken. Ich konnte das Teil nicht abnehmen, weil es mit dem Brandopfer regelrecht verschmolzen ist. Aber ich denke …“

„Ein was? Ein Thor …?“ Bergers Interesse an diesem Detail war augenblicklich geweckt.

„Ein Thorshammer. Ein verkleinerter Hammer des germanischen Gottes Thor.“

„Du meinst so was Germanisches?“

„Ja, Thor. Oder Donar, wie sie hier in unserer Gegend gesagt haben, die Germanen. Der Hammer ist sein Symbol.“

„Was bedeutet das? Ich meine, was bedeutet ein Thorshammer, oder was bedeutet es, wenn ihn jemand trägt?“

„Also zum einen: Wegen dem Anhänger und dem eher dünnen Goldkettchen glaube ich, dass unser Brandopfer weiblich ist. Frauen tragen eher einen Anhänger, und ein Mann hätte wahrscheinlich eine kräftigere Kette getragen. Zum anderen …“ Er tippte auf seine Tastatur ein und winkte Berger zu sich, damit er auf den Bildschirm blicken konnte, auf dem sich eine Internetseite öffnete. „Hier siehst du, wie der Thorshammer aussieht: Irgendwie, wie ein auf dem Kopf stehendes T.“ Sie betrachteten einen mit verschlungenen Ornamenten reich verzierten Gegenstand.

„Ja, und was bedeutet das?“

„Thorshämmer, werden von Menschen getragen, die sich dem germanischen Glauben oder allgemein den Germanen verbunden fühlen.“

Berger musste unwillkürlich an seine Frau denken. Wenn er sich richtig erinnerte, arbeitete sie in ihrer Arbeit als Psychologin auch mit solchen Dingen. Sie hatte ihm über irgendwelche archetypischen Bilder oder Symbole berichtet, die sie in der psychotherapeutischen Arbeit mit ihren Patienten nutzte. Eben auch solchen aus der germanischen Mythologie. Zumindest bei Patienten aus dem heimischen Kulturkreis. Trotzdem fragte er: „Ist das irgendwas Anstößiges oder …?“

„Du meinst die Neonaziszene?“

„Ja, zum Beispiel.“

„Nein, das glaube ich nicht. Es ist vielleicht so, dass auch Nazis solche Germanensymbole nutzen, das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass jeder, der mit solchen Symbolen hantiert ein Nazi ist. Mit anderen Worten: Was können die Germanen dafür, dass sich Jahrhunderte nach ihnen, im Dritten Reich, irgendwelche Kriminellen für sie interessiert haben. Also, unser Brandopfer könnte einfach zu denen gehören, die sich für unsere Vorfahren oder ihre Mythologie begeistern.“

„Gut, verstehe. Aber nochmal zu deinem Bericht.“ Bergers Interesse an diesem Germanenkram schien sich in Grenzen zu halten. „Du weißt, wenn du das mit dem Kanister schreibst, wird das womöglich nicht der Aufklärung des Falles dienen.“ Da Rübesam die Augenbrauen hob, fügte er erklärend hinzu: „Weil die dann glauben, dass es ein Unglücksfall war.“

„Ja, aber ich muss doch die Ergebnisse dokumentieren, Ronny!“

„Ja, Jürgen. Aber könntest du nicht …“ Berger bewegte die Hände abwägend auf und ab, um anzudeuten, dass es immer mehrere Möglichkeiten oder gar mehrere Wahrheiten gäbe.

„Du meinst, ich soll die Information gar nicht …?“ Rübesam war von seinem Stuhl aufgesprungen.

Berger sah ihn mit einem breiten Grinsen von der Seite an.

„Nee, Ronny!“ Rübesam schüttelte entschieden mit dem Kopf. „Das kannst du knicken. Der Bericht ist fast fertig und geht genau so raus.“ Er wies mit dem Finger auf seinen Rechner.

„Jürgen!“ Bergers Stimme hatte einen fast väterlichen Ton angenommen. Er legte trat näher an den Kollegen heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich meine ja nicht, dass du was weglassen sollst. Aber könnte das mit dem Kanister nicht zum Beispiel auf der zweiten Seite stehen? Und du unterschreibst beide Blätter und …?“

„Und du willst die zweite Seite verschwinden lassen?“

Berger wiegte den Kopf hin und her. „Nicht verschwinden lassen, Jürgen. Aber, sieh mal, ich fahre den Bericht gleich nach Koblenz und gebe ihn dem Monreal. Und was weiß ich, was auf dem Weg nach Koblenz passieren kann. Es ist heiß draußen … die Wagenfenster sind offen … Durchzug … Du verstehst?“ Er rüttelte Rübesam sanft an der Schulter und nickte gelassen.

„Also Ronny, ich weiß nicht. Du …“ Rübesam schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zur Seite und damit weg von Berger. „Ich mache den Bericht jedenfalls jetzt fertig. Und zwar vollständig. Das Detail mit dem Spritkanister steht sowieso auf der zweiten Seite, wenn du weißt, was ich meine. Mach damit, was du willst!“ Mit diesen Worten setzte er sich  wieder vor seine Tatstatur und tippte die letzten Zeilen in den Bericht.

-

„Sollte dieses undankbare Pack irgendeinen Scheiß erzählen, dann Gnade ihnen Gott. Ob es sich um meinen Sohn, oder deine Tochter handelt. Da kenne ich kein Pardon, mein lieber Martin. Dafür kennst du mich. Da kenne ich weder Freund, noch Feind!“

„Mensch, Erhard. Das ist doch alles ganz normal. Wir waren doch auch nicht anders. Du weißt doch, wie das in diesem Alter ist. Hauptsache aufsässig sein. Die meinen das im Grunde genommen doch nicht wirklich ernst.“

„Dein Wort in Gottes Ohr, Martin. Dein Wort in Gottes Ohr. Das will ich wirklich hoffen. So schnell, wie ich den Fabian zu einem dreijährigen Betriebspraktikum in die Ukraine verfrachtet habe, kann der gar nicht Luft holen. Und du wirst mit deiner lieben Tochter das gleiche machen, mein Lieber. Da kommst du nicht drum herum, wenn sich bewahrheiten sollte, was ich befürchte.“

Erhard Rothgerber war in Fahrt. So, wie man ihn kannte. Mit seinen dreiundfünfzig Jahren stand der Capo, wie er von seinen Parteifreunden ehrfurchtsvoll genannt wurde, voll im Saft und in der Blüte seines beruflichen wie politischen Lebens. Als gelernter Bankkaufmann hatte er sich Stück für Stück hochgearbeitet und vor gut zwanzig Jahren den Sprung zur Selbständigkeit gewagt. Das hatte sich gelohnt. Als professioneller Anlageberater verdiente er heute mehr als das Zehnfache seines damaligen Gehalts. Politisch hatte ihn sein Hang zu einfachen und klaren Worten, gepaart mit einem immensen Selbstbewusstsein und einer dicken Hornhaut an den richtigen Stellen, bis an die Spitze der Mehrheitsfraktion im Koblenzer Stadtrat getragen. Diese Position in Kombination mit dem Parteivorsitz in Koblenz hatte er stets zu seinem Vorteil zu nutzen gewusst. Der Unterstützung seiner Parteikollegen konnte er sich dabei sicher sein, denn der Großteil derer hatte größere oder kleinere „Geschenke“ von ihm erhalten. Die Kommune war mit ihrer Stadtverwaltung oder dem städtischen Energieversorgungs-unternehmen KWK ein großer Versorgungsapparat für Parteikollegen, deren Ehepartner, Kinder oder sonstige nahe Verwandte. In den vielen Abteilungen der Kraft-Werke-Koblenz und der Kommunalverwaltung fanden sich somit fast alle Familiennamen, die auch auf der Fraktionsliste standen. In der Stadtverwaltung war es nicht viel anders. Für die Postenbeschaffung sorgte Rothgerber. Und spurte ein Verantwortlicher in den Verwaltungen mal nicht, so konnte man sicher sein, dass seine Stelle innerhalb des nächsten halben Jahres neu ausgeschrieben werden musste.

Insbesondere der Koblenzer Energieversorger KWK war es, der Rothgerber stets besonders interessiert hatte. Schließlich war die Energieversorgung ständigem Wandel unterworfen, ein Betätigungsfeld mit Abenteuercharakter, in dem moderne Goldgräber immer wieder mal eine Goldader fanden. Eine Branche, in der man mit geschickten Schachzügen Millionen bewegen konnte, ein Wirtschaftszweig, in dem motivierte Kaufleute noch so etwas wie Spannung empfanden. In dem man scheitern, in dem man aber auch in luftige Höhen kolossalen wirtschaftlichen Erfolgs katapultiert werden konnte. Das reizte Rothgerber. Es weckte seinen Sportsgeist. Zudem, aber das hätte er selbst niemals als Triebfeder seines eigentlichen Interesses beschrieben, boten sich in diesem Geschäftsfeld hervorragende Möglichkeiten, den eigenen Vorteil zu nutzen. Sei es durch Prämien der großen Strom- und Gasanbieter, sei es durch Vorzugsbehandlung im eigenen Betrieb. Hier ein Kontingent preiswertes Gas, dort ein besonders günstiges Stromangebot. Irgendwas ging immer. Rothgerber war der eigentliche König der KWK. Martin Seifert, der Direktor des Energieversorgers, war lediglich sein Statthalter. Wenn Rothgerber dreimal wöchentlich im Besucherstuhl des luxuriösen Seifertschen Büros im fünften Stock des Verwaltungsgebäudes saß, konnte jeder unschwer erkennen, wer das Sagen hatte und wer Befehlsempfänger war. Den finanziellen Nutzen, den Rothgerber aus seinem Engagement beim Koblenzer Energieversorger zog, wusste er geschickt zu teilen, so dass Seifert nicht alleine auf sein dürftiges Jahressalär von einer Viertelmillion Euro angewiesen war. Hin und wieder sprang auch mal ein erkleckliches Sümmchen aus einer Rückerstattung oder ein Sonderposten aus Rabatten heraus, die in „Naturalien“ bezahlt wurden, beispielsweise ein gasbetriebenes Fahrzeug oder ein Jahr Strom umsonst. Alles irgendwie halb- bis illegal, aber jedenfalls problemlos zu kaschieren und stets unbemerkt, sofern der Direktor des Betriebes die Abwicklung selbst in die Hand nahm, wie es Seifert zu tun pflegte.

Rothgerbers Aufgeregtheit an diesem Morgen war nicht aufgesetzt, wie sie es sonst schon mal sein konnte, wenn er sich mit Wutausbrüchen ins rechte Licht zu setzten wusste. Er war aufrichtig entrüstet und erzürnt. Hatten sich doch sein Sohn Fabian und dessen Klassenkameradin Katharina Seifert, Martins Tochter, offensichtlich auf die Seite aufrührerischer Verschwörungstheoretiker und Weltverbesserer geschlagen und beschlossen, ihre Väter an den Pranger zu stellen. Diese undankbare Brut hatte scheinbar vergessen, wer sie in Wohlstand und Luxus aufgezogen und ihr das Abitur ermöglicht hatte. Fabian war im Grunde genommen seit Jahren aufsässig, kam ganz nach seiner Mutter, mit der man auch nicht über Geschäftliches reden konnte. Die hatte das Geschäftliche aber wenigstens nie interessiert. Sie genoss einfach das Leben an der Seite eines der mächtigsten Männer in Koblenz. Aber Fabian kam irgendwie nicht aus seiner Pubertät heraus, hatte Flausen im Kopf und ihn erst vor wenigen Tagen, anlässlich eines Streits über das monatliche Unterhaltsgeld, mit seiner Kenntnis über „Machenschaften“ bei den KWK konfrontiert. Dabei hatte Sohnemann keinen Zweifel daran gelassen, dass er genau wusste, wer die Verantwortlichen dabei waren: sein Vater und Martin Seifert. Dessen Tochter Katharina steckte in diesem Akt von Illoyalität wohl mit drin.