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Historische Spannung vom Feinsten – eine mysteriöse Mordserie führt ins Zentrum der Macht In »Brandt – Im Namen der Angst« verknüpft Marwin Wolf geschickt einen historischen Spionagethriller mit einem unheimlichen Kriminalfall um eine Reihe düsterer Morde, die mit antiker Mythologie zu spielen scheinen. Terrorisiert ein Serienmörder das Berlin der 1930er Jahre? Wolf konfrontiert seinen schillernden Ermittler Laurence Brandt mit einer lebensgefährlichen Mischung aus Verschwörung, Kult und Politik. Berlin 1937: Nahe einer Siedlung, die man Drachenloch nennt, wird ein Industriellensohn vor einen Zug geworfen. Im Hals einer toten Sekretärin findet sich eine Jadefigur in Drachenform. Im Pergamonmuseum wird ein Theaterstar mit einem Drachendolch getötet. Polizeimajor Schauer bittet den Geheimagenten Laurence Brandt um Hilfe – denn diese Morde haben eine politische Dimension. Für Brandt ist das Rampenlicht allerdings gefährlich: Er hat Feinde in hohen Positionen. Die Ermittlungen drohen nicht nur sein Geheimnis zu enthüllen, sie gefährden auch das Leben jener, die er liebt. Erfolgreicher Ermittler, gerissener Spion, weltgewandter Lebenskünstler, liebevoller Sohn – Laurence Brandt ist ein Mann mit vielen Gesichtern.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Cover & Impressum
Widmung
1.
FRÜHLING 1937
2.
DAS HAUS DER KÖNIGIN
3.
WEIBLICHE INITIATIVE
4.
DIE KIPPE
5.
AUS TIEFEM SCHLAF
6.
ARMAGNAC
7.
DER GENERAL
8.
DER DRACHE
9.
VENUS IM NERZ
10.
DAS SCHLANGENLOCH
11.
EINE WOCHE ZUVOR
12.
DIE GROSSE SCHLANGE
13.
DAS SYMBOL
14.
DIE DORNE
15.
ANNA KLEPP
16.
DER DUNKELBLAUE OPEL
17.
DAS RECHT AUF LEBEN
18.
DIE BRUDERSCHAFT
19.
SCHIEFLAGE
20.
BASTA
21.
IM AUGE DES TODES
22.
AUF DEN FÜHRER
23.
BERNADETTE
24.
MEIN KONRAD
25.
WARUM TANZEN SIE NICHT MIT DEN ANDEREN?
26.
PALLAS ATHENE
27.
SIEBEN KRONEN
28.
SECHS SCHIMMEL
29.
HINTEN UND AN DEN SEITEN
30.
LICHTSTRAHL
31.
EINE LÜGE KANN MAN NICHT BEICHTEN
32.
NÄCHTLICHER BESUCH
33.
TIEFER, DUNKLER
34.
DER GOTT DES WINDES
35.
BENDLERBLOCK
36.
UNZERSTÖRBAR
37.
ÜBER LEICHEN
38.
DIE AUFGABE
39.
GIFT UND GALLE
40.
ISTAR
41.
AUF FREIEM FUSS
42.
JETZT
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für meinen Freund Werner
Laurence Brandt hob den Kopf, keine leichte Sache, wenn man hinterrücks an Händen und Füßen gefesselt war, die Nase knapp über dem Boden. Er sah die Stiefel seiner Bewacher, akkurat poliert, das war Standard bei der Sicherheitspolizei.
Die Eisenstange lehnte normalerweise unauffällig in einer Ecke. Bei Bedarf wurde ein Delinquent auf dieser Stange arretiert. Man hob ihn an und legte die Stange über zwei Tische, wodurch sein gesamtes Gewicht an den Schultergelenken hing. Der Schmerz setzte praktisch sofort ein. Sehnen und Muskeln hielten die Stellung nicht lange durch, irgendwann sprangen die Oberarmknochen aus den Schulterpfannen. Das waren Schmerzen, unerträgliche Schmerzen.
Laurence umklammerte seine Fußgelenke mit beiden Händen, das linderte die Spannung und verhinderte das Nachgeben der Sehnen für einige Zeit. Die beiden Rottenführer gaben sich Mühe, die Tortur an ihm unsichtbar bleiben zu lassen. Darin lag seine Hoffnung. Nur zu Beginn hatten sie ihn geschlagen, das Feuchte an Stirn und Wange musste Blut sein. Während der Befragung rissen sie seinen Kopf weit genug hoch, dass er das Emblem an ihren Aufschlägen sehen konnte, dreifach geteiltes Eichenlaub. Seit Himmler sämtliche Polizeieinheiten unter sich vereint hatte, machte man den Beamten den Eintritt in die SS leicht. Wer sich dazu entschloss, erhielt einen seinem Polizeidienstgrad entsprechenden SS-Rang und trug den Totenkopf auf der Mütze.
Laurence sah Elsas Lächeln vor sich. Er kannte nichts Belebenderes, Inspirierenderes, nichts Erotischeres als das Lächeln von Elsa Schreyer, die häufig von großem Ernst erfüllt war, der Genauigkeit über alles ging, die vieles verzieh, aber eine Lüge niemals. Wenn diese ernste, starke Frau ihn anlächelte, wusste er, dass ihm alles gelingen würde. Den anderen konnte er etwas vormachen, Elsa nicht. Laurence liebte Elsa bedingungslos, ausschließlich, und er hatte den beklemmenden Verdacht, dass sich daran nie etwas ändern würde. Wenn sie die ärmellose Bluse trug, rot-weiß getupft mit den kleinen gelben Vögeln darauf, wenn er sich nicht sattsehen konnte an ihren Schultern, wenn er den Leberfleck am Ansatz ihrer Brüste betrachten, den Duft ihres Haares schnuppern durfte, welches größere Geschenk konnte das Leben ihm machen? Für Laurence gab es niemand Entwaffnenderen als Elsa Schreyer, und von niemandem außer ihr ließ er sich entwaffnen.
Bei diesem Gedanken erfasste ihn mit einem Mal eine unerklärliche Heiterkeit.
»Jetzt grinst uns der Kerl auch noch an.« Der Rottenführer mit den polierten Stiefeln riss Laurence’ Kopf in die Waagrechte.
***
Begonnen hatte alles vier Wochen früher, im Februar 1937.
»Trauen Sie Brandt etwa nicht?«, fragte Admiral Canaris. Der Leiter der Abwehr, des Geheimdienstes der Wehrmacht, hatte eine freundliche, geradezu treuherzige Ausstrahlung. Früh ergraut, wirkte er wie der Großvater, den sich jedes Enkelkind wünschen würde. Seine kunstsinnige Frau Erika gab eine musikalische Soiree. Da Canaris der wahrscheinlich unmusikalischste Mensch der Wehrmacht war, pflegte er bei solchen Anlässen zu kochen. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, hielt er parallel dazu berufliche Besprechungen ab.
»Sie haben Laurence Brandt von Anfang an nicht getraut«, setzte Canaris hinzu, während er den Fond für seinen Rinderbraten abschmeckte. Er schob das Ganze wieder ins Backrohr.
Ihm gegenüber nippte SS-Gruppenführer Richard Klinger an einem Glas Mosel. Zum Rindfleisch würde Rotwein serviert werden, daher genehmigte er sich vorab einen Weißen. »Sie dagegen haben Brandt von Anfang an blindlings vertraut«, antwortete er.
»Als Leiter der Abwehr traue ich grundsätzlich niemandem blindlings.« Canaris schmunzelte. »Es ist nur so, dass Brandt exzellente Ergebnisse liefert. Seine Methoden sind unorthodox, aber effektiv.«
»Hatten Sie nie den Verdacht, dass sich mit Brandt ein britisches Kuckucksei in Ihrem Geheimdienst eingenistet haben könnte?«
Gruppenführer Klinger war optisch das genaue Gegenteil von Canaris. Der Admiral maß nur einen Meter sechzig. Dieser Umstand hatte es ihm zu Beginn schwer gemacht, sich in der Wehrmacht durchzusetzen. Er hielt sich leicht gebückt, war stets zuvorkommend und wirkte selbst in Uniform wie ein unverbesserlicher Zivilist. Zu allem Überfluss lispelte Canaris auch noch.
SS-Gruppenführer Klinger dagegen, Chef der Sicherheitspolizei, war groß, schlank, durchtrainiert, musisch begabt und zeigte auch im privaten Umgang ein militärisches Auftreten.
Von Anfang an hatte es zwischen Canaris und Klinger Schwierigkeiten gegeben. Die SS strebte eine einheitliche Organisation aller deutschen Geheimdienste an. Himmler wollte so bald wie möglich auch die Kontrolle über die Abwehr erhalten,doch dieser besondere Geheimdienst unterstand der Wehrmacht. Durch Gesprächsbereitschaft, ruhiges Taktieren und seinen persönlichen Kontakt zum Führer hatte Canaris bis jetzt alle Infiltrationsversuche der SS vereitelt.
Von außen betrachtet, durfte man die beiden, wenn schon nicht als Freunde, so doch als gute Nachbarn bezeichnen. Die Grundstücke ihrer Villen in Berlin-Schlachtensee grenzten aneinander. Sie begegneten sich morgens vor der Fahrt in die Dienststellen, wenn ihre Limousinen bei den Toren warteten. Sie begegneten einander auch spätnachmittags im Garten. Canaris war ein begeisterter Hobbygärtner. Klinger ließ lieber einen Sturmmann die Koniferen stutzen und die Frühlingszwiebeln setzen. Sie begegneten einander mitunter auch abends, wenn Erika Canaris zur Soiree lud.
Als Sohn zweier Musiker beherrschte Klinger mehrere Instrumente, das Violinspiel sogar auf professionellem Niveau. In Erikas Streichquartett spielte er die erste Geige, sie selbst die zweite. Der Admiral dagegen hätte Mozart nicht von Haydn unterscheiden können.
»Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, Ihren Vorzeigeknaben einem Test zu unterziehen?« Klinger beobachtete, wie der Admiral den länglichen Serviettenknödel aus dem siedenden Wasser holte und das heiße Tuch auf dem Schneidebrett behutsam öffnete.
»Brandt testen? Wie stellen Sie sich das vor?«
»Geben Sie dem Mann einen Auftrag, der ihn in Versuchung bringen könnte.«
Perlen von Küchendampf standen Canaris auf der Stirn. Mit der Schürze trocknete er sein Gesicht ab. »In fünfzehn Minuten muss ich den Braten tranchieren, und vorher sollen Sie noch Schubert zum Besten geben. Bitte kommen Sie daher zur Sache.«
»Mit Vergnügen.« Klinger stellte sein Glas ab. »Mir ist bekannt, dass die Abwehr – und damit Sie selbst – es auf die britischen De-Havilland-Werke abgesehen hat.«
»Ach ja?« Canaris schnitt den länglichen Knödel in Scheiben. »Habe ich es wirklich auf die De-Havilland-Werke abgesehen?«
Klinger war die kleine Pause nicht entgangen. Er genoss es, den Kontrahenten spüren zu lassen, dass die Abwehr vor der SS nur wenig geheim halten konnte. »Wir beide wissen, dass der englische Flugzeugbauer seine DH.88 zwar als Trainingsmaschine und Passagierflugzeug deklariert, zugleich aber die Kapazität besitzt, den Flieger im Kriegsfall sofort in ein Kampfflugzeug umzubauen.«
Scheibe um Scheibe drapierte Canaris die Serviettenknödel auf der Vorlegeplatte. »Wussten Sie, dass De Havilland dieser Kriegsvariante bereits einen Namen gegeben hat?«
»Erhellen Sie mich«, entgegnete Klinger.
»Das Ding soll Mosquito heißen.« Canaris stellte die Knödel warm. »Aber was hat das alles mit Laurence Brandt zu tun?«
»Die De-Havilland-Werke sind neulich in die Grafschaft Herfordshire nördlich von London übersiedelt.«
»Und?« Canaris sah nach dem Rosenkohl. Der konnte noch ziehen.
»Die Firma hat ihre Sicherheitssysteme dort bis heute nicht vollständig fertiggestellt.«
Canaris nahm die Schürze ab und schlüpfte in die Uniformjacke. »Und weiter?«
»Laurence Brandt ist Sprengstoffspezialist.« Pikiert schüttelte Klinger den Kopf. »Laurence – was ist das überhaupt für ein Name? Wieso kann sich der Mann nicht Lorenz nennen?«
»Weil sein Vater aus Südafrika stammt. Was meinen Sie damit, er sei Sprengstoffspezialist?«
»Solange die Flugzeugfabrik nicht entsprechend abgeschirmt ist, könnte Brandt bei De Havilland ein kleines Feuerwerk veranstalten.«
Nachdenklich wusch sich der Admiral die Hände. »Ich hatte bereits ähnliche Überlegungen, aber der Führer rät zu Zurückhaltung. Er will die Engländer nicht in Alarmbereitschaft versetzen.«
Klinger umkreiste den Admiral in der weitläufigen Küche. »Was halten Sie davon, wenn ich mit Hitler spreche?«
»Ich brauche kein Sprachrohrbeim Führer«, gab Canaris schroff zurück.
»Das habe ich auch nicht angedeutet. Aber in diesem Fall wären Sie aus der Schusslinie und könnten Ihren Mann in Stellung bringen.«
»Was gedenken Sie damit zu gewinnen?« Canaris trat vor den SS-Gruppenführer und blickte zu ihm hoch.
»Die Antwort auf die Frage, ob Ihr Musterknabe vielleicht engere Verbindungen zu den Briten hat, als Ihnen lieb sein kann.«
»Das halte ich für ausgeschlossen.«
»Umso eher wird Brandt die Prüfung bestehen.« Klinger griff zum leeren Glas. »Exzellent, Ihr Riesling. Dürfte ich noch um einen Tropfen bitten?«
»Du hast Richard nichts nachgeschenkt?« Erika Canaris stand in der Tür, langes schwarzes Kleid, dezenter Goldschmuck, das Haar in interessanten Windungen hochgesteckt. Erika holte die Flasche. »Entschuldigen Sie, Richard.«
Klinger machte eine knappe Verbeugung vor der Hausfrau.
»Wären Sie jetzt so weit?« Mit einer Geste lud sie ihn in den Musiksalon.
Klinger folgte ihr zum Klavier.
***
Zwei Wochen nach dieser Unterredung saß Laurence Brandt seiner Mutter gegenüber. Er hätte sich gern noch von Elsa verabschiedet, heute aber musste er hierher. Vor jedem Einsatz besuchte er seine Mutter, ein ungeschriebenes Gesetz zwischen ihnen.
»Nimm noch vom Hähnchen«, sagte sie.
»Danke, Mama, ich kann nicht mehr.«
»Du hattest nur ein einziges Stück. Schmeckt’s dir nicht?«
»Es schmeckt wunderbar.« Laurence schnappte nach Luft, weil er so voll war. »Wie immer.«
»Warum isst du dann nicht mehr?«
»Die Kartoffeln«, sagte er.
»Es sind genügend da, ich mache sie schnell noch mal warm.«
»Nein, bitte nicht. Ich meinte nur, die Kartoffeln macht keine so wie du.«
Sie stand auf. »Ich mache sie noch mal warm.«
Er seufzte, hatte nicht die Kraft zu widersprechen.
Die Schüssel in der Hand, ging Elisabeth Brandt in die Küche. Von Kindheit an hatte man ihr erzählt, dass eine Kaiserin Elisabeth geheißen habe; auch sie war eine Kaiserin. Wenn sie ging, selbst wenn sie nur in die Küche ging, schritt sie. Mit den Jahren war sie stärker geworden, daher schritt sie voluminös, raumverdrängend. Aber immer bedeutend. Es hatte Bedeutung, wenn sie die Kartoffeln wärmte. Keinen Bissen brachte Laurence mehr hinunter und würde sich doch dazu zwingen, um sie nicht zu beleidigen.
»Du solltest dir die Haare schneiden lassen!«, rief sie von drüben.
»Gleich wenn ich zurückkomme!«
»Es steht dir besser, wenn deine Haare geschnitten sind.«
»Niemand wird mich dort sehen. Praktisch niemand«, sagte er leise, aber seine Mutter hatte exzellente Ohren.
»Die Frisur trägt man nicht für andere, sondern für sich selbst.« Lautes Hantieren aus der Küche.
Elisabeth Brandt stammte aus Österreich, dem Land der Kaiserinnen. Die Liebe hatte sie nach Berlin geführt. Nicht die Liebe zu Laurence’ Vater, sondern ihre große Liebe Konrad, die einzige Liebe, die sie für immer im Herzen tragen würde. Laurence’ Vater, der Engländer aus Südafrika, war später gekommen und hatte sie über ihre wahre Liebe hinweggetröstet. Er lebte schon lange nicht mehr. Auch er hatte Laurence geheißen, der Schneidige, der Blauäugige, von dem Elisabeth behauptete, der Sohn habe viel vom Vater.
Laurence Brandt fand sich nicht schneidig, es interessierte ihn nicht, ob seine Haare geschnitten oder seine Augen blau waren. Heute Nacht musste er fliegen, in ein paar Stunden schon. Er wusste nicht, ob er zurückkommen würde. Wie viele Einsätze überstand man lebend? Gab es irgendwo einen Mechanismus, der langsam auf null herunterzählte? Den letzten Einsatz überlebte man dann nicht mehr.
Er wollte zu seiner Mutter hinübergehen und sie in den Arm nehmen. Sie würde leider zu gut verstehen, was die Geste bedeutete, und sich daher Sorgen machen, die ganze Zeit über, während er fort war. Laurence blieb sitzen, sie sollte sich keine Sorgen machen. Es war großartig genug, was sie tat. Aber er wollte ihr zeigen, wie viel ihm an ihr lag.
»Weißt du was?« Er streckte die Beine unter dem Tisch aus.
»Was denn?«
»Ich nehme zu den Kartoffeln noch ein kleines Stück Huhn.«
»Siehst du? Du bist noch hungrig.« Das Klappern von drüben wurde euphorischer. »Ich packe dir auch etwas ein.«
»Nein!«, rief er. »Nein«, flüsterte er. Dort, wo er hinkam, würde er keine Zeit haben, Hähnchen zu essen. Er ließ den Kopf sinken. Schlafen wäre gut. Er konnte im Flugzeug schlafen.
Zwei Tage später betrat Laurence Brandt Hatfield House, allerdings nicht über den Haupteingang. Er verschaffte sich Zutritt, indem er ein Glassegment aus der Tür der Privatkapelle herausbrach. Behutsam legte er das Glasstück neben das Chorgestühl. Sein Einbruch sollte keine vandalistischen Züge tragen – noch nicht. Er entledigte sich seines Overalls und verstaute ihn hinter dem goldverzierten Altar. Die Darstellung zeigte Maria rechts während der Kreuzesabnahme, links mit dem Jesuskind auf dem Arm. Eine morbide Collage aus dem Leben einer Mutter, fand er und dachte zugleich an seine eigene Mutter. Sie würde in diesen Tagen kaum etwas essen. Jedes Mal, wenn er für einen Auftrag unterwegs war, brachte die Arme keinen Bissen hinunter.
Er verließ die Kapelle durch den hinteren Ausgang, wollte den Marple Room durchqueren, bog jedoch falsch ab und landete in der Küche. Die Angestellten wunderten sich über den Gentleman, offenbar einer der Gäste, der sich in die Dienstbotenetage verirrt hatte.
»Können wir etwas für Sie tun, Sir?«, fragte die Köchin. Sie versuchte nicht, ihre Zigarette zu verbergen. Der Wild- und der Fleischgang waren bereits serviert worden, das Küchenpersonal gönnte sich eine Pause.
»Ach, guten Abend, Mrs …« Laurence trat auf die Köchin zu. Sein Erscheinen in der Küche war ein Fehler. Was immer er jetzt erzählte, musste plausibel klingen.
»Potts«, antwortete sie distanziert. Die Köchin schätzte es nicht, wenn die Herrschaften das Gesetz des Oben und Unten durchbrachen und in ihr Reich eindrangen. »Wie können wir Ihnen behilflich sein, Sir?«
»Ihr Fasan war exquisit, Mrs Potts, alle Gäste haben sich lobend darüber geäußert, das Gleiche gilt für die Rinderlende. Aber bedauerlicherweise esse ich kein Fleisch.« War es plausibel, dass jemand, der an einer Jagdgesellschaft teilnahm, Vegetarier war?
»Kein Fleisch?«, hakte Mrs Potts verwundert nach.
»Mein Kammerdiener hat versäumt, den Gastgebern diesen Umstand mitzuteilen. Ihre Ladyschaft war untröstlich und wollte sich persönlich um meine Angelegenheit kümmern.«
»Ihre Ladyschaft wollte zu uns runterkommen?«, staunte Mrs Potts ein weiteres Mal.
Nur kein falsches Wort jetzt. »Wie Sie sehen, habe ich es verhindert. Ich bin nämlich keineswegs wählerisch«, setzte Laurence Brandt mit treuherzigem Lächeln hinzu. »Eine Suppe wäre nett. Und danach vielleicht ein überbackener Toast?«
»Wir hätten einen Chowder von gestern«, überlegte Mrs Potts. »Da ist allerdings Schellfisch drin.«
»Fisch ist wunderbar«, stimmte Laurence bereitwillig zu. »Wenn Sie mir das servieren könnten, wäre ich der glücklichste Mensch.«
»Ich lasse die Suppe für Sie wärmen, Sir.«
»Vielen Dank, Mrs Potts.« Laurence wandte sich zum Treppenhaus.
»Einen Augenblick!«, rief sie ihm nach.
Er drehte sich um. Aller Augen waren auf ihn gerichtet.
»Wenn Sie das nächste Mal einen Wunsch haben, schicken Sie doch bitte Ihren Diener zu uns, Sir.«
»Ich verspreche es, Mrs Potts. Sie sehen mich heute zum letzten Mal.« Er nickte dem Personal zu. Eine der Mägde deutete einen Knicks an.
So schnell es unauffällig möglich war, eilte Laurence durch die Armour Gallery. Sein Stopp in der Küche hatte Zeit gekostet, es blieben ihm weniger als zwölf Minuten. Im Vorüberlaufen staunte er, mit welchem Einfallsreichtum die Menschen früherer Epochen Tötungsmaschinen erfunden hatten. An diesen Wänden hingen nicht nur Schwerter und Bihänder, er entdeckte Ahlspieße, Kriegshämmer, Streitkolben und historische Vorderlader.
Am Ende der Armoury öffnete sich die Freitreppe. Aus dem ersten Stock drangen Wortfetzen zu ihm herunter, unterbrochen durch Applaus. Brandt blieb im Untergeschoss, eilte am Morning Room vorbei und betrat die Study an der Ostseite von Hatfield House. Er wurde erwartet.
»Mr Brandt«, begrüßte ihn Mrs Rosa Attley, eine kleine Frau in ihren Fünfzigern.
»Frau Attley.« Von nun an sprachen sie deutsch. »Ich bitte die Verspätung zu entschuldigen.« Laurence sah auf die Uhr. Die meisten trugen ihre Modelle mittlerweile am Handgelenk, doch in solchen Dingen dachte er traditionell. Seine Taschenuhr stammte vom Uhrenhaus Quetscher in München. Die Minutenrepetition mit Chronograf mochte Standard sein, nicht aber die goldene Ankerhemmung und die Kompensationsunruh mit einem Diamantdeckstein. Solche Uhren bekamen Söhne von Vätern vererbt und hielten das gute Stück ein Leben lang in Ehren. Laurence’ Vater hatte ihm nichts hinterlassen. Diese Uhr stammte von einem Freund. Laurence hatte das Geschenk damals für übertrieben gehalten, doch der großherzige Hans Schauer bestand darauf. Die Uhr trug die Gravur München 1931. Das Entscheidungsjahr. Alles hatte in München begonnen, in jenem Sommer mit Hans. Laurence ließ den Deckel aufschnappen.
»Noch elf Minuten«, sagte er. »Die Maschine müsste inzwischen über dem Ärmelkanal sein.«
»Sie haben mir noch gar nicht gesagt, wie Ihnen Hatfield House gefällt.« Mrs Attley trat vor ein Bild, das Queen Elizabeth I. zeigte, verkleidet für einen Maskenball.
»Ein beeindruckendes Haus.«
»Das berühmte Rainbow Portrait«, sinnierte Mrs Attley. »Als es gemalt wurde, war die Königin bereits in ihren Sechzigern.«
»Ich will nicht drängen, Ma’am …« Laurence ließ die Taschenuhr nicht aus dem Blick.
»Wir werden rechtzeitig oben sein, mein Lieber. Dies ist übrigens das Zimmer, in dem man der jungen Elizabeth 1558 mitgeteilt hat, dass sie nach dem Tod ihrer Vorgängerin die neue Königin von England sei.«
»Noch neun Minuten.« Er klappte die Uhr zu. »Ich gehe jetzt hinauf.«
Mit einer Geste deutete Mrs Attley an, dass er ihr den Arm reichen sollte. Sie wandten sich zur großen Treppe. Aus dem King James’s Room schlug ihnen die Stimme eines Redners entgegen.
»Oh Gott!«, stöhnte Mrs Attley. »Sind die mit ihrer dämlichen Versammlung immer noch nicht fertig?«
Neben dem Jagdvergnügen vormittags war der Anlass des Treffens in Hatfield House die Versammlung der Dachorganisation des britischen Crickets.
»Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen!«, rief gerade jemand auf der Tribüne. »Acht Bälle pro Over! Das klingt verrückt, aber sind es nicht Verrücktheiten wie diese, die das Cricket auf der ganzen Welt groß gemacht haben?«
Wieder wurde geklatscht. Beflügelt durch die Ovation, fuhr der Redner fort: »Wollen wir dem Acht-Ball-Over eine Chance geben? Wenn ja, dann stimmen Sie mit mir bitte in unseren Slogan ein!«
Darauf rief die Gesellschaft im Chor: »East or West, Cricket is the best! One team, one dream! Go big or go home!«
Mrs Attley ließ Brandts Arm los. »Verstehen Sie jetzt, warum ich erst im letzten Moment hochkommen wollte?«, fragte sie auf Englisch.
»Sie hatten recht.«
»Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung.«
Er beobachtete, wie sie sich zwischen den Cricket-Vertretern durchschlängelte und auf ihren Ehemann zusteuerte. Niemand nahm Notiz von Laurence Brandt, aller Augen waren auf die Tribüne gerichtet, wo ein achtköpfiges Orchester zu spielen begann.
Die Explosion ereignete sich auf die Sekunde genau. Sie war so gewaltig, dass die Fensterfront des King James’s Room dem Druck nicht standhielt. Die Glasscheiben barsten, Tausende Splitter regneten auf die Anwesenden herab. Vergoldete Stühle flogen durch den Saal. Die Druckwelle warf die Kerzenleuchter auf den Tischen um. Diener und Valets eilten herbei, um einen Brand zu vereiteln. Noch wusste niemand, woher die Detonation stammte oder was sie zu bedeuten hatte. Niemand dachte in diesem Moment daran, dass die De-Havilland-Flugzeugwerke weniger als eine Meile von Hatfield House entfernt lagen. Das kleine Flugfeld, auf dem in diesem Moment eine zweimotorige Maschine landete, schloss direkt an die Fabrikanlagen an.
Als Laurence Brandt durch die geborstenen Fenster nach draußen sah, erhob sich eine rot leuchtende Feuerblume über der Flugzeugfabrik. Der Anblick hatte etwas Erhebendes, zugleich Verblüffendes. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie eine Frau auf dem Boden sich unter Schmerzen aufrichtete. Glassplitter hatten sie an der Stirn getroffen. Sie blutete.
»Your Ladyship.« Laurence eilte auf die Gastgeberin zu und stützte sie. »Sie bluten, Mylady.«
Er führte die Verletzte zu einer Chaiselongue und winkte dem Butler. Erst nachdem er sicher war, dass man sich um sie kümmerte, verließ er den King James’s Room und wandte sich zum nordseitigen Ausgang, von wo er das Flugfeld in wenigen Minuten erreichte.
Drei Tage später betrat Elsa Schreyer die Büroräume des Chefs der Sicherheitspolizei in der Prinz-Albrecht-Straße.
»Gruppenführer Klinger ist nicht zu sprechen«, sagte dessen Adjutant.
Elsa zählte drei Punkte und vier Streifen auf dem Spiegel seiner Uniform. Was die SS-Ränge betraf, war sie nicht immer sicher und vermied seinen Rang daher bei der Anrede.
»Mein Name ist Elsa Schreyer. Ich habe Material von höchster Wichtigkeit für den Gruppenführer.« Ein Blick zur Flügeltür, sie war gepolstert. Es hatte also keinen Sinn, die Stimme zu erheben. Bei der SS hatte es meistens keinen Sinn, die Stimme zu erheben.
»Warum lassen Sie das Material nicht bei mir, und ich übergebe es dem Gruppenführer, sobald er frei ist«, schlug der Adjutant vor.
Elsa richtete sich zu voller Größe auf. Nach ihrer Erfahrung reagierten Offiziere anders, wenn eine Frau ihnen auf Augenhöhe begegnete. »Es handelt sich um Informationen von äußerster Dringlichkeit.«
»Ich kann ihn im Augenblick wirklich nicht stören.« Der Adjutant hatte sich verraten.
Elsa wagte ein Lächeln. »Das bedeutet, Gruppenführer Klinger ist also da?«
Auf dem Schreibtisch läutete das Telefon. Der Adjutant nahm ab. »Strasser.« Er lauschte. Er nickte. »Jawohl, ich werde …« Er nickte erneut, mit einer Spur von Unwillen. »Sofort.« Er legte auf. Zog seine Uniformjacke glatt. »Der Gruppenführer möchte Sie nun sprechen.«
»Der Gruppenführer weiß also, dass ich hier bin?«, fragte Elsa überrascht.
»Es gibt nichts, was dem Gruppenführer entgeht«, antwortete der Offizier. »Er empfängt Sie nebenan.«
Sie deutete auf die gepolsterte Tür. »Nicht in seinem Büro?«
»Bitte folgen Sie mir, Frau Schreyer.«
Endlich fiel ihr die Dienstbezeichnung des Adjutanten ein. »Danke, Hauptsturmführer.«
Nebeneinander liefen sie durch den Korridor, über den Elsa gerade gekommen war.
Der Hauptsturmführer musterte sie von der Seite. »Sind Sie die Fliegerin Elsa Schreyer? Ich habe von Ihnen gelesen. Sie arbeiten in der Erprobungsstelle Rechlin, nicht wahr?«
»Darüber darf ich nicht sprechen, Hauptsturmführer.« Sie betrachtete die borstigen Härchen in seinem Nacken, die sich durch den Uniformkragen hochstellten.
Vor einer Tür blieb er stehen. »Sie wurden zum Luftkapitän ehrenhalber ernannt, habe ich gehört. Noch keine Frau hat diese besondere Auszeichnung erhalten.« Unvermittelt schlug der Adjutant die Hacken zusammen. Neben ihm hatte sich eine Tür geöffnet.
»Strasser?«, fragte eine leise Stimme aus dem Halbdunkel.
»Gruppenführer!«, rief der Adjutant.
»Sie verplaudern die Zeit mit meinem Gast?«
»Bedaure, Gruppenführer. Habe nur eine Frage gestellt.«
Die Tür öffnete sich etwas weiter, aber Klinger trat nicht auf den Korridor. »Frau Schreyer. Wie schön.« Eine Hand wurde sichtbar. »Bitte.«
Elsa trat ein. Der Raum war klein und schmal, er mochte den Ruhepausen des Gruppenführers dienen. Vielleicht war er auch für besondere Besprechungen reserviert. Kandelaber aus Gusseisen hingen an der Wand, ein Tisch, den ein Teppich bedeckte, zwei altdeutsche Stühle. Im Hintergrund ein Ruhesessel im römischen Stil. Der Blick ging auf eine Wand, die durch die Witterung jegliche Farbe verloren hatte.
»Bitte nehmen Sie Platz. Darf ich Ihnen etwas anbieten?« Klinger trat an die Anrichte.
»Danke, Gruppenführer. Ich will Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen.«
»Sie gestatten, wenn ich ein Wasser …?«
»Selbstverständlich.«
Er goss sich aus der Karaffe ein. »Was kann ich für Sie tun, Frau Schreyer?«
»Es geht um Laurence Brandt.«
»Aha?« Mit dem Glas in der Hand setzte er sich Elsa gegenüber. »Sollte ich diesen Mann kennen?«
»Da Sie der Initiator der Aktion sind, für die Laurence Brandt ausgewählt wurde, nehme ich das an.«
Er lächelte schmal und unnahbar. »Ich bitte Sie, sich deutlich zu erklären.«
Elsa nahm ein Kuvert aus der Handtasche und schob es über den Tisch.
»Was ist das?«
»Die deutlichste Erklärung, die ich Ihnen geben kann, Gruppenführer.«
Klinger öffnete den Umschlag und zog fünf Fotografien hervor. Er wechselte die Bilder schweigend und betrachtete eines nach dem anderen. »Wer hat diese Aufnahmen gemacht?«
»Ich.«
»Aus welcher Höhe?«
»Tausend Meter.«
»Wie sind Sie durch das englische Radar gekommen?«
»Ich bin durchgekommen, wie Sie sehen«, antwortete sie nüchtern. »Sie wissen, was diese Bilder zeigen, Gruppenführer?«
»In wessen Auftrag haben Sie die Aufnahmen geschossen?«
»Auch das wissen Sie.«
Er legte die Bilder auf den Tisch und musterte Elsa. »Frau Schreyer, Sie kommen zu mir, ohne einen Termin zu haben, und verwickeln mich gewissermaßen in eine Rätselstunde. Weshalb zeigen Sie mir dieses Material? Weshalb sind Sie damit nicht zur Abwehr gegangen?«
»Von dort komme ich gerade, Gruppenführer. Bei der Abwehr ist man besorgt.«
»Weshalb sollte die Abwehr besorgt sein?«
Bis jetzt hatte sich Elsa auf den höflichen Umgangston verlassen, den Offiziere Damen gegenüber pflegten. Nun spürte sie den eisigen Wind, der bei der SS herrschte. »Weil man seit drei Tagen nichts von Laurence Brandt gehört hat.«
Klinger trank aus und lehnte sich zurück. Da er schwieg, war Elsa gezwungen fortzufahren.
»Laurence Brandt ist der Agent, dem wir das Ergebnis, das Sie auf diesen Bildern sehen, verdanken.«
»Ich sehe einen Detonationskrater. Ich sehe Flammen und Rauch, der die Umrisse des Gebäudes, das dort scheinbar gesprengt wurde, verschleiert.«
»Es ist die De-Havilland-Flugzeugfabrik in Herfordshire.«
»Auf diesen Bildern kann ich nichts erkennen, was mir deutlich macht, dass ein Flugzeugwerk gesprengt wurde.«
»Ich bin persönlich über die Anlage geflogen.«
»Man könnte Sie getäuscht haben, Frau Schreyer.« Seine Stimme bekam einen hohen Oberton, ein geflüstertes Schreien.
»Wie sollte man eine Explosion dieser Größenordnung vortäuschen? Und wozu?«
»Um die deutsche Abwehr in Sicherheit zu wiegen, dass die De-Havilland-Werke gesprengt wurden.«
»Das ist verrückt.« Sie hob die Hand. »Verzeihen Sie, Gruppenführer. Was ich sagen will: Laurence Brandt war vor Ort. Er hat den Sprengsatz bei De Havilland installiert und per Zeitzünder gezündet.«
Klinger schob die Fotografien von sich. »So könnte es sich möglicherweise abgespielt haben. Vielleicht aber auch nicht.«
»Wir könnten Brandt sofort persönlich fragen, wenn …«
»Wenn was, Frau Schreyer?«
»Wenn wir wüssten, wo er ist.«
»Weiß die Abwehr nicht, wo sich ihre eigenen Agenten aufhalten?«
»Brandt ist seit drei Tagen spurlos verschwunden. Das ist der Grund, weshalb ich Sie aufsuche. Ich habe die Vermutung, die SS könnte sich … um Laurence Brandt kümmern.«
»Ein Mann von der Abwehr bei uns? Das wäre höchst unorthodox.«
»Ist die SS nicht für ihr unorthodoxes Vorgehen bekannt?« Die Entgegnung war unbedacht, aber Elsa konnte nicht anders.
Klinger griff zum Telefon. »Strasser? Stellen Sie fest, ob unsere Leute etwas von einem Mann namens Brandt wissen. Wird angeblich vermisst. Haben wir irgendwelche Informationen?« Ein Blick aus dem Fenster. »Meldung unverzüglich an mich. Ende.«
Er legte auf und beugte sich zu Elsa. »Das ist alles, was ich im Moment für Sie tun kann.«
Sie stand auf. »Danke, Gruppenführer. Danke für Ihre Zeit.« Elsa griff nach den Bildern auf dem Tisch.
Ohne Hast legte Klinger die Hand darauf. »Darf ich die behalten? Sie haben doch sicher noch mehr Abzüge.«
»Natürlich.« Sie zog die Hand zurück. »Guten Tag, Gruppenführer.« Elsa verließ das Besprechungszimmer, bevor Klinger in der Lage war, ihr die Tür zu öffnen.
Die Schöpfkelle wurde in den Eimer getaucht und brachte einen graugelben Inhalt hervor. Der Brei klatschte in den Napf. Ein Rottenführer öffnete die Klappe der Zellentür und stellte den Napf auf das Bord an der Innenseite. Der Gefangene hockte im Dunkel auf dem Boden.
»Der ist ja ganz friedlich«, sagte der Rottenführer.
»Jetzt schon. Was meinste, wie der die ersten Tage getobt hat? Telefonieren wollte er.«
Der andere lachte. »Hat aber keinen Groschen dabeigehabt, wa?« Zusammen gingen sie weiter zur nächsten Zelle.
Laurence Brandt hockte in der Ecke. Die Schandgeige erzwang seine gebückte Haltung. Die Eisenvorrichtung umschloss Hals und Handgelenke, eine Kette führte zu den Fußfesseln und sorgte dafür, dass er die Beine nicht strecken konnte. Jede Bewegung verursachte unaussprechliche Schmerzen. Seine Schultergelenke waren trotz der Folter intakt geblieben. Das tagelange gefesselte Hocken, das ihm zwischen den Verhören aufgezwungen wurde, war schlimmer. Der unausgesetzte Schmerz in der Wirbelsäule ließ ihn manchmal das Bewusstsein verlieren. Seine Beine spürte er nicht mehr. Laurence hob den Blick und sah zur Tür. Das Haar fiel ihm klitschnass in die Augen. Sein ganzer Körper war nass geschwitzt. Er sah durch einen roten Schleier, vielleicht war im Auge eine Ader geplatzt.
Er drehte sich nach rechts. Die Schmerzen ließen ihn knurren und ächzen. Mit der Stirn stützte er sich an der Wand ab. Setzte die Finger wie Krallen ein und zog sich Zentimeter für Zentimeter an der Mauer empor. Als er das Gewicht auf seine Füße verlagern wollte, schossen ihm die Tränen in die Augen, aber er durfte nicht umfallen. Fiel er jetzt hin, kam er nicht wieder hoch. Essen musste er. Was immer sie ihm in den Napf geschüttet hatten, er musste es runterwürgen. Nur dann würde er den Tag überstehen und die Nacht.
In manchen Stunden lenkte er seine Gedanken auf die Hoffnung, Admiral Canaris werde etwas dagegen unternehmen, dass der Mann, der mit einer Erfolgsmeldung aus England zurückgekommen war, der Willkür der SS ausgesetzt war. Laurence hatte keinen Zweifel daran, dass die Befehle von Klinger persönlich kamen. Der Gruppenführer hatte Deckung von Himmler, Klinger konnte sich also Zeit lassen. Wie viel Kraft blieb ihm, um diese Zeit zu überstehen? Seine Füße trugen Laurence nicht. Er sank auf die Knie, beugte den Kopf zu den Handeisen und arbeitete sich kniend voran. Die Zelle, die ihm in den ersten Tagen klein wie ein Käfig erschienen war, vergrößerte sich ins Endlose. Er erreichte die Tür und zog sich an dem eisernen Bord empor, auf dem der Napf stand. Nur nicht straucheln, keine ungeschickte Bewegung, die das Essen zu Boden fallen lassen würde.
»Lass mich das haben«, flüsterte er. »Lass mich …«
Der Essnapf wankte und kippte nach rechts, aber er fiel nicht. Laurence packte den Rand des Napfes mit den Zähnen, die hatten sie ihm noch nicht ausgeschlagen. Auf den Knien kroch er zu seiner Pritsche zurück und hielt den Napf dabei mit dem Gebiss fest. Einen Löffel brauchte er nicht. Gierig wie ein Hund fraß er aus dem Napf. Der Brei war noch warm. Warmes Essen kam ihm wie ein Himmelsgeschenk vor. Den Geschmack der Mahlzeit konnte er nicht ausmachen. Nachdem er aufgegessen hatte, ließ er sich zur Seite sinken. So war der Schmerz am ehesten zu ertragen.
Laurence schlief. Solange er sich nicht bewegte, verharrte der Schmerz im Hintergrund seines Bewusstseins. Es war kein richtiger Schlaf, kein Wegtaumeln in erlösende Ohnmacht. Ein Teil von ihm blieb wach. Ein Teil von ihm hörte, lauschte und wartete darauf, dass sie wiederkamen. Er hatte sich angewöhnt, die Minuten zu zählen, die sie ihn in Ruhe ließen. Manchmal summierten sich die Minuten zu halben, zu ganzen Stunden, in denen sie ihm nichts Schlimmeres antaten als das, was er kannte. Das Spiel bestand darin, ihm keine Gewöhnung zu gönnen. Gegen das Gewohnte konnte man sich wappnen. Es war das Unbekannte, das den meisten Schrecken ausübte. Die Angst vor dem Unbekannten nutzten sie. Meistens kamen sie nachts.
Laurence schrak hoch. Die Stiefelschritte. Es ging wieder los. Die Schritte näherten sich und blieben stehen. Aber nicht vor seiner Zelle, es war eine andere Tür. Einer sprach. Nicht die Belanglosigkeiten, die sie sonst austauschten, bevor sie einen holten. Diese Stimme klang feiner und geschmeidiger.
»Im Namen des Volkes wird der Häftling Wilhelm Kunze wegen Sabotage und Wehrkraftzersetzung durch Erschießen zum Tode verurteilt«, sagte die Stimme.
Laurence hörte nicht, dass einer sich wehrte, keiner wimmerte oder flehte um Gnade. Die Stiefel marschierten wieder los, die Schritte entfernten sich.
Laurence schloss die Augen. Konnte man schlafen, wenn ein anderer starb? »Legt an!«, meinte er zu verstehen. Das kam von draußen, von unten aus dem Hof. »Feuer!« Die Gewehrsalve, der Schuss, die vollkommene Stille danach. Diese unheimliche Stille. Wie viele Häftlinge, die den Schuss auch gehört hatten, hielten jetzt den Atem an? Laurence drehte sich nicht zum Fenster. Liegen bleiben und so tun, als hätte das alles nichts mit einem selbst zu tun, war die einzige Möglichkeit. Draußen begann es zu regnen, ein feines, leichtes Geräusch. Der Regen hatte so viel Zärtlichkeit, dass Laurence weinen musste.
Die Stiefel hatten viel zu tun in dieser Nacht. Wieder erklang auf dem Korridor der Gleichschritt, wieder marschierten die Stiefel auf eine bestimmte Zelle zu. Nicht stehen bleiben, betete Laurence, weitergehen.
»Abteilung halt!« Der Befehl wurde vor seiner Zelle gebrüllt. »Linksum!«
Der Riegel, das Schloss, die Tür schwang zur Seite. Licht fiel auf den Liegenden. Ein Unterscharführer trat ein, einen Zettel in der Hand, die Zigarette im Mundwinkel. Draußen standen sechs von ihnen, das Gewehr geschultert. Der Unterscharführer musterte Laurence.
»Ist er das überhaupt?«, fragte er die Männer draußen. Keiner antwortete. »Heißen Sie Bokowski?«
»Nein«, hauchte Laurence. Es fühlte sich wie das wichtigste Wort seines Lebens an.
»Wie heißen Sie?«
»Brandt.«
»Eben.« Der Unterscharführer ließ die Zigarette zu Boden fallen und verließ die Zelle. Einer zog die Tür zu, der Riegel schnappte ein. »Wegtreten!«, hörte Laurence.
Die Stiefel entfernten sich.
Er hatte nicht die Kraft für ein Gefühl, lag nur da und atmete hastig. Als die Angst nachließ, wurde sein Atem ruhiger. Sein Auge entdeckte etwas, das ihm schöner und verführerischer erschien als die Tatsache, dass man ihn nicht erschossen hatte. Seine ganze Hoffnung lag darin, dass diese Zigarette noch nicht erloschen war. So schnell seine Fesseln es erlaubten, kroch er an das helle Ding heran. Ertastete es mit den Lippen. Er verbrannte sich den Mund. Wie wunderbar, es war noch Feuer im Tabak. Vorsichtig arbeiteten sich Laurence’ Lippen an der Zigarette entlang, bis er sie zwischen den Lippen hatte und den ersten gierigen Zug tat. Er musste husten, ließ die Kippe aber nicht wieder los. Der Genuss war überwältigend.
Die Lampe zirkelte einen harten Lichtkegel aus dem Dunkel. Das Summen des Telefons ertönte. Das Buch wurde auf den Schreibtisch gelegt, der Zwicker obenauf. Ein zweites Summen. Die rechte Hand hob das Telefon ab, die Finger der Linken spielten mit dem Zwicker auf dem Buch. In den Siegelring am Mittelfinger war eine doppelte Rune eingraviert, sie reflektierte das Licht in mehreren Farben.
Eine leise Stimme. »Ja? … Mh … Verstehe. Natürlich. Wenn der Führer die Sabotage für gelungen hält, steht das über allen sonstigen Erwägungen. Ich instruiere Klinger. Ich danke. Heil Hitler.«
Die rechte Hand legte auf. Die linke verharrte eine Sekunde auf dem Buch und nahm den Zwicker. Der Hörer wurde erneut abgehoben.
»Leitstelle Prinz-Albrecht-Straße«, sagte die Stimme.
Es war ein Uhr morgens. Der Diensthabende in der Telefonzentrale schien entweder neu oder verschlafen zu sein. Es dauerte Augenblicke zu lang.
»Na!« Die Stimme klang jetzt messerscharf. »Durchwahl B neunundzwanzig null fünf! Machen Sie schon!«
Er wurde verbunden.
»Ist Klinger im Haus?«, fragte die Stimme, während die Hand über den Leineneinband des Buches strich.
Er wurde weiterverbunden. »Es ist so weit.« Der linke Zeigefinger hob sich, als wollte er den Sprecher am anderen Ende zum Schweigen bringen. »Ich weiß. Aber wenn Sie bis jetzt bei dem Mann nichts erreicht haben … Sie können Brandt nicht ewig festhalten. Lassen Sie ihn frei.«
Die rechte Hand legte auf. Die linke griff zum Buch. Der Daumen bewegte den Siegelring sachte hin und her.
***
Man holte Laurence Brandt aus der Zelle. Er konnte nicht selbstständig laufen. Zwei Rottenführer schleppten ihn über den Korridor. Seine Füße schleiften über den Beton. Schnellen Schrittes kam gleichzeitig Gruppenführer Klinger aus der Gegenrichtung. Der Kopf des Häftlings hing herab, sein Gesicht war kaum zu erkennen.
»Brandt?« Der Gruppenführer blieb stehen.
Die Rottenführer standen stramm und streckten den Arm zum Gruß. Keine einfache Übung, mit dem Häftling in ihrer Mitte.
»Brandt, ja um Gottes willen!«, rief Klinger, als er den Zustand des Häftlings erkannte. »Wie ist denn das möglich? Wie sehen Sie nur aus?«
Wie aus tiefem Schlaf erwacht, hob Laurence den Kopf. Vor ihm stand der mächtige Feind, Staunen und Bestürzung in seiner Miene. Der Ausdruck der Fassungslosigkeit gelang Klinger so überzeugend, dass ein schmerzerfülltes Lächeln über Laurence’ Züge glitt.
Klinger blaffte die Rottenführer an. »Richten Sie den Mann mal auf!«
Laurence wurde auf die Beine gestellt.
»Mein Gott, wer hat das zu verantworten?« Klinger trat einen Schritt zurück.
Laurence war mit den Schmerzen in seinen Füßen beschäftigt. Trotzdem sagte ihm sein benommener Kopf, dass der persönliche Auftritt von Klinger eine Wendung der Situation bedeutete. Er schluckte, räusperte sich, war aber noch nicht imstande zu antworten.
»Wer ist Ihr Vorgesetzter?«, fuhr Klinger einen der Rottenführer an.
»Obersturmführer Erhardt«, meldete der Mann.
»Na, der kann sich freuen.« Klinger beugte sich zu Laurence Brandt. »Ich bin untröstlich, mein Bester«, sagte er im warmherzigen Ton eines guten Freundes. »Ich veranlasse umgehend …«
Laurence verlor das Gleichgewicht und entglitt den Rottenführern. Er wäre zu Boden gestürzt, hätte Klinger ihn nicht an der Brust gestützt.
»Greifen Sie doch zu!«, schrie der Gruppenführer. »In mein Besprechungszimmer mit dem Mann! Sofort den Doktor verständigen!«
Wenig später lag Laurence in einem Ruhesessel im römischen Stil. Es war dasselbe Zimmer, das Elsa Schreyer vor Tagen besucht hatte. Der Arzt war wieder gegangen, er hatte keine äußerlichen Verletzungen feststellen können. Laurence rauchte.
Klinger goss ein Glas Asbach Uralt voll. »Es ist und bleibt mir unverständlich, wie es dazu kommen konnte. Eine Verwechslung in der Befehlskette, anders ist das nicht zu erklären.«
»Verwechslung?« Laurence starrte das Glas an.
»Ich habe natürlich auch geglaubt, dass Sie noch in England sind.«
Ende der Leseprobe
