Brathering reloaded - Mika Karhu - E-Book

Brathering reloaded E-Book

Mika Karhu

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4,99 €

Beschreibung

Ein Mann, drei Frauen und die Frage, ob er es diesmal schafft Ordnung in sein chaotisches (Liebes-)Leben zu bringen
Der neue humorvolle Roman für alle Fans von Tommy Jaud

Sebastian Berger, angehender Buchautor, Finnlandliebhaber und leidenschaftlicher Karhu-Trinker, steckt in der Klemme. Obwohl er im Alltag weiterhin an der Beziehung mit Christina festhält, gehen ihm Anna und Lilja nicht aus dem Kopf. Während eines Auftrags, der ihn in eine Bratheringfabrik nach Polen verschlägt, wird Seb klar, dass er sein Leben neu sortieren und sich für eine der Frauen entscheiden muss. Eine Reise nach Finnland soll die nötigen Antworten liefern – doch dort tauchen auf einmal alle drei Frauen gleichzeitig auf ...

Leserstimmen
„eine spannende, lustige, verwirrende, frech-böse und manchmal moralisch fragliche Geschichte“
„der Schreibstil ist köstlich locker-flockig und leicht zu lesen“
„bei manchen Beschreibungen musste ich Tränen lachen“
„der herzerfrischende Humor rundet die Geschichte perfekt ab“

Weitere Titel dieser Reihe
Brathering Interruptus (ISBN: 9783960871552)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 300




Über dieses E-Book

Sebastian Berger, angehender Buchautor, Finnlandliebhaber und leidenschaftlicher Karhu-Trinker, steckt in der Klemme. Obwohl er im Alltag weiterhin an der Beziehung mit Christina festhält, gehen ihm Anna und Lilja nicht aus dem Kopf. Während eines Auftrags, der ihn in eine Bratheringfabrik nach Polen verschlägt, wird Seb klar, dass er sein Leben neu sortieren und sich für eine der Frauen entscheiden muss. Eine Reise nach Finnland soll die nötigen Antworten liefern – doch dort tauchen auf einmal alle drei Frauen gleichzeitig auf ...

Impressum

Überarbeitete Neuausgabe Februar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-077-0 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-063-3

Copyright © Januar 2019, Mika Karhu im Selfpublishing Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Januar 2019 bei Mika Karhu im Selfpublishing erschienenen Titels Brathering Reloaded (ISBN: 978-1-79200-437-7).

Covergestaltung: ARTC.ore unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Peter Versnel, © Good luck images, © Alexiuz, © yukihipo Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Brathering Reloaded

Das hat sie doch sonst nicht gemacht,

sagte der Zigeuner, als ihm die Frau starb.

Finnisches Sprichwort

Sicherheitshinweis

Dieses Buch ist nicht geeignet für Menschen mit schwachen Nerven oder Personen, die eine lustige Geschichte nicht von der Realität unterscheiden können.

Der Protagonist und andere Personen in dieser Erzählung frönen mitunter dem Laster des zügellosen Alkoholkonsums, es werden außerdem Zigarillos und andere Tabakwaren konsumiert. In diesem Buch geht es weder moralisch noch politisch korrekt zu.

Es wird sehr oft mehrsprachig geflucht, der Vorwurf der Tierquälerei ist gegenüber dem Protagonisten berechtigterweise möglich. Der Humor kann im Laufe des Buches abflachen oder auch unter die Gürtellinie fallen.

Alle beteiligten Personen waren zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches achtzehn Jahre alt oder älter – abgesehen vom Rentier und dem Chihuahua. Personen, die ein Fahrzeug geführt haben, waren im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis.

Gegendert wurde nicht, auch eine Freigabe der Kirche ist nicht erfolgt. Leider.

Das benutzte Toilettenpapier war FCKW-frei, chlorfrei gebleicht und wurde vorher noch nicht benutzt. Während des Schreibens standen für die Mitwirkenden rund um die Uhr Psychologen, Rettungssanitäter, Pfarrer und Mitarbeiter von „Alkoholiker ohne Grenzen“ zur Verfügung.

Gefährliche Szenen wurden von professionellen „Standleuten“ ausgeführt. Bei der Besetzung der Rollen wurde fair und schonend gerösteter Kaffee getrunken. Die Protagonisten wurden stets darauf hingewiesen, dass statt des alkoholischen auch alkoholfreies Bier gereicht werden kann.

Die Verwendung von Markennamen im Buch war mitunter Zufall, mitunter gewollt. Der im Buch verzehrte Brathering wurde vom Autor selbst gefangen und unter Beachtung der in Finnland geltenden Tierschutzgesetze getötet und für den Verzehr vor- und zubereitet.

Zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches wurde der Haushalt des Autors mit einem Strommix aus Kernenergie und Windkraft versorgt.

Keiner der Mitwirkenden gehörte zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches irgendeiner Partei oder politischen Organisation an. Außer Frau Kamenz, die war und ist in der Tierschutzpartei.

Für die Sinnhaftigkeit der Übersetzungen kann keine Garantie übernommen werden. Die Geschichte ist teilweise frei erfunden, teilweise wirklich passiert.

Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind möglich. Verklagt mich doch!

Sämtliche Charaktere wurden nach Tarif bezahlt und haben zu jeder Zeit freiwillig und ohne Zwang gehandelt. Abgesehen vom Rentier und dem Chihuahua. Die haben echt gelitten. Sorry dafür. Nein wirklich. Es tut mir leid.

Ich habe den Sicherheitshinweis gelesen und verstanden. Ich werde den Autor nicht verklagen und nur positiv über das Buch sprechen. Dafür stehe ich mit meinem Namen.

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Datum Längen- und Breitengrad Unterschrift

Dies ist Teil zwei der Brathering-Trilogie.

Natürlich könnt ihr auch mit diesem Buch anfangen, aber dann fehlen euch möglicherweise ein paar Hintergrundinformationen.

Also besser zum Buchshop eures Vertrauens, Teil eins kaufen, lesen und dann mit diesem Buch weitermachen.

Euer Mika

Mein Dank gilt:

Tommy Jaud.

Esko und Maija-Liisa.

Meiner Lektorin Janina Klinck.

Meiner Autorenkollegin Kerstin Thimm.

Meinem Freund Bernd und meiner Frau Sandra.

Meinen Testlesern Carsten, Claudia, Kathleen, Kerstin, Nicole und Stefan.

In Erinnerung an mein literarisches Vorbild Arto Paasilinna (1942-2018)

Frühlingserwachen

Zwei Wochen später.

Ich saß auf der Terrasse und trank bei angenehmen fünfzehn Grad Celsius mein erstes „Draußenbier“ des noch jungen Jahres.

Interessiert euch nicht? Ihr wollt wissen, was im Schlafzimmer passiert ist, als Anna und ich in einer ausweglosen Situation waren, weil Christina vor der Tür stand? Verstehe ich voll und ganz, aber lasst mich vorher noch ein wenig ausholen.

Ich saß also auf der Terrasse, und von drinnen hörte ich eine vertraute Stimme.

„Ich putze jetzt die Fenster!“

„Tu dir keinen Zwang an!“, sagte ich lachend und zündete mir einen Zigarillo an.

Wie ein Windhund auf Koks putzte sie – mit verschiedenen Mittelchen, in mehreren Schritten und exakt definierter Reihenfolge – die Verglasung des Hauses.

„Soll ich dir was zum Mittagessen machen?“, vernahm ich, als sie bei den Terrassenfenstern angekommen war.

„Nein danke! Ich bin noch satt vom Frühstück.“

Doch sie gab nicht auf. „Bist du ganz sicher, dass du keinen Hunger hast?“

„Ja, Mutter, ich bin mir sicher!“

Meine werte Frau Mama war zu Besuch. Egal, welche Gründe ich mir im Vorfeld zurechtgelegt hatte, um dies zu verhindern, sie hatte es sich nicht ausreden lassen, uns zu besuchen und ihrem Fetisch zu frönen. Sie hatte diesen unbändigen Trieb, diesen beinahe krankhaften Wahn: Fenster putzen!

Da die Fenster in unserem Haus ausnahmslos bodentief waren, schien das ihrer Sucht mehr als nur entgegenzukommen. Selbst wenn ich die Fenster erst vor zehn Minuten geputzt hätte, in ihren Augen wären sie keimig, dreckig und bräuchten dringend eine Reinigung. Wenigstens einmal im Jahr stand sie bei uns auf der Matte und hechelte danach, ans Werk gehen zu dürfen.

Ich hatte mich nach dem schicksalhaften Morgen im Schlafzimmer aufgerafft und damit begonnen, ein Buch zu schreiben.

So viel war im vergangenen halben Jahr geschehen, dass ich wirklich der Ansicht war, es könnte jemanden interessieren. Bisher hatte ich außer Anna noch niemandem von dieser Idee erzählt, wollte erst einmal schauen, ob ich überhaupt in der Lage war, die Dinge zusammenzufassen und halbwegs interessant zu Papier zu bringen.

Dafür hatte ich mir eine Woche Urlaub genommen und im Zusammenspiel mit der Tatsache, dass meine Mutter da war, hatte ich auch keinerlei häusliche Pflichten, sondern konnte mich voll und ganz meiner angehenden Karriere als Autor widmen.

Während ich ewig über der perfekten Schriftart und dem Titel des Buches saß – Dinge, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich absolut unwichtig waren, mir aber den Eindruck vermittelten, produktiv zu sein –, ertönte aus meinem Telefon die finnische Nationalhymne. Bernd rief an.

„Terve, Barnie!“, grüßte ich, vernahm aber eine viel angenehmere Stimme.

„Hei, Rakastaja!“, trällerte Lilja ins Telefon.

„Hallo, mein finnischer Sonnenschein! Warum hast du Bernds Telefon?“

„Ich habe mein Handy zu Hause vergessen und bin bei den beiden toten Tauben“, gluckste sie.

„Tote Tauben?“ Ich versuchte zu ergründen, was sie meinte.

„Na, das sagt ihr doch so, wenn zwei Verliebte … …“

Darum bemüht, nicht zu lachen, fiel ich ihr ins Wort. „Lilja, das heißt Turteltauben!“

„Ah, okay. Das erklärt … ach, egal.“

Während ich mit Lilja telefonierte, arbeitete ich weiterhin fieberhaft an der Schriftart und dem Titel des Buches. So erfolgreich, wie Männer zwei Sachen eben gleichzeitig machen konnten.

Lilja fieberte ebenso wie alle anderen der Hochzeit von Bernd und Jaanika entgegen, und – sie machte keinen Hehl daraus – ebenso sehnsüchtig freute sie sich darauf, mich wiederzusehen.

„Du bist so abwesend“, vernahm ich aus dem Hörer.

„Sorry, ich schreib gerade an einem Buch.“

„Ein Buch?“

„Ja, ein Buch über die Dinge, die ich im letzten halben Jahr erlebt habe.“

„Komme ich auch darin vor?“, fragte sie freudig, und ich bejahte dies.

„Aber hoffentlich nichts Schmutziges!“

„Ich werde mich zusammenreißen“, versprach ich ihr.

Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis Lilja sich verabschiedete – sie müsse zu einem Termin.

Ich hatte das Telefon noch nicht weggelegt, als es wieder klingelte. Eine mir unbekannte Telefonnummer aus Frankfurt wurde auf dem Display angezeigt.

„Berger. Hallo?“, sagte ich freundlich und vernahm eine angenehme Frauenstimme.

„Hallo, Herr Berger. Karin Wingert hier, vom Fischer Verlag.“

Ich überlegte kurz, hatte ich doch mein Buch noch gar keinem Verlag angeboten.

Ehe ich weitergrübeln konnte, sagte sie: „Es geht um Ihre Anfrage betreffend Herrn Jaud.“

Da fiel mir ein, dass ich die geniale Idee hatte, meine Begegnung mit ihm in meinem Buch zu verarbeiten, und fragte neugierig: „Ach so! Und? Was sagt er?“

Kurze Stille in der Leitung, dann: „Wir müssen Ihr Ansinnen leider ablehnen. Herr Jaud wünscht nicht, in Ihrem Buch genannt zu werden.“

Ich schluckte einen dicken Kloß herunter, war das doch ein von mir als Highlight geplantes Kapitel. „Warum möchte er nicht?“, fragte ich, um den Grund zu erfahren.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Tut mir leid.“

„Okay, danke“, sagte ich reserviert und legte auf.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Tut mir leid“, äffte ich die Dame laut nach, trank einen Schluck Bier und rief laut: „Scheiße!“

Umgehend tadelte meine Mutter mich, dass ich solche Wörter nicht von ihr gelernt hätte, sie ein wenig enttäuscht sei und was überhaupt los wäre.

„Nichts! Alles gut, Mama!“ Ich musste nachdenken.

Jaud hatte doch in Überman auch Jamie Oliver durch den Kakao gezogen. Ich bezweifelte, dass er ihn um Erlaubnis gefragt hatte.

Ein weiterer Schluck Bier brachte in zweierlei Hinsicht Klarheit. Die Flasche war alle und ich würde Tommy Jaud in meinem Buch einfach in Tony Jauch oder so umbenennen. Da konnte er toben, wie er wollte. Ich würde in meinem Buch über unsere Begegnung schreiben.

14:02 Uhr.

Sollte ich ein Gläschen Whisky riskieren?

Teufelchen auf meiner rechten Schulter nickte gierig, doch Engelchen auf meiner linken Schulter schüttelte mit dem Kopf.

Könnt ihr nicht einmal einer Meinung sein?, sagte ich im Stillen und holte mir ein neues Bier.

Immer noch unschlüssig über einen Titel für das Buch – ich hatte noch nicht eine Zeile geschrieben – fand ich auf einer Internetseite noch viel interessantere Fonts, als ich bisher gesehen hatte, und war unschlüssiger als je zuvor. Jaud ging mir nicht aus dem Kopf.

„Dieser Arsch!“, sagte ich laut, und meine Mutter tadelte mich erneut.

Plötzlich hatte ich, woher auch immer, einen Geistesblitz und beschloss, mein Buch Goldfisch in der Urne zu nennen. Keine Ahnung, warum und wieso, und was das, was ich schreiben wollte, mit einem Goldfisch oder einer Urne zu tun hatte, aber der Titel stand fest.

Es galt jetzt also erst einmal, ein zum Namen passendes Cover zu gestalten. Bücher schreiben war doch anstrengender, als ich gedacht hatte.

Meine Mutter kam nach draußen und setzte sich zu mir. „Was machst du da eigentlich?“, fragte sie nach einer Weile.

„Ich schreibe ein Buch.“

„Du schreibst ein Buch?“

„Ja, ich schreibe ein Buch.“

Sie schaute auf den Laptop, und ich wusste genau, dass sie eigentlich eine andere Frage auf dem Herzen hatte.

„Was?“, fragte ich nach einem Moment der Stille.

„Wann wollt ihr eigentlich heiraten?“, platzte es aus ihr heraus.

Ha! Ich wusste, dass ihr diese Frage schon seit Tagen auf den Lippen hing.

„Keine Ahnung. Vielleicht, wenn ich das Geld für die Scheidung zusammengespart habe?“

Meine Mutter schaute mich böse an.

„Ehrlich gesagt: Wir haben noch nicht darüber nachgedacht.“

Ich versuchte das Thema zu umgehen, aber sie schoss weiter scharf. „Und wie sieht es mit einem Enkelchen für mich aus?“

„Mutter, bitte!“, wehrte ich ab und rollte mit den Augen.

„Ihr seid jetzt schon so lange zusammen. Habt ihr noch nicht darüber nachgedacht?“

„Doch Mutter, haben wir“, erklärte ich genervt.

„Sag doch bitte nicht Mutter zu mir, das hört sich an, als wenn ich schon uralt wäre!“, mäkelte sie.

„Okay, Mutt–, äh … Mama. Sobald wir eine der beiden Sachen planen, bist du die Erste, die es erfährt. Versprochen.“

Vorerst hatte ich mich aus der Hochzeits-Baby-Falle gerettet.

Sie ging wieder hinein, und ich widmete mich erneut meiner Schreiberei.

Ein paar Minuten später wurden mir von hinten die Augen zugehalten. Ich sollte wahrscheinlich raten, wer da ist.

„Mutt– … Mama, bitte! Wie alt bist du noch mal?“, fragte ich und vernahm ein herzhaftes Lachen, das nicht meiner Mutter gehörte.

„Da fehlen mir, glaube ich, ein paar Jahre!“, flüsterte Anna fröhlich, nahm ihre Hände weg und ihre Haare kitzelten an meinem Hals.

„Hey, meine Hübsche!“

Während sie sich in eine der Sitzgelegenheiten von QVC sinken ließ und sich mein Bier griff, fragte sie: „Genießt du deinen Urlaub?“

„Ich versuche es zumindest. Ich schreibe an meinem Buch, komme aber nicht wirklich voran.“

„Wie weit bist du?“ Sie beugte sich nach vorn, um auf den Monitor zu schauen, und ich schielte frech in ihre Bluse.

„Sebastian, bitte!“, ermahnte sie mich und lehnte sich wieder zurück.

„Entschuldigung, aber wenn du so …“

„Hallo, Anna!", rief meine sich aus dem Nichts materialisierende Mutter plötzlich.

„Hallo, Frau Berger“, erwiderte Anna, und nachdem die beiden ein paar Worte gewechselt hatten, verschwand meine Mama wieder ins Haus.

„Also, was wolltest du sagen?“, fragte sie und nahm erneut einen Schluck von meinem Bier.

„Egal. Warum bist du eigentlich nicht in der Firma?“

„Bin krank.“

Ich zog die Augenbrauen hoch und musterte sie. „Macht auf mich nicht den Eindruck.“

„Okay, ich wollte dich sehen. Und da ich mit der Schmidtgen grad eh auf Kriegsfuß stehe, habe ich halt eine Erkältung und liege krank zu Hause“, erklärte sie.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte mein Bier zurückzuerobern, scheiterte aber.

Es klingelte an der Haustür, meine Mutter rief: „Ich gehe schon!“, und ich vernahm, wie sie sich mit jemandem unterhielt.

Die Haustür fiel kurz darauf ins Schloss und sie kam auf die Terrasse. „Ein Paket für dich. Ziemlich groß. Steht im Flur.“

„Danke!“, sagte ich artig.

„Hast du vielleicht Hunger?“, versuchte meine Mutter jetzt Anna zu überreden, etwas von ihren zubereiteten Köstlichkeiten zu probieren. Diese lehnte ebenfalls ab, ging aber hinein, um sich ein Wasser zu holen.

„Bringst du mir bitte ein Bier mit?“, rief ich ihr hinterher. Meine Mutter intervenierte. „Sebastian, das ist jetzt schon dein drittes!“

„Nein, das zweite, Anna hat mir das andere abgenommen!“, protestierte ich.

„Trotzdem, Sebastian!“, tadelte sie.

Anna kam mit einer Flasche Wasser und zwei Gläsern hinaus und stellte mir eins hin.

„Ich will etwas trinken und mich nicht waschen!“, sagte ich trotzig und schob das Glas beiseite.

Anna versuchte, Partei zu ergreifen. „Sie meint es doch nur gut.“

Ich griff nach der Schachtel Zigarillos, steckte mir einen in den Mund und griff nach den Streichhölzern. Mit einem flinken Griff schnappte Anna sich diese und schaute mich vorwurfsvoll an.

„Was denn?“, zischte ich gereizt.

Sie schüttelte den Kopf, und ich sah sie verständnislos an, fragte mit resigniertem Unterton: „Darf ich hier überhaupt noch was?“

„Rauchen ist ungesund“, bemerkte sie, während sie die Streichhölzer wieder hinlegte.

„Das ist Fallschirmspringen auch, wenn der Schirm nicht aufgeht!“, blaffte ich.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass meine Mutter uns nicht sah, hauchte sie mir einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete sich.

„Du gehst jetzt aber nicht deswegen?“ Ich deutete auf die Zigarillos.

„Nein, ich muss noch zum Doktor, Krankschreibung abholen.“

Ich schaute ihr nach, bis sie um die Ecke des Hauses verschwunden war, zündete den Zigarillo an und starrte auf den Bildschirm des Laptops.

Die Erinnerung „DRINGEND: Pool kaufen!!!“ erschien auf dem Display.

Ich wählte „In einer Woche wieder erinnern“ und ging hinein, um mir ein Bier zu holen. So leise wie möglich schlich ich wieder auf die Terrasse, hörte aber sofort ein „Das habe ich gesehen!“ von meiner Mutter.

Das Festnetztelefon klingelte, daher drehte ich auf dem Absatz um, nahm es vom Küchentisch und hörte die Stimme meiner Oma.

„Sebastian, bist du das? Bist du zu Hause?“

Nein Oma, ich flieg gerade mit meinem Heißluftballon über die Stadt und habe Homezone, lag mir ein uralter Witz auf der Zunge, doch ich schluckte den Spruch herunter und antwortete brav: „Ja, Oma. Ich bin zu Hause. Was kann ich für dich tun?“

„Ist Kathrin noch bei dir? Ich erreiche sie zu Hause nicht“, beschwerte sie sich aufgeregt.

„Ja, Oma. Das habe ich dir doch gestern schon gesagt. Sie ist die ganze Woche hier“, erklärte ich ihr wie an den Tagen zuvor.

Zum Glück stand meine Mutter auch schon neben mir, und ich drückte ihr das Telefon in die Hand.

„Ich kann ja gar nicht zum Buchschreiben kommen, wenn ich ständig unterbrochen werde“, beschwerte ich mich. Froh, diese Ausrede für alles Mögliche gefunden zu haben, knackte ich hinter dem Kopf mit den Fingerknöcheln und öffnete dann mein Bier.

Paket, schoss es mir dabei in den Kopf, und ich sprang wieder auf und begab mich ins Haus, um selbiges in Augenschein zu nehmen.

Der Absender des voluminösen Kartons zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht, denn in ihm befand sich zweifelsohne mein neuer Schallplattenspieler.

Ich brachte den Karton ins Wohnzimmer, riss ihn auf, verteilte die Polsterung auf dem Fußboden, und dann, endlich, nach gefühlten fünfundzwanzig Umkartons und drei Kubikmetern Füllmaterial, hielt ich das Wunderwerk der Technik in meinen Händen. Ich stellte es neben seinen Vorgänger auf das Phono-Board.

Herrlich!

Die Verkabelung gestaltete sich einfach, und schon ein paar Minuten später dröhnte Motörhead durchs Haus, und meine Mutter schrie aus dem Flur, ob das Radio defekt sei.

„Wie? Defekt?“, fragte ich konsterniert und drehte die Lautstärke herunter.

„Das ist doch keine Musik!“, beschwerte sie sich.

„Ist Bernhard Brink auch nicht!“, konterte ich.

Inbrünstig erwiderte sie: „Ich mag ihn und –“

„Ja und du hast ihm auch schon mal die Hand geschüttelt, woraufhin er dich mit einer ehemaligen Mitschülerin verwechselt hat. Dann gab es Küsschen links und Küsschen rechts, du bist fast in Ohnmacht gefallen, er wollte deine Telefonnummer und Papa hätte ihm daraufhin fast eine geknallt. Wir alle kennen die Geschichte, Mutter, äh … Mama!“

Gegen 16:00 Uhr kam Christina gut gelaunt nach Hause, betrat die Küche und gab mir einen Kuss.

„So zeitig Feierabend?“, fragte ich und stand auf, um ihr einen Kaffee zu machen.

„Es war ausnahmsweise wenig los. Da bin ich lieber gegangen, bevor ich noch etwas Neues auf den Tisch bekomme.“

Wir tranken Kaffee, Christina bewunderte die blitzblank geputzten Fenster, bedankte sich bei meiner Mutter, nicht ohne zu betonen, dass das nicht notwendig gewesen wäre. Diese freute sich über das Lob und sagte, dass sie es doch gern gemacht hätte.

Da die Damen folgend in Themen abglitten, die mich nicht interessierten, ging ich ins Wohnzimmer und widmete mich dem Handbuch meines neuen Spielzeuges, legte eine Platte auf und genoss den Klang, der von Christina gern als „Krach“ bezeichnet wurde.

Ebendiese stand kurz darauf im Wohnzimmer und schaute verwirrt auf meine Neuanschaffung. „Ein Schallplattenspieler?!“

Ich grinste und wollte gerade anfangen, ihr die Funktionen zu erklären, als sie bemerkte: „Musste das sein?“

„Jaaa?!“, antwortete ich gedehnt. Als ich erneut anfangen wollte, die vielen phänomenalen Funktionen zu beschreiben, intervenierte sie erneut.

„Den Alten verkaufst du aber, oder?“

„Nein, den behalte ich, falls der hier mal kaputtgeht.“

Christina funkelte mich aus zusammengekniffenen Augen an und holte erneut aus: „Du räumst ihn aber wenigstens weg, oder?“

„Wen?“

„Den alten Schallplattenspieler natürlich!“

„Warum?“

„Ich bitte darum!“

„Ich möchte aber nicht!“

„Sebastian, hier müssen nicht zwei davon herumstehen!“

Mein flehender Hundeblick half mir nicht weiter. Christina drehte sich wortlos um und verließ das Zimmer.

Nachdem ich so ziemlich alle Funktionen meines neuen Spielzeuges getestet hatte, begab ich mich in die Küche, angelte mir eine Flasche Corona aus dem Kühlschrank, lehnte mich in den Türrahmen und versuchte mir einen guten Start für mein Buch zu überlegen.

Christina stand auf einmal neben mir und grinste mich an. „Ich habe eine Überraschung für dich … für uns.“

„Okay. Und die wäre?“

„Wir machen am Wochenende Kurzurlaub im Taunus!“

„Im Taunus?“

„Ja. Ich habe ein wenig im Internet gestöbert und ein hübsches Hotel in der Nähe vom Feldberg gefunden. Wir waren doch schon so lange nicht mehr wandern.“

„Wandern? Wann waren wir mal wandern?“

„Sebastian, bitte! Ich mache nächsten Freitag zeitig Feierabend und dann fahren wir los, dann sind wir zum Abendessen dort.“

Ich schaute sie aus großen Augen an, erinnerte mich, dass ich am Samstag eigentlich die Garage aufräumen und am Motorrad schrauben wollte, tat ihr zuliebe aber so, als wenn ich mich freuen würde.

PERKELE!

Was würde Jesus dazu sagen?

Also auf zu einem Kurzurlaub in den wunderschönen Taunus, in ein von Christina ausgesuchtes Hotel. Wir fuhren pünktlich um 15:30 Uhr los. Haha, nur Spaß – mir war klar, dass das mit Christina und ihren fünfzig Taschen nicht funktionieren würde. Gegen 17:00 Uhr verließen wir die Grundstückseinfahrt.

Christina hatte darauf gedrängt, mit ihrem Polo zu fahren, das wäre spritsparender.

Ich zeigte ihr imaginär einen Vogel und sagte: „Nicht, wenn ich am Steuer sitze.“

Daraufhin äußerte sie mit spitzer Zunge: „Du fährst aber nicht!“

Ich zuckte mit den Schultern, schmuggelte zwei Dosen Bier ins Auto, und in dem Moment, als sie die Grundstückseinfahrt verließ, öffnete ich eine davon mit lautem Zischen.

„Sebastian! Muss das wirklich sein?“, tadelte sie mich und fädelte sich in den Verkehr ein.

„Nö, aber es schmeckt!“

„Ich dachte, das finnische Bier wäre alle?“ Sie beäugte die Dose Karhu Olut mit einem Seitenblick.

Ich nickte leicht und flötete fröhlich: „Bernd hat neues geschickt.“

„Bernd hat dir Bier aus Finnland geschickt?“

„Jepp.“ Ich trank einen großen Schluck, drehte mich zu ihr und sagte: „Schatz. Ich freue mich auf …“, doch dann folgte ein inbrünstiger Rülpser, der den Innenspiegel vibrieren ließ. Eigentlich hatte ich „das Wochenende“ sagen wollen.

Christina rollte mit den Augen und schüttelte einfach nur den Kopf, sagte jedoch nichts.

Gegen 18:00 Uhr erreichten wir das verschlafene Örtchen, in dem wir unser Wochenende verbringen wollten. Einen Moment später sah ich bereits das Ortsausgangsschild an uns vorbeiziehen. Nach Ansicht des Navis waren wir aber immer noch nicht da.

Plötzlich bremste Christina entgegen ihrer normalerweise besonnenen Fahrweise schlagartig ab und bog in einen kleinen Waldweg ein.

Ich schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, hatte ich doch das Hinweisschild auf das Hotel an der Einmündung gesehen.

Eine enge Straße schlängelte sich am Berg entlang, Christina fuhr langsamer als langsam – es könnte ja Gegenverkehr kommen – und nach ein paar hundert Metern hielt sie den Wagen an, drehte sich zu mir und flüsterte freudig: „Wir sind da.“

Mit weit aufgerissenen Augen und beinahe ehrfürchtig fragte ich: „Schatz? Bist du sicher, dass wir richtig sind?“

„Ja logo. Ich erkenne es wieder!“

„Du warst schon mal hier?“

„Nein, aber ich habe doch die Fotos auf der Homepage gesehen.“

Ich überlegte, ob ich die zweite Dose Bier aufmachen sollte, um den Schreck zu verdauen, ließ das aber und wurde stattdessen von Christina mit ihren Taschen beladen und zur Rezeption geschickt.

„Hallo!“ flötend gesellte sie sich, nur ihre Handtasche tragend, zu mir an die Rezeption, während ich kurz davor war, ein letztes Mal „Iah“ zu rufen, um gleich darauf zusammenzubrechen.

„Ich hatte ein Zimmer gebucht, Lehmann mein Name“, zwitscherte Christina.

Die Dame hinter dem Tresen tippte auf ihrer Tastatur herum, reichte ihr einen Zimmerschlüssel und teilte monoton mit, dass es ab 18:30 Uhr Abendessen gäbe.

Ich schleppte Christinas Wackersteinsammlung die Treppe hinauf, und als ich etwa zwei Drittel hinter mir hatte, rief die Dame von der Rezeption: „Sie hätten auch den Fahrstuhl nehmen können!“

PERKELE!

Christina schloss die Zimmertür auf, schlüpfte hinein und ließ sich auf das Bett fallen. Ich zog ihr Gepäck hinter mir her, konnte damit perfekt den Durchgang zwischen Flur und Zimmer blockieren und setzte mich ebenfalls auf das Bett.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Etwas war anders, als es normalerweise war, wenn ich mich in einem Hotelzimmer auf das Bett setzte. Es dauerte nur eine gefühlte Nanosekunde, bis ich feststellte: Es gab keinen Fernseher!

CHRISTIIINAAA!!! WAS FÜR EINE SCHEISSE HAST DU HIER GEBUCHT?, hallte es durch meinen Schädel.

Langsam drehte ich den Kopf in ihre Richtung, räusperte mich und fragte langsam und betont: „Fällt dir was auf?“

„Die Betten sind schön weich!“, bekam ich als Antwort.

Ich musste wohl deutlicher werden. „Schatz, was ist viereckig, nach dem Einschalten meist bunt und hell und macht Geräusche?“ Ich versuchte, es witzig zu verpacken, aber sie verstand es nicht.

„Christiiina“, holte ich langsam, leise, aber deutlich aus und fügte nach einem Moment hinzu: „Die haben hier keinen Fernseher!“

Sie kuschelte sich in die Bettwäsche und seufzte zufrieden. „Ist mir gar nicht aufgefallen.“

„Und nebenbei … weißt du, in was für einem Hotel wir gelandet sind?“

„Ein Hotel halt, es hatte sehr gute Bewertungen“, hörte ich sie zufrieden glucksen.

„Christina, das ist ein Tagungshotel der evangelischen Kirche!“

„Und?“, raunzte sie und schaute mich verständnislos an.

Ich drehte mich kopfschüttelnd in Richtung Schreibtisch, blickte mich erneut um und ging dann hinaus.

„Wo willst du hin?“, fragte sie besorgt, doch ich antwortete nicht, sondern begab mich zügig zur Rezeption.

„Hallo, Berger … äh … Lehmann. Wir sind gerade angekommen. Fehlt der Fernseher in unserem Zimmer, weil er defekt ist?“, versuchte ich in lustigem Ton das Fehlen desselben auf dem Zimmer zu thematisieren.

Die Dame am Empfang schaute mich freundlich, aber professionell regungslos an: „Wir haben keine Fernseher auf den Zimmern. Wir sind ein christliches Tagungshotel. Unsere Gäste suchen neben den angebotenen Seminaren Ruhe und Erquickung durch Zwiesprache mit Gott.“

Scheiße!, dachte ich und fragte flapsig: „WLAN?“, und erhielt ein Kärtchen mit Zugangsdaten. „Danke.“

Nachdem ich erneut zwei Drittel der Treppe hinter mir hatte, rief die Empfangsfachkraft: „Wenn sie mit zwei Geräten ins Internet wollen, brauchen sie noch eins.“

Ich drehte mich brummend um und stiefelte wieder nach unten, hielt wortlos meine Hand hin und erhielt einen zweiten Zettel.

„Bis später vielleicht!“, äußerte ich überfreundlich und schlurfte nach oben.

Christina, die offensichtlich den kompletten Inhalt ihrer Schränke mitgeschleppt hatte, verteilte diesen gerade im Zimmer.

„Wo warst du denn?“, fragte sie mit vorwurfsvollem Unterton.

„WLAN holen“, murmelte ich und legte die Voucher auf den Schreibtisch.

„Ist das nicht in der Luft?“, fragte Christina vorsichtig.

„Was ist in der Luft?“ Ich musterte sie mit großen Augen und hatte keinen Schimmer, was sie meinte.

„Ach nichts. Schon gut.“ Sie winkte ab und sortierte ihre Klamotten in den dafür viel zu kleinen Hotelschrank.

„Wenn ich jetzt losfahre und gut durchkomme, bin ich in einer Stunde wieder hier“, sagte ich nach einer Weile mehr zu mir selbst.

„Wo willst du denn hin?“

„Nach Hause, den Fernseher holen“, bemerkte ich bissig.

„Sebastian, du wirst doch wohl zwei Tage ohne Fernseher überleben“, wies sie mich zurecht „Lass uns runtergehen und zu Abend essen.“

Nachdem wir uns einen Weg durch Christinas Klamottenberge gebahnt hatten, verlangte Christina nach meiner Hand. Ich sah sie mit fragendem Blick von der Seite an, sagte aber nichts, reichte ihr mein Patschehändchen und wir gingen ins Erdgeschoss, um Essen zu fassen.

Das Buffet war übersichtlich, aber ansprechend. Ich füllte meinen Teller mit einer kleinen Auswahl der angebotenen Leckereien, begab mich zu unserem Tisch mit Namensschildchen (!) und stellte ihn ab. Dann schlich ich mich zum Getränkebereich und erblickte einen großen Kühlschrank mit Glasfront. Der Koch stand plötzlich neben mir und fragte, ob er mir helfen könne.

„Ich hätte gern ein Bier“, sagte ich höflich, bekam dieses nach Nennung der Zimmernummer und erblickte die Preisliste der Getränke.

Wie bitte?! Nicht euer Ernst, jauchzte und frohlockte ich innerlich, lobte und pries den Herrn, dankte für diese unverschämt günstigen Preise und lächelte selig vergnügt.

Auf der Getränkekarte stand:

Flasche Bier (Weizen/Pilsener) (0,5l) je 2,00 Euro

Ehe ich das verdaut hatte, teilte mir der Smutje mit, dass wenn ich später noch etwas trinken möchte, ich es mir einfach herausnehmen solle. Entweder sollte ich meine Zimmernummer und das Getränk in der Liste vermerken oder den Betrag in die Kasse legen.

Zwei Euro für ein Bier, Kasse des Vertrauens … Ich war schwer begeistert und begab mich selig lächelnd an den Tisch.

„Worüber freust du dich?“, fragte Christina, während sie versuchte, mein breites Lachen einzuordnen.

Ich atmete tief durch und sagte: „So langsam gefällt es mir hier.“

Der Speisesaal füllte sich mit verschiedenen Gruppen kirchlicher Vertreter, und ich stellte fest, dass wir die einzigen Privatgäste waren. Sei es drum. Wenigstens keine unerzogenen, lärmenden Kinder überforderter Eltern.

„Sprichst du das Tischgebet?“, fragte ich Christina, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute und dann mit dem Kopf schüttelte. „Dachte ich es mir. Gottlos bist du auch noch“, flüsterte ich ihr gespielt theatralisch zu.

Nach einem köstlichen Mahl und zwei Weizenbieren meinerseits gingen wir nach oben, und ich versuchte das Tablet dazu zu bewegen, den WLAN-Schlüssel anzunehmen, um eine TV-App zu installieren.

Christina verschwand ins Badezimmer, und während ich noch immer mit dem Fernsehempfang kämpfte, drapierte sie sich in einem unverschämt durchsichtigen Negligé auf dem Bett und schmachtete mich lüstern an.

In meinem Kopf entspann sich spontan folgender möglicher Dialog:

Christina: „Schatziii? Kommst du zu mir?“

Ich: „Hier? Im Hause des Herrn? Ringsum nur Nonnen, Priester und … keine Ahnung, was die sonst noch so für Personal haben. Wenn du in Fahrt bist, quiekst du wie ein Meerschwein auf Speed. Die Leute finden doch für Wochen nachts keine Ruhe mehr. Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“

Christina: „Wir können ja auch nur kuscheln.“

Ich: „Bäh! Geh weg.“

Ich sah Christina in die Augen und musste laut lachen. Sie bezog das auf sich, und ehe ich ihr erklären konnte, was da gerade in meinem Kopf passiert war, drehte sie sich um und begann zu schluchzen.

Suuuper hast du das wieder gemacht, lobte ich mich selbst.

Dann legte ich mich zu ihr, kuschelte mich an sie, und als ich sie etwa eine Stunde später soweit hatte, wieder mit mir zu reden, hörten wir aus dem Nachbarzimmer eindeutige Geräusche. Daraufhin vollzogen wir ebenfalls den Beischlaf.

Am nächsten Morgen standen wir nach ausgiebigem Frühstück um 09:30 Uhr an der Rezeption, gaben unseren Schlüssel ab und machten uns auf, den Feldberg zu erklimmen. Da fiel mir etwas ins Auge.

Neben dem eigentlichen Rezeptionstresen befand sich eine Auslage, auf der verschiedene Dinge zum Verkauf angeboten wurden, unter anderem ein Stempel mit dem Aufdruck:

„Was würde Jesus dazu sagen …“

Irgendwie vermittelte er mir den Eindruck, er müsse mit, und so kaufte ich ihn. „Man weiß ja nie, wozu man den mal gebrauchen kann“, teilte ich einer verwundert dreinblickenden Christina mit und steckte ihn in die Jackentasche.

Der Rest des Wochenendes bestand aus Wandern, Fernsehen auf dem Zehn-Zoll-Tablet, Lesen, Schlafen, miteinander Schlafen, gutem Essen und unverschämt günstigem Bier.

Sonntagvormittag.

Die Taschen waren im Auto verstaut, Christina bezahlte die Rechnung und ich saß schon ungeduldig auf dem Beifahrersitz. Als wir gerade losfahren wollten, fiel ihr ein, dass sie noch eine Flasche des hoteleigenen Weines mitnehmen wollte.

Sie sprang wieder aus dem Auto und eilte nach drinnen, während ich ebenfalls ausstieg, mir einen Zigarillo anzündete, und interessiert einen geparkten Opel Kadett C bewunderte.

In genau diesem Moment kam Christina nach draußen, ließ den Wein fallen und schrie. Ich drehte mich zu ihr, dann in die Richtung, in die sie zeigte, und sah, wie der Polo schon mal ohne uns losfuhr.

Langsam, ganz langsam, rollte er über den Parkplatz, auf die Straße, prallte an einem kleinen Felsbrocken ab und kam in einem Gebüsch zum Stehen.

„Puh!“, schnaufte ich.

Christina eilte zu mir und hielt sich an meinem Arm fest.

„Da hast du ja noch mal Glück gehabt“, bemerkte ich und wollte gerade fragen, ob sie denn die Handbremse nicht angezogen hätte, da verließen das Gebüsch die Kräfte und es entließ den Polo aus der zarten Umarmung.

Selbiger rollte – jetzt wieder auf der Straße – weiter, und da niemand im Auto saß, der lenkte, nahm er nicht die nächste Kurve, sondern den Abhang.

Es folgten Geräusche von berstenden jungen Bäumen und sich kalt verformendem Blech. Ein paar Vögel flatterten aufgeregt zwitschernd davon, dann war kurz Ruhe, bevor als Abschluss die Alarmanlage des VW Polo ertönte.

Christina stand erstarrt neben mir und schaute in die Richtung, wo der Polo ein letztes Mal zu sehen gewesen war.

Ich musste mir ein Kichern verkneifen, hatte doch die Alarmanlage an dem ollen Polo vorher nie funktioniert.

Als diese nach ein paar Augenblicken erstarb und neben mir ein Wehklagen der üblen Sorte anfing, sah ich in den Himmel und sagte mit inbrünstiger Stimme: „Amen!“

Als nach etwa einer Stunde der ADAC ankam, sah ich in die verwunderten Augen eines Mannes, der mit einem normalen Abschleppvorgang gerechnet hatte. Nachdem er zweimal versucht hatte, Christinas Auto mit einer Seilwinde den Berg hinaufzuziehen, das Seil zweimal riss und Christina beide Male einen erneuten Heulkrampf bekam – als wenn noch etwas am Auto hätte kaputt gehen können –, entließ uns der Gelbe Engel. Er wollte einen Kollegen mit einem Bergekran rufen, und Christina stellte ihm allen Ernstes die Frage, zu welcher Werkstatt er das Auto bringen würde.

Ich hielt einfach meinen Mund. Das war für mich mit Sicherheit die gesündeste Variante. Ein falsches Wort und sie hätte mich wahrscheinlich erwürgt.

Der Abschleppprofi teilte mit freundlicher Stimme mit, dass er sie diesbezüglich anrufen würde.

Nachdem ich anschließend die Ehre hatte, mehrfach den Berghang hinab und wieder hinaufzukraxeln, um das Gepäck zu holen, bahnten wir uns einen Weg durch die nun bereits stattliche Anzahl an Schaulustigen und traten mit einer bunten Mischung aus Taxi, S­‑Bahn und wieder Taxi den Heimweg an.

Zu Hause ließ ich die Taschen vor der Haustür fallen und hechtete zum Kühlschrank.

Und dann kam Murat

Montagmorgen, Büro.

Meinen ersten Kaffee hatte ich gerade intus, da klopfte es an der Tür.

„Ja bitte?“

Nichts passierte.

„Ja!“, sagte ich lauter, woraufhin sich die Klinke bewegte und die Tür aufging.

Vor mir stand, mit einer Aktentasche unter dem Arm, ein stämmiger Mitbürger mit Migrationshintergrund und stellte sich als Murat Nachnahme-bestehend-aus-einer-Buchstabenfolge-die-ich-nicht-aussprechen-konnte vor. Er war seiner Aussage nach unser neuer IT-Leiter.

Ich blickte auf, musterte ihn eingehend und sagte kurz angebunden: „Okay!“

Er überlegte entweder, ob er noch etwas sagen sollte, oder wartete darauf, dass ich noch etwas sagen würde, doch nichts davon geschah.

„Gut, dann … ich gehe mal an die Arbeit“, verabschiedete er sich schließlich und ging hinaus.

Ich starrte eine Weile auf die Tür und rief dann Petermann an. Bevor der auch nur ein Wort sagen konnte, plärrte ich ins Telefon: „Ein Türke, wirklich?“

Petermann atmete laut, überlegte scheinbar, worauf ich hinauswollte, und sagte dann: „Ach, der neue IT-Chef!“

„Ja, der neue IT-Chef!“, sagte ich aufgebracht.

„Habt ihr euch also schon kennengelernt“, plapperte er fröhlich.

„Ja, kam gerade auf seinem Teppich reingeflogen“, brummte ich.

„Auf einem Teppich?“

„Petermann, vergiss es!“ Ich legte auf.

Ich begab ich mich zu Franz-Peters Büro, klopfte, und noch ehe er „Herein“ rufen konnte, stand ich vor seinem Schreibtisch.

„Sebastian, was kann ich für dich tun?“, fragte er ein wenig erschrocken ob meines forschen Eintretens.

„Ein Türke, dessen Namen ich nicht aussprechen kann, hat sich mir gerade als unser neuer IT-Leiter vorgestellt“, beschwerte ich mich.

„Du meinst Herrn Nachname-bestehend-aus-einer-Buchstabenfolge-die-ich-nicht-aussprechen-konnte?“, verlautete FPJ und schaute mich zufrieden an.

„Wie auch immer. Muss das sein?“, hinterfragte ich seine Personalentscheidung.

„Die Stelle ist seit Monaten ausgeschrieben, es gab keine anderen Bewerber und er hat 1-A-Referenzen. Er kommt aus einer international agierenden Druckerei, die vor Kurzem in Insolvenz ging. Ehrlich gesagt, das hat gepasst wie die Faust aufs Auge.“

„Na gut, wenn du meinst“, gab ich resigniert auf.

„Brathering?“, fragte er in seine Schublade greifend.

Ich winkte kopfschüttelnd ab, ging in mein Büro und wählte Bernds Nummer.

„Ist was passiert?“, fragte der, da ich zu einer sehr ungewöhnlichen Zeit anrief.

„Du bist jetzt ein Türke!“, artikulierte ich mich aufgebracht.

„Wie bitte?“

„Ein Türke!“

„Sebastian, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Deine Stelle hier, die haben die neu besetzt. Mit Murat!“

Stille in der Leitung, dann: „Super, haben sie endlich jemanden gefunden!“

„Ja aber …?“

„Was hast du denn für ein Problem?“, unterbrach mich Bernd forsch.

Stimmt. Was hatte ich eigentlich für ein Problem? Weil er Türke war? Weil er Bernds Job übernahm? War ich ein Rassist? War es, weil ich irgendwie insgeheim gehofft hatte, dass Bernd vielleicht wiederkommen würde?