Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Vierteljahr ist vergangen, seit Tom Lorenz zuletzt auf sich aufmerksam gemacht hat. Obwohl allen klar ist, dass die Ruhe trügt, erwischt es sie eiskalt, als der Gesuchte sich auf grausame Weise zurückmeldet. Pünktlich zum Jahrestag seiner Flucht beginnt er einen Feldzug, der die Beteiligten rund um die "Brender-Morde" mit aller Härte treffen wird. Doch mit einem hat Lorenz nicht gerechnet - dass seine Feinde sich gegen ihn verbünden könnten. In einem dramatischen Wettlauf gegen die Zeit, kommt es nicht nur zu ungeahnten Koalitionen, sondern auch zu einem Nervenkrieg, den nur eine Seite für sich entscheiden kann...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kim Scheider
"Brender ermittelt"
Geheimakte Lorenz
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Montag, der 11.5.2015
Köln, Ehrenstraße, gegen 3.30 Uhr am Morgen
Polizeipräsidium Köln Kalk, Dienstbeginn
Köln Mediapark, später Vormittag
Polizeipräsidium Köln Kalk, Kantine
Köln Altstadt, gegen 13.30 Uhr
Polizeipräsidium Köln Kalk, Hülsers Büro
Köln, Madames Studio
Köln Altstadt, gegen 15 Uhr
Köln Ehrenfeld, etwa zur selben Zeit
Köln Nippes, später am Nachmittag
Polizeipräsidium Köln Kalk, gegen 19 Uhr
Köln Niehl, am späten Abend
Dienstag, der 12.5.2015
Kerkrade, Niederlande, kurz nach Mitternacht
Köln Domplatte, gegen 1.30 Uhr nachts
Köln Ehrenfeld, 4 Uhr
Köln Rheinufer, zur selben Zeit
Köln, Sankt Marien-Hospital, 5.15 Uhr
Köln Mediapark, gegen 8 Uhr
Köln Deutz, Chefetage beim Sender, gegen 9.30 Uhr
Polizeipräsidium Köln Kalk, 9.45 Uhr
Köln Mediapark, 11.40 Uhr
Polizeipräsidium Köln Kalk, 12.30 Uhr
Kerkrade, am frühen Nachmittag
Köln Deutz, vor dem Sender, 13.15 Uhr
Köln Mediapark, zur selben Zeit
Kerkrade, 15 Uhr
Köln MediaPark – Klinik, gegen 15.30 Uhr
Köln Deutz, Eduardus Krankenhaus, gegen 16.15 Uhr
Köln, Madames Studio, 17.30 Uhr
Köln Mediapark, 19 Uhr
Kerkrade, am frühen Abend
Mittwoch, der 13. 5. 2015
Köln Mühlheim, gegen 1 Uhr nachts
Köln Mediapark, 7 Uhr
Kerkrade, gegen 7.15 Uhr
Köln, MediaPark-Klinik, kurz vor 8 Uhr
Polizeipräsidium Köln Kalk, gegen 8.45 Uhr
Kerkrade, 9.30 Uhr
Köln, MediaPark-Klinik, gegen Mittag
Köln Mediapark, währenddessen in der Zentrale
Kerkrade, im WORTEL, gegen 12.30 Uhr
Köln Mediapark, 14 Uhr
Kerkrade Innenstadt, 15.30 Uhr
Köln Mediapark, gegen 18 Uhr
Kerkrade, altes Fabrikgelände, 18.15 Uhr
Kerkrade, im WORTEL, zur selben Zeit
Köln Mediapark, 19.00 Uhr
Köln Kalk, währenddessen auf dem Weg zum Präsidium
Zur selben Zeit, irgendwo in Köln
Polizeipräsidium Köln Kalk
Kerkrade Innenstadt, 19.45 Uhr
Polizeipräsidium Köln Kalk, 20.30 Uhr
Zur selben Zeit, irgendwo in Köln
Köln, MediaPark-Klinik, 21 Uhr
Polizeipräsidium Köln Kalk, 21.15 Uhr
Kerkrade, altes Fabrikgelände, gegen 21.30 Uhr
Kerkrade, im WORTEL, zur selben Zeit
Köln Mediapark, gegen 22 Uhr
Donnerstag, der 14.5.2015
Köln Mühlheim, 0.15 Uhr
Kerkrade, im WORTEL, 0.30 Uhr
A 4, kurz vor Aachen, zur selben Zeit
Köln Mühlheim, 0.40 Uhr
Währenddessen vor dem Haus
Kerkrade, altes Fabrikgelände, kurz nach 1 Uhr
Unterdessen am Eingang des Gebäudes
Zeitgleich im Nachbargebäude
In der Zwischenzeit, wenige Meter entfernt
Köln Mühlheim
Kerkrade
Köln Mühlheim
Kerkrade
Samstag, der 14.5.2016
Köln Nippes, am frühen Nachmittag
Danksagung
Impressum neobooks
Irgendetwas stimmt hier nicht!
Bereits draußen im Hausflur hatte ihn ein ungutes Gefühl beschlichen. Dabei gab es nichts Verdächtiges zu sehen. Alles war so, wie es immer war. Seit nunmehr fast schon zehn Jahren, die er mittlerweile in diesem Haus wohnte.
Der Flur war menschenleer.
Geräusche der Nachbarn drangen nur gedämpft durch die geschlossenen Türen, trotz zahlreicher Kinder. Alle Teppiche lagen so, wie sie sollten und auch die raumgreifende Grünpflanze, die den ansonsten recht kahlen Flur etwas aufhübschte, stand da, wo sie hingehörte.
Alles war wie immer.
Und doch war da dieses ungute Gefühl, das einfach nicht von ihm weichen wollte. Das sich noch verstärkte, als er vorsichtig die Tür aufschloss und den Flur geradezu zaghaft betrat.
Irgendetwas ist hier faul!
Er hätte nicht sagen können, was es war, denn auch seine Wohnung sah so aus wie immer. Keine Einbruchspuren, nichts fehlte, nichts stand an falscher Stelle. Alles war noch so, wie er es am Morgen verlassen hatte.
Dennoch richteten sich seine Nackenhaare auf und eine Gänsehaut kroch ihm über den Rücken.
Eine etwas sensiblere Nase hätte ihm vielleicht schon eher verraten, dass es der Geruch war, der ihn so irritierte. So wurde er ihm erst bewusst, als er seinem Ursprung ganz nahe gekommen war und er ihn förmlich schon schmecken konnte.
Erdig.
Das war es, was ihm schließlich dazu einfiel.
Nach frisch aufgeworfenem Herbstboden roch es. Würzig, auch etwas nach Pilz und verfaulendem Laub. Ein Geruch, den er an und für sich mochte. Solange er draußen aus dem Wald kam. Und zwar im Herbst. Und nicht im Frühling und, wie es schien, aus seinem Schlafzimmer.
In einer geschmeidigen Bewegung zog er seine Waffe, entsicherte sie und pirschte sich nahezu lautlos an die leicht offen stehende Tür heran. Von seiner Position aus konnte er nicht den gesamten Raum überblicken, doch einen Großteil konnte er so einsehen. Der wuchtige aber schlichte Kleiderschrank nahm beinahe die gesamte links von ihm liegende Wand ein, an der Stirnseite das große Fenster, durch das die Sonne ihre Strahlen auf den hellen Teppich warf. Das Laub einer alten Buche vor dem Haus zauberte ein fleckiges Muster in die Lichtstreifen. Auch hier alles in bester Ordnung.
Bis sein Blick nach rechts auf das Bett fiel.
Da lag etwas auf der Tagesdecke, das nicht von ihm stammte.
Etwas, das er von seinem Standort aus nicht richtig erkennen konnte.
Die Waffe im Anschlag stieß er die Tür weit auf und machte einen großen Schritt in den Raum hinein. Er konnte nun direkt auf sein Bett sehen.
Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Auf dem Kissen ruhte der Kopf einer nahezu skelettierten Leiche. Die noch gut erhaltenen blonden Haare waren ordentlich um den Schädel drapiert. Die vermutlich weibliche Leiche war mit einem zart rosafarbenen Nachthemd bekleidet, aus dessen Ärmeln bleiche Knochen herausragten, an denen noch Sehnenfetzen baumelten. Zwischen den Fingern der rechten Hand klemmte ein Handschuh aus schwarzer Spitze. Fast wirkte es, als habe die Tote ihn gerade erst ausgezogen. Die andere Hand hielt eine aufdringlich bunte Karte voller Luftballons, wie man sie Kindern zum Geburtstag schenkte.
Er wusste, was auf der Karte stand, ohne sie gelesen zu haben.
Er wusste auch, um wen es sich bei der Toten handelte.
Und ihm war ebenfalls klar, warum sie gerade auf seinem Bett lag.
Sie war bei Weitem nicht die erste Leiche, deren Anblick er ausgesetzt war. Sie war nicht einmal die erste, die er in solch einem fortgeschrittenen Zustand der Verwesung zu sehen bekam. Und doch traf ihn ihr Anblick bis tief ins Mark.
Mit Tränen der Wut in den Augen, rief er die Kollegen von der Spurensicherung.
“Lars Brender, ich verhafte Sie wegen des Verdachts der Begünstigung einer Straftat. Man wird Sie gleich über Ihre Rechte...”
“Schnitt! Schnitt und alles zurück auf Anfang! Die Beleuchtung hat nicht gepasst.”
Resigniert stapfte Christoffer Frey zum Kameramann und der Beleuchtungscrew und erklärte ihnen bereits im fünften Anlauf, worauf es ihm ankam. So manches Mal in den vergangenen Monaten hatte er sich gefragt, ob es wirklich die beste Idee gewesen war, nicht nur die Drehbücher zu seiner Krimiserie “Brender ermittelt” zu schreiben, sondern auch selbst Regie zu führen. Zumal er obendrein auch noch die Hauptrolle, den Hobbykriminologen Lars Brender spielte.
Der seit anderthalb Stunden endlich laut Drehbuch verhaftet werden sollte.
Natürlich zu unrecht.
Doch solange die Kollegen das mit der Beleuchtung nicht in den Griff bekamen, würde er in dieser Nacht wohl gar nicht mehr verhaftet, ob nun zu recht oder nicht.
“Leute, man kann schon die Morgendämmerung erahnen,” fügte er seinen Ausführungen über Licht und Schatten und Effekte beschwörend hinzu. “Wenn die Szene bis dahin nicht im Kasten ist, wird es Wochen dauern, eine neue Drehgenehmigung für die Ehrenstraße bei Nacht zu bekommen. Also, bitte, gebt alles! Okay?”
Es fiel ihm zwar schwer noch ruhig zu bleiben, aber es hatten sich auch so bereits genug Anwohner über die Ruhestörung beschwert, Drehgenehmigung hin oder her. Vermutlich suchten sie sich für den nächsten Versuch am Besten gleich einen anderen Ort. Wieder ein paar verschenkte Wochen...
Dabei zogen sich die Dreharbeiten der vierten Staffel mittlerweile auch so schon um Monate ungeplant in die Länge. Eigentlich sollte sie bereits seit März abgedreht sein, aber eine Reihe von Unfällen und anderen mittelschweren bis großen Katastrophen hatte für immer neue Verzögerungen gesorgt.
“Langsam habe ich das Gefühl, dahinter steckt System”, fluchte Frey auf dem Weg zurück in den Hauseingang, in dem seine waghalsige Flucht vor der Polizei enden sollte. “Seit dem Besuch von ihm klappt aber auch wirklich gar nichts mehr!”
Es war, als habe Tom Lorenz bei seinem “Besuch” im Februar die ganze Crew mit irgendeiner schleichenden, aber vernichtenden Seuche kontaminiert, die nun für Totalausfälle aller Art sorgte. Das Hirn von Mimo, dem Beleuchtungstechniker, schien sie jedenfalls vollständig lahm gelegt zu haben.
Frey musste grinsen, auch wenn die ganze Angelegenheit alles andere als komisch war. Aber ohne Galgenhumor ließ sich auch nicht verarbeiten, was er und Anna Lorenz im letzten Jahr dank Tom durchgemacht hatten.
Schon als Kinder hatten sowohl Frey als auch Anna traumatische Erfahrungen durch ihn erlitten.
Der Schauspieler verlor als Zehnjähriger bei einem durch Lorenz verursachten Autounfall beide Elternteile und musste bei Pflegeeltern groß werden. Anna war von ihm, ihrem eigenen Onkel, geschändet und missbraucht worden, was auch ihr weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte. Beide hatten Lorenz seinerzeit für seine Taten hinter Gitter gebracht und an beiden hatte er sich im vergangenen Jahr bitter dafür gerächt.
Die junge Frau war dabei nur durch einen ungünstigen Zufall mit in die Schusslinie geraten. Ursprünglich hatte es Lorenz allein auf ihn abgesehen gehabt. Christoffer Frey, den Held für tausende “Brender ermittelt” Fans, die sich, organisiert in dutzenden Fanclubs, stolz Brenderianernannten.
“Chris, sollen wir dann loslegen?”, unterbrach Till, der einen der Polizisten spielte, die ihn in Gewahrsam nehmen sollten, Freys düstere Gedanken.
“Ja – ja, sicher. Noch besteht ja Hoffnung...”
Müde knetete Frey sich die schmerzende Schulter. Zwar war die Schussverletzung, die er im Verlaufe der dramatischen Ereignisse vor genau einem Jahr davon getragen hatte, gut verheilt. Bei stressigen Phasen, in denen er wenig zur Ruhe kam, also eigentlich seit Wochen, schmerzte sie aber doch immer mal wieder. Und wenn er an Lorenz denken musste, tat sie gleich mindestens doppelt so weh.
Auch seine übermüdeten Augen schmerzten und er rieb sie kräftig. Was er sofort bereute, denn augenblicklich tauchte Maike, die Maskenbildnerin neben ihm auf und tupfte und pinselte vorwurfsvoll an ihm herum.
Eine halbe Stunde später war es dann aber vollbracht. Lars Brender war festgenommen und wider allen Protests seiner Rechte belehrt worden. Nun fuhr er im Polizeiwagen seiner unsicheren Zukunft entgegen.
Beinahe hätte die mittlerweile merklich zunehmende Dämmerung ihm doch noch seine Beleuchtungseffekte versaut, aber jetzt war Frey mit dem Ergebnis endlich zufrieden. Fast wäre er sogar bereit gewesen Mimo seine Schusseligkeit zu verzeihen, schließlich war ja letztlich noch alles gut gegangen.
Aber gerade als er zu ihm hinüber gehen wollte, wurde dem Schauspieler schwarz vor Augen. Schnell setzte er sich in einen Hauseingang und versuchte, seinen Kreislauf durch gleichmäßige Atmung zu beruhigen. So, wie man es Anna in der Reha-Klinik beigebracht hatte, damit sie ihre Panikattacken besser in den Griff bekommen konnte.
“Alles in Ordnung mit dir, Chris?” Maike stand wie aus dem Boden gewachsen vor ihm und sah ihn besorgt an. “Geht's dir gut?”
Dankbar lächelte er sie an. Nicht umsonst nannte man sie die “Gute Seele am Set”. Wenn es irgendwo ein zwischenmenschliches oder gesundheitliches Problem gab, konnte man sicher sein, dass Maike nicht fern war. Und blieb.
“Alles halb so schlimm!”, wiegelte Frey ab. “War halt ein ziemliches Pensum die letzten Monate.”
In Gedanken fügte er noch ein “Und ich bin froh, wenn es endlich vorbei ist!” hinzu. Laut durfte er das nicht sagen. Es würde sowieso noch einen Aufstand der Brenderianer geben, wenn ihnen nach Ausstrahlung der neuen Folgen klar werden würde, dass es die letzte Staffel der beliebten Krimireihe gewesen sein würde.
“Bist froh, wenn wir es hinter uns haben, was?”
Maike!
Widerspruch zwecklos.
Vorsichtig um sich spähend, ob es auch ja niemand mitbekam, nickte Frey ergeben.
“Ja, da hast du recht”, stimmte er ihr schließlich zu.
Aber der Stress mit dem Dreh alleine war es nicht, das musste er sich wohl langsam mal eingestehen. Schon seit mehreren Wochen fühlte er sich in einem Maße erschöpft, das sich nicht nur mit ein paar durchgemachten Nächten erklären ließ. Und Stress an sich war er gewohnt. Genau genommen begrüßte er ihn sogar. Er war einfach nicht der Typ für Müßiggang.
Jetzt allerdings würde er nicht um ein paar Stunden Schlaf herum kommen.
Schließlich wollte er später noch bei Anna vorbei. Er hatte gestern schon vorgehabt, sie zu besuchen und den ersten Jahrestag ihrer Befreiung ein bisschen zu feiern, aber Vivien, Annas Freundin und Mitbewohnerin, war ihm zuvor gekommen. Sie hatte Anna über das Wochenende nach Holland ans Meer entführt. Da hatte er natürlich mit seinem Champagner und den Blümchen nicht gegen ankommen können.
Gegen Mittag würden sie zurück sein, bis dahin würde er also noch etwas Zeit haben, um sich auszuruhen.
Nur noch kurz in die Firma und dann ins Bett.
Als Hauptkommissar Joachim Karstens vollkommen übernächtigt seinen Dienst antrat, fand er seine Kollegen schon vollzählig versammelt vor.
Hauptkommissarin Katharina Grzyek, von allen Rina genannt, holte gerade tief Luft, als er das Büro betrat. Wohl, um eine ihrer üblichen Wochenend-Anekdoten zum Besten zu geben. Die zierliche 36 jährige mit den stahlgrauen Augen fixierte ihn missbilligend, als wolle sie ihn für die Unterbrechung strafen, dabei hatte sie allem Anschein nach noch gar nicht mit ihrem stets lebhaften Bericht begonnen.
Was auch immer sie zu erzählen hatte, er würde sie heute zum ersten Mal seit einem Jahr unter Garantie toppen. Zuletzt – und bislang einmalig – war ihm dies gelungen, als er ihnen telefonisch von seiner abgebrochenen Hochzeitsreise berichtet hatte.
Frisch getraut hin, frisch getrennt zurück, das war eindeutig zu viel für seine Kollegen gewesen. Die waren noch damit beschäftigt zu verstehen, dass eine sehr spezielle Type wie er es überhaupt geschafft hatte, eine Frau zu finden, die ihn länger als ein paar Tage ertragen konnte.
Nur würde seine Geschichte heute alles andere als witzig sein.
Grzyeks osteuropäisches Temperament lief gerade zur Hochform auf und Karstens machte sich auf eine Familiengeschichte gefasst, weil sie dabei die Nase so komisch kraus zog, wie sie es immer tat, wenn sie von ihren Brüdern oder Eltern erzählte.
“Ich dachte, es wären Kirill oder Tolja”, legte sie dann auch erwartungsgemäß los. “Ich mein, wer sonst außer meinen Brüdern traut sich, mich an meinem ersten freien Sonntag seit Wochen aus dem Bett zu klingeln? Na, gut, ihr vielleicht noch, aber sonst?”
Vorsichtshalber nickten alle zustimmend, man konnte ja nie wissen. Selbst ihr neuer Kollege, Kommissar Matthias Werter, hatte in seinen gerade mal drei Wochen bei ihnen schon gelernt, dass das gesünder für ihn war.
Er mochte zwar nicht der Hellste sein, kein Vergleich jedenfalls zu Ben Müllenbeck, seinem Vorgänger. Aber dass es besser war, Rina ausreden zu lassen, hatte er schnell begriffen.
“Und, wer war es nun?”, wagte ihr Teamleiter Hauptkommissar Torsten Herwig zu fragen. Wahrscheinlich der Einzige von ihnen, der sich das erlauben konnte.
“Nun wart's doch ab“, sagte sie tadelnd. “Ich gehe also zur Tür und hab schon ein passendes Donnerwetter auf den Lippen und da sehe ich einen Paketboten die Treppe raufhetzen. Sonntags!”
Neben Karstens straffte sich Herwigs muskulöser Körper merklich und eine unerklärliche Härte schlich sich in seine markanten Gesichtszüge. “Und?”, fragte er gepresst.
Irritiert sah Grzyek ihn an, dann fuhr sie fort.
“Er überbrachte mir ein kleines Päckchen, Absender unbekannt, aus Holland.”
Triumphierend sah sie von einem zum anderen, als sei damit schon die Katze aus dem Sack. Doch während Karstens und Werter sich fragende Blicke zuwarfen, verlor Herwigs Gesicht alle Farbe. Grau wie eine Wand saß er da und starrte sie wortlos an.
Grzyek bemerkte seine Veränderung jedoch gar nicht.
“Ich hatte schon Sorge, Tolja hätte mir seinen Monatsvorrat Cannabis geschickt, um ihn nicht über die Grenze tragen zu müssen. Aber das war's nicht.”
Wieder legte sie eine Kunstpause ein und allmählich war Karstens Geduld überstrapaziert. Er war mehr der pragmatische und logische Typ. Rätsel raten hasste er wie die Pest und das hier ging immer mehr in diese Richtung.
“Kannst du mal auf den Punkt kommen, bitte?”, fuhr er sie genervt an. “Ich hätte da auch noch was zu berichten, was vielleicht nicht ganz unwichtig ist!”
“Soll heißen, was ich zu sagen habe ist genau das – unwichtig?”
“Das habe ich damit nicht gesagt!” Seine Hitzigkeit würde ihn irgendwann noch seine letzten Sympathisanten kosten. “Ich mein ja nur. Du machst es halt ganz schön spannend”, fügte er etwas versöhnlicher hinzu.
Ihre Augen feuerten noch ein paar giftige Blitze in seine Richtung ab, dafür bequemte sich ihr Mund aber, mit ihrer Geschichte zum Ende zu kommen.
“Also, um es kurz – und Jojo recht zu machen: Es war ein sehr hübsches Holzkästchen mit einem schwarzen Handschuh aus Spitze darin.”
“Nein!”, rief Karstens überrascht aus, während Herwig neben ihm gequält aufstöhnte.
Karstens verstand sofort, im Gegensatz zu Grzyek, die davon ausging, Post von einem unbekannten Verehrer bekommen zu haben.
“Du auch?”
Herwig nickte wortlos.
“Paketbote?”
Wieder ein Nicken.
“Nun”, sagte Karstens gedehnt. “Ich habe auch einen schwarzen Spitzenhandschuh zugestellt bekommen.” Verwundert sahen seine Kollegen ihn an. Jetzt war er es, der es spannend machte. “Meiner kam aber nicht als Paketpost.”
Wieder stockte er, diesmal jedoch nicht der Dramaturgie wegen, sondern weil es ihm tatsächlich schwer fiel, weiterzusprechen.
“Mein Handschuh wurde mir von Jennifer Hölters zugestellt. Von Kitty!”
Ungläubig starrten Herwig und Grzyek ihn an.
“Das ist nicht komisch!”, zischte Grzyek wütend.
“Nein, das ist mein Ernst”, erwiderte Karstens und sah ihr so fest in die Augen, dass sie merkte, wie ernst es ihm war.
“Aber...”, stotterte sie hilflos. “Aber sie ist tot!”
“Danke, dass du mich noch mal daran erinnerst.”
Herwig stand auf und wirkte dabei, wie um zwanzig Jahre gealtert. Ziellos lief er im Büro auf und ab und versuchte zu begreifen, was er da gehört hatte.
“Sie war in deiner Wohnung?”, fragte er seinen Kollegen schließlich vorsichtig. Jeder von ihnen wusste, dass die junge Frau, die, wie so Viele vergangenes Jahr im Laufe der “Brender-Morde” zu Tode gekommen war, Karstens nicht gleichgültig gewesen war.
“Soll das etwa heißen, jemand hat sie ausgebuddelt und...”
“...und mit dem Handschuh in der knöchernen Hand in mein Bett gelegt, ja!”
Mitleid mit Karstens spiegelte sich in Grzyeks eben noch ungläubigem Gesicht, aber auch tiefe Abscheu vor jemandem, der es fertig brachte, eine seit einem Jahr verstorbene Frau auszubuddeln und durch die Gegend zu transportieren.
“Aber, wer macht so was?”
Bitter stieß Herwig seine Antwort hervor. “Ich denke, das wissen wir alle ziemlich genau, Rina! Oder?”
“Wie jetzt?”, schaltete Werter sich ein, bei dem die Tatsache, dass Karstens eine skelettierte Tote im Bett liegen hatte, scheinbar gar nicht angekommen war. “Ihr habt gestern alle drei so einen Handschuh bekommen?”
Ratlos blickte einer zum anderen.
“Dann habt ihr jetzt wohl eine Fehde!”, stellte der Neuling begeistert fest und strahlte sie an, als könne er sein Glück, das mal erleben zu dürfen, kaum fassen. “Fehdehandschuhe! Das ist ja mal krass, Leute!”
Unfassbar laute Musik riss Christoffer Frey aus seinen Träumen von Urlaub in der Karibik mit Surfen, Kite-Board fahren und eisgekühlten Cocktails.
Schlaftrunken wie er war, dauerte es einen Moment, bis er registrierte, dass die Geräusche von seinem Smartphone kamen, das direkt neben seinem Ohr lag.
Welcher Idiot hatte es denn bitte schön da hingelegt?
Fünfzehn Sekunden gnadenloses Gebimmel später begriff er endlich, dass er nicht etwa zu Hause in seinem Bett lag, sondern allem Anschein nach mit dem Gesicht auf der Tastatur seines Rechners am Firmenschreibtisch eingeschlafen war.
Er wollte doch nur kurz die Augen zugemacht haben.
Erbarmungslos plärrte das Gerät weiter vor sich hin, so dass er sich langsam genötigt fühlte, doch mal dranzugehen.
Er war so todmüde, er konnte höchstens ein paar Minuten geschlafen haben. Andererseits, den Schmerzen am ganzen Körper nach zu urteilen, musste er sogar mehrere Stunden so gelegen haben. Mühsam versuchte er sich aufzurichten.
“Ist ja gut, ich komme ja schon”, hatte er sagen wollen, doch seine steifen Muskeln ließen ihn nur schmerzgeplagt aufstöhnen. Bis er endlich den Arm Richtung Smartphone bewegt und ein halbwegs verständliches “Frey” rausgewürgt bekam, hatte der Anrufer allerdings aufgegeben.
Mürrisch sah er nach, wer es gewesen war und sofort besserte sich seine Laune. Anna hatte angerufen. Das musste bedeuten, dass sie und Vivien wieder zurück waren.
Schön!
So konnte ja vielleicht doch noch was aus diesem Tag werden. Schnell rief er sie zurück und stellte fest, dass er sich wirklich freute, ihre Stimme zu hören.
“Hallo Anna, Chris hier. Sorry, ich war eingeschlafen und hab's nicht rechtzeitig geschafft ranzugehen. Wie war euer Kurzurlaub an der See?”
Ein Redeschwall ging auf ihn nieder, der sein schläfriges Hirn deutlich überforderte. Was er aber heraushörte war, dass es ihr ganz offenkundig gefallen und vor allem gut getan hatte. Das freute ihn. Wenn jemand ordentlich Balsam für die Seele verdient hatte, dann war es Anna Lorenz. Die Frau, die einen zufälligen Zusammenstoß mit ihm, beinahe mit ihrem Leben bezahlt hatte.
Bis heute waren die Wunden, die Tom und seine Gehilfen ihr zugefügt hatten, nur notdürftig verheilt, von den seelischen Verletzungen ganz zu schweigen. Niemals würden diese heilen, nicht wirklich. Aber vielleicht gelang es ihr irgendwann einen Weg zu finden, mit ihren Erlebnissen zu leben, ohne darüber den Verstand zu verlieren. Die unzähligen Narben, die sie täglich wieder an alles erinnerten, machten die Sache nicht unbedingt leichter.
Jetzt aber war sie so gut drauf, wie er sie noch nie erlebt hatte.
“Wir waren heute Morgen noch am Strand!”, erzählte sie begeistert. “Unglaublich, dass das erst ein paar Stunden her ist! Wenn ich aus dem Fenster sehe, will das Bild einfach nicht mit dem überein passen, was ich fühle. Mann, ist Köln eng!”
Ja, das Gefühl kannte Frey zur Genüge.
“Schön, dass es dir so gut gefallen hat. Seit ihr denn schon empfangsbereit? Schließlich haben wir noch was zu feiern.”
Anna lachte hell auf. Noch nie hatte er sie so unbefangen lachen hören.
“Unsere Wiederauferstehung?”, scherzte sie. “Wir sind zwar noch mit Auspacken beschäftigt und Post sichten und dergleichen, aber, klar, komm vorbei! Bis du hier bist, haben wir uns schon wieder häuslich eingerichtet. Zumindest für einen Kaffee sollte es reichen.”
Frey konnte gar nicht glauben, wie gesprächig Anna war. Er sollte sie vielleicht auch mal an die See schicken. Offenbar tat ihr das wirklich gut.
“Ich mach mich gleich auf den Weg. Bis dann!”
Sie hatte das Zauberwort gesagt: Kaffee! Es gab nichts, was er jetzt dringender brauchte, als Unmengen von Koffein. Sein Kreislauf meldete sich schon wieder und das, obwohl er saß. Langsam wurde die Angelegenheit wirklich lästig. Womöglich kam er da doch nicht um einen Arztbesuch herum. Aber jetzt gab es erst mal Kaffee in netter Gesellschaft, das würde ihn schon wieder gerade rücken.
Auf dem Weg zum Parkplatz begegneten ihm Walter Haferkorn und der “Arme”, wie Frey ihren neuen Pressesprecher nannte. Anfangs war Frey sich sicher gewesen, dass Walter den Mann nur aus Mitleid eingestellt hatte. Welcher Dreißigjährige hieß heute schon noch Richard? Und dann auch noch Wagner? Armer Kerl!
Es hatte sich aber schnell herausgestellt, dass Richard nicht nur ein sehr sympathischer und humorvoller Mensch, sondern auch ein wirklich fähiger Ersatz für Bernd Breckerfeld, seinen treulosen Vorgänger, war. Seinen Spitznamen hatte er trotzdem weg.
Zwar besaß der „Arme“ offenbar die gleiche Vorliebe für maßgeschneiderte Anzüge wie Breckerfeld. Im Gegensatz zu Bernd, der trotz edler Stoffe stets schmierig und ungepflegt gewirkt hatte, sah Wagner damit aber auch wirklich gut aus. Maike, die Maskenbildnerin, hatte gleich am ersten Tag geschwärmt, Wagner könne glatt einem Hochglanzmagazin entsprungen sein. Und wie er Frey gerade mit Haferkorn entgegen kam, knapp 1,90 Meter groß, mit lässig aufgeschlagenem Hemdkragen und seinem gewinnenden Zahnpasta-Lächeln, musste der Schauspieler ihr insgeheim zustimmen. Dass Wagner auch über den zugehörigen Körperbau verfügte, ließ sich selbst unter mehreren Lagen des feinen Zwirns noch erahnen.
“Na mein Junge,” dröhnte Haferkorns tiefer Bass Frey entgegen. “Willst du schon wieder weg?”
Frey kannte den 56jährigen Filmproduzenten und seine Frau Elli schon über zwei Jahrzehnte. Die ehemaligen Nachbarn seiner Pflegeeltern hatten sich um den orientierungslosen Teenager gekümmert, hatten seine Talente gefördert und über die Jahre war besonders Walter zu einem väterlichen Freund für ihn geworden. Seit einiger Zeit waren sie nun auch noch Geschäftspartner in der Produktionsfirma “HFP” - Haferkorns Film Produktionen.
“Bin auf dem Weg zu Anna, Jahrestag feiern”, antwortete Frey.
Ein Schatten huschte über Haferkorns breites Gesicht. Auch er war in die Geschehnisse rund um die Brender-Morde und Freys Entführung involviert gewesen und fühlte sich bis heute für den Tod ihrer Sekretärin Kitty verantwortlich. Niemand konnte ihm das ausreden. Dabei hatte keiner von ihnen ahnen können, dass Kittys Freund in Wahrheit nicht Daniel Pfeiffer, sondern Tom Lorenz hieß und nicht der nette Kerl war, für den er sich ausgab.
Als wolle er die finsteren Gedanken wegwischen, rieb Haferkorn sich über seine in fast zwei Metern Höhe befindliche Glatze und begann mit ihr um die Wette zu strahlen.
“Dass ihr euch immer noch nicht gekriegt habt”, polterte er mit einem schelmischen Grinsen. “Das soll mal jemand verstehen. Ihr würdet so ein nettes Pärchen abgeben!”
“Was nicht ist, kann ja noch werden,” rief Frey unverbindlich und verschwand mit eiligen Schritten zu seinem Auto, bevor Haferkorn weiter an diesem Thema rühren konnte.
Natürlich würden sie ein großartiges Paar abgeben und nichts wäre ihm lieber als das. Aber er hatte keine Lust, jetzt vor dem “Armen” auszubreiten, was ihn davon abhielt, Anna seine Gefühle für sie zu offenbaren. Das ging Richard einfach nichts an. Es reichte auch so schon, dass quasi ganz Deutschland über Hintergründe zu ihrem Leben informiert war, die eigentlich privat hätten bleiben sollen. Die Klatschpresse hatte noch Monate nach dem tragischen Ende ihrer Geiselnahme nicht das Interesse an ihrem „Schicksal“ verloren.
Ganz abgesehen davon, wäre das auch nicht mal eben so erklärt. Es gab viele Gründe für seine Zurückhaltung. Annas Vergangenheit hatte nichts damit zu tun. Es war kein Problem für ihn, dass sie ihr halbes Leben als Prostituierte, zuletzt gar als Domina gearbeitet hatte. Er war bislang wahrlich kein Kostverächter gewesen und hatte schon sexuelle Beziehungen zu Frauen mit noch wesentlich zweifelhafterem Ruf gehabt.
Aber Anna war ihm zu wertvoll, als dass er ihr gutes Verhältnis zueinander durch einen Schnellschuss hätte gefährden wollen. Was, wenn ihre Beziehung, wie all seine Liebesgeschichten bisher, irgendwann scheitern würde? Ihre Freundschaft wäre dann sicherlich auch zerstört.
Schon in dem Augenblick, als sie ihm vor dem Hotel in die Arme stürzte, war es um ihn geschehen gewesen. Doch die unmittelbar darauf folgende Entführung und alles, was dann geschah, machten es ihm unmöglich, ernsthaft an eine feste Beziehung zu denken. Tom Lorenz hatte dafür gesorgt, dass Anna sich vermutlich nie wieder einem Mann hingeben würde und wenn, dann musste die Initiative von ihr selbst ausgehen. Er wollte sie auf keinen Fall zu irgendwas drängen.
Momentan begnügte er sich also damit, ab und an ihre Gesellschaft zu genießen und sich an den Fortschritten ihrer Genesung zu erfreuen.
Für Kölner Verhältnisse kam er sogar erstaunlich gut durch und so dauerte es nicht lange, bis er mit einem Kribbeln in der Magengegend vor Annas Tür stand und die Klingel neben dem Schild Lorenz/Meyer drückte.
“Ja?”, hörte er Viviens Stimme aus dem Lautsprecher.
“Champagnerlieferservice”, rief er. “Ich habe hier eine Lieferung für...”
Keine Sekunde später summte der Türöffner und er betrat grinsend den Flur.
In der Hoffnung, dass man ihm sein unfreiwilliges Nickerchen auf der Tastatur des Rechners nicht allzu sehr ansehen würde, strubbelte er mit geübter Geste durch sein dichtes, stets etwas zu langes schwarzes Haar und pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht.
Frey wusste ganz genau um seine Wirkung auf Frauen, schließlich bescheinigten ihm sogar Kritiker und Neider ein umwerfendes Äußeres und einen geradezu unwiderstehlichen Charme. Er hatte sich auch nie gescheut, diesen Umstand für seine Zwecke auszunutzen. Aber für Anna wollte er tatsächlich gut aussehen. Schon alleine, damit er sich nicht ganz so sehr wie ein liebeskranker, pickliger Teeny fühlte, was er sich selbst gegenüber allerdings nie zugeben würde. Die Tatsache, dass er es diesmal war, der erobern wollte, war für ihn eine gänzlich neue Erfahrung, die ihn zutiefst verunsicherte. Normalerweise war er derjenige, der sich von einer reichhaltigen Auswahl erobern ließ.
Immerhin hatte er drei Stockwerke Zeit, sich herzurichten und so konnte er halbwegs sicher sein, dass die Frisur saß, als er oben ankam.
Viviens derzeit dunkelroter Lockenkopf erschien aus dem Badezimmer, als er gegen die offen stehende Wohnungstür klopfte und strahlte ihn an.
“Hi Chris,” rief sie gut gelaunt. “Anna ist im Wohnzimmer.” Dann war sie wieder verschwunden.
Frey fragte sich, wie man in drei Tagen so viel Bräune abbekommen konnte, aber als er auf dem Weg ins Wohnzimmer am Bad vorbei kam, beschlich ihn der Verdacht, dass Vivien mit etwas Schminke ordentlich nachgeholfen hatte.
Ein ganzes Sammelsurium an Döschen und Tuben umgab das winzige Waschbecken. Und so ziemlich alle schienen gerade benutzt worden zu sein. Beruhigend zu wissen, dass er nicht alleine war mit seiner Eitelkeit. Grinsend ging er auf das Wohnzimmer zu und spähte erwartungsvoll hinein.
Anna saß auf dem Sofa und hielt etwas in den Händen, dass sie still betrachtete. Sie schien noch gar nicht mitbekommen zu haben, dass er dort stand und war tief in Gedanken versunken. Einen Moment lang beobachtete er die junge Frau, die seine Gefühlswelt derart auf den Kopf gestellt hatte. Die zarte Gestalt täuschte darüber hinweg, was für eine ungeheure Kraft und welchen eisernen Willen sie hatte. Ihre nach wie vor kurz geschnittenen dunklen Haare umrahmten ihr hübsches Gesicht und glänzten im Licht der Frühlingssonne, die durch das große Fenster des Altbaus beinahe den ganzen Raum durchflutete. Wie sie so da saß, wirkte sie wieder genauso zerbrechlich und hilflos, wie im Februar, als Tom Lorenz plötzlich bei den Dreharbeiten aufgetaucht war.
Anna hatte an diesem Tag eine Gastrolle gespielt und es war ihnen bis heute unbegreiflich, wie Tom davon gewusst haben konnte. Er hatte sie auf der Toilette abgefangen und versucht, sie durch eine Spritze mit Heroin wieder abhängig zu machen, was ihm jedoch nicht gelungen war. Der befürchtete Rückfall war dank sofortiger medizinischer Überwachung und Annas starkem Willen nur sehr schwach ausgefallen. Aber es war das erste und bislang einzige Mal gewesen, dass der flüchtige Massenmörder und Psychopath sich öffentlich gezeigt hatte und er hatte ihr versprochen, dass sie wieder von ihm hören würden. Bis jetzt war das zum Glück ausgeblieben, was Freys Hoffnung nährte, dass Lorenz allmählich das Interesse an ihnen verloren hatte.
“Komm doch rein”, sagte sie leise.
Sie hatte ihn also doch bemerkt. Was war nur in der letzten halben Stunde passiert, dass sie derart verändert hatte? Von der lustigen und gut gelaunten Anna von vorhin war nichts mehr übrig. Besorgt eilte Frey um die Couch herum und setzte sich neben die junge Frau, die ihn traurig ansah.
“Ich denke, es geht wieder los”, sagte sie und reichte ihm ein schön gearbeitetes Holzkästchen, das noch halb in Paketpapier eingewickelt war. Als er es vorsichtig aufklappte, sah er zum ersten Mal einen der schwarzen Spitzenhandschuhe.
Eigentlich war ihnen der Appetit vergangen, aber da Werter die ganze Zeit über herummaulte, dass er jeden Moment einen grausamen Hungertod sterben würde und ohne etwas im Magen unmöglich weiter arbeiten könnte, hatten Grzyek, Herwig und Karstens sich überreden lassen, ihren Not leidenden Kollegen in die Kantine zu begleiten. Was auch gar keine so schlechte Idee war, da der Kaffee dort zugegebenermaßen besser schmeckte, als der aus der alten Maschine im Büro und sie sich nach der Sitzung bei ihrem Chef, Kriminaloberrat Hülser auch wirklich einen verdient hatten.
Wie üblich hatte er sich furchtbar aufgeregt, Erfolge verlangt, sich über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und die offenkundige Unfähigkeit des Ermittlerteams im Speziellen und wieder von vorne aufgeregt. Neu war, dass er sich alle fünf Minuten irgendwelche Pillen einwarf, von denen er anscheinend glaubte, sie würden ihm helfen, sich zu beruhigen. Zu guter Letzt hatte er sie förmlich rausgeworfen, unter der Androhung, sie alle zurück zur Streife zu versetzen, sollten sie diesen Tom Lorenz nicht endlich dingfest und dieser ganzen unsäglichen Geschichte ein Ende machen.
Schweigend nippten die drei nun abwechselnd an ihren Getränken, während sie interessiert Werters Kampf mit dem hauseigenen Kantinendrachen beobachteten. Er hatte den Fehler begangen zu fragen, ob die Küche denn auch regionale Bioprodukte für ihre Gerichte benutzte und warum es nur ein Mal in der Woche ein vegetarisches Angebot gab. Ein Fehler, den er sicher so schnell nicht noch einmal begehen würde. Mit hochrotem Kopf brüllte Frau Matuschek, wie der Kantinendrache mit richtigem Namen hieß, den vollkommen unvorbereiteten Neuling zusammen. Unter anderem beschimpfte sie ihn als einen neunmalklugen Wichtigschwätzer, der wohl meine, bloß weil er einen tollen Abschluss habe, sei er was besseres, als sie einfache Küchenkraft und was er sich einbilde, mit seinen gerade mal abgeklungenen Pubertätspickeln im Gesicht hier zu stehen und ihre Arbeit zu kritisieren.
Sie hätten ihn natürlich vorwarnen können, aber da musste jeder Neuling durch. Was bei Sekten die Blut- und bei Gangs die Mutprobe war, entschied hier die erste Konfrontation mit dem Kantinendrachen. Wer überlebte hatte bestanden.
Im Grunde waren sie sich sicher, wie die Sache ausgehen würde. Frau Matuschek würde noch eine Weile vor sich hinbrüllen und Werter würde dann irgendwann doch die Currywurst mit Pommes bestellen, bloß damit sie endlich Ruhe gab. So ging es jedenfalls meistens aus.
Doch da hatten sie Werter unterschätzt. Ruhig stand er da und wartete ab, bis sie ihre Tiraden unterbrechen musste, um Luft zu holen, dann legte er los.
„Erstens, liebe Frau...”. Er sah sich suchend nach einem Namensschild um, fand es und sprach mit ruhiger Stimme weiter. “Erstens, liebe Frau Matuschek, habe ich Sie nicht kritisiert, sondern Ihnen lediglich zwei einfache Fragen gestellt. Ein “keine Zeit, kein Geld, kein Personal” hätte mir als Erklärung völlig gereicht. Und zweitens, wehrte Frau Matuschek, ist der Wunsch nach gesunder Ernährung weder eine Frage der Bildung, noch des Alters, sondern für meine Begriffe eine Frage des gesunden Menschenverstandes!”
Das saß.
Der Kanaldrache mutierte kurzzeitig zum Seeungeheuer, das hilflos nach Luft schnappte. Man sah ihr an, dass sie nach einer wahrhaft vernichtenden Antwort suchte, doch scheinbar fiel ihr nichts passendes ein. Werter stand freundlich lächelnd vor ihr, die personifizierte Ruhe, was sie sicher noch wütender machte.
Schließlich geschah das Unfassbare: Matuschek kämpfte die Wut mühsam nieder, rang sich ein “Was darf es dann jetzt sein?” ab und klatschte ihm lieblos eine Ladung des gewünschten Salates auf den Keller.
“3,80€!”, fauchte sie, kassierte und entschwand.
Darauf brauchte sie wohl erst mal eine Beruhigungszigarette. Oder zwei.
Werter setzte sich zu ihnen an den Tisch und begann den Salat in sich hineinzuschaufeln, als sei nichts gewesen. Erst als er bemerkte, dass die anderen ihn ansahen, als sei er ein besonders exotisches Lebewesen, unterbrach er seine Mahlzeit.
“Was?”, fragte er verständnislos.
“Nichts, alles gut!”, beeilte Grzyek sich zu sagen und nahm hastig einen Schluck von ihrem Kaffee.
“Was ist so schlimm daran, wenn man sich gesund ernähren möchte?”
“Nichts. Ich sag ja, alles ist gut!”
Misstrauisch sah er von einem zum anderen, doch als nichts mehr kam, aß er schließlich weiter.
“Wenn du dann fertig bist, mit der gesunden Ernährung”, sagte Herwig schmunzelnd, “fühlst du dich dann vielleicht im Stande, uns von deinen Suchergebnissen berichten?”
Grzyek und er hatten den Morgen überwiegend mit ihren Handschuhen bei den Kollegen von der Spurensicherung verbracht. Karstens hingegen war bei dem Friedhofsverwalter, der die Grabplünderung inzwischen bei der Polizei gemeldet hatte und ihm versicherte, in seiner gesamten Berufslaufbahn noch nichts derartiges erlebt zu haben.
“In über vierzig Jahren habe ich so etwas noch nicht gehabt. Der Albtraum meines Berufsstandes schlechthin!”, schimpfte er und schien die Tatsache, dass es nun doch noch passiert war, fast persönlich zu nehmen.
Anschließend hatten sie sich die von Hülser zu erwartende Standpauke abgeholt und deshalb noch keine Zeit gehabt sich anzuhören, was Werter inzwischen über die Adresse herausgefunden hatte, die der Absender der Päckchen angegeben hatte. Oder gar Näheres zu seiner “Fehdehandschuhe-Theorie“ zu erfahren.
“Klar, kleinen Moment noch”, nuschelte er kauend und schob die nächste Gabel voll Grünzeug nach.
Grzyek fühlte sich an einen Moment erinnert, als sie im vergangenen Jahr noch mit Ben Müllenbeck an den Brender-Morden gearbeitet hatten. Kurz bevor Lorenz ihn erschossen hatte. Müllenbeck hatte auch gerne mit vollem Mund gesprochen. Nur nicht unbedingt mit politisch korrektem Inhalt.
Sie vermisste den jungen Kollegen mit den unkonventionellen Methoden nach wie vor sehr. Auch wenn sie im Team einen Weg gefunden hatten, ohne ihn weiterzumachen und mittlerweile wieder ein freundschaftliches Klima herrschte, hatten die Geschehnisse doch bleibende Spuren hinterlassen.
Besonders Herwig hatte sich lange mit Selbstzweifeln und Vorwürfen geplagt und Hülsers Ansage vorhin, hatte alte Wunden bei ihm aufgerissen. Herwig versuchte zwar, es sich nicht anmerken zu lassen, aber sie kannte ihn zu gut, als dass er ihr etwas hätte vormachen können. Sie hoffte nur, dass seine Verzweiflung nicht wieder in Jähzorn umschlug. Noch einmal würde sie ihren Chef so nicht ertragen können.
Werter schob geräuschvoll den Teller beiseite und kramte einen Schmierzettel aus seiner Hosentasche. Kurz befürchtete die Kommissarin, er würde sich damit den Mund abwischen, aber er faltete ihn ordentlich auseinander und strich ihn sorgsam glatt.
“Fresiaplain No.3 in Kerkrade, die Adresse gibt es tatsächlich”, begann er schließlich mit der Zusammenfassung seiner Ergebnisse. “Einen Joost van Faaht” allerdings erwartungsgemäß nicht. Die Kollegen von Interpol konnten in ganz Holland niemand diesen Namens ausmachen. Allerdings sind die holländischen Kollegen noch unterwegs, um Anwohner der Fresiaplain und die Mitarbeiter der Postdienststelle zu befragen, bei der er die Päckchen aufgegeben hat. Ich habe ihnen ein paar Bilder aus Lorenz Akte geschickt und das Phantombild, das ihn mit der Verletzung im Gesicht zeigt. Vielleicht hören wir ja bald von ihnen.”
Nachdenklich sah er seine Kollegen an.
“Und ihr seid euch sicher, dass nur dieser Lorenz in Frage kommt? Immerhin dürfte es ja einige Leute geben, denen ihr ordentlich auf die Füße getreten habt.”
“Ja, aber keiner von denen würde mir Kitty ins Bett legen”, erwiderte Karstens.
“Wer war diese Kitty denn überhaupt?” Werter, der nicht nur erst vor kurzem zu ihrem Team hinzu gestoßen war, sondern auch erst seit wenigen Wochen in Köln lebte, hatte in seiner fernen Heimat in Bayern nur das mitbekommen, was in der Presse verbreitet worden war. Nun wollte der 27jährige Kommissar die Geschichte endlich aus erster Hand hören.
Bislang hatte er sich gescheut, nachzufragen, weil ihm klar war, dass seine Kollegen noch ziemlich an der Sache zu knabbern hatten und er nicht in ein Hornissennest stechen wollte. Jetzt schien die Geschichte aber wieder akut zu werden und darum befand er, dass es an der Zeit war, ihn aufzuklären. Ihren Gesichtern nach zu urteilen, war keiner von ihnen scharf darauf, diese Aufgabe zu übernehmen. Schließlich war es Grzyek, die sich zusammen nahm und ihm erzählte, was seinerzeit vorgefallen war.
“Alles ging los mit diesen schrecklichen Videos”, begann sie schaudernd. “Grauenhaft! Die Taten waren denen in der Serie nachgestellt und so kamen wir schnell zu dem Namen der SoKo “Brender ermittelt”, was Torsten gar nicht geschmeckt hat. Er hasst Christoffer Frey!”
Sie warf Herwig einen vorsichtigen Seitenblick zu, wohl um sich zu vergewissern, dass sie mit dieser Aussage nicht zu weit gegangen war. Aber der nickte sogar bestätigend. Auch die Tatsache, dass Frey sich rührend um Herwigs Sorgenkind Anna gekümmert hatte, schien an seiner Abneigung gegenüber dem Schauspieler nichts verändert zu haben. Waffenstillstand – mehr war wohl zwischen den beiden nicht drin.
Und so erzählte sie, während Karstens sie alle noch mit einer weiteren Runde Kaffee versorgte, wie sie zeitweilig sogar Frey selbst in Verdacht hatten, hinter den Taten zu stecken. Sie berichtete von Ben Müllenbecks Glanzleistung, über ein einschlägiges Internetportal an den wahren Täter herangekommen zu sein und wie ihn dies schließlich das Leben kostete. Von der Entführung Christoffer Freys und Anna Lorenz, weil Tom glaubte, ihn belastendes Material von dem Schauspieler erpressen zu können und von der katastrophalen Befreiung der Geiseln, bei der nicht nur viele Kollegen ihr Leben verloren hatten, sondern es Lorenz auch noch schwer verletzt gelungen war, zu fliehen. Und wie er schließlich bei den Dreharbeiten durch seinen Überfall auf Anna ein Zeichen gesetzt und die Polizei damit erneut verhöhnt hatte.
Und nun diese Handschuhe.
Aus schwarzer, feiner Spitze gewobene Handschuhe.
Natürlich hatten sich über die Spurensicherung keine Hinweise ergeben, dafür war Lorenz viel zu gerissen und leider auch zu erfahren. Sollten die Kollegen aus den Niederlanden nicht zufällig bei ihrer Befragung in Kerkrade, der kleinen Grenzstadt nahe Aachen, einen Treffer landen, stünden sie ohne Anhaltspunkte da und würden Lorenz die Initiative überlassen müssen.
Was sicher auch seine Absicht war.
“Diese Sache mit den Fehdehandschuhen”, fragte Grzyek. “Was hat es damit auf sich, Matthias?”
Werter überlegte, wo er am besten anfing.
“Der Begriff “Fehde”, sagt er dir etwas?”, fragte er schließlich, wohl um einschätzen zu können, ob er ganz bei Adam und Eva beginnen musste oder ob die Kurzversion reichte.
“Naja, Romeo und Julia, da war doch was mit einer Fehde zwischen den Familien der beiden”, sagte Grzyek unsicher, ob sie richtig lag. Klassische Literatur war nicht unbedingt ihr Steckenpferd.
“Ja, das dürfte wohl eines der bekanntesten Beispiele sein. Und der extremsten. Eine Fehde hatte, selbst in ihren Ursprüngen bei den Germanen nicht immer gleich Mord und Totschlag zur Folge. Allerdings ist es das, was so ziemlich jeder heute unter einer Fehde versteht: Blutrache -Vendetta!”
“Schön und gut”, meinte Karstens. “Aber was hat das nun mit unseren Handschuhen zu tun?”
Werter richtete sich auf und machte ein Gesicht, wie ein Dozent an der Hochschule, der vor einem Haufen wissbegieriger Studenten einen Vortrag hält.
“Ursprünglich gab es den Fehdebrief, mit dem man sein Ansinnen nach Vergeltung für was auch immer bekannt gab. Später gab es auch andere Symbole, die diesem Zweck dienen konnten: Münzen, die man vor die Füße geworfen bekam oder eben den Fehdehandschuh, der einem ins Gesicht geschlagen wurde, als Herausforderung zum Ehrenkampf. Oder der einem vor die Tür gelegt wurde.”
“Oder ins Bett”, unterbrach Karstens ihn erneut.
Ohne seinen Einwand zu beachten, fuhr Werter fort. “Wenn man ihn aufhob, nahm man die Herausforderung an. In der extremsten Form, der Ultima Ratio, konnte das bis hin zur Ausrottung einer ganzen Sippe samt Gefolgschaft gehen.”
“Moment mal”, rief Herwig und knallte seine Kaffeetasse so heftig auf den Tisch, dass sich die Hälfte des Getränks darauf verteilte. “Soll das heißen, unsere Familien sind auch in Gefahr?”
So weit hatte er noch gar nicht gedacht. Bis jetzt war er davon ausgegangen, Lorenz habe ihnen möglichst theatralisch eine Morddrohung zukommen lassen, aber wenn Werter recht hatte, wäre quasi jeder in ihrem Umfeld in Gefahr!
Das hilflose Achselzucken seines Kollegen, bestätigte seinen Verdacht.
Schweigend versuchte jeder für sich zu realisieren, was das bedeutete.
“Ob er wohl nur euch drei im Visier hat?”, fragte Werter leise. “Oder vielleicht auch den Schauspieler? Oder diese Anna?” Eigentlich hatte er nur laut gedacht, aber der Gedanke, dass auch andere Beteiligte Post erhalten hatten, war natürlich nicht abwegig.
Einen Moment herrschte Stille, dann sprangen alle wie auf ein geheimes Kommando auf.
“Rina, Jojo, ihr macht sofort eine Liste aller Personen in eurem Umfeld, auf die Lorenz es abgesehen haben könnte!”, wies Herwig seine Leute hektisch an. “Ich werde dasselbe tun und du Matthias, du rufst bei Anna Lorenz, Christoffer Frey und Walter Haferkorn an und erkundigst dich, ob sie auch eine Botschaft von Lorenz erhalten haben. Und bei den beiden Özkilics. In einer halben Stunde treffen wir uns bei Hülser. Wir brauchen Verstärkung, wir brauchen Personenschutz...”
Dass der Kantinendrache ihm noch hinterher rief, für wen er sich halte, dass er noch nicht einmal seine Sauerei vom Tisch wegwischte, bekam keiner von ihnen mehr mit.
“Was ist denn hier los? Ich höre ja noch gar keine Partygeräusche!”
Vivien stolperte ins Wohnzimmer, wobei sie versuchte, mit der einen Hand einen Ohrring und gleichzeitig mit der anderen einen ihrer Stiefel zu schließen, wodurch sie beinahe das Gleichgewicht verlor.
Party!
Anna konnte nicht anders, sie musste laut auflachen. Es war ein unkontrolliertes, nahezu hysterisches Lachen, das in einem verzweifelten Schluchzen endete.
Hilflos saß Frey mit dem Kästchen in der Hand neben ihr und gab keinen Mucks von sich. Wohl, weil er sonst nicht wusste, was er tun sollte, zupfte er an dem Handschuh herum, bis er ein Stück verrutschte und ein roter Schimmer unter ihm sichtbar wurde. Hastig schob er den Stoff beiseite. Unter dem Handschuh war noch etwas anderes verborgen, etwas schmales, längliches.
Kurz hatte er das Gefühl, sein Herz würde aussetzen, als er erkannte, um was es sich handelte. Es war eine kleine Spritze, wie Fixer sie benutzten, um sich einen Schuss zu setzen. Sie war randvoll mit einer rotbraunen, beinahe rostig aussehenden Flüssigkeit gefüllt. Frey wusste auch ohne vorher jemals ähnliches gesehen zu haben, was sie beinhaltete.
Eine Spritze mit Heroin.
Mit einem dünnen schwarzen Stift waren die Worte “Ein Geschenk für Anna” darauf geschrieben worden, auf der Rückseite der Zusatz “Bitte benutzen” und ein Smiley.
Er versuchte die Spritze verschwinden zu lassen, in der Hoffnung, dass Anna sie noch nicht bemerkt hatte, doch dafür hatte Vivien sie entdeckt.
“Was hast du denn da?”, rief sie überrascht. Und dann, mit deutlicher Schärfe in der Stimme: “Wo hast du die her?”
Natürlich wurde auch Anna jetzt auf das unsägliche Teil in seiner Hand aufmerksam. Mit großen Augen starrte sie ihn an, dann riss sie es ihm aus den Fingern und las zitternd die Aufschrift. Angewidert warf sie die Spritze in die hinterste Ecke des Wohnzimmers, wo sie unter einen kleinen Beistelltisch rollte und nicht mehr zu sehen war.
“Aber er hat doch...”, begann Vivien mit verzweifelter Stimme, brach dann jedoch ab.
Bitter lachte Anna auf. “Was? Ein paar Monate lang Ruhe gegeben?”
Vivien nickte langsam und schnappte nach Luft.
Anna hätte schwören können, dass ihre Freundin etwas anderes sagen wollte. Man sah förmlich, wie sie mit sich rang, ob sie es wirklich aussprechen sollte. Schließlich nickte sie jedoch noch einmal.
“Ich dachte...” Sie schluckte und ließ auch diesen Satz unvollendet.
Frey, der Sorge hatte, Vivien könnte glauben, er habe Anna dieses geschmacklose Geschenk gemacht, hielt ihr das Holzkästchen unter die Nase.
“War hier drin”, sagte er tonlos. “Unter dem Handschuh. Kam mit der Post.”
Blitzschnell griff Vivien nach dem Handschuh. “Aber..., das sind doch die aus dem Club”, rief sie überrascht aus und betrachtete das Stück von allen Seiten. Madame hat gerade vor zwei Wochen einen ganzen Restposten von den Dingern aufgekauft.”
“Tja, Party fällt dann wohl aus.” Anna stand auf und ging Richtung Küche. “Ich mach uns dann mal einen Kaffee mit Schuss”, sagte sie und versuchte zu lächeln. “Und dann werden wir die Polizei informieren und hören, was die dazu zu sagen hat.”
Der Kaffee war gerade erst aufgesetzt und die ersten heißen Wassertropfen zischten rauschend und gurgelnd in den Filter, als Freys Telefon klingelte. Bereits zum zweiten Mal an diesem Tag, empfand er den Klingelton als extrem nervig und beschloss ihn möglichst bald zu wechseln. Dann sah er auf das Display und stutzte.
Nummer unbekannt.
Frey fürchtete bereits das Schlimmste und sein “Ja, bitte?” geriet ziemlich wackelig. Wenn Lorenz jetzt auch noch die Frechheit hatte, sie am Telefon zu verhöhnen...
“Kommissar Werter von der Kripo Köln, Guten Tag, Herr Frey.”
Überrascht, aber auch ein Stück weit erleichtert, nicht mit Lorenz zu sprechen, grüßte der Schauspieler zurück.
“Die Polizei, das nenne ich ja mal eine Fügung des Schicksals”, sagte er aufgewühlt. “Ist Herwig irgendwo in Ihrer Nähe? Wir müssten ihn wirklich dringend sprechen!”
“Hauptkommissar Herwig ist zur Zeit anderweitig beschäftigt, aber sollten Sie ihm von einem mysteriösen schwarzen Handschuh berichten wollen, sind Sie bei mir genauso richtig, deswegen rufe ich Sie nämlich an.”
“Woher wissen Sie von dem Handschuh?”
“Dann liege ich also richtig?”, fragte Werter. “Sie haben einen schwarzen Handschuh aus Spitze zugestellt bekommen?”
“Ja. Nein, nicht ich”, entgegnete Frey verwirrt. “Aber Anna. Anna Lorenz. Ein Holzkästchen mit einem Handschuh, unter dem eine Spritze lag.”
“Eine Spritze?” Jetzt war es an dem Kommissar überrascht zu sein. “Was für eine Spritze?”
“Mit Heroin”, stieß Frey angewidert hervor. “Das Schwein hat ihr eine Heroinspritze geschickt.”
Der Beamte schwieg einen Moment und Frey konnte hören, wie ein Stift über Papier kratzte. Anscheinend machte der Kommissar sich Notizen.
“Was ist mit Ihnen, Herr Frey? Haben Sie oder jemand anderes den Sie kennen ebenfalls solch eine Botschaft bekommen?”
Einem Impuls folgend verneinte er spontan. Doch dann überlegte er. Genau genommen konnte er gar nicht wissen, ob er nicht auch so ein Päckchen bekommen hatte. In den vergangenen drei Tagen war er nicht ein Mal zu Hause gewesen, weil ihn die Drehtermine und alles was damit zusammenhing, so in Anspruch genommen hatten, dass er es gar nicht erst dort hin geschafft hatte. Eine Nacht hatte er in einem Hotel in Berlin verbracht, wo er einen Termin mit verschiedenen Werbepartnern der Firma wahrnahm und die letzte Nacht hatten sie gedreht. Es war also gar nicht so unwahrscheinlich, dass ihn auch noch eine unangenehme und vermutlich ebenso zynische Überraschung erwartete, wie Anna sie erhalten hatte.
“Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht”, sagte er schließlich. “Ich war noch nicht zu Hause.”
“Gut, Herr Frey, dann machen Sie jetzt bitte folgendes: In ein paar Minuten werde ich Ihnen einen Streifenwagen nach Hause schicken. Wo sind Sie jetzt?”
„Ich bin bei Frau Lorenz.”
“Okay, dann nehmen Sie jetzt das Holzkästchen und alles was darin war und fahren mit Frau Lorenz zu sich nach Hause. Dort warten Sie, bis die Kollegen eintreffen. Bitte gehen Sie nicht ohne sie in Ihre Wohnung! Warten Sie, bis die Kollegen da sind! Haben Sie das verstanden?”
“Ja, sicher. War ja laut und deutlich genug.” Warum mussten die einen immer behandeln, als wäre man schwer von Begriff?
Werter verabschiedete sich und legte auf.
“Hast du alles mitbekommen?”, fragte Frey Anna, die mit einer dampfenden Tasse in der Hand im Türrahmen lehnte. Sie nickte nur und verschwand im Flur, um Vivien zu suchen.
“Kommst du mit?”, bat sie ihre Mitbewohnerin, die wieder im Bad verschwunden war.
“Nein, ich...ich muss doch noch zur Arbeit”, drang es gedämpft durch die geschlossene Tür.
“Was? Davon hast du gar nichts gesagt! Wir wollten doch eigentlich feiern!”
“Meinst du, ich hätte euch hier den ganzen Abend auf der Pelle gehangen? Dann wird ja nie was aus euch!”
Anna lief knallrot an. Ging es nicht noch ein bisschen lauter? Chris lief doch schließlich auch hier rum. Es wäre ihr unendlich peinlich, wenn er mitbekommen würde, was sie für ihn empfand. Schon lange bevor sie sich auf so tragische Weise kennengelernt hatten, schwärmte Anna als wahrscheinlich treueste Brenderianerin für den Schauspieler. Aber niemals wäre sie so vermessen zu glauben, er könne sich für eine Frau wie sie ernsthaft interessieren. Abgesehen davon konnte er nahezu jede Frau in ganz Deutschland haben, da würde er sich wohl kaum eine von oben bis unten vernarbte und kaputt gevögelte Ex-Nutte ans Bein binden. Dass er sich überhaupt mit ihr abgab, übertraf schon all ihre Erwartungen um Längen und sie wollte ihr Glück nun wirklich nicht überstrapazieren.
Stattdessen versuchte sie noch einmal, ihre Freundin zu überreden, sie zu begleiten. “Bitte, komm doch mit. Wenn du Madame erklärst, was los ist, wird sie dir sicher frei geben für heute Abend!” Doch sie hatte keinen Erfolg.
“Versteh' doch bitte, ich brauch das Geld! Ich muss da heute hin!”
Anna verstand nicht.
Immerhin hatte sie gerade eine Botschaft von dem Mann bekommen, der sie schon zwei Mal beinahe umgebracht hatte. War es da so ungewöhnlich, dass sie ihre einzige wirkliche Vertrauensperson bei sich wünschte? Zumal sie ja nicht wusste, was sie bei Chris unter Umständen noch erwarten würde.
Vivien verhielt sich irgendwie komisch. Wenn Anna genauer darüber nachdachte, hatte sie sich in den vergangenen Monaten häufig eigenartig verhalten. Sie hatte ihre Freundin sogar schon darauf angesprochen, hatte aber nur eine Abfuhr bekommen.
Nun, Vivien wusste, dass sie jederzeit zu ihr kommen konnte, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. Sie würde ihr nicht weiter hinterher laufen.
Achselzuckend ging sie zurück ins Wohnzimmer, wo Frey gerade unter dem Beistelltisch nach der Spritze suchte und vor sich hin fluchte.
“Was denkt sich dieser Mistkerl eigentlich? Kann der uns nicht einfach in Ruhe lassen?”
Schließlich bekam er die Spritze zu packen, legte sie mit spitzen Fingern zurück in das Holzkästchen und schloss es eilig, als könnte sein Inhalt ihm plötzlich ins Gesicht springen.
Zuletzt schnappte er sich noch die Champagnerflasche, die er achtlos auf den Tisch gestellt hatte und hielt sie Anna unter die Nase.
“Egal was heute noch passiert und wo wir am Ende des Tages sein werden – den gönnen wir uns heute noch!”
Keine halbe Stunde später waren sowohl der Champagner, als auch der Ärger beim Dreh und eventuell nicht richtig sitzende Frisuren so egal, wie nur irgendetwas sein konnte.
“Sie gehen also davon aus, dass jemand Sie und Ihre Familien umbringen will, weil ein Anfänger, der seine Freizeit scheinbar zu oft auf irgendwelchen Mittelaltermärkten verbringt, Ihnen eine Blutfehde eingeredet hat?” Mit hochrotem Kopf und einem vernichtenden Blick für Werter marschierte Hülser vor dem Ermittlerteam auf und ab und brüllte sich gerade mal wieder in einen seiner Anfälle hinein. Er hatte sogar ganz vergessen, sich seine neuen Wunderpillen einzuschmeißen. “Und Sie erwarten ernsthaft, dass ich aufgrund eines solch vagen Verdachts Personenschutz für mindestens zwanzig Personen abstelle?”
“Mit Verlaub, Herr Hülser”, unterbrach Werter seinen Monolog. “Das ist nicht irgendein vager Verdacht, sondern ein ziemlich handfester. Und wie ich Ihnen gerade erläutert habe, ist es mitnichten irgendjemand, sondern Tom Lorenz, von dem wir hier sprechen. Wenn mich nicht alles täuscht, sind Ihnen die näheren Umstände zu dem Fall durchaus geläufig. Da frage ich mich doch ernsthaft, wie Sie noch an der Notwendigkeit unseres Anliegens zweifeln können!”
“Wie wagen Sie es, mit mir zu sprechen?”, keifte Hülser und hielt sich mit dramatischer Geste sein Herz. “Immerhin bin ich Ihr Vorgesetzter!”
“Das ist mir durchaus bewusst. Trotzdem darf man ja wohl gerade von einem fähigen Vorgesetzten ein bisschen mehr Respekt für die Leute erwarten, die jeden Tag die Feldarbeit machen. Ohne Fußvolk kein Vorgesetzter! Oder sehe ich das falsch?”
Der Junge hatte es drauf, Leute in ihre Schranken zu weisen, das musste Herwig ihm lassen. Ein bisschen respektlos gegenüber deutlich Höhergestellten vielleicht, aber solange er das nicht bei ihm versuchte, sondern es sich für die richtige Adresse aufhob, konnte Herwig gut damit leben. Und Hülser war mit seiner Verstocktheit gerade mit Sicherheit die richtige Adresse.
Anfangs war Herwig nicht sonderlich begeistert gewesen, dass ihr neuer Kollege wieder ein recht junger Beamter war. Er erinnerte ihn einfach zu sehr an Ben. Nicht, dass er ihm nichts zutrauen würde, den Fehler würde er nicht noch ein weiteres Mal begehen. Denn gerade um dieses Thema war es mit Ben immer gegangen und letztlich hatten Herwigs Sticheleien den jungen Kollegen dann zu der unüberlegten Tat getrieben, die ihn das Leben kostete. Zumindest sah Herwig es so.
Aber das war Vergangenheit und vielleicht tat ihnen ein bisschen frischer Wind tatsächlich mal ganz gut. Und bis jetzt machte Werter seinen Job ja auch ganz ordentlich.
Der war allerdings immer noch nicht fertig mit seiner Zurechtweisung des Kriminaloberrats. Er setzte sogar noch eins drauf.
“Im Übrigen täte es Ihrer Allgemeinbildung vielleicht auch mal ganz gut, sich mit den Gepflogenheiten unserer Vorfahren zu beschäftigen”, schoss er die nächste Salve auf den vor Wut schnaubenden Mann ab. “Vielleicht wäre Ihnen dann auch aufgefallen, dass Lorenz mit dem Versenden der Handschuhe eine deutliche Warnung ausgesprochen hat. Und dass er dafür Fehdehandschuhe nutzt, ist sicher kein Zufall, sondern bewusstes Kalkül. Er will offensichtlich mit allen abrechnen, die seine Ehre gekränkt haben und wie kann man jemanden besser treffen, als über seine Liebsten?”
Herwig musste an eine Bemerkung des neuen Kollegen denken, die er auf dem Weg zu Hülsers Büro hatte fallen lassen. Werter hatte ihnen von Annas Postsendung berichtet und hatte sich gefragt, warum Lorenz ihr und Karstens eine solch persönliche Widmung beigefügt hatte. Oder anders gefragt, welche persönliche Gemeinheit Lorenz noch für Rina und ihn selbst, Hauptkommissar Herwig vorgesehen hatte, dass sie nicht mit ins Päckchen passte.
Entweder hatten sie Werter bislang völlig falsch eingeschätzt oder es hatte einfach ein bisschen Aklimatisierungszeit gebraucht, um seine wahren Qualitäten zum Vorschein zu bringen.
“Der macht dir noch deinen Rang als teameigener Vulkanier streitig”, raunte Herwig Karstens grinsend zu. “Wart's ab!”
“Der gefällt mir”, flüsterte Karstens zurück. “Erst der Kantinendrache, jetzt Hülser...doch, gefällt mir!”
Gespannt, wer von den beiden als Sieger aus dem Duell gehen würde, richteten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Streitgespräch. In dem Moment bimmelte Herwigs Handy.
