Brennender Schmerz - Sonja Wolfer - E-Book

Brennender Schmerz E-Book

Sonja Wolfer

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Beschreibung

Du kannst dem Schmerz nicht entkommen … Mitten in der Nacht erhält ein Mann eine Nachricht: Es ist das Video eines schockierenden Gewaltverbrechens, das nur wenige Stunden vorher passiert ist. Am nächsten Morgen wird eine junge Frau schwerstverletzt im Stadtpark aufgefunden. Kriminalhauptkommissarin Marla Kasparek und ihr Team müssen den Täter finden, bevor er sein Werk vollenden oder ein weiteres Verbrechen begehen kann. Von der mysteriösen nächtlichen Nachricht und dem anonymen Empfänger ahnt Marla nichts. Doch dieser erhält weitere verstörende Botschaften, die ihn immer tiefer in das Geschehen hineinziehen. Ein Kampf gegen die Zeit beginnt … BRENNENDER SCHMERZ ist ein packender Krimi für alle, die auf der Suche nach einer Geschichte voller unerwarteter Wendungen und einem Täter sind, der ein grausames Spiel treibt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch

 

Du kannst dem Schmerz nicht entkommen …

Mitten in der Nacht erhält ein Mann eine Nachricht: Es ist das Video eines schockierenden Gewaltverbrechens, das nur wenige Stunden vorher passiert ist.

Am nächsten Morgen wird eine junge Frau schwerstverletzt im Stadtpark aufgefunden.

Kriminalhauptkommissarin Marla Kasparek und ihr Team müssen den Täter finden, bevor er sein Werk vollenden oder ein weiteres Verbrechen begehen kann.

Von der mysteriösen nächtlichen Nachricht und dem anonymen Empfänger ahnt Marla nichts.

Doch dieser erhält weitere verstörende Botschaften, die ihn immer tiefer in das Geschehen hineinziehen.

Ein Kampf gegen die Zeit beginnt …

 

Brennender Schmerz ist ein packender Krimi für alle, die auf der Suche nach einer Geschichte voller unerwarteter Wendungen und einem Täter sind, der ein grausames Spiel treibt.

 

Sonja Wolfer wurde am Tag der ersten Mondlandung an einem Sonntag im Juli 1969 geboren.

Die Liebe zu Büchern und Sprache prägt sie von Kindheit an. Eine Liebe, die sie mit ihren mittlerweile erwachsenen Kindern, ihrem Sohn und ihrer Tochter teilt.

So machte sie nach ihrem Abitur eine Buchhändlerausbildung und im Anschluss daran studierte sie Germanistik, Anglistik und Pädagogik.

Bücher, Geschichten und die deutsche sowie die englische Sprache spielten eine zentrale Rolle bei ihrer Tätigkeit als Lehrerin an einem Gymnasium. Auch bei dem anschließenden beruflichen Wechsel in ein Medienzentrum für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler beschäftigte sie sich mit Büchern und den diversen Möglichkeiten, sie Kindern und Jugendlichen mit einer Sehschädigung zugänglich zu machen.

Mit der Selbstständigkeit als Korrektorin 2021 kehrte sie vollständig in die Bücherwelt zurück und arbeitet nun schwerpunktmäßig als Autorin von Spannungsliteratur sowie Satire und dem Podcast Wolfohr lauscht dem Bösen.

 

 

Sonja Wolfer

 

 

Brennender Schmerz

 

 

Kriminalroman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

© Sonja Wolfer

www.sonjawolferautorin.de

 

1. Auflage

 

Das Buch ist auch als Taschenbuch erhältlich.

ISBN 978-3-7579-1855-2

 

Umschlaggestaltung: Renee Rott, www.cover-and-art.de

Lektorat und Korrektorat: Heike Susanne Przybilla, www.lektorat-wortlust.de

Buchsatz: Renee Rott, www.cover-and-art.de

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über die dnb.dnb.de abrufbar.

 

Alle Personen, die Handlungen sowie die Handlungsorte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische, fotografische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Der Verkauf ist ausdrücklich untersagt.

 

 

 

 

 

Für Nele und Till

 

Ein Buch zu veröffentlichen,

ist ein wenig,

wie einem Kind das Leben zu schenken.

Seiner Tochter und seinem Sohn als Erste

die eigene Buchidee anvertrauen zu können,

ist ein Geschenk.

 

Inhalt

1

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1

 

Ein Signalton zerriss die Stille und ein Display leuchtete auf. In dem fahlen Licht des Handys wurde für einen kurzen Moment ein Fotorahmen an der Wand mit dem Bild einer Frau sichtbar.

Der Mann tastete nach dem Handy und starrte darauf. Eine Nachricht mitten in der Nacht?

 

18. Juli

Auch du wirst leiden, denn dem Schmerz kannst du nicht entkommen. 01:09

 

Dem Mann fröstelte.

Und dann erneut der Signalton, der eine weitere Mitteilung ankündigte. Hastig schlüpfte er aus dem Bett und schlich aus dem Zimmer.

 

Auf der Terrasse öffnete er die zweite Nachricht, die lediglich einen Link enthielt.

Was sollte das?

Mit zitterndem Finger klickte der Mann auf den Link, der ihn zu einem Ordner in einer Cloud führte. Der Titel des Ordners war Familie.

Dem Mann brach trotz der kühlen Nachtluft der Schweiß aus. Die Fotos, die er eins nach dem anderen anklickte, kannte er nur allzu gut. Darunter waren Aufnahmen, die nur wenige Menschen zu Gesicht bekommen hatten, wie er sicher wusste. Denn es waren private Bilder aus einem geschützten Ordner. Es waren seine eigenen Familienfotos!

Fieberhaft scrollte er sich durch die Aufnahmen, bis sein Blick an einem Foto hängen blieb. Er klickte darauf, um es vollständig ansehen zu können.

Ohne es zu bemerken, hielt er den Atem an. Dieses Foto hatte er noch nie gesehen. Es war eine unscharfe Großaufnahme, die unter Eile oder ohne große Sorgfalt aufgenommen worden war. Der Mann sah weiße Haut. Er überprüfte das Datum der Aufnahme.

17.07.2022 23:21 Uhr

Es zeigte das gestrige Datum. Das Foto war vor weniger als zwei Stunden aufgenommen worden.

Der Mann tippte auf das nächste Bild, das unmittelbar danach gemacht worden war: Er sah einen Arm, übersät mit blutigen Schrammen. In einer weiteren Aufnahme erkannte er eine Hand, die sich in Erde krallte. Am Handgelenk konnte er ein schmales, geflochtenes Lederarmband sehen.

Er schloss die Augen.

 

Bilder und Geräusche jagten wie kurze Filmszenen durch seine Erinnerung: eine dunkle Straße, nur die Kegel von Autoscheinwerfern und dunkle Umrisse von Bäumen und Büschen, ungewöhnlich laute Musik, angeregt durch zu viel Alkohol, Müdigkeit nach einem anstrengenden Tag, der Wunsch, endlich nach Hause ins Bett zu kommen. — Dann plötzlich ein dumpfer Schlag, unsichere Schritte mit zitternden Beinen. — Ein Bündel, ein Stöhnen, ein Wimmern — blankes Entsetzen.

Es tut so weh! — Hilfe — helfen Sie mir!

Grauen, Schock und dann Betäubung.

 

Er riss die Augen wieder auf. Das durfte er nicht zulassen.

Ein weiterer Blick auf das Display und er sah ein Thumbnail, das auf eine letzte Datei in dem Ordner hinwies. Das kleine Vorschaubild zeigte eine Hand, die einen Stein umklammerte. Ein Video, aufgenommen um dreiundzwanzig Uhr sechsundzwanzig.

Dem Mann wurde übel und er ließ sich auf einen Stuhl sinken. Dann spielte er das Video ab.

Man hörte das Rascheln von Blättern im Nachtwind — so wie dieser auch jetzt durch die Bäume des Gartens strich. Und dann hörte er ein leises Wimmern. Die Hand hob den Stein und das Bild begann zu wackeln.

»Bitte, nein! Nicht! — Nein!!«

Der Bildschirm wurde dunkel und der Ton verstummte.

 

Der Mann starrte auf die Nummer des Absenders und dann übergab er sich.

 

Die Nummer war seine eigene. Die furchtbaren Aufnahmen waren von dem Handy verschickt worden, das er vor wenigen Tagen verloren geglaubt hatte.

 

 

2

 

Ihr war kalt, so schrecklich kalt. Und irgendetwas lag auf ihr, das unangenehm stach. Sie öffnete die Augen, nahm jedoch nur schemenhafte Bewegungen wahr, konnte nichts fokussieren. Sie versuchte, sich zu bewegen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Was war nur los mit ihr? Und wo befand sie sich bloß? Plötzlich schoss ihr ein scharfer Schmerz durch den Kopf und sie wollte schreien. Doch das gelang ihr nicht mehr.

 

*

 

Marla Kasparek hielt sich mit einer Hand an der Sesselrückseite fest und unternahm einen erneuten Versuch, sich mit der Welt und dem eigenen Inneren zu verbinden. Vrksasana, der Yogabaum. Die lächelnde Yogatrainerin auf YouTube hatte ihr mit sanfter Stimme versprochen, dass sich diese Asana positiv auf ihr inneres und äußeres Gleichgewicht ausüben würde. Nach einigen Gläsern Weißwein auf der Leopold Kirmes gestern Abend wollte ihr die Übung allerdings noch nicht so recht gelingen.

»Wenn du diese Asana jeden Morgen in deine Routine integrierst, wirst du gestärkt und konzentriert in deinen Tag starten können. Nimm dir Zeit und schenke allein dir deine ganze Aufmerksamkeit.«

»Okay!« Marla schob energisch eine der widerspenstigen Strähnen ihres braunen Pagenkopfes aus dem Gesicht. Erneut stemmte sie den linken Fuß in den Boden und schob langsam den rechten an ihrer Wade entlang bis zum Knie hoch. Dann hob sie langsam beide Arme und führte ihre Hände — einer Buddhafigur gleich — über ihrem Kopf zusammen. Hoch konzentriert fokussierte sie einen Punkt vor sich. Da schob sich ein Bauch in ihr Blickfeld, der unter einem hellblauen Pyjamaoberteil über den Hosenbund der gleichfarbigen Hose ragte.

»Na, das sieht ja beeindruckend aus, Frau Marla.« Ein warmer Windzug zog durch die offene Terrassentür, bevor ihr Mann Tom sie hinter sich zuzog, um die für diesen Tag erneut angekündigte Hitze auszusperren. »Allerdings solltest du darauf achten, dass Schmidts Balou dich nicht entdeckt und mit einem echten Baum verwechselt.« Tom grinste und sie spürte Ärger in sich aufsteigen.

»Vielleicht lässt du dann das nächste Mal nicht die Terrassentür sperrangelweit offen, wenn du im Garten bist.« Marla setzte den rechten Fuß wieder auf den Boden und stieß die Luft aus. Ihren achtsamen Start in den Tag konnte sie für heute wohl abhaken.

»Nanu? So früh und schon wieder genervt?« Er hatte die Frage leise und mit dem für ihn typisch ironischen Unterton ausgesprochen, der sie provozieren sollte. Und beide wussten, dass es meistens funktionierte. Auch jetzt.

»Was hast du um diese frühe Uhrzeit überhaupt schon im Garten gemacht?« Marla ignorierte demonstrativ seine Provokation, und während sie ihre Yogamatte zusammenrollte, rief sie in Richtung der Treppe: »Till, Zeit zum Aufstehen!«

»Ich habe die Pflanzen gegossen. Das haben sie bei der Hitze dringend nötig.« Die Falten um seinen Mund vertieften sich, seine Lippen waren nur noch ein Strich. Er wird älter, dachte Marla. Ihm sah man die zweiundvierzig Jahre genauso an wie ihr selbst.

Wir werden älter.

»Hätte das nicht auch später noch Zeit gehabt? Du hast doch Ferien!« Marla bemerkte selbst den vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme und konnte ihren Ärger nun nicht mehr verbergen. So gerne hätte sie die frühe Morgenstunde für sich genutzt. Allein sein, Zeit für sich, ohne ihn. Zeit, um in Ruhe in den Tag starten zu können. Sie musste im Gegensatz zu Tom, der Lehrer am Wiedenberger Ratsgymnasium war, gleich zur Arbeit. In der Kriminalinspektion 1 für Tötungsdelikte, Sexualdelikte, Erpressung, Raubdelikte und Bandenkriminalität stand ihr als leitende Kriminalhauptkommissarin eine anstrengende Woche bevor, in der die Sommerferien keine Rolle spielten.

Nach den drei Wochen Familienurlaub an der Ostsee wusste sie nicht, was sie am ersten Tag erwartete.

 

*

 

Der Mann verließ den kleinen Laden und blieb für einen Moment in der warmen Morgensonne stehen. Eine Schweißperle rann ihm die Schläfe entlang, gefolgt von einer zweiten. Der Gedankenwirbel in seinem Kopf ließ sich nicht stoppen. Hatte er das Richtige getan? Würden sie das Bildmaterial noch rechtzeitig erhalten? Würde er das Undenkbare verhindern können? Er musste ab sofort sehr wachsam sein. Er musste nach vorne sehen und um keinen Preis durfte die Vergangenheit die Oberhand gewinnen.

 

*

 

»Hm, da ist aber wirklich jemand gut gelaunt heute!« Auch Toms Ton war bissig geworden. »Du hattest gestern Abend offensichtlich ja keine Muße mehr, dich um die Blumen zu kümmern.«

Schuldbewusst streichelte Marla Tom über das kurze graue Haar, in dem nur noch wenige braune Strähnen zu sehen waren.

»Entschuldige, das war unnötig. Ich bin mal wieder nervös. Mir graut es nach dem Urlaub immer noch vor dem ersten Arbeitstag.«

Sie wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war. Doch jetzt war ganz sicher nicht der richtige Moment, ein Gespräch zu beginnen, das sie und Tom schon so lange vermieden.

»Ich kenne dich doch.« Tom ließ sich aufs Sofa fallen, blickte kurz in den Garten und dann zu ihr. Er zwinkerte ihr zu. »Du wirst wie immer nach ein paar Minuten voll drin sein. Abgesehen davon hast du Michael und Isabel gestern Abend doch schon gesehen. Und ihr hattet eine Menge Spaß …« Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte.

Da hatte Tom recht! Es war großartig gewesen, die Kollegen privat zu sehen, bevor sie der Alltag im Präsidium heute wieder gefangen nehmen würde. Tom und sie waren zum Abschluss ihrer Urlaubszeit auf das Wiedenberger Stadt-Patronatsfest, die Leopold Kirmes, gegangen und hatten zufällig zwei ihrer Teamkollegen, Isabel Becker und Michael Steinhoff mit seiner Frau Vera getroffen. Gemeinsam waren sie von Stand zu Stand gezogen, bis Michael und Vera sich im Lauf des Abends verabschiedet hatten.

Marla hatte das bedauert und hätte gern noch ein Glas mit den beiden getrunken. Michael hatte jedoch schon vor längerer Zeit dem Alkohol abgeschworen. »Kommt ihr mal in mein Alter, ihr Küken, dann werdet ihr auch noch vernünftig. Mit fast sechzig braucht der Körper viel mehr Aufmerksamkeit.«

Marla hatte lachend seinen beachtlichen Bauch in Augenschein genommen und Vera zugezwinkert, die hinter Michaels Rücken die Augen verdreht hatte: »Ja, Papa!«

Isabel hatte ebenfalls gelacht und Michael dann mit großen Kulleraugen angesehen.

Kriminalkommissarin Isabel Becker war mit ihren achtunddreißig bereits seit Jahren in ihrem Team und sehr zuverlässig und routiniert. Das mochte Marla ebenso an ihr wie ihr beeindruckendes Einfühlungsvermögen und ihren Humor.

Gestern hatte Isa auf ihre sympathische Art versucht, Michael und Vera zum Bleiben zu überreden: »Hey, ihr beiden! Der Abend hat doch gerade erst begonnen! Es ist noch nicht mal neun! Morgen ist die Kirmes Geschichte, keine Chance mehr, zusammen zu feiern!« Dabei hatte sie Michael und Vera zugezwinkert.

»Ja, bevor du jetzt ganz aufdringlich wirst«, tadelnd hatte Michael auf Isabels lila gefärbten Kurzhaarschnitt geblickt und seinen Bass noch tiefer klingen lassen, »und ich mich morgen nicht mehr zum Dienst getraue, verabschiede ich mich. Vera, wir gehen, du musst morgen auch pünktlich bei der Tafel sein. Die Arbeit wartet nicht auf dich!«

»Ja, Chef!« Seine Frau hatte gelacht. »Machts gut, ihr drei. Und dir, Marla, wünsche ich morgen einen guten Start.«

Sie hatte sich bei ihrem hochgewachsenen Mann eingehängt. »Komm, alter Mann! Dann will ich dich mal nach Hause bringen.«

Marla war Veras bedauernder Blick dabei nicht entgangen. Noch vor wenigen Jahren wären Michael und sie bis in die späten Abendstunden auf dem Fest unterwegs gewesen …

 

Marla lächelte ihren Mann an. »Das hatten wir. Schade, dass ihr Männer so früh gekniffen habt!«

»Wieso? Papa kam auch erst kurz vor dir nach Hause.«

Marla drehte sich um. Ihr Sohn stand mit verwuschelten braunen, kurzen Locken in der Wohnzimmertür.

»Till, es macht keinen guten Eindruck, wenn du zu deinem Ferienjob gleich am ersten Tag zu spät kommst.« Tom stand abrupt auf. »Los, ich mach' Frühstück und du gehst ins Bad. Ich bringe dich dann zur Klinik.«

Marla schaute ihm hinterher, als er in der Küche verschwand. Was bitte sollte das denn jetzt bedeuten?

Isa und sie hatten sich noch ein weiteres Glas Wein gegönnt, nachdem auch Tom sich gegen Viertel nach zehn verabschiedet hatte. »Ich bin müde. Mir steckt die lange Fahrt noch in den Knochen. Treibt es nicht zu wild, Mädels.«

»Wo warst …«

Ihr Handy gab einen kurzen Sirenenton von sich. Das musste einer der Kollegen sein.

 

18. Juli

Wir brauchen dich hier! David 6:59

 

Verdammt. Dann musste Till sich eben mit seiner Mutter im Badezimmer arrangieren.

 

Zwanzig Minuten nach sieben fuhr Marla mit ihrem roten Dacia Sandero auf die zweispurige Umgehungsstraße, die in einem Ring um Wiedenberg herumführte. Vor gut zehn Jahren hatte man diese zur Verkehrsberuhigung der knapp achtzigtausend Einwohner zählenden Stadt gebaut. Wiedenbergs mittelalterlicher Stadtkern hatte dadurch unbedingt gewonnen, fand Marla. Die zahlreichen Touristen parkten seitdem meist außerhalb auf den Park-and-Ride-Plätzen und nutzten den Bus, um in das Stadtzentrum zu gelangen.

Im Moment war sie ausgesprochen dankbar, dass ihr die endlosen Blechschlangen, die sich früher durch die schmalen Gassen gezogen hatten, erspart blieben.

Der silber-graue Civic Honda, der aus Richtung Bodenweiler vor ihr auf den Ring aufgefahren war, hatte jedoch ebenfalls keine Eile. Marla fuhr dichter auf. Als der Fahrer davon unberührt blieb, trommelte sie auf das Lenkrad.

»Herrgott noch mal!«

Wenn David ihr am ersten Arbeitstag bereits vor ihrem Dienstantritt eine Nachricht sandte, dann musste etwas Dringendes anstehen. Marla sog die Luft ein, die ihr aus der Lüftung warm entgegenströmte, ließ sie langsam wieder aus ihren Lungenflügeln strömen.

WIE PW 197

Der Hondafahrer vor ihr war ein Einheimischer. Warum, um Himmels willen fuhr er dann an einem Montagmorgen im Schneckentempo über den Ring, als ob er hier fremd und im Urlaub wäre?

Sie schaltete einen Gang herunter und setzte schließlich den Blinker, um den Wagen zu überholen. Mit demonstrativ hochgezogenen Augenbrauen schaute sie hinüber in das andere Auto. Der ältere Mann war allem Anschein nach tief in Gedanken versunken und schien die Welt um sich herum nicht wahrzunehmen.

Marla stieß die Luft aus. Sie musste sich zusammenreißen. Der Arbeitstag begann gerade erst und ihre Konzentration wurde von Anfang an gebraucht. Wo war nur die ganze Erholung hin?

Gönne dir zwei, drei tiefe Atemzüge und schenke dir die Energie, die du für den Tag brauchst, ließ sich die Stimme der Yogatrainerin in ihrem Kopf vernehmen.

Marla atmete tief durch die Nase ein und durch den geöffneten Mund wieder aus. Das wiederholte sie zwei weitere Male. — Besser.

Nun schenke dir ein Lächeln und bedanke dich bei dir.

Ein kurzes Verziehen der Mundwinkel. Das musste reichen.

 

Nach einem weiteren Kilometer verließ sie gegen halb acht den Ring und bog in die Waldstraße ein.

Auch das noch! Vor ihr überquerte ein Demonstrationszug junger Leute die Straße offenbar auf dem Weg zum Marktplatz. Sie trugen Transparente, auf denen Marla Eine Erde und Hitze-Sommer 2022 — Das ist nur der Anfang erkennen konnte. Klimaaktivisten. Sofort hatte sie Toms Stimme im Ohr: Bei aller Liebe! Wir müssen etwas tun, gar keine Frage. Aber diese Aggressivität, die sie teilweise an den Tag legen. Das hättest du heute mal erleben müssen!

 

Er war kurz vor den Ferien nach dem Sommerfest seiner Schule nach Hause gekommen und hatte entnervt von einer Aktion junger Leute erzählt. Diese hatten offenbar vorgehabt, ein großes Transparent am Schulgebäude aufzuspannen, um auf den Klimawandel und dessen Folgen aufmerksam zu machen. Tom hatte sich leider provozieren lassen und war in eine sehr hitzige Diskussion verwickelt worden, in deren Verlauf er von den Aktivisten als Spießer lächerlich gemacht worden war. Sehr unangenehm für ihn, das wusste sie. Tom war extrem empfindlich, wenn sein Image als engagierter und beliebter Lehrer angekratzt wurde. Wenn das dann noch vor den Augen der versammelten Schulgemeinschaft passierte, konnte er schon recht emotional reagieren. Er ließ sich bedeutend lieber anhimmeln als bloßstellen.

 

Sie selbst unterstützte das Anliegen der Klimaaktivisten grundsätzlich — wie auch nicht! Doch gerade jetzt passte dieser erzwungene Halt nicht in ihren Zeitplan. Auf das freundliche Dankeswinken einer der Aktivistinnen reagierte sie mit einem kurzen Aufblenden und startete den Motor wieder.

Nachdem die Demonstranten die Straße freigemacht hatten, waren es auf der Platanenallee nur noch wenige Meter und sie fuhr rechts auf den Parkplatz des Präsidiums.

 

Es standen bereits einige private Fahrzeuge der Kolleginnen und Kollegen dort. Marla sah auch das Fahrrad von Kriminalkommissar David Weidel in dem Fahrradständer neben dem Haupteingang des viergeschossigen roten Backsteingebäudes.

Ihr Puls beschleunigte sich. Sie lief an zwei alten Kastanienbäumen vorbei, nahm zwei Stufen gleichzeitig zum Haupteingang hinauf und stieß im Eingangsbereich mit einer korpulenten, mittelgroßen Endfünfzigerin zusammen, die ihren Schlüsselchip gerade vor das Display hielt.

»Um Himmels willen, Frau Kasparek! Ich schätze es, wenn meine Mitarbeiter motiviert zur Arbeit erscheinen, aber sollten Sie Ihren Dienst nach Ihrem Urlaub nicht etwas entspannter angehen?«

Marla mochte ihre Vorgesetzte, die Leitende Kriminaldirektorin Dr. Katharina Weber, denn sie meinte jedes Wort so, wie sie es sagte.

Doch in diesem Moment stand sie unter Strom. Sie hob die Hände. »Entschuldigen Sie, Frau Dr. Weber. Sie haben recht. Herr Weidel hat mir vorhin allerdings eine Nachricht geschickt mit der Bitte, möglichst schnell zu kommen. Haben Sie eine Ahnung, worum es geht?«

»Das habe ich tatsächlich nicht.« Auf Frau Dr. Webers Stirn bildete sich eine Falte. Informieren Sie mich bitte umgehend, sobald Sie mehr wissen, Frau Kasparek.«

Energisch setzte die Kriminaldirektorin sich in Richtung des Fahrstuhls in Bewegung und die farbenfrohe Tunika schwang um ihre Hüfte, begleitet von einem Hauch aus Parfum- und leichtem Schweißgeruch. Die Klimaaktivisten hatten recht. Dieser Sommer war definitiv heiß!

Marla ließ ihre Vorgesetzte den Fahrstuhl betreten und folgte ihr in die stickige Kabine. Puh!

 

Kurz darauf trat sie aus dem Aufzug in der zweiten Etage, in der sich die Kriminalinspektion 1 befand. Es roch wie immer. Der muffige Geruch eines deutschen Behördenflurs ließ Marla die Seeluft endgültig vergessen.

Sie sah Michaels lange Gestalt über den Flur hasten. Auch er wirkte angespannt.

»Michael! Du bist auch schon hier?«

»Marla, gut, dass du kommst. Das musst du dir ansehen!«

Er bedeutete ihr mit einer Handbewegung, ihm in eines der Büros zu folgen. Marla eilte ihm nach in das Gemeinschaftsbüro, dessen Namensschild am Türrahmen KK David Weidel und KK Isabel Becker auswies.

 

Ein großer, durchtrainierter Mann Mitte dreißig mit kurz geschnittenen rötlichen Haaren und langen Koteletten blickte von einem Bildschirm auf.

»Zeig es ihr, David!« Michael war neben den Kollegen getreten und nickte ihm auffordernd zu.

»Marla, dieses Bildmaterial wurde der Poststelle des Präsidiums heute früh zugeleitet.« David Weidels Hand griff nach der Maus.

Marla trat an seinen Schreibtisch und richtete den Blick auf den Monitor.

David klickte zweimal mit der Maus und der spiralförmige Bildschirmschoner verschwand. Sie warf noch einmal einen kurzen Blick auf das gerötete Gesicht ihres jüngeren Kollegen. Er wirkte nervös.

Dann konzentrierte sie sich wieder auf den Screen.

 

Eine Hand mit einem Stein.

»Bitte! Bitte! Nicht!!«

»Nein!!!«

 

3

 

Der flehende Schrei fuhr Marla durch Mark und Bein.

»Wann wurde das Video aufgenommen?«

»Letzte Nacht. — Die Aufzeichnung beginnt um dreiundzwanzig Uhr sechsundzwanzig.«

»Gibt es Informationen zum Absender der Nachricht?«

»Die Nachricht wurde heute Morgen von einem Rechner des Netzwerkes gesendet.«

Marla hob die Augenbrauen.

»Das Internetcafé in der Markstraße«, erklärte David.

»So früh haben die schon geöffnet?«

»Tja, Marla, das Internet hat vierundzwanzig Stunden geöffnet. Menschen haben anscheinend Tag und Nacht das Bedürfnis, sich in der Online-Welt aufzuhalten«, bemerkte Michael, und ihr entging nicht der bittere Unterton. »Kommunikationsmöglichkeiten sind weder räumlich noch zeitlich eingeschränkt. Und du bist immer erreichbar, ob du es willst oder nicht. Du kannst ihm nicht entfliehen.«

»Irgendwelche Vermisstenmeldungen?« Sie konnte Michaels angespannte Stimmung zum Teil nachvollziehen, doch eine Grundsatzdiskussion über die digitale Welt half hier jetzt nicht weiter.

»Es liegen bisher keine Meldungen vor, die in einem Zusammenhang zu diesem Bildmaterial stehen könnten. Weder Körperverletzung noch Tötungsdelikt. Auch keine aktuellen Vermisstenanzeigen von Frauen oder Mädchen. Die bundesweite Vermisstendatenbank wird bereits geprüft«, erwiderte Michael nun wieder in sachlichem Ton.

Marla hob den Daumen und nickte. Gut, so brauchte sie ihn.

»Die Frage ist: Hat hier tatsächlich ein Gewaltverbrechen stattgefunden oder wurde uns ein Fake-Video geschickt?«

David war ebenso beunruhigt wie sie, das war ihm deutlich anzumerken. »Wenn ich das nur wüsste! Ich hoffe sehr, dass die IT-Kollegen bald etwas liefern können. Ich habe es schon zig-mal angesehen.«

»Dann spiel es …«

Michaels Bass unterbrach sie: »Das ist noch nicht alles.«

Marlas Schultern verspannten sich. »Sondern?«

David klickte auf eine weitere Bilddatei und sie konnte ein Stück heller Haut vor einem dunklen Hintergrund erkennen. Verdammt, was sahen sie sich da gerade an?!

David öffnete zwei weitere Fotodateien: Auf dem ersten Bild erkannte Marla einen von blutigen Kratzern übersäten Arm. Das zweite Bild zeigte die Hand einer offenbar weiblichen Person. Am Handgelenk war ein Lederarmband zu erkennen. Die Finger gruben sich in Erde. Einige vertrocknete Blätter waren unscharf auf dem Boden zu erkennen.

Dreiundzwanzig Uhr einundzwanzig. Kurz bevor der mögliche Täter den Stein zum Einsatz gebracht hatte. Sie mussten herausfinden, ob und wenn ja, was tatsächlich passiert war! Und sollte sich der Verdacht eines Gewaltverbrechens bestätigen, dann hoffte Marla inständig, dass die Frau, deren Schrei sie immer noch im Ohr hatte, lebte und sie sie rechtzeitig fanden.

»Wir müssen schnellstmöglich klären, ob es in der Nacht einen Überfall auf eine weibliche Person gegeben hat. Zudem sollen die IT-Kollegen die Kriminaltechnik hinzuziehen, um zu überprüfen, ob das Video oder die drei Bilddateien irgendwelche Hinweise auf den möglichen Tatort liefern können.«

Marlas Puls beschleunigte sich. Vielleicht konnten sie noch ein Menschenleben retten, wenn sie schnell genug handelten.

»Gab es zusätzlich zu den Dateien eine Botschaft? Irgendetwas Schriftliches?«

David hatte bereits zum Hörer gegriffen. »Nein, nichts. Nur diese drei Fotos und das Video.« Dann wählte er.

»Hi, habt ihr schon …« David hörte konzentriert zu. Marla sah, wie sich eine steile Falte zwischen seinen rotblonden Augenbrauen bildete. Er sah kurz zu ihr und Michael und nickte dann in Richtung des Hörers. »Okay. Ich danke dir. Meldet euch!«

Michael schob sich eine Tablette in den Mund und ließ dann ein unwilliges Brummen vernehmen. Marla schaute David ebenfalls auffordernd an.

Der trank einen Schluck aus einer Wasserflasche. »Die Kollegen gehen zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass der Videoinhalt eine echte Straftat zeigt.«

Okay, jetzt war es Zeit zu handeln.

»Michael, kontaktiere bitte noch einmal die Vermisstenstelle. Sie sollen die bislang noch ungeklärten Fälle weiblicher vermisster Personen der letzten drei Monate prüfen. Dabei sollen sie sich zuerst bitte auf Mädchen und Frauen bis circa Mitte dreißig konzentrieren. Die Stimme klang mir nach einer jüngeren Frau oder einem Mädchen.«

»Da ist noch etwas.« David erhob sich. »Die Kollegen sind sich nicht sicher. Aber einer meinte, im Hintergrund des Videos etwas erkannt zu haben.«

Michael, der bereits auf dem Weg aus dem Büro war, drehte sich abrupt um. »David, was hat er erkannt?!« Die Schärfe seiner Stimme ließ Marla kurz zusammenzucken.

»Der Kollege glaubt, dass er im Hintergrund zwischen den Bäumen einen größeren Stein mit einer Platte erkennen kann.«

»Das heißt?«, hakte Marla nach.

»Er ist der Meinung, dass sich der mögliche Tatort in unserem Stadtpark befinden könnte.«

»Der Gedenkstein für die Opfer der Nazi-Herrschaft!« Marla schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch und sprang ebenfalls auf. »David, informiere die Einsatzzentrale. Ein Einsatzwagen zum Stadtpark, Denkmal. Verdacht auf Körperverletzung oder Tötungsdelikt. Opfer noch nicht gefunden. Informiere die Streifenbeamten über die Bilddateien und gib ihnen den Kontakt des Kollegen aus der IT. Sie können mich jederzeit auf dem Handy erreichen.«

An Michael gewandt sagte sie: »Ich informiere Frau Dr. Weber. Kontaktiere mich umgehend, wenn es neue Erkenntnisse gibt. Und bitte in diesem Internetcafé um Informationen über die Kunden, die heute früh schon dort waren.«

 

*

 

Was war nur mit ihr los?

»Hey Issy, alles gut?«

Merkwürdig, was hatte sie nur? Seit Frau Ebinger ihre Hündin aus dem Fahrradanhänger gelassen hatte und in Richtung der Bäume gegangen war, lief diese hektisch einige Meter vor und kam dann wieder zu ihr zurück. Immer wieder das gleiche Spiel. Sie hatte die Ohren angelegt und wirkte sehr angespannt.

»Hey, was ist denn, Süße?«

Issy sah sie an und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Irgendetwas stimmte nicht. Üblicherweise lief ihr Mischling los, fing an zu schnuppern und suchte sich den besten Platz, um sich das erste Mal am Morgen zu erleichtern.

Heute nicht. Wieder trippelte sie los, blieb abrupt stehen und hob schnuppernd ihre Nase in den Wind.

Frau Ebingers Herzschlag beschleunigte sich und sie sah sich um. Wenn noch weitere Menschen die etwas kühlere Morgenstunde dazu nutzten, um im Stadtpark mit dem Hund zu gehen, würde sie das jetzt durchaus beruhigen. Doch sie war allein, die Wiese und Wege waren menschenleer. Außer dem Rascheln der Blätter im Wind und dem aufgeregten Hecheln ihrer kleinen Hündin konnte Frau Ebinger nichts hören. Keine Schritte durch das trockene Laub, keine Stimmen, nichts.

Komm, jetzt spinn' nicht!

Als sie sich wieder zu ihrer Hündin umdrehte, war diese verschwunden.

»Issy! Hierhin!«

Nichts.

»Issy!«

Angestrengt schaute sie den Weg entlang, auf dem ihre Hündin gerade noch hin- und hergelaufen war. Weg, sie war weg!

Mit einem Mal sah sie weiter entfernt in einem Gebüsch den buschigen Schwanz ihres Hundes. Er bewegte sich wild hin und her.

Irgendetwas hatte sie da wieder entdeckt!

 

*

 

Du liegst so still da. Als ob du schlafen würdest. Kannst du mich noch wahrnehmen? Du bist so blass! Hey, hörst du mich? Wenn ich es nur ungeschehen machen könnte! Wenn ich dich nur zurückholen könnte!

 

*

 

Isabel blickte sich im Eingangsbereich des Präsidiums um, während sie auf den Aufzug wartete. Sie sah einen Mann mit einer Frau, — beide sicher mindestens Mitte fünfzig ihrer Schätzung nach — das Gebäude betreten. Der großgewachsene Mann hielt der deutlich kleineren Frau die Tür auf, dann blieben sie unsicher um sich blickend stehen. Isabel war sich sicher: Diese beiden hatten bisher in ihrem Leben wenig oder gar keinen Kontakt mit der Polizei gehabt. Das Paar schaute sich noch einmal an und dann gingen sie auf den Glaskasten zu, in dem sich die Information befand.

Während Isabel den Aufzug betrat, hörte sie die unsicher klingende Stimme der Frau: »Wir möchten eine Vermisstenanzeige aufgeben.«

 

»Hi, Isa.« David sah nur kurz auf, als sie das gemeinsame Büro betrat. Na? Was war denn mit dem los?

»Hi, David. Alles klar?«

Er schüttelte nur den Kopf und guckte weiter konzentriert auf den Bildschirm. Merkwürdig.

Isabel stellte die Tasche auf ihren Tisch und schaltete ihren Laptop ein, bevor sie zu Davids Schreibtisch gegenüber ging. Was sah er sich da an?

David schob seinen Laptop wortlos in ihre Richtung. Das Wimmern und der darauf folgende Schrei, die aus den Lautsprechern klangen, ließen sie zusammenzucken.

 

*

 

Der Streifenwagen bog um kurz vor acht auf den schmalen asphaltierten Weg ein, der auf den Parkplatz des idyllischen Fachwerkgebäudes, eines frisch restaurierten Restaurants führte. Der Parkplatz war leer, da das Restaurant erst um zwölf Uhr seine Türen öffnen würde. Steffi Seibert lenkte den Wagen an der Restaurantterrasse vorbei und weiter in den Wald des Stadtparks hinein. Durch das geöffnete Fenster drang der Geruch von trockenem Laub in das warme Wageninnere, ein Vorbote des Herbstes.

Ihr Kollege Peter Torndorf hatte gerade das dritte Mal das Video auf dem Diensthandy angesehen.

»Furchtbar! Das ist einfach krank!«

»Wohl wahr! Hoffen wir mal, dass das ein Scherzkeks war und wir nicht fündig werden.« Steffi Seibert fuhr sich mit einer Hand über das zusammengebundene Haar und atmete tief aus.

»Wenn das von einem Scherzkeks stammt, dann ist der auch krank! Ein abartiger Humor wäre das! — Mach langsamer.« Peter inspizierte den Boden und das Gras unterhalb der Büsche. »Wir sollten da vorne halten und das letzte Stück zum Denkmal zu Fuß gehen.« Er deutete auf eine kleine Lichtung.

Steffi fuhr darauf zu und hielt den Wagen an. Sie stiegen aus und sahen sich um. Trotz des Schattens der Bäume ließ die Hitze eines weiteren heißen Sommertages ihr die Uniform am Leib kleben. Außer den Vögeln und einem leichten Wind in den Blättern konnten sie weder etwas hören noch sehen.

Dann hörte sie einen lauten Ruf. »Hierhin! Issy! Hierhin!«

Die Frauenstimme kam aus Richtung des Denkmals.

»Issy, Himmel noch mal, jetzt …« Die Stimme ließ den Satz unvollendet.

»O Gott! Weg da Issy, weg!«

Steffi lief los und hörte Peter hinter sich her schnaufen.

»Hilfe! Hilfe!«

Steffi sah eine Frau auf sich zu laufen, die aufgebracht einen kleinen Mischlingshund hinter sich herzog.

»Meine Hündin … sie hat … da hinten!« Die Hundebesitzerin gestikulierte mit ihrem Arm in Richtung eines Gebüschs. Sie hatte Mühe, Luft zu holen.

Peter nickte Steffi kurz zu und lief dann auf das Gebüsch zu, das nicht weit von dem Denkmalstein entfernt war, in dessen Umgebung sie sich besonders umsehen sollten.

Steffi wandte sich der Frau zu. Diese atmete stakkatoartig ein und aus und Steffi drängte sich unwillkürlich ein Vergleich zwischen Frau und Hund auf. Beide standen hechelnd vor ihr und Steffi befürchtete, dass die Frau kurz davor war, zu hyperventilieren. Beruhigend legte sie ihr die Hand auf den Arm.

»Da ist etwas! Eine Hand, ich glaub' eine Hand, ich …« die Frau sprach und wurde leichenblass, als sie realisierte, was sie in dem Gebüsch in der Nähe des Denkmals zur Erinnerung der Opfer der Nazi-Herrschaft entdeckt hatte.

 

 

4

 

»Tamara macht in der Kita an derTeichsmühle ihre Ausbildung zur Erzieherin.«

Michael konnte die Frau mit den blonden kurzen Locken kaum verstehen, so leise hatte sie gesprochen.

Als der Kollege von der Anmeldung eine neue Vermisstenanzeige gemeldet hatte, hatte Michael Steinhoff sofort übernommen.

Herr und Frau Wienhold waren voller Sorge und konnten ihre Angst kaum verbergen. Ihre Tochter Tamara war bis zum Morgen nicht nach Hause gekommen und sie hatten zudem keinerlei Nachricht von ihr erhalten. Das war extrem ungewöhnlich, wie sie Michael gerade versichert hatten. Auch auf seinen Hinweis, dass es bei einer zwanzigjährigen jungen Frau doch sicher vorkommen könne, dass sie nicht zu Hause übernachte, schüttelten beide heftig den Kopf.

»Tamara ist nicht so. Sie ist sehr selbstständig — bestimmt. Aber wir können uns hundertprozentig auf sie verlassen. Eine Nachricht schickt sie uns immer, wenn sie zum Beispiel bei Alex übernachtet«, betonte Gero Wienhold, dem die Sorge um sein einziges Kind tiefe Falten ins Gesicht gegraben hatte.

»Ich nehme an, Sie haben versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen?«

»Immer wieder. Wir haben zig Nachrichten geschrieben und versucht, sie anzurufen, aber …« Iris Wienhold versagte die Stimme.

»Ihr Handy ist ausgeschaltet. Die letzte Nachricht, die sie noch gelesen hat, ist von gestern Abend.« Herr Wienhold hielt Michael sein Handy entgegen.

 

17. Juli

Dann lass deinen Geburtstag noch schön ausklingen ;-). 21:59

 

Dies war die letzte Mitteilung des Vaters, die noch eine Lesebestätigung anzeigte. Die vier nachfolgenden Nachrichten von Herrn Wienhold an seine Tochter vom heutigen Morgen wiesen nur noch einen grauen Haken auf. Tamara hatte sie nicht mehr erhalten.

»Sie haben gerade einen Alex erwähnt?« Michael sprach in ruhigem Tonfall, ließ beide dabei jedoch nicht aus den Augen.

»Der Alex, das ist ihr Freund. Alex Lanter. Der wohnt auch hier in Wiedenberg. Mit ihm wollte Tammy sich gestern noch treffen, nach dem Auftritt mit ihrer Gruppe auf der Kirmes. Die Kindertanzgruppe aus der Kita.«

Die Mutter sprach schnell und hatte Schwierigkeiten, zwischen den einzelnen Sätzen Luft zu holen.

»Sie wollten noch Tammys Geburtstag feiern. Sie ist doch zwanzig geworden gestern. Alle Kinder der Kita haben ihr auf der Bühne gratuliert und ein Lied gesungen.«

Michael bemerkte eine Träne, die langsam ihre Wange herunterrollte. »Selbst gemalte Bilder haben sie ihr geschenkt. Stellen Sie sich vor.«

»Möchten Sie einen Schluck trinken?« Er erhob sich. »Sie auch?«

Herr Wienhold nickte und Michael stellte den Eltern zwei mit Wasser gefüllte Gläser auf den Tisch.

Er atmete einmal tief durch. Nun musste er sehr behutsam vorgehen.

»Frau Wienhold, Herr Wienhold, ich möchte Ihnen gern etwas zeigen.«

Herr Wienhold stellte das Glas mit zitternder Hand auf den Tisch, ohne davon zu trinken. Seine Frau hielt ihres so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Beide starrten Michael an.

Da schüttelte Frau Wienhold abrupt mehrmals den Kopf. »Nein!«

»Iris, geh raus. Ich mach das.« Leise, aber bestimmt klang die Stimme ihres Mannes, als er ihr die Hand auf den Arm legte.

Wieder schüttelte seine Frau den Kopf. »Nein, ich bleibe.«

Jetzt nahm Herr Wienhold nervös sein Handy in die Hand und schaute darauf. Ein Vater, der hoffte, dass sein Kind sich doch endlich gemeldet und dieser Albtraum ein Ende hätte. Verzweifelt blickte er wieder auf, schaute kurz zu seiner Frau und nickte dann Michael zu.

Gut. Er drehte seinen Laptop so, dass die Eltern von Tamara Wienhold auf den Bildschirm sehen konnten. Beide starrten auf die helle Haut und zeigten keine Regung. Als der verletzte Arm auf dem Bildschirm erschien, hörte Michael sie schwer atmen und beim Anblick der Hand mit einem geflochtenen Lederarmband um das Gelenk drang ein schmerzvolles Aufschluchzen aus Herrn Wienholds Brust. Als schließlich das Flehen der jungen weiblichen Stimme aus dem Lautsprecher drang, schrie Frau Wienhold auf.

 

*

 

Mit wachsendem Unbehagen hatte Isabel Davids Bericht angehört und sofort an das Paar an der Information gedacht.

»Da sind vorhin zwei …«

David nickte. »Michael nimmt die Anzeige auf.«

Isabel wollte sich gerade an ihren Schreibtisch setzen, als Marla die Tür ihres Büros aufstieß. »Leblose Person im Stadtpark, Denkmal Opfer Nazi-Herrschaft. Isabel, übernimm bitte das Ehepaar von Michael und kontaktiere das Team der Opferschutzbeauftragten. David, informiere bitte die Kriminaltechnik und die IT-Kollegen. Michael und ich fahren zum Stadtpark.«

 

*

 

Marla sah die blauen Lichter des Notarztwagens und des Rettungswagens bereits von Weitem durch die Bäume und Büsche blinken. Zwei Streifenwagen standen am Rand der großen Lichtung zwischen Restaurant und Denkmal. Drei Kollegen waren damit beschäftigt, neugierige Spaziergänger davon abzuhalten, die Arbeiten am Einsatzort zu behindern. Marla zog die Handbremse mit einem Ruck fest. Es war immer das Gleiche!

Sie sah auf ihre Uhr. Es war zwanzig Minuten vor neun, mehr als acht Stunden, nachdem das Video aufgenommen worden war.

 

Michael war schneller aus dem Wagen herausgesprungen als sie, hatte sich die blauen Überzieher über die Lederschuhe gezogen und lief bereits auf die Hortensienbüsche zu, die um das Denkmal herum gepflanzt worden waren. Sie hatte auf der Fahrt seine starke Anspannung gespürt. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet, die sicher nicht auf die schnell steigenden Temperaturen zurückzuführen waren. Immer wieder hatte sie zu ihm hinübergesehen.

»Die Eltern?«

Er hatte nur genickt.

 

Sie kannte Michael als souveränen und besonnenen Kollegen, der in all seinen Dienstjahren als Kriminalkommissar und später als Kriminalhauptkommissar eine Menge an menschlichem Leid gesehen hatte. »Mein Körper meldet mir das mittlerweile mehr als deutlich zurück. Die Magenschleimhaut möchte nicht noch mehr Stress verarbeiten müssen«, hatte er ihr einmal gesagt. So hatte er vor etwa zwei Jahren schließlich entschieden, die neu zu besetzende Leitung der Inspektion 1 trotz seiner Anzahl an Dienstjahren nicht zu übernehmen. Und dies, obwohl Frau Dr. Weber, die Michael seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Polizeihochschule kannte, zunächst ihn für die Stelle vorgeschlagen hatte. »Marla, du bist die Richtige für den Job. Ich bin da und ich werde dich unterstützen. Das weißt du und darauf kannst du dich immer verlassen«, hatte Michael damals zu ihr gesagt.

Und so war es. Er besaß mit seiner stattlichen Figur, seiner tiefen Stimme und dem grau-blonden Vollbart eine väterliche Ausstrahlung. Eine Qualität, die ausnahmslos alle Kolleginnen und Kollegen neben seiner großen Erfahrung an ihm sehr schätzten.

 

Nur selten hatte sie ihn so angefasst erlebt wie jetzt, als sie seiner hochgewachsenen Gestalt über den schmalen, unebenen Pfad zum Denkmalstein hinterherhastete.

Marla ahnte, dass er an Nele und Fynn dachte und was es für ihn und Vera bedeuten würde, wenn ihrer Tochter oder ihrem Sohn etwas geschehen würde. Nele und Fynn waren mit zweiundzwanzig und neunzehn beide ungefähr im Alter von Tamara Wienhold.

Kurz tauchte das Bild der Eltern Tamaras vor ihrem inneren Auge auf. Sie hatte in Michaels Büro zwei zutiefst verängstigte Menschen gesehen, die nun darauf warten mussten, was und vor allem wen Marla und ihre Kollegen am Einsatzort vorfinden würden.

Verdammt! Sie konnte sich gerade noch mit einer Hand an einem Baumstamm abfangen. Fast wäre sie über eine Wurzel gestolpert, die sie unter dem trockenen Laub nicht gesehen hatte. Frau Marla, Frau Marla, Achtsamkeit sieht aber anders aus. Warum drängte sich ausgerechnet jetzt Toms spöttische Stimme in ihren Kopf? Sie rieb sich ihr schmerzendes Handgelenk und eilte Michael hinterher.

Der war bereits unter dem rot-weißen Absperrband hindurch zu dem Kollegen des Streifenwagens getreten, der zuerst vor Ort gewesen war.

Marla folgte ihm und hob kurz die Hand zum Gruß. »Peter.«

»Eine leblose weibliche Person. Schwere Kopfverletzung.« Peter Torndorf wies in die Richtung des Notarztes und der Rettungssanitäter, die um einen regungslos im Gras liegenden Körper bemüht waren. Ein schlanker, groß gewachsener Mittfünfziger in einem weißen Schutzanzug war ebenfalls über den Körper gebeugt. Dr. DD — wie der leitende Rechtsmediziner Dr. Dieter Dorfner hinter vorgehaltener Hand gern bezeichnet wurde, — war also ebenfalls bereits vor Ort. Sehr gut. Er hob kurz den Kopf und sah in ihre Richtung. Er ignorierte jedoch Marlas kurzen Gruß mit der Hand und konzentrierte sich wieder auf die Person im Gras. Nun, was hatte sie anderes erwartet.

»Der Notarzt kann Vitalfunktionen erster Ordnung feststellen, allerdings kein Hinweis auf eine Hirnfunktion. Identifikation noch nicht möglich: keinerlei Papiere, kein Mobiltelefon, keine Tasche.«

Noch einmal gingen Marlas Gedanken zu den Wienholds. Ist es möglicherweise doch nicht eure Tochter?

Sie schaute zu seiner Kollegin Steffi Seibert hinüber, die im Gespräch mit einer etwa ein Meter sechzig großen Frau mit kurz geschnittenen dunklen Haaren war. Die Frau hielt krampfhaft eine Leine in der rechten Hand und fixierte einen Punkt neben einem kleinen Hund zu ihren Füßen. Dann hob sie den Kopf und starrte zu dem Absperrband hinüber. Steffi Seibert sprach beruhigend auf sie ein.

»Das ist Frau Ebinger. Ihr Hund hat das Opfer gefunden.«

»Danke, Peter.«

Marla wandte sich zum Gehen.

»Noch was, Marla.«

Sie hielt mitten im Schritt inne.

»Das Opfer lag zugedeckt unter Zweigen und Blättern, sodass es von Spaziergängern beim Vorübergehen nicht bemerkt werden konnte.«

Das würde sie sich auf den Fotos später ansehen. Sie nickte und ging dann auf die Gruppe zu, die sich um den Notarzt gebildet hatte.

Michael atmete dicht hinter ihr scharf ein.

In der Luft lag der metallene Geruch von Blut, der den Duft der Hortensien überlagerte. Blut, das nicht nur das Erdreich vor dem Denkmalstein mit der Bronzeplatte tränkte. Der Kopf der Gestalt auf der Trage, vielmehr das, was noch als solcher zu erkennen war, war fast schwarz von geronnenem Blut. Immer wieder musste ein Sanitäter die Fliegen verjagen. Den blutigen Arm, an dessen Handgelenk ein braunes, geflochtenes Lederarmband befestigt war, legte der Notarzt gerade behutsam neben den geschundenen Körper auf die Trage. Einer der Rettungssanitäter deckte das Opfer zu, woraufhin die junge Frau in den Wagen geschoben wurde.

 

Auch wenn eine eindeutige Identifikation zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich war, so war sich Marla sicher: Sie hatten hier die junge Frau aus dem Video gefunden. Ein Mensch, der vor wenigen Stunden um sein Leben gefleht hatte, dies jedoch möglicherweise nun zu spät war.

Marla strich sich die widerspenstige Strähne hinters Ohr, die ihr sofort wieder ins Gesicht fiel. Wer hat dir das nur angetan? Weshalb wollte man dein Leben zerstören?

Marla sah zu dem Rettungswagen hinüber. Michaels tiefe Stimme ließ sie jedoch herumfahren.

»Wienholds haben das Armband in dem Video identifiziert.« Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und blickte dann dem davonrasenden Rettungswagen nach. »Sie haben es ihrer Tochter gestern als Beigabe zu einer Handtasche zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt.«

»Frau Kasparek?«

Der Ruf ließ beide herumfahren. Eine Mitarbeiterin der Kriminaltechnik bedeutete ihnen mit einem Winken, zu ihr zu kommen. Sie stand etwa zehn Meter von dem Denkmalstein entfernt vor einem Rhododendron.

»In der Mitte des Strauches hängt etwas.«

Marla folgte ihrem ausgestreckten Arm und nickte der Frau dann zu. Diese langte vorsichtig durch die Zweige des Strauches hindurch, bis sie den Gegenstand zu fassen bekam. Vorsichtig zog sie, doch ein daran befestigter schmaler Riemen blieb an einem dickeren Zweig hängen. Die Beamtin löste den Riemen und hielt kurz darauf Marla und Michael eine kleine, braune Handtasche entgegen.

Michael hatte sich bereits seine Einmalhandschuhe angezogen, nahm die Tasche, öffnete sie und griff hinein. Er zog einen Personalausweis heraus und sein Gesicht verdunkelte sich.

»Es ist Tamara Wienhold.«

Marla nickte.

Der Albtraum der Eltern hatte gerade erst begonnen.

 

*

 

Gegen halb elf saß Michael mit Marla und David im Besprechungsraum in der zweiten Etage des Präsidiums. Auf dem runden Tisch standen Kaffeetassen und ein unberührter Teller mit belegten Brötchen aus der Kantine. Keiner verspürte Hunger, geschweige denn Appetit, obwohl die Brötchen verführerisch dufteten. In die Mitte des Tisches hatte er eines der Fotos von Tamara gelegt, die ihre Eltern am Morgen mitgebracht hatten.

Es war vor wenigen Wochen am Tag der offenen Tür in der Kita an der Teichsmühle aufgenommen worden und zeigte eine junge, etwas kräftigere Frau um einen Meter sechzig inmitten einer Gruppe von Kindern sitzend. Sie trug ein pinkfarbenes Einhorn aus Pappe auf ihren blonden kurzen Locken und verzog das sommersprossige Gesicht zu einer lustigen Grimasse. Ein kleiner Junge, der auf ihrem Schoß saß, drückte mit seinem Zeigefinger ihre Stupsnase platt und lachte sie an.

Michaels Magenschleimhaut zog sich erneut schmerzhaft zusammen, als er an das Gespräch mit den Eltern der schwer verletzten jungen Frau dachte, deren Foto er nun betrachtete.

 

»Tamara liebt Kinder. Schon als Kind hat sie gesagt: ›Papa, ich möchte, wenn ich groß bin, auch im Kindergarten arbeiten. Wie die Christiane.‹ Die Kinder und die Kollegen mögen sie alle.«

Frau Wienhold hatte mehrmals genickt, so als ob sie die Beschreibung ihres Kindes bestätigen wollte. »Sie kann gut mit Menschen umgehen, egal wie alt die sind.«

Auf seine Frage, ob sie auch privat etwas mit Kollegen aus der Kita unternehme und möglicherweise gestern Abend nach der Tanzvorstellung verabredet war, hatten beide die Schultern gehoben.

»Möglich«, hatte Herr Wienhold geantwortet. »Sie kam auch privat ganz gut mit einem Kollegen aus dem Team aus. Er macht mit ihr die Ausbildung zum Erzieher und ist wie unsere Tamara im letzten Ausbildungsjahr. Aber mit wem sie alles gestern unterwegs war …« Noch einmal hatte er die Schultern gehoben.

»Wissen Sie, wie der junge Mann heißt?«

Frau Wienhold hatte den Kopf geschüttelt. »Sie erzählt immer von so vielen verschiedenen Menschen, wenn sie nach Hause kommt. Schon allein die vielen Kinder! Die Namen kann man sich gar nicht alle merken.«

»Ich denke, sie wollte sich noch mit Alex treffen«, hatte Tamaras Vater eingewandt.

 

»Lässt du uns an deinen Gedanken teilhaben?« Michael schaute auf und begegnete Marlas erwartungsvollem Blick.

»Wir müssen möglichst schnell prüfen, wer gestern auf der Leopold-Kirmes und gegebenenfalls danach noch Kontakt mit Tamara hatte.« Er kratze sich sein Kinn. Bei der Wärme juckte sein Bart erbärmlich. »Die Eltern konnten da bislang nicht weiterhelfen.«

Daraufhin wandte Marla sich David zu. »Gibt es Neues von Tamaras Mobiltelefon?«

David schüttelte den Kopf. »Weder ist es am Tatort gefunden worden, noch ist bisher eine Ortung möglich gewesen.«

Michael sah zur Wand an der Längsseite des Raumes. An einer großen weißen Tafel hingen weitere Fotos. Diese stammten allerdings vom Tatort und dokumentierten auf grausame Weise, was ein bislang unbekannter Täter dieser jungen und lebensfrohen Frau angetan hatte.

Über die Fotos hatte Marla Soko Denkmal geschrieben.

Diese drei Aufnahmen der Tat und dazu noch das Video! Was hatte den Täter dazu bewegt, seine Tat aufzunehmen? Und warum verdammt noch mal hatte er diese Aufnahmen dann noch verschickt?

»Michael, was ist mit dem Internetladen?! So viele Leute werden heute früh nicht dort gewesen sein. Was hast du in Erfahrung bringen können?«

Marlas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr, dass sie nicht zu viel erwarten durfte. »Genau genommen waren nur zwei Gäste in dem Laden zwischen fünf und sechs Uhr heute Morgen. Der Typ, der dort arbeitet, schien mir jedoch eher körperlich anwesend zu sein. Ziemlich verschlafen und verliebt in sein Mobiltelefon, wenn du mich fragst. ›Der eine ist immer hier. Der andere war das erste Mal hier, glaub ich. Kannte ich nicht.‹ Auf meine Frage, wie alt der Mann ungefähr war, wie er aussah, sagte er: ›Groß, glaub ich. Hat bar bezahlt. Mehr weiß ich nicht. Hatte zu tun.‹ Daran hatte ich meine Zweifel, aber mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Tut mir leid, Marla.«

 

Immer wieder gingen auch Marlas und Davids Blicke zum Telefon. Nichts. Keine weitere Nachricht von Isabel. Die Stimmung war angespannt. Michael wischte sich die verschwitzten Hände an der Hose ab. Die Zeit verstrich und das Telefon blieb stumm!

 

18. Juli

CT fertig, jetzt OP, Überlebenschancen unklar 10:13

 

Dies war alles, was sie von Isa erhalten hatten.

 

Marla hatte Isabel in die städtische Klinik beordert, in die Tamara Wienhold eingeliefert worden war. Sie hatte Gero und Iris Wienhold gemeinsam mit einer Opferschutzbeamtin dorthin begleitet. Beide hatten sich schlichtweg geweigert, zuerst ärztliche Betreuung anzunehmen. Das Einzige, was die erschütterten Eltern noch vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt hatte, war das drängende Bedürfnis, so schnell wie möglich zu ihrem Kind zu kommen. Michael konnte sie nur allzu gut verstehen.

Der Mensch war in der Lage, viel auszuhalten, das wusste er. Auch der Schock ermöglichte Angehörigen — zumindest noch eine Weile — zu funktionieren. Und die Liebe von Eltern schließlich konnte so stark sein, dass sie schier Unmenschliches zu ertragen half, solange es noch einen winzigen Funken Hoffnung für das eigene Kind gab. Die Psyche kann eine Menge ertragbar machen, wenn es ihr gelingt, den Verstand zu überlisten. Niemals würden Tamaras Eltern ihre Tochter jetzt allein lassen wollen.

Wieder wanderte sein Blick zum Telefon. Welche Informationen hatten Wienholds inzwischen? Hatten sie ihre Tochter noch gesehen, bevor diese vor circa einer Stunde in den Operationssaal geschoben worden war? Michaels Magen zog sich zusammen. Er hoffte inständig, dass dies nicht der Fall war. Die schweren Verletzungen Tamaras, verursacht durch brutale Gewalt, waren kein schöner Anblick gewesen, — auch für so einen erfahrenen Polizisten wie ihn nicht. Welche Auswirkungen diese Verletzungen für die angehende Erzieherin hatten, konnte er zum jetzigen Zeitpunkt nicht einschätzen.

 

Die zentrale Frage jedoch war: Würde Tamara Wienhold überleben? Und wenn sie überlebte — Michael blickte noch einmal in die lachenden Augen auf dem Foto vor ihm — würde sie ihnen sagen können, wer ihr das angetan hatte?

 

5

 

Ich habe Angst. Nicht zu wissen, was mit dir passiert. Nicht zu wissen, wie es dir jetzt geht. Das ist schwer zu ertragen. Ich möchte dir so gerne helfen, aber ich kann es nicht. Das zerreißt mich. Welche Schmerzen musst du ertragen? Wenn ich sie dir doch nur abnehmen könnte! Wie viel größer müssen sie sein als das, was ich fühle.

 

*

 

Der Geruch von Desinfektionsmitteln überlagerte selbst den Essensduft des Mittagessens, das bereits am Vormittag in der Luft hing. Isabel sah zum Fenster hinaus und schaute in den Park der Klinik. Aufgrund der andauernden Hitze war der Rasen trotz des eingeschalteten Rasensprengers teilweise verbrannt. Einige braune Blätter wurden von dem Sommerwind über eine Blumenrabatte geweht und blieben zwischen den Stauden hängen. Mehrere Patienten spazierten unterhalb der Bäume über die Wege, saßen in deren Schatten auf Bänken, unterhielten sich oder genossen mit geschlossenen Augen die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht.

Eine friedliche Stimmung. Kranke Menschen, das war ihr bewusst. Doch sie waren in der Lage, die Schönheit des Sommermorgens wahrzunehmen und wahrscheinlich sogar zu genießen. Vielleicht hatten sie noch Schmerzen und vielleicht standen ihnen noch unangenehme Behandlungen bevor. Doch sie würden gesund werden, sie würden leben. Sie würden zu ihren Familien, zu ihren Partnern und Freunden zurückkehren können.

Und Tamara? Ihre Gedanken wanderten zu der jungen Frau, um deren Leben die Ärzte nun im Operationssaal kämpften und dann weiter zu dem Gespräch zwischen dem feinfühligen Arzt mit den Eltern vor etwa einer halben Stunde.

 

»Ihre Tochter hat ein schweres Schädelhirntrauma durch mehrfachen Schädelbruch erlitten. Durch eine der Frakturen wurde eine Arterie durchtrennt. Die Blutung aus der Arterie hat dazu geführt, dass sich ein epidurales Hämatom gebildet hat.«

Isabel hatte fragend die Augenbrauen hochgezogen. Herr und Frau Wienhold waren kaum zu einer Reaktion fähig gewesen, als der Arzt ihnen mit ruhiger Stimme die Ergebnisse der Computertomografie mitgeteilt hatte.

»Das bedeutet eine Blutansammlung zwischen der Hirnhautschicht und dem Schädel«, hatte der Arzt ergänzt, dessen Namensschild ihn als Dr. Rolfes Chefarzt auswies. »Ihre Tochter wird bereits für den OP vorbereitet.«

»Wird Tammy …« Herrn Wienhold war die Stimme versagt und seine Frage hatte unvollendet im Raum gehangen.

»Was machen Sie jetzt mit ihr?« Die Stimme seiner Frau war leise gewesen, ihre Hände hatten verkrampft in ihrem Schoß gelegen.

»Der Chirurg wird den Ursprung der Blutung suchen und sie stoppen. Vertrauen Sie uns. Wir tun alles, was möglich ist, um Ihrer Tochter zu helfen.«

»Was machen Sie jetzt mit Tamara?« Frau Wienhold hatte dann lauter gesprochen und dem Arzt in die Augen gesehen.

Dr. Rolfes hatte für einen Moment innegehalten und dann einen kurzen Blick mit Isabel gewechselt. Sie hatte ihm unmerklich zugenickt. Ihr war klar gewesen, die Eltern brauchten eine Antwort, irgendetwas, das ihnen das Gefühl gab, sie könnten etwas für ihr Kind tun. Und sie wollten Tamara nicht allein lassen. Sie mussten wissen, was mit ihr geschah.

»Der Chirurg wird Löcher in den Schädel bohren, sodass das überschüssige Blut ablaufen kann.« Prüfend hatte Dr. Rolfes die Eltern angesehen und Isabel bei dieser Beschreibung kurz die Luft angehalten.

Herr Wienhold hatte schließlich genickt. »Helfen Sie ihr! Bitte helfen Sie ihr!«

 

»Wie sind ihre Chancen?«, hatte Isabel den Arzt gefragt, nachdem Tamaras Eltern von der Opferschutzbeamtin in ein freies Krankenzimmer begleitet worden waren.

»Das können wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Die Patientin hat ein sehr schweres Schädelhirntrauma erlitten. Die Blutansammlung ist nach dem CT-Ergebnis enorm. Auch eine Schwellung des Gehirns ist noch möglich, was unter anderem zu Sauerstoffmangel und einer unzureichenden Durchblutung des Gehirns führen kann.«

»Doch sie könnte überleben?«

Erneut hatte der Mediziner sich Zeit genommen, bevor er ihre Frage beantwortet hatte.

»Schädelhirntraumata sind für etwa dreißig Prozent aller Todesfälle durch Verletzungen verantwortlich. Frau Wienholds Verletzungen sind gravierend. Und selbst wenn sie überleben sollte, so ist die Wahrscheinlichkeit einer bleibenden Beeinträchtigung sehr hoch.«

Das war zu befürchten gewesen und so hatte Isabel nachgehakt: »Was könnte das konkret bedeuten?«

»Die Patientin könnte eine Lähmung, Sprech- oder Sprachstörung entwickeln.« Ihr war sein Zögern nicht entgangen, bevor er weitergesprochen hatte. »Sie war jedoch bewusstlos, als sie gefunden wurde, und wir wissen nicht, wie lange dies bereits der Fall war.« Bedauernd hatte der Arzt die Schultern gehoben. »Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in ein tiefes Koma fallen wird, wenn sie überlebt, ist recht hoch.

---ENDE DER LESEPROBE---