Bridgerton - In Liebe, Ihre Eloise - Julia Quinn - E-Book

Bridgerton - In Liebe, Ihre Eloise E-Book

Julia Quinn

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Beschreibung

Die Inspiration zur Netfix-Serie!

Die Brieffreundschaft, die sich zwischen Eloise Bridgerton und Sir Phillip Crane entwickelt hat, bedeutet ihm viel. Seit seine Gattin einer schweren Krankheit erlag, sehnt er sich nach Gesellschaft. Überraschend geht eines Nachts sein Wunsch in Erfüllung, als eine Kutsche vorfährt und die Briefschreiberin aussteigt. Eloise ist bereit, auf die Avancen einzugehen, die er ihr in seinen Zeilen gemacht hat. Aber kaum hat er ihr einen ersten Kuss geraubt, erhält Phillip erneut Besuch: Eloises vier Brüder verlangen erbost, dass er ihre Schwester heiratet, jetzt, da er ihren guten Ruf in Gefahr gebracht hat ...

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Seitenzahl: 501

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Zum Buch

Die Brieffreundschaft, die sich zwischen Eloise Bridgerton und Sir Phillip­ Crane entwickelt hat, bedeutet ihm viel. Seit seine Gattin einer schweren Krankheit erlag, sehnt er sich nach Gesellschaft. Unverhofft geht eines Nachts sein Wunsch in Erfüllung, als eine Kutsche vorfährt und die Briefschreiberin aussteigt. Eloise ist bereit, auf die Avancen einzugehen, die er ihr in seinen Zeilen gemacht hat. Aber kaum hat er ihr einen ersten Kuss geraubt, erhält Phillip erneut Besuch: Eloises vier Brüder verlangen erbost, dass er ihre Schwester heiratet, jetzt, da er ihren guten Ruf in Gefahr gebracht hat … »Einfach herrlich, voller Charme, Humor und Esprit.« Kirkus Reviews

Zur Autorin

Julia Quinn wird als zeitgenössische Jane Austen bezeichnet. Sie studierte zunächst Kunstgeschichte an der Harvard Universität, ehe sie die Liebe zum Schreiben entdeckte. Ihre überaus erfolgreichen historischen Romane präsentieren den Zauber einer vergangenen Epoche und begeistern durch ihre warmherzigen, humorvollen Schilderungen.

Lieferbare Titel

Bridgerton – Der Duke und ich (Bridgerton 1) Bridgerton – Wie bezaubert man einen Viscount? (Bridgerton 2) Bridgerton – Wie verführt man einen Lord? (Bridgerton 3) Bridgerton – Penelopes pikantes Geheimnis (Bridgerton 4) Bridgerton – In Liebe, Ihre Eloise (Bridgerton 5) Bridgerton – Ein hinreißend verruchter Gentleman (Bridgerton 6) Rokesby – Der Earl mit den eisblauen Augen (Rokesby 1) Rokesby – Tollkühne Lügen, sinnliche Leidenschaft (Rokesby 2)

Die Originalausgaben erschienen 2003 und 2013 unter den TitelnTo Sir Phillip, With Love und To Sir Phillip, With Love: The 2nd Epilogue in:The Bridgertons: Happily Ever Afters bei AVON BOOKS, an imprint of HarperCollins Publishers, US.

© 2003 by Julie Cotler Pottinger © 2009 by Julie Cotler Pottinger Erweiterte Neuausgabe © 2021 für die deutschsprachige Ausgabe by HarperCollins in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg Published by arrangement with HarperCollins Publishers L.L.C., New York Covergestaltung von Birgit Tonn, Artwork Harlequin Coverabbildung von Jeff Cottenden, Siobhan Hooper, GSshot / GettyImages, mentalmind / shutterstock E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck ISBN E-Book 9783365000366www.harpercollins.de

Widmung

Für Stefanie und Randall Hargreaves.

Ihr habt uns euer Heim geöffnet,

ihr habt uns eure Stadt gezeigt,

ihr habt unsere Sachen gelagert,

und als wir ankamen,

hattet ihr ein Care-Paket auf der Veranda stehen.

Wenn ich wirklich jemanden brauchte,

wusste ich genau, wen ich anrufen musste.

Und auch für Paul,

dieses Mal einfach darum.

Es ist wirklich immer darum.

PROLOG

Februar1823

Gloucestershire, England

Eigentlich eine Ironie, dass es an einem so sonnigen Tag geschehen war. Am ersten schönen Tag nach ungefähr sechs Wochen grauen Himmels mit Schnee oder Regen. Selbst er, der sich gegen die Launen des Wetters unempfindlich wähnte, hatte gemerkt, wie seine Laune heiterer, sein Lächeln breiter wurde. Er war nach draußen gegangen – bei so strahlendem Sonnenschein konnte man einfach nicht im Haus verweilen.

Vor allem nicht inmitten eines trüben Winters.

Sogar jetzt, über einen Monat später, konnte Phillip es immer noch nicht ganz fassen, dass die Sonne ihn derart genarrt hatte.

Und außerdem, wie hatte er nur so blind sein können? Wieso hatte er es nicht kommen sehen? In den acht langen Jahren seit der Hochzeit hätte er seine Frau doch kennenlernen können. Er hätte darauf vorbereitet sein müssen. Aber eigentlich …

Nun, im Grunde war er ja darauf gefasst gewesen. Er hatte es sich nur nicht eingestehen wollen. Vielleicht hatte er sich etwas vormachen, sich vielleicht sogar schützen wollen. Sich vor der Wahrheit verstecken wollen in der Hoffnung, dass niemals etwas in der Wirklichkeit passieren könnte, wenn er es in seinen Gedanken nicht zuließ.

Dennoch war es geschehen. Und dann an einem solch sonnigen Tag. Gott musste einen ziemlich verqueren Sinn für Humor haben.

Phillip schaute in sein Brandyglas, das erstaunlicherweise schon wieder leer war. Anscheinend hatte er es ausgetrunken, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte. Benebelt war er allerdings nicht, zumindest nicht so, wie er es hätte sein müssen – und erst recht nicht so, wie er hätte sein wollen.

Er starrte nach draußen auf die Sonne, die sich dem Horizont zuneigte. Heute war wieder ein strahlender Tag gewesen. Vermutlich erklärte das seine außergewöhnlich starke Niedergeschlagenheit. Hoffte er. Er wollte, ja brauchte eine Erklärung für diese schreckliche Müdigkeit, die von ihm Besitz zu ergreifen schien.

Melancholie flößte ihm schreckliche Angst ein.

Mehr als alles andere. Er fürchtete sie mehr als Feuer, mehr als Krieg. Mehr sogar als die Hölle. Die Vorstellung, in Traurigkeit zu versinken, so zu werden wie sie …

Marina war ein melancholischer Mensch gewesen. Zu Beginn ihrer Ehe war sie ihm schon schwermütig erschienen, doch nach der Geburt ihrer Zwillinge hatte ihre Stimmung sich so verschlechtert, dass nichts sie hatte aufheitern können. Bald konnte er sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, wie ihr Lachen klang.

Es war ein sonniger Tag gewesen, und …

Er schloss die Augen. Wollte er so die Erinnerungen forcieren oder vertreiben?

Es war ein sonniger Tag gewesen, und …

»Bestimmt haben Sie nicht erwartet, dass sie uns noch einmal scheinen würde, nicht wahr, Sir Phillip?«

Phillip Crane drehte das Gesicht in die Sonne und schloss die Augen. »Wunderbar«, murmelte er. »Oder doch beinahe, wenn es nicht so verdammt kalt wäre.«

Miles Carter, sein Sekretär, lachte. »So kalt ist es nun auch wieder nicht. Dieses Jahr ist nicht einmal der See zugefroren. Nur hier und da treiben ein paar Eisschollen auf dem Wasser.«

Widerstrebend wandte Phillip sich von der Sonne ab und öffnete die Augen. »Noch haben wir aber nicht Frühling.«

»Wenn Sie sich nach dem Frühling sehnen, Sir, sollten Sie lieber in den Kalender schauen – wir haben erst Januar.«

Phillip warf ihm einen Seitenblick zu. »Bezahle ich Sie etwa für derartige Unverschämtheiten?«

»Allerdings. Und das nicht zu knapp.«

Phillip lächelte in sich hinein. Schweigend genossen die Männer den Sonnenschein noch ein paar Augenblicke.

»Ich dachte, Ihnen macht der graue Himmel nichts aus«, begann Miles im Plauderton, als sie ihren Weg zum Gewächshaus fortsetzten.

»Das tut er auch nicht«, erwiderte Phillip. »Doch nur weil ich mich nicht über einen wolkenverhangenen Himmel ärgere, heißt das doch nicht, dass ich die Sonne nicht vorziehen würde.« Kurz hielt er inne. »Vergessen Sie nicht, Miss Millsby zu sagen, dass sie heute mit den Kindern nach draußen geht. Natürlich brauchen sie dazu warme Mäntel, Mützen, Handschuhe und dergleichen, trotzdem sollten sie sich die Sonne ein bisschen ins Gesicht scheinen lassen. Die beiden haben schon viel zu lange drinnen gesessen.«

»Wie wir alle«, murmelte Miles.

Phillip lachte. »Allerdings.« Er blickte zu seinem Gewächshaus. Eigentlich sollte er sich wohl jetzt seiner Korrespondenz widmen, aber er wollte lieber an seinem wissenschaftlichen Projekt weiterarbeiten, und außerdem gab es keinen Grund, warum er das Geschäftliche mit Miles nicht eine Stunde später erledigen könnte. »Gehen Sie besser ins Haus zurück«, sagte er zu seinem Sekretär. »Suchen Sie Miss Millsby. Wir beide setzen uns später zusammen. Sie fühlen sich im Gewächshaus ja ohnehin nicht wohl.«

»Um diese Jahreszeit schon«, erklärte Miles. »Da ist mir die Wärme willkommen.«

Phillip hob die linke Augenbraue und nickte zu Romney Hall hinüber. »Wollen Sie damit etwa sagen, im Heim meiner Ahnen zöge es?«

»In Ahnenheimen zieht es immer.«

»Wie wahr«, stimmte Phillip grinsend zu. Er mochte seinen Angestellten. Vor einem halben Jahr hatte er ihn engagiert, damit er ihn bei der Verwaltung seines Besitzes entlastete. Miles war recht gut. Jung noch, aber effizient. Und sein trockener Humor war höchst willkommen in einem Heim, in dem so selten gelacht wurde. Die übrigen Dienstboten würden es nie wagen, mit ihrem Herrn zu scherzen, und Marina … nun ja, es war wohl selbstverständlich, dass Marina niemals lachte oder scherzte.

Die Kinder brachten Phillip manchmal zum Lachen, nur war das etwas anderes, und meist wusste er ohnehin nicht, was er zu ihnen sagen sollte. Er gab sich alle Mühe, doch dann wurde er verlegen, weil sie ihm auf unerklärliche Weise fremd blieben. Schließlich scheuchte er sie weg, schickte sie zurück zu ihrer Kinderfrau.

So war es einfacher.

»Also dann, gehen Sie, Miles«, sagte Phillip. An diesem Tag hatte er seine Kinder noch gar nicht gesehen. Vielleicht war das auch besser so: Er wollte den schönen Sonnenschein nicht dadurch verderben, dass er mit ihnen schimpfte, wie er es leider unweigerlich zu tun pflegte.

Später würde er zu ihnen stoßen, wenn sie mit Miss Millsby ihren Naturspaziergang unternahmen. Das war eine gute Idee. Dann könnte er ihnen irgendeine Pflanze zeigen und sie ihnen erklären, und alles wäre einfach und würde freundlich vonstattengehen.

Phillip trat in sein Gewächshaus, schloss die Tür hinter sich und atmete dankbar die feuchtwarme Luft ein. Er hatte in Cambridge Botanik studiert und sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Vermutlich hätte er eine akademische Laufbahn eingeschlagen, wenn sein Bruder nicht bei Waterloo gefallen wäre und er als Zweitgeborener in dessen Fußstapfen als Gutsherr und Landedelmann hätte treten müssen.

Aber es hätte auch noch schlimmer kommen können, schließlich musste er nicht in London leben. Zumindest war er auf Romney Hall in der Lage, seinen botanischen Studien in relativ gelassener Ruhe nachzugehen.

Er beugte sich über die Werkbank mit den Pflanzen und begutachtete sein jüngstes Projekt – eine Erbsensorte, die schneller zur Reife gelangen und größere Erträge erzielen sollte. Bisher hatte er allerdings keinen Erfolg gehabt. Seine letzten Exemplare hatten sich gelb verfärbt und waren verkümmert, was dem gewünschten Ergebnis in keiner Weise entsprach.

Phillip runzelte die Stirn und gestattete sich dann ein Lächeln, während er seine Geräte zusammensuchte. Es störte ihn nicht sonderlich, wenn seine Experimente nicht die erwarteten Ergebnisse zeitigten. Seiner Meinung nach machte Not niemals erfinderisch.

Zufälle. Alles reine Glückssache. Natürlich würde kein Wissenschaftler es zugeben, doch meist waren sie auf ihre großen Entdeckungen oder Erfindungen dann gestoßen, wenn sie der Lösung eines gänzlich anders gearteten Problems auf der Spur gewesen waren.

Mit einem Lachen stellte er die verschrumpelten Erbsen beiseite. Wer weiß, wenn er so weitermachte, hätte er vielleicht binnen Jahresfrist ein innovatives Heilmittel gegen Gicht entdeckt.

Aber an die Arbeit. An die Arbeit. Er beugte sich über die Erbsensamen und legte sie aus, um sie genau untersuchen zu können. Er brauchte exakt das richtige Erbgut, um …

Phillip sah auf und blickte durch das frisch geputzte Fenster. Eine Bewegung auf dem Weg erregte seine Aufmerksamkeit. Jemand in einem roten Umhang lief vorbei.

Ein roter Mantel. Phillip lächelte und schüttelte den Kopf. Das musste Marina sein. Rot war ihre Lieblingsfarbe, was er immer als merkwürdig empfunden hatte. Jeder, der sie auch nur ein bisschen kannte, hätte etwas Dunkles und Düsteres erwartet.

Er schaute ihr nach, bis sie im Wäldchen verschwand, und machte sich dann wieder an die Arbeit. Marina ging nur selten nach draußen, verließ dieser Tage kaum ihr Schlafzimmer. Phillip freute sich, sie draußen an der frischen Luft zu sehen. Vielleicht würde das ihre Laune heben. Natürlich nicht auf Dauer. Nicht einmal die Sonne hätte dazu die Kraft. Aber vielleicht könnte ein schöner Sonnentag sie wenigstens ein paar Stunden aus der Reserve locken und ein kleines Lächeln auf ihre Züge zaubern.

Die Kinder konnten es weiß Gott gebrauchen. Zwar statteten sie ihrer Mutter beinahe jeden Abend einen Besuch in deren Zimmer ab, nur reichte das in puncto elterlicher Zuwendung nicht aus.

Und Phillip wusste, dass er diesen Mangel nicht wettmachen konnte.

Schuldbewusst seufzte er auf. Ihm war klar, dass er nicht der Vater war, den sie brauchten, auch wenn er sich immer wieder davon zu überzeugen suchte, dass er sein Bestes gab – zumindest hatte er sein einziges Ziel als Familienoberhaupt erreicht: nicht so zu werden wie sein eigener Vater.

Allerdings musste er sich eingestehen, dass dies nicht genug war.

Entschlossen wandte er sich von seiner Werkbank ab. Die Samen konnten warten. Seine Kinder und ihre Bedürfnisse waren jetzt wirklich wichtiger. Miss Millsby konnte einen Laub- nicht von einem Nadelbaum unterscheiden und war deswegen auf einem Naturspaziergang schlimmer als nutzlos. Wenn er sichergehen wollte, dass seine Kinder eine Rose und ein Gänseblümchen unterscheiden konnten …

Wieder sah er aus dem Fenster und sagte sich, dass ja Januar war. Jetzt würde Miss Millsby wohl keine Blumen ausfindig machen, aber das entband ihn noch lange nicht von seiner Pflicht, selbst mit den Kindern spazieren zu gehen. Es war die einzige Gelegenheit, bei der Amanda und Oliver Spaß mit ihrem Vater hatten, da durfte er seiner Verantwortung nicht ausweichen.

Er verließ das Gewächshaus, doch bevor er ein Drittel des Weges zum Haus zurückgelegt hatte, hielt er inne. Wenn er die Kinder holte, sollte er sie zu Marina bringen. Sie sehnten sich nach der Nähe ihrer Mutter, obwohl diese kaum mehr tat, als ihnen den Kopf zu tätscheln. Ja, sie sollten sie suchen. Das wäre sogar noch schöner als ein Naturspaziergang.

Aus Erfahrung wusste er indes, dass er keine voreiligen Schlüsse ziehen durfte, wenn es um Marinas Gemütslage ging. Nur weil es sie nach draußen gezogen hatte, hieß das noch lange nicht, dass es ihr gut ging. Und er wollte nicht, dass die Kinder sie sahen, wenn sie vollends ihrer melancholischen Stimmung unterworfen war.

Phillip machte kehrt und lief auf das Wäldchen zu, in dem er Marina vor Kurzem hatte verschwinden sehen. Da er beinahe doppelt so schnell wie seine Frau ging, würde er sie bald einholen und selbst sehen können, in welcher Verfassung sie sich befand. Die Kinderzimmer würde er immer noch erreichen, bevor Miss Millsby mit seinen Sprösslingen aufbrach.

Ohne Mühe folgte er Marinas Spur durch das Wäldchen. Der Boden war feucht, und seine Frau trug anscheinend ungewöhnlich schweres Schuhwerk, da ihre Abdrücke sich deutlich am Boden abzeichneten. Sie führten einen leichten Abhang hinunter, aus dem Wäldchen hinaus und auf eine Wiese.

»Verdammt«, murmelte Phillip. Im Gras konnte er ihre Spur unmöglich verfolgen. Schützend hielt er sich die Hand über die Augen und suchte die Umgebung nach einem verräterischen roten Fleck ab.

Nichts, weder an der verlassenen Hütte noch in seinem Versuchsgetreidefeld oder an dem massigen Felsen, auf dem er als Kind so oft herumgeklettert war. Phillip wandte sich nach Norden, und als er sie endlich sah, wurden seine Augen schmal. Sie strebte dem See zu, der in einer schützenden Mulde lag.

Dem See.

Phillip öffnete den Mund, während er auf die Gestalt hinunterblickte, die sich langsam auf das Ufer zubewegte. Er war nicht direkt erstarrt, mehr … unschlüssig … während er den seltsamen Anblick zu verarbeiten suchte. Marina ging nie schwimmen. Er hätte nicht einmal sagen können, ob sie diese Fertigkeit beherrschte. Vermutlich wusste sie, dass es im Park einen See gab, aber er hatte sie noch nie dort gesehen, jedenfalls nicht in den acht Jahren, die sie nun verheiratet waren. Er setzte sich in Bewegung – sein Körper schien begriffen zu haben, was sein Geist nicht akzeptieren wollte. Nun stieg sie in das flache Wasser, woraufhin er seine Schritte beschleunigte, doch war er noch zu weit entfernt, um etwas anderes zu tun, als ihren Namen zu rufen.

Falls sie ihn hörte, ließ sie es sich nicht anmerken. Langsam und zielsicher bewegte sie sich weiter in den See.

»Marina!«, schrie er und begann zu rennen. »Marina!«

Auf einmal verstand er, warum sie so schweres Schuhwerk ausgewählt hatte: Sie wollte sichergehen, dass sie möglichst schnell versank. Bald war sie an der Stelle angekommen, wo der Boden jäh in die Tiefe abfiel, und ruckartig verschwand sie in den metallgrauen Fluten. Ihr roter Mantel blieb nur kurz an der Oberfläche, bevor auch er nach unten gezogen wurde.

Wieder schrie er ihren Namen, obwohl sie ihn unmöglich hören konnte. Er schlitterte und stolperte den Abhang zum See hinunter, hatte gerade noch genügend Geistesgegenwart, Rock und Stiefel abzulegen, bevor er sich in das eiskalte Nass stürzte. Kaum eine Minute war sie unter Wasser gewesen, und natürlich war ihm klar, dass man so schnell nicht ertrank, aber jede Sekunde, die er brauchte, um sie zu finden, rückte sie dem Tod näher.

Schon zahllose Male war er im See geschwommen, kannte die Stelle genau, wo der Boden in die Tiefe abfiel, und kam mit raschen, gleichmäßigen Zügen am kritischen Ort an. Dass seine vollgesogenen Kleider ihn nach unten zogen, merkte er gar nicht.

Er konnte sie finden. Er musste sie finden.

Bevor es zu spät war.

Immer tiefer tauchend, suchte er das trübe Wasser ab. Anscheinend hatte Marina einigen Dreck aufgewirbelt, und er sicher auch. Feiner Schlick behinderte seine Sicht.

Marinas einzige bunte Laune verriet sie schließlich. Phillip pflügte durchs Wasser, bis er den Grund erreicht hatte, wo er ihren roten Mantel träge im Wasser schweben sah. Sie wehrte sich nicht, als er sie nach oben zog, denn sie hatte bereits das Bewusstsein verloren. Bleischwer lag sie ihm in den Armen.

Sie durchbrachen die Oberfläche, und er sog die Luft in tiefen Zügen ein. Einen Augenblick lang konnte er nichts anderes tun als das; sein Körper forderte sein Recht, bevor Phillip sich wieder den Bedürfnissen seiner Frau widmen konnte. Dann schleppte er sie ans Ufer, sorgsam darauf achtend, dass ihr Gesicht über dem Wasser blieb, auch wenn sie gar nicht zu atmen schien.

Schließlich hatte er den schmalen Strand erreicht, und er legte sie auf den Kies zwischen Wasser und Wiese. Panisch hielt er ihr die Hand vors Gesicht, um zu fühlen, ob sie noch lebte, doch kein Atemhauch war zu spüren.

Er wusste nicht, was er tun sollte, hatte nie gedacht, dass er einmal jemanden vor dem Ertrinken würde retten müssen, daher tat er einfach das, was ihm die Vernunft eingab, hob sie sich mit dem Gesicht nach unten auf den Schoß und schlug ihr auf den Rücken. Zuerst zeitigte dies keinerlei Wirkung, doch nach dem vierten Hieb begann sie zu husten, und ein Schwall schmutzigen Wassers ergoss sich aus ihrem Mund.

Rasch drehte er sie um. »Marina?«, fragte er drängend, während er ihr leichte Schläge ins Gesicht versetzte. »Marina?«

Wieder hustete sie, bis es sie schüttelte, und dann begann sie nach Luft zu schnappen. Ihr Körper zwang sie zu leben, obwohl ihre Seele sich das Ende herbeisehnte.

»Marina«, sagte Phillip. Seine Stimme zitterte vor Erleichterung. »Gott sei Dank.« Er liebte sie nicht, hatte sie nie wirklich geliebt, aber sie war seine Frau, sie war die Mutter seiner Kinder, und im tiefsten Inneren, unter ihrer Hülle aus Trauer und Verzweiflung, war sie ein guter und feiner Mensch. Vielleicht liebte er sie nicht, ihren Tod indes wollte er ganz gewiss nicht.

Sie blinzelte, ihr Blick war leer. Nach einer Weile schien sie zu erkennen, wo sie sich befand, und wisperte: »Nein.«

»Ich muss dich zum Haus zurückbringen«, erklärte er rau, selbst erstaunt, wie zornig ihn dieses eine Wort machte.

Nein.

Wie konnte sie es wagen, seine Rettung zurückzuweisen? Wollte sie sich vom Leben verabschieden, nur weil sie traurig war? Galten ihr ihre beiden Kinder nichts? Konnte eine trübe Stimmung mehr wiegen als die Verantwortung, die eine Mutter trug?

»Ich bringe dich ins Haus«, stieß er hervor und hob sie nicht sehr sanft hoch. Sie atmete jetzt und war eindeutig wieder im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte – auf welche Irrwege diese sie auch geführt haben mochten. Es bestand keinerlei Grund, sie wie eine zarte Blume zu behandeln.

»Nein!« Sie weinte leise. »Bitte nicht. Ich will nicht … ich …«

»Ich bringe dich sofort ins Haus«, wiederholte er scharf und stapfte den Hügel hinauf, ohne auf den kalten Wind zu achten, der ihm in die nassen Kleider fuhr; nicht einmal die spitzen Steinchen bemerkte er, die sich ihm in die nackten Fußsohlen bohrten.

»Ich kann nicht«, flüsterte sie, anscheinend mit ihrem letzten Rest an Energie.

Während Phillip seine Frau nach Hause trug, sann er darüber nach, wie treffend diese Worte doch waren.

Ich kann nicht.

Irgendwie schien das kurz und bündig ihr ganzes Leben zusammenzufassen.

Abends stellte sich heraus, dass ihr rasch ansteigendes Fieber Marina den Todeswunsch vielleicht doch noch erfüllen würde.

So schnell er konnte, hatte Phillip seine Frau heimgetragen, ihr mithilfe der Haushälterin Mrs. Hurley die triefnassen, eiskalten Kleidungsstücke ausgezogen und sie dann unter das warme Federbett gesteckt, das vor acht Jahren das Prunkstück ihrer Aussteuer gewesen war.

»Was ist passiert?«, hatte Mrs. Hurley ausgerufen, als er durch die Küchentür gewankt war. Er hatte den Haupteingang nicht benutzen wollen, damit die Kinder ihn nicht sahen, und außerdem lag der Kücheneingang gut zwanzig Meter näher.

»Sie ist in den See gefallen«, erklärte er kurz angebunden.

Mrs. Hurleys Blick verriet Zweifel und Mitgefühl – er wusste, dass sie sich die Wahrheit denken konnte. Schließlich arbeitete sie seit acht Jahren für die Cranes und kannte die Stimmungsschwankungen ihrer Herrin.

Sobald Lady Crane im Bett lag, hatte die Haushälterin ihn aus dem Zimmer gescheucht und darauf bestanden, dass er sich selbst umzog, bevor er sich noch den Tod holte. Allerdings war er an die Seite seiner Gattin zurückgeeilt, denn dort war sein Platz, wie er sich schuldbewusst eingestand – ein Platz, den er in den letzten Jahren gemieden hatte.

Es war deprimierend, mit Marina zusammen zu sein, beinah unerträglich.

Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, seine Pflichten zu vernachlässigen. Bis in die Nacht saß er am Bett seiner Frau. Er wischte ihr fürsorglich die Stirn ab, wenn sie schwitzte, und verabreichte ihr lauwarme Bouillon, wenn sie diese nicht verweigerte.

Er beschwor sie zu kämpfen, obwohl er wusste, dass er tauben Ohren predigte.

Drei Tage später war sie tot.

Genau das hatte sie sich gewünscht, indes war ihm dies nur ein geringer Trost, als er seinen Kindern gegenübertrat, siebenjährigen Zwillingen, um ihnen zu erklären, dass ihre Mutter nicht mehr lebte. Er setzte sich zu ihnen ins Kinderzimmer, auch wenn er für die kleinen Stühlchen viel zu groß war. So saß er dann da, eingepfercht und in sich zusammengesunken, und zwang sich, ihnen in die Augen zu sehen, während er mühsam nach Worten rang.

Sie sagten wenig, was ihnen gar nicht ähnlich sah. Aber sie schienen nicht im Geringsten überrascht, und das fand Phillip beunruhigend.

»Es … es tut mir leid«, stieß er hervor, als er seine Ansprache zu Ende brachte. Er liebte sie so sehr, und doch ließ er sie viel zu häufig im Stich. Kaum wusste er, wie er ihnen ein guter Vater sein konnte – wie sollte er da auch noch die Rolle der Mutter übernehmen?

»Du kannst nichts dafür«, sagte Oliver und betrachtete seinen Vater ganz ernst. »Sie ist doch in den See gefallen, oder? Du hast sie nicht reingeschubst.«

Er nickte nur, da er nicht wusste, was er sagen sollte.

»Ob sie jetzt glücklich ist?«, fragte Amanda leise.

»Ich glaube schon«, meinte Phillip. »Sie kann die ganze Zeit vom Himmel aus zu euch hinuntersehen, da muss sie doch glücklich sein.«

Die Zwillinge ließen sich das eine Weile durch den Kopf gehen. »Ich hoffe, dass sie glücklich ist«, sagte Oliver schließlich, wobei seine Stimme entschlossener war als seine Miene. »Vielleicht weint sie dann nicht mehr.«

Phillip schluckte. Ihm war nicht klar gewesen, dass sie Marinas Schluchzer gehört hatten: So mutlos war sie immer erst spät am Abend geworden. Zwar lag Olivers Kinderzimmer direkt über den Räumlichkeiten seiner Eltern, doch Phillip hatte immer geglaubt, sein Sohn schliefe längst, wenn dessen Mutter zu weinen begann.

Amanda nickte zustimmend. »Wenn sie jetzt glücklich ist, dann bin ich froh, dass sie weg ist.«

»Sie ist nicht weg«, mischte Oliver sich ein. »Sie ist tot.«

»Nein, sie ist nur weg«, beharrte Amanda.

»Das ist dasselbe«, erklärte Phillip ausdruckslos und wünschte sich, er könnte den beiden etwas anderes erzählen. »Aber ich glaube, dass sie jetzt glücklich ist.«

Und das entsprach der Wahrheit. Schließlich hatte Marina sich den Tod herbeigesehnt. Wieso sollte sie nun nicht zufrieden sein?

Amanda und Oliver schwiegen eine ganze Weile, den Blick gesenkt, während sie mit baumelnden Beinen auf Olivers Bett saßen. Sie wirkten so klein auf diesem Bett, das für seinen Sohn viel zu groß war. Phillip runzelte die Stirn. Wieso war ihm das eigentlich nie aufgefallen? Sollten sie nicht kleinere Betten haben? Was, wenn sie eines Nachts hinausfielen?

Vielleicht waren sie dazu ja schon zu groß. Vielleicht fielen sie nicht mehr aus dem Bett. Vielleicht waren sie ja noch nie aus dem Bett gefallen.

Vielleicht war er wirklich ein schlechter Vater. Vielleicht sollte er all diese Dinge wissen.

Vielleicht … vielleicht … Er schloss die Augen und seufzte. Vielleicht sollte er nicht so viel nachdenken, stattdessen einfach sein Bestes tun und sich damit zufriedengeben.

»Gehst du auch weg?«, fragte Amanda und hob den Kopf.

Er sah ihr in die Augen, die so blau waren wie die ihrer Mutter. »Nein«, flüsterte er heftig, kniete sich vor sie hin und ergriff ihre Hände. In den seinen wirkten sie so winzig, so zerbrechlich.

»Nein«, hatte er wiederholt. »Ich gehe nicht weg. Ich verlasse euch nicht, niemals …«

Phillip schaute in sein Brandyglas. Schon wieder war nichts mehr drin. Seltsam, wie rasch sich so ein Glas leeren konnte.

Er hasste die Erinnerungen. Wobei er sich nicht sicher war, welche ihn am meisten erschütterte. War es der eigentliche Selbstmordversuch gewesen oder der Moment, als Mrs. Hurley sich zu ihm umgedreht und »Sie ist tot« gesagt hatte?

Oder seine Kinder, der Kummer in ihren Gesichtern, die Angst in ihren Augen?

Er hob das Glas an die Lippen und ließ sich die letzten Tropfen in den Mund rinnen. Das Schrecklichste an der Sache waren wirklich die Kinder und ihre verstörte Reaktion auf Marinas Tod. Er hatte ihnen versprochen, sie niemals zu verlassen, und das tat er auch nicht – niemals –, aber seine Anwesenheit war nicht genug. Sie brauchten mehr: jemanden, der die Elternrolle ausfüllen konnte, der wusste, wie man mit ihnen redete, Verständnis zeigte und sie dazu brachte, zu gehorchen und sich zu benehmen.

Und da er ihnen kaum einen anderen Vater besorgen konnte, sollte er wohl daran denken, ihnen eine Mutter zu verschaffen. Noch war es natürlich zu früh, er konnte nicht heiraten, ehe das Trauerjahr vorüber war, nur hieß das ja nicht, dass er nicht nach einer Frau Ausschau halten konnte.

Seufzend sank er tiefer in den Sessel. Er brauchte eine Gattin. Irgendeine Frau. Ihm war egal, wie sie aussah. Es war gleichgültig, ob sie Geld hatte, ob sie Kopfrechnen oder Französisch konnte oder auch Reiten.

Sie brauchte einfach nur fröhlich zu sein.

War das denn zu viel verlangt? Ein Lächeln, mindestens einmal täglich. Vielleicht sogar ein heiteres Lachen?

Und seine Kinder müsste sie auch lieben. Oder es zumindest so überzeugend vortäuschen, dass sie den Unterschied nicht merkten.

Das war doch nicht zu viel verlangt, oder?

»Sir Phillip?«

Er sah auf, verfluchte sich, dass er die Tür zum Arbeitszimmer einen Spaltbreit offen stehen gelassen hatte. Sein Sekretär steckte den Kopf herein.

»Was gibt’s?«

»Ein Brief, Sir«, sagte Miles, trat ein und reichte ihm ein gefaltetes Blatt Papier. »Aus London.«

Phillip sah auf das Schriftstück und hob die Brauen, als er die offensichtlich weiblich ausgeprägte Handschrift bemerkte. Er entließ Miles mit einem Nicken, brach das Siegel und entfaltete den Brief. Das Papier war von guter Qualität. Teuer. Und schwer, deutliches Anzeichen, dass die Absenderin sich keine Gedanken um das Porto machen musste.

Dann begann er zu lesen:

Bruton Street Nr.5

London

Sehr geehrter Sir Phillip!

Ich schreibe Ihnen, um Ihnen zum Ableben Ihrer Ehefrau, meiner lieben Cousine Marina, mein aufrichtiges Beileid auszusprechen. Obwohl ich sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen habe, erinnere ich mich voll Zuneigung an sie. Die Nachricht von ihrem Tod hat mich sehr berührt.

Bitte zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden, wenn ich irgendetwas tun kann, um Ihren Schmerz in dieser schwierigen Zeit zu lindern.

Hochachtungsvoll

Miss Eloise Bridgerton

Phillip rieb sich die Augen. Bridgerton … Bridgerton. Marina hatte Verwandte namens Bridgerton? Offensichtlich, wenn eine von ihnen ihm einen Brief schrieb.

Er seufzte, griff dann jedoch zu seiner eigenen Überraschung nach Papier und Federkiel. Herzlich wenig Kondolenzschreiben waren eingegangen. Anscheinend hatte ein Großteil ihrer Freunde und Verwandten Marina nach ihrer Heirat vergessen. Vermutlich sollte ihn das nicht weiter überraschen oder aufregen. Schließlich hatte sie ihr Schlafzimmer kaum verlassen. Es war leicht, jemanden zu vergessen, den man nie zu Gesicht bekam.

Miss Bridgerton hatte eine Antwort verdient. Das war nur höflich, und selbst wenn dem nicht so wäre – Phillip wusste nicht genau, was die Etikette im Todesfall vorschrieb –, so schien es ihm doch richtig.

Also machte er sich an die Antwort.

1. KAPITEL

Mai1824

Unterwegs von London nach Gloucestershire,

mitten in der Nacht

Sehr geehrte Miss Bridgerton!

Vielen Dank für Ihren lieben Brief, den Sie mir anlässlich des Verlustes meiner Ehefrau geschrieben haben. Es war sehr zuvorkommend von Ihnen, mir Ihr Beileid auszudrücken, obwohl wir uns noch nie getroffen haben. Zum Dank entbiete ich Ihnen diese gepresste Blüte. Es ist nur ein Exemplar der Roten Lichtnelke (Silene dioica), doch sie blüht mit großer Leuchtkraft auf den hiesigen Feldern, dieses Jahr sogar etwas früher als sonst.

Es war Marinas Lieblingsblume.

Hochachtungsvoll

Sir Phillip Crane

Eloise Bridgerton glättete das zerlesene Blatt Papier auf ihrem Schoß. Auch wenn der Vollmond durchs Fenster schien, reichte das Licht kaum aus, um den Brief zu entziffern, doch das machte nichts. Sie kannte seinen Inhalt auswendig, und die zarte Blume, die eher rosa denn rot war, ruhte sicher zwischen den Seiten eines Buches, das sie sich aus der Bibliothek ihres Bruders geborgt hatte.

Sie war nicht allzu überrascht gewesen, als sie von Sir Phillip eine Antwort erhielt. Das verlangte allein schon der gute Ton, obwohl sogar Eloises Mutter, sicherlich die Königin des guten Tons, meinte, Eloise nehme ihre Korrespondenz ein wenig zu ernst.

Natürlich war es üblich, dass eine Dame in ihrem Alter mehrere Stunden in der Woche auf das Briefeschreiben verwandte, doch Eloise verbrachte inzwischen mehrere Stunden täglich damit. Sie schrieb gern Briefe, vor allem an Leute, welche sie jahrelang nicht mehr gesehen hatte, denn sie stellte sich gern die Überraschung in ihren Mienen vor, wenn sie die Siegel brachen. Und so griff sie bei fast jeder Gelegenheit zu Papier und Feder – bei Geburten, Todesfällen, allen erdenklichen Anlässen, die Glückwünsche oder Beileid erheischten.

Sie war sich nicht sicher, warum sie all diese Briefe schrieb – vielleicht weil sie ohnehin so viel Zeit damit verbrachte, mit denjenigen von ihren Geschwistern zu korrespondieren, die sich gerade nicht in London aufhielten, dass sie, wenn sie schon einmal an ihrem Schreibtisch saß, gleich noch ein paar Briefe an irgendwelche entfernten Verwandten verfassen konnte.

Und obwohl jeder ihr mit einem kurzen Brief antwortete – schließlich war sie eine Bridgerton, und einer Bridgerton wollte niemand vor den Kopf stoßen –, hatte ihr noch niemand ein Geschenk beigelegt, nicht einmal ein so bescheidenes wie eine gepresste Blume.

Eloise schloss die Augen und dachte an die zarten rosa Blütenblätter. Kaum vorstellbar, dass ein Mann ein so zerbrechliches Ding handhabte. Ihre vier Brüder waren alle groß und kräftig und mit breiten Schultern und großen Händen gesegnet, mit denen sie das Blümchen im Handumdrehen zerquetscht hätten.

Sir Phillips Antwort hatte sie neugierig gemacht, vor allem weil er einen lateinischen Fachbegriff benutzt hatte, und daher hatte sie ihm umgehend geantwortet.

Sehr geehrter Sir Phillip!

Vielen lieben Dank für die reizende gepresste Blume. Was für eine schöne Überraschung, als sie aus dem Brief herausflatterte. Und dann ist sie auch noch eine so kostbare Erinnerung an Marina.

Mir ist natürlich aufgefallen, mit welcher Gewandtheit Sie sich des lateinischen Namens der Blume bedienen – sind Sie etwa Botaniker?

Hochachtungsvoll

Miss Eloise Bridgerton

Natürlich war es ein wenig hinterlistig von ihr, den Brief mit einer Frage zu beenden. Dem armen Mann blieb gar nichts anderes übrig, als ihr wieder zu schreiben.

Er enttäuschte sie nicht. Nur zehn Tage später erhielt Eloise die Antwort.

Sehr geehrte Miss Bridgerton!

In der Tat bin ich Botaniker. Ich habe in Cambridge studiert, stehe augenblicklich aber nicht in Verbindung mit irgendeiner Universität oder wissenschaftlichen Einrichtung. Ich führe meine Experimente hier auf Romney Hall durch, in meinem eigenen Gewächshaus.

Verspüren Sie denn ebenfalls wissenschaftliche Neigungen?

Hochachtungsvoll

Sir Phillip Crane

Sie empfand den Briefwechsel als überaus spannend; vielleicht war es einfach die Aufregung, jemanden gefunden zu haben, der Interesse an einem schriftlichen Dialog zeigte, ohne mit ihr verwandt zu sein. Woran es auch lag, Eloise schrieb jedenfalls sofort zurück.

Sehr geehrter Sir Phillip!

Liebe Güte, nein, die Wissenschaft liegt mir leider völlig fern, auch wenn ich eine gewisse Begabung für die Mathematik habe. Mein Interesse gilt der Literatur – es dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass ich gern Briefe schreibe.

In Freundschaft

Eloise Bridgerton

Sie war sich nicht sicher, ob dieser informelle Gruß wirklich angebracht war, doch beschloss sie, lieber etwas zu wagen, als nichts zu gewinnen. Sir Phillip genoss ihre Korrespondenz offensichtlich ebenso sehr wie sie, sonst hätte er seinen Brief sicher nicht mit einer Frage abgeschlossen.

Vierzehn Tage später erhielt sie die Antwort.

Meine liebe Miss Bridgerton!

Man könnte es tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft nennen, nicht wahr? Ich muss zugeben, dass es hier auf dem Land manchmal ein wenig einsam wird, und wenn man schon am Frühstückstisch kein freundlich lächelndes Gesicht gegenüber erblicken kann, ist es schön, wenn man sich wenigstens an einem liebenswürdigen Brief erfreuen kann, finden Sie nicht auch?

Ich lege Ihnen wieder eine Blume bei, diesmal Geranium pratense, gemeinhin als Wiesenstorchschnabel bekannt.

Mit ganz besonders freundlichen Grüßen

Phillip Crane

Eloise konnte sich noch gut an diesen Tag erinnern. Sie hatte in ihrem Schlafzimmer gesessen, in dem Sessel am Fenster, und eine ganze Ewigkeit auf die sorgsam gepresste blauviolette Blüte hinuntergeblickt. Wollte er ihr den Hof machen? Schriftlich, per Post?

Und dann bekam sie eines Tages einen Brief, der sich deutlich von den anderen unterschied.

Meine liebe Miss Bridgerton!

Wir schreiben uns nun schon eine ganze Weile, und auch wenn wir einander noch nie begegnet sind, habe ich doch das Gefühl, Sie zu kennen. Ich hoffe, Ihnen ergeht es ebenso.

Verzeihen Sie, wenn ich allzu verwegen erscheine, aber ich schreibe Ihnen, um Sie nach Romney Hall einzuladen. Ich hege die Hoffnung, dass sich nach einer angemessenen Zeitspanne herausstellt, dass wir zusammenpassen und dass Sie zustimmen, meine Frau zu werden.

Natürlich werde ich für schickliche weibliche Gesellschaft sorgen. Sowie Sie meine Einladung annehmen, werde ich meine verwitwete Tante nach Romney Hall bitten.

In der Hoffnung, dass Sie meinen Antrag wohlwollend in Erwägung ziehen, verbleibe ich

wie immer der Ihre

Phillip Crane

Eloise hatte den Brief sofort in eine Schublade gestopft, unfähig, sich seine Bitte zu erklären. Er wollte eine Frau heiraten, die er nicht einmal kannte?

Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, stimmte das nicht ganz. Sie kannten sich ja. Im Laufe ihrer einjährigen Korrespondenz hatten sie sich mehr erzählt als viele Männer und Frauen während ihrer ganzen Ehe.

Aber sie waren einander eben noch nie begegnet.

Eloise dachte an all die Heiratsanträge, die sie in den letzten Jahren abgelehnt hatte. Wie viele waren es gewesen? Mindestens sechs. Bei manchen konnte sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, warum sie sie zurückgewiesen hatte. Eigentlich gab es gar keinen besonderen Grund, nur dass die Verbindung eben nicht perfekt gewesen wäre.

Perfekt.

War das so viel verlangt?

Sie schüttelte den Kopf, weil ihr selbst bewusst war, wie albern und verzogen das klang. Nein, nichts Perfektes – den Richtigen brauchte sie, jemanden, der perfekt zu ihr passte.

Sie wusste, was die Matronen des ton über sie redeten. Dass sie zu anspruchsvoll wäre, anspruchsvoller, als ihr guttat. Dass sie noch als alte Jungfer enden würde – nein, das sagten sie mittlerweile nicht mehr. Sie behaupteten, dass sie inzwischen eine alte Jungfer sei, und das stimmte ja auch. Wenn man erst einmal die achtundzwanzig erreicht hatte, war es unvermeidlich, dass die Leute so etwas hinter vorgehaltener Hand herumerzählten.

Oder es einem direkt ins Gesicht sagten.

Doch seltsamerweise hatte Eloise gar nichts gegen ihre Lage einzuwenden. Zumindest nicht bis vor Kurzem.

Nie hatte sie angenommen, dass sie ihr Leben lang ledig bliebe, und im Augenblick fühlte sie sich durchaus wohl. Sie hatte die wunderbarste Familie, die man sich nur vorstellen konnte – sieben Geschwister, die dem Alphabet nach getauft waren, sodass sie mit ihrem E zur jüngeren Hälfte gehörte: Sie hatte noch vier ältere und drei jüngere Geschwister. Ihre Mutter war einfach entzückend und hatte sogar aufgehört, ihrer Tochter wegen einer Heirat in den Ohren zu liegen. Eloise nahm weiterhin eine führende Stellung in der Gesellschaft ein, denn die Bridgertons wurden allseits bewundert, respektiert und manchmal auch gefürchtet, und Eloises fröhliches und unbezähmbares Wesen ließ sie überall im Mittelpunkt stehen, ob sie nun eine alte Jungfer war oder nicht.

Doch in letzter Zeit …

Sie seufzte und kam sich plötzlich viel älter vor als ihre achtundzwanzig Jahre. In letzter Zeit war ihr gar nicht so fröhlich zumute. Oft hatte sie gedacht, dass diese übellaunigen alten Matronen recht hatten und sie niemals einen Ehemann finden würde. Vielleicht war sie ja doch zu wählerisch gewesen, zu entschlossen, dem Beispiel ihrer älteren Geschwister zu folgen, die alle eine tiefe und erfüllte Liebe in ihrer Ehe gefunden hatten – selbst dann, wenn es anfangs nicht danach ausgesehen hatte.

Vielleicht war eine Ehe, die auf Respekt und Freundschaft gründete, ja doch besser als gar keine Heirat.

Aber es war schwierig, mit anderen über diese Gefühle zu sprechen. Ihre Mutter hatte sie so viele Jahre bedrängt, sich endlich einen Mann zu suchen, da würde es ihr schwerfallen, jetzt zu Kreuze zu kriechen und zuzugeben, dass sie auf sie hätte hören sollen. Ihre Brüder wären ihr keinerlei Hilfe. Anthony, der älteste, hätte die Sache wahrscheinlich höchstselbst in die Hand genommen, ihr einen passenden Gatten ausgesucht und den armen Mann dann so lange drangsaliert, bis er sie geheiratet hätte. Benedict war viel zu verträumt, und außerdem kam er heutzutage kaum noch nach London, da er das stille Leben auf dem Lande vorzog. Und Colin – nun ja, das war eine andere Geschichte, ein eigenes Kapitel.

Vermutlich hätte sie mit Daphne sprechen sollen, doch jedes Mal, wenn sie ihre ältere Schwester besuchte, war diese so verdammt glücklich, so selig verliebt in ihren Gatten und ihre Rolle als Mutter von vier Kindern. Wie konnte jemand wie sie Eloise in dieser Lage einen Rat geben? Und Francesca lebte eine halbe Weltreise entfernt in Schottland. Außerdem wäre es wohl nicht recht, sie mit ihren albernen Sorgen zu belästigen. Liebe Güte, schließlich war Francesca mit dreiundzwanzig Jahren Witwe geworden. Daneben wirkten Eloises Kümmernisse und Ängste unbedeutend.

Und vielleicht erklärte all das, warum die Korrespondenz mit Sir Phillip für sie ein so sündiges Vergnügen geworden war. Die Bridgertons waren eine große Familie, laut und ungestüm. Es war fast unmöglich, etwas zu verbergen, vor allem vor ihren Schwestern – die jüngste, Hyacinth, hätte den Krieg gegen Napoleon vermutlich in der halben Zeit beenden können, wenn Seine Königliche Majestät nur auf die Idee gekommen wäre, sie als Spionin zu verpflichten.

Auf merkwürdige Art gehörte Sir Phillip ihr ganz allein. Das Einzige, was sie nie mit jemandem teilen müsste. Seine Briefe lagen, gebündelt und mit einer lila Schleife gebunden, in der mittleren Schublade ihres Schreibtisches, unter den Haufen von Schreibpapier verborgen, das sie für ihre viele Korrespondenz brauchte.

Er war ihr Geheimnis. Ihres ganz allein.

Und weil sie ihm noch nie begegnet war, konnte sie ihn sich aus ihren Vorstellungen erschaffen, wobei ihr seine Briefe als Grundlage dienten, die sie nach Belieben ausschmückte. Wenn es je den richtigen Mann für sie geben sollte, dann wäre es ganz sicher der Sir Phillip Crane aus ihren Fantasien.

Und nun wollte er sie kennenlernen? Sie kennenlernen? War der Mann verrückt? Er ruinierte eine vollkommene Liebesgeschichte.

Doch dann war das Unmögliche geschehen. Penelope Featherington, seit beinahe zwölf Jahren Eloises beste Freundin, hatte geheiratet. Und zwar nicht irgendjemanden, sondern Colin. Eloises Bruder!

Wenn der Mond plötzlich vom Himmel gefallen und in ihrem Garten gelandet wäre, hätte sie nicht überraschter sein können.

Eloise freute sich für Penelope. Wirklich und wahrhaftig. Auch um Colins willen war sie entzückt. Die beiden waren wohl die Menschen, welche ihr von allen am meisten am Herz lagen, und sie fand es herrlich, dass sie ihr Glück beieinander gefunden hatten. Niemand anderes hatte das mehr verdient.

Aber das hieß noch lange nicht, dass diese Ehe nicht eine Lücke in ihr eigenes Leben gerissen hätte.

Wenn sie sich ihre Zukunft als alte Jungfer ausgemalt und sich einzureden versucht hatte, dass sie sich genau so etwas wünschte, hatte sie dabei insgeheim immer mit Penelope gerechnet – als ebenfalls unverheiratete Freundin. Es war in Ordnung, beinahe verwegen sogar, mit achtundzwanzig noch ledig zu sein, solange Penelope auch keinen Gatten hatte. Es war nicht so, als hätte sie gewollt, dass ihre Freundin keinen Ehemann fände; es war ihr nur nie recht wahrscheinlich vorgekommen. Eloise wusste, dass Penelope wunderbar und nett und klug und witzig war, doch den Gentlemen des ton schien das nie aufgefallen zu sein. In all den Jahren, die sie in der Gesellschaft verbracht hatte, elf insgesamt, hatte Penelope keinen einzigen Heiratsantrag bekommen. Nie hatte sich ein Mann für sie interessiert.

Gewissermaßen hatte Eloise darauf gezählt, dass Penelope das blieb, was sie war – in erster Linie ihre Freundin. Ihre altjüngferliche Gefährtin.

Und das Schlimmste an der Sache war – und das bereitete Eloise starke Schuldgefühle –, dass sie nie daran gedacht hatte, wie Penelope sich wohl fühlen könnte, wenn sie als Erste heiratete, woran sie, wenn sie ehrlich war, immer geglaubt hatte.

Doch jetzt hatte Penelope Colin, und Eloise konnte sehen, dass die Ehe wunderbar klappte. Und sie war allein. Allein im übervölkerten London, inmitten ihrer großen, liebevollen Familie.

Es war schwer, sich einen einsameren Ort vorzustellen.

Plötzlich wirkte Sir Phillips kühner Antrag – den sie ganz unten in dem Stapel Briefe aufbewahrte, in der mittleren Schublade in einer neu gekauften Metallkassette, damit sie nicht in Versuchung geriet, ihn sechsmal am Tag zu lesen – nun ja, er wirkte ein wenig verlockender.

Um ehrlich zu sein, erschien er ihr mit jedem Tag verführerischer, denn sie wurde immer unruhiger, immer unzufriedener mit dem Leben, das sie sich doch selbst ausgesucht hatte.

Und so fasste sie eines Tages, als sie Penelope besuchen gegangen war und vom Butler erfahren hatte, dass Mr. und Mrs. Bridgerton im Moment niemanden empfangen könnten – das Ganze in einem Ton vorgebracht, dass sogar Eloise begriff, was er damit sagen wollte –, einen Entschluss. Es wurde Zeit, dass sie ihr Leben in die Hand nahm, ihr Schicksal selbst bestimmte. Einen Ball nach dem anderen zu besuchen in der vergeblichen Hoffnung, der vollkommene Mann könnte plötzlich vor ihr auftauchen, war schlichtweg sinnlos, denn es kam schließlich nie jemand Neues nach London. Und in den zehn Jahren, die seit ihrem Debüt vergangen waren, hatte sie jeden auch nur halbwegs infrage kommenden Kandidaten kennengelernt.

Sie sagte sich, dass sie Sir Phillip ja nicht heiraten musste, sie ging nur einer Möglichkeit nach, die sich unter Umständen als das Richtige erwies. Wenn sie nicht zueinander passten, brauchten sie ja nicht zu heiraten, schließlich hatte sie nichts versprochen.

Eloises hervorstechendste Eigenschaft war ihre Tatkraft. Wenn sie einmal eine Entscheidung getroffen hatte, setzte sie sie umgehend in die Tat um. Nein, verbesserte sie sich in einem – wie sie fand – eindrucksvollen Anfall von Ehrlichkeit: Sie zeichnete sich durch zwei Charakterzüge aus, nämlich durch ihr rasches Handeln und durch ihre Hartnäckigkeit. Penelope hatte manchmal gesagt, sie sei wie ein Hund mit einem Knochen.

Ihre Freundin hatte dabei keinesfalls gescherzt.

Sobald Eloise sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnten sie nicht einmal die vereinten Kräfte sämtlicher Bridgertons von ihrem Ziel abbringen – und diese Familie konnte ziemlich überzeugend sein. Vermutlich war es ein Glücksfall, dass ihre Ziele und die ihrer Verwandten bisher nicht im Widerspruch gestanden hatten, zumindest nicht, wenn es um etwas Wichtiges ging.

Eloise wusste, dass sie ihr nie gestatten würden, einfach so einen Mann zu besuchen, den sie gar nicht kannte. Anthony hätte vermutlich verlangt, dass Sir Phillip nach London käme, um sich dort der gesamten Familie zu präsentieren – Eloise konnte sich kein Szenario vorstellen, das mehr dazu angetan wäre, einen potenziellen Verehrer in die Flucht zu schlagen. Die Männer, die ihr bisher den Hof gemacht hatten, kannten sich in London aus und wussten, worauf sie sich einließen; der arme Sir Phillip, der, wie er selbst zugegeben hatte, seit seiner Schulzeit nicht mehr in London gewesen war und noch an keiner Saison teilgenommen hatte, würde hilflos in die Falle tappen.

Ihr blieb also gar nichts anderes übrig, als nach Gloucestershire zu reisen, und nach einiger Überlegung war ihr auch klar, dass sie es heimlich tun musste. Wenn ihre Familie von ihren Plänen erfuhr, würde sie ihr die Reise möglicherweise verbieten. Eloise war eine würdige Gegnerin und hätte am Ende vielleicht obsiegt, doch es wäre ein langer, schmerzlicher Kampf geworden. Ganz zu schweigen davon, dass sie ihr, wenn sie die Reise hätte durchsetzen können, mindestens zwei der ihren mitgeschickt hätten.

Eloise schauderte. Vermutlich wären diese beiden ihre Mutter und Hyacinth gewesen.

Liebe Güte, wie sollte man sich denn verlieben, wenn die beiden in der Nähe waren? Da wäre es ja sogar unmöglich, eine milde, aber dauerhafte Zuneigung zu fassen – womit Eloise sich diesmal vielleicht sogar zufriedengegeben hätte.

Schließlich plante sie die Flucht für den Ball ihrer Schwester Daphne. Es sollte eine großartige Angelegenheit werden, mit Scharen von Gästen und genau dem rechten Maß an Lärm und Verwirrung, dass ihre Abwesenheit mehrere Stunden unbemerkt bleiben würde. Ihre Mutter bestand immer darauf, dass sie pünktlich, ja überpünktlich erschienen, wenn ein Mitglied ihrer Familie eine Gesellschaft gab, also würden sie nicht nach acht Uhr bei Daphne eintreffen. Wenn sie sich bald darauf davonschlich und der Ball bis in die frühen Morgenstunden dauerte … nun, dann würde man ihr Verschwinden erst kurz vor der Dämmerung bemerken, und bis dahin wäre sie schon auf halbem Weg nach Gloucestershire.

Und wenn nicht auf halbem Weg, dann doch weit genug, um vor Verfolgung einigermaßen sicher zu sein.

Am Ende war alles erschreckend einfach gewesen. Ihre ganze Familie war von irgendeiner großartigen Ankündigung Colins abgelenkt gewesen, sodass sie sich nur kurz zu entschuldigen, durch den Hintereingang zu verschwinden und den kurzen Weg zu ihrem Haus zu Fuß zurückzulegen brauchte, wo sie schon das Gepäck im Garten versteckt hatte. Von dort aus war es dann lediglich ein kurzer Spaziergang bis zu der Straßenecke, an die sie eine Mietkutsche bestellt hatte.

Liebe Güte, wenn sie gewusst hätte, wie einfach es war, ihren eigenen Weg zu gehen, hätte sie das schon vor Jahren getan.

Und hier saß sie nun, fuhr nach Gloucestershire und vermutlich – oder hoffentlich? – auch ihrem Schicksal entgegen, und ihr einziges Gepäck bestand aus ein paar Kleidungsstücken zum Wechseln und einem Stapel Briefen, die ihr ein Mann geschrieben hatte, dem sie noch nie begegnet war.

Ein Mann, den sie zu lieben hoffte.

Es war aufregend.

Nein, es war beängstigend.

Eigentlich war es wohl das Dümmste, was sie je in ihrem Leben getan hatte, und sie hatte schon einige Dummheiten begangen.

Vielleicht aber war es ihre einzige Chance, ihr Glück zu finden.

Eloise verzog das Gesicht. Sie begann sich in etwas zu versteigen, und das war ein schlechtes Zeichen. Diesem Abenteuer wollte sie sich mit derselben praktischen Vernunft nähern, mit der sie all ihre Entscheidungen zu treffen suchte. Noch konnte sie umkehren. Was wusste sie denn von diesem Mann? Er hatte im Lauf ihrer einjährigen Korrespondenz eine Menge erzählt …

Er war dreißig, zwei Jahre älter als sie.

Er hatte in Cambridge studiert, unter anderem Botanik.

Er war acht Jahre lang mit ihrer entfernten Verwandten Marina verheiratet, bei seiner Eheschließung also einundzwanzig gewesen.

Er hatte braunes Haar.

Er besaß noch alle Zähne.

Er war Baronet.

Er lebte auf Romney Hall, einem Herrensitz aus dem achtzehnten Jahrhundert bei Tetbury in Gloucestershire.

Er las gern wissenschaftliche Abhandlungen und Gedichte, aber keine Romane und erst recht keine philosophischen Traktate.

Er mochte den Regen.

Grün war seine Lieblingsfarbe.

Er hatte England noch nie verlassen.

Er angelte nicht gern.

Eloise kämpfte krampfhaft gegen das leicht hysterische Gelächter an. Er angelte nicht gern? Das war wirklich alles, was sie von ihm wusste?

»Was für eine hervorragende Grundlage für eine Ehe«, murmelte sie und versuchte, den Anflug von Panik in ihrer Stimme zu ignorieren.

Und was wusste er von ihr? Was konnte ihn nur dazu veranlasst haben, einer vollkommen Fremden einen Heiratsantrag zu machen?

Sie versuchte sich daran zu erinnern, was sie ihm in ihren vielen Briefen von sich erzählt hatte.

Sie war achtundzwanzig.

Sie hatte braunes Haar – eigentlich kastanienbraunes – und noch alle ihre Zähne.

Sie hatte graue Augen.

Sie entstammte einer großen, liebevollen Familie.

Ihr Bruder war ein Viscount.

Ihr Vater war gestorben, als sie noch ganz klein gewesen war – und zwar, kaum zu glauben, am Stich einer harmlosen Biene.

Sie neigte dazu, zu viel zu reden. Liebe Güte, hatte sie ihm das tatsächlich geschrieben?

Sie las gern Gedichte und Romane, aber keine wissenschaftlichen Abhandlungen oder philosophischen Traktate.

Sie war in Schottland gewesen, aber mehr hatte sie auch noch nicht gesehen.

Lila war ihre Lieblingsfarbe.

Sie mochte kein Lammfleisch, und Blutwurst verabscheute sie geradezu.

Wieder entschlüpfte ihr ein verunsichertes Lachen. So gesehen, war sie wirklich eine brillante Partie.

Aus dem Fenster blickend, versuchte sie irgendeinen Hinweis darauf zu finden, wo genau sie sich befand.

Sanfte grüne Hügel sahen überall gleich aus – soweit sie wusste, hätte sie genauso gut auch in Wales sein können.

Stirnrunzelnd sah sie auf Sir Phillips Brief in ihrem Schoß und faltete ihn wieder zusammen. Dann steckte sie ihn in den Stapel zurück, den sie im Koffer aufbewahrte, und begann nervös mit den Oberschenkeln zu wippen.

Sie hatte guten Grund, nervös zu sein.

Schließlich hatte sie ihr Heim verlassen und alles, was sie kannte.

Niemand wusste von ihrer Reise quer durch England.

Niemand.

Nicht einmal Sir Phillip.

Denn in ihrer Hast, London zu verlassen, hatte sie es versäumt, ihn von ihrer Ankunft zu verständigen. Sie hatte es nicht direkt vergessen, sondern hatte diese Aufgabe eher … verdrängt, bis es zu spät gewesen war.

Wenn sie es ihm erzählt hätte, hätte sie sich auf ihren Plan festgelegt. So aber konnte sie jederzeit umkehren. Sie sagte sich, dass sie eben gern Wahlmöglichkeiten und Alternativen behielt, doch in Wahrheit war sie einfach völlig verängstigt und hatte befürchtet, sie könnte ganz den Mut verlieren.

Außerdem war er derjenige gewesen, der sich eine Begegnung gewünscht hatte. Er würde sich freuen, sie zu sehen.

Oder etwa nicht?

Phillip stand vom Bett auf und zog die Vorhänge in seinem Schlafzimmer auf. Draußen war wieder ein herrlicher sonniger Tag heraufgedämmert.

Wunderbar.

Er tappte in sein Ankleidezimmer, um ein paar Kleidungsstücke hervorzuziehen, da er die Dienstboten, die diese Aufgabe für ihn erledigten, schon lange entlassen hatte. Er konnte es nicht erklären, aber nach Marinas Tod hatte er einfach nicht gewollt, dass jemand morgens in sein Schlafzimmer platzte, die Vorhänge aufriss und seine Kleider aussuchte.

Sogar Miles Carter hatte er gekündigt, obwohl der sich sehr bemüht hatte, ihm nach Marinas Tod ein guter Freund zu sein. Doch irgendwie fühlte er sich in der Gegenwart des jungen Sekretärs noch schlechter, und so hatte er ihn weggeschickt, mit einem Halbjahresgehalt und einem hervorragenden Empfehlungsschreiben.

All die Jahre, die er verheiratet gewesen war, hatte er nach jemandem gesucht, mit dem er sprechen konnte, nachdem Marina so oft abweisend erschienen war. Nur jetzt, wo sie tot war, wollte er niemanden sehen.

Vermutlich hatte er in einem seiner zahlreichen Briefe an die mysteriöse Eloise Bridgerton etwas Derartiges angedeutet, denn er hatte seinen Beinahe-Heiratsantrag vor über einem Monat abgeschickt, und ihr Schweigen darauf war wirklich ohrenbetäubend, vor allem, da sie sonst mit reizender Promptheit auf seine Briefe antwortete.

Er runzelte die Stirn. So geheimnisvoll war Eloise Bridgerton gar nicht. In ihren Briefen machte sie einen offenen, ehrlichen Eindruck, und ihr Wesen kam ihm geradezu sonnig vor – was diesmal praktisch das Einzige war, was er von einer potenziellen Braut verlangte.

Rasch streifte er sich ein Arbeitshemd über, da er vorhatte, einen Großteil des Tages in seinem Gewächshaus zu verbringen und dort bis zu den Ellbogen in Erde zu wühlen. Er war ziemlich enttäuscht, dass Miss Bridgerton augenscheinlich beschlossen hatte, ihn für einen gefährlichen Irren zu halten, dem man um jeden Preis aus dem Weg gehen musste. Und dabei war sie ihm wie die vollkommene Lösung für all seine Probleme erschienen. Er brauchte unbedingt eine Mutter für Amanda und Oliver, denn die beiden waren inzwischen dermaßen außer Rand und Band, dass er sich kaum vorstellen konnte, je eine Frau zu finden, die sich freiwillig bereit erklärte, mit ihm den Bund der Ehe zu schließen und sich dadurch lebenslang – oder zumindest bis die Kinder großjährig waren – an zwei kleine Satansbraten zu binden.

Miss Bridgerton war bereits achtundzwanzig, also offensichtlich eine alte Jungfer. Und sie hatte über ein Jahr mit einem ihr vollkommen fremden Mann korrespondiert, und das verriet doch sicher eine gewisse Verzweiflung. Sollte sie sich nicht freuen über diese Chance, noch einen Mann abzubekommen? Er konnte ihr ein Heim bieten, ein schönes Vermögen, und er war nicht älter als dreißig. Was könnte sie denn mehr verlangen?

Ärgerlich murmelte er vor sich hin, während er mit den Beinen in die grobwollene Hose fuhr. Offensichtlich wünschte sie sich irgendetwas anderes, sonst wäre sie zumindest so höflich gewesen, ihm eine Absage zu schicken.

RUMS!

Phillip blickte zur Decke und verzog das Gesicht. Romney Hall war alt, solide und sehr massiv gebaut. Ein derartiges Geräusch konnte daher nur bedeuten, dass seine Kinder irgendetwas Großes hatten fallen gelassen.

RUUUMS!

Er zuckte zusammen. Das hatte noch verhängnisvoller geklungen. Allerdings war ihre Kinderfrau bei ihnen, und die hatte sie in den meisten Fällen besser im Griff als er. Wenn er jetzt schnell die Stiefel anzog, könnte er aus dem Haus sein, bevor sie Schlimmeres anrichteten, und dann könnte er so tun, als wäre gar nichts vorgefallen.

Er griff nach den Stiefeln. Wirklich eine hervorragende Idee. Aus den Ohren, aus dem Sinn.

Mit beeindruckender Geschwindigkeit beendete er seine Garderobe und eilte mit großen Schritten auf den Flur hinaus, Richtung Treppe.

»Sir Phillip! Sir Phillip!«

Verdammt. Jetzt hatte ihn der Butler erwischt.

Phillip tat so, als hörte er ihn nicht.

»Sir Phillip!«

»Verflixt«, murmelte er. Dieses Gebrüll war unmöglich zu ignorieren – es sei denn, er wollte, dass sich sämtliche Dienstboten besorgt um ihn scharten, weil er anscheinend das Gehör verloren hatte.

»Ja, Gunning?«, sagte er und drehte sich langsam um.

»Sir Phillip«, begann der Dienstbote und räusperte sich. »Wir haben Besuch.«

»Besuch?«, wiederholte Phillip. »War das die Ursache für den … ah …«

»Lärm?«, schlug Gunning hilfreich vor.

»Ja.«

»Nein.« Der Butler räusperte sich erneut. »Das waren wohl Ihre Kinder, nehme ich an.«

»Aha«, murmelte Phillip. »Wie dumm von mir, etwas anderes zu hoffen.«

»Ich glaube nicht, dass sie etwas kaputt gemacht haben.«

»Was für eine ungeheure Erleichterung. Und was für eine Abwechslung.«

»Allerdings, Sir. Aber der Besuch ist immer noch da.«

Phillip stöhnte. Wer um alles in der Welt kam um diese frühe Stunde zu Besuch? Sie hatten ja nicht einmal zu normalen Zeiten Gäste.

Gunning rang sich ein Lächeln ab, dummerweise konnte man sehen, dass er außer Übung war. »Früher hatten wir öfter Besuch, wissen Sie noch?«

Das war das Problem mit dem Personal, das schon in Diensten der Familie gestanden hatte, bevor man selbst auf der Welt gewesen war. Es neigte dazu, sich in Sarkasmus zu üben.

»Und wer ist dieser Besuch?«

»Darüber bin ich mir nicht ganz schlüssig, Sir.«

»Sie sind sich nicht schlüssig?«, wiederholte Phillip ungläubig.

»Ich habe nicht nachgefragt.«

»Aber wäre das nicht Aufgabe eines Butlers gewesen?«

»Nachzufragen, Sir?«

»Ja«, stieß Phillip zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während er sich im Stillen fragte, ob Gunning vielleicht Experimente anstellte, wie rot sein Arbeitgeber anlaufen konnte, bevor ihn der Schlag traf.

»Ich dachte, ich überlasse es Ihnen nachzufragen.«

»Sie dachten, Sie überlassen es mir.« Das kam bereits als bloße Wiederholung heraus – Phillip hatte erkannt, dass jede weitere Frage sinnlos war.

»Ja, Sir. Schließlich kam sie her, um Sie zu besuchen.«

»Das tun alle unsere Gäste, und bis jetzt hat Sie das nicht daran gehindert, sich ihrer Identität zu versichern.«

»Nun ja, Sir, eigentlich …«

»Ich bin mir vollkommen sicher …«, versuchte Phillip ihn zu unterbrechen.

»Eigentlich haben wir doch nie Gäste«, schloss Gunning, womit er aus dieser verbalen Schlacht als absolut klarer Sieger hervorging.

Phillip tat den Mund auf, um darauf hinzuweisen, dass sie sehr wohl Gäste hätten, dass jetzt in diesem Moment Besuch auf ihn wartete, aber er besann sich eines Besseren. Was nutzte es schon? »Also gut«, sagte er, mittlerweile gründlich verärgert. »Ich gehe nach unten.«

Gunning strahlte ihn an. »Sehr schön, Sir.«

Schockiert starrte Phillip seinen Butler an. »Geht es Ihnen nicht gut, Gunning?«

»Doch, Sir, mir geht es gut. Warum fragen Sie?«

Da es nicht besonders höflich gewesen wäre, Gunning darauf hinzuweisen, dass er mit diesem breiten Grinsen aussah wie ein Pferd, beschränkte Phillip sich darauf, »Schon gut!« zu murmeln, und machte sich auf den Weg nach unten.

Besuch? Wer mochte das wohl sein? Ihn hatte schon seit fast einem Jahr niemand mehr besucht, seit die Nachbarn die obligatorischen Beileidsbesuche hinter sich gebracht hatten. Vermutlich durfte er es ihnen nicht zum Vorwurf machen, dass sie ihn gemieden hatten: Beim letzten Mal, als einer von ihnen bei ihm zu Gast gewesen war, hatten Oliver und Amanda Erdbeermarmelade auf die Sitze geschmiert.

Lady Winslet war empört davongefahren, nachdem sie einen Wutanfall hingelegt hatte, der dem Gesundheitszustand einer Frau ihres Alters bestimmt nicht zuträglich war.

Phillip runzelte die Stirn, als er den Fuß der Treppe erreicht hatte und sich zur Eingangshalle wandte. Es war eine Dame, nicht wahr? Hatte Gunning nicht gesagt, dass es sich um eine Dame handelte?

Wer zum Teufel …

Wie angewurzelt blieb er plötzlich stehen, wäre sogar beinahe gestolpert.

Denn die Frau, die in seiner Eingangshalle stand, war jung und ziemlich hübsch, und als sie zu ihm aufblickte, sah er, dass sie die größten und schönsten grauen Augen hatte, die er je gesehen hatte.

Augen, in denen man ertrinken konnte.

Und wie man sich denken kann, benutzte Phillip das Wort ertrinken keineswegs leichtfertig.

2. KAPITEL

… und es wird dich sicher nicht überraschen, wenn ich dir schreibe, dass ich viel zu viel geredet habe. Ich konnte einfach nicht damit aufhören, aber so ergeht es mir ja anscheinend immer, wenn ich nervös bin. Da kann man nur hoffen, dass ich im Lauf meines zukünftigen Lebens weniger Anlass zur Nervosität habe.

(Eloise Bridgerton an ihren Bruder Colin anlässlich ihres Debüts in der Londoner Gesellschaft)

Dann tat sie den Mund auf. »Sir Phillip?«, fragte sie, und bevor er noch die Möglichkeit hatte, bestätigend zu nicken, stieß sie bereits in schwindelerregendem Tempo aus: »Tut mir furchtbar leid, dass ich hier so unangemeldet erscheine, aber mir blieb nichts anderes übrig, und, ehrlich gesagt, wenn ich einen Brief geschrieben hätte, wäre er vermutlich nach mir eingetroffen, sodass er gänzlich umsonst gewesen wäre, worin Sie mir sicher beipflichten, und …«

Phillip blinzelte. Ihm war klar, dass sie von ihm erwartete, ihrer Rede zu folgen, doch er wusste längst nicht mehr, wo das eine Wort aufhörte und das nächste begann.

»… lange Reise, und leider habe ich kein Auge zugetan, daher bitte ich Sie, meinen Aufzug zu entschuldigen, und …«

Ihm war schwindelig. Ob es wohl unhöflich wäre, wenn er sich setzte?

»… nicht sonderlich viel Gepäck dabei, aber es ging leider nicht anders, und …«

Diese Situation dauerte bereits entschieden zu lange, und es gab keinerlei Anzeichen, dass sie bald vorbei wäre. Wenn er sie noch einen Moment länger reden ließ, würde er ganz bestimmt eine Innenohrstörung bekommen, oder vielleicht würde sie vor Atemnot in Ohnmacht fallen und sich am Fußboden den Kopf aufschlagen. Wie auch immer, jedenfalls würde einer von ihnen eine Verletzung und ganz fürchterliche Schmerzen erleiden.

»Madam«, begann er und räusperte sich.

Wenn sie ihn gehört hatte, ließ sie es sich nicht anmerken, sondern erzählte stattdessen von der Kutsche, die sie bis zu seiner Schwelle befördert hatte.

»Madam«, versuchte er es noch einmal, diesmal ein bisschen lauter.

»… aber dann bin ich …« Sie sah auf und blickte ihn mit ihren überwältigenden grauen Augen groß an. Eine Schrecksekunde lang hatte er das Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren. »Ja?«, fragte sie.

Jetzt, da er ihre Aufmerksamkeit endlich errungen hatte, wusste er nicht mehr, warum er sich überhaupt darum bemüht hatte. »Äh«, fragte er, »wer sind Sie denn?«

Sie starrte ihn mindestens fünf Sekunden lang an, die Lippen vor Erstaunen geöffnet, und dann antwortete sie schließlich: »Eloise Bridgerton natürlich.«

Eloise war sich ziemlich sicher, dass sie zu viel redete, und sie wusste, dass sie zu schnell redete. Doch dazu neigte sie eben, sobald sie nervös war, und selbst wenn sie stolz darauf war, wie selten sie sich von Aufregung überwältigen ließ, schien jetzt der geeignete Zeitpunkt, diesem Gefühl nachzugeben und ihrer Zunge freien Lauf zu lassen. Und dazu kam noch, dass Sir Phillip – wenn dieser Bär von einem Mann vor ihr tatsächlich Sir Phillip war – ganz anders war, als sie erwartet hatte.