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Geboren 1920, im ländlichen Vorarlberg wächst der eher kränkliche und schwache junge Jakob Köberl im Zwiespalt der Generationen, Meinungen und politischen Interessen seiner Familie auf. In München lernt er Lisa kennen, welche ihn für den Rest seines Lebens begleiten wird. Durch sie findet er Halt, Sicherheit und Bestätigung. Als Köberl in Mauthausen als Aufseher und Assistent des Lagerarztes tätig ist entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zu einem Häftling. Die Geschichte des Jakob Köberl wird begleitet von Trug, Hass, bitteren Erfahrungen, scheinbar unlösbaren Aufgaben, Liebe und Leid, und Erkenntnissen, die oft unerwartet erscheinen. Wird Lisa Jakob retten können?
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Björn Haid
Briefe an Lisa
Eine phantastische Erzählung über das Leben des Jakob Köberl
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Einleitung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Impressum neobooks
Briefe an Lisa
Eine phantastische Erzählung über das Leben
des Jakob Köberl
In Erinnerung an all die Opfer des zweiten Weltkriegs.
Briefe an Lisa stellt eine fiktionale Begegnung dar. Erwähnte Personen sind zum Teil erfunden zum Teil entsprechen sie tatsächlich der Geschichte und sind somit Teil einer historischen belegten Vergangenheit. Die gewählten Schauplätze sind allesamt nicht erfunden, sondern tatsächlich existent.
Wir dürfen niemals vergessen.
Liebste Lisa,
Ich weiß nicht mehr wie viele Briefe ich Dir schon geschrieben habe, ohne eine Antwort von Dir zu erhalten und dennoch keimt mein Wunsch nach einem Wiedersehen immer stärker in mir auf.
Gedanken an unsere erste Begegnung helfen mir nachts nicht zu sehr zu frieren und dein Lächeln in meinen Träumen hilft mir all das Schreckliche um mich herum zu vergessen.
Ich träume davon eines Tages wieder mit dir vereint zu sein.
Ich träume davon, und ich habe inzwischen wirkliche eine sehr klare Vorstellung davon, wie ich heimkomme, meine Uniform blutig vom Kampf, mein Gesicht schmutzig, meine Erinnerungen blass und endlich sehe ich Dich.
Endlich sehe ich Dich wieder!
Dann wird das grau der Welt plötzlich wieder farbig.
Meine Empfindungen erwärmen den Augenblick und meine Augen leuchten, nur weil ich Dich endlich wiedersehe, meine liebste Lisa.
Ich spüre wie das Leben zurück in meinen Körper findet und wie mein Geist durch Deine blose Erscheinung wieder erwacht.
Dann unsere erste Umarmung.
So warm.
So zart.
So unerwartet.
So schön.
Diese Gedanken halten mich am Leben und erzwingen in mir den unerbittlichen Wunsch endlich wieder heim zu kommen.
Heim zu Dir!
Ich habe lange nichts mehr von Dir gehört oder gelesen und hatte in manchen Nächten tatsächlich die Angst, dass es Dir nicht gut gehen könnte.
Diese Angst raubte mir den Schlaf und bescherte mir kümmerliche Träume.
Träume welche mich wie in einem Wachkoma verfolgten und nicht zur Ruhe kommen ließen.
Doch ich versuchte dann immer an Dein Lächeln zu denken, an Deinen Stolz und an deinen Mut.
Ach, Lisa, wie sehr wünschte ich mir doch, ich hätte Deinen Mut.
Das Ziel liegt vor Augen.
Zumindest sagt man uns das andauernd.
Das Ziel sei nicht mehr fern.
Die Radioansprachen berichten vom Sieg.
Vom Endsieg.
Doch, liebste Lisa, ich weiß nicht ob ich daran nun noch glauben kann. Nach all dem was ich gesehen habe und nach all dem was ich getan habe.
Ich befürchte der Herrgott wird mir nicht vergeben können.
Keinem von uns, die wir hier sind.
Aber darauf zu hoffen, hatte ich schon längst aufgegeben.
Alleine Du musst mir vergeben, damit alles für mich einen Sinn ergibt, damit ich vergessen kann.
Vergessen ist alles was ich von diesen Schlachten mitbringen möchte.
Es tut mir so leid!
In ewiger Liebe
Jakob
Es gibt drei Seiten einer Geschichte.
Die der Sieger.
Die der Besiegten.
Und.... dann noch die Wahrheit.
Wie mir glaubhaft berichtet wurde, erblickte ich an einem Freitag das Licht der Welt.
Am Freitag, den 30. Januar 1920.
Genau zum Paukenschlag der Mittagsstunde.
Die Hebamme hatte es schwer mit meiner Geburt.
Irgendwie, so erzählte man mir, hatte Sie das Gefühl, dass ich mich weigern würde den Schutz des Leibes meiner lieben Mutter an diesem Tage zu verlassen. Beinahe so als ob ich gewusst hätte, was die Geschichte für uns vorgesehen hatte.
Mit meinem ersten Schrei zur Mittagsstunde und nach einer gründlichen kurzen Reinigung übergab mich die Hebamme meiner Mutter.
Ich spürte sofort die Wärme, die mir entgegengebracht wurde.
Hätte man mich danach gefragt, so hätte ich gesagt, dass ich mich geborgen gefühlt hatte. Was auch den Umstand erklären würde, dass ich, sobald ich von meiner Mutter in den Arm genommen wurde aufgehört hatte zu schreien.
Es sei still gewesen, so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können.
Das Personal und der Arzt hatten sich ratlos angeschaut.
Die Hebamme wollte schon auf meine Mutter zuspringen um mich ihr aus den Armen zu reißen, da sie befürchtet hatte, dass ich nicht mehr atmen würde.
Später erzählte mir meine Mutter über diese Situation, dass ich ihr direkt in die Augen blickte und sie konnte sehen, dass ich lächelte, was sie natürlich erwiderte.
Ich wuchs in unserem Haus, in welchem ich auch geboren wurde, unterhalb des Pfänders auf.
Unser Haus befand sich unweit des Stadtzentrums, in welchem mein Großvater einen Krämerladen bediente, welcher unsere gesamte Familie gut, auch während des Weltkriegs, über die Runden gebracht hatte. Ihm hatten wir es auch zu verdanken, dass wir stets genug zu essen hatten und nur ihm hatten wir es zu verdanken, dass wir unser Heim nicht verloren hatten.
So war ich, wenn man den Geschichten meiner Mutter Glauben schenken durfte, ein sehr ruhiges Kind. Spielsachen, welche man mir zu Hauf vor die Füße legte wurden generell eher von mir ignoriert. Ich war, so sagte man mir und meine Erinnerung scheint diese Erzählungen auch keine Lügen zu strafen, ein eher kränkliches, kleines und blasses Kind.
Zumindest kleiner und kränklicher als andere Kinder meines Alters, mit welchen ich während meiner eignen Kindheit schon nicht sonderlich viel anfangen konnte.
So war ich meist alleine, nicht einsam, wie man nun vielleicht hätte denken können.
Ich war gerne alleine.
Zuhause in meinem Zimmer malte ich mir meine eignen Geschichten aus.
Und trotz, oder eben gerade durch diese vermeintliche Einsamkeit erlernte ich sehr früh das Lesen.
Meine Lehrer in der Volksschule waren dann recht erstaunt, dass so ein kleiner, kränklicher Knirps wie ich bereits verschiedene Bücher der Hochliteratur kannte.
Natürlich war dieser Umstand auch meiner lieben Großmutter zu verdanken, welche mich des Nachts stetig mit verschiedenen Lektüren überhäuft hatte, wenn ich kein ruhiges Auge finden konnte und nicht einzuschlafen vermochte. Ihre sanfte Stimme brachte mich dann langsam mit den Geschichten des weißen Wals, der Schatzinsel, den Detektivgeschichten aus der Bakerstreet oder mit anderen spannenden Abenteuern in angenehmen Schlaf.
Oft träumte ich dann davon, wie ich Kapitän Ahab zur Seite stand und uns die Wellen um die Ohren schlugen oder wie ich mit Watson und Holmes in der Teeküche stand, eine Pfeife im Mundwinkel und über die neuesten Nachrichten schwadronierend, bevor Miss Emily in den Raum hereinplatzte und von einem tragischen Tod berichtete.
All diese Geschichten spielten sich so lebhaft in meinem Kopf ab, dass ich es einfach liebte von ihnen zu hören oder selbst zu lesen.
Alles war dann so real für mich.
Auch war es ihr zu verdanken, dass ich immer wieder mit neuer Lektüre beliefert wurde.
Des Winters, wenn der Herbst sich langsam der Kälte zu ergeben schien, klopften die Krankheiten leise und behaglich an meine Türe. Dann, wenn es wirklich kalt wurde und der Regen sich in Schnee wandelte wurden meine Anfälle, so wurden jede kleine Grippe, von meiner Großmutter genannt, häufiger.
Als dann der Schnee nicht mehr nur die Spitzen des Pfänders bedeckte, sondern das Wasser im Bodensee gefrieren ließ, war es um meine Gesundheit geschehen und ich musste oft wochenlang das Bett hüten.
Diese Erinnerungen trügen mein Bild einer schönen Kindheit.
Oft schämte ich mich, ob der Sorge die ich meiner Familie bereitete und wünschte mir einfach nur ein normales Kind zu sein, ein normales Kind, wie es in den schönen Büchern immer dargestellt wurde. Ein Kind mit Tatendrang, mit Eifer und Forscherwille, mit Erkundungsfreude, mit sportlichem Elan oder auch nur mit reichlicher oder zumindest genügender Gesundheit.
Doch ich war eben anders.
In der Schule wirkte ich für meine Lehrer als sehr verschlossen, nicht besonders aufgeweckt und auch, mit Ausnahme meiner Lesefähigkeit, nicht sonderlich begabt.
Es war deshalb kein Wunder, dass meine lieben Eltern immer wieder zum Schulleiter zu einer Unterredung bestellt wurden.
Die Themen, so mutmaße ich heute, waren wohl immer dieselben.
Unaufmerksam.
Uninteressiert.
Einzelgänger.
Zu Verträumt.
Wenn ich alleine im Flur der Schule, direkt vor unserem leeren Klassenzimmer saß um auf meine Eltern zu warten, während sich diese vom alten Schulleiter immer und immer wieder dieselbe Predigt anhören mussten, konnte ich an den Gesichtern meiner lieben Mutter immer so etwas wie Mitleid oder Sorge erkennen.
Das Gesicht meines Vaters hingegen zeugte immer ein wenig von Abschätzigkeit, vielleicht aber auch nur von Verwunderung, dass ich so gar nicht geraten war, wie er sich dies erhofft oder erwartet hatte.
Ich stellte diese Ausdrücke jedoch nie wirklich in Frage.
Nun ja, vielleicht doch, wenn ich mich recht erinnere, hatte ich im Laufe meiner Jugendjahre immer mehr versucht den Vorstellungen meines Vaters zu entsprechen.
Davon jedoch später mehr.
Es war der 2. April 1923 als mein Großvater aufgebracht nach Hause kam und berichtete, dass sein guter Freund, Herr Rosental heute nicht in seinen Laden kam um, so wie jeden Montag eine Lieferung seines selbstgebrauten Bieres zu bringen, welches die Kunden meines Großvaters so schätzten.
Er konnte es nicht verstehen, dass ein so zuverlässiger Mann, wie der Rosental auf einmal nicht mehr gekommen war um seine Ware zu bringen.
Dies könne nur mit einer plötzlichen Krankheit Rosentals einhergehen, anders sei dies nicht zu erklären.
Großvater meinte er würde für die Gesundheit des treuen Rosentals beten und hoffte am folgenden Tage irgendein Lebenszeichen von ihm zu bekommen. Eine ganze Weile irrte Großvater im Haus einher und verfluchte die Zeit in der wir lebten.
Nun, da es nun endlich wieder einen Aufschwung seit dem letzten Krieg geben würde, gehe ihm das Bier aus und der Rosental wird Krank ohne seine Erlaubnis oder zumindest ohne vorherige Information an seine Abnehmer.
Das ginge so auf keinen Fall.
Was wenn jeder so eigennützig wäre, das System wäre gefährdet.
Höchst gefährdet.
Dann wieder drehte sich Großvater im Kreise und jammerte, dass Herrn Rosental auf Gottesgeheiß doch wohl nichts zugestoßen sei.
Großmutter beruhigte ihn.
„Morgen wird er wieder da sein, du wirst schon sehen. Morgen ist alles wieder gut.“
Etwas beruhigt setzte sich Großvater auf sein Kanape, lagerte die Füße hoch und begann, wie jeden Abend, nach langer Arbeit, seine große Zeitung aufzuschlagen. Dies tat er jedes Mal mit demselben Ritual, mit geschlossenen Augen und dem Kopf nach oben gestreckt und dem Anruf beim Herrgott persönlich, dass nichts Schlimmes wieder passiert sein möge.
Großvater hatte noch nicht einmal die ersten Zeilen gelesen, da sprang plötzlich die Türe auf.
Mein Vater stand im Rahmen, erhob seinen rechten Arm und rief irgendein Gewäsch, zumindest nannte es Großvater so, als er auf ihn zusprang, die Türe hinter Vater zu riss und ihn einen Taugenichts nannte, der jeder kleinen Kummerfliege nachrennen würde, sollte die ihm irgendeinen Gewinn versprechen für sein Nichtstun.
„Endlich wagt es einer die Wahrheit zu sagen!“, rief er, mit noch immer erhobener, doch sichtlich von Großvaters Tat auf seinen Überfall erschrockener Mine. „Endlich!“
Er hielt ein Flugblatt in der Hand, welches ihm Großvater sofort aus der Hand riss um es zu lesen.
„Bist du des Wahnsinns?“ schrie Großvater, während er wütend mit dem Papier in seiner Hand herumfuchtelte, „solche Parolen, solche Hetzschriften kenne ich nur zu gut“!
Mit gekonntem Schwung warf er das Blatt ins Feuer.
Glutrot flackerte es im Ofen.
„Du wirst eine solche Bewegung nicht aufhalten können! Du und dein kleinkariertes Krämertum, du nicht und auch deine Judenfreunde nicht!“
Dann drehte sich Vater im Schritt, öffnete die Eingangstüre mit einem kräftigen Ruck, so dass ein Windstoß das letzte Stückchen des Flugblattes aus dem Feuer fegte, welches sanft auf dem Holzboden landete, schritt hinaus und schmiss die Türe wieder hinter sich zu.
„Kauft nicht vom Jud...“ der Rest war Opfer der Flammen geworden.
Großvater nahm das Blatt, setzte sich wieder, als Großmutter, des lauten Lärmes wegen aufgebracht ins Zimmer kam.
„Woher hat der Junge nur diese Dummheiten?“
Murmelte Großvater und ich könnte schwören ich konnte eine Träne in seinen Augen sehen. Großmutter lächelte ihn an, setzte sich neben ihn, streichelte über seinen Rücken und sagte dabei kein Wort.
Wie Großvater berichtete war Rosental am darauffolgenden Tage auch nicht erschienen und auch nicht die Woche darauf.
Rosental war verschwunden und das blieb er auch weiterhin.
Kein Lebenszeichen, keine Nachricht, nichts.
Die Tage vergingen und Vater pflegte nun immer sehr lange außer Haus zu bleiben und erst spät nachts, meist begleitet von einer Fahne billigen Alkohols, wieder nach Hause zu kommen.
In den kommenden Wochen brachte Vater, während sich Großvater um seinen Laden kümmerte, immer wieder verschiedene Männer mit nach Hause. Diese diskutierten dann den ganzen Tag, oft bis spät in die Nacht hinein.
Das zog sich eine ganze Weile so.
Während sich die Männer unterhielten blieben Mutter und Großmutter der Stube fern und bereiteten das Essen zu. Oftmals so ausgedehnt, dass sie es ja kein einziges Mal wagen mussten in die Stube zu kommen.
Meinem Großvater wurde hiervon nichts berichtet.
Das Essen wurde, wie immer um achtzehn Uhr dreißig serviert, eben dann, wenn Großvater sein Geschäft geschlossen hatte und seinen Weg nach Hause getan hatte.
Es war ein Freitag im Mai, als angekündigt wurde, dass eine Versammlung vor der Nepumukkapelle stattfinden würde, welcher Vater unbedingt beizuwohnen gedachte.
Er wünschte sich auch die Teilnahme seiner Frau und seines Sohnes, denn nur dort würde die freie Welt endlich die absolute Wahrheit sprechen und auch wir würden diese erkennen.
Großvater war strikt dagegen, dass Mutter und ich auch mitkommen würden. Er, mein Vater, habe sein Leben ja eh schon verschrieben und somit weggeworfen, das müsse er nun nicht auch noch seinem Kinde antun, und damit der ganzen Familie.
Es entbrannte ein lauter Streit, bei dem Vater Großvater als Judenfreund, Miesepeter und Hetzetreiber beschimpfte.
Dann wurde ich auf mein Zimmer geschickt ohne zu wissen was an einem Judenfreund so schlimm sein sollte.
Nur an Vaters Stimme konnte ich den Unterton der Beleidung erkennen.
Wir nahmen alle an der Versammlung teil.
Großvater nicht.
Heute kann ich mich nicht mehr an die Worte, der dort lautstark schimpfenden Sprecher erinnern, wahrscheinlich möchte ich das auch gar nicht.
Ich weiß nur mehr so viel: Mein Vater war begeistert.
Er strahlte über das ganze Gesicht.
„Ja genau!“ und „Richtig!“ waren die Worte die an jenem Nachmittag ständig über seine Lippen kamen. Seine Worte bekräftigte er mit einer wütenden Faust, die er über seinen Kopf stetig hin und her schwang.
Ob der guten Laune und seines Enthusiasmus angesteckt empfand auch meine Mutter irgendeine Art des Wohlwollens und lächelte meinen Vater an, so wie sie es wohl schon lange nicht mehr getan hatte.
Sie hielt seine Hand, welche nicht wie eine Fahne nach oben ragte, und tat ihm mit der anderen Hand gleich.
Ab diesem Zeitpunkt ändert sich vieles bei uns zuhause.
Vater und Großvater sprachen nur mehr sehr wenig miteinander, sofern dies überhaupt möglich gewesen war, denn viel unterhielten sie sich auch zuvor nicht.
Vater und Mutter hingegen flammten regelrecht zusammen auf, so als ob sie einem gemeinsamen Feind endlich auf die Schliche gekommen waren.
Alleine der Umstand meine Eltern in solcher Eintracht zu sehen machte mich glücklich.
Die kommenden Jahre war ich, wer ich immer war.
Klein, kränklich und sehr von meinen Großeltern umsorgt.
Meine Eltern waren hingegen immer seltener zuhause, sie seien zu sehr mit der Partei beschäftigt, erklärten meine Großeltern, ohne jedoch weiter darauf einzugehen.
Ich hinterfragte diese Aussage auch nicht.
Die Winter kamen und meine Krankheiten meldeten sich zurück.
Bei jeder kleinen Erkältung bekam ich von meiner Großmutter, ein Buch geschenkt, welches sie, bei jedem Wetter, egal wie sehr der Wind auch brauste und wie sehr es draußen stürmte, zu Fuß in der Stadt oder im Nachbarort besorgte.
Ich las große Romane, witzige Erzählungen, amüsante Geschichten und von wahren Abenteuern.
Mit dreizehn hatte ich eine beachtliche Sammlung an schönen Werken, auf welche ich wirklich sehr stolz war.
Freunde hatte ich wenige, doch Robinson Caruso und Captain Ahab entführten mich des Nachts, oder bei Krankheit immer in Welten von denen ich am liebsten nicht zurückgekommen wäre.
Die letzten Seiten eines Romans waren für mich immer mit Wehmut getragen und so hatten sie immer den bitteren Beigeschmack eines Abschieds.
Wenn ich das Buch im Regal versorgte, versprach ich den Protagonisten immer, dass es kein Abschied auf ewig wäre, und ich ihre Reise nochmals, in naher Zukunft, inhalieren würde, obgleich wir dieselben Abendteuer zusammen nochmals erleben würden.
Dann folgte eine Wende in meinem Leben.
Der 30. Mai 1933.
Inzwischen besuchte ich die Handelsschule und wollte, obwohl man mir bereits in der Grundschule keine Talente zuschrieb und keinerlei Begabung, Kaufmann werden, ebenso wie mein Großvater.
Am Abend jenes Tages flog die Türe auf, mein Vater rannte, schnaubend und keuchend mit einer großen Kiste durch unser Haus.
Großvater, der wohl ahnte was geschehen würde, versuchte ihn aufzuhalten.
Er nahm ihn am Arm, zog ihn zu sich und schrie ihn lauthals an, dass dieser Unfug nun endlich ein Ende zu haben hatte.
Vater riss sich los.
Nicht aufzuhalten rannte er zielstrebig in mein Zimmer.
Großvater hinterher.
Dann hielt er meinen Vater abermals am Arm.
Dieser Tag war das einzige Mal, dass ich meinen Großvater derart wütend erlebte. Er packte nicht nur meinen Vater am Arm, schrie ihn an, er holte weit aus und schlug ihm Mitten ins Gesicht, damit er endlich aufwachen möge, wie er lauthals von sich gab, als mein Vater zu Boden ging.
Mutter rannte zu Vater um ihn von dessen Vater zu schützen.
Großmutter kam ins Zimmer gerannt und versuchte Großvater zu beruhigen, als dieser bereits mit hängenden Schultern und kopfschüttelnd den Raum verließ.
Vater war von seinem Vorhaben nicht abzuhalten.
Es war gegen neunzehn Uhr fünfundvierzig, draußen wurde es bereits dunkel.
Nun endlich wurde mir klar was Vater vor hatte und Großvater weise bereits vorausgesehen hatte.
Vater nahm all meine, mir so lieb und teuer gewordenen Bücher vom Regal.
Mit leeren und bösen Augen blickte er mich an, wie ein Adler der sein Opfer ausgespäht hatte, „es wird Zeit, dass du endlich erwachsen wirst!“ schnaubte er mich in kaltem, herzlosen Ton an.
Ich wollte ihn aufhalten.
Ich versuchte zu schreien, doch ich konnte nicht, so gelähmt war ich.
Meine Mutter nahm mich in den Arm und ließ Vater gewähren.
Ich schluchzte in mich hinein.
Mehr konnte ich in diesem Moment nicht tun.
Großmutter stand da.
Fassungslos.
Und sagte kein Wort.
Schließlich waren alle meine Bücher im Karton verschwunden.
Zufrieden richtete sich mein Vater auf.
„Diesen Schund brauchen wir in einem deutschen Haushalt nicht!“
Er nahm den Karton und verließ das Haus.
Zurückblieben meine Großeltern, Mutter und ich.
Allen saß ein Kloß im Hals und die bittere Ahnung, dass die Welt nicht mehr so sein wird, wie sie einst war.
„Was macht Vater mit meinen Büchern?“ traute ich mich schließlich zu fragen.
Traurig drehte sich Großmutter mit gesenktem Blick zu meiner Mutter, welche mich noch immer im Arm hielt, und sagte leise, „die Nazis vernichten unser Erbe und unsere Geschichten, so dass nichts mehr bleibt von der Erinnerung.“
Dann wusste ich Bescheid.
Wochen später hatte ich erfahren, dass die Männer, welche bei der Veranstaltung vor der Nepumukkapelle wütend predigten, es den Parteifreunden aus Berlin gleichmachen wollten und alles, ihrer Meinung nach nicht lesenswerte verbrannten.
Schundliteratur nannten sie es.
Großvater saß auf seinem Stuhl, sein Blick war leer. Leise sprach er, und nun weiß ich wie recht er hatte, doch an diesem Abend waren seine Worte, wohl nur für ihn selbst gedacht, „Wo man Bücher verbrennt, da verbrennt man am Ende auch Menschen...“
Ich hatte seit dem Vorfall im Mai nicht mehr gelesen und verbrachte meine Zeit viel im Freien und noch mehr Zeit verbrachte ich mit meinem Vater, welcher mich auf jede „Veranstaltung“ mitnahm.
Ich hatte gelernt, dass es meinem Vater Freude machte, wenn er mich bei sich hatte und wenn ich genau das tat was ihn begeisterte.
Und schließlich war es doch das, was ein heranwachsender Jugendlicher wollte, seinem Vater gefallen.
Ich muss zugeben, dass mich seine Begeisterung auch irgendwann ansteckte.
Wir hatten das Haus am Fuße des Pfänders verlassen.
Meine Großeltern waren jedoch dortgeblieben. Meine Eltern meinten, dass es im Sinne der Partei sei, wenn wir uns auf den Anschluss vorbereiten würden.
Eben genau das, was auch die Schreihälse bei den Veranstaltungen immer sagten.
Und ich zum damaligen Zeitpunkt nicht verstanden hatte, und Großvater, wie Vater meinte, wohl nie verstehen würde.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern gar keine eigene Meinung mehr hatten, falls sie diese je hatten, nun war sie vollends verfolgen.
Und zunehmend merkte auch ich bei mir selbst, dass dies mit mir geschah.
Oft dachte ich an meine Großeltern, doch diese wurden von uns nur sehr selten besucht. Auch Großvaters Krämerladen mieden wir und kauften nur mehr in einem Laden eines gewissen Herrn Braun ein, welcher auch immer über die neuesten Nachrichten verfügte und alle nur wünschenswerten Zeitungen druckfrisch aufgelegt hatte.
Im Herbst, ich weiß heute den Monat oder gar den Tag nicht mehr, beschlossen meine Eltern nach München umzuziehen. Die Distanz sei nicht weit, man könne immer wieder zurück, und man könne ja die Großeltern besuchen, wenn es die Zeit zuließe, und man sei doch der Partei verpflichtet. Zumindest wäre man so näher beim Führer und könne den Wandel der Zeit wahrhaftig mitverfolgen.
Weihnachten 1934 feierten wir in einer kleinen, angemieteten Wohnung in Unterhaching bei München.
Der Vermieter war ein mürrischer Mann.
Nicht groß gewachsen und wirkte, zumindest auf mich, recht unsympathisch.
Vater fuhr täglich mit der Tram nach München Stadt. Er wüsste, so sagte er fast täglich, dass es viel zu tun gäbe für die Partei, und dass Menschen wie wir es sind hier nur allzu gerne gesehen werden.
Großvater geriet immer mehr in Vergessenheit.
Auch Großmutter und das Haus am Pfänder.
Meine Erinnerungen an die großen Erzählungen, welche ich als Kind so geliebt hatte, und mich in Gesundheit und Krankheit begleiteten und nie alleine ließen, verblassten immer mehr, bis ich mich schließlich gar nicht mehr an meine Helden aus meinen Kindheitstagen, in meinen geliebten Büchern erinnern konnte, und diese nur mehr verblassende Schatten meiner Vergangenheit waren.
Auf Wunsch meines Vaters schloss ich mich der Hitlerjugend an.
Mein Vater drängte darauf, da es sich für einen anständigen Deutschen gehöre.
Zudem sei dies ja Parteipflicht.
Und Parteipflicht war Gesetz!
So tat ich wie mir geheißen.
Neben der Schule und der HJ hatte ich kaum noch irgendwo zu Zeit. Ich verbrachte meine Tage mit der Lehre der Rassen und weltanschaulichen Schulungen, vor allem an Heimnachmittagen, meist mittwochs und mit Sport, welcher sich vor allem daran ausrichtete richtig mit einem Gewehr umzugehen.
Dies vor allem samstags.
Zunehmend bemerkte ich den Stolz meines Vaters, da ich kein kleiner kränklicher und schwächlicher kleiner Junge mehr war, sondern zu einem Manne heranwuchs.
Dies sei, so meinte Vater, einzig und allein der Partei zu verdanken. Denn ohne jene hätte ich nie im Leben selbst Sport betrieben und mich entsprechend den Lehren der NSDAP weitergebildet.
Es sei eine Schande, und dafür gebe er sich selbst die meiste Schuld, dass er mich so lange bei seinen liberalen Eltern hatte aufwachsen lassen, welche mich verweichlicht hätten und zu sehr mit befremdlichen Gedanken – damit meinte er meine geliebten Bücher, welche ich von den Großeltern geschenkt bekam – gefüttert hätten.
So hätte ja nie ein Mann aus mir werden können.
Zum Glück, oder eher Gott- oder noch mehr Partei-sei-Dank habe er mich aus ihren über-liberalen Fesseln durch eigene Kraft befreien können.
Nur Gott allein (oder die Partei) wüsste sonst was aus mir geworden wäre, sicherlich aber kein guter Mensch.
Und schon gar kein richtiger Mann!
Meinen 15. Geburtstag feierten wir – auf meinen ausdrücklichen Wunsch – und auf Vaters ausdrücklichen Widerwillen – bei meinen Großeltern.
Beinahe ein ganzes Jahr hatte ich die Beiden nun nicht mehr gesehen, und mir wurde richtig warm ums Herz, als mich meine Großmutter in den Arm nahm.
Großvater kam sehr spät nach Hause.
Er begrüßte mich überschwänglich, und ich war so unbeschreiblich glücklich ihn wieder zu sehen.
Vater und Großvater nickten sich nur zu, wie zwei Fremde, kein Lächeln auf den Lippen.
Sie sprachen auch während unseres gesamten Aufenthaltes nicht miteinander.
Großmutter erklärte mir, dass es nur damit zu tun habe, dass sie sich nicht streiten wollten, und dieses Schweigen von Beiden nur gut für uns alle sei.
Zu meinem Erstaunen hatte sich Großvater sehr verändert.
Er hatte sich einen Bart wachsen lassen.
Sein Gesicht war über uns über mit Haaren bedeckt.
Man könnte beinahe meinen der Nikolaus höchstpersönlich stünde vor einem.
Und abgenommen hatte er auch.
Stark sogar.
Wenn ich heute darüber nachdenke, wäre ich sogar geneigt zu sagen, er bestand nur mehr aus Haut und Knochen. Aus dem einstigen, mir so vertrauten Wirbelwind war ein leises Lüftchen geworden.
Die Sorgen stünden ihm ins Gesicht geschrieben meinte Mutter zu meinem Vater und ob dieser sich nicht nun endlich wieder aussöhnen wolle, mit seinem eigenem Vater.
„Nur, wenn dieser alte Idiot endlich zur Wahrheit steht!“ hatte er gemeint, und glaubte dabei meiner Mutter zuzuflüstern, ich bin mir aber sicher, dass jeder im Raum ihn gehört hatte.
Großvater sagte nichts.
Er lächelte nur gequält in meine Richtung.
In seinen Augen konnte ich erkennen, dass er Schmerzen empfand.
Ich erzählte ihm von der Hitlerjugend, vom Sport den ich nun machte, von meinen Erfolgen, davon, dass mein Vater mich immer mitnahm, und mich mit Stolz seinen Kameraden, oder wie er sie nannte, seinen Volksgenossen, vorstelle.
Doch ich hatte nicht den Anschein, als würde ihn das erheitern, vielmehr plagte mich das Gefühl, dass ich ihn damit belasten würde, sobald ich es ausgesprochen hatte, denn er lächelte nur gezwungen, nickte mit dem Kopf und sagte kein Wort dazu. Der Glanz in seinen Augen war verblasst und ich konnte ihm ansehen, dass er seinen eigenen Kampf verloren hatte.
Dann war es still.
Am nächsten Tag fuhren wir mit der Eisenbahn wieder nach München.
Im Zug meinte Vater noch, wie froh er doch sei, dass wir bald wieder nach Hause kommen würden. Wie froh er sei, dass er dieses leidige liberale Geschwätz und die Schwarzmalerei seines Vaters nicht mehr hören könne, und dass es in München doch so viel besser sei.
Mutter meinte nur, dass es doch nett war, dass es schön sei, wenn man eine Familie habe und wenn man sich mit dieser verstehen würde.
Vater verdrehte die Augen.
Frühling 1934
Sommerjugendspiele in München.
Und ich war anwesend.
Ich nahm sogar teil, rechnete mir aber keine großen Chancen aus.
Mutter meinte, dass ich mich nicht überanstrengen solle, denn ich wisse doch, wie es um meine Gesundheit bestellt sei, außerdem sei Dabeisein doch alles.
Das baute mich auf.
Vater tat dies ab und meinte, dass der zweite Sieger bereits der erste Verlierer sei.
Er erwarte weitaus mehr von eigenen Blute!
Das schlug mich nieder.
Wie dem auch sei.
Der Sommer war schön, die Sonne schien herrlich an diesen Tagen, und es wurde sogar davon gesprochen, dass der Führer höchstpersönlich den Beginn der Spiele einleiten werde, was mich unter diesen Umständen, meinen Vater aber noch viel mehr, erfreute.
Ich war aufgeregt, erstmals in meinem Leben nahm ich an einem sportlichen Wettkampf teil und dann auch noch an einem so Großen.
Die Nächte vor dem 3. Juni 1934 konnte ich kaum schlafen, ich wandelte des Nachts durch unsere kleine Wohnung in der Leipzigerstrasse in Unterhaching bei München.
Unsere Wohnung war durchwegs sehr bescheiden, kaum zu vergleichen mit dem Haus am Pfänder meiner Großeltern, sie bestand kaum mehr als aus einem kleinen Raum, den wir als Esszimmer nutzten, einer kleinen Küchennische, einem kleinen Zimmer in dem meine Eltern schliefen und ein noch kleineres Zimmer, welches ich nutzte.
Durch die Enge unserer Wohnung war es mir des Nachts nicht möglich mich weit zu bewegen, doch es genügte mir um meinen Kopf frei zu bekommen, frei von Gedanken an meine, und da war ich mir sicher, bevorstehende Niederlage.
Die Spiele gingen vorüber, und ich hatte nicht gewonnen.
Um ehrlich zu sein, hatte ich auch nicht teilgenommen.
Auch wenn ich mich in den folgenden Jahren allzu gerne an einen ruhmreichen Tag erinnert hätte, so muss ich jedoch zugeben, dass ich an jenem Tag an einem heftigen Asthmaanfall litt.
Zum ersten Mal in meinem Leben.
Weitere würden jedoch folgen.
Vater war an diesem Morgen, als ich wegen meiner heftige Hustenanfälle immer wieder nach Luft ringen musste und sich Mutter schon Sorgen um mein Wohl und mein Leben machte, als sie meine bereits blau angelaufenen Lippen sah, so wütend, wie ich ihn noch zuvor nie erlebt hatte.
Er beschimpfte lauthals meine Mutter und ihr unreines Blut, ihre Herkunft und ihre lasche Art, denn nur von Ihrem „Gengut“ könne ein so miserabler, missratener und schwächlicher Junge abstammen, der sich gleich seiner Gram, seiner Angst und seiner Schande hinter einem lausigen Hustenanfall verstecken würde, um nicht bei den Spielen teilnehmen zu müssen.
Dergleichen sei eine Schande, die man niemandem erzählen dürfe.
Außerdem sei der Hustenanfall, und das würde jeder Arzt bestätigen, nur gespielt, damit ich mich nicht der Schande des Verlierers ergeben müsse. Es stünde eindeutig und ohne Widerrede fest, meinte er, dass wenn ich teilgenommen hätte, ich sicherlich der schlechteste von allein Teilnehmern gewesen wäre, schwache Mädchen eingeschlossen.
Sicherlich wäre ich eine Schande für Vaterland und Nation und nur weil ich das gewusst hätte, und mich eben dafür schon heute schämte, sei ich derart nahe dem Tode.
Was vermutlich sowieso besser für alle wäre.
Mit diesen Worten schmiss er die Türe hinter sich zu.
Mutter kochte mir einen Tee, den ihr Großmutter für mich mitgegeben hatte, dieser sei ein Geheimrezept ihrer Mutter, und diese hatte das Rezept wieder von Ihrer Mutter, usw. Er würde bei jeder Krankheit sofortige Linderung versprechen.
Mutter sollte aber Vater ja nichts davon sagen, so repetierte meine Mutter Großmutters Worte und lächelte dabei zart, denn sonst würde er sie gleich als Hexe beschimpfen und eben das wolle doch niemand.
Wochen vergingen und Vater hatte mich auf keine Veranstaltung mehr mitgenommen, da er sich wegen meiner Feigheit schämen würde, und um sich und letztlich auch mich vor dem Gespött der Parteigenossen zu schützen, da er diese auf keinen Fall ob meiner Feigheit und meinem vorgetäuschten Hustenanfall, oder was immer das wohl gewesen sein wolle, belügen werde.
Zumindest hatte er es mir so erklärt, als ich ihn fragte, ob ich ihn denn wieder begleiten dürfe.
Im Juni und auch noch im Juli dieses Jahres war mein Vater sehr aufgeregt.
Ich hatte ihn noch nie in einem solchen Delirium gesehen, und wenn ich heute darüber nachdenke, dann kam er mir mehr vor wie ein aufgeregtes Schulmädchen, welches über ihren ersten wirklichen Schwarm berichtete, als ein gestandener Mann, welcher sich über die politischen Ereignisse hätte unterhalten wollen.
Am 31. Juli standen die Reichtagswahlen an.
Hitler müsse nun endlich Gehör finden.
Die NSDAP werde diese Wahlen gewinnen, ein anderer Ausgang sei ja schon fast Blasphemie.
Vater sollte Recht behalten, Hitler gewann diese Wahl, wenn auch unter sehr fragwürdigen Umständen, wie meine Mutter mir im Geheimen erzählte. Vater dürfe von dieser Unterredung selbstverständlich nichts erfahren.
Vater war glücklich.
Und das war es, was für mich tatsächlich zählte.
Er nahm mich wieder mit auf Veranstaltungen.
Die Sommerspiele waren vergessen.
Und ich durfte meine Freunde bei der Hitlerjugend wieder besuchen.
Alles war nun gut.
Dachte ich!
Die Jahre vergingen, die Juden wurden in sogenannten Arbeitslagern untergebracht, damit sie unsere Wirtschaft nicht mehr schädigen würden.
Was wohl aus Herrn Rosental geworden war, hatte ich mich zu jener Zeit kurzfristig gefragt. Ob dieser wohl auch in einem Arbeitslager nun Bier für das Allgemeinwohl brauen würde und ob er meinen Großvater seit jenem Tag im April 1923 wieder besucht hatte.
Ich beließ meine Gedanken und fragte nicht weiter nach.
Herrn Rosental ging es bestimmt Bestens.
Nicht so meinem Großvater.
Im Sommer 1936 musste er seinen geliebten Laden schließen.
Die Fensterscheiben seines Krämerladens wurden von Nazischergen, wie meine Mutter sie nun nannte, beschmiert. Dann wurden sie eingeschmissen.
Das gesamte Inventar wurde entwendet.
Die Regale wurden umgeschmissen, die Wände wurden mit „Judenfreund“, „Verräter“ und reichlich anderen obszönen Gesten beschmiert.
Sicherlich von Juden selbst, wie mein Vater meinte, um die Schuld auf Andere zu lenken.
Denn Angriff sei immerhin die beste Verteidigung, das wisse nun jawohl jeder.
Mutter schüttelte nur den Kopf.
Tatsächlich sagte sie in den letzten Monaten und vielleicht sogar Jahren nicht mehr viel zu den politischen Vorstellungen und der beinahmen Besessenheit meines Vaters.
Herrn Braun, bei welchem wir fortan in Bregenz Kunden waren, seit dem Streit meiner Großeltern mit meinem Vater übernahm das Geschäft, ohne Ablöse, wie es hieß.
Die letzten Reste der Waren, welche noch vorhanden waren wurden Herrn Braun als Entschädigung überlassen, da das Geschäft neu aufgebaut hatte werden müssen.
Zudem musste Großvater auf das gesamte Eigentum des Geschäftslokals verzichten, welches er zuvor investiert hatte.
Außer Schulden war ihm nichts geblieben.
Von Trauer und Kummer gedrückt machte sich mein Großvater jeden Tag auf den Weg in die Stadt, er besuchte die Nepumukkapelle, den Kornmarktplatz und sein Weg führte ihn auch immer an seinem alten Krämerladen vorbei.
Hie und da begegnete er seinen alten Kunden, welche sobald sie ihn sahen ihren Krägen hochzogen oder ihren Hut tiefer zogen, so dass sie ihn nicht zu grüßen brauchten.
Aus einem respektablen Mann im Geschäftsleben einer kleinen Stadt war ein Niemand geworden.
Ein Niemand, den man nicht einmal mehr zu grüßen brauchte.
Ein Niemand.
Der Winter begann 1936 recht früh, die Tage wurden kürzer, die Nächte länger und auch kälter.
Meine Großeltern hatten keinen Heller mehr, seit ihr Geschäft an Herrn Braun übereignet wurde.
Schweren Herzens beschlossen Sie in diesem Winter ihr geliebtes Haus am Pfänder zu verkaufen, um sich am Rande der Stadt nach einer kleineren Wohnung umzusehen.
Als ich von diesem Entschluss gehört hatte, brach eine kleine Welt für mich zusammen.
Immerhin war ich in diesem Haus geboren und hatte auch dort einen großen Teil meines bisherigen Lebens verbracht.
An dieses Gespräch zwischen Mutter und mir kann ich mich noch heute gut erinnern. Vater war bei einer Parteitagung und Mutter erzählte mir was in Bregenz geschehen war.
Unter Tränen versuchte ich eine Lösung des Problems zu finden.
Wie ein kleines, in die Falle geratenes Tier versuchte ich verzweifelt mit meinen kleinen, bescheidenen und doch tatsächlich nicht vorhandenen Möglichkeiten meinen Großeltern zu helfen.
„Ich schicke Ihnen mein Taschengeld!“
„Ich gehe Arbeiten, jeden Tag und schicke das Geld Großvater!“
„Ich esse nichts mehr, schickt alles was ihr Euch wegen mir spart Großvater!“
Doch es half nichts.
Ich hatte keine Möglichkeit meinen Großeltern von München aus zu helfen, deshalb bat ich meine Mutter umgehen, oder zumindest an Weihnachten zu den Großeltern fahren zu dürfen, damit ich ihnen vor Ort helfen könne.
Wir könnten Ihnen ja auch Geld schicken oder Essen oder irgendetwas, wiederholte ich meine Vorschläge, immer und immer wieder.
Mutter hatte Tränen in den Augen.
Mit den Händen machte sie eine Geste, die mich wissen ließ, dass ich ihr näherkommen soll, dass ich sie in den Arm nehmen soll.
Und das tat ich dann auch.
Wir hielten uns eine kleine Ewigkeit in den Armen und weinten beide.
Aber Lösung fanden wir keine.
Später ging ich zu Bett.
Kurz vor Weihnachten erhielten wir ein Telegramm aus Bregenz.
Ich war ganz aufgebracht und wusste es konnte nur von Großvater sein.
Sicherlich hatte er seinen Laden zurückbekommen.
Sicherlich war Rosental wieder mit einer Lieferung Bier bei Ihm, denn es war ja Mitte Woche.
Ich war mir so sicher, dass Großvater genau dieses berichten wollte.
Ich nahm das Telegramm vom Postboten entgegen.
Es war verschlossen in einem kleinen Kuvert, welches ich freudestrahlend meiner Mutter übergab.
„Mutter, Mutter, Nachricht von Großvater!“ rief ich, als ich die Treppen zu unserer Wohnung hocheilte.
„Großvater geht es sicher wieder gut!“, kaum, dass ich die Treppen nicht nach oben stolperte, so aufgeregt war ich.
Mutter stand schon im Flur und nahm mir das Kuvert aus der Hand, dann ging sie damit ins Esszimmer, setzte sich auf einen Stuhl und öffnete es.
„Was schreibt er?“
„Wie geht es Ihnen?“
„Mutter, was schreiben sie denn?“
Im Gesicht meiner Mutter konnte ich sehen, dass es keine guten Nachrichten waren. Sie hatte das Telegramm lange in der Hand, und ich konnte durch das dünne Papier sehen, dass nicht viel darinstand.
„Mutter?“
Langsam, mit tief nach unten gezogenen Mundwinkeln und feuchten Augen nahm sie mich am Arm, zog mich sanft zu ihr.
Dann umarmten wir uns.
Noch immer wusste ich nicht was in dem Telegramm stand und langsam überkam mich ein kalter Schauer, gefolgt von Angst und dann von Zorn, dass sie mich so im Dunkeln ließ.
Ich befreite mich aus ihrer Umarmung und nahm das Telegramm.
„Müssen das Haus räumen – Stopp - Vater Grippe – Stopp – schwer krank – Stopp – Gestern verstorben – stopp“
Mehr stand da nicht.
Großvater war tot.
Das kann nicht sein.
Das darf nicht sein.
Ich warf das Telegramm auf den Tisch
Ich schrie meine Mutter an, welche meine Worte, derer ich mich nicht mehr erinnern möchte, nicht zu hören schien.
Dann stand sie auf, nahm ein Glas Wasser und trank daraus.
Ohne ein Wort zu sagen.
„Großvater ist tot!“ schrie ich auf sie ein.
„Tot!“, schrie ich immer und immer wieder.
„Und wir sind schuld! Du bist schuld!“
Mutter sagte noch immer kein Wort.
„Wir hätten bei Ihnen sein sollen, wir hätten ihnen helfen sollen! Und wir haben nichts getan, gar nichts!“
Ich musste mich setzten.
Mutter stand noch immer an der Küche, mit ihrem Wasserglas in der Hand und sagte kein Wort.
Dann, ich konnte es an ihrem Mund erkennen, schluckte sie erst den Schluck Wasser, den sie genommen hatte und kam auf mich zu um sich neben mich zu setzten.
„Es tut mir so leid.“ sagte sie leise.
„Es tut mir so leid, Jakob.“
Mehr sagte sie nicht.
In Ihrem Blick erkannte ich, dass sie meine Worte verletzte hatten und das tat mir nun leid.
Ich nahm sie in den Arm und wir weinten beide.
Wir weinten sicherlich eine Stunde, oder noch länger, ich hatte jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Ohne ein Wort zu sagen.
Plötzlich sprang die Türe auf.
„Jetzt kommt Polen!“ schrie mein Vater, siegessicher, im Türrahmen mit hoch erhobenem Haupt und noch höher erhobener Faust.
Wortlos stand meine Mutter auf, keine Freude war auf ihrem Gesicht zu sehen, das erkannte auch Vater bald.
Das Telegramm in der Hand ging sie auf ihn zu, als dieser gerade die Türe hinter sich zuzog.
In ihren Augen konnte ich Zorn sehen.
Zorn, Verzweiflung und Wut.
Sie hielt dann doch einigen Abstand zu Vater und warf ihm das Telegramm vor die Füße. Dann drehte sie sich auf dem Fuße, ging langsam in ihr Zimmer und schloss die Türe hinter sich zu. Das mechanische Türschloss klackte bei der Umdrehung und wir wussten Beide, dass dies das Zeichen war, dass meine Mutter nun mit sich und ihrer Trauer alleine sein wollte.
Vater nahm das dünne Papier und las was darauf stand.
Sein Blick senkte sich und es schien als wisse er nicht was er sagen solle, denn er blickte, noch immer an derselben Stelle angewurzelt stehen, zuerst zu mir, dann zur Schlafzimmertüre, die verschlossen war.
Ich war entschlossen ihm in die Augen zu blicken, um seine Emotionen zu sehen, doch sein Blick war stets abgewandt. Kein Funkeln war zu sehen, keine Emotion, keine Regung.
Sein Blick blieb abgewandt und er wirkte niedergeschlagen.
