Briefe in die chinesische Vergangenheit - Herbert Rosendorfer - E-Book

Briefe in die chinesische Vergangenheit E-Book

Herbert Rosendorfer

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Beschreibung

Ein Mandarin aus dem China des 10. Jahrhunderts versetzt sich mit Hilfe eines "Zeit-Reise-Kompasses" in die heutige Zeit. Er landet in einer modernen Gropßstadt, deren Namen in seinen Ohren wie Min-chen klingt und die in Ba Yan liegt. Verwirrt und wissbegierig stürzt er sich in ein Abenteuer, von dem er nicht weiß, wie es ausgehen wird. In Briefen an seinen Freund im Reich der Mitte erzählt er vom seltsamen Leben der "Großnasen" und versucht Beobachtungen und Vorgänge zu interpretieren, die ihm selbst zunächst unverständlich sind.

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Seitenzahl: 443

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HerbertRosendorfer

Briefe in diechinesischeVergangenheit

Roman

LangenMüller

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www.langen-mueller-verlag.de

Limitierte bibliophile Ausgabe 2012

© LangenMüller in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München © für das eBook: 2012 LangenMüller in der

Vorbemerkung

Vorbemerkung

Die Datierung der Briefe des Mandarins Kao-tai an seinen Freund, den Mandarin Dji-gu, wurde aus dem altchinesischen in den europäischen Kalender umgerechnet.

Die Anrede und die Schluß- und Grußformeln wurden vereinfacht und nur sinngemäß übersetzt. Diese Formeln im altchinesischen Briefstil sind außerordentlich kompliziert und überladen. Dies wurde alles weggelassen. Kao-tai redet seinen Freund im Original mit dessen Männernamen an und unterschreibt selber mit seinem Gelehrtennamen, gelegentlich mit seinem Männernamen. Auch dies wurde auf die Familiennamen der Briefpartner vereinfacht.

Erster Brief

(Mittwoch, 10. Juli)

Treuer Freund Dji-gu.

Die Zukunft ist ein Abgrund. Ich würde die Reise nicht noch einmal machen. Nicht das schwärzeste Chaos ist mit dem zu vergleichen, was unserem bedauernswerten Menschengeschlecht bevorsteht. Wenn ich könnte, würde ich sofort zurückkehren. Ich fühle mich in eine Fremde von unbeschreiblicher Kälte hinausgeworfen. (Obwohl es auch hier Sommer ist.) Für heute nur soviel: ich bin, in Anbetracht der ungewöhnlichen Art meiner Reise, leidlich gut angekommen. Ich kann nur rasch diese Zeilen kritzeln und den Zettel an den Kontaktpunkt legen. Ich hoffe, Du findest ihn. In Liebe grüßt Dich Dein

Kao-tai

Zweiter Brief

(Samstag, 13. Juli)

Teurer Freund Dji-gu.

Die Zukunft ist ein Abgrund. Ich glaube, ich habe diesen Satz schon auf den Zettel geschrieben, den ich Dir vor drei Tagen an den Kontaktpunkt gelegt habe – hoffentlich hast Du ihn gefunden und machst Dir keine Sorgen um mich. Was ich hier erlebe, ist so vollständig anders als das, was Du kennst und was ich gewohnt bin, daß ich gar nicht weiß, womit ich meine Schilderung beginnen soll. Hier – ich müßte eigentlich nicht »hier« sagen, sondern »jetzt«. Aber dieses »jetzt« ist so unvorstellbar fremd, daß es mir schwerfällt, an die Identität dieses »Ortes« mit dem Ort zu glauben, an dem Du – durch genau tausend Jahre getrennt – lebst. Tausend Jahre, das weiß ich nun, sind ein Zeitraum, den der menschliche Verstand nicht fassen kann. Gewiß: Du kannst zählen – eins, zwei, drei … bis tausend – und Dir dabei vorzustellen versuchen, es vergehe jedesmal ein Jahr dabei, Geschlechter, Kaiser, ganze Dynastien wechselten, die Sterne wanderten … Aber ich sage Dir: tausend Jahre sind mehr als vergangene Zeit. Tausend Jahre sind ein so gewaltiger Berg von Zeit, daß selbst die kühnsten Vögel phantastischer Gedanken ihn nicht zu überfliegen vermögen.

Tausend Jahre sind nicht »jetzt« und »damals«. Tausend Jahre sind »hier« und »dort«. Ich werde beim »hier« bleiben.

Ich bin sehr glücklich, daß ich den Kontaktpunkt, an dem ich diesen Brief niederlegen werde, wiedergefunden habe. Es ist mir dank eines Mannes gelungen, der mir viel geholfen hat und noch hilft. Mehr von ihm berichte ich Dir demnächst. Anders als mit fremder Hilfe hätte ich den Kontaktpunkt nicht gefunden, denn unser K’ai-feng hat sich so vollständig geändert, daß ich meine, es müßte eine andere Stadt sein. Das hängt vielleicht damit zusammen, daß der Fluß seinen Lauf gewechselt hat; er fließt jetzt fast genau nach Norden. Die Stadt ist unvorstellbar groß geworden, und es ist nahezu unerträglich laut. Von keinem einzigen der Paläste, die uns für die Ewigkeit gebaut erscheinen, ist auch nur eine Spur noch vorhanden (soweit ich das bisher gesehen habe), von den einfachen Häusern ganz zu schweigen. Selbst die Hügel sind weg. Alles ist flach, dafür sind die Häuser aufgetürmt wie zackige Berge, und kaum ein Baum ragt über die Häuser hinaus. Du würdest nichts, aber auch gar nichts wiedererkennen. Wie das alles zugegangen ist, kann ich mir nicht vorstellen. Ich traue unseren barbarischen Enkeln – ich kann Dir sagen: ein würdeloser, verrohter Haufen – zu, daß sie die Hügel abgetragen haben. Selbst unser Himmel, scheint es mir, hat sich aus dem ständigen Dunst und Ruß in eine fernere Welt zurückgezogen. Es kommt mir fast vor, als wäre ich nicht nur zeitlich, sondern auch örtlich versetzt.

Ich sitze hier, während ich das schreibe, auf einem Stein. Der Lärm, der mich umtost, ist nicht übermäßig; ein, zwei Li1› Hinweis weiter ist er viel schlimmer. Nicht weit von dem Stein muß das kleine Sommerhaus sein, wo ich Dich vor tausend Jahren und drei Tagen zum Abschied umarmt habe. Es ist kein Staubkorn mehr davon vorhanden. Eine Reihe von häßlichen Häusern steht dort. Den anderen Stein habe ich nicht mehr gefunden, den wir im Park eingerammt haben in der Hoffnung, er werde tausend Jahre überdauern. Zum Glück bin ich nicht auf die Silberschiffchen2› Hinweis angewiesen, die wir in der Höhlung des Steins verborgen haben. Die fünfzig Silberschiffchen, die ich dabei habe, werden reichen. Außerdem habe ich ja als »eiserne Reserve« die fünf schönverzierten Goldbecher.

Ich wollte, ich könnte unverzüglich zurückkehren, aber ich muß ja den errechneten Zeitpunkt abwarten, und der wird erst in acht Monaten kommen. Eigener Fürwitz hat mich in diese unselige, laute Zukunft gebracht. Bete für meine gesunde Rückkehr. Grüße mir meine Shiao-shiao, die ich nächst Dir, mein Freund, am meisten liebe.

Kao-tai

Dritter Brief

(Mittwoch, 17. Juli)

Geliebter Freund Dji-gu.

Ja, ich habe einen Menschen in diesem Abgrund, in diesem schwarzen Strudel von Zukunft gefunden. Ich muß gerecht gegen unsere Enkel sein: sogar zwei Menschen, und beim zweiten scheint es mir nicht ausgeschlossen, daß er mein Freund wird, obwohl ich – wie gerade Du weißt – äußerst geizig mit dieser Bezeichnung bin. Zwar brüllt auch Herr Shi-shmi (so heißt der zweite Mensch), aber ich habe das Gefühl, von ihm trennen mich nicht 100000 Li wie von den anderen, sondern nur 99999. Alle außer den zweien erscheinen mir nach wie vor wie bleiche Riesenkrebse ohne Ähnlichkeit mit Dir und mir und unseresgleichen. Freilich, auch Herr Shi-shmi ist weit davon entfernt, mich zu verstehen, aber er hilft mir seine ferne Welt zu begreifen.

Kennengelernt habe ich Herrn Shi-shmi auf ziemlich unwegsame und leider auch schmerzliche Weise. Du wirst daran sehen, was ich in den wenigen Tagen, die ich nun »unterwegs« bin, alles erlebt habe. Ich schreibe an Herrn Shi-shmis Tisch, in seinem Haus. Er selber ist nicht da. Der Kontaktpunkt ist zum Glück nicht weit vom Haus entfernt. Ich könnte ihn zur Not allein finden.

Wir haben vor meiner Abreise viel über mein, wie manchem scheinen könnte, nicht ungefährliches Unternehmen gesprochen. Du, geliebter Dji-gu, der Erfinder des mathematischen Zeitsprungs, bist der einzige, der von meiner Reise weiß. Wir haben viel gesprochen, und Du erinnerst Dich, daß ich den weisen Satz des großen Meng-tzu »Wer beobachten will, darf selber nicht beobachtet werden« als einen der wichtigsten Grundsätze für mein Vorhaben betrachtete. Ich habe deshalb, wie Du selber gesehen hast, eine denkbar unauffällige Kleidung für meine Reise gewählt, habe auf alle Rangabzeichen als Kwan der Klasse »A4«3› Hinweis verzichtet und sogar meine Amtskette als Präfekt der kaiserlichen Dichtergilde »Neunundzwanzig moosbewachsene Felswände« – die zu tragen ich eigentlich verpflichtet bin – zurückgelassen. Ich wollte nicht auffallen, wollte unbeobachtet beobachten. Aber die ganzen weisen Sprüche nicht nur des Meng-tzu, nein, des ganzen ›Li Chi‹ helfen in dieser verrückten Zukunft nichts. Meine, wie wir meinten, unauffällige Kleidung ist für hiesige Begriffe so außer jeder Gewohnheit, daß ich genausogut in Weiberkleidung oder als bunter Palasthund verkleidet angekommen sein könnte. Das Aufsehen wäre auch dann nicht größer gewesen.

Die Reise selber verlief ganz ohne Schwierigkeiten und war das Werk eines Augenblicks. Unsere vielen Experimente haben sich gelohnt. Nachdem ich Dich auf jener kleinen Brücke über den »Kanal der blauen Glocken« – die wir als den geeignetsten Punkt ausgesucht und errechnet hatten – umarmt, alles in Gang gesetzt hatte, was notwendig war, war es mir, als höbe mich eine unsichtbare Kraft in die Höhe, wobei ich gleichzeitig wie von einem Wirbelwind gedreht wurde. Ich sah noch Dein rotes Gewand leuchten, dann wurde es Nacht. Einen Augenblick danach saß ich, natürlich etwas benommen, auf ebender Brücke über den »Kanal der blauen Glocken«; aber es war alles anders. Kein einziges Gebäude, keine Mauer, kein Stein von dem, was ich eben noch gesehen hatte, war noch vorhanden. Ungeheurer Lärm überfiel mich. Ich saß am Boden neben meiner Reisetasche, die ich krampfhaft festhielt. Ich sah Bäume. Es war – es ist – Sommer wie vor tausend Jahren. Eine fremde Sonne schien über dieser Welt, die so sonderbar, so völlig unbegreiflich ist, daß ich zunächst gar nichts wahrnahm. Ich saß da, hielt meine Reisetasche fest, und wenn ich gekonnt hätte, wäre ich sofort wieder zurückgekehrt. Aber Du weißt, das geht nicht. Mein erster Gedanke war: hat Shiao-shiao Sehnsucht nach mir? Ich werde warten müssen, bis ich sie wieder liebkosen kann. Sie wird warten müssen.

Die Brücke, auf der ich erwachte oder ankam, ist ganz anders als die Brücke, auf der ich Dich verließ. Sie spannt sich zwar immer noch über den »Kanal der blauen Glocken«, ist aber nicht mehr aus Holz, sondern aus Stein, allerdings aus sehr grob gehauenem, und offensichtlich ziemlich lieblos zusammengefügt. Alles »hier« ist lieblos gemacht. Ich dachte: zum Glück haben die nach tausend Jahren immer noch eine Brücke an derselben Stelle. Es hätte ja sein können, daß sie, nachdem die alte Holzbrücke verfault oder sonst zusammengebrochen war, die neue Brücke etwas weiter oben oder unten errichtet hätten. Dann wäre ich ins Wasser gefallen, was natürlich unangenehm, aber nicht gefährlich gewesen wäre, denn der »Kanal der blauen Glocken« ist längst nicht mehr so tief, wie Du ihn kennst, allerdings äußerst schmutzig. So ziemlich alles hier ist äußerst schmutzig. Schmutz und Lärm – das beherrscht das Leben hier. Schmutz und Lärm ist der Abgrund, in den unsere Zukunft mündet.

Auch die Hügel auf der westlichen Seite des Kanals haben sie inzwischen abgetragen, denn alles ist ganz flach, soweit man sehen kann. Aber das habe ich Dir im letzten Brief schon mitgeteilt.

Ich richtete mich auf – ganz benommen, sagte ich schon –, stellte meine Reisetasche ab und schaute mich um. Nach dem Plan für meine ersten Schritte in der Zukunft, den wir so herrlich ausgearbeitet haben (ich kann Dir gleich sagen: er hat sich als völlig undurchführbar erwiesen), sollte ich mich zunächst zu der Stelle begeben, wo Dein Gartenhaus steht, um den erwähnten Stein zu suchen, den wir neben dem Eingang in den Boden haben rammen lassen. Ich kam gar nicht so weit, denn von dort, wo damals – Dein »jetzt« – das Haus der Jagdaufseherswitwe des Mandarins Mawang stand, näherte sich, erschrick nicht, ein Riese. Er war ganz in komische graue Kleider gehüllt, die völlig unnatürlich waren – auch darauf werde ich später noch zurückkommen –, hatte eine enorm ungesunde bräunliche Gesichtsfarbe und, als allerauffallendstes, eine riesige, eine unvorstellbar große Nase; mir schien: seine Nase mache die Hälfte des Körpervolumens aus. Er blickte aber, wie mir schien, nicht unfreundlich. Er wollte über die Brücke gehen, blieb jedoch stehen, als er mich sah. Ich kann das Mienenspiel unserer Nachfahren noch nicht richtig deuten. (Sie sind uns so unähnlich, daß ich mich frage: sind sie es wirklich? Wirklich unsere Nachfahren?) Ich lerne auch erst, ihre Gesichter zu unterscheiden. Das ist sehr schwer, denn sie sehen alle gleich aus und haben alle gleich große Nasen. Daß jener Riese – oder jene Riesin, auch das Geschlecht ist kaum zu unterscheiden –, der erste Mensch, den ich nach meiner Reise von tausend Jahren sah, keine drohende Haltung einnahm, glaubte ich aber erkennen zu können. Vermutlich war er so erstaunt über meinen Anblick wie ich über seinen. Ich nahm meine Reisetasche in die Hand, ging auf ihn zu, verbeugte mich und fragte:

»Hoher Fremdling oder hohe Fremdlingin! Ich, der unwürdige und weniger als nichtsnutzige Kwan der vierthöchsten Rangklasse Kao-tai, Präfekt der kaiserlichen Dichtergilde ›Neunundzwanzig moosbewachsene Felswände‹, entbiete meine Hochachtung vor dir und deinen Ahnen.« Wer weiß, dachte ich, ob ich nicht selber unter diesen Ahnen bin. »Kannst du mir sagen, ob hinter jener Mauer einst das Gartenhaus meines Freundes, des erhabenen Mandarins Dji-gu, stand?«

Der Riese verstand aber offensichtlich nichts von meiner Rede. Er sagte etwas in einer mir völlig unverständlichen Sprache, das heißt: er brüllte mit so tiefer Stimme, daß es mich fast über das Brückengeländer warf, und ich hätte unverzüglich die Flucht ergriffen, wenn sich nicht inzwischen eine größere Anzahl weiterer Riesen angesammelt hätte, die mich alle anstarrten. Ich war ganz verzweifelt. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich mich sofort wieder in die Vergangenheit – in Deine und meine Gegenwart – verflüchtigt. Aber das geht ja nicht. Ich muß ausharren. Es ist auch gut so, denn das ist der Zweck meiner Reise. So umklammerte ich meine Reisetasche und wandte mich fragend an alle, ob nicht einer unter ihnen sei, der die Sprache der Menschen verstünde.

Es war keiner dabei.

Wenn man bedenkt, daß wir ohne Schwierigkeiten Bücher lesen können, die zweitausend Jahre alt sind, sich die Sprache bis auf uns von den ältesten Zeiten an nicht stark verändert hat, muß man sich wundern, daß sich die Sprache der Menschen in den nächsten tausend Jahren, die uns bevorstehen, so wandelt, daß ich mich mit keinem Wort mehr verständigen kann. Sollten das hier, diese Riesen mit ihrer brüllenden Sprache, gar keine Enkel von uns sein? Haben die Barbaren des Nordens es fertiggebracht, die Große Mauer zu überwinden? Haben sie unser Land überschwemmt, uns ausgerottet? Bewohnen sie nun unser Reich? Dagegen spricht, daß die Barbaren des Nordens ein zwar kräftiger und zäher, aber eher kleinerer Menschenschlag als wir sind. Nun – vielleicht gelingt es mir, auch da noch dahinterzukommen.

Inzwischen – aber auch davon später – habe ich ein paar Wörter der Zukunftssprache erlernt. Sie ist sehr schwer.

Die Großnasen und Riesen, die mich umringten – beruhige Dich: es sind keine Riesen; alle Leute »hier« sind größer, als wir es gewohnt sind –, schrien mit furchtbaren lauten und tiefen Stimmen durcheinander. Hättest du die Szene in einem Traum erlebt, hättest Du gemeint, in einen Haufen streitender Dämonen geraten zu sein. Offensichtlich redeten sie über mich. Da sie so brüllten – ich wußte zu dem Zeitpunkt noch nicht, daß die Leute hier immer brüllen –, fürchtete ich, es könnte im nächsten Augenblick eine Prügelei unter ihnen ausbrechen. Ich entwich deshalb in einem günstigen Moment und verließ die Brücke. Eine Straße ganz aus Stein zieht sich dort, wo Du jetzt, wenn Du diesen Brief bekommst, die äußeren Mauern der kaiserlichen Stallungen siehst, am Kanal entlang. Ich wollte die Straße überqueren, da passierte etwas ganz Schreckliches.

Übrigens – verzeih, daß ich von einem Gedanken zum anderen und wieder zurück springe, aber es ist wirklich schwer, meine Eindrücke in eine geordnete Reihe zu fassen, da zu viel auf einmal in diesen wenigen Tagen auf mich eingestürmt ist – gab es unter den Leuten auf der Brücke keine Prügelei. Sie prügeln sich selten, auch nicht solche niederen Standes. Es kann natürlich sein, daß sie sich in der Öffentlichkeit nicht prügeln und solche Tätigkeit in ihren Häusern betreiben. Ich kann mich noch viel zu wenig in der hiesigen Sprache ausdrücken, um Herrn Shi-shmi danach zu fragen. Sie prügeln sich nicht, aber sie brüllen. Sie brüllen immer, alle. Es hat nichts zu bedeuten. Freilich, man muß ihnen zugute halten, daß sie bei dem Lärm, der ständig hier herrscht, gar nicht in normaler Lautstärke reden können. Da würde sie niemand verstehen. Kannst Du Dir ein Leben vorstellen, lieber Freund Dji-gu, das darin besteht, ständig den Tag und Nacht herrschenden Lärm zu überschreien? Du kannst es Dir nicht vorstellen. Die Zukunft, lieber Freund Dji-gu, ist ein Abgrund. Aber ich lebe noch.

Der Zeitpunkt ist gekommen, um diesen Brief an den Kontaktpunkt zu legen. Ich schließe deshalb für heute. Es umarmt seinen geliebten Dji-gu

sein Freund Kao-tai

Vierter Brief

(Samstag, 20. Juli)

Sehr geliebter Freund.

Drei Tage sind vergangen, in denen – wie immer – Neues, Überraschendes, Fremdartiges und Unerklärliches auf mich eingestürzt ist, aber ich fahre in der Schilderung der Ereignisse fort, die unmittelbar auf meine Ankunft gefolgt sind.

Die erwähnte Straße, die ich überqueren wollte, ist eine Allee. Links und rechts des Pflasters zieht sich ein kümmerlicher, lieblos gehaltener Rasenstreifen hin. Die Steine sind ebenfalls sehr nachlässig in die Straße eingelassen, die dadurch ziemlich holprig ist. Wäre der Erhabene Sohn des Himmels nur ein einziges Mal über diese Straße gefahren, er hätte den Obersten Straßenbau-Mandarin unverzüglich köpfen lassen. In dem Rasenstreifen wachsen unschöne, ungepflegte Bäume.

Nichtsahnend schickte ich mich an, diese Allee zu überqueren, als sich ein unvorstellbares Heulen, Knirschen und Rattern näherte, für das in unserer Welt jeder Vergleich fehlt. Gleichzeitig raste mit der Geschwindigkeit eines Blitzes ein großes Tier – oder ein feuriger Dämon, schoß es mir durch den Sinn – auf mich zu, ja: schneller als jeder Blitz, so ungeheuer schnell, daß ich das Tier oder Ding gar nicht sehen konnte. Inzwischen weiß ich ungefähr, was für Dinge das sind – es sind keine Dämonen, jedoch mindestens so gefährlich wie für abergläubische Leute Dämonen –, aber damals war ich natürlich noch völlig unvorbereitet. Ich hatte die Straße schon zur Hälfte überquert, als mich – so meinte ich – das schnaubende Tier erblickte. Alles spielte sich im Bruchteil eines Augenblicks ab. Ich erkannte, daß der Dämon es nicht auf mich abgesehen hatte. Er gab vielmehr einen – wenn möglich – noch gräßlicheren Heulton von sich und versuchte auszuweichen. Auch ich wollte ausweichen und sprang mit ein paar Sätzen zur Brücke zurück. Wie ein in höchster Wut rasendes Wildschwein aber konnte das Tier (größer als zehn Wildschweine) seine Richtung nicht so schnell ändern. Noch immer heulend, dann einen Knall ausstoßend, den man nur erzeugen könnte, wenn man das gesamte kaiserliche Feuerwerksmagazin für das Neujahrsfest auf einmal anzündete, sprang der Dämon, schien es mir, auf einen Baum hinauf. Ich stürzte zu Boden und verlor die Besinnung.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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