Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Broken - Der Moment, in dem du fällst E-Book

Tabitha Suzuma  

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E-Book-Beschreibung Broken - Der Moment, in dem du fällst - Tabitha Suzuma

Mathéos große Liebe ist Lola. Doch Mathéo ist auch Großbritanniens Hoffnung auf olympisches Gold im Turmspringen. Und seine ehrgeizigen Eltern zeigen sich wenig begeistert über die Beziehung. Zum Glück ist Lolas Vater anders. Mit ihm versteht sich Mathéo blind. Doch dann gerät Mathéos Leben komplett aus den Fugen. Nach einer Siegesfeier wacht er mit Verletzungen am ganzen Körper auf, ohne Erinnerung an die Nacht zuvor. Erst als er sich beim Turmspringen am Kopf verletzt, kommt die Erinnerung zurück. Er wurde überfallen und brutal vergewaltigt. Als Lola davon erfährt, bittet sie ihn, zur Polizei zu gehen. Doch Mathéo hat ihr eines verschwiegen. Er kennt seinen Vergewaltiger. "Broken" ist der neue Roman der "Forbidden"-Autorin Tabitha Suzuma.

Meinungen über das E-Book Broken - Der Moment, in dem du fällst - Tabitha Suzuma

E-Book-Leseprobe Broken - Der Moment, in dem du fällst - Tabitha Suzuma

 

 

 

 

Schuld kann nicht ausgelöscht, sie kann nur vergeben werden.

Igor Strawinsky

Prolog

Er öffnet die Augen und weiß sofort, dass etwas Schreckliches passiert ist. Er spürt es durch die Haut hindurch bis in die Nerven, bis in die Synapsen seines Gehirns hinein, obwohl alles, was er auf dem Rücken liegend sehen kann, die Zimmerdecke mit dem Milchglas der Deckenlampe ist. Das Zimmer ist gleißend hell und er weiß, dass die Sonne hereinscheint und dass er vergessen hat, die Vorhänge zuzuziehen. Genauso wie er weiß, dass er sich nicht ausgezogen hat, bevor er eingeschlafen ist. Sein Gürtel drückt ihn, der Stoff seiner Jeans klebt ihm an den Beinen und das nass geschwitzte T-Shirt am Oberkörper. Er bewegt einen Fuß, merkt, dass er sich seltsam schwer anfühlt, und hebt den Kopf gerade weit genug, um festzustellen, dass er nicht einmal die Schuhe ausgezogen hat. Dann wandert sein Blick über die verdreckten Turnschuhe hinaus und er beginnt, den Rest des Zimmers wahrzunehmen. Einen Moment lang hält er die Luft an, überzeugt davon, dass er immer noch träumt. Mit einem entsetzten Schrei fährt er hoch, als würde er aus einem Albtraum aufschrecken.

Die Wände fangen an zu schwanken, Farben verschwimmen ineinander, die Umrisse ringsum lösen sich auf. Er presst die Lider fest aufeinander. Öffnet die Augen noch einmal und hofft, dadurch einen klareren Kopf zu bekommen. Er muss das Bild loswerden – das Bild von dem Chaos in seinem Zimmer. Aber die Sonne scheint weiter grell und erbarmungslos durchs Fenster herein. Auf die Verwüstung in dem normalerweise so makellosen weißen Raum. Umgestoßene Möbel, Gegenstände, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind, zerwühlte Kleiderhaufen, Scherben und Glassplitter. Das Zimmer sieht aus wie der Tatort eines Verbrechens. Er hat auf einmal das Gefühl, als würde ihm die Luft aus den Lungen gepresst. Alle Dinge nehmen ein merkwürdig kompaktes, hartes Aussehen an. Er fährt mit der Hand an den Mund, zupft an der Nagelhaut seines Daumens. Dann sitzt er einfach nur da, erstarrt, unfähig sich zu rühren.

Hinter den Fenstern ist der Tag reglos und still. Die Äste des Baums bewegen sich nicht. Der Himmel ist von einem tiefen, unfassbaren Blau. Die Sonne sticht noch greller. Wie in Trance schaut er um sich, in einer Mischung aus Faszination und Grauen. Ein Gefühl von Fremdheit befällt ihn. An der Heizung lehnt ein wie durch Hitze brutal verzogener Bilderrahmen. Auf seinem Schreibtisch fangen die Scherben einer Kaffeetasse das Licht ein, der Rest Kaffee schimmert ölig. Vor dem Bücherregal ein Teppich von Büchern, die Seiten herausgerissen und wie Laub verstreut. Zerbrochen und verbogen liegen die Trophäen von seinen Siegerehrungen daneben, als hätte jemand den Koffer eines Schiffbrüchigen ausgekippt. Keine einzige Fläche im Zimmer, die nicht mit dem angeschwemmten Treibholz und Strandgut der Nacht bedeckt wäre.

Langsam lässt er sich ans Fußende des Betts gleiten und hievt sich mühsam hoch, ein Manöver, das große Konzentration und Willenskraft verlangt. Seine Muskeln sind steif und hart, jede Bewegung tut weh. Ein scharfer, heißer Schmerz durchzuckt sein Bein. Er blickt nach unten und entdeckt, dass seine Jeans über dem linken Knie zerrissen ist, dunkle, mit Blut verkrustete Fäden kleben an seiner Haut. Seine Arme sind mit unzähligen Schrammen und Kratzern übersät. Sein ganzer Körper schmerzt – sein Kopf, sein Nacken, sein Rücken, die gesamte Wirbelsäule entlang, bis hinunter in die Beine. Er konzentriert sich auf das Summen und Dröhnen in seinem Schädel, den Schwindel in seinem Kopf. Der Körper wirkt wie losgelöst davon. Dann presst es ihm plötzlich die Lungen zusammen, er japst und prallt auf dem harten, kalten Betonboden seines Lebens auf.

Er macht ein paar vorsichtige Schritte durch sein demoliertes Zimmer. Ekel und Grauen und kriechen ihm unter die Haut, ergreifen von seinem Körper Besitz, ohne dass er sich dagegen zur Wehr setzen kann: Seine Hände sind nicht mehr seine Hände, sondern die eines Fremden. Haben sie diese unvorstellbare Kraft? Angst hämmert von innen gegen sein Herz, seinen Schädel, seine Kehle, setzt sich wie ein fester Klumpen in seinem Magen fest. Zugleich brennt es in ihm, wühlen in ihm undefinierbare, befremdliche Gedanken und Gefühle. Er möchte am liebsten jemandem einen heftigen Schmerz zufügen für all die Schmerzen, die er gerade verspürt. Er möchte am liebsten bewusstlos auf dem Boden aufschlagen und dort reglos liegen bleiben. Solange, bis die Welt nicht mehr da ist.

Sein erster klarer Gedanke gilt seinem Bruder. Er reißt die Zimmertür auf, schlittert über die Marmorfliesen im Flur, bleibt im Türrahmen des Zimmers nebenan stehen. Ein perfekt gemachtes Bett. Auf dem Teppichboden sind frische Staubsaugerspuren zu erkennen. Dann rennt er durch die anderen Stockwerke. Das leere, kahle Haus kommt ihm auf einmal finster und gespenstisch vor, wie ein Mausoleum. Aber alles ist an seinem Platz, alles ist in demselben makellosen Zustand wie immer. Die Haustür, die Terrassentür, die Fenster – alles fest verschlossen. Keine Anzeichen, dass irgendetwas fehlt oder gestohlen worden ist. Kein Hinweis auf einen Einbruch.

Wieder zurück in seinem Zimmer ist ihm, als würde er durch eine zersplitterte Windschutzscheibe auf die Wirklichkeit blicken. Sein Gehirn arbeitet hektisch. Alles, was er vor sich sieht, will ihm etwas sagen, wie die Wörter eines Satzes, aber er kann die Teile dieses Puzzles nicht zusammensetzen, um daraus ein verstehbares Ganzes zu bilden. Seine Gedanken rasen, immer wieder kehrt er zur vergangenen Nacht zurück, versucht seinem Gedächtnis zu entreißen, was geschehen ist. Vergebens. Szenen blitzen auf und verschwinden. Erinnerungen steigen hoch und verschwimmen gleich darauf, fließen ineinander wie Farben in einem abstrakten Aquarell. Er sitzt in einem sich rasend schnell drehenden Karussell, Gesichter, Farben, Lichter zucken an ihm vorbei. Sein Leben fällt auseinander, Fetzen und Stücke fliegen in die Dunkelheit davon. Dann drückt er auf den Notfallknopf und in seinem Gehirn wird alles weiß wie unbedrucktes Papier. Die Meisterschaften im Wasserspringen in Brighton, das war gestern, daran kann er sich erinnern. Er kann sich auch noch daran erinnern, dass er nach der Pressekonferenz die Schwimmhalle verlassen hat. Aber danach – nichts.

Er sortiert in seinem Kopf die Fakten, die er in seinem Zimmer vorfindet. Es scheint nichts Wertvolles gestohlen worden zu sein, ja, auf den ersten Blick kann er nicht entdecken, dass überhaupt etwas fehlt. Sein Computer, seine PlayStation, sein Notebook – alles zerschmettert und wahrscheinlich nicht mehr zu reparieren, aber vorhanden. Kreuz und quer schmutzige Schuhabdrücke auf dem Teppich, perfekt mit der Sohle seiner Turnschuhe übereinstimmend. Die Fenster von innen verschlossen.

Langsam beginnt er, sich durch das Chaos vorzuarbeiten. Einen Blick in den Spiegel vermeidet er, ertappt sich aber dabei, wie er trotzdem ab und zu hineinschielt. Als wäre er ein Motorradfahrer, der den Kopf nach einem Verkehrsunfall dreht. Plötzlich hält er es nicht mehr aus und richtet sich auf, um den Fremden, der vor ihm steht, zu mustern. Er erkennt sich kaum wieder. Mit den Fingern fährt er sich durch die zerzausten Haare, bemerkt verwundert, dass Zweige und trockenes Laub auf den Boden fallen. Sein Gesicht ist müde und blass, auf der Stirn ein riesiger blauer Fleck. Unter den Augen sind dunkle Ringe. Über seine rechte Wange zieht sich eine Schnittwunde, darunter ein rot-violetter Schatten. In seinem Mundwinkel hängt verkrustetes Blut. Er wirkt wie unter Schock, sein Körper kommt ihm eingefallen, fast durchscheinend vor. Durch seinen Baumwollsweater zeichnet sich sein Schlüsselbein ab, der Bund ist abgerissen, seine Jeans dreckbeschmiert.

Was – verdammt noch mal – ist passiert?

Sein Gehirn weigert sich, ihm darauf eine Antwort zu geben. Stille füllt den Raum, so zerbrechlich und zart wie Eisblumen. Wie Frost. Ein Schweigen, das sich dagegen sträubt, wachgerüttelt zu werden. Seine Welt kommt ihm plötzlich wie eine Straße bei dichtem Schneetreiben vor, ohne Fahrbahnmarkierung, die Sicht gleich Null. Seine Kopfschmerzen sind immer noch da, das heftige Pochen an den Schläfen hört nicht auf. Und dann erfüllt ihn statt Angst auf einmal eine rasende Wut, breitet sich mit Blitzgeschwindigkeit in seinen Adern aus, zerfetzt die Luft. Was, wenn er jetzt durchdreht und nur noch schreit? Er erschrickt, denn er spürt, dass genau das jede Sekunde passieren kann.

In ihm ist alles tiefschwarz. Er will nur noch auf die Knie fallen und weinen. Als wüsste er, dass es für ihn nie mehr so sein wird wie vorher. Verzweifelt klammert er sich an die Person, die er einmal war, hält sich mit beiden Händen fest, während er immer weiter von der wirklichen Welt abdriftet.

Sein Leben ist zu Ende … Sein Leben hat gerade erst angefangen.

Erstes Kapitel

Kaum eine Woche zuvor hatte er noch mit seinen Freunden im Gras gelegen. Das schien erst so kurz her zu sein, und doch kam es ihm vor, als lägen Welten dazwischen. Als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Damals war er ein anderer. Einer, der lachen, Witze reißen und Spaß haben konnte. Damals war er ein ganz normaler Teenager, nur hatte er das nicht gewusst. Er hielt sich einfach für großartig. Alle hielten ihn für großartig. Die Schule war an dem Tag gerade aus, und ein langes Wochenende wartete auf ihn – drei Tage voller Freiheit und Abenteuer, mit seinem Trainer und den Jungs aus der Mannschaft bei den National Diving Championships. Die Abschlussprüfungen hatten sie endlich hinter sich gebracht, die bis zur Schmerzgrenze mit Lernstoff vollgestopften Stunden am Schreibtisch waren vorbei und die letzten Schulwochen nur noch eine reine Formsache. Und so lag er, auf dem Rücken ausgestreckt, im Gras, die Halme kitzelten ihm in den Ohren, und er schaute zu einem weiten, violettblauen Himmel hoch, während um ihn herum alles in Bewegung war und die Luft sirrte – das angenehme Knistern und Summen unzähliger Gespräche, ähnlich dem Hintergrundrauschen eines schlecht eingestellten Radios.

 

Hier im Park treffen sie sich immer alle, wenn sie eine Freistunde haben. In der schmalen Senke zwischen den zwei Hügeln, weit genug vom See entfernt, um nicht dauernd von schnatternden Gänsen belästigt zu werden, aber nahe genug dran, um das Licht auf dem Wasser tanzen zu sehen. Lauter kleine, glitzernde Lichtsplitter. Vom Himmel strahlt die Sonne als durchsichtige, goldgelbe Kugel herunter, sie taucht den Platz in ihr Licht und lässt ihn vor unbändiger Lebensfreude vibrieren. Es ist ein besonders warmer Junitag, der erste richtige Sommertag in diesem Jahr – ein Wetter, bei dem man die Schuhe abstreift, um das weiche, kühle Gras unter den Füßen zu spüren. Ein Wetter, bei dem überall Krawatten verstreut liegen und die Jacken unter dem Kopf zusammengerollt werden. Bei dem die hochgekrempelten Hemdsärmel bleiche Arme sichtbar werden lassen. Bei dem die Kragen schlaff herunterhängen und die Mädchen ihre Blusen so weit offen haben, dass ein Stück vom BH oder sogar ein bisschen Busen zu sehen ist. Bei dem durchtrainierte Jungs wie er das Hemd gern bis zu den Bauchmuskeln aufknöpfen oder es gleich ganz ausziehen, um sich in ein wildes Fußballspiel zu stürzen.

Überall um sie herum sitzen Schüler von der Greystone, in Pärchen oder in Gruppen: Jungs, die die Arme besitzergreifend um die Schultern ihrer Freundinnen gelegt haben, lose Grüppchen, die Pizza essen und Cola trinken. Ein paar Mädchen zeichnen sich gegenseitig mit dickem schwarzen Filzstift Herzen, Sprüche und Figuren mit Sprechblasen auf die nackten Arme. Jemand hat ein Huckepackrennen ausgerufen: Die Mädchen klettern den Jungs auf den Rücken, ihr Kichern und Kreischen hallt durch den Park, während die doppelköpfigen Ungetüme über den Rasen vorwärtsstolpern oder taumelnd ins Gras fallen. Träge und genauso schläfrig wie er selbst, schiebt sich die Sonne über den Himmel, sinkt allmählich tiefer, und ohne Hast nähert sich der Tag seinem Ende zu. Er kann das Gefühl von Freiheit und nachlassender Anspannung fast in der Luft schmecken – der Sommer breitet sich wie eine Epidemie im Park aus.

»Spielst du mit, Matt?«

Mathéo denkt einen Moment nach, beschließt dann aber, die anderen warten zu lassen. Er blinzelt in die Sonne mit ihren kitzelnden Strahlen.

»Matt?« Hugo klingt ungeduldig und stößt ihn mit dem Fuß an. »Wir brauchen dich in unserer Mannschaft.«

»Ich glaube, er schläft«, hört er Isabel sagen. Seine Augen sind jetzt fast ganz geschlossen, er spürt das blendend weiße Licht auf seinen Lidern, nimmt um sich herum nur noch verschwommene Silhouetten wahr. »Also, wie schon gesagt«, fährt sie eifrig fort, »meine Eltern sind an dem Wochenende nicht da. Deshalb können wir nach dem Abschlussball alle zu mir und dort unsere eigene Party feiern …«

»Er tut nur so!«, ruft Hugo dazwischen. »Lola, kannst du deinem faulen Freund bitte sagen, dass er, verdammt noch mal, seinen Arsch hochkriegen soll?«

Flüstern. Ein leises Kichern. Mathéo merkt, dass Lola zu ihm herrückt und sich über ihn beugt.

Er presst die Lider fest zusammen, versucht angestrengt, cool zu bleiben, atmet tief ein und aus. Kämpft dagegen an, den Kopf aufzurichten und seine Lippen auf ihre zu drücken. Er spürt ihren Atem auf seiner Wange – was zum Teufel hat sie diesmal vor? Er spannt die Muskeln an, befiehlt ihnen, keine Reaktion zu zeigen. Lolas theatralischer Seufzer löst bei den anderen Gelächter aus. Etwas schiebt sich ihm in die Nase. Kitzelt ihn. Ein Grashalm? Er beißt sich auf die Zunge, sein Brustkorb und seine Lungen ziehen sich zusammen, er zwingt sich, ruhig weiterzuatmen. Das fedrige, leichte Etwas in seiner Nase bewegt sich auf und ab.

»Vielleicht schläft er ja wirklich«, sagt Isabel, die endlich wieder zu dem wichtigen Thema ihrer Abschlussparty zurückkehren will. »Ja, und deshalb hab ich gedacht, wir könnten vielleicht am Pool grillen und …«

»Er hat sich bewegt!«, verkündet Hugo triumphierend.

Schweigen. Hugo hat sich das nur eingebildet. Dann Isabels Stimme: »Lola, was machst du da?«

Mathéo wappnet sich gegen was auch immer jetzt kommen mag und spürt plötzlich ein scharfes Jucken – tatsächlich das Ende eines Grashalms, das ihm ins Nasenloch geschoben wird. Er reißt die Augen auf und wälzt sich zur Seite, um heftig ins Gras zu niesen. »Du! Das ist nicht witzig!« Er tritt mit den nackten Füßen nach ihr, aber sie weicht geschickt aus.

»Und ob! Und ob! Verloren. Schon wieder verloren. Dein Hosenstall steht offen, Walsh.«

Mathéo schnellt hoch. »Lügnerin!« Sein Versuch, Lola zu packen, scheitert kläglich, denn sie ist schon auf die Füße gesprungen und läuft zum schlammigen Ufer des Teichs hinunter. Mathéo schnappt sich einen langen, kräftigen Stock und rennt ihr nach. So kommt sie ihm nicht davon. Das Gras kitzelt ihn unter den Sohlen. Lola weicht kichernd vor ihm zurück, als er, den Stock bedrohlich wie einen Säbel in der Hand, langsam auf sie zugeht. Hugo läuft ihnen nach. Lola duckt sich unter seinem Säbelschwingen weg, planscht ins seichte, trübe Wasser hinein und lockt Hugo und ihn hinterher.

»Schmeiß sie rein! Schmeiß sie rein!«, ruft Hugo. Seine Stimme überschlägt sich fast, während er im Gras hastig nach einer eigenen Waffe sucht.

»Isabel, Hilfe! Du musst kommen, ich brauche Verstärkung!«, ruft Lola laut, als Mathéo und Hugo anfangen, sie mit ihren Stöcken immer weiter ins Wasser zu treiben.

Widerwillig läuft Isabel herbei, steht dann knöcheltief im Wasser, die Bluse weit aufgeknöpft und die Sonnenbrille in die Haare hochgeschoben. »Kinder, ich hab gedacht, wir wollten die Sache mit der Party bespre…«

Sie kann den Satz nicht beenden, weil Hugo von hinten ankommt und ihr einen ordentlichen Schubs gibt, sodass sie beinahe ins Wasser fällt.

»Du Mistkerl!« Sie fährt herum und bespritzt ihn in seiner Schuluniform von oben bis unten.

Und danach geht es erst so richtig los. Mathéo packt Lola um die Hüften und hebt sie hoch, schwenkt sie kurz über dem Wasser, macht ein paar Schritte weiter hinein, dorthin, wo es tiefer und schlammiger wird. Lolas Hilferufe lassen die anderen Schüler in der Nähe die Köpfe zu ihnen herumdrehen. Amüsierte, aber auch neidische Blicke streifen sie. Doch daran sind die vier – als die Clique mit dem größten Prestige an ihrer Schule – gewöhnt, ja, sie fordern es geradezu heraus. Je größer die Aufmerksamkeit und der Trubel, desto wohler scheinen sie sich in ihrer Haut zu fühlen. Fast zwei Jahre sind sie alle jetzt schon zusammen. Mit Mathéo und Hugo hatte es angefangen, die bereits seit der Grundschule beste Freunde waren. Dann wurde vor zwei Jahren erst aus Isabel und Hugo ein Paar, und sechs Wochen später verliebte sich Mathéo in Lola.

Hugo ist an ihrer Privatschule immer schon der Inbegriff des Alphamännchens gewesen, ein junger Prinz Harry: raspelkurz geschnittene, rötliche Haare, Sommersprossen, kräftig gebaut, durchtrainiert. Kapitän der Rugbymannschaft, Vizekapitän der Kricketmannschaft und ein guter Ruderer – schon fast zu britisch, um wahr zu sein. Manchmal vielleicht ein bisschen sehr selbstverliebt. Er hört sich gern selbst reden und lacht über seine eigenen Witze. Aber er strahlt genau die Art von männlichem Charme aus, die Mädchen unwiderstehlich finden, und flirtet, was das Zeug hält. Isabel dagegen ist schlank, katzenhaft und anmutig, hat lange, dunkle Haare, lächelnde Augen und ein ebenmäßiges, zartes, schönes Gesicht.

Wie für Hugo ist es auch für Mathéo ganz selbstverständlich, zur Eliteclique an der Schule zu gehören. Es ist für ihn ganz normal, dass die anderen Jungs ihm neidisch nachschauen, wenn er mit Lola durch die Schulflure schlendert, den Arm lässig um ihre Schultern gelegt. Dass er der Erste ist, der Hugo nach einem spektakulären Sieg gratuliert. Manchmal schmeichelt es ihm sogar selbst, dass er immer die schöne Lola an seiner Seite hat. Eifrig macht er bei Hugos Scherzen mit, lacht über dessen schmutzige Witze und freut sich über das Aufsehen, das sie zu viert überall verbreiten.

»Lola, komm mal her, ich will dir was zeigen!« Mathéo streckt den Arm nach Lola aus, die sich aus seinem Griff hat befreien können und nun sicheren Abstand von ihm wahrt. Er steht bis weit über die Knöchel im schlammigen Wasser, seine Hosenbeine sind bereits klatschnass.

Sie wirft ihm einen misstrauischen Blick zu. »Du glaubst wohl, ich falle auf alles rein!«

Er starrt auf etwas zwischen den Gräsern im Teich, knapp vor seinen Füßen. »Ach, wie süß, eine Kaulquappe …«

Lola kommt vorsichtig näher, um ebenfalls einen Blick darauf zu erhaschen – und da hat er sie auch schon am Arm gepackt und zerrt sie mit einem Ruck zu sich. Sie kreischt und klammert sich an ihm fest, beinahe fällt sie ins Wasser. Seine und ihre Füße sinken immer tiefer in den weichen Schlamm ein. Hugo galoppiert mit viel Gespritze auf sie zu und versucht, Lola die Beine wegzuziehen, während Isabel völlig aufgelöst aus einiger Entfernung zusieht. Plötzlich findet sich Lola waagerecht in der Luft wieder, Hugo hält sie an den Füßen, und Mathéo hat sie unter die Achseln gefasst. Beide schwingen sie Lola hin und her, zählen dabei laut, und sie gerät in Panik. Sie kreischt auf, weil sie befürchtet, beim dritten Mal ins Wasser geschmissen zu werden. Aber jetzt kommt ihr Isabel zu Hilfe, sie wirft sich von hinten auf Hugo, und auf einmal raufen sie sich alle vier im schlammigen Wasser. Ihr Lachen und Schreien durchbricht die schläfrige Stille des Nachmittags.

Mathéo kehrt ans Ufer zurück und geht ein Stück den Hügel hoch. Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht, rollt die nassen Hemdsärmel hoch und setzt sich unter einen großen Baum mit langen, dicken Ästen voller grüner Blätter. Über seinen Körper tanzen Licht- und Schattenflecken, dazu zwitschern Vögel fröhlich durcheinander. Mathéo stützt sich auf den Ellenbogen ab, streckt die Beine aus, schaut erst auf seine schlammverschmierte, nasse Hose und dann auf die anderen, die am Rand des Weihers immer noch miteinander raufen, sich gegenseitig vollspritzen, lachen und schreien. Ihre Stimmen vermischen sich mit dem Vogelgezwitscher in den Bäumen. Vor allem aber betrachtet er Lola, mit ihren langen, rötlich braunen Haaren, die in der Sonne glänzen.

 

Vor zwei Jahren ist sie ihm das erste Mal aufgefallen, hier im Park. Da haben sie sich kennengelernt. Kaum zu glauben, dass es schon so lange her ist. Es war an einem der ersten Tage des neuen Schuljahrs. Hugo und Isabel stritten sich gerade – in aller Freundschaft – darüber, ob Dexter oder Homeland die bessere Fernsehserie sei; die Sorte von Gespräch, an dem er sich nicht groß beteiligen kann, weil ihm sein intensives Training kaum Zeit zum Fernsehen lässt. Er lehnte sich wie jetzt zurück und blinzelte in die Sonne, die ihm mit ihren schrägen Spätnachmittagsstrahlen ins Gesicht schien und das Gras grüngolden aufleuchten ließ. Als seine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, wanderte sein Blick über die anderen Grüppchen, an den Frisbeespielern vorbei und zu dem Grashügel dahinter. Und da saß sie, ein kleines Stück von den übrigen Mädchen entfernt, am Hang. Sie hatte den Kopf von ihnen weggedreht, die Beine zu sich herangezogen, die Arme um die Knie gelegt und starrte auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne.

Mathéo war daran gewöhnt, dass die Mädchen ihn umschwärmten, mehr als andere. Er war schon mit einigen kurz zusammen gewesen – sogar mit einer aus dem Jahrgang über ihm. Aber wenn die Mädchen anfingen, Ansprüche zu stellen und ihn zu oft treffen wollten, verlor er schnell das Interesse an einer Beziehung. Er zog es vor, seine wenigen freien Stunden mit Hugo zu verbringen. Doch aus irgendeinem Grund fesselte ihn dieses Mädchen da in der Ferne. Etwas war anders an ihr. Sie wirkte gedankenverloren, weit weg, setzte nur ab und zu mechanisch ein Lächeln auf, wenn sie von den Mädchen aus ihrer Gruppe gezwungen wurde, sich an dem Gespräch zu beteiligen. Der Unterschied war unmerklich, aber sobald Mathéo den haarfeinen Riss zwischen ihr und dem Rest der Gruppe bemerkt hatte, konnte er die Augen nicht mehr von ihr wenden. Er schaute sie an, als wäre sie eine Figur auf einem Gemälde. Sie war groß, anmutig, hübsch – nein schön –, eines dieser langbeinigen, fohlenhaften Wesen, dachte er. Ihr zu großes, weißes Hemd hing locker über den Bund des vorschriftsmäßigen, grauen Schuluniformrocks, die Manschetten waren aufgeknöpft und baumelten ihr um die Handgelenke. Anders als die übrigen Mädchen um sie herum war sie nicht geschminkt. Ihr Gesicht war vom langen Sommer braun gebrannt. Die Farbe ihrer Haare, die ihr als lange Mähne bis zur Hüfte herabfielen, erinnerte ihn an rötlich braune Kastanien. Wie sie so still dasaß, hatte ihr Gesicht einen sehnsüchtigen, leicht verträumten Ausdruck. Ihre großen, grünen Augen schauten in eine unbestimmte, weite Ferne, so als würde sie sich gerade ein anderes mögliches Leben ausmalen. Es lag etwas in ihrem Blick – Mathéo wusste nicht, was –, das ihn fesselte.

Sie schien nicht zu bemerken, dass er sie beobachtete, und deshalb betrachtete er sie so lange, wie er es wagte. Er konnte die Augen einfach nicht von ihr lösen. Warum genau, hätte er nicht zu sagen vermocht. Er fühlte sich auf unbestimmte Weise zu ihr hingezogen, als würde er sie bereits kennen, als wären sie bereits enge Freunde gewesen, vielleicht sogar Seelenverwandte, irgendwann in einem früheren Leben. Ihre bloße Gegenwart schien ihn zu besänftigen, ihn von den Launen in seinem Kopf zu befreien. Sie wirkte auf ihn eigenartig vertraut. Als würde sie die Welt so sehen wie er. Vielleicht war es etwas in ihrem Gesicht, in ihren Augen. Sie schien etwas zu wissen; was genau, war er sich nicht sicher. Sie schien zu begreifen. Oder vielmehr: Er glaubte, in ihr die Fähigkeit, zu begreifen, entdeckt zu haben.

Mit einem kleinen Lächeln hob er die Hand.

Sie beantwortete die Geste, für einen Moment leuchtete ihr Gesicht auf, dann wandte sie sich ab und wieder dem Gespräch der anderen Mädchen zu. Das Gefühl traf und saß. Mathéo schaute ihr nach, nagte verwirrt an seiner Unterlippe. Die Enttäuschung riss ein klaffendes Loch in seine Brust. War das jetzt ein Abschiedswinken gewesen? Oder hatte sie seine Existenz einfach nur freundlich zur Kenntnis genommen? War es eine Einladung, zu ihr hinüberzugehen und Hallo zu sagen? Aber sie redete mittlerweile schon wieder mit ihren Freundinnen, was jede weitere Kontaktaufnahme unmöglich machte.

Dann packte ihre Gruppe zusammen, alle wollten nach Hause. Die Sonne stand bereits tief am Himmel; abendliche Farben, weich und rosenfingrig, senkten sich dunstig über das Wasser des Teichs. Er hatte seine Chance verpasst – wenn es diesen kurzen, flüchtigen Moment lang überhaupt so etwas wie eine Chance gegeben hatte. Frustration breitete sich in ihm aus. Er beobachtete, wie sie in ihre Schuhe schlüpfte, sich den Rest ihres Sandwiches in den Mund schob und beim Reden wild gestikulierte. Lebhaft beteiligte sie sich an der Unterhaltung der anderen und schlenderte mit ihnen über die Grünfläche, die Allee entlang und zum Schultor hinaus, ohne ein einziges Mal zu ihm zurückzublicken.

Irgendwie fühlte er sich betrogen. Als wäre das Winken nur gewesen, um ihn zu ärgern, oder ein Signal, mit dem sie ihn wissen ließ, dass sie ihn dabei ertappt hatte, wie er sie anschaute. Eine Warnung, dass er das ja nicht noch einmal wagen solle. Er presste die Fäuste auf die Augen und atmete tief ein, spürte ein Gefühl von Enttäuschung in der Brust. Zeit für sein Training, Zeit, nach Hause zu gehen, Zeit, den Park zu verlassen … Er schlang sich seine Schultertasche um, verabschiedete sich von Hugo und Isabel und stand langsam auf, obwohl seine Muskeln dagegen zu protestieren schienen. Als er am Teich entlangging, blieb er einen Augenblick stehen, um die letzten, goldenen Sonnenstrahlen in sich aufzusaugen, das von der Abendsonne durchtränkte Gras, das schillernde Wechselspiel von Licht und Schatten auf den Wellen und das allmähliche Hinübergleiten in die Dämmerung – ein Tag ging zu Ende, einer von vielen. Die Wasserfläche vor ihm kräuselte sich flüsternd, Federwolken spannten sich über den indigofarbenen Himmel. Die Gänse eroberten sich den Park wieder zurück und glitten schwerelos übers Wasser, heiter und stolz, mit dem blaugrünen Abend verschmelzend. Frieden lag über dem Bild, und wie gebannt von der Schönheit der Szene stand er da … Dann schüttelte er den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Jetzt krieg dich mal ein, dachte er. Er konnte schließlich nicht ewig hier stehen.

Als er sich noch einmal zu der Stelle umdrehte, an der das Mädchen kurz zuvor gesessen hatte, fing zwischen den langen Grashalmen etwas Silbriges das letzte, verblassende Sonnenlicht ein. Er musste blinzeln. Ein gleißender Lichtpunkt tanzte vor seinen Augen. Mit ein paar Schritten über den Rasen war er dort und hob eine Uhr auf, deren Zifferblatt nicht viel größer war als der Nagel seines kleinen Fingers. Das Uhrband war eher ein Armband – zarte, ineinander verschlungene Kettenglieder aus Weißgold. Er spürte die kühle Berührung auf seiner Haut: fest und wirklich. Ein Sekundenzeiger drehte auf dem Zifferblatt lautlos eine Runde um die andere, und er starrte so lange darauf, bis er das Gefühl hatte, etwas Lebendiges in der Hand zu halten.

»Dieb!« Es war im Spaß gerufen, trotzdem hielt er wie ertappt den Atem an. Das Mädchen lief den leichten Abhang herunter auf ihn zu, die langen Haare umwehten ihr Gesicht, es war Wind aufgekommen. Die Welt um ihn herum erbebte, und einen Augenblick lang war er zu verwirrt, um zu antworten. Dann kam er wieder zu sich, wich zurück und ließ die Uhr lässig in seine Jackentasche gleiten.

»Wer zuerst kommt …!« Er grinste sie herausfordernd an.

Kurz vor ihm blieb sie stehen. Er stellte fest, dass sie größer war, als er gedacht hatte, fast genauso groß wie er, und dass auf ihren Wangen ein paar Sommersprossen zu sehen waren. Ihr weißes Hemd hatte einen Grasfleck, einer der Knöpfe fehlte, und unter den weiten Ärmeln zeichneten sich ihre schmalen Arme ab. Getrockneter Schlamm klebte an ihren langen Beinen, und direkt über dem linken Knie musste sie sich an irgendetwas verletzt haben, denn dort war etwas Schorf zu erkennen. Ein zusammengerolltes Blatt hatte sich in ihren Haaren verfangen, sie trug kleine Perlenohrstecker, und ein tropfenförmiger, silberner Anhänger hing ihr an einer zarten Kette um den Hals, schmiegte sich in das Grübchen zwischen ihren Schlüsselbeinen. Einen Moment lang weiteten sich ihre Augen bei seiner Antwort ungläubig. Dann bemerkte sie sein Grinsen und schüttelte unwillig den Kopf.

»Sehr witzig – gib sie mir zurück.«

Er sah sie an. Wenn er jetzt etwas falsch machte, wäre es das gewesen. Mit den Händen in den Hosentaschen stand er lässig da, fuhr mit der Spitze des einen Turnschuhs über den Boden und tat so, als würde er sie mit zusammengekniffenen Augen mustern, wie ein Kommissar.

»Zuerst einmal – ähm – brauche ich einen Beweis, dass dieser offensichtlich wertvolle Gegenstand Ihnen überhaupt gehört, Miss.« Sein Grinsen wurde breiter, spöttischer, herausfordernder. Er spürte auf einmal eine Wärme im Gesicht; es war klar, dass er jetzt flirtete. Und das konnte der Moment sein, in dem sie einfach nur ihre Uhr zurückverlangte und davonging. Eine falsche Bewegung, ein missverstandenes Wort, und schon stand man allein da.

Aber sie gab nur einen kleinen Seufzer gespielter Empörung von sich. »Ich heiße Lola Baumann«, sagte sie übertrieben langsam und deutlich. »Der Name ist auf der Rückseite eingraviert.«

»Ach ja, wirklich …?« Er zog die Uhr bedächtig aus der Jackentasche und tat so, als würde er sie ausführlich untersuchen. »Ich bin übrigens Mathéo.« Den Blick hielt er weiter auf die Uhr gerichtet.

»Wo kommst du her?«

»Von hier – London. Aber es ist ein französischer Vorname – meine Mutter ist Französin.« Er spürte, wie er rot wurde, und versuchte, es zu überspielen, indem er den Kopf zur Seite legte und so tat, als würde er Lola kritisch mustern. »Und du? Gehst du auch hier auf die Greystone?«

»Ja, leider. Wir sind letzten Monat aus Sussex hierhergezogen, wegen des Jobs meines Vaters.«

»Und bist du auch in der Zwölften?«

»Ja. Aber ich hab keine naturwissenschaftlichen Fächer gewählt, so wie du.«

»Woher weißt du, welche Fächer ich habe?«

Sie lächelte. »Du bist der Typ, der für Olympia trainiert. Der Turmspringer. Über dich wissen alle alles.«

Jetzt bekam er tatsächlich einen roten Kopf. »Ähm, und welche Fächer hast du?«

»Kunst, Englisch und Geschichte.«

»Okay, das erklärt, warum ich dich bisher noch nicht gesehen habe.« Er drehte sich weg, warf die Uhr in die Luft und fing sie wieder auf, alles mit übertriebener Lässigkeit.

»He, vorsichtig!« Sie machte einen Satz nach vorne, aber er war schneller.

»Immer mit der Ruhe, immer mit der Ruhe.« Er trat einen Schritt zurück und streckte den linken Arm aus, um sie auf Abstand zu halten. »Ein eingravierter Name? So ein Pech, dass ich meine Kontaktlinsen nicht eingesetzt habe …«

»Her damit!« Sie sprang auf ihn zu, und diesmal erwischte sie ihn am Handgelenk. »Mach auf! Gib sie her!«

Die wilde Entschlossenheit auf ihrem Gesicht ließ ihn breit grinsen. »Nein!«

»Gut! Dann eben anders!« Sie versuchte, mit Gewalt seine Finger aufzubiegen. »Oh Gott, warum seid ihr Jungs denn immer so verdammt stark?« Dabei bohrte sie den Zeigefinger in seine geschlossene Faust, und es gelang ihr allmählich, sie aufzustemmen. Nur um dann festzustellen, dass sie leer war.

Einen Moment lang wirkte sie schockiert. Sie schauten sich in die Augen. Mit der rechten Hand hielt sie immer noch sein Handgelenk umklammert. Einen Augenblick lang war ihr Gesicht so nahe vor seinem, dass er ihr Haarshampoo riechen konnte … Dann riss er sich mit einem Ruck los, seine Schläfen pochten.

»Was ist?«, fragte sie, als sie seinen veränderten Gesichtsausdruck bemerkte.

Er brachte ein kleines Lachen zustande, schlug einen Haken und zog dann die Uhr heraus. »Fang!«

Sie kreischte auf und musste hochspringen, um sie zu fangen.

»Oh nein, meine arme Uhr!« Sie untersuchte sie sorgfältig, drehte und wendete sie, polierte die Vorderseite mit einem Zipfel ihres Hemds und hielt sie dann gegen das Licht, um zu sehen, ob sie einen Kratzer abbekommen hatte. »Ich hab sie noch nicht lange – das Abschiedsgeschenk von einem Freund. Mein Gott, wenn ich sie verloren hätte …«

»Immer zu Diensten«, unterbrach er sie mit einem ironischen Lächeln.

Sie schob die Uhr wieder übers Handgelenk und schaute ihn dann empört an. »Oh ja, fast hätte ich’s vergessen! Danke, dass du versucht hast, sie mir zu klauen! Und danke, dass sie jetzt beinahe auch noch im Wasser gelandet wäre!«

Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und schüttelte entrüstet den Kopf, aber er entdeckte ein humorvolles Aufblitzen in ihren funkelnden Augen.

Gemeinsam verließen sie den Park mit seinem Cocktail aus Spätsommerdüften, tauschten Gras und knirschenden Kies unter den Füßen gegen den harten Asphalt der belebten, breiten Straße, deren Bürgersteig bereits in lange, weit vorragende Schatten getaucht war. Die hohen Gebäude raubten den Fußgängern die letzten Minuten der Abendsonne. Fast sofort wurden Mathéo und Lola von der hastenden Menge der nach Arbeitsschluss auf den gähnenden Eingang der U-Bahn zueilenden Angestellten verschluckt. Die geöffneten Türen der Bars spuckten lachende, plappernde Menschen aus und zogen andere in ihre dunklen Räume hinein. Aus einem Café irgendwo in der Nähe ertönte der dröhnende Rhythmus eines Schlagzeugs, so laut, dass beinahe der Boden unter ihnen vibrierte, und der gesamte Lärm der Straße erschallte zu ihrer Begrüßung, als hätte gerade jemand die Lautstärke noch weiter aufgedreht. Aufgeputschte Stimmen dröhnten in seinem Schädel. Die Menschen umströmten ihn, Gesichter trieben in Nahaufnahme vorbei, füllten einen Moment sein ganzes Gesichtsfeld. Ein paar Schritte vor ihm, vom Strudel davongetragen, hatte Lola fast schon die Straßenecke erreicht. Halb drehte sie sich zu ihm noch einmal um und rief: »Dann sehen wir uns in der Schule mal wieder …?«

Und schon begann er, sie aus den Augen zu verlieren, verschwamm sie mit der Menge.

Er zögerte eine Sekunde. Brüllte dann: »Wie wär’s, wenn du mir deine Nummer gibst? Mein Freund feiert am Wochenende eine Party …« Eine glatte Lüge, aber er wusste, dass er auf Hugo zählen konnte.

Sie zögerte ebenfalls eine Sekunde, kämpfte sich dann mit den Ellenbogen den Weg zu ihm zurück. Die Menge teilte sich und schwärmte rechts und links an ihnen vorbei, wie Ameisen um ein Hindernis. Er zog einen ramponierten Kugelschreiber heraus und spürte, wie die Mine beim Schreiben auf seiner Hand pikte und kitzelte. Danach warf sie ihm noch ein blitzschnelles Lächeln zu, bevor sie endgültig von der Menschenflut verschlungen wurde. Während sie zwischen den wimmelnden Körpern verschwand, ging er langsam ein paar Schritte rückwärts, gegen den Strom, fort von ihm, bis er schließlich ermattet gegen eine Schaufensterscheibe sank, müde, aber mit einem Lächeln im Gesicht, das gar nicht mehr aufhören wollte.

 

»Hey, du!« Lola fasst ihn an den Schultern und zieht ihn zu sich herunter, sodass er jetzt mit dem Kopf auf ihrem Schoß liegt und in den Himmel hinaufschaut. »Wovon träumst du gerade? Von der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen?«

Er stöhnt auf. »Na klar. Was sonst.«

»Hey, ich erwarte von dir, dass du sie nächstes Jahr gewinnst!«, zieht ihn Lola auf. »Warum sonst bin ich schließlich mit dir zusammen?«

Er grinst sie vieldeutig an.

»Lass uns besser mal los. Es ist Mittwoch«, erinnert sie ihn. »Kinotag.«

Jeden Mittwochabend geht Lola ins Kino. Und zwar mit ihrem Vater. Beide sind große Filmfans und haben mit diesem Ritual schon angefangen, als Lola noch im Kindergarten war und ihre Mutter damals an Krebs starb. In der Anfangszeit ihrer Beziehung zu Mathéo versuchte sie, ihn manchmal dazu zu überreden, doch mitzukommen. Obwohl er sich geschmeichelt fühlte, lehnte er stets ab, weil er ihr nichts von der Zeit mit ihrem Vater wegnehmen wollte.

Lola sammelt ihre Sachen ein, und auch Mathéo steht auf, schlingt sich den Schultergurt seiner Schultasche um und schlüpft mit nassen Füßen in die Schuhe.

»Na, ihr zwei?«, ruft Hugo von seinem Platz in der Sonne neben Isabel. »Geht ihr schon?«

»Ja, denn im Gegensatz zu euch zwei Faultieren haben wir noch was Wichtiges vor!«, ruft Lola zurück. »Bis morgen!«

 

Die Tür in den kleinen Hintergarten des Hauses, in dem Jerry Baumann mit seiner Tochter wohnt, steht offen, und aus der Küche weht der Duft von gebratenen Äpfeln. Rocky, Lolas Hund, hüpft auf dem Rasenfleck im Kreis herum und jagt ein herabfallendes Blatt. Eine leichte Abendbrise weht.

»Komm doch noch rein und sag meinem Dad Hallo! Er hat ein paarmal nach dir gefragt.«

Als sie auf das Tor zugehen, kann Mathéo bereits Lolas Vater am Herd stehen sehen, seine GUNS-N’-ROSES-Lieblingsschürze umgebunden, über der sich ein leichter Bauchansatz wölbt. Begeistert hantiert er mit einem Kochtopf herum, während aus dem Radio in voller Lautstärke Musik von Queen dröhnt.

»Dad, willst du, dass wir wieder Ärger mit den Nachbarn bekommen?«, brüllt Lola statt einer Begrüßung.

Mit lautem Scheppern stellt ihr Vater den Kochtopf ab, dreht sich gut gelaunt zu ihr um und schließt sie fest in die Arme.

»Aua, ich krieg kaum Luft. Warum bist du jetzt schon am Kochen?«

Darauf antwortet Jerry nicht, sondern wendet sich zu Mathéo und klopft ihm herzlich auf den Rücken. »Na, wie geht’s meinem Lieblingsturmspringer?«

»Kennst du denn noch andere?«, erwidert Mathéo wie jedes Mal, boxt Jerry dann spielerisch in die Seite und geht um den Tisch herum, um mit Rocky herumzubalgen, der ihnen in die Küche gefolgt ist. Mathéo hat sich bei Lola zu Hause von Anfang an wohlgefühlt. Es ist dort so warm und behaglich. Alles ist klein und vollgestopft und unordentlich. Das komplette Gegenteil von seinem eigenen Zuhause.

»Setz dich, setz dich«, drängt ihn Jerry, während Lola die Treppe hochläuft, um sich umzuziehen. »Ich bin heute früher von der Arbeit weggekommen, deshalb hab ich mir gedacht: Sei ein guter Vater und back mal was.«

»Danke, es riecht köstlich, aber ich hab eigentlich keinen Hunger.« Mathéo hält abwehrend die Hand hoch, um Jerry davon abzuhalten, dass er ihm ein Stück Apple Pie hinstellt.

»So einer wie du braucht doch ordentlich was, bei dem vielen Training«, entgegnet Jerry und schiebt Mathéo den Teller trotzdem hin. »Du wirkst ja schon richtig schmächtig.«

»Wohl kaum«, antwortet Mathéo. Aber er setzt sich, bricht ein kleines Stück von dem verbrannten Teig ab und füttert damit Rocky, der unter dem Tisch erwartungsvoll hechelt.

»Dad, es fängt in zehn Minuten an!« Lola kommt hereingerannt und trifft mit ihrer Handtasche, die sie auf den Tisch schleudert, knapp neben Mathéos Teller. »Dein Apple Pie ist ganz bestimmt köstlich, Dad, aber ich will wenigstens ein Mal gute Plätze bekommen. Können wir deshalb bitte los?« Sie saust zum Backofen und stellt die Temperatur aus. »Daaad! Eines Tages wirst du noch das Haus abbrennen!«

Jerry fängt sie am Kühlschrank ab und hält einen Löffel hoch. »Nur einen Bissen. Probier mal! Ich hab alles genau so gemacht, wie es in dem neuen Kochbuch steht, das du mir geschenkt hast.«

»Versuchst du es jetzt bei Mattie auch schon mit deiner Zwangsernährung?« Nach einem gequälten Seitenblick zu Mathéo lässt Lola sich den Löffel in den Mund schieben. »Aaah, heiß!« Sie stürmt zum Spülbecken und beugt sich vor, um direkt aus dem Wasserhahn zu trinken. »Du hast mir die Zunge verbrannt, Dad!«

»Glaubst du, dass ich ihn zu lange im Ofen gelassen habe?«, fährt Jerry unbekümmert fort, ohne auf die Vorwürfe seiner Tochter zu reagieren. »Kann sein, dass er etwas verbrannt ist.« Er probiert selbst davon.

»Es schmeckt köstlich«, versichert ihm Mathéo.

»Mattie, hör auf, so höflich zu sein! Könntest du meinem Vater bitte klarmachen, dass wir jetzt endlich losmüssen?«, fleht Lola.

Mathéo hält lachend die Hände hoch. »Du weißt doch, dass ich bei euch beiden nie Partei ergreife.«

Sie zieht einen Schmollmund. »Feigling.«

Mit tatkräftiger Unterstützung von Rocky schafft Mathéo es schließlich, sein Stück Apple Pie zu vertilgen, und verfolgt dabei wie immer amüsiert das Hin und Her zwischen Vater und Tochter. Eine so enge Beziehung wie die zwischen Lola und Jerry hat er noch nie bei Eltern und Kindern beobachtet. Sie sind richtige Gefährten, die miteinander durch dick und dünn gehen. Mathéos eigene Eltern kritisieren ständig, dass Jerry seiner Tochter immer alles durchgehen lässt – »Sie darf sich rumtreiben, wie sie will, und bekommt alles, was sie haben möchte« –, weil er angeblich damit für sie den Verlust der Mutter zu kompensieren versucht. Aber Mathéo sieht das anders. Den größten Teil ihres Lebens hat es für Lola nur Jerry und sie gegeben, und sonst niemanden. Und deshalb haben sie eine so starke Bindung zueinander entwickelt, dass der Rest der Welt einfach außen vor bleibt.

Mathéos Eltern beschimpfen Jerry gern als Hippie – der er zweifellos mal war –, doch inzwischen ist er ein schon ziemlich in die Jahre gekommener Ex-Rocker. Früher war er einmal der Leadsänger in einer recht bekannten Band, und er scheint sein Talent an seine Tochter weitervererbt zu haben. Für die beiden ist Musik ihr Leben – vor allem die Rockmusik aus den Siebzigern: David Bowie, Bruce Springsteen, Lou Reed, Queen, Led Zeppelin, die Rolling Stones … Jerry und Lola haben sogar eine eigene kleine Band: Jerry komponiert und spielt Schlagzeug, Lola spielt Gitarre und singt. Aber was Mathéo neben dieser Leidenschaft für Musik an den beiden immer besonders gut gefallen hat, ist die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen. Sicherlich spielt dabei eine Rolle, dass Jerry so total entspannt drauf ist und dass Lola es als Tochter nicht gerade rocken lässt, doch eine solche Kameradschaftlichkeit gibt es normalerweise nur zwischen besten Freunden. Manchmal wirkt es fast, als wäre Lola die Erwachsene – wenn sie ihren Vater ermahnt, nicht überall seine Kameras und sein Zubehör herumliegen zu lassen oder nicht schon wieder nur Fertiggerichte zu kaufen. Sie haben nicht viel Geld – Lola hat für Greystone ein Musikstipendium bekommen, und Mathéo weiß, dass Jerry hart kämpfen muss, um von seinem Honorar als selbstständiger Fotograf das Haus abbezahlen zu können. Andererseits, und das ist ein ganz anderer Reichtum, reist Jerry als Fotograf durch die ganze Welt, manchmal hat Lola sogar ein paar Schultage geschwänzt, um ihn zu begleiten, und fast jede Wand ihres kleinen, aber gemütlichen Zuhauses ist mit Fotografien von ihr vollgehängt, in jedem Alter und oft an allen möglichen exotischen Orten. Wenn Jerry in London arbeitet, bemüht er sich, immer rechtzeitig nach Hause zu kommen, um nach der Schule für sie da zu sein – sie besprechen miteinander, was an dem Tag alles vorgefallen ist, sitzen am Küchentisch zusammen. Er ist immer da, wenn sie Hilfe bei den Hausaufgaben braucht, und am Abend gehen sie mit Rocky gemeinsam in den Park. Nach dem Abendessen hocken sie miteinander vor dem Fernseher oder laden sich einen Film herunter, und wenn Lola nicht zu müde ist, verziehen sie sich noch eine Weile in den zum Studio ausgebauten Schuppen am Ende des Gartens und machen Musik und arbeiten an Jerrys Kompositionen …

Mathéo war nervös gewesen, als Lola ihn das erste Mal nach Hause mitgenommen hat, damit sie ihn ihrem Vater vorstellen konnte, zwei Wochen nachdem aus ihnen ein Paar geworden war. Er hatte Angst gehabt, dass Jerry seine einzige Tochter nicht so leicht hergeben würde. Was in gewisser Weise auch stimmte. Aber er mochte und schätzte ihn als ersten ernsthaften Freund seiner Tochter, das spürte Mathéo. Jerry behandelte ihn immer freundlich und interessierte sich von Anfang an fürs Turmspringen. Sogar jetzt – obwohl er wegen seines Trainingsplans kaum Zeit hat – bemühen sich Vater und Tochter, ihn in ihre Unternehmungen einzubeziehen. Mathéo hat keinen Grund, eifersüchtig auf Jerry zu sein. Und doch, wenn er die beiden so beisammen sieht, verspürt er manchmal einen Stich in der Brust.

Zweites Kapitel

Nachdem Mathéo sich am Ende der Straße von Lola und Jerry verabschiedet hat, braucht er weniger als zehn Minuten bis nach Hause, neun Straßenkreuzungen weiter. Die Hawthorne Avenue, auch Millionaires’ Drive genannt, wirkt auf ihn immer ganz besonders streng, wenn er von den beiden kommt – zu stark ist der Kontrast zwischen seiner eigenen Straße und der gemütlichen Straße mit den kleinen, schmalen Reihenhäusern, in der Lola wohnt. Alles in der Hawthorne Avenue wirkt dann doppelt so groß. Die breite Straße ist rechts und links von Minivans und SUVs gesäumt, dazwischen ab und zu ein Sportwagen oder ein Motorrad. Die Bäume sind schmal und hoch, ihre obersten Zweige befinden sich genau auf Dachhöhe der dreistöckigen Häuser, die mit ihrem weißen Anstrich und den glänzenden, schwarzen Haustüren alle gleich aussehen. Mathéo geht an den Nachbarhäusern vorbei, mit ihren Kristalllüstern hinter den Fenstern, macht dann zwischen den Pfosten vor Hausnummer 29 eine Neunzig-Grad-Wendung nach rechts, nimmt fünf steile Stufen und zieht aus der hinteren Hosentasche seiner Jeans die Schlüssel heraus. Er stößt die Haustür auf, betritt den stillen Hausflur. So gut wie alles im Innern des Hauses ist weiß oder cremefarben, von den schweren Marmorfliesen im Erdgeschoss bis zu den dicken Teppichböden in den drei oberen Stockwerken, die jeden Schritt dämpfen. Jedes Zimmer hat weiße Wände – nach einer Weile schmerzen einem davon die Augen. Im Erdgeschoss gehen alle Räume ineinander über: Der Flur öffnet sich zum Wohnzimmer und das Wohnzimmer wiederum zum Esszimmer und zur Küche. Die Größe der Räume wird durch die sparsame Möblierung, meist in Schwarz oder Metallic, noch betont. Sogar die Lampen sind alle aus Aluminium. Die Ausstattung in der Küche ist auf das Wesentliche reduziert: weiß verkleidete Flächen, ein metallicfarbener, leistungsstarker Kühl- und Gefrierschrank, Hängeschränke auf Augenhöhe und eine lange Frühstückstheke als Raumteiler hin zum Wohnbereich. Dort befinden sich ein schwarzes Ledersofa mit passenden Sesseln, ein Couchtisch aus Glas, mehrere Leuchtkörper am Boden sowie an der einen Wand ein Soundsystem und an der anderen ein Flatscreen. Rechts neben dem Hauseingang führt eine Wendeltreppe, die Stufen ebenfalls aus weißem Marmor, in den ersten Stock mit einem zweiten, selten benutzten Wohnzimmer, einem Gästezimmer und einem Bad. Im zweiten Stock befinden sich die Räumlichkeiten seiner Eltern: ihr gemeinsames Schlafzimmer, selbstverständlich mit einem angrenzenden, großen Badezimmer, das Arbeitszimmer seines Vaters sowie ein leeres Zimmer, mit dem niemand so recht etwas anzufangen weiß. Das oberste Stockwerk wird von seinen Eltern immer noch »das Kinderstockwerk« genannt. Zuerst kommt dort ein großzügiges Badezimmer und daneben ein Zimmer, das bis vor Kurzem Loïcs Spielzimmer war. Jetzt ist es auf andere Weise ein Spielezimmer geworden: mit Fernseher, Computer, verschiedenen Spielekonsolen, einem Kicker und einem Mini-Billardtisch. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich zwei Zimmer, die mehr oder weniger gleich aussehen: Kingsize-Betten, Einbauschränke und Flügeltüren, dahinter zwei schmale Balkone mit Blick auf den Garten. Der Garten ist für Londoner Maßstäbe ziemlich groß, ungefähr die Größe eines Swimmingpools, und besteht aus einem Terrassenbereich mit anschließendem langen Rasenstreifen, der jede Woche von einem Gärtner gemäht wird. Es gibt nur wenige Sträucher oder Blumen, an den Backsteinmauern rankt sich kein Efeu oder Wein. Mathéo kann sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal dort draußen aufgehalten hat. Sogar im Sommer bleibt der Garten die allermeiste Zeit ungenutzt, außer für Partys. Vom Wintergarten öffnen sich die Türen direkt auf die Terrasse, und am Ende des Rasenstreifens gelangt man durch eine kleine, schwarze, schmiedeeiserne Tür auf einen Fußweg, der an der Rückseite der Gärten entlang zur Straße führt – eine nützliche Abkürzung und ein Fluchtweg, wenn seine Eltern wieder mal Gäste eingeladen haben.

In seinem Zimmer – und im gesamten obersten Stockwerk – sind Poster jeder Art an den Wänden streng verboten. Ein Hausmädchen macht jeden Morgen die Betten und räumt in seinem und Loïcs Zimmer auf, sodass am Abend, wenn Mathéo nach Hause kommt, seine Bücher immer ordentlich im Regal stehen, sein Laptop zugeklappt ist und auf der Schreibtischplatte die Wischspuren eines Reinigungstuchs sichtbar sind. Die Kleidungsstücke, die am Fußboden verstreut lagen, sind verschwunden, und das zerknitterte Bettlaken ist durch ein frisches ersetzt. Mathéo kann sich noch sosehr anstrengen, sein Zimmer unordentlich und bewohnt aussehen zu lassen – bis er nach Hause kommt, ist alles wieder in den gewohnten Zustand klinischer Reinheit zurückversetzt. Vorher hatte ihn das nie gestört; für ihn war es ganz normal. Bei ihm zu Hause war es eben so, er kannte es nicht anders, und bei seinen Freunden sah es überall mehr oder weniger genauso aus. Auch wenn manche von ihnen vielleicht nicht ganz so viel Platz hatten wie er. Das änderte sich erst, als er Lola kennenlernte. Und Jerry. Bis er anfing, mehr und mehr Zeit bei ihnen zu verbringen. Anfangs hat ihn deren Durcheinander etwas irritiert, das Fehlen einer Geschirrspülmaschine, die Tatsache, dass die Teller und Tassen vom Frühstück noch in der Spüle standen, wenn Lola aus der Schule kam. Das Patchwork aus Fotos und Zeichnungen und Postkarten an der Kühlschranktür. Die Hundehaare überall, die Brotkrümel auf dem Küchentisch. Aber bald fand er heraus, dass es gerade das Chaos war, die Spuren von Alltagsleben, was ihr Haus so gemütlich machte. Warum es für ihn einer der wenigen Orte war, an denen er sich völlig entspannt fühlte. Wo er die Füße auf den Tisch legen oder auf der Couch einschlafen konnte.

Mathéo wirft einen kurzen Blick in die Küche. Die schmutzigen Teller, Müslischüsseln und halb ausgetrunkenen Tassen sind von der Frühstückstheke verschwunden, als wäre alles ein Produkt seiner Phantasie gewesen. Loïc macht mit dem neuen Haus- und Kindermädchen, Consuela, am Esstisch seine Hausaufgaben. Sie ist jünger als ihre Vorgängerinnen: klein und drahtig, mit spitzen Gesichtszügen. Sie strahlt eine nervöse Energie aus.

Loïc wirkt gelangweilt, er hat seinen blonden Haarschopf auf den ausgestreckten Arm gelegt und fummelt am Ende seines Bleistifts herum. Er hat die Nase voll von seinen Hausaufgaben. In gebrochenem Englisch versucht Consuela, ihm eine Textaufgabe zu erklären. Als die Haustür ins Schloss fällt, blickt er einen Moment hoffnungsvoll auf. Mathéo sieht die Enttäuschung in seinen Augen. »Wann kommt Mummy denn nach Hause?«

»Zuerst mal: Hallo, kleiner Bruder. Weiß ich nicht. Hi, Consuela.«

»Mathéo, ich versuche, dich anzurufen. Deine Mutter, sie mich bittet heute Morgen, Hühnchen zu machen, aber hier nur Steak, und so ich auftaue Steak, aber vielleicht ich soll kaufen Hühnchen?« Sie hat eine laute Stimme und spricht mit starkem spanischen Akzent, deshalb versteht er sie zuerst gar nicht.

»Nein, muss nicht sein. Steak ist bestimmt vollkommen in Ordnung …«

»Aber was ist mit Hühnchen? Vielleicht ich soll kaufen Hühnchen?«

Oh, oh. Sie ist erst den zweiten Tag hier und bereits mit ihren Nerven am Ende.

»Nein, ich bin sicher, dass meine Mutter mit Steak auch zufrieden ist«, versichert er ihr. »Wollen Sie, dass ich Ihnen helfe? Haben Sie mit den Vorbereitungen fürs Abendessen schon begonnen?«

»Nein, nein, ich mache Abendessen.«

Er zögert. »Wollen Sie, dass ich Loïc bei den Hausaufgaben helfe, während Sie sich ums Abendessen kümmern?«

Der Vorschlag macht sie nur noch nervöser. »Nein, nein! Mathéo, du machst jetzt Hausaufgaben?«

»Meine letzte Prüfung war gestern. Ich muss keine Hausaufgaben mehr machen.«

»Dann hast du Training? Musst du trainieren jetzt?«

»Ja.« Dass sie ihm vorschreiben will, was er zu tun hat, geht ihm genauso auf die Nerven wie ihr Tick, alles als Frage zu formulieren. Er wendet sich zur Treppe, die ins Souterrain hinunterführt. »Ich wollte nur sagen – wenn Sie Hilfe brauchen, Sie können mich jederzeit rufen.«

»Du umziehst für Training, ja?«

»Ja«, antwortet er genervt, ohne sich umzudrehen, und geht in Richtung Treppe.

»Mattie?«, ruft Loïc leise und mit jammerndem Tonfall.

Mathéo bleibt stehen und dreht sich zu ihm um. Loïc hätte gern, dass er bei ihm bleibt, das weiß er genau, aber … Seine Eltern werden bald da sein und sich darüber streiten, wer den stressigeren Tag hatte; Consuela wird nervös in der Küche hantieren und die Fragen seiner Mutter nach Loïcs Hausaufgaben beantworten; und Mathéos Vater wird mit ihm das letzte Training vor dem Wettkampf an diesem Wochenende diskutieren wollen.

»Kannst du mir helfen?« Loïc schaut ihn traurig an. »Consuela kann kein Englisch.«

Mathéo spürt, wie er sich innerlich windet. »Loïc, jetzt sei mal nicht so! Natürlich kann Consuela …«

»Ich kann, ich kann!«, fährt Consuela seinen kleinen Bruder an. »Loïc, dein Bruder muss jetzt machen sein Training. Ich dir erkläre noch einmal. Höre zu …«

»Wann kommt Mummy endlich nach Hause?« Loïc ignoriert sie und schaut Mathéo immer noch mit verzweifeltem Gesichtsausdruck an. Mathéo weiß nie, was sein achtjähriger Bruder eigentlich von ihm will – nur dass er, egal, was es ist, es ihm nicht geben kann.

»Bald. Sehr bald. Und deshalb musst du dich auch beeilen, dass du mit deinen Hausaufgaben fertig wirst. Wir essen nachher alle zusammen zu Abend.« Er lächelt Loïc an und hofft, dass es ein aufmunterndes Lächeln ist.

»Bringt sie mich dann heute Abend ins Bett?« Loïcs Gesicht leuchtet hoffnungsvoll.

»Ja! Na klar!« Mathéo nickt dazu begeistert.

»Und sie liest mir auch eine Geschichte vor?«

»Ja! Aber nur, wenn du jetzt deine Hausaufgaben fertig machst, okay?«

Loïc mustert ihn einen Moment misstrauisch, so als wollte er herausfinden, ob Mathéo ihm die Wahrheit sagt oder ob er ihm einfach erzählt, was er hören will, nur um nicht länger aufgehalten zu werden.

»Gehst du noch fort?«

»Nein. Nur nach unten.«

»Und wenn du fertig bist, kommst du dann gleich hoch zu mir?«

»Ja«, antwortet er. Das Versprechen fällt ihm leicht. Er weiß, dass seine Eltern zu Hause sein werden, bevor er das Training beendet hat.

Im Souterrain befindet sich der große Trainingsraum, den ihm sein Vater eingerichtet hat. Das war, nachdem Mathéo die erste Medaille bei nationalen Meisterschaften gewonnen hatte. Er ist der Einzige, der ihn benutzt – seine Eltern ziehen es vor, zum Fitnesstraining in ihre Klubs zu fahren –, und der Raum ist ganz auf seine speziellen Bedürfnisse als Wasserspringer abgestimmt. Der gesamte Boden ist mit Schaumstoff ausgelegt, die Wände sind verspiegelt, von der Decke hängt ein Sattelgurt, um die Figuren in der Luft hängend einüben zu können; für die Schrauben und Salti steht außerdem ein großes Trampolin bereit; und dann gibt es noch ein Laufband, eine Rudermaschine sowie verschiedene Geräte für Kräftigungs- und Dehnübungen spezieller Muskelgruppen. Mathéo trainiert, zusätzlich zum Turmspringen in der Schwimmhalle und den Gymnastikübungen mit den anderen, täglich eine Stunde; wenn er nach einer Verletzung oder nach irgendeinem dummen Virus aufholen muss, zwei Stunden; und auch am Sonntag, seinem ansonsten trainingsfreien Tag, zwei. Bevor er Lola kennenlernte, hielt er sich immer ganz genau an seinen Trainingsplan, aber weil seine Eltern hier unten nie aufkreuzen und das Souterrain einen eigenen Ausgang in den Garten hat, nutzt er diese Trainingszeit immer häufiger als Vorwand, um sich heimlich aus dem Haus zu schleichen und Lola zu besuchen.

Als er den Raum betritt, schalten sich automatisch alle Lichter an, und die Klimaanlage beginnt zu summen. Mathéo geht zur Musikanlage an der Wand gegenüber, drückt auf die Fernbedienung, schlüpft gleichzeitig aus den Schuhen, streift seine Schuluniform ab und zieht eine graue Jogginghose und ein blaues T-Shirt an, die beide im Schrank mit den Work-out-Klamotten für ihn bereitliegen. Nach einer Dreiviertelstunde mit vorschriftsmäßigen Stretch- und Kraftübungen sowie Figurentraining im Sattelgurt zu Eminem klettert er barfuß aufs Trampolin. Es hat Olympiamaße und steht in einem eigenen Anbau, den sein Vater in voller Höhe am Haus errichten ließ, sodass die Decke mehr als vier Geschosse über ihm ist. Mathéo fängt an zu springen und sieht durch die Verglasung auf den im späten Nachmittagslicht daliegenden Garten, wo die Schatten allmählich länger werden. Er lässt die Schwerkraft die meiste Arbeit tun, schüttelt seine müden Muskeln aus, neigt den Kopf erst auf die eine, dann auf die andere Seite. Langsam gewinnt er an Höhe und springt in gerader Haltung weiter, bis er die angezeigte Markierung erreicht hat. Dann beginnt er mit den Salti. Vorwärts gehockt, zweimal gerade springen und wieder von vorne. Er macht das zehnmal, bevor er zu einem Salto vorwärts in gestreckter Position wechselt, durch die Luft wirbelnd, den Körper straff gespannt wie ein Brett. Ein weiteres Set von zehn Wiederholungen in dieser Position, danach Salti in der Hechtstellung: Beine gerade, Zehen ausgestreckt, mit den Händen die Fesseln umfassend und mit der Stirn beinahe die Knie berührend. Wenn er in der Luft auch nur geringfügig von der absolut makellosen Haltung abweicht oder mehr als ein paar Zentimeter neben dem Kreuz in der Mitte des Trampolins landet, wiederholt er noch einmal die ganze Einheit. Nur mit einem perfekten Set gibt er sich zufrieden – es nützt ihm nichts, wenn er sich selbst betrügt: Dann muss er den Preis dafür beim Sprung vom Zehnmeterbrett bezahlen, und eine missglückte Landung mit dem Kopf voran im Wasser ist aus einer solchen Höhe weitaus schmerzhafter als eine Landung neben dem Kreuz in der Mitte des Trampolins. Er wiederholt die Sets in derselben Reihenfolge, mit denselben Positionen, doch diesmal mit dem Salto nach rückwärts, um abschließend zu einer Serie von Kombinationen aus doppelten Salti und Schrauben überzugehen. Während er sich zu immer weiteren und weiteren und weiteren Sprüngen antreibt, fängt er an, Fehler zu machen. Er landet seitlich auf einem Fuß, verpatzt die Landung, fällt auf die Schulter – und hört auf, fängt wieder von vorn mit den Aufwärmsprüngen an, konzentriert sich, versucht, ruhig und gleichmäßig zu atmen … und dann probiert er es erneut. Er hat mit seinem Training bereits die Zwei-Stunden-Grenze überschritten und weiß, dass er jetzt aufhören sollte. Deshalb setzt er sich ein letztes Ziel: fünf Einheiten mit allen Varianten hintereinander, und dann ist er zufrieden. Nur fünf, aber unmittelbar hintereinander. Er schafft es. Er muss nur daran glauben, dass er es schafft …

 

Nach einer heißen Dusche betritt Mathéo die Stille seines kahlen, weißen Zimmers, zieht Jeans und ein frisches T-Shirt an und wirft sich mit noch nassen Haaren auf sein Bett, wo er zur Milchglaslampe an der Decke hochstarrt. Der Raum erstrahlt in fast schmerzlich hellem Licht, und wenn er an den bevorstehenden Abend denkt, verspürt er ein Gefühl von Beklemmung. Das Abendessen mit seinen Eltern ist immer eine Qual, und er ist auf einmal todmüde. Wie an den meisten Tagen ist er bereits seit fünf Uhr morgens auf. Von sechs bis acht hatte er Training in der Schwimmhalle und ist von dort direkt mit dem Bus in die Schule gefahren. Die letzten zwei Wochen waren richtig hart, fast jeden Tag war in einem anderen Fach eine Prüfung, an den Wochenenden hämmerte er sich in allerletzter Minute noch Lernstoff rein, und jetzt fühlt er sich nur noch erschöpft. Offiziell geht das Schuljahr zwar erst in zwei Wochen zu Ende, aber bis dahin passiert jetzt nicht mehr viel. Bekannte Anwälte, Ärzte, Politiker und Wissenschaftler sind zu Vorträgen eingeladen, es finden jede Menge Berufsberatungsgespräche statt, und natürlich gibt es dieselben Veranstaltungen wie jedes Jahr vor den Sommerferien. Ein großes Kricketturnier unter Hugos Leitung, bei dem Mathéo idiotischerweise versprochen hat, als Schiedsrichter auszuhelfen; aus Furcht vor einer Verletzung nimmt er als Spieler nämlich gar nicht teil. Und die unteren Jahrgangsstufen führen wie immer ein Musical auf, bei dem diesmal – masochistischerweise – Lola Regie führt. Außerdem findet im ganzen Land der Tag des Schulsports statt, den traditionell die Schüler der Abschlussklassen mitorganisieren. Und dazu kommt noch der übliche Kleinkram wie Einträge in die Jahrbücher, die von allen herumgereicht werden, eine Wohltätigkeitsversteigerung für Save the Children und natürlich der große Abschlussball am Samstag, den er auch noch mitorganisiert, weil Lola im Festkomitee sitzt. Vom Ball selbst wird er überhaupt nichts haben, weil an diesem Wochenende die englischen Meisterschaften im Wasserspringen stattfinden. Da ist er in Brighton. Alles sehr, sehr nervig.

Er dreht sich auf die Seite und zieht sein Smartphone aus der Hosentasche, um es im Bett etwas gemütlicher zu haben. Da flattert auf einmal ein kleiner Origami-Kranich, aus dem herausgerissenen Blatt eines Schulhefts gefaltet, auf seine Bettdecke. Ein vertrauter Anblick. Er setzt sich auf, nimmt ihn und klappt lächelnd die Papierflügel auseinander. Lola und ihre Kraniche … Irgendwie schafft sie es immer wieder, sie mal in seine Hosentaschen, mal in seine Schultasche oder einmal sogar in einen seiner Schuhe zu schmuggeln. Sie fing damit an, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten, damals war er mitten im Schuljahr eine Woche fort gewesen, bei den Weltmeisterschaften in Hongkong. Sie versteckte sieben Stück in seiner Reisetasche – mit der strengen Auflage, jeden Tag immer nur einen davon aufzufalten. Es war ein bisschen wie ein Adventskalender gewesen, und müde vom Jetlag, nervös wegen der Wettkämpfe und weit weg von zu Hause, hatte er sich durch die Kraniche richtig getröstet gefühlt.

Auf dem Kranich heute steht:

Viel Glück heute Abend! Ich hoffe, Dein Vater sieht ein, wie wichtig der Urlaub für Dich ist. Aber denk Dir nichts – wenn nicht, dann entführen wir Dich einfach!

PS: Ich vermisse Dich gerade. xxx

Mit einem Lächeln faltet Mathéo die Flügel des Vogels wieder zusammen und schiebt ihn sich unters Kissen. Lola kommt nur selten zu ihm nach Hause, weil seine Eltern kein Geheimnis daraus machen, dass sie nicht besonders viel von ihr halten. Teils, weil sie unverbesserliche Snobs sind, teils, weil sie glauben, dass Lola ihn nur vom Training abhält. Deshalb fühlt es sich für ihn immer so an, als hätte er ein winziges Stück von ihr, einen klitzekleinen Teil von ihrem Wesen, in dieses sterile Haus hereingeschmuggelt, wenn er zwischen seinen Sachen auf einmal so einen Kranich findet.

Er muss eingeschlafen sein, denn er hat jedes Zeitgefühl verloren, als er den Gong zum Abendessen hört. Benommen und in fluoreszierenden Träumen gefangen, öffnet er die Augen. Das Licht in seinem Zimmer hat sich verändert. Um ihn herum sind die Farben abendlich geworden, und ein bläulicher Dunst füllt das stille Zimmer, wie Wasser. Draußen vor dem Fenster verschwimmen die Bäume mit der Dämmerung. Die Luft ist merklich kühler