Broken - null ConnyWalker - E-Book

Broken E-Book

null ConnyWalker

0,0

Beschreibung

Ein kleines Mädchen wird in der Nacht auf der Straße gefunden. Niemand weiß, wer sie ist oder wo sie herkam. Nicht einmal sie selbst. Amnesie. Die Polizei sucht fieberhaft nach der Familie des Kindes, doch keiner scheint sie zu vermissen, außer Unbekannte, die hinter dem kleinen Mädchen her sind.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


ConnyWalker

Broken

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Nacht -1-

Tag -1-

Tag -2-

Nacht -3-

Tag -3-

Nacht -4-

Tag -4-

Nacht -5-

Impressum neobooks

Nacht -1-

Amanda Teabone atmete tief durch und genoß die kühle Nachtluft von Los Angeles. Ein weiterer Arbeitstag als Sekretärin des Immobilienmaklers Henry Danford war geschafft. Obwohl Sekretärin nicht der richtige Ausdruck war; Sklavin, Putze, Ersatzehefrau trafen es eher. Seit fünf Jahren schon arbeitete Amanda bei ihm, doch es fühlte sich wie zehn Jahre an. Als sie sich bei Danford beworben hatte, ahnte sie nicht, was sie erwarten würde. Täglich Überstunden bis spät in die Nacht, ohne Ausgleich. Urlaubstage gab es nur, wenn Danford Urlaub machte; und das war einmal im Jahr an Weihnachten. Da fuhr er zu seiner kranken Mutter nach Seattle. Jedes Jahr schimpfte er über sie, sie möge doch endlich sterben, dann könne er an Weihnachten auch arbeiten um mehr Geld zu verdienen.

Amanda war damals auf den Job angewiesen. Ihr Mann hatte sein und ihr ganzes Geld verspielt mit Poker. Als bei ihr nichts mehr zu holen war, hatte er sie sitzen lassen mit einem Haufen Schulden. Amanda verlor das Haus und ihre ganzen Ersparnisse. Zu ihrer Familie nach Massachusettes wollte sie nicht zurückkehren. Ihre Mutter hatte Recht behalten mit ihren Vorurteilen für Derek. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass er ein Nichtsnutz und Schmarotzer war. Amanda wollte es nicht glauben, ihre Liebe zum ihm machte sie blind für die Wahrheit. Lieber lebte sie auf der Straße als bei ihren Eltern zu Kreuze zu kriechen. Danfords Jobangebot bewahrte sie vor dem Leben einer Obdachlosen.

Das mikrige Gehalt von Danford reichte gerade noch für ein kleines Einzimmerapartment. Einen Wagen konnte sie sich nicht leisten. Amanda musste die weite Strecke zum Büro zu Fuß gehen. Amanda traute sich nicht nach einer Gehaltserhöhung zu fragen oder um einen Ausgleich ihrer zahlreichen Überstunden. Danford war für seine Geizigkeit bekannt und sie konnte es nicht riskieren ihren Job zu verlieren.

Amanda nahm noch ein paar tiefe Atemzüge, verdrängte die stickige Büroluft aus ihren Lungen und füllte sie mit frischer Nachtluft. Sie knöpfte ihren Mantel zu und trat ihren Heimweg an. Täglich marschierte sie zwei Stunden zwischen ihrer Wohnung und Danfords Büro hin und her. Morgens war der Spaziergang sehr angenehm. Die Sonne schien, jede Menge Leute waren unterwegs, Zeitungshändler machten ihre Stände auf und viele Schulkinder kauften sich im Supermarkt noch jede Menge Schokoriegel und andere Süßigkeiten für den langen Unterrichtstag.

Nachts waren die Straßen fast wie leergefegt. Die meisten Läden hatten geschlossen. Die Kinder saßen daheim vor dem Fernseher oder tüftelten an den Hausaufgaben. Vereinzelt konnte man noch Pärchen ausmachen, die sich nach einem gemeinsamen Abendessen noch einen Spaziergang durch die Nacht gönnten. Amanda beneidete sie immer. Zu gerne hätte sie auch wieder einen Mann in ihrem Leben. Jemanden, der sie liebt, vergöttert und mit ihr romantische Abende verbrachte.

Seit sie allerdings für Danford arbeitete hatte Amanda kaum noch Freiraum um Männer kennenzulernen. Ihre beste und einzige Freundin in der Stadt, Caroline, hatte ihr schon oft angeboten gemeinsam in Clubs zu gehen. Doch Amanda musste immer absagen, wegen Danford.

Amanda sehnte sich den Tag herbei, an dem sie ihre Schulden, die ihr Derek hinterlassen hatte, beglichen hat und endlich ihre Stelle bei Danford kündigen konnte.

Amandas Handy läutete und riss sie aus ihren Gedanken. Ohne weiter auf ihren Weg zu achten, kramte sie in ihrer beigen Handtasche nach dem Telefon.

Plötzlich wurde sie von der Seite angerempelt. Vor Schreck ließ sie ihre Tasche fallen und der Inhalt entleerte sich über den Bürgersteig. "Sagen Sie mal, können Sie nicht aufpassen!", rief sie genervt, während sie ihre Tasche wieder einräumte.

"Tut mir sehr leid, Ma´am!", sagte eine junge Stimme. Amanda sah verwundert auf. Vor ihr stand ein kleines Mädchen, welches am Kopf blutete. "Mein Gott, was ist mit dir passiert?!“, fragte Amanda sorgenvoll. Sie zückte ein Taschentuch aus ihrer gelben Manteltasche und drückte es dem Kind sanft auf die Wunde. "Wie heißt du denn? Was machst du spät noch hier draußen?"

Das Mädchen sah Amanda mit leerem Blick an, dann verdrehte es die Augen und klappte zusammen, Amanda konnte sie gerade noch auffangen, bevor es mit dem Kopf auf den Asphalt aufprallte. Die Frau legte die Kleine sanft auf den Boden.

Ein älterer Mann kam hinzu. „Was ist geschehen? Ist die Kleine hingefallen?“, fragte er in ruhigem Ton.

„Nein, sie kam aus dem Nichts und wurde ohnmächtig“, entgegnete Amanda aufgebracht. Sie hatte dem Kind ihre Handtasche unter den Kopf gelegt und mit ihrem Mantel zugedeckt. Anschließend schnappte sich Amanda ihr Handy. Sie war so aufgeregt, dass sie die Hände kaum ruhig halten konnte. „Geben Sie mir das“, sagte der Mann gelassen. „Ich werde anrufen. Kümmern Sie sich nur um die junge Dame.“ Amanda bedankte sich und gab dem Mann das Telefon. Er ignorierte die Meldung über den "Anruf in Abwesenheit" und drückte die Tasten 9-1-1. Schon nach kurzer Zeit meldete sich eine freundliche Frauenstimme.

"Notrufzentrale, um welchen Notfall handelt es sich?"

"Schicken Sie schnell einen Notarzt zur South Figueroa, Ecke West vierte Straße. Ein Kind ist zusammengebrochen, sie hat eine blutende Kopfwunde."

"Wie ist Ihr Name, Sir? Sind Sie der Vater des Kindes?" Bradford hörte wie seine Gesprächspartnerin auf ihrer Computertastatur herumtippte.

"Mein Name ist Morris Bradford und nein, ich bin nicht der Vater des Kindes."

"Atmet es noch? Fühlen Sie einen Puls? Der Notarzt ist schon auf dem Weg."

Mr. Bradford bat Amanda den Puls zu fühlen und die Atmung zu prüfen. Einen Augenblick später nickte sie dem Mann zu. „Ja, das Kind atmet, der Puls ist fühlbar“, sagte Bradford ins Handy.

„Gut. Hilfe ist gleich da. Hat das Kind noch andere Verletzungen?“

„Auf den ersten Blick nicht.“

Ein paar Minuten später hörten sie Sirenen und im nächsten Augenblick kam der Krankenwagen um die Ecke gerast. Die Sanitäter und der Notarzt sprangen aus dem Wagen, nahmen ihre Taschen und rannten zu dem Kind am Boden. Amanda erhob sich und ließ die Männer ihre Arbeit machen. Morris Bradford bedankte sich bei der Frau am Telefon und legte auf.

Bradford hob den Mantel auf und legte ihn Amanda um die Schultern. Seine Hände legte er auf ihre Schultern um sie zu beruhigen.

Der Notarzt versorgte die Kopfwunde und prüfte ob das Kind noch andere Verletzungen hatte.

„Nimmt ihre Tochter irgendwelche Medikamente? Ist sie gegen irgendwas allergisch?“, fragte der Arzt Amanda.

„Das weiß ich nicht. Sie ist nicht meine Tochter. Ich kenne das Mädchen nicht.“

„Verstehe“, meinte der Arzt und widmete sich wieder seiner Arbeit.

Kurz darauf parkte auch ein Wagen des Los Angeles Police Department am Straßenrand, gefolgt von einem dunkelblauen Ford Taurus. Zwei Streifenpolizisten errichteten in einem fünf Meter Radius eine Absperrung und drängten die Schaulustigen zurück.

Das Mädchen wurde von den Sanitätern auf die Bahre gelegt und in den Krankenwagen geschoben. Der Notarzt stieg zu seiner Patientin ein zusammen mit einem Helfer, der zweite Sanitäter setzte sich hinters Steuer und mit hoher Geschwindigkeit und lauten Sirenen eilten sie ins nächste Krankenhaus.

Die zwei Männer aus dem dunkelblauen Ford kamen auf Amanda Teabone und Morris Bradford zu, welche den Krankenwagen hinterhersahen. Einer der beiden Männer, ein Mann etwa 1,85m groß mit einem dunkelblauen Anzug bekleidet, hielt seine Dienstmarke hoch.

„Guten Abend, ich bin Detective Charly Littleton vom LAPD und das ist mein Partner, Detective Hiroshi Fujiama. Wie heißen Sie?“ Er deutet auf auf einen etwas kleineren Mann asiatischer Abstammung, ebenfalls in einem dunklen Anzug, diesmal mit Krawatte.

„Amanda Teabone.“

„Und ich bin Morris Bradford. Ich habe den Notruf gewählt.“ Littleton notierte sich die Namen in seinem kleinen schwarzen Notizheft. Gleichzeitig fragte er sich, ob es sich um den Morris Bradford handelte, dem Präsidenten von Bradford Enterprisen, einer der reichsten Männer in der Stadt. Fujiama stellte derweil die nächste Frage.

„Sind Sie die Mutter des Kindes?“

„Nein, Sir, das bin ich nicht“ antwortete Amanda, langsam genervt von der Fragerei.

„Erzählen Sie uns, was hier passiert ist“, bat Detective Fujiama, zückte sein Notizbuch mit einem Stift, bereit mitzuschreiben.

„Ich kann nicht viel sagen“, fing Ms. Teabone an. „Ich war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, dann hat mich jemand von der Seite angerempelt. Es war das kleine Mädchen. Sie hat am Kopf geblutet. Noch bevor ich die Kleine nach ihrem Namen fragen konnte, brach sie zusammen. Ich weiß nicht, wer das Mädchen ist. Oder wo sie herkam.“ Fujiama und Littleton machten sich Notizen.

„Was ist mit Ihnen, Mr. Bradford?“ fragte Littleton und blickte dabei den Zeugen an. „Nun, meine Herren, ich kann noch weniger sagen, als die junge Dame hier. Ich kam erst zur Szene hinzu, als das junge Ding bereits auf der Straße lag. Die Frau gab mir Ihr Handy und ich wählte 9-1-1.“ Zur Szene hinzu, dachte sich Littleton. Eine wirklich komische Bezeichnung für die Situation. Aber es war ein Beweis dafür, dass sein Gegenüber der war, für den er ihn gehalten hatte.

„Mr. Bradford, erlauben Sie mir bitte die Frage. Was mach ein Millionär wie Sie nachts allein auf der Straße?“

„Ich gehe spazieren, wie jeden Abend.“

„Sie wissen auch nichts über das Mädchen?“ Mr. Bradford schüttelte den Kopf.

„Gut, danke. Das war bis jetzt alles. Die beiden Streifenbeamten werden noch Ihre Personalien aufnehmen, eventuell haben wir noch weitere Fragen an Sie. Ich bitte Sie daher erreichbar zu bleiben.“ Hiroshi Fujiama und Charly Littleton stiegen wieder ihn ihren Ford und fuhren ins Krankenhaus.

„Soll ich Sie nach Hause begleiten?“ bot Mr. Bradford Amanda Teabone an, nachdem auch die Streifenpolizisten weg waren.

„Nein, danke. Ich hab´s nicht mehr weit.“ Sie hob ihre Handtasche und ihren Mantel auf.

„Sie machen sich Gedanken um das kleine Ding, nicht wahr?“ mutmaßte Mr. Bradford anhand des nachdenklichen und besorgten Gesichtsausdrucks von Amanda.

„Ja. Ich frag mich die ganze Zeit, wo sie hergekommen ist. Was mit ihr passiert ist? Wo ihre Eltern sind?“ Mr. Bradford stellte sich Ms. Teabone gegenüber und legte seine rechte Hand auf ihre linke Schulter.

„Ich bin mir sicher, die Polizei findet heraus, was dem kleinen Ding zugestoßen ist und bringen sie zurück zu ihren Eltern.“ Amanda sah ihrem Gegenüber an. Sie lächelte leicht. „Ich bete zu Gott, dass sie Recht behalten.“

In der Notaufnahme des Good Samaritan Hospitals übernahm Dr. Harold Maddison, Chefarzt der Inneren Medizin, und drei Krankenschwestern das Kind. Im Schockraum versorgten sie die Kopfwunde mit einem sterilen Verband und untersuchten das Mädchen auf weitere Verletzungen. Auch ein Schädel-CT wurde durchgeführt um mögliche Frakturen oder Hirnblutungen auszuschließen.

Etwas später betraten Fujiama und Littleton die Notaufnahme. An der Rezeption stellten sie sich vor und fragten nach dem Kind.

„Im Moment wird das Mädchen noch behandelt. Sobald Dr. Maddison Zeit hat, werde ich ihm ausrichten, dass Sie ihn sprechen wollen. Derweil nehmen Sie bitte im Wartebereich Platz“, sagte die Schwester und deutete mit der Hand den Weg.

In der Wartezone herrschte ein enormer Andrang von kranken und verletzten Personen. Kinder tobten herum, die Mütter schrien um sie zu beruhigen. Babys weinten. Einer hielt sich ein Handtuch an den rechten Unterarm, sein Gesicht zeigte, dass er große Schmerzen hatte.

Littleton und Fujiama stellten sich, etwas abseits der Menschenmenge, an die Wand. Littleton schlug vor, während der Wartezeit, ins Revier zu fahren um nach Verkehrsunfällen mit Kindern zu suchen oder Ähnlichem, damit die Identität des Mädchens geklärt werden konnte.

„Gute Idee, Charly. Ich melde mich bei dir, sobald ich mit dem Arzt gesprochen habe.“ Hiroshi meinte, er würde nachkommen, sobald er mit dem behandelnden Arzt des Kindes gesprochen hatte.

Dr. Maddison näherte sich der Wartezone, die hohe Anzahl der wartenden Patienten hatte sich in der Zwischenzeit weitestgehend reduziert. Drei Familien waren noch übrig, die Kinder schliefen auf dem Schoß der Mütter, die Väter lasen in einer Zeitung oder liefen auf und ab.

Hiroshi Fujiama hatte sich mittlerweile hingesetzt und schlürfte an seinem fünften Becher Kaffee, so scheußlich er auch schmeckte.

„Detective Fujiama?“ Der Beamte sprang auf, warf den halbvollen Becher in den Papierkorb und wandte sich an den Arzt.

„Sind Sie Dr. Maddison?“

„So ist es. Dr. Harold Maddison. Sie wollten mich sprechen? Vermutlich wegen des kleinen Mädchens von vorhin, oder?“ Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

"Korrekt. Wie geht es dem Kind? Hat sie etwas gesagt? Was ihr passiert ist?" Der Arzt packte seine Hände in die Kitteltaschen.

„Nein, sie ist noch immer ohne Bewusstsein. Was ich sagen kann ist, sie hat eine Platzwunde am Kopf und Schürfwunden an den Händen. Ich vermute, sie ist gestürzt und hat sich dabei den Kopf angeschlagen."

„Wann kann ich sie vernehmen?“

„Moment mal, Langsam. Das Kind muss zu allererst wieder aufwachen, dann sehen wir weiter. Ich werde mich bei Ihnen dann melden."

„Wo haben Sie die Kleidung des Mädchens? Die brauchen wir für die Spurensicherung.“

„Wenden Sie sich an Schwester Lucia, vorne an der Rezeption. Sie wird Ihnen alles geben, was sie brauchen. Wenn Sie dann keine Fragen mehr haben, müsste ich wieder weiterarbeiten.“ Fujiama hinterließ bei Dr. Maddison seine Visitenkarte, bedankte sich für die Informationen und lief zurück zur Rezeption.

Draußen auf dem Parkplatz zückte Fujiama sein Handy und rief seinen Partner an. Er erzählte ihm, was er vom Arzt erfahren hatte. „Hast du was Brauchbares herausgefunden?“, fragte er Littleton. Er klemmte die Tüte mit der Kleidung unter seinen Arm und winkte mit dem anderen ein Taxi herbei.

„Nein. Es gab zwar drei Unfälle in der Gegend, allerdings alle ohne Beteiligung von Kindern. Im Moment durchforste ich noch die Vermisstenanzeigen, bisher ohne Erfolg.“ Ein Taxi hielt am Straßenrand. Hiroshi beugte sich vor um die Tür zu öffnen, dabei musste er Acht geben, die Tüte nicht fallen zu lassen.

Tag -1-

     Hallo liebe Leute, heute erwartet uns wieder ein heißer Sommertag, das Thermometer klettert auf 38°C. Mein Tagestipp für heute, schnappt euch eure Badesachen und sprintet zum Strand, um noch einen Platz zu ergattern. …

Der CSU-Ermittler Jayden Murphy stellte das Radio ab und seufzte neidisch. Er parkte den Wagen, nahm seine Ausrüstung aus dem Kofferraum und stieg aus. Während er über den Strand spazierte, zum Santa Monica Pier, beobachtete er die Armee von Badegästen. Mädchen in Bikinis, die einen lagen auf ihren Handtüchern und sonnten sich, andere wiederum spielten Frisbee oder Volleyball oder liefen hinunter zum warmen Wasser. Surfer, die auf den Wellen tanzten oder nur ihre Bretter wachsten. Zahlreiche Kinder kauerten im Sand und bastelten ihre Sandburgen, andere liefen zwischen den Badegästen hindurch und spielten fangen. Ab und an sah man auch einen Wagen der Life Guard durchfahren und zwischen den Heerscharen der Strandbesucher erblickte man auch den einen oder anderen Rettungsschwimmer in seiner roten Badebekleidung und mit seiner Rettungsboje in der Hand.

Einfach herrlich, dachte Murphy sich. Am liebsten würde er sich dazugesellen, die Arbeit hinschmeißen und einfach nur die Sonne genießen.

Die Realität sah aber leider anders aus. Jayden Murphy war dienstlich am Strand. Ein Anruf der Zentrale weckte ihn früh morgens. Eine Leiche wurde unter dem Santa Monica Pier gefunden.

„Guten Morgen, CSU Murphy“, begrüßte ihn ein Officer des LAPD und hob die Polizeiabsperrung hoch, damit der Ermittler darunter hindurch schlüpfen konnte. Der Pathologe Dr. Samuel Howard kümmerte sich bereits um die Leiche, während CSU Enrico Diaz Fotos machte. Murphy begrüßte seine Kollegen und half Diaz bei der Spurensicherung. Der Chefermittler Lieutanant Weston Collins stand neben Dr. Howard und fragte nach Einzelheiten zu der Leiche.

„Nun, ich kann sagen, der Mann ist schätzungsweise seit ungefähr zwei Tagen tot“, erklärte der Coroner. „Er wurde aus etwa drei Meter Entfernung erschossen. Eine Austrittswunde gibt es nicht, daher dürfte die Kugel noch im Körper stecken. Alles weitere nachdem ich ihn auf dem Tisch hatte.“ Der Chefermittler bedankte sich und wandte sich an Diaz und Murphy. „Wir sind noch nicht durch, aber was wir sagen können ist, Fundort ist nicht gleich Tatort“, sagte Diaz. „Im Sand Schleifspuren oder fremde Fußabdrücke zu finden ist sehr schwer“, fügte Murphy hinzu.

„Weiter hinten habe ich einen Zweig gefunden, zudem kleinere Holzsplitter im Sand“, erklärte Diaz.

„Der Täter hat vermutlich, nachdem er die Leiche im Sand vergraben hatte, mit dem Ast die Spuren verwischt“, sagte Collins.

„Ich denke, der Täter wusste genau, was er tat“, mutmaßte Murphy.

„Dann zeigen wir ihm einmal, was wir können“, meinte der Chefermittler, während er sich seine Sonnenbrille aufsetzte. Weston Collins verließ den Tatort, Diaz und Murphy begannen den Strandabschnitt in Quadranten einzuteilen. Mit Schnüren und kleinen Stangen teilten sie den Tatort in zehn kleine Bereiche, je 1qm, ein. Zentimeter für Zentimeter siebten sie schließlich den Sand ab.

Der Pathologe verpackte die Leiche, mit zwei Helfern, in einen schwarzen Plastiksack und kehrte in die Gerichtsmedizin zurück.

******

„Dr. Maddison, bitte auf Station 12 melden, Dr. Maddison, bitte“, tönte es aus dem Lautsprecher. Dr. Maddison kam dem Ruf nach und eilte zur genannten Station. Die leitende Krankenschwester Gisella empfing ihn. „Unsere Janie Doe von gestern Abend ist aufgewacht. Sie wollten doch informiert werden, wenn es soweit ist.“

„Ganz recht, meine Gute. Begleiten Sie mich, bitte.“ Der Arzt ging voran und die Schwester folgte ihm. „Hat die Polizei die Eltern schon benachrichtigt?“, fragte er.

„Kann ich nicht sagen, Doktor. Bis jetzt haben sie sich noch nicht gemeldet“, antwortete Gisella. Auf dem Weg mussten sie einigen Besuchern, Pflegern und anderen Ärzten ausweichen.

„Dann fragen wir das Mädchen“, entschied Dr. Maddison, als sie beim Zimmer ankamen. „Mal sehen, was sie uns sagen kann.“

Das Kind lag in einem Vier-Bett-Zimmer, zusammen mit zwei anderen Kindern, welche an einem Tisch saßen und Karten spielten. Schwester Gisella bat die Kinder, mit ihr zu kommen, damit der Arzt in Ruhe mit dem Mädchen von gestern Abend sprechen konnte. „Die spricht doch eh nicht“, rief eines der Kinder. „Seit sie aufgewacht ist, hat sie noch nichts gesagt. Die ist bestimmt stumm!“

„Jeremy, hör auf mit dem Unsinn!“, rügte Gisella den Jungen und führte ihn und seinen Freund aus dem Raum.

Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, begab sich Dr. Maddison hinüber zu dem Mädchen. Sie saß aufrecht in ihrem Bett und starrte nach links aus dem Fenster. „Hallo, junge Dame“, begann der Arzt und setzte sich neben das Kind an den linken Rand des Bettes.

„Wie fühlst du dich heute?“ Das Kind sah den Arzt an. „Mein Kopf tut weh“, erwiderte sie.

„Fehlt dir außerdem noch etwas? Bauchweh? Ist dir schlecht oder schwindelig?“ Das Kind schüttelte leicht den Kopf. „Hör zu“, machte Dr. Maddison weiter, „die Polizei hat deine Eltern noch nicht gefunden. Vielleicht kannst du uns dabei helfen. Verrätst du mir deinen Namen?“ Eine Pause trat ein. Der Arzt konnte sehen, wie sich das Kind anstrengte nachzudenken Sie senkte den Kopf. „Kannst du dich nicht erinnern?“, fragte er vorsichtig.

Nach einer kurzen Pause gab Janie ein „Nein“ zur Antwort. Dr. Maddison sagte zuerst nichts.

„Weißt du, was gestern passiert ist? Woher du die Wunde am Kopf hast?“ Das Mädchen überlegte kurz, dann schüttelte es den Kopf. „Nein, ich weiß es nicht.“

„Was ist das letzte, woran du dich erinnerst?“ Schweigen trat wieder ein. Sie grübelte nach. „Da war eine Frau …“

„Deine Mutter?“

„… das weiß ich nicht. Ich hab sie angerempelt … ihre Sachen fielen zu Boden … sie war böse … dann hat sich alles gedreht …“ Die Kleine fing an zu weinen und senkte den Kopf. Der Arzt nahm sie in den Arm und beruhigte sie. „Mach dir keine Sorgen. Die Polizei wird deine Eltern finden und herbringen, und dann wirst du dich bald wieder an alles erinnern. Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du was brauchen solltest, frag einfach Schwester Gisella oder Schwester Lucia. Ich bin auch jederzeit für dich da.“

Dr. Maddison läutete nach einer Schwester, kurz darauf betrat eine junge Frau das Zimmer. „Kleines“, sagte er zu dem Mädchen gewandt. „Das ist Lucia, sie wird mit dir ein wenig nach draußen gehen, frische Luft tut dir bestimmt gut. Okay?“ Das Kind nickte. Das Mädchen erhob sich vom Bett und zog einen Morgenmantel an, den ihr Lucia reichte. „Ich werde dir alles zeigen, Janie“, sprach die Schwester.

„Janie? Ist das mein Name?“, fragte das Kind hoffnungsvoll. Lucia blickte hilfesuchend zum Arzt. Dr. Maddison wandte sich an Janie, beugte sich auf Augenhöhe hinunter.

„Vorübergehend, ja. Solange, bis wir wissen, wer du bist“, sagte der Arzt und verabschiedete sich.

Dr. Maddison steuerte die Schwesternstation an. Schwester Gisella kam ihm auf halbem Weg entgegen und fragte den Arzt, wie das Gespräch mit dem Mädchen gelaufen war.

„Das Mädchen hat eine retrograde Amnesie. Sie hat keinerlei Erinnerungen an Geschehnisse vor dem Schädel-Hirn-Trauma.“ Gisella hielt sich ihre rechte Hand an die Brust.

„Oh, wie furchtbar. Sie weiß nicht einmal ihren Namen?“

„Nein. Leider nicht. Ich muss jetzt den Polizeibeamten von gestern Abend anrufen, einen gewissen Detective Fitschi, oder so ähnlich. Er kramte in seinen Kitteltaschen nach der Visitenkarte. Ich werde ihm sagen müssen, dass er das Kind als Zeugin erst einmal vergessen kann.“ Maddison ließ Gisella stehen und setzte seinen Weg fort.

******

Lieutanant Weston Collins besuchte den Pathologen, Dr. Samuel Howard, in der Gerichtsmedizin, im Keller des Gebäudes. „Hey, Samuel“, rief er, als er zur Tür hereinkam. „Hast du schon was Neues für mich?“ Der Pathologe stand am Waschbecken und wusch sich die Hände.

„Hallo Weston“, begann er. „Ich bin noch nicht ganz fertig. Ich hatte vorher noch zwei andere Fälle.“ Dr. Howard drehte das Wasser ab, nahm sich vom Spender einige Lagen Papierhandtücher und trocknete sich die Hände ab. Die gebrauchten Handtücher warf er in den Mülleimer neben dem Becken.

„Hast du die Kugel schon rausholen können?“, fragte Collins weiter.

„Nein, noch nicht. Das hab ich als nächstes vor. Zuerst aber mache ich Mittagspause.“ Collins blickte den Pathologen verdutzt an.

„Kannst du die Obduktion nicht vorher zu Ende machen? Ich brauch die Kugel!“ Howard schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hab heute Morgen schon kein Frühstück gehabt sondern mich gleich in die Arbeit gestürzt. Ich mach jetzt erst einmal Pause.“ D. Howard streifte sich seine Jacke über. „Wo hast du seine Kleidung, Sam? Dann kann ich die wenigstens untersuchen  lassen.“

„Da drüben.“ Dr. Howard wies mit der Hand auf einen kleinen Beistelltisch. Darauf befanden sich mehrere Papiertüten, in verschiedenen Größen, in denen sich die Kleidung und Schuhe des Opfers befanden, zusammen mit dem Inhalt der Hosen- u. Jackentaschen.

„Wie läuft es eigentlich mit deiner Frau?“, fragte Dr. Howard. Er zog seinen Reißverschluss zu.

„Der Scheidungstermin rückt näher. Ich bin froh, wenn das alles vorbei ist.“ Auf einem Klemmbrett unterschrieb Collins, dass er die Beweise mitnahm.

„Wie kommt den Cody mit dem allen klar?“

„Er lässt es sich zwar nichts anmerken, aber er leidet unter der Situation. Rachel will mit ihm nach New York ziehen, mein Sohn will aber lieber hier bleiben. Das hat er mir gestern jedenfalls erzählt.“ Beide standen am Fahrstuhl.