Beschreibung

Toms Glück scheint zum Greifen nah. Endlich hat er Blue für sich gewinnen können und sie öffnet sich ihm jeden Tag mehr. Doch der Krieg zwischen den Sangualunaris und den Outlaws tobt weiter und droht, an die Öffentlichkeit zu geraten. Verrat und Korruption gehören zur Tagesordnung. Darüber hinaus holen Tom die Schatten seiner Vergangenheit ein und er muss mit sich selbst ins Reine kommen. Als ein unerwarteter Gegner auftaucht und Tom gezwungen wird, auf Leben und Tod für seine Liebe zu kämpfen, gerät er an seine Grenzen. Kann er gegen seine inneren Dämonen, aber auch gegen einen überlegenen Widersacher bestehen und somit seiner Liebe zu Blue den Weg ebnen?

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Brüder

Gebundene Herzen 2

Amelia Blackwood

Copyright © 2014 Sieben Verlag, 64354 Reinheim

Umschlaggestaltung: © Andrea Gunschera

ISBN Buch: 978-3-86443-410-5

ISBN eBook-PDF: 978-3-86443-411-2

ISBN eBook-epub: 978-3-86443-412-9

www.sieben-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Auftrag

2. Krieg

3. Vizekönige

4. Die Erste seit Langem

5. Ruhelos

6. Schwarzenberg

7. Notfall

8. Stumm

9. Bruch

10. Dickkopf

11. Falsches Vergnügen

12. Zweischneidiges Schwert

13. Dum spiro spero (Solange ich atme, hoffe ich)

14. Stern am Himmel

15. Tom, das Kind.

16. Gebundenes Herz – geschundenes Herz

17. Sacerdos

18. Im Blute vereint

19. Todesschwadron

20. Feuer und Hölle

21. Tiefer Fall

22. Großes Unglück

Epilog

Postepilog

Danksagung

Die Autorin

Mica – Söhne der Luna 4 - Lara Wegner

Liebe unaufhörlich – Jäger der Dessla 1 - Alexa Lor

Für meinen Tom, den besten Teil meines Lebens

Prolog

Auszug aus den Chroniken der Vergessenen:

Man nennt mich Claudio, den Schreiber. Mir wurde die Aufgabe zuteil, unsere Geschichte niederzuschreiben. Auf dass sie niemals vergessen werde. Es ist das Jahr 1705 der menschlichen Zeitrechnung.Einst lebten die Clans der Sangualunaris und der Delcours in Eintracht miteinander. Doch durch den Wahnsinn eines Einzigen wurden Freundschaften zerstört, Familienbande zerschlagen und sowohl Vampire als auch Menschen mussten ihr Leben lassen.

… Ich hatte einen Traum. Eine Frau, die so alt war, dass man ihre Jahre nicht mehr zählen konnte, sprach zu mir. Ihre Worte haben sich in mein Gedächtnis gebrannt, und ich muss sie hier erwähnen.

Jemand wird kommen

Er wird stürzen

Sein eigen Blut wird siegen

Samtene Nacht, des Ozeans Blau

Jemand wird kommen

Die Ausgeschlossenen, Vergessenen und

die sich Erhabenen zu einen

Samtene Nacht, des Ozeans Blau

Jemand wird kommen

Sie müssen sich finden

Um den anderen zu bezwingen

Samtene Nacht, des Ozeans Blau

Zwei werden kommen

Nur wenn sich das Blut verbindet

Werden sie gewinnen

Samtene Nacht, des Ozeans Blau

Was sie zu bedeuten haben, wird allein die Zeit zeigen. Doch steht zu befürchten, dass diese Prophezeiungen von den falschen Personen zu falschen Zwecken ausgelegt werden.

… Menschen, was sind Menschen? Für uns sind sie nichts anderes als Vieh, das wir ohne ihr Wissen halten, um uns zu nähren und uns zu unterhalten. Sie sind dumme Herdentiere, die sich für größer halten, als sie tatsächlich sind. Zu welchem anderen Zweck sollten sie existieren, wenn nicht, um mit ihrem Lebenssaft unsere Bedürfnisse zu stillen? Blutsklaven sind sie, nichts anderes kann ihre Bestimmung sein.

Unser König ist schwach, er zwingt uns, von unserer eigenen Spezies zu trinken. Er befiehlt uns, Kannibalen zu sein, obwohl genug verfügbare Nahrung direkt vor unserer Nase lebt. Wir werden das nicht länger akzeptieren. Wir werden aufstehen und unsere Freiheit erkämpfen! Das Joch des Kannibalismus und des Versteckens wird fallen.

… Der Krieg tobt seit Dekaden. Beide Seiten bluten aus körperlichen und seelischen Wunden. Das Volk ist entzweit mit verhärteten Fronten.

Unsere Seite hat schwere Verluste erlitten. Des Königs Truppen gehen erbarmungslos gegen uns vor. Uns gehen die Krieger aus. Vor einigen Jahren haben wir begonnen, uns mit Menschenfrauen zu paaren. Sie werden entführt und zu den stärksten und besten Männern unseres Lagers gebracht. Menschenfrauen haben einen schwachen, leicht zu beeinflussenden Geist, weshalb für die Vereinigung selten Gewalt angewendet werden muss. Leider sind unsere Versuche, neue Krieger zu züchten, fehlgeschlagen. Die Menschenfrauen gebären durchwegs nur menschliche Kinder.

… Wir haben eine neue Art Vampir erschaffen. Einige der Sprösslinge unserer Verbindungen mit Menschen haben sich zu Vampiren gewandelt, nachdem sie von einem von uns gebissen worden waren. Darius biss seinen Sohn Leander im Zorn, da dieser nur menschlich und daher vernachlässigbar war. Kurz darauf trat eine Veränderung im Körper des Jungen auf, welche ihn binnen weniger Stunden zum Vampir werden ließ. Leander krümmte sich vorSchmerzen, und er schrie die ganze Nacht. Wir konnten hören, wie seine Knochen von selbst brachen und sich danach wieder zusammenfügten.

Darius war durch diesen Zauber wie geblendet und eilte in die Zimmer seiner anderen drei Söhne. Jeden biss er und wartete ab. Igor und Janus wandelten sich, nur Erik blieb ein Mensch. In seiner Wut tötete Darius sein eigen Fleisch und Blut, indem er ihn blutleer trank.

… Wer hätte gedacht, dass das dunkle Zeitalter noch dunkler werden könnte? Darius ist tot, der König ist ebenfalls gefallen und seine Gemahlin, die Königin, dem Wahnsinn verfallen.

Leander, Igor und Janus haben nun das Kommando über uns. Auf der feindlichen Seite stehen Orion und Andromeda an der Spitze. O Schicksal, steh uns bei! Der Krieg ist in die Hände von jungen Vampiren gefallen, die beinahe noch Kinder sind. Leander ist ruhig, besonnen und darum bemüht, weise zu entscheiden. Igor ist ein Hitzkopf und Janus erfüllt von Brutalität und Gewalt.

Wie es um Orion und seine Schwester Andromeda steht, vermag ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu sagen.

… Prinzessin Siria wurde von menschlichen Wissenschaftlern entführt und in den Laboratorien der Firma Lemniskate Helvetica für Versuche missbraucht. Sie konnte fliehen, ist aber nur knapp dem Tod entronnen. Sie wird die körperlichen und seelischen Narben ihr Leben lang tragen. Die Firma, ihre Hintermänner sowie die ausführenden Forscher konnten durch den König und seine Männer beseitigt werden.

… Ein offener Krieg zwischen dem Haus Sangualunaris und den Outlaws wird immer wahrscheinlicher. Die Prinzessin hat während eines Zweikampfs Janus Delcours getötet.Sein Bruder Igor sinnt auf Rache. Er hat keine Ahnung, dass Prinzessin Siria, besser bekannt als Blue, die leibliche Tochter seines älteren Bruders Leander und Andromeda, der Schwester Orions, ist. Wie würde er wohl reagieren, wenn er davon erführe?

Auftrag

Blues Aufgabe war klar. Boss hatte sich unmissverständlich ausgedrückt. Der Verräter musste eliminiert werden. Schnell, präzise und ohne Spuren, die die Polizei auf ihre Fährte bringen konnten.

Es gibt nur wenige Gesetze, die in der Vampirgesellschaft rigoros durchgesetzt werden. Dabei steht der Verrat am König und seinen Leuten an zweiter Stelle. Nur das Gesetz, dass sich Vampire in der Menschenwelt unauffälligzu verhalten hatten, damit ihre Existenz unentdeckt blieb, stand darüber. Beides wurde im Fall der Missachtung mit dem Tod bestraft.

Während Tom noch schlief, saß Blue am PC und checkte ihre Mailbox. Im Posteingang fand siedie erwartete Mail von Boss mit allen Details für den Auftrag. Ihre Zielperson hieß Kevin Keller und arbeitete bei der Stadtpolizei. Das Aas ließ sich von Boss für Informationen aus Polizeikreisen bezahlen, und gleichzeitig spionierte er für Igor Delcours, Boss’ Erzfeind, in ihren Reihen.

In der Mail waren alle wichtigen Telefonnummern, seine Privatadresse, die Automarke, die er fuhr, der Wagentyp und die Fahrzeugkennzeichen aufgeführt. Boss hatte zusätzlich ein Foto angehängt. Ein unscheinbarer Typ mit Adlernase und tiefliegenden Augen, dessen Haargrenze bereits zu schwinden begann. Im Attachment war ein Auszug aus dem aktuellen Dienstplan beigefügt. Keller arbeitete an diesem Tag bis zwei Uhr nachmittags.

Wie immer, wenn Blue einen solchen Auftrag bekam, erfüllte sie Eiseskälte. Diese Kälte diente dem Schutz ihrer Seele, denn sie hasste solche Jobs. Nur der Gedanke, dass Kevin Keller nichts anderes verdient hatte, verhinderte, dass ihr schlecht wurde. Ein Blick auf die PC-Uhr zeigte, dass sie drei Stunden Zeit hatte, um sich vorzubereiten. Bevor sie vom Schreibtisch aufstand, notierte sie sich die Telefonnummern, prägte sich seine Adresse ein, und danach löschte sie Boss’ E-Mail. Dann stieg sie unter die Dusche. Im Kopf spielte sie alles mehrmals durch und hatte bald einen konkreten Plan.

Toms starke Hände legten sich auf ihre Schultern und kneteten sie sanft.

„Du bist ja völlig verspannt, Süße“, seine tiefe Stimme erdete sie. „Wo bist du gerade mit deinen Gedanken?“

Seine Nähe ließ ihr inneres Eis schmelzen. Sie wollte sich in ihm verkriechen und Schutz vor ihrem Alltag suchen. Wie von selbst lehnte sie sich mit dem Rücken an seine Brust und schloss kurz die Augen. Was sollte sie antworten? Er war der Mann ihres Lebens. Was würde er von ihr denken, wenn er hörte, dass sie sich gleich auf den Weg machte, um jemanden zu exekutieren? Tom war zwar in ihre nebenberuflichen Aktivitäten eingeweiht, aber offen darüber zu sprechen, bereitete ihr Mühe. Sie hatte ihm das Versprechen gegeben, alles zu erzählen und keine riskanten Alleingänge mehr zu unternehmen. Diesen Auftrag musste sie jedoch allein durchführen.

„Boss hat mir aufgetragen, den Verräter bei der Polizei auszuschalten.“

Tom atmete laut aus. „Wie riskant ist diese Mission?“

Sie drehte sich um und schlang ihre Arme um seinen Hals.

„In etwa so, wie eine Samstagabendschicht im Dark Evil.“

Er sah sie zweifelnd an. „Wenn das der Profi in dir sagt.“

Sie hoffte, ihr Lächeln hatte eine versöhnende Note und bedeckte seine wohlgeformte Brust mit Küssen und neckischen Bissen. „Ich habe noch eine Stunde Zeit.“

Auf seiner Haut bildete sich Gänsehaut, und er machte ein sexy Geräusch, das tief aus seiner Kehle kam und ihr Verlangen fast schmerzhaft schürte. Sie wollte ihn jetzt, mit Haut und Haaren.

„Dann werde ich dafür sorgen, dass dir in dieser Stunde nicht langweilig wird.“ Perfekter Themenwechsel.

*

Tom liebte Blues Duft. Rote Rosen, deren Intensität durch seine Zuwendung zunahm. Ihre zarte Pfirsichhaut zu berühren, schaltete seine Selbstkontrolle komplett aus. Er widmete sich ausgiebig ihren aufgerichteten Knospen und genoss die brennende Spur, die ihre Fingernägel auf seinem Rücken hinterließen. Er liebte die süßen Laute, die sie ausstieß, wenn er sie verwöhnte. Diese Vampirin war sein Ein und Alles, und er würde sie immer beschützen. Sie war seine Rettung gewesen. In vielerlei Hinsicht. Er war sich sehr wohl bewusst, dass Blue keinen Schutz nötig hatte. Im Gegenteil. Aber er konnte nun mal nicht aus seiner Haut.

Tom verabscheute es, wenn er sie auf solche Missionen gehen lassen musste, wie die, die ihr nun bevorstand. Er hatte sich zwar damit arrangiert, dass sie nur ihren Job erledigte, dochhatte er nach wie vor Mühe damit. Seine Frau brachte in Boss’ Auftrag Leute um. Das war ein ziemlich großer Brocken zum Schlucken. Aber wahrscheinlich störte ihn am meisten daran, dasssie es selbst hasste.

In diesem Moment wollte er ihr all seine Zärtlichkeit schenken, um ihr den Job zu erleichtern. Gott, wie schön sie war! Mit Befriedigung nahm er ihr Schaudern wahr. Er wusste, dass er nie mehr eine andere Frau so berühren würde.

Als er spürte, wie sie sich ihrem Höhepunkt näherte, stieß er weiter tief in sie. In dem Moment zogen sich ihre Muskeln rhythmisch zusammen und hielten ihn wie eine Faust umklammert.

Er labte sich an dem Gefühl, ihr so nahe zu sein, und an ihrem Anblick. Die Wangen und das Dekolleté gerötet, die Lippen leicht geöffnet und die Augen klar und glänzend auf ihn gerichtet. So dauerte es nicht lange, bis er ihr in den erlösenden Höhepunkt folgte.

Als sie sich nach ihrem leidenschaftlichen Intermezzo von ihm verabschiedete und ganz in Schwarz gekleidet und bewaffnet mit SIG und Dolch aus dem Haus ging, erfasste ihn eine nervtötende Unruhe.Mit jeder Minute, die verstrich, wurde er nervöser. Wenn er doch nur sicher sein könnte, dass ihr nichts passierte. Er musste es einfach mit eigenen Augen sehen. Kurzerhand rief er Shadow an, der ihn umgehend in ihre Nähe beamte. Durch die Verbindung des Treueeids, den Shadow bei Blue abgelegt hatte, wusste er immer, wo sie sich gerade aufhielt. Praktisch. Bei Tom war es eher so, dass er fühlte, wie es ihr ging. In welcher psychischen Verfassung sie war.

Nun stand er im Schatten eines Häusereingangs und beobachtete sie. Selbstsicher ging sie durch die Menschenmengen und wirkte dabei unauffällig. Trotz ihrer Größe und der Kleidung. In diesem Moment begriff er, dass er sichgrundlos Sorgen gemacht hatte, und fühlte sich wie ein Stalker. Er musste lernen, ihr zu vertrauen. Ob ihm das jemals gelingen würde?

*

Zunächst sahBlue sich bei Kevin Kellers Privatadresse um. Ein Standardmehrfamilienhaus. Vor der Haustür, längs der Straße, standen mehrere parkende Autos. Hier gab es zu viele potenzielle Zeugen, und sie konnte sich nicht sicher sein, dass er nach der Arbeit gleich nach Hause kommen würde. Also fuhr sie weiter zum Polizeiposten am Bahnhofquai. Sie parkte ihren Wagen auf der anderen Seite der Limmat und überquerte den Fluss viaUraniastraße. Getarnt durch Baseballmütze und Sonnenbrille, ging sie zum Uraniaparkhaus und suchte nach Kellers Wagen. In Boss’ Mail hatte sie einen kurzen Vermerk gefunden, dass er immer in der vierten Unteretage parkte.

Gemäß Dienstplan hatte Keller erst in einer Stunde Feierabend. Okay, das bedeutete warten. Mit diesem Gedanken fuhr sie mit dem Fahrstuhl in das vierte Untergeschoss hinunter.

Unauffällig ging sie alle Parkplätze ab, bis sie Kellers Audi gefunden hatte. Sie stellte sich nahe beim Auto in den Schatten einer Säule. Kurz nach Ablauf dieser Stunde hörte sie Schritte näher kommen und warf einen kurzen Blick in die Richtung, aus der sie kamen. Tatsächlich näherte sich ihr Zielobjekt, das Handy am Ohr und nicht darauf achtend, was vor sich ging. Er entriegelte sein Auto und öffnete die Fahrertür. Mit fünf schnellen Schritten war sie bei ihm. Er war gerade eingestiegen, die Autotür war jedoch noch offen. Keller war völlig in seine heftige Diskussion vertieft. Blue eilte in vampirischer Geschwindigkeit um die Wagentür herum, zog dabei ihren Dolch und hielt ihn ihm an die Kehle. Dabei achtete sie peinlich genau darauf, dass ihr Gesicht immer vor den Überwachungskameras verborgen blieb.

Kevin Keller stockte in seinem Gespräch und hob geschockt den Blick. Er drückte den Anruf weg und wartete einfach ab.

„Hallo Kevin“, säuselte Blue leise. „Ich muss dir die besten Grüße vom Boss überbringen.“

Er schluckte hart. „Wer schickt dich?“

„Sagt dir das Dark Evil etwas? Boss hasst es, wenn man ihn verarscht und mit seinen Feinden gemeinsame Sache macht.“

„Aber …“, stammelte er, doch weiter kam er nicht, denn Blues Dolch durchbohrte noch im selben Augenblick sein Herz.

Krieg

Orion, der von den meisten Boss genannt wurde, hatte sie alle tags darauf in den Clubbeordert. Gabriel, die vier Schattenlords, Tom und Blue standen unschlüssig am Tresen der Bar. Um diese Zeit waren noch keine Gäste anwesend, und die Putzequipe hatte ihre Aufgabe bereits erledigt.

Vom Korridor, der zu den Privaträumen des Clubs führte, waren energische Schritte zu hören. Leises Gemurmel drang an ihre Ohren, bevor Boss um die Ecke bog, gefolgt von mehreren düster dreinblickenden Gestalten. Gabriel trat vor, und die Männer zollten ihm Respekt, indem sie sich vor ihm verbeugten und dabei die rechte Hand auf die linke Brust schlugen. Gabriel war der ranghöchste Soldat in Boss’ Armee. Soviel hatte Blue inzwischen begriffen, und noch etwas war klar: Boss hatte Verstärkung mitgebracht. Was war denn nun wieder los?

Er baute sich vor ihnen auf und konnte sich umgehend ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein.

„Wir haben einiges zu besprechen“, begann er ohne Umschweife. „Die Zeit drängt. Die Outlaws werden bald wieder zuschlagen, und vorher müssen wir unsere Pendenten erledigen. Unter anderem muss Lemniskate endlich vom Erdboden verschwinden.“

Nach schier endlosen, hitzigen Debatten hatte sie Boss kurzerhand in Gruppen mit verschiedenen Aufgaben eingeteilt. Gabriel und seine Männer sollten die Zielpersonen, die beim Angriff auf Lemniskate davongekommen waren, zur Strecke bringen. Lemniskate Helvetica war eine Gentech-Firma gewesen, die Vampire entführt und grausame Experimente an ihnen durchgeführt hatte. Blue selbst war ihnen in die Hände geraten und nur knapp dem Tod entronnen. Während einer Nacht- und Nebelaktion hatten Blue und ihre Leute die Büros und das Labor von Lemniskate zerstört und waren jetzt auf der Jagd nach den Geldgebern.

Die Schattenlords, die nach Neros Totenritual noch ein wenig geschwächt waren, sollten sich zwei Tage im Schoß der Familie erholen. Nero war bei der Jagd auf die Lemniskate-Typen ums Leben gekommen, und die Schattenlords litten noch immer unter dem Verlust ihres Bruders.

Tom und Blue bekamen den Auftrag, die Horath-Villa zu überprüfen und, wenn möglich, Davids Familie, Igor Delcours, den Outlaw-Führer oder DD ausfindig zu machen. In dieser Villa vermuteten sie das Hauptquartier der Outlaws. Zumindest Davids Angaben zufolge. Blue dachte daran, wie nahe sie diesem Haus gewesen war, ohne zu wissen, was sich hinter dessen Türen befand. Hätte sie doch nur eine Ahnung gehabt. Es wäre ihnen viel Leid erspart geblieben. David, der ehemalige Rausschmeißer des Dark Evil, müsste jetzt vielleicht nicht um seine Familie bangen. Er wurde von Igor erpresst, um für ihn bei Boss zu spionieren. Dafür hatte Igor Davids Frau und Tochter gefangen genommen.

Kaum hatteBoss ihr und Tom diesen Befehl erteilt, hatten sich Irbis und Umbro zu Wort gemeldet. Die beiden wollten sie unbedingt begleiten. Boss hatte zwar erst den Kopf geschüttelt, sich dann aber ergeben. Sie war froh über zusätzliche Unterstützung. Wer konnte schon wissen, wer oder was ihnen bei der Villa begegnete.

„Macht, was ihr wollt“, schnaubte er, „Ich werde keine weiteren Verluste mehr dulden. Nur damit das klar ist.“

Blue stand nun mit Tom und den beiden Schattenlords in der abendlichen Dämmerung vor dem Horath-Anwesen. Tom und Umbro behielten die Umgebung im Auge, und Irbis und sie hatten damit den Rücken frei. Erst hatte sie Tom mitnehmen wollen, doch Umbro hatte Bedenken gehabt. Im Notfall könnten sie sich nicht schnell genug aus der Gefahrenzone bringen, da weder Tom noch sie über die Gabe des Dematerialisierens verfügten. Deshalb wurde sie nun von Irbis begleitet.

Der Wind peitschte ihnen schwere Regentropfen ins Gesicht, weshalb sie sich beeilten, um auf das Grundstück zu gelangen. Das Unwetter hatte die meisten Menschen von den Straßen vertrieben und bewahrte sievor neugierigen Blicken. Blue und Irbis schlichen so leise wie möglich ums Haus auf der Suche nach einer Einstiegsmöglichkeit. Ein Hauch von Verwesungsgeruch lag auf dem Gelände. Die Vermutung lag nahe, dass ein Tier im nahegelegenen Wald verendet war.

Der Kies, der die Wege um das Haus bedeckte, knirschte unter ihren Sohlen bei jedem Schritt verräterisch auf. Plötzlich stieß Irbis auf einen Lichtschacht an der Außenwand des Gebäudes, der an den Weg grenzte und dessen Gitter ungesichert war. Sie beobachtete ihn dabei, wie er ohne zu zögern das Drahtgeflecht hochhob, sich in den Schacht hinabließ und es schaffte, trotz der beengten Verhältnisse das Fenster aufzustoßen.

Mit einem Mal wurde der Gestank nach Tod und Verwesung um vieles stärker. Ekelhaft süß und schwer drang er durch das Fenster ins Freie und setzte sich wie ein Parasit in ihrer Nase fest. Was zur Hölle hatte sich hier abgespielt? Blues innerer Alarm schlug an und machte sie hochkonzentriert.Sie hielt abrupt die Luft an. Irbis warf ihr einen fragenden Blick zu. Mit einem kurzen Nicken forderte sie ihn auf, ins Innere des Kellers zu klettern. Kaum war er in der Dunkelheit verschwunden, folgte sie ihm. Mit gezogenen Waffen gingen sie vorsichtig durch den Raum. An der Tür angekommen hörten sie auf der anderen Seite ein Scharren. Irbis sah Blue an und legte dabei den Zeigefinger an seine Lippen. Lautlos zog er die Tür einen Spaltbreit auf und warf einen Blick auf den Korridor. Der gezischte Fluch, der gleich darauf über seine Lippen kam, ließ Blue zusammenfahren. Ihr Herzschlag legte einen Zahn zu. Was war hinter dieser Tür? Was versetzte Irbis in solchen Aufruhr?

Geduckt rannte er hinaus und ging in die Knie, die Umgebung observierend. Erst in dieser Sekunde erkannte Blue, was ihn derart aufgebracht hatte. Mitten im Flur stand ein kleines blondes Mädchen. Die Wangen waren eingefallen, und die braunen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die trockenen, aufgesprungenen Lippen zeugten von fortgeschrittener Dehydrierung. Die Locken hingen verfilzt von ihrem Kopf, und der einst rosa Pulli war mit Blut und Exkrementen verdreckt. Die Kleine war schätzungsweise fünf oder sechs Jahre alt. Es konnte sich hier nur um Davids Tochter handeln. Der Anblickdrückte Blue aufs Herz. War sie doch selbst als Kind verwahrlost gewesen und wusste, wie es sich anfühlte. Einsam, leer und unerwünscht. Blue wollte sich nicht ausmalen, durch welchen Horror das Mädchen hatte gehen müssen.

Das Kind taumelterückwärts, die Augen im Schrecken geweitet.

„Keine Angst, Engelchen, wir werden dir nichts tun“, versuchte Blue es leise zu beruhigen, während sie langsam, um Irbis herum, auf das Mädchen zuging. Dabei steckte sie die Halbautomatik weg und hob beschwichtigend die Hände.

„Aber du bist wie die anderen“, wimmerte die Kleine. Erst da sah sie mehrere Bissspuren am Hals des Kindes.

„Mistkerle“, schimpfte sie leise, um das Kind nicht zu erschrecken.Wie konnten diese Bastarde sich an einem Kind vergreifen? Ein kleines Mädchen als Blutsklavin zu missbrauchen, unmöglich! Hatten die Outlaws denn jegliche Moralvorstellungen verloren? In diesem Moment schwor sie sich, jedem Einzelnen die Kehle herauszureißen.

Blutsklaven waren Menschen, die unter erbärmlichen Umständen wie Vieh gefangen gehalten wurden, nur zu dem Zweck, zur Ader gelassen zu werden. Das war die übliche Praxis der Outlaws. Wegen solcher Praktiken war dieser verdammte Krieg zwischen dem Herrscherhaus der Sangualunaris und den Outlaws erst ausgebrochen. Die Sangualunaris und deren Volk verabscheuten dieses Vorgehen zutiefst. In den Augen der Outlaws waren die Menschen jedoch nichts anderes als Nutzvieh.

Blues Blick wanderte über den geschundenen kleinen Körper des Mädchens. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben war. Blue kniete sich vor sie hin.

„Warum denkst du, dass ich wie die anderen bin?“ Blues Frage schien das Mädchen etwas zu verunsichern. Dann kam sie jedoch zögerlich auf sie zu und schob mit ihren zarten Fingern Blues Oberlippe hoch und entblößte einen ihrer Fänge.

„Die anderen haben auch solche spitzen Zähne.“ Ihre Stimme war nur noch ein Wispern, und sie wich schnell wieder zurück. Sichtlich geschockt von ihrer eigenen Kühnheit.

„Nur weil ich auch solche Zähne habe, heißt das aber noch lange nicht, dass ich dich beißen werde. Oder?“ Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, fuhr Blue fort: „Ich bin Blue. Wie heißt du, Kleine?“

Sie blickte verlegen zu Boden. „Claire“, flüsterte sie und knetete ihre kleinen Hände.

Wut und Sorge hielten sich in Blue die Waage. Wut über die Zustände in diesem Haus und Sorge um Claire. Blue befürchtete, dass Claire ein schweres Trauma davongetragen hatte. Nur der Herr im Himmel wusste, was sie alles hatte über sich ergehen lassen müssen.

„Und wo ist deine Mama, Claire?“ Sie zuckte zusammen und deutete verhalten den Korridor hinunter.

„Sie ist da hinten, bei den anderen.“ Blue folgte ihrem Blick. Es war verdächtig still. Sie konnte nur den Herzschlag von Claire und Irbis ausmachen. Wenn sich überhaupt Menschen dahinten im Korridor befanden, waren sie nicht mehr am Leben. Etwas war noch zu klären.

„Wie heißt dein Papa, Engelchen?“

Claires Blick flog von Irbis zu Blue und wieder zurück.

„David“, stotterte sie flüsternd.

„Vertraust du mir, Claire?“, fragte sie sie und fixierte die Kleine mit ihrem Blick. Claire nickte verhalten. „Das ist Irbis, mein Bruder“, sprach Blue weiter und deutete dabei auf den Schattenlord. „Er wird dich jetzt nach draußen bringen. Dort werden dich zwei Freunde von uns beschützen. Ist das in Ordnung, kleine Claire?“

Claires Blick wanderte von Blue zu Irbis. Dieser hatte sich bereits aufgerichtet und wartete darauf, dass er sie auf die Arme nehmen konnte. Sie zögerte jedoch.

„Ich möchte aber bei dir bleiben“, wimmerte sie.

„Das geht nicht, Liebes. Aber Irbis ist okay. Stell dir einfach vor, er wäre dein persönlicher Schutzengel. Sobald wir hier fertig sind, werden wir dich zu deinem Papa bringen. Der wartet nämlich schon ganz ungeduldig auf dich.“ Dann kam Bewegung in Claire, und sie ging auf Irbis zu. Dieser nahm sie auf seine Arme und drückte sie fest an sich.

„Schließ die Augen und öffne sie erst wieder, wenn ich es dir sage“, sagte er und kaum hatte sie die Augen geschlossen, lösten sich die beiden in Luft auf.

*

Tom stand an den Wagen gelehnt und beobachtete die Gegend. Nervös trommelte er mit den Fingern auf dem Waffengurt herum. Verdammt, dieses Herumstehen und Däumchen drehen war überhaupt nicht sein Ding. Er verstand ja, weshalb er hier einen auf Späher machen musste, aber gefallen musste es ihm deshalb noch lange nicht. Umbros schwere Hand landete auf seiner Schulter und drückte sie kurz.

„Mach dir keinen Kopf, Kumpel. Die beiden packen das schon. Irbis wird kein Risiko eingehen und Blue und sich selbst beim geringsten Zweifel da rausbringen.“

„Ich mache mir keine Sorgen.“ Umbros’ zweifelnd hochgezogene Augenbraue ließ Tom innehalten. „Klar bin ich besorgt. Aber was mich mehr nervt, ist dieses Warten.“ Er beobachtete Umbro, wie er in seine Jackentasche griff und eine Packung Kaugummi herausholte.

„Auch einen? Ist gut für die Nerven.“ Der Schattenlord hielt ihm die Packung unter die Nase.

„Ja, gern. Danke.“ Tom nahm sich einen und genoss den Geschmack von grüner Minze. Tatsächlich hatte er das Gefühl, dass sich seine Nervosität etwas legte. „Wie hältst du solche Situationen aus?“

Umbro zuckte mit den Schultern. „Jahrelanges Training, schätze ich. Ich versuche nicht darüber nachzudenken, fokussiere mich nur auf meine Aufgabe. Jetzt wird von uns verlangt, dass wir Irbis und Blue den Rücken freihalten. Du darfst niemals denken, dass du minderwertig bist, wenn du als Rückendeckung zurückbleiben musst. Eigentlich ist es so, dass das die wichtigste Aufgabe ist. Sie müssen immer eine freie Rückzugsmöglichkeit haben.“

Tom nickte, doch in seinem Kopf hörte er eine andere Stimme. Ja, ja. Aber es wäre mir trotzdem lieber, wenn man mir den Rücken freihalten würde … Untätigkeit war ihm ein absoluter Gräuel. Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, erschien plötzlich Irbis mit einem Kind auf den Armen und lief ihnen entgegen. Bei allen Heiligen, war das etwa das Kind, nach dem sie suchten? Irbis gab ihm die Kleine in die Arme. Das Mädchen wog nicht mehr als eine Feder und drückte sich fest an seine Brust.

„Wo ist Blue?“ Tom konnte sich nicht zurückhalten. Er musste es wissen.

„Sie ist noch im Haus und sieht sich im Keller um. Wie es scheint, sind alle ausgeflogen.“ Dann verschwand Irbis wieder und ließ ihn mit Umbro und dem Kind allein. Erst etwas unschlüssig nickte er Umbro zu, damit dieser die Wagentür öffnete. Tom setzte das Mädchen auf die Rückbank. Dann zog er seine Jacke aus und deckte sie damit behelfsmäßig zu.

Ihre im Schrecken geweiteten Augen lösten alte, lang verdrängte Erinnerung in ihm aus. Bilder seiner eigenen Kindheit, denen er sich jetzt nicht stellen wollte und konnte. Aus Mangel an anderen Mitteln strich er dem Mädchen über die Wange.

„Jetzt wird alles gut, versprochen.“ Er war erstaunt, wie rau seine Stimme in seinen eigenen Ohren klang.

*

Blue zog die Waffe und lief den Korridor entlang. Leise, um jeden Schritt bedacht. Sie atmete ruhig und ließ ihren Sinnen freien Lauf. Nichts regte sich, allein der übermächtige Verwesungsgeruch hing dick wie Nebel in der Luft. Vor der letzten Tür blieb sie stehen. Der Gestank war hier beinahe unerträglich. Die Tür ließ sich nur schwer öffnen. Die Scharniere schienen verrostet zu sein. Der Anblick, der sich ihr dahinter bot, erfüllte sie mit blankem Entsetzen.

Im Inneren des Raumes stapelten sich die Leiber von Toten. Alle eingefallen, in verschiedenen Stadien der Verwesung. Ein grauenvolles Bild. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Leichen zu beseitigen. Sie wurden hier einfach auf eine Art menschlichen Komposthaufen geschmissen. Ihr Blick fiel auf eine Frau, die noch nicht so lange tot zu sein schien. Das flachsblonde Haar war ihr ins Gesicht gefallen. Blue ging neben ihr in die Knie und schobdie Haarsträhnen nach hinten. Aus dem Gesicht starrten sie zwei matte Augen an, die Züge vom Todeskampf verzerrt. Um ihren Hals trug sie eine Halskette mit einem Anhänger, auf dessen Vorderseite der Name David eingraviert war. Damit bestand kein Zweifel mehr.

Voller Trauer um Davids Verlust nahm Blue ihr die Kette ab und zog auch den Ehering vom Finger. David sollte wenigstens diese beiden Dinge von ihr haben, denn sie konnten ihm keine Leiche bringen. Diese Sauerei musste beseitigt werden, bevor sich die Offiziellen damit befassten. Ein paar weitere mysteriöse Vermisstenfälle mehr für die Statistik. Sie schauderte, als sich ihr der Gedanke aufdrängte, Tom auf diese Weise zu verlieren. Sie würde es nicht verkraften, wenn man ihr nur noch die spärlichen Habseligkeiten von ihm bringen würde.

Sie ging gerade durch den Flur zurück, als Irbis wieder auftauchte. „Hast du die Mutter gefunden?“ Seine Stimme war rau, und auch Blue musste schlucken, damit sie die Worte herausbrauchte.

„Ja, leider. Diese Outlaw-Bastarde halten sich Blutsklaven und werfen die Leichen einfach auf einen Haufen im Keller.“

Irbis’ Augen verengten sich zu Schlitzen, er sagte aber nichts zu diesem Thema. Stattdessen nahm er sie am Arm und führte sie zum Treppenhaus.„Lass uns den Rest des Hauses unter die Lupe nehmen. Vielleicht stoßen wir auf etwas Brauchbares.“

Leider fanden sie nichts, was von Nutzen gewesen wäre. Alle Vöglein schienen weitergezogen zu sein. Deshalb verließen sie diese Horrorvilla und riefen das Aufräumkommando, um die Leichen zur Beseitigung ins Krematorium zu bringen.

Draußen erteilte Blue Umbro den Befehl, sobald die Toten weg wären, das ganze Haus niederzubrennen, um alle Beweise zu vernichten. „Ich werde ihm dabei helfen“, erbot sich Irbis und Blue drückte ihm dankbar die Hand.

Tom hatte sich ans Steuer des Camaros gesetzt, und Claire hockte mit angezogenen Knien auf der Rückbank und starrte ins Leere. Schweigend fuhren sie zu Blues Appartement, wo David noch immer festsaß. Die ganze Zeit fraß sich das Entsetzen über das, was sie vorgefunden hatten, durch ihre Knochen, und sie konnte kaum begreifen, was sich in diesem Haus zugetragen haben musste. Die Bilder von den aufeinandergeworfenen Leichen verfolgten sie mit jedem Wimpernschlag. Was für Monster waren diese Outlaws eigentlich? Noch nie war ihr so ein Grauen begegnet. Ihr war schlecht.

Als sie mit dem Lift nach oben fuhren, klammerte sich Claire krampfhaft an ihr fest. Blue hatte sie bereits in der Garage auf den Arm genommen, und als sie in der Wohnung angekommen waren, gingen sie sofort zu David in den Trainingsraum.

„Papa!“, rief die Kleine und David hob den Kopf, sah seine Tochterzunächst wie erstarrt ungläubig an.

„Claire?“, keuchte er. Claire rannte stolpernd auf ihren Vater zu und warf sich ihm um den Hals. David vergrub sein Gesicht in ihren Haaren und begann kläglich zu weinen.

Schluchzend lagen sich Vater und Tochter in den Armen. Nach einer kleinen Ewigkeit hob David den Blick. In seinen Augen spiegelten sich widersprüchliche Gefühle. Zum einen Dankbarkeit für seine Tochter und zum anderen die schmerzhafte Erkenntnis, dass seine Frau es nicht geschafft hatte. Langsam schüttelte Blue den Kopf und beantwortete damit seine stumme Frage. Wortlos griff sie in ihre Hosentasche und holte die Kette und den Ring seiner Frau heraus. Während sie sie in seine geöffnete Hand gleiten ließ, begannen seine Augen erneut in Tränen zu schwimmen, und er klammerte sich hilfesuchend an Claire.

„Danke, Chefin. Vielen Dank, dass du mir wenigstens meine Tochter zurückgebracht hast. Das werde ich dir nie vergessen.“ Sein Schluchzen drang tief in Blues Seele ein, und sie konnte nur nicken.

David und Claire wurden ein paar Stunden später von Gabriel an einen sicheren Ort gebracht. Außerhalb Igors Reichweite und weit weg von seinen Schergen.

Seit sie die Horath-Villa niedergebrannt hatten, waren inzwischen zwei oder drei Tage vergangen. In den Nachrichten hatte es wilde Spekulationen über die Ursache des Brandes gegeben, bei dem das ganze Haus in Schutt und Asche gelegt worden war. Die Behörden gingen davon aus, dass die Villa von Hausbesetzern belagert worden war und es so zu dem fatalen Brand gekommen war. Für Davids Frau hatten sie eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben, damit er später nicht in Erklärungsschwierigkeiten kam.

Blue hatte sich auf der Couch zusammengerollt und war eingeschlafen, als das verfluchte Handy losplärrte. Vor Schreck wäre sie beinahe vom Sofa gefallen. Selbst Tom, der im Sessel saß und fernsah, war aufgesprungen. Nervös griff sich Blue das Teil und nahm den Anruf entgegen. Es war Gabriel, der schwer ins Telefon keuchte.

„Der Clubbrennt!“ Kaum hatte er diese Info durchgegeben, hatte er auch schon wieder aufgelegt. Wie elektrisiert starrte sie auf das Display, bis es erlosch.

„Was ist los?“, fragte Tom so beiläufig, dass es schon beinahe lächerlich war. Doch gerade diesen Ton hatte Blue nötig, um zu begreifen, was Gabriel ihr da an den Kopf geschmissen hatte.

„Der Clubbrennt“, rief sie und rannte ins Schlafzimmer. Dort zerrte sie wahllos Hose und Shirt heraus. Gleichzeitig öffnete sie den Waffenschrank und griff nach der SIG, zwei Magazinen, zwei Dolchen und der Peitsche. Achtlos warf sie alles aufs Bett und zog sich eilig an. Sie hatte Tom kommen gehört, und auch er schlüpfte schnell in seine Kleidung. Erst als sie das Schulterholster anlegte und die Halbautomatik unter dem linken Arm verstaute, bemerkte sie, dass Tom sie beobachtete.

„Was ist?“, fragte sie gereizt. „Wir haben keine Zeit für Träumereien.“ Tom blinzelte kurz, wie um den Kopf freizubekommen,bewaffnete sich ebenfalls und schob sich die zweite SIG ins Beinholster.

In der Garage wollte sie zum Camaro rennen, als Tom sie am Arm in die andere Richtung zog.

„Wir nehmen besser das Motorrad. Damit kommen wir schneller durch den Stadtverkehr.“

Als sie aus der Garage fuhren, peitschte ihnen der kühle Wind um die Ohren. Der Ledermantel wehte wild hinter ihr her. Sie hatte ihre Arme fest um Tom geschlungen und konnte es nicht vermeiden, dass sie sich an ihn schmiegte. Trotz der Sorge genoss sie seine Nähe und das beschämte sie. Sie hatte das Gefühl, dass es in dieser Situation völlig unangebracht war, in Verliebtheit und Verlangen zu schwelgen. Doch sie konnte nicht anders, als Toms Wärme in sich aufzunehmen, und gleichzeitig spürte sie, wie seine Anwesenheit sie erdete.

Tom raste über rote Ampeln, wich entgegenkommenden Autos aus und nahm keine Rücksicht auf Einbahnstraßen. Er hatte rechtbehalten. Mit der Hayabusa kamen sie tatsächlich schneller voran. Nur war die Tatsache, dass sich Tom wie ein Verkehrsrowdy aufführte, der wahre Grund dafür. Die Rauchsäule konnte man schon von Weitem sehen. Sie verdunkelte den Himmel und ließ den späten Nachmittag beinahe zur Nacht werden. Tom steuerte das Motorrad auf den steinigen Parkplatz und brachte es schlitternd zum Stehen. Beide sprangen sie vom Sitz und rannten zu Gabriel, der mit gerauften Haaren und weit aufgerissenen Augen dastand. Er starrte zum Clubund schien komplett unter Schock zu stehen.

„Gabriel, wo ist Boss?“, fragte sie und zupfte ihn dabei am Ärmel. Wie in Zeitlupe drehte er sich zu ihr um und sah sie verblüfft an. Dann schien er aus seiner Starre zu erwachen.

„Er ist da drinnen“, rief er und zeigte auf die Flammenhölle, die einmal der Clubgewesen war. Der Schreck fuhr ihr in alle Knochen, und selbst Tom zuckte deutlich neben ihr zusammen.

„Warum, zum Teufel, hast du ihn gehen lassen?“ Ihre Stimme überschlug sich fast, und der Rauch ließ ihre Augen tränen.

„Lucinda ist auch noch im Club!“, rief ihnen Umbro über den Tumult hinweg zu. „Shadow und Irbis sind hineingegangen, um die beiden herauszuholen.“ Umbros Stimme war schrill vor Sorge um seine Brüder.

„Was heißt denn hineingegangen? Warum haben sie sich nicht hinein und gleich wieder heraus teleportiert, und warum muss das denn so lange dauern?“

Umbro sah sie an, als wäre sie die dümmste Person, die auf Erden wandelte. „Sie können sich doch nicht einfach so in ein Flammenmeer hineinmaterialisieren! Wenn sie falsch landen, verbrennen sie bei lebendigem Leib. Das muss selbst dir klar sein. Und dann müssen sie die beiden anderen auch erst noch finden. Das Herauskommen ist das kleinste Problem.“

Und tatsächlich erschienen kurze Zeit später vier Gestalten im Vordergrund des brennenden Infernos. Gabriel, Tom und Blue rannten gleichzeitig los.

Die Schattenlords gingen mit ihren Schützlingen in die Knie und husteten keuchend. Erleichtert warf sich Blue Irbis um den Hals. Dann bedachte sie Shadow, Boss, Lucy und ihren Bruder mit einem wütenden Blick.

„Was fällt euch eigentlich ein, mir einen solchen Schrecken einzujagen? Ich bin fast gestorben vor Angst!“ Die vier schauten sie ausrußgeschwärzten Gesichtern verdutzt an. Bevor jedoch einer etwas entgegnen konnte, wurde Blues Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. In einiger Entfernung, am Ende der Seitenstraße, rannten vier Männer davon. Sie atmete tief durch die Nase ein. Neben dem beißenden Rauch war deutlich der Gestank der Outlaws wahrzunehmen. Diese herbe Raubtierausdünstung, die sie an sich hatten, weil sie sich von Frischblut verängstigter Blutsklaven ernährten. Quasi frisch von der Zapfsäule. „Dark, du bleibst bei Shadow, Irbis, Boss und Lucy. Du kümmerst dich darum, dass sie unverzüglich in meine Wohnung kommen, denn hier sind sie in der Schusslinie.“ Irbis und Shadow schnaubten im Duett, sie beachtete sie aber nicht und wandte sich stattdessen an Tom, Gabrielund Umbro. „Vier Outlaws machen sich gerade vom Acker. Wir müssen sie uns schnappen!“

Kaum hatte sie diesen Befehl erteilt, grub sich der Fuß ihres Standbeins in den Kies und sie rannte, wie von einem Katapult nach vorne geschossen, davon. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, dass die drei Männer ihr folgten. Sie hatte jedoch nur Augen für ihre Beute. Der stinkende Outlaw würde ihr nicht entkommen. In weiter Ferne konnte sie leise die nahenden Feuerwehrsirenen hören. Sie mussten sich beeilen, denn sonst würden sie der Polizei und den Männern der Feuerwehr in die Arme laufen.

*

Während Blue lossprintete, konnte Tom es nicht verhindern, dass er ihr bewundernd hinterhersah. Plötzlich musste er wieder an den Moment denken, als sie nach Gabriels Anruf ins Schlafzimmer gerannt war. Er war ihr sofort gefolgt … und war stolpernd stehen geblieben. Hochkonzentriert hatte sie am Kleiderschrank gestanden. Nackt. Er hatte nicht anders gekonnt, als sie zu beobachten. Sie war nicht mehr die Frau, in die er sich verliebt hatte. Nicht im Geringsten. Und doch liebte er sie mehr denn je.

Sein Blick war an ihr von oben nach unten gewandert. Goldene Haut spannte sich samten über die gut trainierten Muskeln. In den letzten Wochen hatte sie sich wie versprochen regelmäßig genährt und hatte dadurch etwas zugenommen. Nie zuvor war sie verführerischer gewesen als in diesem Moment. Seine Blicke waren über ihre Arme und Beine geglitten, und sein Herz war ihm schwer geworden. Die Male, die sie von Verbrennungen und Häutungen davongetragen hatte, wirkten wie ein unregelmäßiger Flickenteppich. Dunkle Narben, die sie ihr Leben lang mit sich tragen würde und sie immer wieder an die schreckliche Folter im Labor erinnern würden.

Die Schnitte waren nicht mehr zu sehen, aber die anderen Spuren dieser Zeit hatten sie gezeichnet. Ein Schaudern war über seinen Rücken geglitten, als er sich bewusst geworden war, dass dies nur die sichtbaren Narben jener Zeit waren. Wie ihre Seele aussah, konnte er nicht einmal erahnen.

Dennoch war sie die schönste und begehrenswerteste Frau, die er je gesehen hatte. So stark, so stur, so zärtlich. Sein gebundenes Herz hatte zu rasenbegonnen, und er war hart geworden. Seine Erektion hatte heftig hinter dem Reißverschluss seiner Hose gepocht. Sein persönliches Kopfkino schuf Bilder, wie er sie nahm. Ja, verdammt! Er hatte sie in diesem Augenblick so sehr gewollt, dass es ihn beinahe geschmerzt hatte. Er hatte sich vorgestellt, wie er sie an die Schranktür presste, ihre Beine spreizte und sich tief in ihr versenkte. Seine Hand war vor seinem inneren Auge von vorne zwischen ihre Beine geglitten, um die samtweiche Haut dort zu liebkosen, nur weil er sie um den Verstand bringen wollte. Gleichzeitig wollte er mit seinen Fängen sanft ihren Nacken verwöhnen. Vorsichtig darüber kratzen und erst in dem Moment, wenn sie seinen Namen keuchen würde, würde er zubeißen.

Irgendwann hatte er jedoch seine Triebe wieder unter Kontrolle gebracht, er musste sich zur Ruhe zwingen. Es war nicht der richtige Zeitpunkt gewesen. Sie hatten definitiv andere Sorgen. Sie hatte aufgeschaut, ihn angesehen und die Stirn gerunzelt. Wahrscheinlich hatte sie seinen beinahe feuchten Tagtraum bemerkt.

Mit einem Schlag war er wieder in der Gegenwart und beobachtete seine Frau, wie sie mit der Geschmeidigkeit einer Gepardin und der Kraft einer Löwin davonpreschte.

Sorge und Stolz wechselten sich ab. Er würde wahnsinnig werden, sollte er sie noch einmal verlieren. In dem Moment schwor er sich, dass er alles ihm Mögliche tun würde, um sie vor Leid und Schmerz zu bewahren. Tom wusste, dass Blue nicht in Watte gepackt werden wollte. Doch seine Unterstützung musste sie einfach akzeptieren. Da ließ er ihr keine Entscheidungsfreiheit. In der Vampirgesellschaft war die Gleichberechtigung tief verankert. Es gab weder ein deutliches Patriarchat noch ein deutliches Matriarchat. Er wusste, dass Blue als Boss’ Thronfolgerin in der Rangordnung über ihm stand, doch das hielt ihn nicht davon ab, ihr hin und wieder Befehle zu erteilen, welche sie erstaunlicherweise meistens auch befolgte.

Er lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Outlaw, an dessen Fersen er sich geheftet hatte. Tom atmete durch den Mund, denn die Ausdünstung dieser Kreaturen verursachte ihm Übelkeit. Er zwang sich, jeden Gedanken an seine Frau zu verdrängen. Es würde ihr nichts nützen, wenn er sich zu sehr von seiner Aufgabe ablenken ließ.

Sein Weg führte ihn quer über den Bellevueplatz, hoch Richtung Universität. Zu weit weg, dachte er bei sich. Er durfte sich nicht zu weit von den anderen entfernen. Nicht alleine. Eine der wichtigsten Regeln, um zu überleben. Er beschleunigte seine Schritte noch einmal und verdrängte das Brennen in seinen Lungen. Fast da, komm schon Alter, du schaffst das. Noch vier Meter, drei, zwei … Dannriss ermit einem Sprung den Outlaw mit sich in eine Seitengasse. Dort fackelte er nicht lange und zog seinen Dolch.

„Ja, Foresta. Töte mich ruhig. Doch was bringt es dir? Ich habe Informationen für dich, die du unbedingt haben möchtest.“ Tom zögerte nur eine halbe Sekunde, doch das genügte, um einen Hieb vom Outlaw-Ellbogen einzukassieren. Das Gefühl, dass sein Schädel eine Rundfahrt auf seiner Halswirbelsäule machte, ereilte ihn. Einmal im Kreis, bitte. Doch als Antwort rammte er dem Schläger das Knie in die Kehle und hörte, wie das Zungenbein knackend nachgab. Der Outlaw gab noch kurze, röchelnde Laute von sich und erschlaffte dann. Wichser! Was sollte der Mist von wegen Infos, die Tom interessieren könnten? Und woher kannte der Mistkerl überhaupt seinen Familiennamen? Niemand in seinem neuen Leben kannte ihn.

Nachdem er die Leiche notdürftig vor menschlichen Blicken versteckt hatte, rannte er zurück. Er würde später das Aufräumkommando anrufen. Am Bellevue traf er auf Umbro und Gabriel. Von Blue fehlte jede Spur.

„Wo ist die Prinzessin?“ Umbro atmete schwer vom schnellen Rennen und sah sich unruhig um. Er war Blues eidgebundener Schattenlord und deshalb für ihre Sicherheit zuständig. Leider hatte nur einer der vier Schattenlords das ausgeprägte Talent, Blue anhand der Blutspur zu finden, und das war Shadow, der gerade nicht verfügbar war. Aus einem Impuls heraus lief Tom los, und die zwei anderen Männer schlossen sich ihm sofort an. Tom folgte dem unbestimmten Gefühl in seinem Herzen. Ein Ziehen oder Sehnen, dessen Ursprung in ihrer Liebe verankert war. Es dauerte nicht lange und er fand sie.

Vizekönige

Der Outlaw, den Blue verfolgte, war schnell, doch nicht schnell genug. Seine beachtlichen Körpermaße behinderten ihn deutlich, auch wenn erschneller lief als die meisten Menschen. Zudem machte er einen essenziellen Fehler. Er rannte um eine Parkbank herum, und das kostete ihn wertvolle Sekunden. Sie jedoch sprang geradewegs über das Gebilde aus Holz und Beton. Kurz hoffte sie, ihn im Flug zu erwischen, doch sie verfehlte ihn. Wenn auch nur knapp.

Während sie wieder Boden unter den Füßen hatte und weiterrannte, löste sie die Peitsche vom Gürtel und rollte sie schwungvoll aus. Mit einem Zischen ließ sie sie nach vorne fliegen, und die Peitschenschnur wickelte sich um den Hals des Outlaws. Mit aller Kraft gruben sich Blues Absätze in den Asphalt, und mit einem schnellen Drehen ihres Oberkörpers riss sie den Mann rücklings zu Boden.

Er versuchte sich stöhnend, von der Peitsche zu befreien. Das hatte jedoch zur Folge, dass sich die scharfen Haken, mit denen die Peitschenschnur gespickt war, tiefer in sein Fleisch gruben. Blue ging entschlossen zu ihm hin, zog die SIG und hielt sie ihm aufs Auge.

„Hallo, Arschloch“, sagte sie leise und grinste dabei breit, die Fänge weit ausgefahren. „Wieso haben du und deine Idiotenfreunde den Clubabgefackelt?“

Der Outlaw verzog den Mund zu einem Zähnefletschen. „Du hast doch nicht wirklich das Gefühl, dass ich das der Schlampe dieses Waschlappens von einem König erzähle?“ Ein unterdrücktes Lachen vibrierte durch seinen Körper. Es schien ihm absolut nichts auszumachen, dass er innerhalb der nächsten halben Sekunde sein Gehirn von der Straße lecken würde, sollte sie den Abzug drücken. Doch tot nützte er ihr reichlich wenig, und das wusste er sicher auch.

„Halt die Klappe, du Sack! Du weißt nichts über mich oder den König.“

Wieder lief dieses unterdrückte Lachen in Wellen durch seinen Körper. „Jeder weiß, was für Dienste du ihm leistest.“ Nachdem er das gesagt hatte, züngelte er anrüchig mit seiner fleischigen Zunge. Mit dieser Geste hatte er sie eiskalt erwischt, und sie war nur einen kurzen Moment unaufmerksam. Da der Typ alles andere als blöd war, nutzte er diese Chance und gab ihr einen heftigen Tritt gegen ihr rechtes Bein, welches sich dadurch verdrehte. Das übelkeitserregende Knacken breitete sich über ihr ganzes Skelett aus und bescherte ihr kurz einen Tunnelblick.

Bevor der Mistkerl jedoch einen weiteren Angriff starten konnte, hatte sie den Schmerz bereits an den Rand ihres Bewusstseins geschoben. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, die eigenen Wunden zu lecken. Mit einem Hechtsprung landete sie auf ihm, rammte ihm die Faust ins Gesicht und zog gleich darauf den Dolch aus dem Stiefel. Die Dolchspitze bohrte sich durch seinen Pullover in die Haut über seinem Herzen. Und siehe da, der Spott in seinen Augen war plötzlich verschwunden. Wichser!

„Was ist denn los?“, fragte sie spöttisch. „Hast du plötzlich deine Eier verloren?“ Langsam erhöhte sie den Druck auf den Dolch. Die Spitze durchdrang seine Haut und setzte seinen Weg durch den Brustmuskel fort. Kurz vor den Rippen hielt sie inne. Der Outlaw winselte wie ein Hund und versuchte sich unter ihr herauszuwinden.

„Das lässt du schön bleiben. Erst erzählst du mir, was ich hören will. Verstanden?“ Er nickte stumm. „Schön, dass wir uns einig sind. Habt ihr den Clubangezündet?“ Er nickte kaum merklich. „Auf wessen Befehl?“ Ihr war bewusst, dass sie das Offensichtliche fragte, doch sie wollte ihn in Sicherheit wiegen. Er sollte ihr alles erzählen, was er wusste.

Ein Schatten glitt über sein Gesicht. „Ich habe dir bereits gesagt, dass ich dir, du Nutte, auf eine solche Frage nicht antworte.“

Eiskalte Wut zog durch ihre Adern, und sie schlug ihm mit der flachen Hand schallend ins Gesicht. „Ich werde dir jetzt sagen, was ich glaube.“ Sie machte eine dramatische Pause, welche eigentlich nur dazu da war, sich zu sammeln. „Ich glaube, du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast. Mein Name ist Siria Leandra Sangualunaris. Mein Vater war Leander Delcours, der rechtmäßige Anführer der Outlaws. Und meine Mutter ist Andromeda Sangualunaris, Orions Schwester. Somit siehst du die Thronerbin des Hauses der Sangualunaris und die rechtmäßige Anführerin der Outlaws vor dir. Das heißt, dass du meinem Befehl Folgeleisten musst.“

Nun endlich hatte sie ihn soweit gebracht, dass er die Augen aufriss. „Also, du Arschloch, deine dritte und letzte Chance. Hat Igor euch befohlen, Orions Club anzuzünden?“ Er nickte zögernd. „Was hat mein lieber Onkel Igor denn sonst noch für Pläne? Oder war das nur die Rache, weil wir euer Nest niedergebrannt haben?“

Er ließ sich beachtlich Zeit, bevor er antwortete. Dann plötzlich trat wieder dieser störrische Ausdruck in seine Miene. Blue wusste instinktiv, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

„Dir werde ich ganz sicher nichts erzählen!“, schrie er. „Wenn Delilah die Vizekönige auf ihrer Seite hat, könnt ihr Möchtegernheiligen einpacken.“

Über ihre Verwirrtheit hinweg vergaß sie beinahe, dass sie eigentlich wütend war. Was zum Teufel waren Vizekönige? Boss würde ihr endlich einmal über die politischen Bedingungen ihrer Spezies reinen Wein einschenken müssen. Wenn sie irgendwann in seine Fußstapfen treten musste, hatte sie das Recht, alles zu erfahren. Zum Teufel nochmal!

„Weißt du was, du dreckiger Outlaw? Ihr und eure Vizekönige habt keine Chance gegen uns.“ Sie war sich absolut bewusst, dass sie erstens total zickig klang und zweitens nicht im Geringsten eine Ahnung hatte, wovon er sprach. Doch das alles spielte keine Rolle mehr. Der Idiot hatte ihr bereits genug verraten. Boss würde wissen, womit sie es zu tun hatten.

Mit diesem Gedanken wandte sie sich wieder dem Mann unter ihr zu. Sie wusste, dass sie ihn nicht am Leben lassen durfte, deshalb drehte sie den Dolch in der Wunde, bis sie fühlte, dass die Rippen ihr keinen Widerstand mehr leisteten.

Er begann zu schreien. „Du dreckige Schlampe! Dafür wirst du bezahlen!“

„Ich werde dir jetzt etwas sagen, Arschloch. Es macht mich ein wenig traurig, dass du nicht mehr miterleben wirst, dass ich recht hatte. Igor und Delilah werden untergehen, und jeder, der sich uns nicht anschließt, wird ebenfalls daran glauben müssen.“

Mit diesen Worten übernahm der Assassine in ihr die Kontrolle, und der Dolch bohrte sich bis zum Heft in das Herz des Outlaws. Nach kurzem Röcheln fiel sein Kopf nach hinten, und seine Augen drehten sich in ihren Höhlen nach innen.

Dumpf, wie immer, wenn jemand durch ihre Hand gestorben war, wischte sie die Klinge am Pullover des Toten ab und kam mühsam auf die Beine. Das rechte Knie pochte schmerzhaft und trug nur bedingt ihr Gewicht. Leise fluchend sammelte sie die Peitsche und die SIG ein. Gerade als sie sich daran machen wollte, den Outlaw am Kragen hinter sich herzuschleppen, kamen Tom, Umbro und Gabriel schlitternd um die Ecke.

„Geht’s dir gut?“, fragte Tom für ihren Geschmack viel zu laut. Ihr Kopf dröhnte, und sie hatte das Gefühl, ihr Herz wäre ihr ins Knie gerutscht. Mürrisch winkte sie ab und übergab Gabriel die Leiche. Tom tippte ihr auf die Schulter, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und musterte sie. Auf einmal begann er zu knurren und zog die Oberlippe hoch. Dabei entblößte er seine Fänge, die sich gerade verlängerten. „Du bist verletzt“, stellte er fest. „Was hat er dir getan?“

Unwillkürlich wich Blue seinem Blick aus. „Ich bin okay. Lass uns einfach gehen.“ Zur Bestätigung wollte sie einen Schritt machen, doch der Schmerz im rechten Knie ließ ihr Gehirn explodieren. Hätte Tom sie nicht aufgefangen, wäre sie ziemlich uncharmant zu Boden gegangen. Derb fluchend hielt sie ihr Bein und bekam dabei nur am Rande mit, wie Tom Umbro einen Befehl erteilte.

Dieser trat auf sie zu und legte die Arme um sie. Genau in dem Moment wurde ihr klar, was Sache war, und sie protestierte heftig. Umbro ließ sich jedoch nicht beirren und warf sie kurzerhand über seine Schulter. Er beachtete ihr Fluchen und Zappeln nicht. Stattdessen sagte er mit ruhiger Stimme: „Schließ die Augen, Prinzessin.“ Kaum hatte er diesen Satz beendet, hatte sie das Gefühl, in ein schwarzes Loch gezogen zu werden. Jedes Molekül ihres Körpers wurde zusammengepresst, und ihr war, als würde ihre gesamte Masse auf eine Nadelspitze passen. Doch kurze Zeit später ließ dieser beengende Zustand nach, und sie konnte wieder frei atmen. Sie öffnete die Augen und erkannte, dass sie sich in ihrer Wohnung befand. Umbro setzte sie auf der Couch ihres Wohnzimmers ab.

„Ich hole jetzt Tom.“ Mit diesen Worten verpuffte er sich wieder.