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Nach einer stürmischen Nacht wird auf dem Gelände des verfallenen Schloss Oberbürg eine grausam zugerichtete, nackte Frauenleiche gefunden. Noch an der Absperrung erhalten Hackenholt und sein Team erste Hinweise auf die Identität der Toten. Wurde die junge Pakistanerin getötet, weil sie die Familienehre beschmutzt hat? Als wenige Tage später eine zweite, ebenfalls entkleidete Frauenleiche bei den Zabo-Trails entdeckt wird, gerät Hackenholt enorm unter Druck und muss mit dem Schlimmsten rechnen ...
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2026
Buchenklinge
– Hackenholts fünfzehnter Fall –
von
Stefanie Mohr
EBOOK
Stefanie Mohr, geboren 1972, liebt ihre Heimatstadt Nürnberg, in der sie (fast) jeden Winkel kennt. Nähere Informationen: www.stefanie-mohr.com
In dieser Reihe bereits erschienen: »Die vergessenen Schwestern«, »Das letzte Lächeln«, »Die dunkle Seite des Sommers«, »Frauentormauer«, »Glasscherbenviertel«, »Reichskleinodien«, »Tödliche Kristalle«, »Bombenstimmung«, »Tief im Brunnen«, »Südstadtblüten«, »Schmerzhafte Wahrheit«, »Feuchtes Grab«, »Schwerer Seegang« »Plärrer-Mord« und »Buchenklinge«.
Nach einer stürmischen Nacht wird auf dem Gelände des verfallenen Schloss Oberbürg eine grausam zugerichtete, nackte Frauenleiche gefunden. Noch an der Absperrung erhalten Hackenholt und sein Team erste Hinweise auf die Identität der Toten. Wurde die junge Pakistanerin getötet, weil sie die Familienehre beschmutzt hat? Als wenige Tage später eine zweite, ebenfalls entkleidete Frauenleiche bei den Zabo-Trails entdeckt wird, gerät Hackenholt enorm unter Druck und muss mit dem Schlimmsten rechnen ...
+++HINWEIS:+++
Die Übersetzung der fränkischen Passagen befinden sich im Anhang und sind im Text mit Fußnoten gekennzeichnet. Klickt man auf die Ziffer, gelangt man direkt zur Übersetzung, klickt man dort erneut auf die Ziffer, gelangt man zurück an die Textstelle.
ISBN: 978-3-946035-27-5 (EPUB)
Copyright © Stefanie Mohr, 2026.
All Rights Reserved - Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Stefanie Mohr
Verlag: Edition Gelbes Sofa, Inh.Stefanie Mohr, Nordring 125, 90409 Nürnberg
Originalausgabe
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
Hackenholt riss den Lenker herum und wich gerade noch einem Ast aus, der im funzeligen Licht seiner Fahrradleuchte vor ihm aufgetaucht war. Verdammtes Unwetter! Vergangene Nacht war der reinste Weltuntergang gewesen. Erst als sein Fahrrad einen Sekundenbruchteil später durchgerüttelt wurde, merkte er, dass es der Fahrradanhänger hinter ihm nicht geschafft hatte. Im selben Augenblick begann Ronja auch schon zu weinen. Hackenholt hielt an. Mehr liegend als sitzend hing die Fünfjährige im Sicherheitsgurt. Sogar ihr Fahrradhelm war verrutscht.
»Alles gut, mein Schatz!«, beschwichtigte er sie. »Papa ist nur über einen Ast gefahren. Ich glaube, wir sind beide noch müde.« Insgeheim verwünschte er die alljährliche Zeitumstellung, die einmal mehr am vergangenen Wochenende stattgefunden hatte. Jetzt war es morgens wieder dunkel – noch vor einer Woche war es um sechs Uhr bereits hell gewesen. »Gleich sind wir im Kindergarten«, erklärte er, während er ihren Schutzhelm zurechtrückte und unter dem Kinn festzurrte.
Als sie schließlich ankamen, war seine Tochter wieder eingeschlafen. Immerhin war es erst kurz nach sechs Uhr morgens. Eine Zeit, zu der sie vor einem Monat noch selig in ihrem Bett gelegen und geschlafen hatte. Seit Sophie gefühlt die meiste Zeit des Tages in der Küche ihres neuen Ladens verbrachte, um Köstlichkeiten zu zaubern, mit denen sie zwei-, manchmal sogar dreimal am Tag ihren Automaten im Polizeipräsidium auffüllte, hatte Hackenholt versprochen, Ronja so oft wie möglich in den Kindergarten zu bringen. Seine Frau war zu seiner Verblüffung von einem Tag auf den anderen zur Frühaufsteherin mutiert. Oft war sie schon im Laden und backte Kuchen, schnippelte Obstsalat oder belegte Brote, während er noch im Bett lag und schlief. Und das, obwohl er selbst gerne spätestens um sechs Uhr an seinem Schreibtisch im Kommissariat saß. Ganz so drastisch hatte er sich die Folgen nicht vorgestellt, die die berufliche Veränderung seiner Frau mit sich brachte.
»Einen wunderschönen guten Morgen!« Eine der Erzieherinnen öffnete ihm die Tür. »Großartig, dass du so früh da bist. Die Sachen sind in der Küche. Du kennst dich ja aus.«
Hackenholt verstand nicht.
»Du bist heute mit dem Küchendienst dran.« Als sie seinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, fügte sie rasch hinzu: »Das ist mit Sophie abgesprochen.«
Hackenholt schnitt eine Grimasse. Küchendienst bedeutete: Spülmaschine ausräumen, Geschirr für das Frühstück bereitstellen, und vor allem musste er das Frühstück selbst vorbereiten, indem er Obst und Gemüse wusch und zerkleinerte, Marmelade in Schälchen gab und Käse- oder Wurstplatten belegte. Protest war zwecklos. Wenn er nichts vorbereitete, bekamen die Kinder nichts zu essen. Mit einem innerlichen Seufzen fügte er sich in sein Schicksal, nahm sich jedoch vor, mit Sophie zu sprechen. So konnte es beim besten Willen nicht weitergehen. Er schaffte es nicht, morgens auch noch den Küchendienst zu stemmen. Und schon gar nicht ohne Vorwarnung.
Als er den Kindergarten kurz vor sieben Uhr endlich verließ, musste er blinzeln. Die Sonne war aufgegangen und tauchte die Welt in ein warmes Licht, das die Sintflut der vergangenen Nacht vergessen machte. Er schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr nach Hause, um den Anhänger abzustellen, bevor er sich auf den Weg ins Polizeipräsidium machte.
Er hatte noch einmal nicht die Hälfte der Strecke geschafft, als sein Handy piepte. Es war Manfred Stellfeldt.
»Ich weiß, ich bin spät dran. Ronja –«, begann er anstelle einer Begrüßung.
»Auf dem Gelände von Schloss Oberbürg wurde eine Leiche gefunden. Die Kollegen von der Schutzpolizei sind vor Ort. Die Spurensicherung fährt gerade hin«, unterbrach ihn der Kollege.
»Wo?«, fragte Hackenholt. Von dem Schloss hatte er noch nie gehört.
»Schloss Oberbürg. Ein ehemaliges Wasserschloss. Liegt in Laufamholz mitten im Naturschutzgebiet. Leider verkommt es immer mehr, sodass es inzwischen nur noch eine Ruine ist.«
Die Erläuterung brachte Hackenholt nicht weiter, dennoch unterließ er es, nochmals nachzufragen. »Ich bin auf dem Rückweg vom Kindergarten und brauche noch ein paar Minuten. Am besten komme ich direkt dorthin.« Die Routenplaner-App seines Handys würde ihm hoffentlich den Weg weisen.
»Ich kann Ralph Wünnenberg und Martin Groß schon mal losschicken«, schlug Manfred Stellfeldt vor. »Saskia hat sich krankgemeldet.«
»Einverstanden«, stimmte Hackenholt zu und beendete das Gespräch.
Höchstwahrscheinlich wäre er trotz Navigations-App am Pegnitzweg vorbeigefahren, hätte nicht ein Streifenwagen dessen unscheinbare Einmündung zur Laufamholzstraße versperrt. So folgte er der asphaltierten Stichstraße bis zu einer Schranke, die Unbefugten die Weiterfahrt ins Wasserschutzgebiet untersagte. Obwohl sie offen stand, parkte er sein Auto neben einer Reihe anderer Fahrzeuge und lief den von kahlen Bäumen gesäumten Fußweg entlang Richtung Schloss. Schon aus der Entfernung sah er die beiden Türmchen, die den Eingang zum Areal des Herrensitzes bildeten.
Als er sie nach wenigen Minuten erreichte und sich durch den überraschend großen Pulk an Schaulustigen vor der Absperrung gearbeitet hatte, begrüßte Christine Mur ihn mit den Worten: »Du hättest nicht laufen müssen. Der Boden ist viel zu matschig. Reifenabdrücke kannst du vergessen, falls du darauf gehofft hast.« Sie trug den typischen weißen Overall der Spurensicherung. »Und falls es doch brauchbare gegeben hätte, hätten die Gaffer sie noch vor unserer Ankunft vernichtet.«
»Na, du hast ja wieder eine klasse Laune«, entfuhr es Hackenholt unwillkürlich. Normalerweise konnte er ihre Attitüden gut wegstecken. Aber seit Sophie arbeitete und viel mehr Haus- und Betreuungsarbeit an ihm hängenblieb, war er selbst oftmals gereizter. Auch Christine Mur war das nicht entgangen. Sie sah demonstrativ auf die Uhr.
»Was ist das überhaupt für eine Zeit?«, fragte sie herausfordernd, schien sich dann jedoch zu besinnen, zuckte mit den Schultern und wandte sich um. »Komm mit!«
Hackenholt folgte ihr auf einem Trampelpfad zum Eingang des Gehöfts. Rechter Hand bildete ein Bauzaun eine Barriere zum stark verwilderten Teil des Geländes. Sie durchquerten einen Torbogen, an dem sich der ehemalige Glanz des Herrensitzes noch erahnen ließ, und gelangten in den weitläufigen Innenhof, den ein großer Baum dominierte. Auf einmal blieb Mur abrupt stehen und deutete auf den geöffneten Bauzaun zu ihrer Rechten.
»Eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren gegangen ist, hat die Tote gefunden. Sie dachte zunächst, ihr Fiffi würde wegen den Raben durchdrehen, aber als die weggeflogen waren, wollte er immer noch keine Ruhe geben und ist wie verrückt am Zaun hin und her gerannt. Sie hat sich daraufhin auf die Zehenspitzen gestellt und schließlich eine Hand im Gras hinter den Steinen hervorragen sehen.«
Hackenholt nickte knapp.
»Die Leiche ist entsetzlich zugerichtet«, fuhr Mur fort. »Die Raben, du verstehst?« Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. »Das könnte noch zum Problem werden. Die Tote ist nämlich unbekleidet. Weit und breit gibt es keine Spur von ihrer Kleidung und erst recht nicht von Gegenständen, die auf ihre Identität hinweisen. Eine junge Frau. Groß, schlank, lange schwarze Haare. Ich würde sie auf Anfang zwanzig schätzen. Maurice meint, dass sie jünger ist.«
Wie aufs Stichwort trat in dem Moment der kleine, stämmige Rechtsmediziner aus einem unscheinbaren Zelt, das auf der anderen Seite des Innenhofs aufgebaut war. Ihm folgten Hackenholts hochgewachsene, schlanke Kollegen.
»Heißt das, dass die Leiche zwar hier abgelegt, die Tat aber ganz woanders verübt wurde?«, erkundigte sich Hackenholt.
Mur nickte. »Es gibt zwar entlang des Bauzauns bis zum Ablageort keine Schleifspuren. Aber ich habe in mühevoller Kleinarbeit das Gras an der Stelle, an der die Tote lag, unter die nicht nur sprichwörtliche, sondern tatsächliche Lupe genommen. Es müsste voller Blut sein, das auch bei dem Unwetter nicht abgespült worden wäre. Aber das Gras ist sauber. Außerdem weisen Leichenflecken auf eine Veränderung der Lage nach ihrem Tod hin. Und bevor du fragst: Sie wurde mit einem langen, spitzen Gegenstand erstochen, wenn du meine laienhafte Mutmaßung wissen willst.« Bei ihren letzten Worten war die Stimme der Kriminalbeamtin lauter und ihr Tonfall deutlich spitzer geworden. Puellen war inzwischen so nah, dass er sie hören konnte.
»Ist ja gut!«, seufzte er theatralisch. »Du hast recht! Einige ihrer Wunden sahen dennoch zunächst so aus, als würden sie von den Raben stammen. Und man sieht nicht immer auf den ersten Blick, ob jemand erwürgt wurde. Es hätte also sehr gut sein können, dass –«
»Pah!«, sagte Mur schnippisch und wandte sich ab. »Einen Schraubenzieher nicht von einem Rabenschnabel unterscheiden können, aber Experte sein wollen.«
»Christine hat leider wirklich recht«, brummte Puellen verhalten. »Die Fleischwunden am Oberkörper sind schmal und sehr tief. Sechsundzwanzig Stück. Ein klarer Fall von Übertöten.«
»Wie lange ist sie schon tot?«
Sofort war Puellen wieder in seinem Element und begann zu dozieren: »Da sie nicht hier getötet wurde, ist es schwierig, den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen. Das wäre allein schon angesichts der kühlen Temperaturen gar nicht so einfach. Kälte verzögert einerseits das Einsetzen der Leichenstarre, andererseits beschleunigt es das Absinken der Körperkerntemperatur. Aber ich kenne die Verhältnisse nicht, die am Tatort geherrscht haben. Sie scheint die ersten ein, zwei Stunden nach ihrem Tod irgendwo gesessen zu haben.« Er hielt inne, schürzte die Lippen, gab ein schmatzendes Geräusch von sich und sagte dann: »Ich denke, sie ist vor mindestens acht Stunden gestorben.«
Hackenholt rechnete in Gedanken nach, doch Puellen kam ihm zuvor.
»Irgendwann im Lauf des gestrigen Abends, spätestens um Mitternacht.«
»Ich habe Manfred im Büro angerufen und gebeten, die Vermisstenfälle durchzugehen«, schaltete sich Ralph Wünnenberg ins Gespräch ein. »Bislang gibt es keinerlei Hinweise auf ihre Identität, und mit einem Foto der Toten können wir definitiv nicht an die Öffentlichkeit gehen.«
»Warten wir’s ab«, beschwichtigte Hackenholt. »Vielleicht sind ihre Fingerabdrücke in unserer Datenbank gespeichert.« Er hielt kurz inne, bevor er sich an Dr. Puellen wandte. »Was denkst du, wie alt die Tote ungefähr ist?«
»Ich schätze sie auf fünfzehn bis achtzehn Jahre«, erklärte Puellen.
»Darf ich kurz stören?« Ein Streifenbeamter war zu ihnen herübergekommen. »An der Absperrung steht ein Mann, der sagt, dass er die ganze Nacht nach seiner Schwester gesucht hat, weil sie nicht nach Hause gekommen ist.«
»Wurde eine Vermisstenanzeige gestellt?«
Der Schutzpolizist schüttelte den Kopf.
Hackenholt seufzte. Woher sollte er wissen, ob die Behauptung den Tatsachen entsprach oder womöglich frei erfunden war, um Informationen zu erhaschen? Mit Schaudern erinnerte er sich an einen Journalisten, der regelmäßig äußerst unorthodoxe Methoden angewandt hatte.
»Lassen Sie sich eine genaue Beschreibung von der angeblich Gesuchten geben«, ergriff Maurice Puellen das Wort. »Eine wirklich detaillierte. Also auch Farbe und Länge der Fingernägel, Haare, etwaigen Besonderheiten, Tattoos, Piercings, Muttermale, Narben.«
Der Beamte nickte und wandte sich dienstbeflissen ab.
»Ich komme mit«, entschied Ralph Wünnenberg.
»Die Tote hat einen verkürzten kleinen Finger«, raunte Puellen Hackenholt zu, sobald der Polizist außer Hörweite war. »Eine Fehlbildung sozusagen. Damit sollte man sie gut identifizieren können.«
Wenige Minuten später kehrte Wünnenberg zurück. »Er hat zwar eine Personenbeschreibung gegeben, aber nur eine sehr allgemeine – obwohl ich mehrfach nachgehakt habe. Aber ich konnte schlecht explizit nach ihrem kleinen Finger fragen. Dafür konnte er mir ein Foto von ihr zeigen.«
Hackenholt warf einen Blick auf Wünnenbergs Handy, obwohl er die Tote noch gar nicht gesehen hatte. Zu sehen waren ein schüchtern lächelndes Mädchen und ein viele Jahre älterer, bärtiger Mann, der den Arm um sie gelegt hatte. Martin Groß trat neben seine zwei Kollegen und sah sich die Fotografie ebenfalls an.
»Schwer zu sagen.« Nachdenklich rieb er sich über das bartstoppelige Kinn. »Der Hijab verdeckt auf dem Foto ihre Haare. Man sieht zwar ihre Gesichtsform und die Augen, aber die Tote hier ist furchtbar entstellt. Ich weiß nicht, woran wir sie wiedererkennen sollen.«
»Ich denke, sie ist es«, murmelte Wünnenberg. »Sie soll ein bodenlanges Kleid angehabt haben, dazu eine bestickte Jacke und einen weißen Hijab. Außerdem trug sie ein Goldkettchen, auf dem ihr Namen eingraviert ist: Padma. Sie ist neunzehn Jahre alt und stammt aus Pakistan.«
»Wir haben bisher weder Kleidungsstücke noch persönliche Gegenstände oder Schmuck gefunden«, erinnerte Mur die Ermittler. Sie hatte sich wieder zu ihnen gesellt, um die neuesten Entwicklungen zu erfahren. »Allerdings haben wir auch noch nicht jeden Zentimeter abgesucht. Da hier alles ziemlich verwahrlost ist und das Gras irgendwann vergangenen Herbst zuletzt geschnitten wurde, ist das eine monströse Aufgabe.« Sie seufzte theatralisch. »Ich habe einen Spürhund angefordert. Vielleicht erschnüffelt er etwas.«
Hackenholt nickte geistesabwesend. Mit dem Foto des vermissten Mädchens auf Wünnenbergs Handy lief er zu dem Zelt, in dem Dr. Puellen die Leiche einer ersten Leichenschau unterzogen hatte. Er ging neben der Toten in die Hocke und musterte ihr Gesicht. Er suchte nach einem Wiedererkennungsmerkmal, das auch auf dem Bild vorhanden war, aber er fand nichts, an dem er ihre Identität eindeutig festmachen konnte. Sie hatte Grübchen neben den Mundwinkeln. Es wirkte, als würde sie noch im Tod über etwas lächeln. Dies stand im krassen Widerspruch zu den blutigen, leeren Augenhöhlen. Die Nase war schmal und filigran, ihre dunklen Augenbrauen wohlgeformt. Nun war alles von vielen kleinen und großen Wunden überzogen. Hackenholts Blick glitt zu ihren Händen. Schnittwunden deuteten darauf hin, dass sie nicht kampflos aus dieser Welt geschieden war. Hackenholt erhob sich und ging zurück zu seinen Kollegen.
»Hast du den Mann gefragt, unter welchen Umständen seine Schwester verschwunden ist?«
»Sie wollte sich gestern Abend mit einer Freundin treffen und ist seitdem nicht mehr nach Hause gekommen. Die Familie hat daraufhin mit der Freundin gesprochen, danach haben sie eine Suchaktion gestartet. Sie wohnen allerdings in Eibach, Riedenburger Straße«, berichtete Wünnenberg, der ebenfalls zurückgekehrt war.
»Und was macht der Bruder dann hier, am anderen Ende der Stadt?«
»Er hat über die sozialen Medien erfahren, dass eine Frauenleiche gefunden wurde.«
Hackenholt schnitt eine Grimasse. Neuigkeiten reisten heutzutage in Lichtgeschwindigkeit. »Bitte ihn, dich ins Kommissariat zu begleiten und zeige ihm dort Fotos von Frauenhänden. Falls er seine Schwester darüber identifizieren kann, befragst du ihn zu den Geschehnissen. Ansonsten fertigst du eine Vermisstenanzeige. Ich komme schnellstmöglich nach.«
Wünnenberg quittierte die Anweisung mit einem Nicken und entfernte sich.
»Gibt es Zeugen, die hier heute Nacht etwas Ungewöhnliches bemerkt haben?«, wandte sich Hackenholt an Martin Groß.
»Unwahrscheinlich«, entgegnete Christine Mur ungefragt. »Das Schloss liegt ziemlich ab vom Schuss, falls es dir noch nicht aufgefallen ist. Und Hundebesitzer pflegen nun mal auch nicht ihre Lieblinge bei Orkanböen und Sintflut um Mitternacht Gassi zu führen.«
»Zwei Kollegen von der Streife klappern die Häuser in der Wohnsiedlung ab, durch die du gekommen bist. Bisher habe ich noch keine positive Rückmeldung erhalten«, ergänzte Martin Groß. »Das andere sind tatsächlich Hundebesitzer, die mit ihren Tieren hier offenbar sehr häufig spazieren gehen. Die werden wir aber wohl am ehesten mit einer Flugblattaktion erreichen.«
Hackenholt nickte. »Ihr kommt hier allein zurecht?« Es war eine rhetorische Frage.
Bei seinem Dienstwagen angekommen, drehte er sich noch einmal um. Durch die noch unbelaubten Bäume hindurch konnte er den Herrensitz noch gut erkennen, obwohl er mehrere hundert Meter von den nächstgelegenen Häusern entfernt lag. Welch ungewöhnlicher Ort, um eine Leiche abzulegen. Hatte der Täter gehofft, hinter dem Bauzaun würde sie eine Weile unentdeckt bleiben? In jedem Fall musste er eine Beziehung zu dem Ort haben. Sonst hätte er sich nicht ausgekannt und gewusst, dass die Schranke offen stand und damit die Zufahrt bis zur Burg möglich war. Oder hatte er einen Schlüssel? Mit einem Ruck wandte sich Hackenholt ab und erblickte eine uniformierte Beamtin.
»Wir haben einen Anwohner gefunden, der heute Nacht ein Fahrzeug bemerkt hat.« Sie hielt kurz inne, bevor sie fortfuhr: »Er ist allerdings ein bisschen schrullig. Und so richtig eindeutig sind seine Angaben auch nicht.« Sie klang zunehmend verzagter. »Möchtest du trotzdem selbst mit ihm sprechen?«
Der Rentner starrte Hackenholt wütend an. »Ich soll alles noch einmal erzählen?«
Hackenholt nickte und musterte den alten Herrn mit freundlichem Blick. Er hatte schlohweißes Haar, die verschränkten Hände zitterten mit einem leichten Tremor, während sie einen Spazierstock umklammerten. Wahrscheinlich war er um die achtzig Jahre alt.
»Ich musste heute Nacht wie üblich gegen halb zwei Uhr auf die Toilette. Ich hatte am Abend wieder Mandarinen gegessen. Das sollte man in meinem Alter nicht mehr tun. Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen ist, aber ich –«
Bevor sich der Mann in Ausführungen über seine Essens- und daraus resultierenden Toilettengewohnheiten ergehen konnte, fiel Hackenholt ihm rasch ins Wort. »Und zu dem Zeitpunkt haben Sie etwas Ungewöhnliches bemerkt?«
»Nicht auf dem Weg zur Toilette, aber als ich zurück ins Schlafzimmer gekommen bin«, erwiderte er nickend. »Vom Fenster aus hat man einen wunderbaren Blick auf das Schloss.« Er kratzte sich am Kopf. »Inzwischen muss man es wohl Ruine nennen. Also, wenn Sie mich fragen, dann sollte man die Eigentümer endlich in die Pflicht nehmen. Entweder sollen die unser Schmuckstück renovieren oder man muss es ihnen wegnehmen und –«
»Was genau haben Sie gesehen?«, unterbrach Hackenholt den Rentner einmal mehr.
»Ich habe gesehen, wie ein Auto die Allee entlanggefahren ist.«
»Von wo kam es?«, erkundigte sich Hackenholt, der den Schotterweg nicht als Allee bezeichnet hätte – auch wenn rechts und links Bäume standen.
»Vom Schloss natürlich.«
»Das Fahrzeug kam vom Schloss aus hierher?«
Der alte Mann nickte. »Und zwar in einem ganz ordentlichen Tempo.«
»Können Sie es beschreiben«
»Ein großer, dunkler Wagen. Mit den ganzen neumodischen Marken kenne ich mich nicht mehr aus.«
»Und der Fahrer?«
Der Rentner zuckte mit den Schultern. »Den habe ich nicht gesehen. Es hat schließlich kein Licht im Auto gebrannt.«
»Aber er muss doch an der Schranke gehalten haben und ausgestiegen sein, um sie zu öffnen.«
»Nein. Das ist ja das Ärgerliche. Die stand offen. Und er hat sie hinter sich auch nicht geschlossen!«
»Steht die Schranke des Öfteren offen?«
»Natürlich nicht! Sonst würden dort doch Hinz und Kunz durchfahren.« Er schüttelte verständnislos den Kopf. »Die ist immer geschlossen. Als ich gestern Abend ins Bett gegangen bin, war sie noch geschlossen.«
»Sind Sie sicher?«
»Absolut! Sie wissen ja nicht, wie oft ich schon hinausgegangen bin, um sie zuzumachen. Ich habe meinen Sohn extra einen solchen Dreikantschlüssel besorgen lassen. Er arbeitet bei der Feuerwehr«, fügte der alte Mann triumphierend hinzu.
»Lassen Sie uns noch einmal zu dem Auto zurückkehren«, bat Hackenholt. »Wie groß war das Auto?«
»Es war so ein großes Ding, das heutzutage alle Leute fahren. Die ganze Nachbarschaft steht voll mit diesen Kisten.«
»Ein SUV?«
Der Mann nickte. »Ich verstehe wirklich nicht, warum man schon in der Fahrschule solche Autos braucht.«
»Wieso Fahrschule?«, fragte Hackenholt verwundert.
»Auf der Fahrertür war ein Aufkleber.«
»Welche Fahrschule war das? Haben Sie den Namen gesehen?«
»Natürlich nicht! Ich habe doch mitten in der Nacht keine Brille auf. « Er warf Hackenholt einen entgeisterten Blick zu, bevor er ärgerlich fortfuhr: »Und das Kennzeichen habe ich auch nicht erkannt. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich darüber geärgert habe! Den hätte ich nämlich angezeigt! Der hat da überhaupt nichts verloren. Und nachts um die Uhrzeit schon gar nicht!«
Hackenholt dachte bei seiner Ankunft im Polizeipräsidium noch über die Zeugenaussage nach. Dass es ein Fahrschulauto gewesen war, bezweifelte er. Viele Fahrzeuge hatten Firmenaufkleber auf der Fahrertür. Es war eine stockfinstere Nacht gewesen, und der alte Herr schien ohne Brille nicht mehr sonderlich gut zu sehen. Auf Nachfrage hatte er nicht nur eine Sehschwäche eingeräumt, sondern auch eine Graue-Star-Erkrankung.
Hackenholt eilte den Flur seines Kommissariats entlang und blieb vor Manfred Stellfeldts Bürotür stehen. Der Kollege hob den Kopf, als er ihn gewahrte.
»Der junge Mann, den Ralph vom Tatort mitgebracht hat, heißt Mansoor Mirza. Er hat die Hand seiner Schwester auf einem Foto identifiziert. Ich habe rasch eine Lichtbildvorlage zusammengestellt.«
»Dann sind wir einen entscheidenden Schritt weiter«, freute sich Hackenholt.
Manfred Stellfeldt nickte. »Ich habe Oberstaatsanwalt Dr. Holm informiert. Die Tote heißt Padma Khan, ist neunzehn Jahre alt und wurde geboren in Peschawar, Pakistan. Sie hat vor einem halben Jahr geheiratet. Zuvor hieß sie Padma Mirza.«
»Warum hat ihr Bruder sie gesucht und nicht ihr Ehemann?« Hackenholt runzelte die Stirn.
Stellfeldt zuckte mit den Schultern.
»Wo ist Ralph?«
»Drüben«, Stellfeldt zeigte mit dem Kopf in eine unbestimmte Richtung zu seiner Linken. »Er vernimmt den Bruder.«
»Wie heißt der gleich noch mal?« Hackenholt hatte sich den Namen nicht merken können.
»Mansoor Mirza.«
Als er sich schon abwandte, fiel Stellfeldt noch etwas ein.
»Saskia macht Homeoffice. Sie hat gestern Abend Halsschmerzen bekommen, und heute Morgen hatte sie einen positiven Coronatest.«
»Hoffentlich hat sie dich nicht angesteckt«, brummte Hackenholt verhalten.
Als er das Vernehmungszimmer betrat, sah Wünnenberg auf und erhob sich dann rasch, um mit Hackenholt vor die Tür zu gehen.
»Die Tote wurde in Peschawar geboren. 2015 ist ihre Familie nach Deutschland geflüchtet. Ihr Bruder ist zwei Jahre älter, ihre Schwester drei Jahre jünger. Zunächst war die Familie in Mecklenburg-Vorpommern untergebracht. Nachdem ihrem Asylantrag stattgegeben wurde, sind sie nach Nürnberg gezogen, weil sie hier Verwandte haben«, begann er seinen Bericht mit gesenkter Stimme. »Letzten Sommer hat sie Abitur gemacht – sogar mit Auszeichnung – und kurz darauf geheiratet. Ihr Ehemann ist fünfzehn Jahre älter. Die beiden leben in einer Wohnung im Haus ihrer Eltern. Gestern Abend gegen zweiundzwanzig Uhr ging ihr Ehemann Farhan zu Familie Mirza ins Erdgeschoss, um zu fragen, ob Padma bei ihnen wäre. Sie hätte längst von einem Treffen mit ihrer Freundin zurück sein sollen. Telefonisch konnten er sie nicht erreichen, da sie ihr Handy zu Hause vergessen hatte. Da sie nicht bei ihrer Familie war, sind ihr Vater und ihr Bruder zu der Freundin gefahren, die sie besuchen wollte. Dort soll sie sich bis einundzwanzig Uhr aufgehalten haben. Daraufhin haben Vater und Bruder die halbe Nacht lang nach ihr gesucht, während die Mutter jeden angerufen hat, den sie kennt. Heute Morgen erhielt Mansoor von einem Kumpel eine Nachricht, dass er auf Facebook von einem größeren Polizeieinsatz gelesen hat. Deshalb ist er zum Tatort gefahren.«
Hackenholt beobachtete Wünnenberg. Wie immer konnte man an dessen Gesicht ablesen, dass ihm etwas an der Geschichte nicht gefiel.
»Ich werde den Eindruck nicht los, dass mir der Bruder etwas verschweigt«, fuhr Wünnenberg prompt fort. »Warum haben sie nicht die Polizei eingeschaltet? Und was ist mit dem Ehemann? Fragen nach ihm weicht der Bruder richtiggehend aus.«
»Geflüchtete haben manchmal eine andere Einstellung zur Polizei«, beschwichtigte Hackenholt. »Je nachdem, was sie in ihrer Heimat erlebt haben, kann es vorkommen, dass sie kein sonderliches Vertrauen in Staatsorgane haben. Wir werden schon herausfinden, warum sie keine Vermisstenanzeige gestellt haben.« Das Verhalten des Ehemanns machte ihn jedoch ebenfalls stutzig. »Wenn du mit der Vernehmung fertig bist, fahren wir zu ihrer Wohnadresse.« Hackenholt hielt inne. »Frag den jungen Mann bitte, wie gut die Deutschkenntnisse der Eltern und des Ehemanns sind. Es wäre blöd, wenn wir erst vor Ort feststellen, dass wir einen Dolmetscher brauchen.«
Eine Viertelstunde später machten sich Hackenholt und Wünnenberg mit Mansoor Mirza auf den Weg nach Eibach. Die Familie wohnte in einem Reihenendhaus, das einen seitlichen Anbau hatte, der früher wohl mal eine Garage gewesen war. Ums Eck parkte ein Streifenwagen, aus dem bei ihrem Eintreffen freundlich lächelnd ein schmächtiger Beamter stieg. Er war von der PI Süd und sprach fließend Punjabi, die Amtssprache Pakistans. Hackenholt freute sich einmal mehr, dass man auch in Bayern zunehmend darauf achtete, Kollegen mit ausländischen Wurzeln anzuwerben.
Ein wettergegerbt aussehender Mann in einem weißen, bis zu den Knien reichendem Gewand mit Stehkragen öffnete auf Hackenholts Klingeln hin die Tür und starrte sie einen Sekundenbruchteil perplex an. Dann fragte er seinen Sohn auf Punjabi, was das zu bedeuten habe. Der Streifenkollege übersetzte sofort für Hackenholt. Noch bevor Mansoor antworten konnte, stellte sich Hackenholt vor. »Es geht um Ihre Tochter Padma.«
Zögerlich ließ der Mann sie eintreten. Hackenholt bemerkte, dass seine Augen auf den Sohn gerichtet waren, der jedoch zu Boden sah und keinen Mucks von sich gab.
Nachdem sie ins Wohnzimmer geführt worden waren, fragte Hackenholt nach Frau Mirza. Der Mann erhob sich und ging noch einmal aus dem Zimmer. Die Frau, die ihm wenige Augenblicke später hereinfolgte, trug ein langes, wallendes Gewand und einen Gesichtsschleier, der nur ihre Augen freiließ. Herr Mirza sagte etwas zu ihr, und sie setzte sich auf einen Stuhl.
»Ist Ihre Tochter Zaara auch zu Hause?«, erkundigte sich Hackenholt.
»Nein, sie ist in der Schule«, antwortete Herr Mirza.
Hackenholt erklärte den Eltern zunächst, dass am Morgen eine weibliche Leiche aufgefunden worden war, deren Identität bislang noch nicht abschließend geklärt war, bei der es sich jedoch um ihre Tochter handeln könnte. Dann legte er das Foto von der Hand der jungen Toten auf den Tisch. Frau Mirza schluchzte umgehend auf. Hackenholt sprach den Eltern sein Beileid aus. »Um ganz sicher zu gehen, benötigen wir die Kontaktdaten des Zahnarztes Ihrer Tochter.«
Der Vater verstand nicht.
»Der Leichnam lag die ganze Nacht im Freien. Wildtiere haben ihn entdeckt und ... Ihre Tochter sieht nicht mehr so aus, wie Sie sie in Erinnerung haben. Anhand des Zahnstatus’ können wir die Tote identifizieren. Andernfalls benötigen wir eine DNA-Probe.«
Die Mutter begann unkontrolliert zu weinen, nachdem der Kollege Hackenholts Worte übersetzt hatte.
»Wo können wir unsere Tochter abholen?«, fragte Herr Mirza nach einer Weile.
Der Beamte übersetzte.
»Da Ihre Tochter ermordet wurde, muss eine Obduktion durchgeführt werden«, erklärte Hackenholt. »Erst danach kann der Leichnam zur Bestattung freigegeben werden. Wenn Sie möchten, können Sie uns aber natürlich jetzt schon ein Unternehmen nennen, das Sie beauftragen möchten.« Dann wechselte er das Thema. »Wann haben Sie Ihre Tochter zum letzten Mal gesehen?«
»Gestern Abend, kurz vor achtzehn Uhr, als sie zu ihrer Freundin Khara gegangen ist. Sie hat sich wie immer von uns verabschiedet«, erklärte Herr Mirza.
»Khara ist keine gute Tochter!« Die Mutter klang abweisend.
»Warum?«, hakte Hackenholt nach.
»Sie hat uns angelogen!«, übersetzte der Kollege. Unterdessen entspann sich ein kurzes Wortgefecht zwischen den Eheleuten.
Hackenholt warf dem Schutzpolizisten einen Blick zu.
»Aber sie hat uns angelogen!«, wisperte der Kollege. » Nicht jetzt! Das geht die Polizei nichts an!«
»Entschuldigung«, sagte der Vater schließlich. »Meine Frau ist sehr betroffen.«
Hackenholt entschied, nicht darauf einzugehen, da er die Eheleute zu einem späteren Zeitpunkt sowieso getrennt im Kommissariat vernehmen würde. Stattdessen erfragte er den vollständigen Namen und die Kontaktdaten der Freundin. Danach ließ er sich eine genaue Beschreibung der Kleidungsstücke geben, die Padma am Abend getragen hatte und notierte alles feinsäuberlich. »Was können Sie mir über Padmas Ehemann sagen?«
»Farhan ist ein Cousin zweiten Grades. Ein sehr guter Mann. Nur Kinder haben sie leider noch keine.«
»War es Padmas Wunsch, Ihren Großcousin zu heiraten?« Hackenholt wählte seine Worte mit Bedacht.
»Ich verstehe nicht.« Herr Mirza sah den dolmetschenden Beamten stirnrunzelnd an. Der versuchte es erneut. Schließlich sagte der Pakistaner: »Es ist bei uns üblich, dass die Eltern die Männer für ihre Töchter aussuchen.«
»Hat es Streit zwischen Padma und ihrem Mann gegeben?«, fragte Hackenholt weiter.
»Nein!«, entgegnete der Vater barsch.
»War Ihre Tochter berufstätig?«
»Sie hat sich um den Haushalt gekümmert und ging uns zur Hand. Meine Frau und ich betreiben einen Imbiss mit pakistanischem Essen. Montag bis Donnerstag haben wir mittags geöffnet, Samstag und Sonntag den ganzen Tag. Die Mädchen helfen in der Küche, mein Sohn und mein Schwiegersohn fahren das Essen aus.«
»Wer könnte Padma das angetan haben?« Hackenholt entging nicht, dass die Mutter zum Sprechen ansetzte, nachdem der Kollege seine Worte übersetzt hatte, der Vater sie jedoch mit einem Blick zum Schweigen brachte.
»Frau Mirza, fällt Ihnen niemand ein?«, tippte Hackenholt schließlich an, nachdem die Stille drückend geworden war.
Doch die Pakistanerin schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen.
»Für den Moment haben wir sonst keine weiteren Fragen. Ist Ihr Schwiegersohn zu Hause?«
»Er ist oben«, erklärte der Vater.
Entgegen Hackenholts Erwartungen war die Wohnung im ersten Stock nicht vom restlichen Haus abgetrennt. Er fragte sich, wie sich das Zusammenleben der beiden Familien gestaltet haben mochte. Farhan Khan lag in einem Zimmer, das wohl das Wohnzimmer war, auf einer Couch und schlief. Es war unangenehm warm, die Heizung musste auf Hochtouren laufen. Hackenholt klopfte vernehmlich am Türstock. Der Mann schreckte auf.
»Wer sind Sie?«, fragte er auf Punjabi. Seine Augen waren blutunterlaufen. Die Haare klebten ihm am schweißnassen Kopf. Sein rechter Daumennagel war tiefschwarz verfärbt, so als habe er sich mit einem Hammer versehentlich darauf geschlagen.
Der Streifenbeamte stellte sich und seine Kollegen vor. »Wir kommen wegen Ihrer Frau.«
»Wo ist sie?«
»Ist das die Hand Ihrer Frau?« Hackenholt legte das Foto auf den Couchtisch, das er zuvor schon den Eltern gezeigt hatte.
Der Mann starrte es an, dann nickte er.
Nachdem Hackenholt ihm die Situation erklärt und sein Beileid ausgesprochen hatte, erkundigte er sich nach dem gestrigen Abend.
»Sie ist zu einer Freundin gegangen. Zumindest hat sie das gesagt. Aber offensichtlich hat sie gelogen.« Er zog geräuschvoll die Nase hoch.
»Warum soll das nicht gestimmt haben?«, fragte Hackenholt.
»Sie war nicht da, als Mansoor sie holen wollte«, murmelte Farhan Khan nach ein paar Sekunden und wandte sich zum Fenster um.
»Warum sind Sie nicht selbst zu der Freundin Ihrer Frau gegangen und haben nach ihr gesehen?«
»Es ging mir nicht gut«, brummte der Mann.
»Hat Ihre Frau öfter ihr Handy zu Hause vergessen, wenn sie abends weggegangen ist?«
Farhan Khan zuckte mit den Schultern.
»Wo befinden sich die persönlichen Dinge Ihrer Frau? Das Handy? Hatte sie einen Computer?«
»Ist alles in ihrem Zimmer«, murmelte Farhan Khan und ließ sich scheinbar entkräftet zurück auf das Sofa sinken.
Hackenholt verließ den Raum und öffnete die Tür daneben. Es war ein Badezimmer. Der nächste Raum war das Schlafzimmer. Daneben gab es ein Zimmer, das nur halb so groß war wie die anderen. Die weibliche Hand, die es eingerichtet hatte, war jedoch sofort zu spüren. Es gab Zimmerpflanzen, an den Wänden hingen Fotos und auf dem Tisch lagen Süßigkeiten – und ein Handy in einer goldfarbenen Hülle. Unter dem kleinen Zweisitzer-Sofa lugte ein Stromkabel hervor. Hackenholt bückte sich und fand einen Laptop. Wünnenberg war hinter ihm eingetreten. Zu zweit wurde es fast ein bisschen eng. Wünnenberg fuhr erfolglos mit den Fingern die Sofaritzen entlang, während sich Hackenholt dem Schreibtisch zuwandte. In den Schubladen fand er neben Büchern und Schulsachen auch eine Klassenliste. Auch diese packte er zusammen mit dem Laptop und dem Handy in Asservatenbeutel.
»Wir sollten langsam zurück in die Dienststelle fahren. In einer Stunde müssen wir bei Dr. Pullen zur Obduktion im Institut in Erlangen sein«, erinnerte ihn Wünnenberg.
Hackenholt brachte Padmas Handy und den Laptop in die IT-Forensik im Keller des Polizeipräsidiums und bat seinen Lieblingsexperten, die Geräte mit Priorität auszulesen. Der junge Kollege warf ihm einen undefinierbaren Blick zu, dann nickte er resigniert. Hackenholt, der mit deutlich mehr Widerstand gerechnet hatte, fragte verblüfft: »Ist bei euch derzeit weniger los oder habt ihr neue Kollegen, die den Druck etwas abmildern?«
Dem jungen Spezialisten mit der kreisrunden Brille, die ganz vorne auf seiner Nasenspitze thronte, entgleisten für Sekundenbruchteile die Gesichtszüge. »Wie kommst du denn darauf?!« Ohne ihm Gelegenheit zu geben, etwas zu erwidern, wies er auf einen angrenzenden Raum, in dem sich deckenhohe Regale befanden. Alle Fächer waren vollgestopft mit technischen Geräten. Hackenholt riss erstaunt die Augen auf.
»Die durchschnittliche Wartezeit für wirklich Eiliges beträgt derzeit rund drei Wochen«, murmelte der Experte. »Die Tagesdienstler in den Inspektionen warten manchmal zwölf Monate.«
»Und wie komme ich zu der Ehre, nicht so lange warten zu müssen?«, rutschte es Hackenholt heraus.
Dem jungen Mann schien die Frage unangenehm zu sein, denn sein Gesicht lief feuerrot an. Vielleicht hatte er Ambitionen, in die Mordkommission wechseln zu wollen, überlegte Hackenholt. Als sich die Stille in die Länge zu ziehen begann, gestand der Kollege schließlich: »Der Käsekuchen deiner Frau war der beste, den ich je gegessen habe. Ich habe gedacht, irgendwann bedankst du dich vielleicht noch mal wieder mit einem.«
Fast hätte Hackenholt gelacht. »Du hast dir eigentlich viel mehr als einen Käsekuchen verdient! Meine Frau ist derzeit ein bisschen im Stress. Aber einen Käsekuchen sollte sie schon irgendwie einschieben können.«
Auf dem Rückweg in seine Dienststelle zückte er sein Handy und rief Sophie an. Wahrscheinlich steckte sie gerade mal wieder bis über beide Ellenbogen in einem Knetteig, denn, wie in letzter Zeit üblich, ging sie nicht ans Telefon.
»Wirst schon wissen, warum!«, brummte Hackenholt verhalten, da er sie nicht nur um den Käsekuchen hatte bitten wollen, sondern auch den morgendlichen Küchendienst im Kindergarten noch nicht vergessen hatte. So beschränkte er sich auf eine kurze Nachricht.
Als er in Wünnenbergs Büro trat, erblickte er Martin Groß in einer Tasse Kaffee rührend.
»Bislang gibt es nichts Neues. Die Kollegen von der Bereitschaftspolizei haben sämtliche Häuser in der Wohnsiedlung abgeklappert. Niemand außer dem alten Mann hat etwas bemerkt. Christine Mur ist bislang auch nicht weitergekommen. Weder hat sie die Kleidung der Toten entdeckt noch anderweitige Spuren gefunden. Der Spürhund war da, aber er hat keine Fährte aufgenommen.«
»Soll ich den Termin in Erlangen übernehmen?«, fragte Ralph Wünnenberg. »Dann kannst du unterdessen mit der Freundin sprechen, die Padma besucht hat, bevor sie verschwunden ist. Denn bislang tappen wir ziemlich im Dunkeln.«
»So machen wir’s. Das ist eine gute Idee«, bestätigte Hackenholt.
»Ich habe über eine Abfrage herausgefunden, dass die Tote ein Handy besaß. Es wurde jedoch unter ihrer Meldeadresse geortet«, ließ sich Manfred Stellfeldt vernehmen, der durch die offene Verbindungstür alles mitgehört hatte. Hackenholt dankte ihm und berichtete, dass er das Gerät bereits in die IT-Forensik gebracht hatte.
»Es wäre wichtig, für die Zeit von gestern zweiundzwanzig Uhr bis heute Morgen zwei Uhr die Funkzellendaten für den Tatort zu erheben«, fuhr er fort.
»Habe ich schon angefordert«, bestätigte Stellfeldt. »Und auch eine Bankauskunft.«
Anders als von Hackenholt vermutet, war seine Frau nicht in ihrem Laden, um sich die Seele aus dem Leib zu kochen und zu backen. Vielmehr saß Sophie zu Hause im Arbeitszimmer und starrte auf den Bildschirm ihres Computers. Der Kontostand, der ihr in roten Ziffern entgegenleuchtete, ließ ihr das Herz in die Hose sinken. Ihr Geschäftskonto war derart überzogen, dass sogar der großzügig eingeräumte Dispokredit nur noch einen Euro dreiundvierzig hergab. Sophie rieb sich mit der Hand über die Augen. Wie hatte es nur so weit kommen können? Sie rackerte sich von morgens bis abends in ihrem Laden ab. Manchmal von frühmorgens bis spätabends. Immer öfter auch an den Wochenenden. Sie nahm sogar wieder private Aufträge an, wenn eine Köchin gesucht wurde, die in der Wohnung der Kundschaft kochte. Ihre Einnahmen waren für sich betrachtet gar nicht mal so schlecht. Aber die Ausgaben waren Monat um Monat nicht nur gestiegen, sondern richtiggehend in die Höhe geschnellt. Sophie schnitt eine Grimasse. Ihr Sparbuch war leergeräumt. Sie hatte im vergangenen halben Jahr ihre gesamten Ersparnisse in ihren Lebenstraum gesteckt. Und der drohte jetzt zu platzen. Heute mit der Rechnung des Müllers oder spätestens in drei Tagen, am 1. April, mit der Abbuchung des Strom- und Gasabschlags. Ihr Blick glitt zum Kalender. Bis dahin war definitiv nicht genug Geld zusammengekommen, um beides zu bezahlen.
»Verdammter Mist!« Nun kamen ihr doch die Tränen. Wütend wischte sie sie sich aus dem Gesicht. Ihr Handy klingelte. Die Nummer einer Bekannten erschien. Sie holte tief Luft, räusperte sich und nahm das Gespräch an.
»Hallo Sophie! Es tut mir schrecklich leid, aber ich muss meine Reservierung für deine Küche am Samstag leider absagen. Ich habe in den letzten Wochen nicht annähernd so viel verkauft wie sonst. Die Leute sparen an allen Ecken und Enden und kaufen einfach nichts mehr, was nicht absolut nötig ist.«
»Wem sagst du das?!«, seufzte Sophie.
Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Das war ihr letzter Strohhalm gewesen. Das Entgelt für die Vermietung ihrer Küche zusammen mit den Einnahmen aus dem Automaten hätten zwar nicht ganz, aber doch immerhin knapp gereicht.
»Danke fürs Bescheidsagen«, murmelte sie hastig und legte auf, bevor die Bekannte mitbekam, dass sie ihr gerade den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.
Die Seite des Online-Bankings hatte sich in der Zwischenzeit geschlossen. Eine Wohltat. Aber es nutzte nichts. Morgen würden die Zahlen nicht anders aussehen.
Mit einem unendlich schlechten Gewissen loggte sie sich wieder ein. Diesmal in das Familienkonto, das Hackenholt und sie gemeinsam führten, und überwies fünfhundert Euro auf ihr Geschäftskonto. Natürlich würde sie das Geld so schnell wie möglich zurückbuchen. Dennoch hoffte sie, dass ihr Mann nicht gerade heute einen Kontoauszug holte.
Padmas Freundin Khara Taj wohnte mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Mehrfamilienhaus der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. Die Frau, die ihnen öffnete, musste Khara Tajs Mutter sein. Sie erschrak, als sich die beiden Kriminalbeamten auswiesen und nach ihrer Tochter fragten.
»Geht es um Padma?« Tiefe Besorgnis lag in ihrer Stimme.
Hackenholt nickte.
»Gott steh uns bei!«, murmelte Frau Taj. »Ich wusste, dass sie uns ins Unglück stürzen wird.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Hackenholt sofort hellhörig.
»Ihre Familie war in Pakistan früher sehr angesehen«, antwortete die Frau ausweichend. »Gestern war ihr Vater hier und hat gefragt, wo sie steckt.«
»Und?«, hakte Hackenholt nach.
»Hier war sie nicht. Den ganzen Abend nicht.« Sie machte ein abweisendes Gesicht. »Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«
»Wo ist Ihre Tochter?«
»In der Arbeit.«
Hackenholt notierte sich die Adresse des Fastfood-Restaurants, in dem das Mädchen jobbte und verabschiedete sich.
»Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht«, kommentierte er auf dem Rückweg zum Dienstwagen. »Warum haben Padmas Eltern angegeben, dass sie bis einundzwanzig Uhr bei der Freundin gewesen ist, wenn sie dort gar nicht war?«
Khara Taj war eine bildschöne junge Frau mit sehr filigranen Gesichtszügen. Ihre dichten, dunklen Wimpern betonten ihre Augen auf eine ganz natürliche Weise, denn Make-up trug sie nicht.
»Frau Taj, es geht um Ihre Freundin Padma Khan«, begann Hackenholt, nachdem er sie zu einem Tisch im verlassenen Außenbereich gelotst hatte. »War sie gestern bei Ihnen?«
»Ja, natürlich.« Ihr Tonfall machte deutlich, dass dies niemand infrage zu stellen hatte.
»Warum behauptet Ihre Mutter dann, dass sie nicht bei Ihnen war?« Martin Groß bedachte sie mit einem bohrenden Blick.
Einen Wimpernschlag lang presste sie ihre schön geschwungenen Lippen missbilligend aufeinander und verzog angewidert das Gesicht, dann reckte sie ihr Kinn angriffslustig hoch und erwiderte: »Das müssen Sie meine Mutter fragen.«
»Sie befürchtet außerdem, dass Padma Ihre ganze Familie ins Unglück stürzen wird«, provozierte Martin Groß weiter.
»Sie sagt manchmal komische Sachen«, zischte die junge Frau.
Hackenholt legte das Foto der Hand der Toten auf den Tisch. Man erkannte darauf nicht nur den verkürzten kleinen Finger, sondern auch die fahle, mit dünnen Äderchen marmorierte Haut und die beim Todeskampf entstandenen Abwehrverletzungen.
»Wissen Sie, wen dieses Foto zeigt?«, fragte er mit leiser Stimme, die im krassen Gegensatz zu Martin Groß’ aufgebrachtem Tonfall stand.
»Was ... was ist mit Padma?«, fragte Khara Taj stotternd.
»Spaziergänger haben heute Morgen eine Frauenleiche gefunden, von der wir annehmen, dass es sich um Ihre Freundin handelt.«
Der jungen Frau schossen die Tränen in die Augen. »Was ist passiert?«
»Das versuchen wir herauszufinden. Dafür benötigen wir jedoch Ihre Hilfe.«
»Hat ihre Familie sie umgebracht?«
»Wie kommen Sie darauf?«, stellte Hackenholt eine Gegenfrage.
»Ist Nadeem auch tot?«
»Wer ist das?«
Sie starrte Hackenholt wütend an. Wieder presste sie die Lippen aufeinander, bis sie ganz schmal waren.
»So geht das nicht«, sagte Hackenholt bestimmt. »Sie sind Zeugin in einem Mordfall. Wir sind auf Ihre Mithilfe angewiesen. Was auch immer für Geheimnisse Padma hatte, Sie müssen uns vertrauen und uns alles erzählen.«
»Ich brauche was zu trinken!« Khara Taj erhob sich.
»Bleiben Sie bitte sitzen! Mein Kollege wird Ihnen etwas holen. Was möchten Sie?«
»Sie müssen bezahlen. Ich nicht.« Mit den Worten lief sie zurück in das Gebäude. Martin Groß folgte ihr mit etwas Abstand. Er wollte sicherstellen, dass sie nicht einfach verschwand. Doch das hatte sie offenbar nicht im Sinn, denn ein paar Minuten später kehrte sie mit einem Tablett zurück, auf dem drei Kaffeebecher standen.
»Padma ist nach Deutschland gekommen, als sie zwölf Jahre alt war. Sie ist hier in Nürnberg aufs Gymnasium gegangen und hat all das gemacht, was deutsche Kinder tun. Ihre Eltern sind im Kopf jedoch in Pakistan geblieben. Sie waren immer sehr streng. Für sie war von Anfang an klar, dass sie den Großcousin ihres Vaters heiraten wird. Padma wollte das nicht. Sie liebt Nadeem. Deshalb hat sie immer neue Gründe gefunden, um die Hochzeit hinauszuzögern. Aber nach dem Abitur haben ihre Eltern sie gezwungen, Farhan zu heiraten.«
Hackenholt hatte Mühe, einen neutralen Gesichtsausdruck zu behalten.
»Für Padma war das furchtbar. Sie musste natürlich mit ihrem Mann Sex haben – ob sie wollte oder nicht. Alle haben auf ein Baby gewartet. Und dann ist sie wirklich schwanger geworden. Sie hat es heimlich abgetrieben, weil sie dachte, dass Farhan sie irgendwann verstoßen würde, wenn sie nicht schwanger würde. Aber er hat bislang keine Anstalten gemacht, sich von ihr zu trennen. Er hockt wie die Made im Speck«, sagte sie abfällig. »Padma und Nadeem konnten sich immer seltener sehen. Deshalb hat sie ihren Eltern und Farhan gesagt, dass sie sich mit mir trifft, wenn sie heimlich zu ihm gegangen ist.« Khara Taj hielt inne und biss sich auf die Unterlippe. »Sie wollten zusammen untertauchen, für immer verschwinden. Padma hat heimlich all den Goldschmuck verkauft, den sie von ihrer Familie geschenkt bekommen hat. Sie brauchten Geld. Nadeem hat gerade seinen Führerschein gemacht und sich ein Auto gekauft, mit dem sie sich aus dem Staub machen wollten. Ich glaube, Padmas Mutter hat aber etwas gemerkt. Sie hat immer in ihren Sachen herumgeschnüffelt. Einmal hat sie sogar das geheime Handy gefunden, mit dem Padma nur Nadeem geschrieben hat.«
»Sie hatte zwei Handys?«, hakte Hackenholt nach und fragte sich im Stillen, wie das Manfred Stellfeldt bei seiner Recherche entgangen sein konnte.
»Nadeem hat es ihr geschenkt. Sie hat es an die Rückwand ihres Kleiderschranks geklebt, wenn sie es nicht verwendet hat. Einmal ist es jedoch in die Sofaritze gerutscht – sie hat es dort vergessen, und ihre Mutter hat es prompt gefunden. Padma hat mich ganz panisch angerufen. Ich bin daraufhin sofort zu ihr gegangen und habe so getan, als hätte ich mein Handy bei ihr verloren. Die Mutter hat es mir nach einigem Hin und Her gegeben. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie mir die Geschichte wirklich geglaubt hat.« Wieder reckte Khara Taj das Kinn angriffslustig vor. »Wenn Padmas Eltern herausgefunden haben, dass sie mit Nadeem weggehen wollte, dann haben sie sie umgebracht. Oder ihr Bruder. Die Schande hätten sie nicht auf sich sitzen lassen.« Plötzlich brach sie in Tränen aus. »Ich bin Mansoor und seinem Vater gestern auf der Straße begegnet. Ich kam gerade von der Spätschicht heim. Sie haben Padma gesucht. Ich habe gesagt, dass sie bis kurz vor einundzwanzig Uhr mit mir im Restaurant war. Aber sie haben mir nicht geglaubt. Ich habe Padma natürlich sofort auf dem Handy angerufen, um sie zu warnen, aber sie ist nicht rangegangen. Und Nadeem auch nicht.«
»Denkst du, wir haben es mit einem Ehrenmord zu tun?«, fragte Martin Groß, während er den Anweisungen des Navis folgend zur Wohnadresse von Nadeem Din in der Burgsalacher Straße in Röthenbach bei Schweinau fuhr.
»Womöglich soll es nur danach aussehen. Ich habe bislang noch nicht gehört, dass Opfer von Ehrenmorden irgendwo nackt abgelegt wurden. Dass Täter das Gesicht oftmals von nahen Angehörigen verdecken, um nicht sehen zu müssen, was sie getan haben, kommt vor. Aber ein Opfer zu entkleiden, um es im Tod noch bloßzustellen, passt für mich nicht zu einem Ehrenmord. Aber ich bin in dem Punkt kein Experte.«
»Könnte es sich vielleicht um einen erweiterten Suizid handeln?«
»Du denkst, Nadeem hat erst Padma getötet und sich dann ebenfalls das Leben genommen?«
Martin Groß nickte.
»Auch da passt eine unbekleidete Leiche nicht ins Bild. Was ich für möglich halte, ist, dass sie sich irgendwo zu einem Schäferstündchen getroffen haben und dann etwas gewaltig schiefgelaufen ist.« Er schnitt eine Grimasse. »Das Wetter gestern war aber nicht unbedingt so, dass man sich auf einem halbverfallenen, einsamen Gehöft im Nürnberger Osten trifft. Und schon gar nicht, wenn man in Eibach wohnt.« Er griff zum Handy und wählte Manfred Stellfeldts Büronummer. »Kannst du bitte überprüfen, was über einen Mann namens Nadeem Din bekannt ist und ob ein Fahrzeug auf ihn zugelassen ist?«
Anstelle einer Bestätigung hörte Hackenholt das Klappern von Stellfeldts Tastatur.
»Vor einem Monat hat er einen alten VW Polo angemeldet.« Wieder war das Klacken der Tastatur zu hören. »Seinen Führerschein hat er kaum länger.«
Dann blieb es längere Zeit still. Martin Groß fuhr an dem zum Teil eingerüsteten Gebäudekomplex vorbei, in dem Nadeem Din wohnte, und suchte einen Parkplatz. Endlich war Stellfeldt wieder zu hören. »Es gab ein Verfahren gegen ihn wegen illegaler Einreise. Aber das wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt.«
Hackenholt bedankte sich und beendete das Gespräch.
Die Haustür war zwar geschlossen, der Schnapper jedoch nicht eingerastet, sodass sie sich aufdrücken ließ. Laut Klingelschild mussten die Ermittler in den vierten Stock. Einen Aufzug gab es nicht.
»Mit kleinen Kindern möchte man hier aber auch nicht wohnen«, brummte Hackenholt.
»Ein bisschen Sport hat noch niemandem geschadet«, konterte Martin Groß grinsend und erklomm die Treppe im Sturm.
Ein klein wenig außer Atem erreichte Hackenholt knapp hinter ihm die Etage und schaltete die Treppenhausbeleuchtung ein, um die Namen an den Türschildern erkennen zu können. Das funzelige Licht half jedoch kaum. Plötzlich wurde mehrere Meter von ihnen entfernt eine Wohnungstür aufgerissen. Ein junger Mann rannte wie ein geölter Blitz durch den Flur in die entgegengesetzte Richtung. Wenn er das Fenster erreichte, konnte er über das Gerüst entkommen. Ohne zu zögern, nahm Martin Groß die Verfolgung auf. Hackenholt warf einen Blick auf das Namensschild neben der offen stehenden Wohnungstür: Din. Er steckte den Kopf hinein, der Raum vor ihm lag im Halbdunkel. Er rief laut: »Polizei! Jemand da?« und erhielt keine Antwort.
Martin Groß hatte in der Zwischenzeit so weit zu dem Verfolgten aufgeschlossen, dass er den Rucksack packen konnte, den dieser über einer Schulter trug. Es gab ein kurzes Gerangel, aber der junge Mann hatte keine Chance. Mit auf den Rücken gedrehtem Arm führte Groß ihn zu seiner Wohnung zurück, wo Hackenholt sie erwartete.
Nadeem Din war Anfang zwanzig. Die kurzen, dunklen Haare wirkten ebenso gepflegt wie sein überraschend dichter Bart.
»Sind Sie Nadeem Din?«, fragte Hackenholt und zeigte seinen Dienstausweis vor. Für einen Sekundenbruchteil schloss der junge Pakistaner die Augen. Es wirkte, als liefe ein Zittern durch seinen Körper.
»Ich dachte, die Mirzas hätten Sie geschickt«, sagte er in sehr gutem Deutsch.
»Wie kommen Sie darauf? « Hackenholt ging in die Wohnung, die nur aus einem Wohnraum mit Kochnische und einem kleinen Badezimmer bestand, und zog die Vorhänge zurück, um mehr Licht hereinzulassen. Trotzdem entdeckte er nichts, das auf einen Kampf hindeutete, in dessen Verlauf eine junge Frau getötet worden war.
»Khara hat mich gerade angerufen und gewarnt.«
»Wovor hat sie Sie gewarnt?«, hakte Hackenholt nach, als der junge Mann keine Anstalten machte, weiterzusprechen.
»Sie hat gesagt, dass Padma tot ist. Und dass ich sofort untertauchen soll, weil ihre Eltern mit Sicherheit auch hinter mir her sind. Das stimmt doch, oder?« Er sah zwischen Hackenholt und Martin Groß hin und her.
Hackenholt ärgerte sich, weil er Khara Taj nicht explizit darauf hingewiesen hatte, einstweilen Stillschweigen zu bewahren. »Wir gehen davon aus, dass es sich bei einer heute Morgen aufgefundenen Frauenleiche um Padma Khan handelt«, bestätigte er. »Wir wissen derzeit jedoch nicht, wer sie getötet hat.«
»Wer soll es denn sonst gewesen sein?« Nadeem Din sah Hackenholt wütend an. »Ihre Familie und ihr Mann stecken unter einer Decke. Letzten Monat haben sie sie sogar eine Woche lang in ihr Zimmer eingesperrt.«
»Jetzt fahren wir erst mal ins Polizeipräsidium, dort können Sie uns dann alles erzählen.«
Ralph Wünnenberg streckte neugierig den Kopf aus seinem Büro, als die Kollegen zurückkehrten, und musterte den Unbekannten.
»Gibt es schon einen Tatverdächtigen?«, erkundigte er sich im Flüsterton, als Martin Groß Nadeem Din in ein Vernehmungszimmer brachte.
»Das ist der Freund der Toten, mit dem sie angeblich untertauchen wollte. Allerdings hat er versucht zu flüchten, als wir ihn zur Rede stellen wollten«, erklärte Hackenholt. »Martin konnte ihn gerade noch davon abhalten, aus dem Fenster zu klettern und über das Gerüst zu flüchten.«
»Auch nicht schlecht.« Wünnenberg pfiff leise durch die Zähne. Dann wechselte er das Thema. »Anhand des Zahnstatus’ konnte Dr. Puellen die Identität der Toten eindeutig feststellen. Es handelt sich um Padma Khan. Die Todesursache kennst du auch schon: Sie wurde mit einem langen, schmalen Gegenstand erstochen, der sehr scharf sein muss. Puellen tippt auf einen angeschliffenen Schraubenzieher. Er hat sechsundzwanzig Stichwunden gezählt. Sie hat sich gegen den Angriff gewehrt. Es besteht also die Möglichkeit, dass sich DNA-Anhaftungen des Täters an ihren Fingern befinden. Außerdem hatte sie vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr. Es deutet jedoch nichts auf eine Vergewaltigung hin. Den Zeitpunkt des Todes konnte Puellen nicht weiter eingrenzen. Aber die Leiche wurde später definitiv noch bewegt. Padma wurde höchstwahrscheinlich im Sitzen erstochen, zumindest muss sie unmittelbar nach Eintritt des Todes eine Weile gesessen haben, bevor sie hingelegt wurde.«
Hackenholt quittierte die Informationen mit einem Nicken, dann wandte er sich ab und bat eine der Schreibkräfte, die Vernehmung zu protokollieren.
»Wann und wo haben Sie Padma Khan gestern getroffen?«
»Sie kam um achtzehn Uhr fünfzehn zu mir«, erklärte Nadeem Din.
»Und wie lange ist sie geblieben?«
»Wir haben die Zeit vertrödelt«, sagte er mit sichtbarer Verlegenheit. »Es war schon nach einundzwanzig Uhr, als sie gegangen ist. Deshalb bot ich ihr an, sie mit dem Auto zurückzubringen. Natürlich nicht bis vor die Haustür, sondern in eine Seitenstraße. Außerdem war doch so furchtbares Wetter. Sie hat trotzdem vehement abgelehnt. Die Gefahr, zusammen gesehen zu werden, empfand sie als zu groß.«
»Weshalb musste es unter allen Umständen vermieden werden, gemeinsam gesehen zu werden? Es ist schließlich nicht ungewöhnlich, unterwegs Bekannte zu treffen.«
»Pakistanische Frauen dürfen nicht einfach so einen Mann auf der Straße treffen.« Nadeem Din schnaubte. »Padmas Eltern sind sehr streng. Sie haben schon im Kindesalter einen Ehemann für sie ausgesucht. Einen anderen Mann durfte sie nicht mal anschauen.«
»Was haben Sie und Padma in der Zeit zwischen achtzehn und einundzwanzig Uhr gemacht?«
»Wir hatten Sex«, antwortete er verschämt.
»Wussten Sie, dass Padma vor Kurzem abgetrieben hat?«
