Buchenweihe - Gerhard Opfer - E-Book

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Gerhard Opfer

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Beschreibung

Irgendwo mitten im beschaulichen Örtchen Treischenau sitzt ein Mörder. Ein junger Pole wurde im Anschluss an das alljährliche Dorffest der »Buchenweihe« zusammengeschlagen und erstickt. Die Ermittler der Kripo Hergenfels stoßen auf eine Wand aus Schweigen und Lügen. Hauptkommissar Clemens Junker muss seine privaten Probleme hintanstellen, um gemeinsam mit seinen Kollegen die Geschehnisse des 3. Juni aufzuklären. Stecken der »Dorfkaiser« Reinhold Kayser und der von ihm geschmierte Polizist Grauner hinter dem Mord an dem polnischen Studenten? Oder Kaysers Söhne und der Sprössling des Apothekers, die während der »Buchenweihe« mit dem Ermordeten in Streit geraten sein sollen? Die Zeit drängt, denn die Kronzeugin ist spurlos verschwunden ...

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Gerhard Opfer

Buchenweihe

Kriminalroman

Band 2 der Clemens-Junker-Trilogie

fischer krimis

Die Lüge ist auf der Suche nach dir,hüte dich davor, ihr zu begegnen.

Treischenau

Herbst 1799

Jakob Kayser flog geradezu über den kahlen, abgeernteten Acker dahin. Es schien, als würden seine Füße den trockenen, rissigen Boden kaum berühren. Obwohl er so schnell rannte wie nie zuvor in seinem noch jungen Leben – und heute ging es um sein Leben –, stellte er mit Entsetzen fest, dass seine Verfolger langsam aber unaufhaltsam näher kamen. Jakob bemerkte es an dem stetig anschwellenden Lärm in seinem Rücken.

Trotz des pfeifenden Keuchens seines Atems, seines wilden Pulsschlags, der ihm in den Ohren hämmerte und dröhnte, empfing er die Stimmen der Verfolger hinter sich klar und deutlich. Der Hass, dem sie mit jedem ihrer wilden Schreie und Rufe freien Lauf ließen, eilte ihnen voraus, holte den Fliehenden ein und fraß sich tief und endgültig in seine junge Seele.

Jakob hetzte, die letzten Kräfte mobilisierend, der Dorfstraße entgegen. Eine zweite Gruppe Verfolger würde versuchen, ihm dort den Weg abzuschneiden. Würden sie die Straße, den einzigen rettenden Ausweg, der hinunter ins Unterdorf führte, vor ihm erreichen, wäre er verloren. Zu seinem Glück hatten sie in ihrer unbändigen Wut den Verstand hintangestellt und nicht an die Hunde gedacht.

Ein harter Stoß traf Jakob zwischen den Schulterblättern. Sie hatten begonnen, mit Steinen nach ihm zu werfen.

Er stieß einen heiseren Schrei aus, strauchelte und wäre um Haaresbreite gestürzt. Doch kurz vor der nahenden Katastrophe gelang es ihm, das Gleichgewicht zu bewahren und in seinen Laufrhythmus zurückzufinden.

Ein weiteres Mal wurde Jakob von einem Wurfgeschoss getroffen, diesmal an der rechten Wade, aber er verspürte keinen Schmerz. Durch einen Schleier von Schweiß hindurch gewahrte er den Ackerrain und das dahinterliegende schnurgerade Band der Dorfstraße. Seine Lungen brannten wie das höllische Feuer, die Beine drohten ihren Dienst zu versagen. Alleine Jakobs unbändiger Wille, seinen fünfzehnten Geburtstag noch zu erleben, trieben ihn weiter vorwärts.

Nur noch wenige Meter trennten den Jungen von der Straße. Von der Verfolgergruppe, die ihm den Weg abzuschneiden gedachte, war keine Spur zu sehen.

Mit wildem Triumphgeheule, das eher einem erbärmlichen Gekrächze ähnelte, jagte Jakob Kayser die Dorfstraße hinunter, dem rettenden Unterdorf entgegen.

Johannes Hauptner hatte sich in die düsterste Ecke des Schuppens verkrochen, in den ihn sein Vater, der Hauptner-Bauer, eingesperrt hatte. Dort kauerte er und betete voller Inbrunst für das Wohlergehen seines Freundes Jakob Kayser.

Trotz des verhängten strengen Umgangverbots und der angedrohten drakonischen Konsequenzen seines Vaters hatten er und Jakob sich, wann immer sie eine Gelegenheit fanden, auch weiterhin getroffen. Die meiste Zeit im Unterdorf, das erschien ihnen einfacher und ungefährlicher. Aber auch im Oberdorf, nicht weit vom Hauptnerhof entfernt, unterhielten die Freunde ein Versteck.

Für den jungen Kayser bedeutete es ein nicht zu unterschätzendes Risiko, seinen Freund Johannes im Oberdorf zu besuchen. Eine gehörige Tracht Prügel wäre das Mindeste, was er zu erwarten hätte, würde ihn der Hauptner-Bauer oder eine sonstige Person aus dessen Gesinde auf seinem Grund und Boden aufgreifen. Doch gerade dieses Spiel mit dem Feuer übte einen magischen Reiz auf den jungen Kayser aus.

Monatelang waren die Treffen der Freunde im Verborgenen geblieben. Das hatte sie unvorsichtig werden lassen, und am heutigen Tag war das Unglück schließlich über sie hereingebrochen.

Der Hauptner-Bauer persönlich war es gewesen, der die beiden in ihrem Versteck aufgestöbert hatte, und nun jagten er und seine Knechte Jakob Kayser.

»Bitte, lieber Gott«, flehte Johannes Hauptner in der Dunkelheit seines Gefängnisses. »Lass Jakob heil davonkommen. Wenn sie ihn zu fassen kriegen, schlagen sie ihn vielleicht sogar tot. Bitte, lieber Gott, lass es nicht zu!«

Die Tür des Schuppens flog auf. Die dunkle Silhouette des Hauptner-Bauern zeichnete sich im Licht der untergehenden Sonne bedrohlich und unheilvoll ab. Mit schweren Schritten, die nichts Gutes verhießen, näherte sich der Vater seinem Sohn. In seiner Rechten schwang ein schwerer Lederriemen.

»Der nichtsnutzige Bastard ist uns entwischt«, stieß der massige Mann zornbebend hervor. »Aber dich, mein Sohn, werde ich ein für allemal lehren, was es heißt, sich den Befehlen seines Vaters zu widersetzen!«

Mit einer weit ausholenden Armbewegung schwang der Hauptner-Bauer den Riemen und ließ ihn kraftvoll auf den unglücklichen Johannes niedersausen.

1

Sonntagnacht – 4. Juni 2000

Dr. Alois Schlosshuber bemühte sich mit einem Maße an Ausdauer und Verzweiflung, wie sie nur einem Alkoholiker zu eigen ist, der geleerten Weinbrandflasche einen allerletzten Tropfen abzuringen. Der wie vielte Versuch dies war, vermochte er nicht mehr zu sagen. Das Resultat allerdings blieb stets das Gleiche: Die Flasche war leer wie ein Wadi in der sommerlichen Wüste.

Resignierend stellte er die Flasche auf den Tisch zurück und starrte mit vom Trinken geröteten Augen auf seine zitternden Hände. Was, um Himmels willen, hatte das Leben aus ihm gemacht? Das konnte mit achtundfünfzig Jahren doch noch nicht das Ende sein.

Dr. Schlosshuber stemmte sich aus seinem Sessel und kam, bedenklich torkelnd, auf die Beine. Dabei stieß er mit den Knien unsanft gegen die Tischplatte. Die Weinbrandflasche begann, langsam erst, dann mit immer heftiger werdenden Schlingerbewegungen, aus dem Gleichgewicht zu geraten. Schließlich beugte sie sich dem Gesetz der Schwerkraft, kippte um und rollte der Tischkante entgegen. Von dort fiel sie herunter auf den Teppich, wo sie mit einem hohlen Klong ohne zu zerbrechen liegen blieb.

Das alles aber blieb dem Doktor verborgen, denn der hatte sich bereits in die Küche und auf die Suche nach etwas Trinkbarem begeben. Vielleicht hatte er doch irgendwo ein klitzekleines Fläschchen übersehen.

Enttäuscht über seinen Misserfolg schlurfte Dr. Schlosshuber ins Schlafzimmer und ließ sich kraftlos auf sein Bett fallen. Wohin der Dorfkayser die Kleine wohl bringen lässt?, war sein letzter Gedanke, bevor der Schlaf ihn übermannte.

Polizeihauptmeister Herbert Grauner schloss die Tür seines Hauses auf und entledigte sich in der Diele seiner triefend nassen Lederjacke. Ein greller Blitz tauchte die Finsternis für den Bruchteil von Sekunden in gleißendes Licht. Beinahe augenblicklich folgte ein ohrenbetäubender Donnerschlag, der mit einem dumpf bebenden Grollen schier endlos lange auszuklingen schien.

Grauner tastete fluchend nach dem Lichtschalter. Er war außerordentlich unzufrieden und wie immer, wenn er unzufrieden war, auch übel gelaunt. Die Operation, von ihm geplant und unter seiner Führung durchgeführt, war gründlich gescheitert. Trotz der Kürze der Zeit, die ihm zur Verfügung stand, hatte er an alles gedacht. Alle Eventualitäten hatte er in Erwägung gezogen. Nur das dämliche Gewitter und den anhaltenden wolkenbruchartigen Regen, den es mit sich führte, hatte Herbert Grauner nicht auf seiner Rechnung gehabt. Der Scheißregen hat alle Bemühungen zunichtegemacht, dachte er voller Ingrimm und betrat das Wohnzimmer.

»Kayser wird begeistert sein«, knurrte er.

Grauner steuerte die Küche an und nahm sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Gierig setzte er sie an die Lippen und leerte sie mit drei kräftigen Zügen. Dann griff er zum Telefon.

Der silbergraue Mercedes steuerte, eine riesige Wasserfontäne vor sich her treibend, den Straßenrand an und kam dort zum Stehen.

Drei junge Männer saßen im Wagen, stumm und reglos, geradeso als lauschten sie andächtig und in sich versunken dem monotonen Stakkato des Regens. Mitten in die gespenstische Stille hinein ließ Markus Kayser eine Faust krachend auf die Verkleidung des Handschuhfachs niedersausen.

»Verdammt …! Verdammte Scheiße! Warum musste unser Plan in letzter Minute schiefgehen? Lief doch alles wie geschmiert. Hätte dieser verfluchte Pissregen nicht noch ein paar Stunden warten können?« Wieder erhob er wütend die geballte Faust.

»Reiß dich gefälligst zusammen«, stoppte ihn sein älterer Bruder Ralf, der neben Markus auf dem Fahrersitz des Wagens saß.

»War ganz einfach Pech, dass es so gekommen ist«, meinte er lapidar. »Konnte doch keiner damit rechnen.«

»Pech!« Markus Kaysers Wut steigerte sich. »Ist das alles was dir dazu einfällt? Pech! Ich nenn das Ganze eine Katastrophe. Die haben uns am Arsch, bevor wir Bapp sagen können.«

»Nun werd’ mal wieder locker, Brüderchen. Vielleicht kommen wir besser aus der Scheiße raus, als es momentan aussieht. Möglicherweise erweist sich der Regen sogar noch als Vorteil für uns. Wegen der Spuren – und so. Hab ich recht, Andy?«

Ralf Kayser drehte sich fragend nach dem dritten Mann im Wagen um. Aber der angesprochene Andreas Schlosshuber antwortete nicht. Er war mit seinen Gedanken meilenweit entfernt.

»Ob ich recht habe, hab ich dich gefragt«, herrschte ihn Ralf Kayser an.

Ein krachender Donnerschlag brachte Andreas Schlosshuber wieder in die Gegenwart zurück.

»Eh … ja, Ralf«, stotterte er. »Sicher … ganz sicher hast du recht.«

»Na also.« Ralf Kayser grinste seinen Bruder an. »Andy ist der gleichen Meinung wie ich. Wir müssen nur cool bleiben und dürfen nicht die Nerven verlieren. Vor allem du nicht, kleiner Bruder. Schließlich haben wir dir den ganzen Bockmist zu verdanken.«

»Mir?« Markus Kayser fuhr herum und packte seinen Bruder am T-Shirt. »Wieso ausgerechnet mir? Warum nicht Grauner oder Andy? Oder dir?«

»Weil ich, im Gegensatz zu dir, keine Sekunde an dem Typen dran war, verstehst du«, entgegnete Ralf kalt und befreite sich aus dem Griff seines Bruders. »Ich bin nicht mal reingegangen, daran solltest du dich erinnern.«

»Aber Andy und Grauner, die waren doch …«

»Hört auf! Es bringt überhaupt nichts, wenn wir uns jetzt schon in die Haare kriegen.« Andreas Schlosshuber bemühte sich, den Streit zwischen den Brüdern zu schlichten.

»Steig aus, Andy«, befahl Ralf Kayser ruhig, aber bestimmt. »Wird Zeit, dass wir in die Falle kommen. – Und denk dran, was der Bulle gesagt hat: Lass deine Klamotten verschwinden.«

Andreas Schlosshuber nickte stumm. Dann verließ er den Wagen und wurde augenblicklich von der Dunkelheit aufgesogen.

Etwa fünfzig Kilometer südwestlich, vor den Toren einer Großstadt, stand Doktor Richard Frommer, Besitzer und Chefarzt des Privatsanatoriums In den Waldauen, am Fußende eines Bettes und betrachtete interessiert das darin schlafende Mädchen.

»Sie wird jetzt erst einmal mindestens zwölf Stunden durchschlafen«, erklärte die Krankenschwester an Frommers Seite. »Danach werden wir sehen, ob und gegebenenfalls an was sich die Patientin erinnern kann.«

Dr. Frommer nickte bedächtig. »Ja, Schwester Annemarie, das werden wir dann wohl sehen.«

Er machte eine nachdenkliche Pause.

»Wie dem auch sei, auf alle Fälle bleibt das Mädchen isoliert, unter allen Umständen. Keine Kontakte – zu niemandem. Die Patientin befindet sich offiziell nicht in unserem Haus. Und Sie, Annemarie, sind mir für einen störungsfreien Ablauf verantwortlich. Haben wir uns verstanden!«

»Sie können sich wie immer voll und ganz auf mich verlassen, Chef.« Schwester Annemarie lächelte hingebungsvoll. »Machen Sie sich keine Sorgen.«

Aber Dr. Frommer machte sich Sorgen. Nicht über die Verschwiegenheit seiner Krankenschwester, das wäre unnötig. Auf die Loyalität Schwester Annemaries konnte er sich zweihundertprozentig verlassen. Es war etwas anderes, was ihm Sorgen bereitete. Etwas, was er nicht recht zu beschreiben vermochte.

Dr. Richard Frommer betrat sein Büro und rief seinen alten Freund Reinhold Kayser an.

2

Dienstag – 6. Juni

»Na, Clemens, wie geht es denn deiner Traumfrau? Genießt unsere Kollegin ihren Urlaub? Ich meine, so ganz alleine und ohne dich.«

Kriminalhauptmeister Praechter hatte das Büro seines Chefs Clemens Junker betreten und feixte den Hauptkommissar und Freund unverhohlen an.

»Du scheinst mir heute unverschämt guter Dinge zu sein.« Junker maß Praechter mit einem prüfenden Blick.

»Warum sollte ich nicht. Das Wetter hat sich gebessert, der Stress hält sich in Grenzen, und mein Urlaub rückt mit jedem Tag näher. Es gibt, wie du siehst, keinen Grund für mich, das neue Jahrtausend nicht zu mögen.«

»Schön für dich«, brummte Junker.

»Ist irgendwas nicht in Ordnung, mein Junge?« Praechter beugte sich fragend über den Schreibtisch. Seine empfindlichen Sensoren signalisierten dem altgedienten Haudegen, dass es mit seinem Freund nicht zum Besten stand.

»Was soll schon sein«, entgegnete Junker eine Spur zu gelangweilt.

»Das frage ich dich!«

Bevor Junker sich gezwungen sah, Praechters Frage zu beantworten, läutete sein Telefon. Dankbar über die willkommene Störung nahm er den Hörer ab.

»Wir sind schon auf dem Weg«, sagte er schließlich nach einem kurzen Nicken und legte auf. »Die Maus bittet zur Audienz – uns beide –, und zwar sofort!«

Kriminaloberrat Dr. Mauser erwartete den Leiter des Dezernats für Gewaltdelikte der Kripo Hergenfels und dessen Mitarbeiter mit unverhohlener Ungeduld.

Dr. Mausers Erscheinung, seine spitz zulaufende Gesichtsform und die eindeutig zu groß geratenen Ohren, wurde seinem Spitznamen »Die Maus« in jeder Hinsicht gerecht. Darüber hinaus verstärkte seine Vorliebe für graue Anzüge diese Ähnlichkeit auf frappierende Weise. Der Kriminaloberrat ließ seine Besucher Platz nehmen. Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen eine Akte und die gestrige Ausgabe des Hergenfelser Boten.

Dr. Mauser entfaltete die Zeitung, schob sie zu den beiden Männern hinüber und tippte mit dem Zeigefinger seiner Rechten auf die Schlagzeile folgenden Wortlauts:

JUNGER MANN STIRBT BEI TRAGISCHEM VERKEHRSUNFALL.

»Haben die Herren den Artikel gelesen?«

Junker hob den Blick und nickte. »Schlimme Geschichte, Herr Doktor.«

Ein junger Mann hatte in der Nacht vom dritten auf den vierten Juni auf der abschüssigen Landstraße, von Hergenfels kommend, wenige hundert Meter vor der Ortseinfahrt Treischenau, wohl wegen überhöhter Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren, war von der Fahrbahn abgekommen und mit dem Wagen die steile Böschung hinabgestürzt. Der noch nicht identifizierte Fahrer, der keinerlei Papiere oder sonstige Wertgegenstände bei sich trug, war auf der Stelle tot.

Tragisch an diesem Unfall war, dass er sich just an jener Stelle ereignet hatte, an der seit geraumer Zeit die Leitplanken ausgewechselt wurden. Das Unfallopfer hatte wohl die Warnschilder und -lichter ignoriert. Es werde geprüft, ob der Mann unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand. So, oder ähnlich, hatte Junker den Wortlaut des Artikels noch in Erinnerung.

»Was ist so besonders an diesem Unfall?«, fragte er und war sicher, die Antwort bereits zu kennen.

Dr. Mauser lehnte sich zurück, wie er es gerne tat, bevor er eine Erklärung abzugeben gedachte.

»Das Besondere an dem Unfall, Herr Hauptkommissar, ist, dass es kein Unfall war!«

»Sondern?«

»Mord! – Der unbekannte Fahrer wurde getötet, ohne jeden Zweifel. Und somit haben wir ein Delikt, das in Ihren Zuständigkeitsbereich fällt, meine Herren.«

»Na bravo«, grinste Praechter. »Unser erster Mordfall im Millenniumjahr. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.«

»Geht auf Ihre alten Tage der Komiker mit Ihnen durch«, entgegnete Dr. Mauser wenig amüsiert und schlug den vor ihm liegenden Aktendeckel auf. »Mir liegt hier der Obduktionsbericht unserer Pathologin vor, sowie ein vorläufiger Bericht der Spurensicherung. Ich habe, wenn Sie gestatten, Herrn Moculescu von der Kriminaltechnik zu unserem Gespräch hinzugebeten. Ich denke, sein Bericht wird die bereits vorliegenden Erkenntnisse um einiges vervollständigen.«

Dr. Mauser warf einen Blick auf seine Uhr. »Nun, der Kollege wird wohl jede Sekunde zu uns stoßen.«

»Was hat uns denn unsere hochgeschätzte Frau Dr. Thomas in puncto Todesursache und Todeszeitpunkt mitzuteilen?«, zeigte Junker fragend auf die Akte.

Dr. Mauser legte eine Handvoll Fotos beiseite. »Tja, zunächst deutete alles darauf hin, dass der Fahrer des vermeintlichen Unfallwagens an den Folgen eines Genickbruchs gestorben ist. Wie sich bei der Obduktion jedoch herausstellte, ist ihm dieser aber erst nach seinem Tod zugefügt worden. Die wirkliche Todesursache lautet: Tod durch Ersticken. Unsere Rechtsmedizinerin hat in der Luftröhre des jungen Mannes Stoffpartikel gefunden. Frau Dr. Thomas geht davon aus, dass der oder die Täter ihr Opfer mit Hilfe eines Knebels erstickt haben, vielleicht, um es am Schreien zu hindern.«

Dr. Mauser blätterte umständlich in der Akte.

»Dieser Verdacht wird durch weitere Indizien erhärtet. Gesicht und Oberkörper des Mannes weisen zahlreiche Hämatome auf, die zweifelsfrei nicht von einem Unfall herrühren, sondern von Schlägen – mit großer Wahrscheinlichkeit von Faustschlägen – herbeigeführt wurden. Darüber hinaus hat Dr. Thomas Hautabschürfungen an Hand- und Fußgelenken sowie Quetschungen an den Oberarmen festgestellt. Die Blutuntersuchung ergab übrigens keinen Hinweis auf Alkohol- oder Drogengenuss. Den Todeszeitpunkt schränkt unsere Pathologin auf die Zeit zwischen 22.30 Uhr abends und ein Uhr in der Frühe ein.«

»Der Mann wurde also kurz vor seinem Tod gefesselt, geknebelt und misshandelt«, fasste Praechter zusammen.

»Das ist wohl nicht von der Hand zu weisen.«

»Kennen wir die Identität des Opfers?«

Junker griff nach den Fotos. Er blickte in das weiche, beinahe jungenhafte Gesicht eines Mannes zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren, der eigentlich sein ganzes Leben noch vor sich hätte haben sollen.

»Negativ«, hörte er den Kriminaloberrat antworten. »Bei dem Toten wurden keinerlei Papiere oder sonstige Gegenstände gefunden, die uns einen Hinweis auf seine Identität hätten geben können.«

»Offenbar eine Abrechnung unter Kriminellen«, mutmaßte Praechter.

»Nicht auszuschließen.« Dr. Mauser wiegte den Kopf. »Allerdings hat die Spurensicherung nichts dahingehend Verdächtiges gefunden. Der Wagen war sauber. Kein Diebesgut, keine Drogen, nichts dergleichen. Der Kofferraum war leer, Abgleichungen aller gefundenen Fingerabdrücke erwiesen sich bisher ebenfalls als negativ. Sonstige eventuell vorhanden gewesenen Spuren hat der sintflutartige Regen, der in der fraglichen Nacht niederging, buchstäblich hinweggespült. – Bis auf einen Sohlenabdruck!«

Dr. Mauser blätterte eine Seite in der Akte zurück.

»Ah, hier haben wir es. Unsere Leute haben den brauchbaren Sohlenabdruck eines Schuhs unter einem Baum in unmittelbarer Nähe des Wagens gefunden. Ihren Angaben zufolge handelt es sich um einen Abdruck der Schuhgröße 43, und er gehört zu einem jener modernen Sportschuhe, wie sie gerne von jungen Leuten getragen werden. Die Kollegen sind dabei, die entsprechende Schuhmarke zu ermitteln.«

Die Tür öffnete sich geräuschlos, und ein kleiner, untersetzter, etwa vierzigjähriger Mann betrat das Büro.

Otto Moculescu, Sohn rumänischer Einwanderer und bereits seit mehr als zehn Jahren im Dienste der Hergenfelser Polizei, eilte ein exzellenter Ruf als Kriminaltechniker voraus. Keine noch so kleine Winzigkeit entging den wachsamen braunen Augen des kleinen Mannes. Waren andere Kollegen bereit, entnervt aufzugeben, schlug Moculescus große Stunde. Geduld, Disziplin und Durchhaltevermögen zeichneten ihn aus, denn das Wort »aufgeben« existierte in seinem Wortschatz nicht, selbst wenn er Tage und Nächte durcharbeiten musste. Diese Eigenschaften hatten den Mann bereits in jungen Jahren zur Legende werden lassen – wenn auch nur zu einer Kleinstadtlegende.

Otto Moculescu nahm neben Praechter Platz, legte eine Akte, die er mit sich führte, behutsam auf den Knien ab und blickte mit aufmerksam blitzenden Augen in die Runde. Mit einem zufriedenen Nicken begann er seinen Bericht. Dazu brauchte er die mitgebrachte Akte nicht einmal aufzuschlagen. Was Moculescu zu sagen hatte, war bis ins kleinste Detail in seinem Kopf gespeichert. Darüber hinaus war er ein leidenschaftlicher Verfechter des praktischen Anschauungsunterrichts.

»Fangen wir mit dem Wagen an.« Moculescu schlug die Beine übereinander, was bei dem kleinen, zur Korpulenz neigenden Mann einer gewissen Komik nicht entbehrte. »Wir haben einen blauen Skoda jüngeren Baujahres. Zugelassen wurde das Fahrzeug im Ausland, vermutlich in einem ehemaligen Ostblockstaat. Zwar hat man versucht, die Kennzeichen gewaltsam zu entfernen, konnte aber nicht verhindern, dass Reste davon am Wagen zurückgeblieben sind. Es handelt sich dabei um die Reste schwarzer Nummernschilder.«

»Polen«, mutmaßte Junker.

»Sehr gut möglich. Die Karosserie des Skoda weist kaum ernsthafte Blechschäden auf. Das deutet darauf hin, dass das Auto von der Straße geschoben wurde, die steile Böschung hinuntergerollt und dann umgestürzt ist.

Aber jetzt wird es interessant. Unsere Täter, ich gehe davon aus, dass wir es mit mehreren Personen zu tun haben, versuchten, das Fahrzeug in Brand zu stecken. Die Kiste sollte wohl mit dem Opfer zusammen in die Luft fliegen. Das Feuer wurde ohne jeden Zweifel von außen gelegt. Wir fanden Spuren eines Brandbeschleunigers. Dann aber hat der heftige Gewitterregen den Tätern einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht.«

Otto Moculescu veränderte seine Sitzhaltung.

»Alles Weitere möchte ich den Herren gerne an Ort und Stelle des Geschehens erklären.«

»Eine Sekunde, bitte«, unterband Clemens Junker die allgemeine Aufbruchstimmung. »Ich hätte da schon noch eine Frage: Wer hat den Wagen eigentlich entdeckt?«

»Laut dem vorliegenden Protokoll war das ein älteres Ehepaar, und zwar am frühen Sonntagvormittag«, erklärte Dr. Mauser. »Die Besatzung eines Streifenwagens des Zweiten Reviers war als erste vor Ort. Die Namen der Beamten … Moment, ich hab’s gleich … Kommissar Armin Kutschera und Obermeister Peter Landfromm.«

»Dann sollten wir den beiden Kollegen mal einen Besuch abstatten.«

Dr. Mauser stimmte dem zu. »Und ich werde ein Foto des Toten mit den entsprechenden Informationen an die Medien weiterleiten lassen.«

Die Männer erhoben sich.

»Junker!«

Kriminaloberrat Dr. Mauser bedeutete seinem Hauptkommissar mit einer knappen Handbewegung noch zu bleiben.

»Ich erwarte Sie dann auf dem Parkplatz«, verabschiedete sich Moculescu und verließ in Praechters Begleitung das Büro. »Da wird in den nächsten Tagen jede Menge Arbeit auf Sie und Ihren Kollegen zukommen.«

Dr. Mauser spielte mit seinem goldenen Füllfederhalter. »Hauptmeister Kaminski ist noch für den Rest der Woche auf diesem Lehrgang gebunden, und was Frau Wernecke betrifft …«

»Deren Urlaub endet erst am kommenden Freitag, ich weiß«, unterbrach Junker seinen Chef.

»Eben nicht, Herr Kollege.« Dr. Mauser schüttelte bedauernd den Kopf. »Frau Wernecke hat ihren Urlaub auf unbestimmte Zeit verlängert.«

»Sie hat was getan?«, fragte Junker wie vom Donner gerührt.

»Ja wussten Sie denn nichts davon? Sie, als Ihr unmittelbarer Vorgesetzter? Sie hörte sich ziemlich dramatisch an, und ich ging davon aus …« Dr. Mauser begann die Sache unangenehm zu werden. »Nun, wie dem auch sei, es ist nicht mehr zu ändern … und eventuelle Differenzen … na, Sie wissen schon. Sollten Sie Unterstützung benötigen, lassen Sie es mich wissen.«

Clemens Junker spürte, wie Wut und Empörung in ihm emporstiegen. Am Sonntagabend hatte er letztmals mit Andrea telefoniert. Zugegeben, sie war in keiner besonders guten Verfassung gewesen und ihre Unterhaltung war ziemlich zäh verlaufen, aber eine Urlaubsverlängerung hatte sie mit keiner Silbe auch nur angedeutet. Junker fühlte sich zutiefst verletzt – in seiner Eigenschaft als Vorgesetzter, mehr aber noch als Andrea Werneckes privater Freund und Partner. Wortlos erhob er sich und verließ Dr. Mausers Büro.

»Wo hast du so lange gesteckt?« Praechter konnte einen leichten Anflug von Verärgerung nicht verbergen. »Ich musste Moculescu bereits zweimal vertrösten.« Praechter unterzog den Freund einer argwöhnischen Musterung.

Junker stand, kreidebleich im Gesicht, neben der Bürotür an die Wand gelehnt.

»He, was ist los mit dir? Du bist weiß wie ein Bettlaken.« Praechters Argwohn wich ernsthafter Besorgnis. »Hat dich die Maus zur Streife versetzt?«

»Andrea hat ihren Urlaub auf unbestimmte Zeit verlängert«, murmelte Junker. »Wusstest du davon?«

»Woher sollte ich?« Praechter zeigte sich ehrlich überrascht. »Du bist doch der Chef.«

»Sollte man meinen. Aber auch ich habe es eben erst von Dr. Mauser erfahren.«

Junker stieß sich von der Wand ab und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.

»Sonntagabend habe ich noch mit ihr telefoniert und sie hat kein Sterbenswörtchen von einer Urlaubsverlängerung erwähnt.«

»Vielleicht hat sie es einfach nur vergessen.« Praechter war augenblicklich klar, dass seine Erklärung alles andere als überzeugend klang.

»Vergessen, sagst du? Sie hat aber nicht vergessen, die Maus zu unterrichten!«

»Der Dienstweg, mein Freund. Du hättest es sowieso nicht entscheiden können.«

Junker lachte bitter auf. »Nein, hätte ich wohl nicht. Danke für deine tröstenden Worte. Es kommt nämlich noch besser. Ich habe Andrea unmittelbar nach der Unterredung mit Dr. Mauser auf ihrem Handy angerufen. Als sie meine Stimme hörte, hat sie das Gespräch auf der Stelle unterbrochen. Danach landete ich nur noch auf ihrer Mailbox. Andrea hat das verfluchte Telefon abgeschaltet.«

Junker erhob sich und begann unruhig im Büro auf und ab zu wandern. »Daraufhin habe ich es über die Nummer ihrer Kusine in Lugano versucht. Und soll ich dir verraten, was die mir gesagt hat? – Andrea sei schon am Montag abgereist. – Nach Hause! Aber zu Hause ist sie nicht.«

Praechter stieß einen leisen Pfiff aus. »Das nenne ich allerdings eine handfeste Überraschung.«

»Was für ein Spiel spielt Andrea mit mir? Ist das ihre Art, mir den Laufpass zu geben? Kommt als nächstes ihr Versetzungsgesuch?«

»Jetzt halt mal den Ball flach«, wiegelte Praechter ab. Er war neben seinen Freund getreten und legte ihm beschwichtigend den Arm auf die Schulter. »Ich weiß, das ist jetzt leicht dahergesagt, aber vielleicht gibt es für alles eine plausible Erklärung. – Und nun, Herr Hauptkommissar, warten Moculescu und eine Menge Arbeit auf uns.«

Andrea Wernecke lag ausgestreckt auf dem Bett und starrte die Decke ihres Hotelzimmers an. Das Frühstückstablett stand unberührt auf dem kleinen Tisch. Sie wusste nicht mehr zu sagen, wie lange sie sich schon in diesem Zustand der körperlichen und geistigen Leere befand. Nur manchmal brachte sie die Kraft auf, eine Hand zu heben, um sich die Tränen von den Wangen zu wischen.

Am späten Montagmorgen hatte sie sich von ihrer Kusine in Lugano verabschiedet, um, wie sie ihr glaubhaft gemacht hatte, nach Hause zu fahren. Wenig später dann hatte sie von unterwegs Dr. Mauser in dessen Büro angerufen. Andrea hatte ihn nicht um eine Urlaubsverlängerung gebeten, sie hatte den Kriminaloberrat vor vollendete Tatsachen gestellt, denn sie ließ ihm nicht die Spur einer Chance, eventuelle Einwände geltend zu machen. Dazu war das Gespräch zu kurz gewesen.

Clemens gegenüber hatte sie ihre Pläne überhaupt nicht erwähnt. Andrea wollte, nein, sie konnte nicht mit ihm darüber sprechen. Nicht nach der unangenehmen Diskussion, die sie beide vor noch nicht allzu langer Zeit geführt hatten und die ihr Herz noch immer mit tiefem Schmerz und unendlicher Traurigkeit erfüllte.

Andrea Wernecke war am Montagabend in Amsterdam angekommen, um sich in jenem kleinen Hotel einzumieten, dessen Zimmer sie seit ihrer Ankunft nicht mehr verlassen hatte.

Vor ein paar Minuten hatte das Handy, das neben ihr auf dem Kopfkissen lag, geklingelt. Clemens war am anderen Ende der Leitung gewesen, aber sie hatte das Gespräch augenblicklich unterbrochen und das Handy abgeschaltet.

Ein neuerlicher Schwall Tränen strömte über ihre Wangen. Andrea Wernecke drehte sich auf die Seite und starrte aus dem Fenster, hinaus in den regenverhangenen Himmel über der Stadt.

Hat man auf dem Weg nach Süden das Städtchen Hergenfels und dessen mächtige Burgruine hinter sich gelassen, bewegt man sich auf dem Asphaltband der Landstraße kurvenreich in bergige Höhen, bis man, am höchsten Punkte angelangt, einen herrlichen Ausblick genießen kann.

Rechter Hand der Landstraße erstreckt sich das sattgrüne Treischbachtal, das seinen Namen dem Flüsschen Treische verdankt, welches das Tal mit seinem klaren, blau schimmernden Wasser in zwei Hälften teilt.

Auf der linken Seite grüßen den Betrachter im stetigen Wechsel ausgedehnte saftige Wiesen und landwirtschaftliche Anbauflächen sowie eine sanft hügelige, waldreiche Landschaft, die sich bis an den Horizont erstreckt und zum Spazierengehen und Wandern einlädt.

Den Mittelpunkt dieser Szenerie aber bildet das idyllisch gelegene Dorf Treischenau, dessen mittelalterlicher, alles überragender Kirchturm ebenso wenig zu übersehen ist wie der moderne und imposante Hotel-Gasthof Zum Kayser gleich hinter der Dorfeinfahrt.

Von jenem höchsten Punkt windet sich die Landstraße dann nach einer letzten scharfen Kurve hinunter ins Tal, Treischenau entgegen.

Auf diesem Straßenstück, unweit besagter Kurve, parkten am späten Vormittag des 6. Juni zwei Personenwagen. Sie standen unmittelbar hinter den Baufahrzeugen eines Straßenarbeitertrupps, der damit beschäftigt war, marode gewordene Leitplanken gegen neue auszutauschen.

In einer Lücke, die durch ein fehlendes Stück Leitplanke offen gelassen worden war, standen drei Männer und blickten hinab ins Treischbachtal.

»Sie glauben also, dass der Wagen hinuntergestoßen wurde«, wandte sich Clemens Junker an den Kriminaltechniker Otto Moculescu.

»Ich weiß es!«

»Wer hat das festgestellt?«

»Wir alle, ich meine, unser Team. Es ist wegen der Reifenspuren.«

»Keine Bremsspuren?«

»Nein.«

»Bitte, erklären Sie es uns.«

»Reifen hinterlassen bei unterschiedlichem Tempo unterschiedliche Spuren. Ein schnell fahrendes Auto wirbelt eine Menge Dreck auf und hinterlässt kurze, platte Abdrücke. Ein Fahrzeug, das geschoben wird, wirbelt weniger Dreck auf und hinterlässt längere, deutlichere Abdrücke.«

Praechter unternahm den Versuch eines Einwands, aber Moculescu winkte ab. »Ich weiß, der Regen. Kein Dreck, keine Abdrücke. Aber bei einem schnell fahrenden Auto gibt es, wenn der Fahrer keine Selbstmordabsichten hegt, Bremsspuren, weil er verzweifelt versucht, das Fahrzeug zum Stehen zu bringen. Ein Wagen, der geschoben wird, hinterlässt jedoch keine Bremsspuren.«

Otto Moculescu zeigte auf die Fahrbahn. »Eindeutig keine Bremsspuren! Obwohl sich der vermeintliche Unfall ohne jeden Zweifel vor Einsetzen des Gewitterregens ereignet hat. Zudem sind die Beschädigungen an der Karosserie von geringer Natur, sieht man von den Brandschäden ab, die eindeutig durch Brandstiftung herbeigeführt worden sind.«

»Könnte nicht der starke Regen die Bremsspuren weggeschwemmt haben?«, fragte Junker.

»Ausgeschlossen!«

Moculescu schritt einige Meter am Straßenrand auf und ab. »Also, alles deutet darauf hin, als sei das Auto zunächst hinuntergestoßen und danach mit einem Brandbeschleuniger übergossen worden. Dann aber kam der große Regen, und alle Bemühungen waren für die Katz.«

»Hätte es klappen können?«

»Möglicherweise. Der oder die Täter hatten schon so ziemlich an alles gedacht. Wir fanden den Wagen völlig leer vor. Da war kein Fetzen zu finden, weder im Handschuhfach noch auf oder unter den Sitzen, am allerwenigsten im Kofferraum. Auch das Opfer war akribisch gefilzt worden, kein noch so winziger Gegenstand in den Taschen. Da war jemand zugange gewesen, der sein Handwerk versteht.«

»Fingerabdrücke?«

»Jede Menge. Die meisten stammen von dem Toten. Alle anderen sind bisher negativ. Ein paar verwischte Spuren konnten wir noch nicht zuordnen.«

»Was ist mit dem Sohlenabdruck?«, mischte sich Praechter ein. »Wo genau wurde der gefunden?«

Moculescu wies auf eine kleine Baumgruppe nahe am Fluss. »Unter einem dieser Bäume. War wohl vor dem Regen geschützt. Möchten Sie runtergehen?«

Praechter winkte dankend ab, und auch Junker verspürte kein Verlangen nach einer Klettertour.

Ein roter Nissan kam in langsamer Fahrt die Landstraße herunter und stoppte hinter den bereits geparkten Fahrzeugen.

»Tja, meine Herren, ich denke, nun sind Sie über das Wichtigste auch optisch im Bilde.«

Moculescu nestelte den Autoschlüssel aus der Hosentasche.

»Augenblick noch.« Clemens Junker fasste den Mann am Ärmel seiner Jacke. »Was glauben Sie, aus welcher Richtung kam der Wagen?«

»Aus beiden Richtungen. – Ich meine damit, er könnte sowohl aus Richtung Hergenfels als auch aus …«

»Hab Sie schon verstanden.«

Otto Moculescu verabschiedete sich und begab sich zu seinem Wagen.

Ein junger Mann in Polizeiuniform stieg aus dem roten Nissan. Er war groß gewachsen, schlank und trug eine getönte Brille. Ein wenig unsicher bewegte er sich auf die beiden Männer am Straßenrand zu.

»Sind Sie Hauptkommissar Junker?«, sprach der Uniformierte Praechter an, der wortlos mit dem Daumen auf seinen Chef wies.

»Polizeiobermeister Landfromm«, stellte sich der junge Mann vor.

Clemens Junker reichte ihm die Hand. »Schön, dass Sie es sich so schnell einrichten konnten.«

»Kein Problem. Mein Dienst beginnt erst in einer Stunde.«

»Sie sind alleine gekommen, ohne Ihren Kollegen.«

»Armin … ich meine, Kommissar Kutschera befindet sich seit gestern im Urlaub.«

»Urlaub«, schnaubte Junker ungehalten, hatte sich aber sofort wieder unter Kontrolle, als er der Irritation seines Gegenübers gewahr wurde. »Also, Sie und Ihr Kollege Kutschera haben den vermeintlichen Unfall am Sonntagvormittag aufgenommen.«

Landfromm nickte. »Wir bekamen den Funkspruch so gegen … hab die Uhrzeit jetzt nicht so genau im Kopf.«

»Geschenkt.«

»Ein älteres Ehepaar hatte das Fahrzeug am Fuß des Tales entdeckt. Lag auf der Seite, der Wagen, und sah angekokelt aus, was dem Paar nicht geheuer erschien. Deshalb machten sie über Notruf auf das Unglück aufmerksam.«

»Ist Ihnen am Ort des Geschehens etwas Besonderes aufgefallen?«

»Dreierlei! Und das ohne Umschweife. Erstens: Auf der Straße gab es keinerlei Bremsspuren. Zweitens: Der Wagen wies außer Brandspuren kaum andere Beschädigungen auf.« Landfromm machte eine Pause.

»Und drittens?«, fragte Praechter.

»Na ja, da war das Gesicht des toten Fahrers.«

»Was war damit?«

»Es wies Verletzungsspuren auf, die nicht von einem Unfall herrühren konnten, eher von einer Prügelei.«

»Sicher?«, fragte Junker.

»Absolut sicher! Ich bin zwar noch nicht übermäßig lange bei der Polizei, aber lange genug, um zu wissen, wie Gesichter nach Schlägereien aussehen, und mein Kollege Kutschera weiß das noch um einiges besser zu beurteilen.«

»Mmh«, bestätigte Junker. »Sie liegen mit Ihrem Urteil beide richtig.«

»Deshalb hat Kutschera auch die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet.«