Buchwächter - Das Buch der Phantasien - Andreas Hagemann - E-Book
Beschreibung

Was würdest du tun, wenn du Phantasien zum Leben erwecken könntest? Die Begegnung mit dem Buchhändler Arthur ist für Finn mehr als der Beginn einer Freundschaft, denn dessen unscheinbarer Laden birgt zahlreiche Geheimnisse. Zwischen all den Bänden erwacht in dem neugierigen Jungen eine phantastische Gabe. Er lernt bald, dass Bücher weit mehr als nur Geschichten enthalten, es magische und äußerst mächtige Exemplare gibt. Als die Buchwächter ihn zu einem der ihren machen möchten, scheint sein Glück vollkommen. Doch schon bald zeigt die Welt der Bücher ihr finsteres Gesicht und Finn erkennt, wie bedeutsam seine Gabe ist. Er muss sich einer Macht stellen, gegen die selbst seine Kraft verblasst.

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Andreas Hagemann

 

Buchwächter

Das Buch der Phantasien

Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

 

 

 

 

 

 

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

 

 

1. Auflage

Copyright © Zeilengold Verlag, Stockach 2019

Coverdesign: Alexander Kopainski, www.kopainski.com

unter Verwendung von shutterstock.com

Satz, Kapitelillustration: saje design, www.saje-design.de

Illustration (ganzseitig): Andreas Hagemann

Lektorat: Nina C. Hasse

Korrektorat: Claudia Heinen

Druck: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

 

ISBN Print: 978-3-946955-21-4

ISBN Ebook: 978-3-946955-740

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

 

 

Für Anja.

 

Das sind die Starken, die unter Tränen lachen,

eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen.

 

(Franz Grillparzer)

1

S ein Herz pumpte die Nervosität bis in Finns Ohren. Immer wieder verschwand die Umgebung in rauschendem Nebel.

Das schrille Läuten der Glocke erfüllte das Schulgebäude. Endlich! Finn huschte aus dem Klassenzimmer in den Gang. Der Tross der Mitschüler zog seine schmächtige Gestalt einfach mit sich zur Tür des Gebäudes. Im Meer aus Köpfen kämpfte er rudernd gegen den Strom. Kurz bevor sie ihn auf den Schulhof hinausschoben, entdeckte er dort Gordon und seine Kumpanen Jay und Marvin an der Tür. Sein Herz schien für einen Moment auszusetzen.

Bitte nicht schon wieder Prügel.

Sein Mundwerk glich die Schwächen seiner Statur zwar aus, Hieben hatte er jedoch nichts entgegenzusetzen. Wenn Gordon vorhatte, ihm eins auf die Zwölf zu geben, dann geschah dies in der Regel auch. Wehrte er sich, wurde es nur schlimmer.

Finn bahnte sich einen Weg zum Türrahmen. Er durfte ihnen nicht in die Arme rennen. Der Seiteneingang!

Er drängte durch die Massen zurück ins Gebäude und drückte die Klinke der alten Holztür am anderen Ende des Ganges nach unten. Noch nicht verschlossen – Gott sei Dank!

Der Wind trug den Lärm der Kinder über den leeren Seitenhof heran. Zur Öffnung in der kniehohen Mauer mit dem Eisenzaun, die das Schulgelände umgab, war es nicht weit. Dahinter führte ein Weg direkt zur Hauptstraße. Doch es gab keine Bäume oder Büsche, die ihm auf dem Weg dorthin Deckung geben konnten.

Gordons Stimme wehte zu ihm herüber. »Hey, Jasper, sag deiner Mama, sie soll dir morgen was Graues rauslegen. Passt besser zu deinem schmutzigen Gesicht.« Jay und Marvin lachten, obwohl ihr Äußeres selbst keinen Reichtum vermuten ließ. Die Gruppe blickte zum Eingang und kehrte ihm den Rücken zu. Hoffentlich würden sie sich weiterhin den anderen Kindern widmen, damit er ungesehen zur Mauer kam.

Für einen Augenblick schämte er sich für diesen Gedanken, dann nutzte er die Gelegenheit. Er drückte die Tür auf, hastete zum Zaun hinüber und hockte sich hinter die Mauer.

Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.

Finn zuckte erschrocken zusammen und sah auf. Gordon musste die Bewegung an der Mauerkante bemerkt haben. Ihre Blicke trafen sich. Eine Welle der Angst sorgte für einen eiskalten Schauer. Scheiße!

»Schnappt euch den Feigling!«, brüllte Gordon.

Flink richtete Finn sich auf, strauchelte, fing sich wieder. Die drei Raufbolde eilten zum Tor. Die anderen Schüler wurden grob beiseitegestoßen.

Er erreichte die Straße ins Stadtzentrum als Erster. Sein Blick flog zu den drei Verfolgern, die gerade das Tor passierten. Er hatte einen kleinen Vorsprung. Der Gehweg war voller Passanten. Mit schnellen Sprüngen wich er ihnen aus.

»Verdammt, es ist Markt!« Vielleicht bot ihm das eine Möglichkeit, Gordon und seinen Kumpanen zwischen den Ständen des nahe gelegenen Marktplatzes entwischen zu können.

An der nächsten Querstraße blickte er erneut zurück. Wie eine Dampflok stieß Gordon alles und jeden aus dem Weg. Marvin und Jay versuchten, mitzuhalten, doch sie waren zu langsam.

Lautes Tröten von rechts! Finn fuhr herum. Unmittelbar neben ihm kam ein schnaufendes Ungetüm mit riesigen Rädern quietschend zum Stehen. Ein Dampfwagen! Finn ignorierte das qualmende Gefährt und hechtete weiter. Passanten liefen kreuz und quer und verstopften seinen Fluchtweg. Er sprang auf die Straße.

Dort vorn endeten die Häuserreihen. Der Marktplatz empfing ihn mit seinen Gerüchen und Geräuschen. Dutzende hölzerne Stände, bespannt mit verschiedenfarbigen Stoffdächern bildeten eine verwinkelte Kulisse, aus der ein halbes Dutzend Schornsteine ragte. Der Duft nach Gekochtem, Gebackenem und Gebratenem lockte die Käufer an.

Gordon hatte ordentlich aufgeholt, wurde aber abrupt von drei Damen gestoppt, die in ein Gespräch vertieft waren. »Du elender …! Verteilt euch!«, rief Gordon.

Marvin und Jay stoben los.

Zwischen den Ständen drängten sich die Menschen teils so dicht, dass sie wie eine Wand den Weg versperrten. Nun war Finns Körpergröße von einem Meter fünfzig endlich einmal von Vorteil. Er drückte sich zwischen den ausladenden Röcken der Hausdamen und Küchenhilfen hindurch. Sie schirmten ihn unwissentlich vor den Blicken seiner Verfolger ab. Allerdings musste er aufpassen, dass er im Gedränge nicht seine Mütze verlor.

Knallend ging neben ihm ein Obstkorb auf einem Tisch nieder. Finn umklammerte seine Tasche und wich zurück.

»Bleib stehen, damit ich dir die Beine brechen kann!« Gordon schnaufte in Griffweite hinter ihm.

Finn spurtete los und bog rechts ab, nur um gleich darauf Jay an einem Stand mit Haushaltswaren zu erblicken. Gehetzt blickte er sich um.

In der Menschenmenge sah er ein bekanntes Gesicht.Bauer Dunkin!

Zur Linken hatte dieser einen Verkaufsplatz mit Gemüse. Unter seinen Tischen stapelten sich einige Kisten. Dahinter konnte er sich verstecken.

Finn nutzte die Gelegenheit. Er wich zwei Herren aus, rutschte weg und landete vor den Kisten im Dreck. Stöhnend kroch er in die Lücke zwischen beiden Stapeln. Sie boten jedoch zu wenig Deckung und er zog sich unermüdlich weiter bis zum dahinter gelegenen Stand.

Die Auslage war voll mit verschiedenen Sorten von Nüssen. Der Verkaufstisch war so breit, dass er ihm genügend Sichtschutz bot. Vorsichtig spähte er über die Kante. Sein Herz hämmerte in der Brust. Links sah er Marvin, der sich auf Zehenspitzen um die eigene Achse drehte und versuchte, über die zahlreichen Menschen zu blicken.

Wie konnte er diesen Kerl bloß loswerden? Finns Blick fiel auf die Waren in der Auslage, dann wandte er sich um. Der Besitzer des Nussstandes war in ein Gespräch mit einer Kundin vertieft. Auf gut Glück griff Finn in den Korb über sich. Walnüsse! Damit war das Werfen ein Kinderspiel. Finn war ein Meister des Steinwerfens, er schlug seine beiden Brüder dabei jedes Mal haushoch.

Allerdings brauchte er etwas zur Veränderung der Flugbahn, sonst würde Marvin sofort in seine Richtung schauen. Eine Dame mit einem riesigen Schirm lief an Marvin vorbei. Gleichzeitig tat sich ein schmaler Korridor zwischen den Marktbesuchern auf. Er zögerte nicht, sprang auf, zielte und warf. In hohem Bogen zischte die Nuss über die Köpfe hinweg, prallte vom Stoff des aufgespannten Schirms ab und landete genau auf Marvins Schulter.

Volltreffer! Was für eine Glanzleistung!

Am liebsten hätte er einen lauten Jubelruf ausgestoßen, doch dazu kam er nicht mehr. Jemand packte ihn am Handgelenk.

»Hast du geglaubt, du könntest mir entwischen?« Gordons überhebliches Grinsen entstellte sein feistes Gesicht. Für einen Augenblick war Finn wie gelähmt, doch schnell formte sich ein klarer Gedanke. Er schob seinem Angreifer die restlichen Nüsse in die Tasche.

»He, der klaut Ihre Nüsse!«, rief er laut.

Der Standbesitzer erblickte Gordons ausgebeulte Jackentasche und ließ die Kundin augenblicklich stehen. Wutentbrannt stürmte er auf sie zu und packte Gordon bei den Ohren. »Na warte, Bürschchen, dir werde ich Manieren beibringen!«

Gordons Hand löste sich von seinem Arm und Finn nutzte die Gelegenheit zu flüchten. Hinter sich hörte er Gordon jammern, doch sein schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen. Er preschte zwischen Körben, Ständen und Menschen hindurch, eine schmale Gasse vor Augen, die zwei Gebäude voneinander trennte und vom Marktplatz wegführte.

Der Marktlärm entfernte sich, bis nur noch seine Schritte auf dem Kopfsteinpflaster zu hören waren. Er brauchte unbedingt eine Pause und blieb stehen. Erschöpft sank er gegen die Backsteinwand.

»Da vorn ist er!«

Finns Herz machte einen Satz. Jay stand auf Höhe des letzten Standes und deutete auf ihn. Gleich darauf stürmten Marvin und Gordon um die Ecke. Finn drückte sich von der Wand weg und eilte nach rechts aus der Gasse, nur um gleich wieder stehen zu bleiben.

Eine breite, offene Straße lag vor ihm. Keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Wenige Meter entfernt stand ein großer Karren. Stern & Bolt Winery stand in schnörkeliger Schrift auf den gestapelten Fässern. Sie waren leer.

Finn huschte hinüber. Das Heck des Anhängers zeigte in Richtung Gasse, die Heckklappe war nicht verschlossen. Ein Glück!

Er hörte die Schritte seiner Verfolger aus der Gasse hallen. Finn hängte sich seitlich an den Wagen, damit man seine Beine unter dem Aufbau nicht sah. Die Jungs schauten nach rechts und links, schienen nicht glauben zu können, dass ihr Opfer nirgends zu sehen war.

»Wenn ich diesen kleinen Bastard in die Finger kriege«, brummte Gordon.

Finn haute gegen die Sicherung der Klappe. Sie bewegte sich nicht. Er schlug noch fester, ignorierte den Schmerz in seiner Hand. Der Splint sprang heraus. Die drei wollten sich in Bewegung setzen, als sie das Geräusch vernahmen und auf den Wagen starrten. Doch bevor sie verstanden, was los war, hatte Finn am Hebel der Klappe gezogen und die Fässer rollten aus dem Karren. Die Jungs stoben auseinander, doch die Geschosse verteilten sich schnell und rissen Finns Verfolger zu Boden.

Finn sprang vom Wagen herab. Für einen Augenblick genoss er seine Überlegenheit, dann eilte er weiter. Ohne zurückzublicken, rannte er die Straße hinunter. Jetzt blieb ihm nur noch einer der Läden als Versteck.

Plötzlich trat ein Mann aus einem Geschäft und versperrte ihm den Weg. Finn wich nach rechts aus. Er schlüpfte durch die offene Ladentür, die hinter ihm ins Schloss fiel.

Hastig sah er sich um. Konnte er sich hier irgendwo verstecken? Links standen schulterhohe Regalreihen. Er hastete dahinter und spähte zum Eingang.

Es dauerte nicht lang, bis die Rufe seiner Verfolger ertönten. Er kauerte sich auf den Boden. Die Schultasche glitt von der Schulter. Als die Geräusche am Laden vorbeizogen, atmete er aus, verschränkte die Arme auf den Knien und ließ den Kopf niedersinken.

Das gibt morgen ’ne ordentliche Abreibung.

Eine ganze Weile saß er so da. Wartete, bis sein Herzschlag sich beruhigte und die Gedanken nicht mehr durcheinanderflogen. Dann erst nahm er die neue Umgebung richtig wahr.

Das Sonnenlicht warf die Fenster als helle Vierecke auf regalgesäumte Wände. Buchrücken. Tausende, wenn nicht gar Zehntausende. Sie waren das stille Publikum des Ladens. Eine weitere Ebene mit Schmökern verbarg sich im hohen Raum, schwebte unter der Decke wie ein eigenes Reich. Zwei Wendeltreppen führten hinauf, fein und geschwungen. Eine Ranke aus Verzierungen schlängelte sich über sie.

Finn wandte sich nach rechts und erschrak. Nur wenige Schritte entfernt lehnte ein älterer Herr an der Ladentheke. Seine Augen wirkten im runden und blassen Gesicht hinter den Brillengläsern wie strahlende Diamanten. Was ihm an Haaren auf dem Kopf fehlte, wuchs umso intensiver um die Wangen, als dichter Busch reichten sie ihm bis zur Brust. Die Hände waren vor dem runden Bauch gefaltet. Im Sonnenlicht funkelte seine Robe wie ein Regenbogen.

So etwas hatte Finn noch nie gesehen. Er sah in warme, gütige und freundliche Augen. Niemals war er jemandem mit solch einer Ausstrahlung begegnet. Er mochte den alten Mann sofort, obwohl er ihn nicht einmal kannte.

Er sieht aus wie ein Zauberer. Fehlt nur einer dieser spitzen Hüte.

Erst jetzt bemerkte Finn, dass er nach wie vor auf der Erde hockte. Hastig sprang er auf und riss die Mütze vom Kopf.

»Ist wohl ein harter Tag, was?«, sprach der Fremde mit tiefer und angenehmer Stimme.

Finn senkte das Haupt, seine Unhöflichkeit war ihm unangenehm. »Tut mir leid, ich wollte Sie nicht stören.«

»Ich nehme kaum an, dass die drei eben deine Freunde waren?«

Finn schüttelte den Kopf. Er nestelte, ohne aufzusehen, an seiner Mütze herum. Es fühlte sich wie eine Standpauke an, obwohl der Mann freundlich war.

»Ich bin Arthur Robinson. Mir gehört dieses Etablissement für Realitätsflüchtlinge. Wie ist dein Name?«

Finn sah überrascht auf. »Finnley Oliver Ward. Meine Freunde nennen mich Finn. Also, würden sie, wenn ich welche hätte«, schob er leise nach.

»Hallo Finn, es ist mir eine Freude.« Sie reichten sich die Hände. Der Junge sah sich um. Hinter der Ladentheke gab es noch eine Tür, ansonsten säumten volle Regale sämtliche Wände. Er konnte den Blick kaum abwenden.

Die Buchrücken waren aus feinem Leder oder farbigen Stoffen. Einige waren aufwendig verziert, andere ganz schlicht. Sie sahen edel und teuer aus. Jedes Einzelne wollte er in die Hand nehmen und in die Geschichte eintauchen. Die Bücher in der Schule waren anders. Diese hier zogen ihn an, schienen auf ihn zu warten. Finn atmete die staubige Luft ein. Sie war erfüllt vom Duft des Papiers.

»Liest du gern?«, fragte Arthur und riss ihn aus seiner Träumerei.

Finn sah ihn an. »Nein … ich meine, eigentlich … ja.«

»Ist die Frage so schwer?«, fragte der Alte schmunzelnd. Finn zog die Schultern hoch. Ursprünglich wollte er laut »Ja!« schreien, denn seine Eltern besaßen nicht viel. Sie waren einfache Bauern, die sich tagein, tagaus mit seinen Brüdern ums Vieh und die Felder kümmerten. Es reichte gerade für die täglichen Dinge, an Bücher war da nicht zu denken. Er genoss den Luxus, zur Schule gehen zu dürfen. Die Hoffnung seiner Eltern war, dass er ihnen und sich selbst durch eine Ausbildung eine bessere Zukunft ermöglichte.

»Ich wünschte, ich könnte mehr lesen.« Viel mehr.

Die Augen des Alten strahlten. »Was hältst du davon, bald wieder vorbeizuschauen? Es wäre mir eine Freude.« Der Einladung folgte ein breites Lächeln, das im Bart beinahe unterging. Finn starrte ihn an. So viel Freundlichkeit überraschte ihn. Bisher kannte er überwiegend nur Ablehnung.

»Niemand kann dem Ruf einer guten Geschichte widerstehen, oder?«, sagte der Buchhändler.

Finn nickte. Er setzte die Mütze auf und schwang die Tasche über die Schulter. »Ganz bestimmt komme ich wieder.« Vor der Tür drehte er sich noch einmal um. »Auf Wiedersehen, Mr. Robinson. Und danke, dass ich …« Er deutete auf den Platz, an den er in Deckung gegangen war. Arthur verstand.

Bevor Finn hinaustrat, schaute er prüfend in beide Richtungen, um sicherzugehen, dass Gordon und seine Schläger nicht auf ihn warteten.

Schließlich eilte er auf direktem Wege nach Hause.

2

D en Kopf auf den linken Arm gestützt, starrte Finn vor sich hin. Mit dem Stift trommelte er einen Rhythmus auf die Tischplatte. Er saß am Rand einer voll besetzten Bank in der Mitte eines kleinen Klassenzimmers, umringt von knapp fünfzehn Mitschülern. Trotz der zugigen Fenster mochte er den Raum. Er schützte ihn vor Gordon, der es vor Mr. Curring nie wagen würde, ihn anzurühren.

Mr. Currings Versuche, ihnen den Dreisatz zu vermitteln, schwebten an Finn vorbei. Es war eigentlich ein Thema, dem er sonst aufmerksam folgte, denn er hatte ein sehr gutes Verständnis für Zahlen. Seine Eltern hatten dieses Talent erkannt und entschieden, ihn als einziges Kind die Schule beenden zu lassen. So konnte er auf dem Markt abkassieren, als auch Milch und Eier an einige Läden verkaufen. Zudem brachte es das Geld für die Schule ein. In aller Frühe lieferte er die Waren aus und brachte auf dem Heimweg die Flaschen wieder mit.

Vor seinem geistigen Auge befanden sich derzeit jedoch nicht Zahlen und Brüche, sondern eine gewaltige Bücherwand, flache Regalstrecken und eine Person in bunt schillernder Robe. Der Buchladen ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Noch gestern auf dem Heimweg hatte es ihn wieder zurückgezogen. Er wollte in den Büchern stöbern, sich in Ruhe umsehen, die Wendeltreppen hinaufsteigen. Mit den Geschichten konnte er dem Alltag und den Verpflichtungen entfliehen. Er schlüpfte gern in die Rolle eines Helden, bestand Abenteuer und wurde eins mit den starken Figuren, die er so gern sein wollte. Packte ihn eine Geschichte, spann er sie tagelang weiter. Bis Gordons Gemeinheiten ihn wieder in die Wirklichkeit holten. Arthur Robinsons Buchladen faszinierte Finn so sehr, dass er alles andere ausblendete.

Wenn wir in den anderen Stunden doch nur einmal einen Roman lesen würden!

»Ich bin unschlüssig, ob ich Sie langweile oder Sie angestrengt über die Aufgabenstellung nachdenken, Ward.«

Finn schreckte hoch, als Mr. Curring seinen Namen sagte. Sein Stift fiel klappernd zu Boden.

»Solange das Schuljahr noch im Gange ist, erwarte ich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Begeben Sie sich zur Tafel und lösen Sie die Aufgabe!«

Irritiert sah Finn am Lehrer vorbei. Er wusste nicht, was Mr. Curring von ihm wollte. Dann entdeckte er den niedergeschriebenen Dreisatz an der Tafel. Unsicher erhob er sich und trat aus der Bank. Sein Fuß landete auf dem Stift. Ratternd rollte er weg und nahm ihm das Gleichgewicht. Finn kippte nach vorn und prallte auf die Tischkante. Schmerz schoss durch seine Schulter und der Raum verzog sich in Streifen. Donnernd landete er mit dem Rücken auf den Dielen. Seine Mitschüler lachten.

Großartig. Ich hätte Artist werden sollen, dann hätten sie jetzt applaudiert.

»Vollidiot«, kam Gordons Stimme aus dem Hintergrund.

»Wood, da Sie Ihren Intellekt offensichtlich nicht vollends ausschöpfen: Wie wäre es, wenn Sie Ward aufhelfen?«, hörte Finn Mr. Curring über sich.

Gordon quälte sich ein »Ja, Sir« heraus, spuckte sich heimlich in die Hand und reichte sie Finn. Dem entging die klebrige Feuchtigkeit nicht, als er sie packte.

»Sehr freundlich«, bedankte Finn sich und schlug Gordon auf die Schulter. Gordons wütenden Blick tat Finn mit einem Lächeln ab.

Er ging zur Tafel und nahm sich die Formel vor. Es war eine simple Aufgabe, deren Ergebnis er ergänzte und dafür Mr. Currings zufriedenes Nicken erntete. Finn mochte den strengen Mann. Unter der harten Schale verbarg sich ein weicher Kern. Dies war bestimmt der Grund, weshalb er den Schlagstock seltener schwang als andere Lehrer. Viel wichtiger war jedoch, dass Mr. Curring nicht blind für Gordons Anfeindungen war.

»Sehr gut.« Mr. Curring klopfte den Kreidestaub von den Händen. »Ich denke, damit haben sich alle einen frühen Schluss verdient. Angesichts des guten Wetters erspare ich Ihnen die Hausarbeit ausnahmsweise.«

Die Schüler packten rasch zusammen und stürmten aus dem Klassenzimmer. Gordon und seine Freunde waren die Ersten. Finns Gedanken trugen ihn wieder in Arthurs Laden und so verharrte er vor der Tafel, bis der Trubel sich legte.

»Ward, möchten Sie noch eine Aufgabe?«

Finn schüttelte irritiert den Kopf.

»Dann schlage ich vor, dass Sie Ihren Klassenkameraden folgen.«

Während Finn seine Sachen verstaute, sah er aus dem Fenster. Gordon und seine Handlanger waren nicht auf dem Schulhof zu sehen. Seltsam, dass sie ihm noch keine Abreibung verpasst hatten.

Das ist bestimmt kein Zufall. Ich muss aufpassen.

Deshalb schaute er in den Gang, dann durch die geöffnete Tür in den Hof, bevor er das Klassenzimmer verließ. Noch im Gebäude traf er eine Entscheidung. Er wollte unbedingt zum Buchladen. Außerdem konnte er einen anderen Weg nach Hause gehen und somit war es unwahrscheinlich, dass er den drei Raufbolden begegnete.

Zwei Fliegen mit einer Klappe!

Er mischte sich unter eine Gruppe Schüler und kam so unbemerkt vom Gelände. Gleich hinter dem Schultor zerstreute sich der Pulk in alle Himmelsrichtungen.

Finn bog in die Levington Street ein, die zum Marktplatz führte und die er gestern bereits auf der Flucht vor Gordon und seinen Handlangern entlanggerannt war. Doch heute konnte er die Stadt und ihr reges Treiben genießen. Schmunzelnd sah er den Damen in ihren ausladenden Reifröcken nach. Es war ihm ein Rätsel, warum sie sich mit Schirmen und riesigen Hüten vor der Sonne schützten. Die Herren wirkten im feinen Zwirn mit Gehstock und Zylinder wie Marionetten, die jemand im Verborgenen lenkte. Finn fand diesen Anblick amüsant, auch wenn er ein wenig neidisch war. Schuhe trug er nur zwischen September und Mai, wenn es zu kalt war, um barfuß zu laufen. Seine beste Kleidung bestand aus einer langen Hose und einem Hemd. Beides war nicht mehr neu, hatte aber wenigstens keine Löcher. Ein Grund mehr, sie unbeschadet an Gordon vorbeizubringen.

Finn genoss den Weg durch den Stadtteil South Marton mit seinen braunen Häuserzeilen, die sich schier endlos aneinanderreihten. Die meisten von ihnen besaßen kleine Fenster, grüne Türen und runde Schornsteine. Aber auch die anderen Viertel hatten solche Merkmale. Da gab es die Industrieviertel Bilton und Rackley, die im Westen und Osten der Stadt mit ihren qualmenden Schloten wie eine Krone wirkten.

Zwei Kutschen polterten an Finn vorbei. Er stand an der Bolton Street, wo ihn gestern beinahe der Dampfwagen erwischt hätte. Die Straße grenzte einen weiteren Stadtteil ab: Shawbroke. Er bildete das Zentrum der Stadt und war das Viertel mit den Märkten und Geschäften. Hier bekam man buchstäblich alles, sofern man das nötige Kleingeld besaß.

Heute war der Marktplatz leer. Nur einige Dienstmädchen und Mägde, die für ihre Herrschaften die Besorgungen tätigten, standen in Gruppen auf dem Platz und plauderten miteinander. Finn schob die Hände in die Taschen und schlenderte langsam an ihnen vorbei. Für einen Moment lauschte er ihren Sorgen und Nöten ihrer Dienstherren, nur um festzustellen, dass auch Reichtum mit Problemen behaftet war. Er hörte Klagen, dass irgendjemand über irgendwen hergezogen hätte. Finn schüttelte den Kopf. Das sind doch keine Probleme.Euer Gejammer möchte ich hören, wenn die Ernte ausbleibt oder das Geld für Kleidung fehlt. Das ist echte Not.

Finn trat in die schmale Gasse, in der er Gordon gestern abgeschüttelt hatte. Der Karren mit den Fässern war verschwunden, stattdessen polterten Kutschen vorüber, Menschen standen vor den Geschäften, drückten ihre Gesichter an die Schaufenster oder bummelten die Gehwege entlang. Finn schlängelte sich zwischen ihnen hindurch. Je näher er dem Laden kam, desto nervöser wurde er.

Die Fassade des Hauses war im Vergleich zu den anderen wenig einladend. Am Erker und den großen Fenstern blätterte die grüne Farbe von den Rahmen, die Scheiben waren schmutzig. Ein wurmstichiges Schild hing quer über der Front, auf dem in geschwungenen Lettern Robinson Books and Antiques stand.

Hier ist wohl so einiges antik.

Finn ging zum Schaufenster. Da warteten sie, die endlosen Bücherreihen. Er musste hinein! Vorsichtig öffnete er die Tür. Eine Glocke kündigte sein Eintreten an. Im Geschäft war es stickig. Er ließ die Tür sanft ins Schloss fallen und sah sich um.

Aus dem Hintergrund ertönte eine tiefe Stimme: »Ich bin sofort da.« Es war eindeutig Mr. Robinson. Mit einem Stapel Bücher auf dem Arm erschien er in der Tür hinter der Ladentheke. »Was darf ich für Sie …«

Finn zog die Mütze vom Kopf und lächelte unsicher.

Der Alte strahlte. »Wie schön, dich zu sehen, Finn. Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich Finn sage?«

Er zuckte mit den Schultern. »Darf ich mich ein wenig umsehen?«, fragte er zögerlich.

»Gewiss, nur zu!«

Er ist nett, obwohl er bestimmt ahnt, dass ich nicht einmal Geld dabei habe. Die Ungeduld schob Finn voran. Er konnte sich kaum entscheiden, wo er beginnen sollte. Es gab unzählige Ecken. »Mr. Robinson, wie viele Bücher besitzen Sie?« Die Frage war nicht wichtig, aber sie half ihm, die Nervosität abzubauen.

»Oh bitte, nenn mich Arthur«, erwiderte der. »Mit diesen Förmlichkeiten fühle ich mich noch älter. Insbesondere aus dem Munde eines jungen Burschen.« Er besann sich wieder auf Finns Frage. »Ehrlich gesagt weiß ich es gar nicht. Irgendwann habe ich den Überblick verloren.« Er stützte die Hände in die Hüften und blies die Luft in seinen dichten Bart. Einzelne Haare flatterten lustig auf.

»Aber woher weißt du dann, was ein Buch kostet?«

»Jahrelange Erfahrung. Und ein wenig Bauchgefühl«, erwiderte Arthur schmunzelnd.

Finn ging am riesigen Wandregal entlang. »Was sind das für Bücher? Enthalten sie alle Geschichten, die es auf der Welt gibt?«

»Nein, das wäre sicherlich schön. Was du dir gerade ansiehst, sind wissenschaftliche Abhandlungen über die Tierwelt: Vögel, wilde Tiere, exotische Lebewesen und einiges mehr. Etwas weiter vorn stehen die Atlanten. Sie beinhalten Karten von Städten bis hin zu ganzen Ländern. Und über dir findest du Abhandlungen zum Thema Wirtschaft und Handel. Ziemlich langweilig, deswegen stehen sie so weit oben«, murmelte Arthur. »Was dich wahrscheinlich eher interessiert, sind Geschichten und Erzählungen, richtig?«

Finn nickte und Arthur bedeutete ihm, zu folgen. Er ging zwischen den Wendeltreppen hindurch, die wie zwei eiserne Wächter wirkten. Den Blick stetig nach oben zum verzierten Geländer gerichtet, sah Finn nicht, wie Arthur stehen blieb, und lief ungebremst in ihn hinein. Seine Finger glitten über den glatten Stoff der Robe. Das Gewebe war so dünn, dass er es kaum spürte. Es strahlte eine angenehme Wärme aus. Erschrocken hielt Finn inne, doch Arthur schien davon nichts mitbekommen zu haben. Er studierte die Buchrücken.

»Da ist es ja.« Arthur zog einen dunkelbraunen Band aus dem Regal, auf dessen Pappdeckel ein ovales Bild mit einem Jungen darin abgebildet war. Den Titel konnte Finn nicht erkennen.

»Diese Geschichte habe ich als Kind verschlungen und immer wieder gelesen. Sie heißt Pinocchio. Kennst du sie?« Arthur reichte Finn das Buch.

»Der Junge ist ja aus Holz!«

»Richtig. Es geht um den alten Holzschnitzer Geppetto, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Jungen und daraufhin eine Puppe bastelt. Über Nacht wird sein Wunsch erhört. Pinocchio merkt bald, dass er anders ist, und so wächst in ihm der Wunsch, ein richtiger Junge zu werden. Ich habe es jedes Mal in einem Rutsch durchgelesen.«

Eine Pause entstand, in der Finn die feine Zeichnung betrachtete. Ihm gefielen die Details.

Schließlich wollte er es Arthur zurückgeben, doch der hob abwehrend die Hand. »Nimm es mit«, drängte Arthur ihn. »Du musst mir nur versprechen, es zurückzubringen, nachdem du es gelesen hast.«

Wie einen Schatz presste Finn sich das Buch gegen die Brust. »Ich verspreche, sehr gut darauf aufzupassen.«

Irgendwann erwachte er wie aus einem wunderschönen Traum und der Schreck fuhr ihm in die Glieder. »Wie spät ist es?«, fragte er.

Mit dicken Fingern fischte Arthur eine Taschenuhr aus dem Umhang und hielt sich das Zifferblatt dicht vor die Augen. »Gleich drei Uhr.«

Warum hatte er so getrödelt? Finn drehte sich zum Eingang. »Ich komme zu spät!« Noch während er zur Tür lief, rief er ein »Danke« über die Schulter.

Er spürte den Blick des Buchhändlers in seinem Rücken, als er ihn allein zwischen all den Geschichten zurückließ.

Ohne Pause rannte er mit der Kiste voll Milchflaschen den ganzen Weg nach Hause, um die Verspätung wettzumachen. Seine Eltern mochten es nicht, wenn ihr Tagesablauf durcheinander geriet. Er eilte zum Brunnen, wusch die Flaschen im Wassertrog aus und flitzte über den Hof ins Haus. In Windeseile wechselte er seine Schul- gegen die Arbeitskleidung. Der Rest des Tages verging wie im Flug mit Ställe ausmisten, die Hühner und Schweine füttern sowie seinen Brüdern beim Abladen und Säubern der Gerätschaften helfen.

Dies alles wiederholte sich tagein, tagaus. Jeder in der Familie hatte seine Aufgaben. Die Arbeit war notwendig, machte ihm häufig auch Spaß. Es sei denn, es regnete. Dann war der Hof eine einzige Schlammgrube, die Arbeit doppelt so schwer und Finn erschöpft, noch bevor die Sonne unterging.

Als Abschluss wartete das gemeinsame Abendessen.

»Wie viele Tage habt ihr noch in diesem Schuljahr?«, fragte seine Mutter Olivia.

Finn kaute bereits auf dem ersten Happen. »Mur moch … bis Emde mächster Woche.«

Sein Bruder Corvin schüttelte den Kopf. »Beiß doch noch mal ab. Was ist mit Gordon? Hat er dich noch auf dem Kieker?«

Finn hob die Schultern. »Habt ihr den Pflug reparieren können?«, wich er aus.

»Allerdings. Und für meinen genialen Einfall hat mich übrigens noch keiner gelobt«, mischte sich sein älterer Bruder Jasper ein und stellte einen Krug Milch auf den Tisch. Er grinste erwartungsvoll in die Runde.

»Da denkst du einmal mit und schon erwartest du, dass man dir über den Kopf streichelt«, maulte Corvin.

»Jungs, vergesst das Essen nicht«, mahnte Olivia. Sie zog den Stuhl für ihren Mann zurück, der mit einer Schale Tomaten an den Tisch trat.

Corvin goss sich Milch ein. »Jetzt sag schon: Drangsaliert dich dieser Dummkopf immer noch?«

Finn verdrehte die Augen. »Solange er weiterhin auf die gleiche Schule geht, wird er das tun. Er kann ja sonst nichts. Aber es sind zum Glück nur noch ein paar Tage bis zu den Ferien.«

Finn war neun und ging in die vierte Klasse. Damit lagen noch etliche Jahre mit Gordon vor ihm. Es sei denn, ein glücklicher Umstand sorgte dafür, dass sich ihre Wege trennten.

»Wann ist die Weizenernte geplant? Noch vor Ende des Schuljahres?«

»Warum? Willst du dich drücken oder helfen? Das weißt du doch so gut wie wir auch«, stichelte sein Vater Jonathan, der für gewöhnlich schwieg. Die Familie sah ihn überrascht an. Dann prusteten Jasper und Corvin los. Finn ging nicht darauf ein. Es reichte, dass seine Brüder ihn regelmäßig aufzogen. Sein Vater strich ihm über den Kopf.

»Jasper, wie lief eigentlich das Treffen mit dem Mädchen vom Hof der Torlins? Wie hieß sie noch gleich … Anna?« Finn stach in eine offene Wunde. Sein Bruder war fünfzehn und damit alt genug zum Heiraten. Allerdings besaß er nicht das Talent, die Mädchen für sich zu gewinnen. Eine stieß er vom Steg in den See, eine andere begrub er unter einem Heuhaufen und Finn erinnerte sich an Sträuße aus Blumen, die große Pusteln auslösten. Jasper lief rot an. Das war Antwort genug.

»Sag einfach Bescheid, wenn ich dir helfen kann«, schob Finn mit stolz geschwellter Brust nach.

Nun lachte Jonathan laut los.

Während sie erzählten, aßen und tranken und Finn tapfer die Späße seiner Brüder ertrug, verschwand die Sonne allmählich. Im Haus wurde es dunkel und schließlich waren die Kerzen am Tisch die einzigen Lichtquellen. Die Müdigkeit schwappte über die Familie hinweg, das Gespräch verstummte nach und nach. Zeit, schlafen zu gehen.

Das Haus bestand aus einem einzigen großen Raum. In einer Nische stand das Bett seiner Eltern, darunter befand sich das Ausziehbett für ihn und seine Brüder. Jonathan löschte die Kerzen, augenblicklich fielen Jasper und Corvin in tiefen Schlaf.

Dann erinnerte sich Finn an das Buch. Plötzlich war er wieder hellwach. Er wartete, bis er das gleichmäßige Atmen seiner Eltern hörte, und stahl sich aus dem Bett. Auf Zehenspitzen schlich er zur Tasche, die er neben der Tür abgestellt hatte, und nahm das Buch heraus. Zum Lesen hatte er die Kerzenstummel aus der Stube gesammelt und sie oben in einem Regal versteckt. Sie brannten nicht lange, erfüllten aber ihren Zweck. Er legte das Buch auf den Tisch, löste die gute Kerze aus dem Halter und steckte den Stummel hinein. Beim Zischen des Streichholzes horchte er, ob sich jemand regte, doch alles blieb still. Vorsichtig zog er den Stuhl zurück und setzte sich. Mit beiden Händen nahm er das Buch in die Hand. Wie edles Porzellan hielt er es fest und zögerte, es aufzuklappen. Er betrachtete eine ganze Weile den Einband mit dem Bild des hölzernen Jungen, der seinerseits den Leser neugierig anzuschauen schien.

Was für eine verrückte Idee, eine Holzpuppe lebendig werden zu lassen. Genauso ungewöhnlich hätte er die Welt um sich herum am liebsten. Die Menschen würden so vielleicht mehr lächeln.

Der Buchdeckel knarzte beim Öffnen. Finn begann zu lesen und vergaß die Angst, erwischt zu werden. Seite um Seite verschlang er die Geschichte, die Bilder in seinem Kopf trugen ihn davon. Er schlich hinter Meister Geppetto durch die kleine Werkstatt und sah zu, wie Pinocchio entstand. Feine Stimmen ertönten, begleiteten das Geschehen, bis sie so laut wurden, dass er glaubte, jemand sei mit ihm im Raum. Das Buch sank auf den Tisch und Finn starrte in die Dunkelheit. Habe ich mir das eingebildet? Das Haus war nach wie vor ruhig. Nur sein Herz pochte und der Wind strich ums Gebäude. Lächelnd schüttelte er den Kopf und las weiter.

Holz knarzte.

Finn schreckte hoch. Sein Blick wanderte hastig zur Schlafecke. Weder die Eltern noch seine beiden Brüder hatten sich bewegt. Unheimlich! Er sah sich noch einmal im Zimmer um, entzündete einen neuen Kerzenstummel und las weiter. Die Erzählung riss ihn erneut mit sich. Er folgte den Abenteuern des hölzernen Jungen bis zum Schluss. Finn atmete langsam aus, als er das Buch schließlich zuklappte. Was für eine ungewöhnliche Geschichte. Mit dem Handrücken rieb er sich die brennenden Augen. Er legte den Kopf auf die Arme, um die Geschichte für einen Augenblick weiter kreisen zu lassen. Erfüllt von den letzten Sätzen schlief er ein.

Die Sonne schickte bereits die ersten Strahlen durchs Fenster.

3

 

D ie Wolke trieb langsam im Wind dahin. Unter all den weißen Gebilden war ihr graues Kleid nicht zu übersehen. Sie blickte zufrieden auf die grüne Szenerie, in der kleine Häuser wie bunte Pilze verteilt standen. Neben ihr zog ein Planet vorbei. Ein Junge stand darauf, sein blondes Haar wehte ihm um den Kopf. Der kleine Prinz winkte ihr und sie erwiderte seinen Gruß mit einem Lächeln. Er war eine Phantasie. Das Ergebnis der menschlichen Einbildung. Sie entstanden in erster Linie durch das Lesen ihrer Geschichten. Aber auch Träume und das Denken an sie verlieh ihnen Kraft. Sie waren per se weder gut noch böse, sondern das, was die Menschen ihnen angedachten. Wie in einem Theaterstück, in dem die Charaktere für eine kurze Zeit eine Rolle spielten.

Der Ort, über den die Wolke gemütlich hinwegsegelte, war die Vorstellungskraft der Menschen. Auch die Wolke war eine Phantasie. Die erste von ihnen entstanden aus dem Gedanken an die Menschheit selbst. Sie wandelte in ihren Träumen, schwebte durch ihre Wünsche und blickte auf ihre Hoffnungen. Doch sie war ebenso die Verbindung zu allen Phantasien. Sie fühlte, wie es ihnen erging, spürte die Sorgen, das Interesse an ihnen und noch viel wichtiger: Merkte, wann sie verloschen.

Phantasien existierten, solange die Menschen an sie dachten. Verschwanden ihre Bücher, las man nicht mehr ihre Geschichten, wurden sie zu Schemen und verschwanden.

Eine Gruppe junger Drachen riss die Wolke aus ihren Gedanken. Mit waghalsigen Manövern wirbelten sie um ihre Feuersäulen und jagten sich durch den Himmel. Ihre Farben strahlten, denn ihre Geschichten erfreuten sich großer Beliebtheit.

Doch der Schein trog.

Die Menschen hatten immer weniger Zeit zum Lesen und Kinder wurden zunehmend ohne Gutenachtgeschichten ins Bett geschickt. Sorgen und Nöte füllten die Köpfe, die Arbeit stahl zusätzlich die freie Zeit.

Die Phantasien wurden weniger. Tag für Tag. Was konnte sie tun?

4

S chrilles Krähen hallte über den Hof und schreckte Finn aus dem Schlaf. Etwas ging neben ihm zu Boden. Er blinzelte. Seine Familie lag noch in den Betten. Langsam streckte er sich. Der Rücken dankte ihm die Nacht auf dem harten Stuhl mit schmerzhaftem Knacken. Mit schläfrigem Blick sah Finn hinaus.

Es kann unmöglich schon früher Morgen sein!

Müde lehnte Finn sich zurück und rieb sich übers Gesicht. Sämtliche Muskeln schmerzten und das Aufstehen fiel schwer. So übersah er das Buch, das aufgeklappt auf dem Boden lag. Er strauchelte, als es unter ihm wegglitt und er unsanft auf dem Holzboden landete.

Verflucht noch mal! Oh nein …

Bestürzt hob er das Buch auf. Es sah schlimm aus. Der Steg war gebrochen, Dreck hatte sich in die offenen Seiten gerieben und einige Blätter hingen lose heraus.

Das wird Arthur mir nie verzeihen!

Es raschelte in der Nische. Das Poltern schien die anderen geweckt zu haben. Er hastete zur Tasche und verstaute das Buch, bevor es jemand sah, und drückte rasch eine Kerze auf den runtergebrannten Stummel im Kerzenständer.

Wie soll ich das nur wiedergutmachen? Es ist doch eine von Arthurs Lieblingsgeschichten!

Heute fiel es Finn schwer, dem Unterricht zu folgen. Seine Gedanken kreisten um einen Vorschlag, den er Arthur wegen seines Missgeschicks unterbreiten konnte. Er wollte ihn auf keinen Fall enttäuschen.

Der Unterricht zog sich. Da nutzte es auch nichts, dass die letzten beiden Stunden wegen eines kranken Lehrers ausfielen. Selbst das Läuten der Glocke hielt Finn für eine Täuschung. Trotz des Sonnenscheins wollte keine Freude bei ihm aufkommen, Arthur wiederzusehen. Als er endlich beim Laden ankam, dauerte es eine ganze Weile, bis er sich überwand, die Tür zu öffnen.

Arthur hatte nicht so früh mit ihm gerechnet. Finn legte das Buch zögerlich auf den Tresen. Mit zitternder Stimme erklärte er: »Es tut mir unendlich leid. Ich war unaufmerksam … Das hätte nicht passieren dürfen.«

Arthur schaute ohne jede Regung aufs Buch hinab.

»Ich … ich möchte das gerne wiedergutmachen! Geld habe ich keines, aber ich kann den Schaden abarbeiten«, sagte Finn in dem Versuch, Arthur milde zu stimmen.

Der sah ihn eindringlich an. Finn stand barfuß vor ihm, die Kleidung so einfach und schmucklos, wie sie nur sein konnte. »Ich danke dir für deine Ehrlichkeit. Nur wenige haben die Courage dazu. Du hättest auch einfach fortbleiben können.«

»Ich habe daran gedacht«, gestand Finn kleinlaut. »Allerdings hast du für das Buch bestimmt hart gearbeitet. Es wäre nicht anständig gewesen, einfach wegzubleiben.«

Arthur nickte anerkennend. »Wie hat dir die Geschichte gefallen?«

Finn zog die Stirn kraus. »Ich mochte Pinocchio. Allerdings ist er faul und ein Feigling dazu. Wie kann man seine Freunde im Stich lassen? Er hat sich durch Dummheit in eine blöde Situation gebracht. In etwa so wie ich gerade.«

Arthur war von dieser Antwort überrascht. »Richtig. Aber auch wenn er sich selbst im Weg stand, hat er sein Ziel nie aus den Augen verloren. Und ich könnte hier tatsächlich etwas Hilfe gebrauchen.«

»Womit soll ich anfangen?« Finns Schultasche polterte auf den Boden.

Arthurs Bart verbarg sein Schmunzeln. »Vielleicht räumst du deine Sachen erst einmal hinter den Tresen.«

Finns Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich. »Um halb drei muss ich allerdings los.« Er wollte nicht schon wieder zu spät nach Hause kommen.

Arthur sah auf die Taschenuhr. »Dann haben wir noch gut zwei Stunden.« Der Alte nahm sich zunächst die notierten Bestellungen vor. Die Zettel waren im Nu für die weitere Bearbeitung sortiert.

Finn zeigte auf drei Kisten hinter dem Tresen. »Was ist mit denen hier? Müssen die ausgepackt werden?«

»Immer mit der Ruhe, mein Junge. Zuerst die Bestellungen. Der Bote wird bald hier sein.«

Finn wurde ins Büro hinter der Ladentheke geschickt, um Packpapier zu holen. Im Türrahmen blieb er mit offenem Mund stehen. Der Raum glich einem Wohnzimmer. Ein dicker Teppich dämpfte seine Schritte, die Wände waren hüfthoch getäfelt, darüber hingen dicke dunkelrote Tapeten. Links in der Ecke standen zwei massive braune Schränke. Rechts protzte ein breiter, schwerer Schreibtisch, hinter dem ein gewaltiges Bullauge Licht hereinließ. Zwei Ledersessel dienten als Sitzgelegenheit. Finn ging zur Kommode, um das Papier herauszunehmen.

»Hast du es gefunden?« Arthur lehnte neugierig in der Tür.

»Der Raum gefällt mir.« Er nahm rasch das Papier und eilte zurück in den Verkaufsraum. Auf der Theke stand bereits ein Stapel Bücher, daneben lag ein aufgeschlagenes Heft.

»Ich werde dir gleich einen Titel nennen und du suchst das entsprechende Buch aus dem Turm heraus«, erklärte Arthur geduldig. »Wie sieht es bei dir mit dem Einpacken aus?«

»Du meinst wie ein Geschenk?«

»Wie ein Geschenk, richtig.«

»Kein Problem.« Finn wartete gespannt darauf, dass Arthur den ersten Titel vorlas. Der setzte sich eine Brille auf und tippte mit dem Zeigefinger auf die erste Zeile. »Pinocchio. Das kommt mir irgendwie bekannt vor.«

Für einen Moment verflog Finns Freude. Sein Missgeschick tat ihm noch immer leid. »Eine gute Wahl, wie ich finde«, meinte er mit gespielter Freude. Der Band steckte mitten im Stapel. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihn herauszuziehen. Dann schnappte er sich einen Bogen Packpapier und begann.

Arthur genoss die Gesellschaft seines Gastes. Es erinnerte ihn an die Zeit mit seinem Vater. Genau wie Finn heute hatte Arthur selbst oft im Laden ausgeholfen. Mit dem gleichen Eifer hatte er jede freie Minute hier verbracht. Und gab es einmal weniger zu tun, las er eine Geschichte nach der anderen, einige der Bücher besaß er sogar heute noch. Doch vieles hatte sich verändert. Die Fenster waren trüb geworden und die Rahmen brauchten dringend einen Anstrich. Drinnen sah es nicht besser aus. Die Handläufe waren abgegriffen und etliche Regale drohten, unter der schweren Last nachzugeben. Es wurde Zeit, dass ihm jemand zur Hand ging, um den Laden wieder auf Vordermann zu bringen.

»Fertig!«, rief Finn. Das eingepackte Buch hatte eher etwas von Faltkunst.

»Was ist das?«

Finn lachte. »Ich habe nicht gesagt, dass ich es gut kann.«

Arthur schnappte sich das Buch, entfernte das Papier und zeigte Finn, wie man es mit wenigen Handgriffen einpackte. Finn wickelte Paketband drumherum und Arthur schrieb die Anschrift des Empfängers darauf.

Nach und nach wurde der Bücherstapel kleiner. Pünktlich zum letzten Päckchen ertönte die Türglocke.

Ein Postbote in dunkelblauer Uniform betrat das Geschäft und begrüßte den Buchhändler mit Handschlag. Arthur drückte dem Boten Geld in die Hand und dieser verbeugte sich, nahm die Pakete für die Kunden, lüftete die Mütze zum Gruß und ging wieder. Die Türglocke schwang leise nach.

»Können wir jetzt die Pakete auspacken?«, fragte Finn, kaum dass die Tür wieder ins Schloss gefallen war.

»Meine Güte, wo nimmst du nur die Energie her?« Arthur schlurfte um die Theke herum und inspizierte die Aufschriften. Dann tippte er auf das größte Paket der neuen Buchlieferung und erklärte Finn, wo und wie die Atlanten einzusortieren waren. Der Junge ließ sich nicht lange bitten und hievte die Kiste zu den Regalen am Fenster. Dort schob er die Bücher im Regal zurecht, sodass genug Platz für die neuen war.

Das feine Klingeln der Glocke ertönte erneut. Dumpfe Schritte waren auf dem Holzboden zu hören, begleitet vom Klacken eines Gehstocks. Arthurs Freude verschwand schlagartig.

»Arthur, mein lieber Freund!« Die Stimme, die erklang, war hoch und überhöflich. »Ich hoffe, die Geschäfte gehen gut?«

Arthurs Blick zeugte von Abneigung und Verachtung. »Soweit gut. Was willst du, Nepomuk?«

Das kantige Gesicht seines Gegenübers verzog sich zu einem hämischen Grinsen. »Ich denke, du weißt, weshalb ich hier bin.«

»Und meine Antwort ist die gleiche wie immer. Ich habe das Buch nicht und kann es dir ebenso wenig besorgen.«

Der Fremde wippte auf den Gehstock gestützt vor und zurück. »Arthur, warum lassen wir diese Albernheiten nicht? Wir wissen beide, dass du es besitzt. Und wie für alles im Leben gibt es auch dafür einen Preis. Nenn ihn mir und ich werde ihn bezahlen.«

Arthur stieß die Luft verächtlich aus und stützte sich auf die Ladentheke. Nur mit Mühe konnte er seinen Unmut zurückhalten.