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Nach einem missglückten Start hat der fast zehnjährige Bruno einiges zu tun, seinen Ruf zu retten. Dabei ist er gerade erst mit seiner Familie in eine Hofgemeinschaft mitten in der Pampa gezogen. Mit auf dem Hof wohnen zum Glück Ellis und Gustav, die etwa in Brunos Alter sind und ihm nun beistehen. Doch wie nur konnte es passieren, dass sie sich gleich in einen Mutproben-Wettkampf mit den coolen Kids aus dem Dorf verstricken?
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Seitenzahl: 99
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Copyright © 2024 Tulipan Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Alle Rechte vorbehalten
Text: Valentina Brüning
Vermittelt durch die Agentur Charlotte Larat
rights & audio Strasbourg
Bilder: Maja Bohn
Vermittelt durch die Agentur Paula Peretti
ISBN 978-3-641-33026-2V001
www.tulipan-verlag.de
Inhalt
Eine letzte Prise Berlin oder manche nennen es Freiheit
Vollekanne Pampa
Frische Buletten
Wettschulden sind Ehrenschulden
Burkhards Hütte
Alle zusammen
Marmorkuchen und Schießgewehr
Feuer!
Ab gehts, Bulettenbande!
Eine letzte Prise Berlin oder manche nennen es Freiheit
WUMM. Scheppernd fällt die Hecktür eines riesigen Umzugswagens ins Schloss. »Et kann losjehn«, brummt ein großer, stämmiger Mann mit tätowierten Armen und gibt dem Lkw einen Klaps, als wäre er ein alter Gaul. Wer hätte gedacht, dass dieses Geräusch derartige Glücksgefühle in der Magengegend eines Zehnjährigen auslösen kann. Na gut, fast Zehnjährigen. Doch bei Bruno ist es genau so! Er ist bereit: Er hat ein Abschiedsfest in seiner Klasse gefeiert, dem Späti-Besitzer noch einen großen Vorrat an Pokemonkarten aus den Rippen geleiert, alle Computerspiele wieder bei der Bücherei abgegeben, sich von seinem Parcours-Trainer Dennis verabschiedet und ein letztes Mal bei seinem besten Freund Murat übernachtet. Jetzt fehlen zur Abreise nur noch Mama Laura, Papa Helge und Marla. Bruno sitzt bereits auf seinem Platz im Auto und wirft einen suchenden Blick durchs Fenster.
Draußen auf dem Bürgersteig tummeln sich die Freunde seiner Eltern. Mama kommt mit einer Topfpflanze, dem Plattenspieler und einer Kühltasche über der Schulter auf den Kombi zu.
»Kann das noch in die Mitte zwischen euch?«, fragt sie an Bruno gewandt und hält ihm den Plattenspieler durch das heruntergelassene Fenster entgegen.
»Klar«, antwortet Bruno und hievt das alte Ding über seinen Schoß in die Mitte der Rückbank.
Mit ihrer jetzt freien Hand öffnet Mama die Autotür und stellt die Topfpflanze in Brunos Fußraum und die Kühltasche auf seinen Schoß. »Schieb die mal weiter auf den Plattenspieler.«
Papa öffnet die Beifahrertür und setzt sich. »So, Leute, habt ihr euch von allen verabschiedet?«
Bruno verdreht die Augen: »Jaha, seit Stunden schon!«
»Ich wollte Ayla noch unsere neue Adresse geben«, erinnert sich Laura.
»Hab ich schon gemacht«, gibt Helge beschwichtigend zurück.
»Dann bleibt nur noch eine Frage!«, verkündet Bruno. »Wo bleibt Marla?«
Seine Eltern wechseln einen fragenden Blick.
»Ist ja gut, ich hol sie.« Bruno steigt aus dem Auto.
Er läuft die Straße runter und da steht Marla schon. Sie hat sich nicht großartig versteckt, sie schaut einfach die Manteuffelstraße hinunter, an deren Ende das Wasser im Kanal in der Sonne glitzert.
Bruno seufzt. »Da bist du ja! Komm wir wollen los.«
Marlas Lippen verziehen sich zu einem schmalen Strich und schon glitzert es auch in ihren Augenwinkeln. »Ärgert dich das nicht?«
Während Bruno noch überlegt, wovon sie redet, rollt eine Parade erbsendicker Tränen über ihre Wangen, dann platzt es unvermittelt aus ihr heraus. »Ich meine, die verfrachten uns einfach so in die Pampa. Das ist beinahe ein Grund, sich selbst zur Adoption freizugeben!«
»Ich glaub, das wird total super in Torfheide«, versucht Bruno ihr Mut zu machen.
»Torf-heide«, schnaubt Marla geradezu abfällig. »Was soll ich denn da? Ich bin ein City-Girl.«
»City-Girl«, gluckst Bruno belustigt. Als er ihren mahnenden Blick sieht, verstummt er. Etwas ernster schlägt er vor: »Vielleicht ist es auch cool, ein Pampa-Girl zu sein?«
»Hauptsache, du kommst mir nicht mit Pferdemädchen.«
»Wir haben doch da eh nur Ziegen!«, erwidert Bruno.
»Die lass ich sofort frei, wenn die nicht artgerecht gehalten werden.«
»Sag das bloß nicht Mama.«
Die beiden Geschwister lachen verschwörerisch.
»Marla, Bruno, kommt ihr?«, ruft Mama die Straße runter.
Marla verdreht die Augen, dreht sich auf dem Absatz um und marschiert Laura, Helge und dem vollgepackten Kombi entgegen. Bruno eilt ihr nach.
Als der klapprige Volvo endlich über das Kopfsteinpflaster der Reichenbergerstraße hoppelt, ruft Helge scherzhaft »Au Renoir, ihr Pappnasen«, durchs offene Fenster zu den winkenden Menschen auf dem Bürgersteig. Mama gibt Gas und lässt alle Fensterscheiben herunter.
»Noch eine letzte Prise Berlin für alle!«, verkündet sie. Von draußen schlägt ihnen eine Bullenhitze entgegen. Zäh wie Kaugummi schiebt sich der Verkehr übers Kottbusser Tor. Das Grollen der U-Bahnen, der Geruch von aufgeheiztem Asphalt, gemischt mit den Abgasen unzähliger, stehender Fahrzeuge. Von irgendwo schiebt sich eine Sirene durch die Straße, vor ihnen hupt die Taxifahrerin einen fluchenden Radfahrer an.
Völlig unvermittelt fängt Marla wieder an zu schluchzen. »Das werde ich alles so vermissen.«
Bruno lacht ungläubig. »Den Gestank, die Autos und die ganzen Deppen da draußen?« Auch ihre Eltern müssen sich das Lachen verkneifen.
»Boah, lacht ihr auch?!«, fragt Marla mit ernstem Entsetzen in der Stimme. »Ihr seid so schlimm. Warum kann man sich Familie nicht aussuchen?!« Sie verschränkt die Arme vor der Brust und starrt stoisch aus dem Fenster. »In Torfheide wartet bestimmt die totale Einöde auf uns«, brummt sie.
»Lass es uns doch Freiheit nennen«, schlägt Helge vor.
Mama biegt um die nächste Kurve und sie fahren an Brunos Grundschule vorbei. »Na, willst du Frau Sauer noch mal Tschüss sagen?«, fragt sie.
»Ganz bestimmt nicht!«, brummt Bruno.
»Recht haste«, bestätigt Helge. »Diese olle Frau Sauer soll mal lieber schnell in Rente gehen, anstatt noch weitere Kinder zu quälen.«
»Hoffentlich sind die Lehrkräfte an der Dorfschule nicht noch schlimmer«, tönt Marla.
»Also der Direktor, Herr Fries, war wirklich nett, als ich dich angemeldet habe.«
»Fries klingt aber fies«, feixt Marla.
»Du bist so ein Pessi«, tönt Bruno. Das Wort hat Marla ihm erst vor ein paar Tagen erklärt. Pessi steht für Pessimist und das beschreibt jemanden, der immer zuerst vom Schlechten ausgeht, anstatt vom Guten. Wenn man es genau nimmt, ist Marla der Oberpessi. Aber immerhin erzählt sie ihm lauter Zeug, das ein Neunjähriger sonst nicht wüsste. Die ganzen Worte waren im letzten Jahr das Einzige, was er Casper und seinen Dummi-Freunden entgegenzusetzen hatte. Marla hat ihn sogar manchmal nach dem Unterricht abgeholt. Alle Grundschüler schauen zu seiner Halbschwester auf und Bruno liebt sie ein bisschen dafür. Schließlich ist sie schon vierzehn. »Halb«-Schwester nur, weil sie nicht die gleichen Eltern haben. Denn Helge ist nur Marlas leiblicher Vater, aber Bruno nennt ihn trotzdem manchmal Papa. Und Laura ist nur Brunos Mutter, aber Marla nennt sie trotzdem manchmal Mama. Eigentlich sind sie daher sogar »nur« Stiefgeschwister, aber in Wahrheit ist ihnen das alles egal. Marlas leibliche Mutter ist Ärztin bei Ärzte ohne Grenzen, sie reist die ganze Zeit um die Welt und kommt nur zu Weihnachten sicher nach Hause. Alles andere ändert sich ständig. Brunos Vater ist Tontechniker und reist auch die ganze Zeit um die Welt, aber nicht, um Leute zu verarzten, sondern um den Ton bei Helene-Fischer-Konzerten richtig einzustellen. Bruno war schon auf so vielen Helene-Fischer-Konzerten, dass er sie nicht mehr zählen kann. Insgeheim ist Bruno sicher, Mama hasst Helene Fischer, weil sie ihr den Mann geklaut hat. Bruno liebt Helene Fischer, weil Mama nur deswegen mit Helge zusammengekommen ist. Auch wenn er seinen Papa natürlich manchmal vermisst. Helge und Mama sind schon ewig befreundet. Aber mit seinem Papa streitet Mama meistens. Mit Helge hat sie fast immer richtig gute Laune, ist entspannter, glücklicher. Und seit sie diese andere Familie letztes Jahr beim Campingurlaub in Arcachon kennengelernt haben, ist sowieso alles anders. Da fing nämlich eigentlich alles an.
Arcachon ist ein kleiner Ort in Südfrankreich, wo Mamas Schwester Carina eine Surfschule betreibt. Und weil Tante Carinas Hund Harry sofort anfängt zu kotzen, sobald man ihn auch nur für fünf Minuten in einen fahrbaren Untersatz setzt, kann sie quasi nie nach Deutschland reisen und erst recht nicht bis nach Berlin kommen. Das ist einfach zu weit für Harry. Deswegen springen Bruno, Marla, Mama und Helge jedes Jahr zu Beginn der Sommerferien in ihren vollgepackten Kombi – das sieht dann ungefähr so aus wie jetzt beim Umzug, abzüglich der Topfpflanze und dem Plattenspieler, die kommen natürlich nicht mit in den Urlaub. So rasen sie dann in einer Tour nach Südfrankreich. Und hätte Tante Carina nicht im letzten Jahr gleichzeitig Besuch von ihren Freunden Petros und Julia gehabt, die gerade bei einer Zwangsversteigerung einen Vierkanthof in Brandenburg gekauft hatten, wären sie jetzt vermutlich nicht da, wo sie alle gerade sind. Nämlich samt Umzugswagen auf dem Weg in die Pampa. Das Beste an Petros und Julia ist, dass sie eine Tochter namens Ellis haben. Sie hat andauernd eine neue, knallige Haarfarbe und den Kopf voller schwachsinniger Ideen. Sie hing den ganzen letzten Sommer an Marla und Marla an ihr. Sie kann gut klettern und weit springen. Sie hat schon viele Länder bereist und legt die Wahrheit gerne mal so aus, wie es ihr in den Kram passt. Bruno ist sicher, mindestens die Hälfte ist frei erfunden, aber das stört ihn nicht. Ellis’ Eltern jedenfalls haben für ihr Hofprojekt noch weitere Familien gesucht, die mitrenovieren und dann dort gemeinschaftlich einziehen. Julia ist Gemüsegärtnerin und Petros ist Ziegenbesitzer und stellt Käse her. Inzwischen haben sie noch eine weitere Familie gefunden. Gloria ist Tierärztin, Gonzalo ist Dachdecker und ihr Sohn heißt Gustav. Vielleicht könnte dieser Gustav ja sogar so was wie Brunos neuer bester Freund werden.
Eigentlich hat er natürlich Murat. Aber damit der nicht so allein in Berlin ist, wenn Bruno weg ist, haben sie ihn, von langer Hand geplant, mit Yessin angefreundet. Also wird es nur fair sein, dass Bruno sich in der Pampa einen neuen besten Freund sucht. Das wird bestimmt total einfach. Als Berliner ist man ja überall einer der Coolsten, wenn nicht sogar der Coolste! Vielleicht wird Bruno sogar Klassensprecher, oder Klassenclown, das wäre genauso gut. So oder so, in Torfheide wartet Großes auf ihn, so viel ist sicher.
»Wer will noch eine letzte Falafel von Sahara? Bruno, du?«, fragt Helge und reißt Bruno völlig aus seinen Gedanken. Plötzlich sitzt er wieder im Auto, die Blätter der Topfpflanze kitzeln ihn an der Nase und Helge holt ein in Alufolie verpacktes Falafelsandwich aus einer dünnen, weißen Plastiktüte im Fußraum des Beifahrersitzes.
»Ne–«, krächzt Bruno und will eigentlich Nein sagen, aber seine Stimme versagt einfach in der Mitte des Wortes und verwandelt es in ein weinerliches Piepsen. Helge wirft ihm einen prüfenden Blick über den Rückspiegel zu, Bruno guckt schnell aus dem Fenster. Was ist bloß plötzlich los? Seine Wangen sind ganz heiß, die Hände schweißnass.
Das ist bestimmt die Aufregung. Oder dieser Abschiedsschmerz, von dem alle die ganze Zeit gesprochen haben. Mit dem hat Bruno nun wirklich überhaupt nicht gerechnet. Wegen einer Falafel?
Ganz schön komisch, was Gefühle so alles mit einem anstellen. Bruno würde seine eigenen am liebsten mit einer App steuern, das wäre das Allerbeste. Nie wieder peinliche Momente, weil man im falschen Moment anfängt zu stottern oder rot anläuft wie eine Tomate. Wenn seine Aufregung so richtig schlimm ist, entfährt ihm auch manchmal ein Pups. Vor Fremden ist ihm das zwar peinlich, aber auch ein bisschen egal, aber Aufregungspupsen vor Leuten, die man kennt?! Das ist der Untergang.
Androide müsste man sein, dann hätte man nämlich zusätzlich zur totalen Kontrolle über den eigenen Körper auch noch das absolute Wissen. Das wäre der Oberhammer.
Mama drückt auf die Hupe. »Jetzt fahr doch, du Flachzange, oder soll ich dich um die Kurve tragen?! Diesen Deppen-Verkehr werde ich auf jeden Fall nicht vermissen.« Das Auto vor ihnen gibt plötzlich Vollgas und rast mit quietschenden Reifen davon.
»Ich auch nicht«, murmelt Helge.
»Ich werde die vollen U-Bahnen nicht vermissen«, fällt Bruno ein.
»Und du, Marla? Was wirst du nicht vermissen?«, fordert Mama sie auf.
