Bullet Catcher - Jack - Roxanne St. Claire - E-Book

Bullet Catcher - Jack E-Book

Roxanne St. Claire

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Beschreibung

Der ehemalige Bullet Catcher Jack Culver arbeitet als Privatermittler an einem brisanten Fall. Vor dreißig Jahren wurde eine Frau wegen Mordes angeklagt und verurteilt, obwohl sie unschuldig war. Nun glaubt Jack, den wahren Mörder gefunden zu haben. Aber um ihn überführen zu können, braucht er die Hilfe seiner ehemaligen Chefin Lucy Sharpe - die Frau, die er nie vergessen konnte.

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Seitenzahl: 421

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ROXANNE ST. CLAIRE

BULLET CATCHER

Jack

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Kristiana Dorn-Ruhl

Inhalt

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

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20

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Epilog

Danksagung

Impressum

Für Micki Nuding, die ich seit meinem ersten Buch ganz eigennützig als »meine« Lektorin bezeichne. Zehnmal schon habe ich mein Bestes gegeben, zehnmal hat sie es vervollkommnet. Ihr Blick fürs Detail ist untrüglich und unbestechlich, und ihre Begeisterung – und die eine oder andere Träne der Rührung – entschädigt mich immer wieder aufs Neue für all die Monate harter Arbeit. Ich meine es absolut ernst, wenn ich sage, dass ich ohne sie verloren wäre. Sie begleitet mich auf jeder Seite, bei jeder Entscheidung – und außerdem kann man verdammt gut mit ihr Schuhe kaufen gehen.

Prolog

Camille-Griffin-Graham-Strafvollzugsanstalt

Columbia, South Carolina

1984

Eileen Staffords Zellentür sprang scheppernd auf. Es war halb sieben Uhr morgens. Sie blinzelte schlaftrunken und drehte sich auf ihrer Pritsche herum. Vor ihr stand der Wärter, den alle Insassen nur »Böser Blick« nannten, und starrte aus seinen schwarzen Augen auf sie herab.

Einen kurzen, irren Moment lang rechnete Eileen damit, in die Freiheit entlassen zu werden.

Miss Stafford, die Gerichte des Staates South Carolina haben Ihren Fall noch einmal eingehend untersucht und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass …

Ihre Fantasie endete mit dem Einrasten der Handschellen, die sich um ihre schmalen Gelenke schlossen. Böser Blick führte sie am Ellbogen nach draußen. Die Hoffnung zerstob an diesem Ort ebenso schnell wie die Tagträume, die sie am Leben erhielten.

Schweigend schritten sie durch einen schwach beleuchteten Flur auf einen Schalter zu, wo Böser Blick dem Wärter etwas zumurmelte, das dieser mit Überraschung quittierte. Dann öffnete sich die Außentür; kühle Herbstluft umfing Eileen und drang über ihren gefesselten Handgelenken in die Ärmel ihres grauen Overalls.

Erneut keimte Hoffnung in ihr auf. Vielleicht hatte endlich jemand herausgefunden, wer Wanda Sloane wirklich ermordet hatte. Warum sonst sollte man sie um diese Uhrzeit aus dem Schlaf reißen? Vielleicht war ein neuer Hinweis aufgetaucht, oder ein Zeuge hatte ausgesagt.

Hastig schlurfte sie mit ihren viel zu großen Pantoffeln über den betonierten Weg, und doch fiel es ihr schwer, mit Böser Blick Schritt zu halten, während sie im trüben Dämmerlicht einen trostlos grauen Bau nach dem anderen passierten.

Vor einem eingezäunten Grundstück blieben sie schließlich stehen. Der Bungalow war frisch gestrichen, die Fenster blitzten und rundherum wuchsen Sträucher und Büsche. Das musste das Büro des Anstaltsleiters sein.

Entgegen jeglicher Vernunft verspürte sie wieder Hoffnung in sich aufkeimen. Vielleicht hatte eines der Mädchen …

Nein. Sie hatte ihre Töchter für immer verloren, drei Samen, vom Wind davongetragen, und sie konnte nur noch beten, dass die Mädchen mit ihren sieben Jahren ein behütetes Leben lebten und nie erfuhren, was die Frau, die ihnen das Leben geschenkt hatte, einst getan hatte, und warum.

Ihr Begleiter hämmerte gegen die Tür. Eileens Herz raste.

Sie sah ihn verstohlen von der Seite an. »Was … was ist denn los?«

Sein Blick war voller Verachtung. »Besuch.«

Sie hatte nie Besuch. So gut wie nie.

Vielleicht ein Verteidiger? Ein richtiger Verteidiger, nicht so einer wie der Versager, den sie für den Prozess bestochen und danach für immer aus Charleston verbannt hatten?

Die Tür wurde von einem Mann geöffnet, den sie noch nie gesehen hatte. Er war klein und untersetzt und trug eine Brille auf seiner pockennarbigen Nase.

»Sie können jetzt gehen«, sagte er zu Böser Blick und winkte Eileen ins Haus. »Und Sie gehen hier rein.«

Eileen blickte sich in dem leeren Eingangsraum um. Es gab weder einen Empfangsschalter noch Wärter noch andere Gefängnisinsassen. Nur Linoleum auf dem Fußboden und vier Türen.

Sie machte ein paar Schritte auf die Tür zu, die der Mann ihr zugewiesen hatte, und warf im Vorbeigehen einen raschen Blick in einen der anderen Räume. Er enthielt nichts weiter als eine Doppelpritsche mit zerwühlten Laken.

Oh Gott, ein Zimmer für Familienbesuche! Ihr Magen ballte sich vor Furcht zusammen, und sie fühlte sich benommen.

»Los, da rein«, sagte der Mann. »Er wartet schon auf Sie.«

»Tut mir leid, ich …«

»Rein jetzt in das verdammte Zimmer und Klappe halten! Er wartet auf Sie.«

Konnte es sein, dass tatsächlich er hierhergekommen war und diesen Mann bestochen hatte, um Sex mit ihr zu haben? Nachdem er dafür gesorgt hatte, dass sie für einen Mord büßte, den er begangen hatte?

Natürlich konnte das sein. Er war zu allem fähig.

Wortlos ging sie auf die Tür zu und hob ihre gefesselten Hände, um den Knauf zu drehen. Quietschend öffnete sich die Tür. Dahinter wurde abermals eine Doppelpritsche sichtbar – sie war leer. Eileen trat in den Raum, den Blick auf den Linoleumboden gerichtet.

»Hallo, Leenie.«

Er war es nicht selbst. Doch diesen Mann hasste sie beinahe genauso wie ihn. Sie sah auf und blickte in nussbraune Augen unter buschigen Brauen, die Augen, welche sie während ihres Prozesses hassen gelernt hatte. Im Zeugenstand hatte er eine Lüge nach der anderen aufgetischt, über den Abend, als er sie festgenommen hatte, über seine »Ermittlungen« voller gefälschter Beweise und lächerlicher Spekulationen und über ihr angebliches Geständnis.

Was mochte er noch von ihr wollen, nachdem man sie weggesperrt hatte, ohne die geringste Chance, jemals die Freiheit wiederzuerlangen?

Er lehnte sich an die Wand und maß sie mit kaltem Blick. »Wie wär’s mit einer Begrüßung?«

»Was wollen Sie von mir?« Die Worte brachen rau aus ihr heraus.

»Da du wahrscheinlich von der Außenwelt nicht viel mitbekommst, bin ich gekommen, um dir zu erzählen, dass der Staat South Carolina ein Wiederaufnahmeverfahren angesetzt hat.«

Eine Wiederaufnahme? Unwillkürlich stieß sie einen leisen Laut des Erstaunens aus. Eine zweite Chance?

Er schüttelte grinsend den Kopf. »Aber du kommst nie drauf, wer unter den handverlesenen sechs Richtern ist, die das Verfahren leiten werden.«

Nein, doch keine zweite Chance. »Als ob mich das überraschen würde.« Das passte bestens in seinen Karriereplan.

Ihr Besucher lachte wieder und griff in die Tasche seines teuren Jacketts. »Ich habe da etwas, das dich sehr wohl überraschen wird, Eileen.« Er förderte etwas zutage, das wie ein kleines, weißes Stück Papier aussah. »Ich möchte dir ein Foto zeigen.«

Sie hob das Kinn. »Von was?«

»Nicht von was. Von wem.« Er drehte das Blatt um.

Zuerst sah sie nur Grün und Rot, ein Gewirr aus Mustern und Glitzer. Dann wurde ihr Blick klar. Und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Ein Mädchen, klein, blond, das mit sanften, staunenden Augen in die Welt sah … etwa sechs Jahre alt.

»Deine Tochter.«

Eine davon, dachte sie, und der Gedanke gab ihr Kraft. Sie wusste etwas, von dem er keine Ahnung hatte: nämlich, dass sie in jener dunklen Nacht weit draußen in Holly Hill noch zwei weitere Töchter zur Welt gebracht hatte.

Sie zwang sich, ihren hungrigen Blick von dem Foto zu reißen. Er sollte auf keinen Fall bemerken, was sie empfand. »Was ist mit ihr?«

»Sie wurde vor Kurzem adoptiert.«

Sie war vor sechs Jahren bereits adoptiert worden. Illegal. »Wann vor Kurzem?«

»Vor knapp einem Monat. Jemand …« Er hob eine Braue, um zu verdeutlichen, wen er meinte. »… hat sie aus dem Waisenhaus geholt und unter seine Fittiche genommen.«

Er hatte sie? Bei sich zu Hause? Neid und Wut machten sich in ihr breit. War es nicht schon schlimm genug, dass er sie in diese Hölle geschickt hatte? Musste er jetzt auch noch eines ihrer Mädchen zu sich nehmen? Sie zwang sich zu einem Achselzucken. »Warum erzählen Sie mir das?«

»Als Warnung, Eileen. Als schlichte, unverhohlene Warnung.« Er steckte das Bild wieder weg. »Solltest du beschließen, irgendjemandem gegenüber gesprächig zu werden, wird sie das nächste Weihnachten nicht erleben. Außerdem weißt du jetzt, wer das Wiederaufnahmeverfahren leitet. Du solltest ihr Leben nicht sinnlos vergeuden.«

»Ich vergeude stattdessen meines.«

Er grinste. »Genau. Und so soll es auch bleiben … Leenie.«

Dass er sie so ansprach, war kein Zufall, im Gegenteil. Er wollte sie daran erinnern, dass er im Namen ihres Exliebhabers sprach, des Mistkerls, der sie gezwungen hatte, ihren größten Schatz wegzugeben und, als wäre das noch nicht genug, ihr auch noch einen Mord angehängt hatte.

Eileens Besucher ließ sie ohne ein weiteres Wort stehen, und sie ließ sich auf eine der dünnen Matratzen sinken.

Einer von sechs Berufungsrichtern. Er wollte ganz nach oben, und zu diesem Zweck war ihm jedes Mittel recht, selbst seine Frau hatte er danach ausgesucht.

Solange sie hier in Camp Camille für seinen Mord einsaß, konnte ihm nichts passieren. Und das würde sie tun, zum Wohle dieses Mädchens auf dem Foto und deren beiden Schwestern.

Doch … was, wenn … eines Tages, irgendwann in ferner Zukunft, diese Mädchen nach der Wahrheit suchen würden? Was, wenn sich eine von ihnen als Schutzengel erwies, der für sie vom Himmel kam und der Welt verkündete, dass sie unschuldig war? Dann wäre er gezwungen, seine Verbrechen zu gestehen. Eines fernen Tages …

Eileen schloss die Augen und versuchte, die Wunschfantasie festzuhalten, die sie am Leben erhielt, doch schließlich konnte sie nichts anderes mehr tun, als aus Reue und Schmerz aufzuschluchzen, mit dem leeren Herzen einer Mutter, die ihre Töchter so sehr liebte, dass sie ihr Leben für sie aufgegeben hatte.

Es gab keine Schutzengel. Es gab nur den Teufel, und er war allmächtig.

1

Astor Cove, New York

The Hudson River Valley

Spätsommer 2008

Lucy Sharpe wurde von Schüssen geweckt, die aus der Ferne zu ihr drangen. Sie kamen in einer regelmäßigen, endlosen Abfolge, und die Knallerei machte jeden Schlaf unmöglich.

Splitterfasernackt, hellwach und stinksauer schwang sie sich aus dem Bett und ging zum Fenster. Wer bitte schön machte morgens um drei Uhr Schießübungen?

Sie spähte auf das Trainingsgelände, das in ein paar Hundert Metern Entfernung lag. Ein paar Sicherheitslampen an der Umzäunung warfen gelbe Kreise auf den Boden, doch sonst lag alles im Dunkeln. Es gab nur einen Mann, der den Nerv hatte, so etwas zu tun: Jack Culver, Meister in der Kunst, an Orte zu gelangen, an denen er nichts verloren hatte.

Sie widerstand dem Drang, sich nach ihrem verlassenen Bett umzuschauen. Stattdessen schnappte sie sich die Hose ihres Satinpyjamas und schlüpfte hinein, um sich dann das passende Oberteil überzustreifen.

Während sie ihr langes Haar aus dem Halsausschnitt hob, nahm sie ihre Glock 23, prüfte das Magazin und verließ dann den Raum. Barfuß, bewaffnet und wild entschlossen, dem verdammten Mistkerl einen gehörigen Schrecken einzujagen, tapste sie durch den langen, dunklen Flur, der ihre Privaträume mit dem Rest der tausend Quadratmeter großen Villa verband.

Wieder ertönte ein Schuss.

Dabei hatte er ein für alle Mal sein Recht verwirkt, Schusswaffen zu benutzen. Im Erdgeschoss entschärfte sie die Alarmanlage in der Küche und trat in die Nacht hinaus. Der Steinpfad fühlte sich kühl an unter ihren Füßen, während sie lautlos am Gästehaus vorbeiging. Diese kleinere Kopie ihrer Tudor-Villa lag im Dunkeln. Alle Bodyguards und Sicherheitsexperten, die zurzeit zu Trainingszwecken oder Besprechungen im Hauptquartier verweilten, schliefen.

Ein weiterer Schuss. Alle schliefen, bis auf einen.

Die Schüsse erfolgten jetzt in größeren Abständen. Vermutlich benutzte er nun eine .45er und wurde durch seinen versteiften Abzugsfinger und die Blockade in seinem Kopf gebremst. Das Echo verriet ihr, dass er auf dem Schießplatz hinter dem zweistöckigen Ausbildungs- und Trainingsgebäude mit den Seminarräumen und Simulationskabinen zugange war.

Gegen alle Regeln. Ihrem Zorn zum Trotz. Das war typisch Jack.

Als sie vorsichtig um den Bau herumschlich, sah sie die Silhouetten der Zielobjekte, fünf davon feststehend, die anderen an Schnüren befestigt und beweglich. Sie hörte, wie er die halb automatische Waffe spannte, die er weder tragen noch abfeuern durfte, und in Position ging.

Mit vorgehaltener Glock schlich sie weiter, den Blick auf das mittlere der beweglichen Ziele gerichtet. Wenn sie den Pappkameraden mitten ins Herz traf, würde Jack sofort begreifen, dass er aufhören sollte. Sie ließ gerade den Finger über den Abzugshebel gleiten, als der Mond hinter einer Wolke hervorkam und silbriges Licht auf den Schießstand warf … und auf Jack.

Lucy konnte nicht mehr wegsehen. Sie konnte kaum noch atmen.

Sein dunkles Haar fiel ihm auf die breiten, nackten Schultern herab, darunter konnte sie seinen glatten, modellierten Rücken erkennen. Breitbeinig aufgestellt, hielt er die Waffe mit sicherer, starker Hand. Er trug nur Jeans, die tief auf seinen schmalen Hüften saßen und sich eng an seinen festen, prallen Hintern schmiegten.

Sie schloss die Augen und drückte ihr erhitztes Gesicht an die kühle Steinwand, die Gedanken erfüllt von diesem Anblick.

Moment mal. Irgendetwas stimmte nicht an diesem Bild …

Jack schoss mit der linken Hand.

Sie lugte noch einmal um die Hausecke, um sich zu vergewissern. War das nicht wieder unfassbar arrogant, stur und dumm? Glaubte er denn, sie würde ihre Meinung ändern und ihn wieder eine Waffe tragen lassen, bloß weil er mit der anderen …

Der Schuss krachte, und der Pappkamerad hing mit einem Herzschuss tot in seinem Seil.

Okay – jeder konnte mal Glück haben. Jack sowieso. Mit gesenkter Waffe schaute sie weiter zu.

Er feuerte – und traf in den Kopf. Er feuerte wieder – und traf direkt ins Herz. Er feuerte – und traf die Nieren. Feuerte – genau zwischen die Augen.

Dann senkte er die Pistole und stieß, das schimmernde Mondlicht auf seinem schwarzen Haar, einen kurzen, triumphierenden Schrei aus. Der Laut traf Lucy unvorbereitet, und wider Willen war sie berührt davon.

Dabei verabscheute sie diesen Mann, der um ein Haar einen ihrer besten Leute getötet hätte und den sie deshalb gefeuert hatte. Und doch, trotz ihres tief sitzenden Grolls, und obwohl sie geschworen hatte, ihn nie wieder zu einem Bullet Catcher zu machen … Sosehr sie auch diese lang zurückliegende Nacht bereute, als sie ihn tatsächlich ein einziges Mal an sich herangelassen hatte – so wenig konnte sie dagegen tun, dass sie erneut so etwas wie Respekt für ihn empfand.

Er hatte sich selbst das Schießen mit der linken Hand beigebracht, und zwar verdammt gut.

Glaubte er wirklich, er könnte sie damit umstimmen? Und seinen alten Job wieder bekommen?

Doch nicht im Ernst, Jack.

Er durfte nur aus einem einzigen Grund hier sein, da er Informationen zu ihrem aktuellen Fall beisteuern konnte. Und die Besprechung war für morgen früh angesetzt. Sehr früh.

Noch einmal genoss sie den Anblick seines halb nackten Körpers im Mondschein, ehe sie sich auf den Rückweg machte, ebenso lautlos, wie sie gekommen war.

An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken.

Sie huschte an dem Trainingsgebäude entlang, in Gedanken bereits bei der morgigen Besprechung. Jack würde mit Sicherheit wieder …

Eine Hand schnellte in ihr Gesicht, sie wich zurück und hob sofort die Waffe, die ihr jedoch im selben Moment aus der Hand geschlagen wurde. Sie holte mit dem Ellbogen aus, um den Angreifer in die Kehle zu treffen, doch der duckte sich genau im richtigen Augenblick weg.

Lucy krümmte sich, um zu einem Tritt auszuholen, doch der Mann wirbelte sie mühelos herum und presste sie mit dem Rücken gegen die Wand. Sie stieß ein erschrockenes Keuchen aus.

Starke, routinierte Hände fixierten sie an der Wand. »Sie wollen schon wieder gehen, Ms Sharpe?«

»Du Scheißkerl!«

»Ich liebe dich auch, mein Schatz.«

Obwohl er einen Meter achtundachtzig groß war und neunzig Kilo Muskelmasse auf die Waage brachte, hätte sie ihn besiegen können. »Ich kenne zehn verschiedene Tricks, um dich fertigzumachen.«

Er lachte leise. »Du machst mich sogar fertig, Süße, wenn du nur still dastehst.«

Natürlich musste er dem Ganzen eine anzügliche Note geben. »Wenn du nicht sofort deine verdammten Hände von mir nimmst, Jack, verpass ich dir einen Tritt, den du so schnell nicht vergessen wirst.«

Sein Gesicht strahlte die pure Verführung aus, und seine nachtblauen Augen blitzten spöttisch. Er stellte sich ebenso breitbeinig auf wie vorhin am Schießstand und bot ihr damit ungehinderten Zugang zu seinem Schritt. Bei der Bewegung strich er mit dem Becken über ihre Satinhose, eine elektrisierende Berührung.

»Los! Zeig mir deinen besten Kniestoß!«

Ihr Körper spielte ihr einen Streich – anstelle von Kampfeswut wurde sie von heißen Wellen erfasst.

»Du pokerst verdammt hoch, Culver.«

Seine Augen verengten sich, während er sie an die Wand drückte, den Oberkörper fest gegen sie gepresst, das Becken gefährlich nahe an ihrem. »Und so wie es aussieht, habe ich gerade die besseren Karten. Wie gefällt dir das?«

»Falls du keinen Wert darauf legst, dass ich dir bestimmte empfindliche Teile zerquetsche, solltest du mich loslassen.«

»Es ist so verdammt hart …« Er verstummte und senkte seinen Blick auf ihren Mund, ehe er sich noch ein paar Zentimeter vorschob, wie um ihr zu zeigen, wie hart es war. »… hier deine Aufmerksamkeit zu gewinnen.«

»Das liegt daran, dass ich arbeite. Ich habe eine Firma zu leiten, und du raubst mir auch noch den nötigen Schlaf.« Sie presste sich fester gegen die Wand, um nicht dem Impuls nachzugeben, sich gegen ihn zu drängen.

Nur einmal. Hier draußen im Dunkeln. Nur noch ein einziges Mal.

»Wir reden morgen darüber, Jack. Bei der Besprechung wirst du meine volle Aufmerksamkeit bekommen.«

»Aber jetzt habe ich sie auch.«

Sie schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht, um ihn besser ansehen zu können. »Ich gebe dir fünf Sekunden, um mich loszulassen.«

»Die werde ich nutzen …«

»Vier.«

Er sah sie mit verschleiertem Blick unter leicht gesenkten Lidern an. »Um dich um einen Gefallen zu bitten.«

»Drei.«

»Du weißt, dass ich die Spannung bis zur letzten Sekunde ausreizen kann.«

»Du weißt, dass ich deine Eier zermalmen werde, so wie dieser Junkie es mit deinem Abzugsfinger getan hat.«

Er warf ihr einen gefährlich finsteren Blick zu. »Meinen alten Abzugsfinger.«

»Ich weiß, ich habe dich beobachtet. Aber damit kannst du mich nicht beeindrucken. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass dein einziger Abzugsfinger für immer unbrauchbar ist. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass du es irgendwie geschafft hast, diese Geschichte aus deiner Personalakte der New Yorker Polizei zu löschen, und mich darüber belogen hast.«

Er fuhr mit dem Finger über die Haut hinter ihrem Ohrläppchen, und sie spürte, wie sie vom Hals bis zu den Zehen ein Schauder durchlief.

»Mein Abzugsfinger funktioniert wunderbar.« Er blickte hinunter auf die Stelle, wo sie gegen ihren Willen auf ihn reagierte. Ihre harten Brustwarzen drückten sich unter dem dünnen Satin ab. »Er macht dich scharf.«

Sie versetzte ihm einen heftigen Stoß. »Hör auf!«

Mit einem Lächeln lehnte sich Jack zurück, ohne die Hand von ihrer Schulter zu nehmen. »Da du nun schon einmal hier bist, können wir uns doch unterhalten.«

»Ich geh wieder ins Bett.«

»Da komm ich mit.« Auf ihren Blick hin grinste er. »Den Weg entlang, meine ich.«

So machte er es immer. Er verschaffte sich Zugang zu Orten, an denen er nichts zu suchen hatte, und im Nu hatte er die Dinge in der Hand. »Nein.«

»Wie wäre es dann mit einem kleinen Wettbewerb unter Freunden?« Er bückte sich, um ihre Waffe aufzuheben. Als er sie ihr reichte, strich er mit seiner Hand über ihre Haut. »Meine linke gegen deine rechte Hand?«

Ein Nein würde er ohnehin nicht hinnehmen. »Ich kann dich doch nicht so übervorteilen, Jack.«

»Aber klar doch. Komm!« Er nickte in Richtung des Schießstands. »Wir werden viel Spaß haben.«

Das mit Sicherheit. Ein nächtliches Duell wäre zwar in jeder Hinsicht falsch und unvernünftig – aber Spaß machen würde es. »Nein.«

»Du hast Angst, dass ich dich besiege.«

Sie schnaubte leise.

Er beugte sich näher zu ihr. »Aber der Preis für den Sieger wird dir gefallen.«

Seine raunende Stimme ließ ein Gefühl in ihr aufwallen, das sie jetzt gar nicht brauchen konnte. »Und der wäre?«

»Hm, lass mich nachdenken. Nehmen wir etwas Spannendes, aber … Ungefährliches.«

Mit ihm war nichts ungefährlich.

»Wie wär’s mit …« Er führte sie bereits zum Schießstand. »Der Sieger darf alles mit dem Verlierer machen … aber nur vom Hals an aufwärts.«

Sie lachte. »Vom Hals an aufwärts.«

»Ja.« Er führte sie zu den Übungszielen. »Wenn du gewinnst, darfst du alles mit mir machen, vom Hals an aufwärts. Du darfst mir auf die Ohren hauen oder mich an den Haaren ziehen. Du darfst …«

»Ich hab’s kapiert.«

»Mich knutschen.«

»Wir können nicht …«

»Aber wir könnten.«

»Aber wir können kein Turnier veranstalten, weil ich nicht genug Munition habe.«

Er wandte sich einem Tisch zu, auf dem er verschiedene Waffen und Magazine ausgelegt hatte. »Hab hier zufällig ein Glock-Magazin.«

Er hatte das Ganze also von langer Hand geplant.

»Wir machen es so«, fing er an, »drei Ziele, drei Runden und vierundzwanzig Schüsse auf zehn Meter.«

»Na gut.« Sie schob das Ersatzmagazin in den Gummibund ihrer Hose und nahm ihre Schussposition ein. »Ich werde dir jetzt zeigen, wer der Chef im Ring ist. Und dann werde ich wieder ins Bett gehen.« Und zwar allein.

Am anderen Ende der Schießbahn rasteten die Scheiben ein. Ohne Luft zu holen, legte sie an, zielte und drückte achtmal ab. Der dritte Schuss wich einen Millimeter vom Ziel ab, doch alle anderen waren Volltreffer.

Jack feuerte achtmal. Und traf ohne die leichteste Abweichung.

Keiner von beiden sagte ein Wort.

Sie schüttelte ihre Hand aus, schoss das Magazin leer, lud nach, spannte und drückte erneut achtmal ab. Ohne zu verfehlen.

Er tat es ihr nach und verfehlte nur einen Schuss leicht.

»Unentschieden«, verkündete er. »Und jetzt gleichzeitig.«

Ihr Blick bohrte sich in das Ziel, und sie setzte die Glock an. Jack neben ihr tat das Gleiche.

»Feuer«, befahl er.

Sie drückten gleichzeitig ab, und das Donnern der Schüsse hallte über die Berge, ehe es in der Nacht verklang.

Sie verfehlte einmal, während er ein fünf Zentimeter großes Loch in das Zentrum der Scheibe schoss.

Lucy senkte die Waffe. »Nicht schlecht.«

Er schob die Pistole in den Bund seiner Jeans und nahm dann ihre Glock, um sie zu den anderen auf den Tisch zu legen.

»Und jetzt zur Preisverleihung«, sagte er leise und wandte sich ihr zu.

Ein Gefühl der Vorfreude breitete sich in ihr aus, das sie schaudern und einen halben Schritt zurückweichen ließ, als er die Hände zu ihrem Gesicht erhob.

Selbst wenn sie wollte, hätte sie nicht Nein sagen können.

»Oberhalb des Halses findet man …« Starke, warme Hände legten sich um ihre Wangen und schoben ihr Gesicht in seine Richtung. Bis auf ein leises Zwinkern in den Augen sah er todernst aus. Und unglaublich verführerisch. »Viele schöne Dinge.«

Gegen ihren Willen teilten sich ihre Lippen. Sie würde das jetzt durchziehen: Jack Culver küssen, seine Zunge in ihrem Mund spüren, seinen Körper an ihrem – und dann gehen. Sie hatte über alles die volle Kontrolle, einschließlich ihrer Libido.

So unwiderstehlich war schließlich niemand.

Ihre Lider schlossen sich langsam, während er sein Gesicht zu ihr herabsenkte. Sie spürte seinen Atem an ihrem Mund und seine Finger an ihrem Haaransatz. Doch er küsste sie nicht. Stattdessen schob er seine Finger in ihr Haar und fuhr langsam und sanft mit einem Seufzer unverhohlenen Genusses bis zu den Spitzen hindurch.

»Bist du jetzt fertig?«

»Hm, nein.« Er nahm ihr Kinn und drehte ihr Gesicht, um mit den Lippen über ihre Wange zu streichen. Einmal durch das Haar fahren und ein Küsschen auf die Wange? Dabei würde Jack es doch sicher nicht bewenden lassen.

Ein Gefühl der Enttäuschung senkte sich wie ein kühles Laken auf sie herab.

Lucy verkrampfte sich und wollte sich schon zurückziehen, als er den Mund auf ihr Ohr legte.

»Alles, was mich oberhalb von deinem Hals interessiert, Lucy Sharpe, ist dein Verstand. Dieser unglaublich scharfe Wahnsinnsverstand, der uns andere immer wieder verdammt alt aussehen lässt.«

Sie rührte sich nicht, und die Empfindungen, die seine Worte in ihrem Ohr auslösten, setzten sich bis in die Zehenspitzen fort.

»Weißt du, was ich an deinem Verstand am meisten liebe?«

Das Wort »liebe« ließ ihr Herz kurz hüpfen, doch sie regte sich nicht. »Keine Ahnung.«

»Dass er offen ist.« Jack unterstrich den Satz, indem er mit seiner Zunge ganz leicht ihr Ohrläppchen berührte und damit einen erneuten Funkenflug auslöste, der genau diesen Verstand lahmlegte, den er gerade bejubelte.

»Offen für alle Möglichkeiten, ganz gleich wie absurd, unglaublich oder unrealistisch sie dir auch im ersten Moment erscheinen mögen.«

Sie drehte leicht den Kopf, um ihm ins Gesicht zu sehen. So nah, wie er war, konnte sie jede Wimper zählen und jeden Bartstoppel, und doch war sie noch weit genug entfernt, um sich dem Sog seiner Anziehungskraft entgegenzustemmen.

»Was meinst du damit?«

»Wenn ich morgen die Beweise im Fall Stafford präsentiere, möchte ich, dass du sie dir offen und unvoreingenommen ansiehst.« Er schwieg und beugte sich dann näher zu ihr, um ihr den Rest ins Ohr zu flüstern. »Ganz gleich was ich erzählen werde.«

»Ich bin immer offen und unvoreingenommen.«

»Das werde ich morgen überprüfen.«

Sie entzog sich ihm. »Wie willst du das anstellen?«

»Das wirst du schon sehen.«

Schlagartig nahmen ihre Synapsen erneut die Arbeit auf, und ihr Verstand funktionierte wieder einwandfrei. »Deshalb hast du das alles inszeniert? Du hast dieses ganze Theater veranstaltet, weil du genau wusstest, dass ich hier auftauchen würde – nur um mich zu bitten, offen und unvoreingenommen zu sein?« Das kaufte sie ihm nicht ab, nicht für eine Sekunde.

»Genau. Es sei denn, du möchtest lieber noch ein bisschen in den Wald gehen und mit mir fummeln.«

»Wofür soll ich denn offen und unvoreingenommen sein? Hast du eine Theorie, was den Mord angeht?«

Jack trat zur Seite, um ihre Waffe zu holen. »Hier, Luce.« Er reichte ihr die Glock und strich dabei abermals wie zufällig über ihre Haut. »Du holst dir jetzt besser noch eine Mütze Schlaf. Aber sei vorsichtig auf dem Weg zurück zum Haus. Hier sind überall Wölfe.« Er zwinkerte ihr zu und verschwand in der Dunkelheit.

Drei Stunden später saß Lucy immer noch an ihrem Schreibtisch über den Akten und dreißig Jahre alten Prozessprotokollen aus Eileen Staffords Verfahren, als ihr zum zweiten Mal in dieser Nacht der Atem stockte.

Sie blickte ungläubig das Foto an, drehte es um und ließ dann ihren Blick zu der Liste der Namen wandern, die sie auf einen Klebezettel geschrieben hatte.

»Kein Wunder, dass er Offenheit und Unvoreingenommenheit von mir fordert.« Sie setzte ein schiefes Lächeln auf.

Jack, der charmante Schelm, der ebenso furcht- wie schamlos war und der genau wusste, wo ihre wunden Punkte lagen. Jack, der unerbittliche Sturkopf und brillante Ermittler, der sich wie kein anderer auf kriminalistische Feinarbeit verstand.

Nur dass ihn seine außergewöhnliche Scharfsicht immer wieder in Bedrängnis brachte.

Wenn er tatsächlich mit seiner Annahme recht hatte – was würde er daraus folgern? Was würde er unternehmen?

Es schüttelte sie beim Gedanken an die Konsequenzen.

Lucy strebte nach Wahrheit und Gerechtigkeit, Jack hingegen wollte Rache. Das war der fundamentale Unterschied zwischen ihnen.

Sie drehte das Bild noch einmal um und las die Namen, die sie notiert hatte, vor allem den einen, den sie insgeheim längst wieder von der Liste gestrichen hatte.

Jack wollte viel mehr als nur Unvoreingenommenheit von ihr. Er brauchte ihre Verbindungen. Für Ermittlungen dieser Größenordnung musste er in Kreise vordringen, zu denen nur sie ihm Zugang verschaffen konnte.

Jack wusste das und nutzte es aus. Er nutzte sie aus.

Aber das war nur fair. Denn es war kaum ein Jahr her, da hatte er sie all die Schmerzen und Ungerechtigkeiten ihres Lebens für eine Nacht vergessen lassen. Damals hatte sie ihn ausgenutzt.

Lucy war ihm also etwas schuldig. Und wenn er recht hatte, würde diese Sache in die Geschichte eingehen. Nein, sie würde die Geschichte umschreiben.

Jack wusste nur zu gut, womit man sie am besten ködern konnte.

2

Die sonst stets makellos saubere und aufgeräumte Hightech-Kommandozentrale von Bullet Catcher sah aus wie ein Saustall.

Akten, Papier, Karten, Kalender und vergilbte Zeitungen bedeckten den Tisch, und mitten auf dem Haufen prangte der Chefin liebstes Hassobjekt: eine Schachtel Donuts.

Jack sah zu, wie sich die Tür zu Lucys Büro langsam öffnete, und versuchte ihre Körpersprache zu deuten. Hatte sie tatsächlich getan, worüber sie vor wenigen Stunden gesprochen hatten?

Doch sie stand nur reglos im Türrahmen. Ohne ihre anmutig geschwungene Oberlippe zu schürzen oder eine sarkastische Danke-vielmals-Braue über ihren dunklen Mandelaugen zu heben. Ohne mit den Fingern durch ihr samtschwarzes Haar zu fahren, um in der einzelnen weißen Strähne zu verweilen, und angesichts des Chaos vor ihr verächtlich zu schnauben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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