But Beautiful - Erwin Wagenhofer - E-Book

But Beautiful E-Book

Erwin Wagenhofer

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Beschreibung

Wie könnte ein gutes, ein gelungenes Leben aussehen und wie können wir davon erzählen? But Beautiful – das Schöne (mit einem Aber davor) – steht im Zentrum des neuen Films und Buchs von Erwin Wagenhofer. Es erzählt von Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um eine zukunftsfähige Welt zu gestalten. Es kann doch nicht immer so weitergehen, es geht aber immer so weiter. Oder vielleicht doch nicht? Wo findet man Ansätze eines »anderen« Lebens? Was ist, so wie die Welt ist, dennoch schön? Davon erzählen der neue Film von Erwin Wagenhofer und das Buch, das er zusammen mit Sabine Kriechbaum geschrieben hat, But Beautiful. Wir begegnen den »Lichtbringerinnen« – Frauen, die nicht lesen und schreiben können und in nur sechs Monaten am Barefoot College in Indien zu Solar­ingenieurinnen ausgebildet werden. Sie gehen zurück in ihre Dörfer, bringen ›Licht‹ und verbessern damit die Lebensqualität. Wir begegnen den Grafs, die sich in La Palma ein von der Intensivwirtschaft verwüstetes Land gekauft haben und es in nur zehn Jahren in ein blühendes Paradies verwandelt haben. Oder Erwin Thoma, der die gesündesten Holzhäuser der Welt baut, in denen man weder Heiz- noch Kühlsysteme braucht. Wir begegnen Musikern aus Amerika, Kolumbien und Österreich, die uns Schönheit auf ihre Weise vermitteln. Und dem Dalai Lama und seiner Schwester Jetsun Pema … But Beautiful erkundet die altmodischen und so wichtigen Begriffe des Altruismus, der Achtsamkeit und des Mitgefühls und macht klar, dass in einer Welt begrenzter Ressourcen nur eines wachsen kann: die Qualität unserer Beziehungen.

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Seitenzahl: 209

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ZUM BUCH

Es kann doch nicht immer so weitergehen, es geht aber immer so weiter. Oder vielleicht doch nicht? Wo findet man Ansätze eines »anderen« Lebens? Was ist, so wie die Welt ist, dennoch schön? Davon erzählt But Beautiful.Wir begegnen den »Lichtbringerinnen«, den Frauen, die nicht lesen und schreiben können und in nur sechs Monaten am Barefoot College zu Solaringenieurinnen ausgebildet werden. Sie gehen zurück in ihre Dörfer, bringen ›Licht‹ und verbessern damit die Lebensqualität. Wir begegnen den Grafs, die sich in La Palma ein von der Intensivwirtschaft verwüstetes Land gekauft und es in nur zehn Jahren in ein blühendes Paradies verwandelt haben. Oder Erwin Thoma, der die gesündesten Holzhäuser der Welt baut, in denen man weder Heiz- noch Kühlsysteme braucht. Wir begegnen Musikern aus Amerika, Kolumbien und Österreich, die uns Schönheit auf ihre Weise vermitteln. Und dem Dalai Lama und seiner Schwester Jetsun Pema …

 

But Beautiful erkundet die altmodischen und so wichtigen Begriffe des Altruismus, der Achtsamkeit und des Mitgefühls und macht klar, dass in einer Welt begrenzter Ressourcen nur eines wachsen kann: die Qualität unserer Beziehungen.

ÜBER DIE AUTOREN

ERWIN WAGENHOFER, Jahrgang 1961, ist freischaffender Autor und Filmemacher. Sein Dokumentarfilm We Feed the World (2005) erreichte europaweit 800000 Besucher allein im Kino. Es folgten Let’s Make Money (2008), der Spielfilm Black Brown White (2011) und Alphabet (2013).

Wagenhofers Filme wurden mehrfach international ausgezeichnet, unter anderem erhielt er 2009 den Deutschen Dokumentarfilmpreis.

 

 

SABINE KRIECHBAUM, geboren 1969, Architekturstudium in Wien. Nach kurzen Ausflügen in die Welt der Architektur begann sie, für Theater und Film als Autorin und Produzentin zu arbeiten. Sie ist Co-Autorin von Alphabet (2013) und But Beautiful (2019) und Mitbegründerin der Imagine Film Cooperation (2016).

ERWIN WAGENHOFER SABINE KRIECHBAUM

BUT BEAUTIFUL

Nichts existiert unabhängig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VERLAG ANTJE KUNSTMANN

INHALT

Prolog – Sich hohe Ziele setzen

Vorgeschichte

»Music is just already here« oder »Effortless Mastery«

Aus der musikalischen Welt des New Yorker Pianisten Kenny Werner

Zwischentöne 1

Verbundenheit

»Barefoot College«

Die Frauen, die das Licht bringen

Zwischentöne 2

Verführung

Mario Roms Interzone

Von der Freude an der Musik und am Zusammenspiel

Zwischentöne 3

Schatten

»Der Weg und das Ziel ist das Lebendige«

Das konsequente Leben der Familie Graf. Permakultur als Haltung

Zwischentöne 4

Vorurteile

»Voice of a Woman«

Lucia Pulido, eine unglaubliche Stimme aus Südamerika

Zwischentöne 5

Vertrauen

»Krachend fällt der Baum – still wächst der Wald«

Erwin Thoma berichtet aus der größten Universität der Welt – dem Wald

Zwischentöne 6

Begegnungen

»Nothing exists independently«

Dalai Lama und Jetsun Pema, Reise nach Dharamsala

Epilog

Literatur- und Quellenverzeichnis

Dank

PROLOG – SICH HOHE ZIELE SETZEN

»Das Problem des Menschen ist nicht, sich zu hohe Ziele zu setzen und zu scheitern, sondern sich zu niedrige Ziele zu setzen und Erfolg zu haben.«

Michelangelo

Viele Jahre lang habe ich mich in meiner filmischen Arbeit mit den Dysfunktionen und Fehlentwicklungen der Welt beschäftigt. Zum einen schien es mir dringlicher und zum anderen ist es auch einfacher etwas zu zeigen oder zu erzählen, das nicht funktioniert oder sich in die falsche Richtung entwickelt hat. Jetzt ist es für mich an der Zeit, die schwierigere Herausforderung anzunehmen, mir mit But Beautiful ein hohes Ziel zu setzen: Wie könnte ein gutes, ein gelungenes Leben aussehen und wie könnten wir Bilder und Geschichten finden, die vom »schönen Leben« erzählen?

Das sind die ersten Gedanken, die ich Anfang 2015 für ein Papier formuliere, welches unter dem Namen »Projektentwicklung« den offiziellen Startschuss zu But Beautiful abgibt. Es ist Winter und nach gut eineinhalb Jahren auf Tour mit Alphabet in ganz Europa wollen wir daran gehen, etwas in die Welt zu bringen, was schon lange im Kopf Gestalt angenommen hat.

Wenn ein neuer Film dort anfängt, wo der vorhergegangene endet, sieht man in der eigenen Arbeit eine organische Kontinuität, die einem selbst erst hinterher bewusst wird.

Mein erster Kinofilm We Feed The World endet am Nordostufer des Genfer Sees, in dem malerischen Städtchen Vevey, im Headquarter des größten Lebensmittelkonzerns der Welt.

Keine zwei Gehminuten davon entfernt befindet sich die Talstation der Standseilbahn, welche hinauf auf den Mont Pèlerin führt und genau dort setzt der nächste Film Let’s Make Money an.

In eben dieser Standseilbahn schraubt sich eine Einstellung hinauf auf den Mont Pèlerin und endet im Hotel du Parc. Hier trafen im April 1947 bedeutende Denker des 20. Jahrhunderts zusammen, um über die Zukunft der Welt nachzudenken und gründeten zu diesem Zweck die Mont Pèlerin Society, einen bis heute einflussreichen Think Tank, auf den das Phänomen des Neoliberalismus zurückreicht.

Die letzte Einstellung von Let’s Make Money zeigt die Spuren russischer Soldaten, die diese im Keller des deutschen Reichstags hinterlassen haben. An die Wände geschriebene Notizen, Zeugnisse vom Ende des Naziterrors und somit des Zweiten Weltkriegs. Eine Schulklasse kommt von links ins Bild und marschiert unbekümmert an diesen Dokumenten vorbei in Richtung Kantine.

Dass der nächste Film, der fünf Jahre später in die Kinos kommen wird, Alphabet heißen wird und sich mit der Haltung hinter der Bildung eben dieser Jugendlichen beschäftigt, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, aber schon längst angelegt.

Und Alphabet wiederum zeigt in seinem letzten Bild einen Drachen, der vom Wind getragen im Himmel tanzend seine Spuren zieht, bis er aus dem Bild segelt und nur mehr eine blaue Fläche zurücklässt. Aus dem Off hören wir dazu den britischen Bildungsexperten Sir Ken Robinson einen letzten Gedanken sagen:

Es gibt drei Arten von Menschen auf der Welt: die, die unbeweglich sind, die, die beweglich sind, und die, die sich bewegen. Ich ermutige Sie, sich zu bewegen und einen Schritt vorwärts zu tun.

Robinson beendet mit diesen Gedanken nicht nur den Film Alphabet, sondern auch einen Vortrag aus dem Jahre 2008, den er in der Londoner Royal Society of Arts gehalten hat.

Und hier schließt sich vorerst der Kreis, denn bevor er diesen letzten Gedanken ausspricht, zitiert er den wohl bedeutendsten Künstler der italienischen Hochrenaissance, Michelangelo: »Das Problem des Menschen ist nicht, sich zu hohe Ziele zu setzen und zu scheitern, sondern sich zu niedrige Ziele zu setzen und Erfolg zu haben.«

Lange Zeit war auch dieser Satz in der Rohschnittversion von Alphabet enthalten, bevor er dem Feinschnitt zum Opfer fiel. Heute wird klar, warum: Die Zeit war noch nicht reif, und so wurde dieser Satz, dieser Gedanke zum Motto des aktuellen Projektes.

Der Film und das Buch tragen den Titel But Beautiful, ein »schön« mit einem »aber« davor. Wir wollten von Anfang an davon träumen, wie ein gutes, ein schönes und gleichzeitig sinnvolles Leben auf unserem blauen Planeten aussehen kann. Dazu braucht es nicht viel, wahrscheinlich nur einen Perspektivenwechsel, eine Veränderung der eigenen Position, der geistigen vor allem.

»Sich hohe Ziele setzen« meint, unser Licht zu sehen und nicht unsere Dunkelheit, unsere Kräfte ins Lebenszentrum rücken und nicht unsere Ängste; meint, die Welt als Ort der Fülle zu begreifen.

»Sich hohe Ziele setzen« meint zu verstehen, dass die Sonne in nur drei Stunden soviel Energie liefert, dass der Jahresenergiebedarf der gesamten Erdbevölkerung damit abgedeckt werden kann.

»Sich hohe Ziele setzen« meint, das Verbindende ins Zentrum zu rücken und das Trennende an den Rand; meint, wir haben 3,5 Milliarden Jahre gemeinsame Geschichte hinter uns, die für uns zugänglich ist, wenn wir die Sensibilität haben.

»Sich hohe Ziele setzen« meint, die Welt ist nicht determiniert, die Schöpfung ist nicht abgeschlossen, sondern passiert in jedem Moment, und wir können daran aktiv und kreativ teilnehmen, dazu lädt uns das Leben in jedem Augenblick ein.

»Sich hohe Ziele setzen« meint, die Welt besteht aus Beziehungen und es liegt an uns, wie wir diese Beziehungen leben und gestalten.

But Beautiful erzählt von Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um Beziehungen zu führen, um lebendig zu sein.

Der wunderbare österreichische Physiker und Mitbegründer der kybernetischen Wissenschaften Heinz von Förster war am Ende seines langen und schöpferischen Lebens davon überzeugt, dass die Zukunft jenen großen Geistern gehört, die Verbindungen sehen, die integrieren anstatt zu separieren.

Lassen Sie sich einladen und ermutigen, Veränderungen herbeizuführen, die in Ihren Händen und in Ihren Möglichkeiten liegen, auch wenn diese Veränderungen noch so klein erscheinen mögen. Diese Veränderungen vor allem der Beziehungen sind die wirklich hohen Ziele, und sie können in diesem Moment begonnen werden. Setzen Sie sich hohe Ziele.

VORGESCHICHTE

Kurz vor Weihnachten in den frühen 1990er Jahren höre ich im Radio an einem Samstagnachmittag die Sendung Diagonal, die sich ganz dem neuen Buch von Geoff Dyer widmet. Ich erinnere mich, dass wir damals einem Freund halfen, ein neues Bad einzurichten, während im Hintergrund aus dem Radio Wolfgang Kos von Dyers Buch But Beautiful, einem Buch über Jazz, schwärmte.

Nicht wie sie waren, sondern wie sie gewesen sein könnten beziehungsweise wie sie dem Autor erschienen sind, so nähert sich Dyer einer ausgesuchten Gruppe von Jazzmusikern die vornehmlich in den 40er-, 50er-Jahren aktiv waren: Lester Young, Thelonious Monk, Bud Powell, Charlie Mingus, Chet Baker, Art Pepper, Ben Webster. Die Episoden über Duke Ellington ziehen sich wie ein Roadmovie durch eines der faszinierendsten und originellsten Bücher über Jazz. Das Raffinierte an Dyers Buch ist, dass er Fakten mit Fiktion zu einer gelungenen Symbiose vermischt und so ergreifend nah an die Menschen hinter der Musik herankommt.

Der Titel, hergeleitet von einem Jazzstandard aus dem Jahre 1947 von Jimmy Van Heusen und Jonny Burks, hatte es mir von Anfang an angetan: ein Schön mit einem Aber davor.

Love is funny, or it’s sad

Or it’s quiet, or it’s bad

It’s a good thing or it’s bad

But beautiful

Von meinem zehnten Lebensjahr an spielte ich Trompete, und einer meiner Träume war, Jazzmusiker zu werden. Mit siebzehn Jahren musste ich diesen Traum begraben, als mir klar wurde, dass ich die Musik, die ich in mir spürte, nicht auf das Instrument übertragen konnte. Von einem Tag auf den anderen schloss ich den Trompetenkoffer für immer und wandte mich dem Film zu.

Doch als ich an jenem Samstagnachmittag – inzwischen Anfang dreißig – dieser Radiosendung mehr und mehr Aufmerksamkeit schenkte, wurde in mir etwas angestoßen, begann etwas zu schwingen, was sich viele Jahre später in einem Kinofilm niederschlagen sollte. Im Zentrum dieser Resonanz stand die Frage: Wie gehen die Musiker eine Beziehung mit der Musik ein, wie sind sie untereinander verbunden, welches Band hält sie zusammen, wenn sie weder Noten haben und – was bei Jamsessions oft der Fall ist – einander kaum kennen?

Jazzmusik folgt einem Grundmuster von Ruf und Antwort, dem musikalischen Merkmal der traditionellen afrikanischen Musik. Man kann dieses Muster auch Dialog nennen oder einen musikalischen Austausch von Gedanken und Gefühlen. Diese Konversation ist es, die die Musiker miteinander verbindet und so zwischen ihnen eine Beziehung entstehen lässt. Verbundenheit, Beziehung, Dialog sind meiner Meinung nach eine Grundvoraussetzung für ein lebendiges Leben, wenn es gelingen soll.

Die Verbundenheit, ein in erster Linie weibliches Prinzip, wird und darf kaum mehr gelebt werden, eben weil uns der Wettbewerb als einziges Überlebensprinzip eingeredet wurde, unter anderen von den Experten der Mont Pèlerin Society, unter ihnen gleich mehrere sogenannte Wirtschafts-Nobelpreisträger.

Begriffe wie Liebe, Verbundenheit, Weiblichkeit und Sinnlichkeit lösen inzwischen beim sogenannten modernen, scheinbar aufgeklärten Menschen der westlichen Welt leicht Unbehagen, wenn nicht gar Ablehnung aus. Eine verständliche Reaktion, denn das große Projekt der Moderne war ja, den Menschen durch Technik zu erlösen. Dieses rein materiell fixierte Weltbild hilft uns aber in der jetzigen, festgefahrenen Situation nicht mehr weiter.

Die Idee war es daher, einen Film zu machen, der sich von den überholten Denkmustern abwendet und die Themen Verbundenheit, und Sinnlichkeit ins Zentrum nimmt.

Beginnen wir den Blick auf »Anderes« zu lenken, auf etwas, das bei oberflächlicher Betrachtung zunächst gar nicht zu sehen ist, weil es von den (vor)lauten, lärmenden Massenmedien in den Hintergrund, in die Unschärfe verdrängt wird – ein Blick eben auf das Schöne! Mehr denn je glaube ich, dass wir diesen Blick brauchen, und zwar nicht, um uns zu beruhigen, sondern um uns zu besinnen.

Wie entsteht ein Film?

Film ist für mich eine Kontextkunst. Inhalte – ob rationale oder emotionale – werden beim Film erst durch die Zusammenhänge der einzelnen Einstellungen hergestellt. Diese Zusammenhänge entstehen erst durch den Filmemacher. Am Anfang steht eine Idee, es folgt ein Konzept, welches in einem Drehbuch formuliert wird, dann folgt die Umsetzung, ein Prozess, in dem es in erster Linie darum geht, was möglich ist und mit wem. Gegen Ende kommt das, was wir Montage oder Schnitt nennen, sprich eine letzte Möglichkeit, das Drehbuch fertig zu schreiben.

Diese Vorgänge werden von Menschen ermöglicht, Subjekten also, und daher hat die filmische Kontextkunst nichts mit Objektivität zu tun. Mit Objektiv ist in unserer Arbeit die Linse, die vorne an der Kamera angebracht ist, gemeint. Und selbst der Umgang mit derselben unterliegt den handelnden Personen. Es war mir daher schon immer ein Rätsel, wie ein Subjekt objektiv sein soll.

Der mechanische Objektivismus versetzt die Subjekte in eine trügerische Passivität, schreibt Antonio Gramsci und weiter: Warum sollte man lernen und sich anstrengen, wenn unabhängig von allem Tun »objektive« Gesetzmäßigkeiten den Lauf der Dinge bestimmen?

Der Kontext, das Zusammenweben, wenn man so will, entsteht durch die verschiedensten Impulse, die oft ganz plötzlich auftauchen und zeitlich weit auseinanderliegen können. Michelangelo, Ken Robinson, Geoff Dyer wurden als Inspirationsquellen schon erwähnt und bis zum fertigen Film kommen noch viele hinzu.

Wer die Kunst des Kontextes richtig versteht und die Beziehung zwischen den miteinander verbundenen Teilen in die richtige Balance bringt, der bringt dadurch Inspiration in die Welt und lässt sich umgekehrt von ihr inspirieren.

»Receiving when giving« nennt der Dalai Lama diesen Austausch, und er kann unzählige wissenschaftliche Studien anführen, die belegen, dass Menschen, die so ausgerichtet durchs Leben gehen, ein erfüllteres, gesünderes und letztlich auch längeres Leben haben. Niedergeschrieben wurde es in seinem Buch Book of Joy.

Im Hochsommer 2011 ist auf dem langen Weg zu But Beautiful wieder so ein Moment des Empfangens.

Roland Teichmann, der Direktor des Österreichischen Filminstitutes, stellt mir einen Mann vor, den er so beschrieb: »Bioschweinezüchter, Jazznarr, Musikproduzent, Posaunist, Jazz-Festivalleiter, beheimatet im Innviertler Sauwald, sein Name: Paul Zauner.«

Paul Zauner mit Worten gerecht zu werden, ist nicht einfach. Er ist gelassen, mutig, offen, unkonventionell, hat das Herz am rechten Fleck und ist doch eigensinnig. Umhauen kann ihn so schnell nichts und dennoch ist er enorm feinfühlig. Sein Leben ist der Jazz, sein Lebenswerk sein eigenes Jazz-Festival.

Die MusikerInnen, die hier vorgestellt werden (und sehr viele mehr!), haben wir allesamt während des jährlich zu den Pfingstfeiertagen stattfindenden Jazz-Festivals »Inntöne« kennen gelernt, in den Jahren 2012, 2014 und 2015. Dafür und nicht nur dafür sind wir Paul Zauner zu großem Dank verpflichtet.

Das Inntöne Jazzfestival wurde von Paul Zauner erstmals 1985 ins Leben gerufen und zählt zu den renommiertesten im deutschsprachigen Raum. Was es auszeichnet, ist die Haltung seines Erfinders und Leiters, hier wird Jazz als Innovation gelebt und nicht als Stil, hier geht es um den Spirit, hier werden Persönlichkeiten eingeladen und nicht massentaugliche Stars.

»MUSIC IS JUST ALREADY HERE« ODER »EFFORTLESS MASTERY«

AUS DER MUSIKALISCHEN WELT DES NEW YORKER PIANISTEN KENNY WERNER

»Innovation is the tradition of Jazz. So when innovation was the tradition of Jazz, Jazz was a spiritual path. When Jazz was a style it became a religion.«

Kenny Werner

Mai 2015. Das Inntöne Jazzfestival, von Radiosendern weltweit übertragen, versinkt ausgerechnet bei seinem 30. Jubiläum völlig im Schlamm. Auf dem Bauernhof des Veranstalters Paul Zauner, beliebt bei Musikern und Publikum wegen seiner originellen Location, der traumhaften Lage im Sauwald und dem außergewöhnlichen Zusammentreffen von Musikergrößen aus aller Welt, will sich die übliche festliche Stimmung nicht so recht einstellen. Nicht nur sind wegen des tagelang strömenden Regens viele Zuhörer erst gar nicht angereist, auch die großartigen Musiker können die gedämpfte Stimmung nur schwer heben. Es ist, als hätte das Prasseln des Regens auf das Scheunendach die Wirkkraft der Musik beschlagen. Es ist kalt und feucht, und wir sind froh, dass das Ende naht. Noch ein Konzert von uns bislang unbekannten Musikern: Benjamin Koppel, Saxophon, und Kenny Werner, Piano. Sie spielen sich aller Trübnis zum Trotz sehr schnell in Rage, sodass endlich auch das Publikum in Schwung kommt. Nach einigen Nummern der beiden Virtuosen schwingt der ganze Saal mit, keiner kann sich mehr entziehen.

Unerwartet haben wir unseren ersten Protagonisten für den Film But Beautiful entdeckt. Es stellt sich heraus, dass Kenny Werner, der in den USA in einem Atemzug mit Größen wie Keith Jarrett oder Herbie Hancock genannt wird, nicht nur meisterhaft Piano spielt, sondern auch ein Standardwerk für Musiker geschrieben hat: Effortless Mastery, es liest sich wie das Drehbuch unseres Filmprojektes und beginnt mit folgenden Worten:

Da gibt es einen Ozean, einen Ozean des Bewusstseins, einen Ozean der Seligkeit. Jeder von uns ist ein Tropfen in diesem Ozean. In diesem Sinn sind wir alle eins, wir sind alle miteinander verbunden. Eine Einbildung könnte uns denken lassen, wir seien alle getrennte Wesen, vereinzelte Tropfen. Aber wenn das wahr wäre, würden wir ziemlich schnell verdampfen.

Nachdem wir Kenny für unser Filmprojekt angefragt haben, erreicht uns ein paar Stunden später folgende Nachricht: »Eure Idee ist großartig und ich bin sehr gerne dabei. Vielleicht ist jetzt die Zeit, die Welt zu verändern, Erwin … Ich freue mich darauf, herzlich Kenny«

Drehstart!

Im Herbst 2015 reisen wir, eine vierköpfige Filmcrew und Paul Zauner nach New York, erstes Ziel ist der Stadtteil Harlem. Hier verbringen wir ein paar Tage, um uns einzustimmen, besuchen den Jazzclub »Paris Blues«, treffen mit Musikern wie Craig Harris zusammen, loten Möglichkeiten aus, die letztlich alle verworfen werden.

Am Sonntag, den 11. Oktober fahren wir dann zu unserem eigentlichen Ziel, das zwei Autostunden nördlich der Stadt New York liegt, ganz in der Nähe von Woodstock, wo Kenny Werner mit seiner Frau in einem simplen, aber sehr idyllisch am Waldrand gelegenen Häuschen lebt.

Zauberhafter Indian Summer empfängt uns, und die Werners begegnen uns vom ersten Moment an offenherzig, freundlich und sehr zuvorkommend. Die erste Einstellung, die wir drehen, wird – das wissen wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht – auch die erste Einstellung des Films sein.

Erster Drehtag bei Kenny Werner, NY, USA

Am nächsten Tag treffen wir Kenny vormittags wie üblich meditierend im Garten an, bis er im kleinen Studio zu üben beginnt, eine weitere Meditation, diesmal eine musikalische …

Ich war immer mehr an Mystik als an Kunst interessiert. Je mehr die Kunst auf Mystisches hinausläuft, umso mehr interessiert sie mich. Und ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass die Musik tiefer geht, wenn sie etwas ausdrückt, das größer ist als sie selbst.

Kenny beschreibt sich selbst als Dozent, Komponist, Pianist, Autor Lehrer, Mutmacher und Redner. Geboren 1951 in Brooklyn, N.Y., verbrachte er seine Kindheit in Oceanside, Long Island. Bereits als Kind trat Kenny Werner auf, war doch das Klavierspielen die einzige Aktivität, in der er als schlechter und gelangweilter Schüler brillieren konnte und auch wollte, hier war er in seinem Element, nichts anderes konnte ihn vom Fernsehprogramm loseisen.

Kenny in seinem Studio

Seit mehr als vierzig Jahren tritt er als Pianist weltweit auf, in großen Konzertsälen, in kleinen Bars, auf Festivals, in verschiedensten Gruppierungen und als Solopianist. 1996 entstand ein Buch, dem er selbst kaum Beachtung schenkt, das aber so vielen Musikern und Musikstudenten eine sehr wichtige Lektüre ist, wie ihm über Jahrzehnte eine große Fangemeinde immer wieder mitteilt: Effortless Mastery: Liberating The Master Musician Within.

Erst nahezu zwanzig Jahre nach Erscheinen des Buches wird ihm selbst die Bedeutung bewusst, und er gründet am Berklee College of Music in Boston, wo er selbst als junger Student für seinen Weg Entscheidendes bei der legendären Madame Chaloff gelernt und erfahren hatte, nämlich die enge Verbindung von Musik und Spiritualität, das Effortless Mastery Institute.

Am Institut versuchen wir zunächst, unseren beschränkten Geist zu überwinden, das heißt: Wie komme ich voran, spiele ich gut, mache ich Fehler, ich hoffe, ich mache keine Fehler.

Es wäre eine Schande, als Musiker zu leben und zu sterben mit dem letzten Ziel, keine Fehler zu machen. Wirklich eine Schande.

Der grundsätzliche Impuls ist es, herauszutreten aus unserer egoistischen Angst, bloß allen anderen gefallen zu wollen. Das Erste, was wir versuchen zu tun, ist, die Leute von ihrem eigenen vorgefassten Weg abzubringen. Ironischerweise kann etwas nie authentisch sein, wenn du von der Angst besetzt bist – ist das auch authentisch? Authentisch ist es, wenn du dir um nichts Sorgen machst. Und was immer entsteht, du wirst es anerkennen. Das ist authentisch.

Bei einem unserer Gespräche erzählt Kenny Werner, wie es dazu gekommen ist: Der Direktor des Berklee College of Music, der natürlich Kennys Buch gut kannte, war mit der Bitte an ihn herangetreten, ob er nicht mit seinen Studenten arbeiten könne, da die meisten von ihnen an großer Angst vor dem eigenen musikalischen Scheitern zu leiden hatten. Kenny, der ohnehin des vielen Reisens für seine Konzerte quer durch alle Kontinente müde war, sagte begeistert zu, denn es erlaubte ihm, sich nun in einem neuen Feld zu betätigen, dem des musikalischen Mutmachers.

Wir sind alle einer Gehirnwäsche ausgesetzt und denken, wir seien klein, wir hätten kein Talent, wir seien nicht so viel wert wie andere Leute. Wenn wir also schon eine Gehirnwäsche wollen, warum dann das Gehirn nicht mit einer viel nützlicheren Idee waschen: Ich bin perfekt. Alles um mich herum, alles, was ich sehe, ist perfekt. Vielen Dank, was für eine Dankbarkeit, die mich weiter in diesen Raum hineinführt. Also gut, es geht los.

Wenn wir so verschmelzen, werden wir zu einem Kanal für ein Licht, das jeder in sich trägt, das aber nur die Wenigsten fühlen und sehen können. Wenn nun der Musiker dieses Licht kanalisiert, kann jeder kommen und von dieser Quelle trinken. Wenn ein Musiker das tut, wird er zu einem Akteur der Veränderung in dieser Welt. Ich glaube, wir schauen auf die Musik und denken, das ist die Botschaft. Ich meine aber, die Musik ist der Überbringer. Und auch wenn die Musik uns gefällt, liegt das, wonach wir suchen, hinter oder jenseits dieser Musik. Das ist ganz leicht … aber es braucht viel Anstrengung, zu dieser Leichtigkeit zu kommen.

Meditation

An einer anderen Stelle erklärt es Kenny so: Wir benutzen im Leben unzählige Male eine Gabel zum Essen. Wir sprechen dabei, wir telefonieren eventuell, wir sind in Gedanken versunken oder wir streiten, aber nie verfehlt die Gabel ihr Ziel, unseren Mund. Wenn ein Musiker lernt sein Instrument wie eine Gabel zu benutzen und so spielt, wie er mit einer Gabel isst, that’s effortless mastery, dann ist es anstrengungslose Meisterschaft, egal in welchen Beruf.

Das ist nicht zu verwechseln mit Talent, wenn dann noch Talent hinzukommt, dann haben wir Beethoven oder Keith Jarrett, sagt Kenny.

Drehpausen mit Kenny Werner

Nicht nur in der Musik spielt die Pause eine wichtige Rolle – Joseph Haydn war bekanntlich ein Meister der Generalpause –, sondern auch beim Film. So waren mit Kenny auf jeden Fall zwei Drehpausen entscheidend. Die erste bei ihm zu Hause im Oktober 2015, die zweite in Diersbach in Oberösterreich, bevor er das Inntöne Jazzfestival 2016 eröffnete.

Kenny hat sich ein kleines, feines Studio in einem ehemaligen Holzschuppen neben seinem Haus direkt am Waldrand eingerichtet, wo er täglich übt, komponiert und auch meditiert, wenn er zu Hause ist. Sehr oft besuchen ihn hier Studenten, um gemeinsam mit dem Meister zu musizieren, und auch wir durften hier drehen.

Kenny macht alle 90 Minuten eine Pause, denn solange dauert bei ihm in der Regel ein Konzert, auch das gehört zum Rhythmus. Wenn Kenny alleine ist, nutzt er diese Pausen für seine Meditationen.

Während einer Drehpause verlassen wir gemeinsam das Studio, um uns draußen im Garten weiter über Musik zu unterhalten. Sprachen wir drinnen über John Coltrane, steht jetzt im Freien Miles Davis im Zentrum unseres Austauschs. War Spiritualität bei Coltrane das Thema, ist es jetzt bei Miles Mystizismus.

Wir diskutieren das am Beispiel des berühmten Miles Davis-Albums In a silent way von 1969. Kenny dachte, das titelgebende Stück sei eine Miles Davis-Komposition, und da ich zufällig die Geschichte kenne, die der in Wien geborene Musiker Joe Zawinul in einem Fernsehfilm erzählt, wie diese Komposition entstanden ist, erzähle ich sie Kenny weiter. Joe Zawinul hat bei seinen Wien-Besuchen immer im gleichen Hotelzimmer gewohnt, von dem er eine fantastische Aussicht auf den Stadtpark hatte. Im November 1968 blickt er aus diesem Fenster an einem nebeligen Herbsttag auf den Stadtpark, und es fällt ihm diese Melodie ein, die später zur Signatur des Jazzrock wird.

Wer die düstere Stimmung eines wolkenverhangenen Novembertages in Wien kennt, für den klingt diese Melodie sehr vertraut.

Kenny spielt für uns »In a silent way«

Wieder im Studio setzt sich Kenny ans Klavier und stimmt sofort In a silent way an. Ich kann gerade noch rechtzeitig die Kamera einschalten, um etwas aufzunehmen, von dem ich in der Sekunde weiß, es wird seinen fixen Platz im Film haben. Gänsehaut!

Rund acht Monate später und um diese Erfahrung reicher, nehme ich mit Kenny vor seinem Eröffnungskonzert des Inntöne Festivals 2016 im Hotelzimmer ein Gespräch als Nur-Ton auf.