BZRK 1 - Michael Grant - E-Book

BZRK 1 E-Book

Michael Grant

4,5
7,99 €

Beschreibung

Die atemberaubende und düstere Vision eines geheimen Krieges der Mikro- gegen die Makro-Welt, gegen unsere Welt. Winzige biotechnologische Nano-Organismen, die dich beschatten, kontrollieren ... töten. Der Kampf hat längst begonnen!

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MOBI

Seitenzahl: 452

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Inhalt

TITEL

Widmung

ZITAT

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

ÜBER DEN AUTOR

IMPRESSUM

Michael Grant

BZRK1

Aus dem Englischen

von Jakob Schmidt

Für Katherine, Jake und Julia.

Der Autor dankt den großartigen Bands The Methadones und Shot Baker für die Genehmigung, Teile ihrer Texte abzudrucken.

Zum Wahnsinn führt der Weg – den lass mich meiden!

König Lear

EINS

Nur drei Plätze von Noah entfernt saß ein Mädchen, das mit seiner Hand redete. Genau genommen mit ihrem Handrücken, wobei sie die Finger weit spreizte. Ihre Fingerspitzen waren abwechselnd rot und golden lackiert, aber nicht mit Nagellack, und eigentlich waren es auch nicht bloß die Nägel. Es sah eher aus, als hätte sie Sprühdosen verwendet. Sie erklärte ihrem Handrücken, dass sie »in Ordnung« wäre, »absolut in Ordnung«.

Noah hätte sie vielleicht hübsch gefunden, aber es fiel ihm schwer, sich wirklich ein Urteil über ihr Gesicht oder ihren Körper zu bilden, da sein Blick unwiderstehlich von dem Ring aufgescheuerter Haut um ihren Hals angezogen wurde.

Als die Pfleger sie holen kamen, fing sie an zu schreien. Sie mussten sie mit Gewalt an ihren stocksteifen Armen davontragen. Ihre Mutter, oder vielleicht war es auch ihre ältere Schwester, stand da, die Hände vor den Mund geschlagen, weinte und wiederholte die Worte, die das Mädchen gesprochen hatte.

»Alles in Ordnung«, sagte die Normale.

»Ich bin absolut in Ordnung!«, rief die Verrückte.

Mit einem Tritt sandte das Mädchen seinen Stuhl schlitternd über den Boden und warf Noah einen wilden Blick aus rot geränderten Augen zu.

Noah Cotton. Sechzehn Jahre alt. Er hatte braunes Haar, das, ohne dass er etwas dagegen tun konnte, immer aussah, als wäre er gerade aus dem Bett geklettert. Seine Lippen waren voll und die Mundwinkel leicht nach unten gezogen, schienen schon auf Traurigkeit gefasst zu sein. Er hatte eine charakteristische, schmale und nahezu perfekte Nase. Aber das eigentlich Faszinierende an ihm waren seine blauen Augen. Woher hatte er nur diese blauen Augen? Sie sahen geradezu unnatürlich aus. Wie getönte Kontaktlinsen. Wenn Noah einen aus diesen leuchtend blauen, ungewöhnlichen Augen ansah, wusste man nicht, ob auf ihrem Grund tiefe Weisheit oder irgendetwas Durchgedrehtes lag.

Tja, wenn die Antwort »irgendetwas Durchgedrehtes« lautete, dann passte er zumindest wunderbar hierher, in das Wartezimmer im Hauptgebäude des Backsteins.

Dieser Ort schlug ihm aufs Gemüt. Vielleicht lag es an dessen Geschichte. Im achtzehnten Jahrhundert hatte der Backstein noch Lord-Japheth-LeMay-Asyl für unheilbar Wahnsinnige geheißen. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte man die Bezeichnung ein wenig abgeschwächt und das Gebäude in Ostlondoner Asyl für Geisteskranke umgetauft.

Heute hieß es offiziell Ostlondoner Klinik für die Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen.

Aber niemand nannte es so, zumindest nicht außerhalb der Anlage. Für die Außenwelt war es der Backstein.

Es handelte sich um eine aus roten Ziegelsteinen gemauerte architektonische Monstrosität, die im Laufe von über zweihundert Jahren stetig gewachsen – wenn nicht gar wie ein Krebsgeschwür gewuchert – war. Nicht alle seine Teile bestanden aus Backsteinen. Einige Türme und Seitenflügel waren aus Naturstein gemauert. Manche Nebengebäude bestanden aus Fachwerkwänden, von denen der Putz abbröckelte. Aber die riesige Halle mit den beiden Türmen, die Läufer und Bauer genannt wurden – einer hoch aufragend und spitz, der andere gedrungen und Furcht einflößend –, setzte sich aus rußverschmierten roten Backsteinen zusammen.

Noah gab sich alle Mühe, die hallenden Schreie des durchgeknallten Mädchens nicht an sich heranzulassen, aber das Wartezimmer war ebenso schizophren wie ein Großteil der Patienten – mit den alten Ölgemälden, dem leicht abschüssigen, schwarz-weiß gekachelten Boden, den gelben Wänden, deren Farbe man hier offenbar für aufmunternd hielt, und dem Flohmarktmobiliar. Die Krönung des Ganzen war der Leuchter, der eigentlich nur in irgendeinem lang zurückliegenden Kolonialkrieg aus einem Prunkpalast geraubt worden sein konnte. Wenn man ihn einschaltete, warf er jede Menge Schatten, sodass selbst die Dunkelheit unter den Stühlen aussah, als würden dort winzige Ungeheuer lauern.

Noah war hier, um seinen Bruder Alex zu besuchen. Seinen sehr viel älteren Bruder Alex. Fünfundzwanzig, Exsoldat und Afghanistanveteran, königlicher Gebirgsjäger. (Wahlspruch: Nemo me impune lacessit – niemand greift mich straflos an. Oder in der Alternativversion: Komm uns nicht in die Quere, sonst tun wir dir weh.) Schultern, auf denen man Feuerholz hätte hacken können, und diszipliniert. Jeden Morgen war er zehn Kilometer gelaufen, egal, welches Wetter London gegen ihn aufbot.

Alex Cotton, dem man die Ehrenmedaille für außerordentliche Tapferkeit verliehen hatte, weil er genug Arsch in der Hose gehabt hatte, um eine Maschinengewehrstellung mit drei Hadschis zu erledigen, während er buchstäblich einen verwundeten Kameraden auf dem Buckel hatte.

Und jetzt …

Noah wurde aufgerufen. Ein breitbeinig laufender, brutal aussehender Pfleger, mit einem Taser in der einen Tasche und einem lederummantelten Knüppel in der anderen, zeigte ihm den Weg. Vorbei an den Büros. Durch eine Tür aus Stahl und Panzerglas.

Und eine weitere Stahltür.

Vorbei am Wachzimmer, in dem gelangweilte Posten auf flimmernde Bildschirme glotzten und sich mit hochgelegten Füßen über Sport unterhielten.

Durch eine dritte Tür, die von dem Pfleger auf der anderen Seite mit einem Summer geöffnet werden musste.

Dahinter begannen die Schreie, das Wehklagen, das plötzliche schrille, höher werdende Kreischen und das herzzerreißende Schluchzen. Die Geräusche drangen durch die Stahltüren der Einzelzimmer – eigentlich handelte es sich eher um Einzelzellen.

Noah wollte diese Schreie nicht zu sich durchdringen lassen, aber er hatte keinen Panzer, er war nicht unverwundbar. Bei jedem Aufbranden des irren Gelächters zuckte er wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

Eine Krankenschwester und zwei schmuddelige Pfleger gingen von Tür zu Tür. Einer der beiden schob einen quietschenden Wagen voller kleiner Plastikbecher vor sich her. Auf allen Bechern stand ein Zahlencode, und jeder einzelne enthielt mindestens ein halbes, manchmal auch mehr als ein ganzes Dutzend bunter Pillen.

Die Pillenmannschaft trat an eine Tür, klopfte, sagte dem Insassen, dass er zurücktreten solle, und öffnete dann die Tür. Einer der Pfleger – nein, Schluss mit dem Schwachsinn, es handelte sich um Wärter, Schließer, Aufseher, jedenfalls nicht um Pfleger – ging mit der Schwester rein, während der andere mit dem Taser bereitstand.

Noah erreichte Alex’ Zelle. Nummer 91.

»Keine Sorge, er ist angekettet«, sagte der Wärter. »Hauptsache, du versuchst nicht, ihn anzufassen. Er mag es nicht, wenn man ihn anfasst.« Der Wärter grinste bedauernd und deutete mit einem Kopfschütteln an, dass Noah schon wissen würde, was er meinte.

Die Tür öffnete sich in einen anderthalb Meter breiten und zweieinhalb Meter langen Raum. Das einzige Möbelstück war ein Eisenbett, das mit dicken Nieten in dem gefliesten Boden verankert war. Auf einem Regalbrett, das zu weit oben war, um es zu erreichen, stand ein Radio. Es lief ganz leise, auf BBC wurde gerade irgendein Politiker in die Mangel genommen.

Alex Cotton saß auf der Bettkante. Seine Handgelenke waren zu beiden Seiten mit Stahlringen festgekettet, sodass er die Arme gestreckt halten musste und nur den Kopf bewegen konnte.

Der Geist von Alex Cotton schaute seinen kleinen Bruder aus leeren Augen an.

Einen Moment lang brachte Noah kein Wort heraus. Am liebsten hätte er nämlich gesagt: »Das ist das falsche Zimmer. Das ist nicht mein Bruder.«

Dann ertönte ein tiefes Knurren, das im ersten Moment klang, als käme es aus dem Radio. Ein beinahe tierischer Laut. Und plötzlich schnappten Alex Cottons Zähne zu, wie die eines Hais, der seine Beute verfehlt hatte.

»Alex«, sagte Noah. »Ich bin’s. Ich bin’s doch nur, Noah.«

Erneut erklang der kehlige Laut. Mit einem Mal wurde Alex’ Blick klar. Er starrte Noah an und schüttelte den Kopf, als ob sein Anblick ihm Schmerzen verursachte.

Noah bewegte sich ein winziges Stückchen vorwärts, um seinen Bruder am ausgestreckten Arm zu berühren. Alex zuckte zurück, kam aber nur ein paar Zentimeter weit. Er riss so heftig an seinen Metallfesseln, dass sie ihm blutige Striemen in die Handgelenke schnitten.

Noah wich zurück und hielt beruhigend die Hände hoch.

»Ich sagte doch, versuch nicht, ihn anzufassen, dann schreit er nur wieder und fantasiert von seinen kleinen Spinnen und all dem Scheiß«, meinte der Wärter.

»Alex, ich bin’s bloß … ich bin’s, Noah.«

»Nano, nano, nano, nano«, sagte Alex in einem leisen Singsang und kicherte. Er bewegte die Fingerspitzen, als wollte er etwas auf dem Klavier vorspielen.

»Nano? Was ist das, Alex?« Noah sprach leise, wie mit einem verängstigten Kind. Sanft.

»Hä, hä, hä, nein. Nein. Nein, nein, nano, nano, nano. Nein.«

Noah wartete, bis er fertig war. Er zwang sich, nicht wegzuschauen. Das hier war sein Bruder. Oder das, was von ihm übrig war.

»Alex, wir verstehen alle nicht, was los ist. Niemand begreift, was mit dir passiert ist. Du weißt schon, warum du hier gelandet bist.«

Erkläre mir, warum du verrückt bist, Verrückter. Erzähl mir, was mit meinem Bruder los ist.

»Nano, makro, nano, makro«, brummte Alex.

»Das sagt er oft«, erklärte der Wärter hilfsbereit. »Meistens nano.«

»Hat das was mit dem Krieg zu tun?«, fragte Noah, ohne die Worte des Wärters zu beachten. Er wollte eine Erklärung. Keiner der Ärzte hatte etwas Überzeugendes anzubieten gehabt. Sie meinten alle, dass Alex’ Wahnsinn wahrscheinlich vom Krieg herrührte, aber man hatte ihn nach seiner Heimkehr auf Posttraumatisches Stresssyndrom untersucht, und alles schien in Ordnung gewesen zu sein. Er und Noah waren damals ein Weilchen zusammen zum Sport gegangen und hatten einen Strandausflug nach Cornwall unternommen, um eine Bekannte von Alex zu besuchen. Noahs Bruder war ein bisschen geistesabwesend gewesen, weiter nichts. Bloß geistesabwesend.

Der Wärter gab keine Antwort.

»Ich meine, sind es die Erinnerungen und all das?«, bohrte Noah nach. »Ist es das, worüber er die ganze Zeit redet? Afghanistan?«

Zu seiner Überraschung kam die Antwort von Alex.

»Hadschi?« Alex grinste schief und lachte. Es sah aus, als wäre seine eine Gesichtshälfte gelähmt. »Nicht Hadschi. Spinnenmann«, sagte er. »Bug Maaaan. Eins, zwei, drei. Alle tot. Puff!«

»Das ist schon ziemlich gut für seine Verhältnisse«, meinte der Wärter anerkennend.

Ein paar Sekunden lang machte es beinahe den Eindruck, als hätte sich der Nebel um Alex’ Verstand gelichtet. Als ob er sich ernsthaft bemühte, Worte herauszubringen. Seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern. Er nickte, als wollte er damit sagen: Hör gut zu, das ist jetzt wichtig.

Das. Ist. Wichtig.

Dann sagte er: »Berserker.«

Mit sich selbst zufrieden, nickte Alex, und er hörte nicht auf zu nicken, immer heftiger, bis schließlich sein ganzer Körper bebte wie bei einem Anfall. Das Bett wurde durchgerüttelt. Die ganze Zelle schien mitzubeben.

»Berserker«, sagte Alex nun lauter und immer lauter, bis er schrie. »Berserker! Berserker!«

»Himmel!«, sagte Noah und hasste sich im selben Moment für seine Reaktion, dafür, dass er sein Entsetzen zeigte.

»Wenn er erst mal damit anfängt, ist der Tag gelaufen«, meinte der Wachtposten erschöpft. Nicht unfreundlich nahm er Noah am Arm. »Dann macht er stundenlang mit seinem Berserker-Scheiß weiter.«

»Berserker! Berserker!«

Noah ließ sich aus der Zelle führen.

»Berserker!«

Als er hörte, wie die Tür hinter ihm abgeschlossen wurde, verspürte er eine Woge von Übelkeit und Erleichterung. Aber die Schreie seines wahnsinnigen Bruders konnte sie nicht wegspülen. Sie verfolgten ihn durch den Flur und rissen Löcher in die Welt, die sich schwindelerregend um ihn drehte.

»Berserker!«

»BERSERKER!«

ZWEI

Stone McLure war nicht gut aussehend wie ein Fotomodel. Er war kein hübscher Typ. Obwohl er erst siebzehn war, war Stone nicht wirklich ein Typ für Mädchen, sondern einer für Frauen.

Wenn Frauen ihn anschauten, ließen sie den Blick nur ganz kurz über sein Gesicht und seine Schultern wandern – weil Frauen Männern nicht auf die gleiche Weise hinterherstarren wie umgekehrt. Ihnen reicht ein einziger Blick. Und dann, nachdem sie ihn sich mit diesem Blick eingeprägt hatten, bereuten sie es, geheiratet zu haben, alt zu sein und Jogginghosen und ein ausgeblichenes T-Shirt von der Stange zu tragen, und sie bereuten es, dass sie eine Plastikeinkaufstüte in der einen und eine Vierundzwanzigerpackung Pampers in der anderen Hand hielten.

Stone nahm seinen Kopfhörer aus dem Ohr.

»Wo landen wir zuerst?«, fragte er seinen Vater.

»In San Francisco tanken wir auf und nehmen einen weiteren Piloten an Bord. Danach habe ich ein kurzes Treffen in Hokkaido, und dann geht es weiter nach Singapur.« Er antwortete, ohne von seiner Arbeit aufzublicken.

Kopfhörer wieder rein.

Stone hatte lockiges, dunkles Haar und Augen, die wie glänzend grüner, goldgeäderter Marmor aussahen. Der liebe Herrgott höchstpersönlich schien seine Stirnpartie eigens dazu geschaffen zu haben, ihn als ehrlichen Menschen auszuweisen. Seine Nase war markant, seine Haut war nie auch nur von einer einzigen Sommersprosse verunziert worden, ganz zu schweigen von Pickeln – welcher Pickel hätte es gewagt?

Ein bisschen ähnelte er seinem Vater Grey McLure – und die meisten Menschen auf der Welt kannten Greys Gesicht–, aber Grey waren die Spuren der Erschöpfung und des Misstrauens anzusehen, die man als Milliardär der anständigen Sorte in Kauf nehmen musste. Also ein Milliardär, der sein Geld mit Wissenschaft und Einfallsreichtum gemacht hatte und auf all die anderen Arten, auf die solche Leute wünschenswerterweise zu ihrem Reichtum gelangen sollten.

Sie saßen nur ein paar Meter auseinander, hinten in einer Cessna Citation X. Grey saß entgegen der Flugrichtung, Stone ihm gegenüber. Es handelte sich zwar um einen Privatjet, hatte aber ansonsten nichts Protziges an sich. Es gab keine scharfen Flugbegleiterinnen im neckischen Kostümchen. Keine Champagnerströme. Nichts von alldem. Greys Jet war eine reine Geschäftssache. Und sein Sohn lernte gerade, wie das Geschäft lief.

Grey trank Kaffee aus einem Becher, auf dem »Ziemlich anständiger Dad« stand. Ein Becher mit der Aufschrift »Der beste Dad der Welt« hätte nicht zum Stil der Grey-Familie gepasst, der im gleichen Maß von trockener Selbstironie wie von absoluter Hingabe geprägt wurde.

Grey tippte auf seinem Pad herum, und ab und zu trank er einen Schluck Kaffee, schrieb weiter und runzelte die Stirn.

Stone las auf seinem Pad ein Buch, wenn auch vielleicht nicht mit der gebotenen Aufmerksamkeit, weil durch die Kopfhörer inseinen Ohren die raue, heisere Stimme von Tony Kovacs drang.

Being there with my surroundings

Seeing all I’m looking at

Evolution winking at me

My face forms a smile

Kopfhörer raus.

»Also handelt es sich eher um eine Flugreise von Tagen als von Stunden«, stellte Stone fest und streckte die Beine.

»Ein langer Flug«, bestätigte sein Vater. »Du hättest die Zeit auch bei deiner Großmutter in Maryland verbringen können.«

Wie zur Kapitulation hob Stone beide Hände. »Klang das etwa, als wollte ich mich beklagen?«

»Deine Großmutter hat dich sehr gern.«

»Meine Großmutter malt sehr gern Keramikfiguren von Präsidentengattinnen an.«

»Historisch exakte Nachbildungen«, erwiderte Grey grinsend. »Du hättest ihr dabei helfen können, Abigail Fillmores Haube zu schmücken.«

Stone tat so, als wiege er die Alternativen ab. »Abigails Haube … Mädchen aus Singapur in figurbetonten Saris … Hmm. Schwere Entscheidung.«

Kopfhörer wieder rein.

Here I am living in it

Here I am in everything

Seine Schwester Sadie hatte ihn auf Punkrock gebracht. Wahrscheinlich war sie der Meinung gewesen, dass er mal etwas weniger Ödes vertragen konnte als das, was er mit seiner üblichen Vorgehensweise erwischte, indem er sich nämlich runterlud, was seine Freunde gerade hörten.

So war Sadie, sie gehörte zu der Sorte Menschen, die unberührt von Trends und Moden aus allem, was ihr gefiel, ihre eigene Weltzusammenbaute, angefangen bei uralten, eingestaubten Melodien und Kleidungsstilen und Büchern bis hin zu Dingen, die es eigentlich noch gar nicht gab. Manchmal kam es einem vor, als könnte sie etwas Wirklichkeit werden lassen, indem sie es sich nur vorstellte.

Sadie konnte eine fiese kleine Hexe sein, aber mit ihren sechzehn Jahren war sie auf eine Art und Weise eine eigenständige Person, bei der Stone nicht ganz mithalten konnte. Eigentlich machte ihm das auch nichts aus. Stone hatte eine klar festgelegte Rolle zu spielen. Er war der Erbe, das Wunderkind, der Älteste.

Er hatte Sadie schon oft um ihre Freiheit beneidet – he, wer hätte das nicht? –, aber er hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden. Irgendjemand musste es tun. Dann konnte genauso gut er dieser Jemand sein.

Spent so much of my time thinking

Feeling like I’m under attack

Overlooking the reality in front of me

Wandering down so many paths

Auch für seine Mutter, deren Asche auf halbem Weg zwischen ihrer Heimatstadt London und ihrer Wahlheimat New York im Atlantik verstreut worden war.

Er schaute aus dem Fenster und versuchte, sich von dem Gedanken abzulenken. Nicht jetzt, nicht jetzt, nicht diese Erinnerung.

Stone und sein Vater waren in Teterboro gestartet und flogen jetzt über die Meadowlands hinweg. Unter ihnen war ein Spiel im Gange. American Football.

Stones Leben hatte sich zu etwa gleichen Teilen in New York und in London abgespielt, weshalb er beide sportlichen Obsessionen nachvollziehen konnte: Football und Baseball in den USA, und Fußball und Kricket in England. Trotzdem konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, was die Leute an Hockey fanden, weil …

Ihm fiel etwas ein.

Kopfhörer raus.

»He, ist Sadie nicht bei diesem Spiel?«

Grey blickte mit einem verschwörerischen Lächeln auf. »Und ich bin mir sicher, dass sie jede Minute genießt.«

Stone lachte. »Ja. Sadie mag nichts lieber, als draußen in der Kälte zu sein, als Teil einer großen, ausgelassenen Menge.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, der Typ ist es wert. Ist es dieser Tony, mit dem sie mich mal bekannt gemacht hat?«

Grey nickte. »Ich halte sehr viel von seinem Vater. Tony selbst … Tja, was den Jungen betrifft, hätte ich wohl den einen oder anderen väterlichen Rat für sie.«

Sie brachen beide in Gelächter aus über die Vorstellung, dass Sadie von irgendjemandem einen Rat annehmen könnte. Egal zu welchem Thema.

Ganz zu schweigen von ihrem Liebesleben.

»So mutig bist du nicht«, zog ihn Stone auf.

»So dumm bin ich nicht«, konterte Grey mit gespielter Angst. Dann fügte er etwas leiser hinzu, wobei er den Blick zum Fenster wandte: »Sie hat einiges von deiner Mutter in sich.«

Was Stone wieder unvermittelt auf den Gedanken brachte, den er vermeiden wollte. Er nickte bloß, weil er fürchtete, dass ihm die Stimme versagen könnte. Nicht einmal ein »Ja« bekam er heraus. Schon eine einzige Silbe konnte zu viel sein.

Kopfhörer rein.

Shot Baker war fertig. Jetzt sang jemand anderes, noch ein Lied, das Sadie auf seine Playlist gesetzt hatte. Wenn er darüber nachdachte, war er sich nicht sicher, ob überhaupt ein Lied darauf war, das nicht Sadie für ihn ausgesucht hatte.

Das Stadion tief unten sah aus wie eine riesige, längliche Müslischüssel mit achtzigtausend Jets-Fans darin. Dieses Jahr hatten die Jets tatsächlich achtzigtausend Fans, denn es war Anfang Dezember, und sie waren verdammt noch mal immer noch im Rennen.

Das Stadiondach war offen, damit die Zuschauer die schwache, aber klare, tief stehende Herbstsonne genießen konnten. Graupel und kalter Wind würden früh genug kommen, einen letzten sonnigen Sonntag, mochte er auch kühl sein, vergeudete man nicht.

Über dem Stadion drehte sich ein Luftschiff träge im Wind. Von hier oben sah das Ganze aus wie eine gemächliche Version von Spermium und Eizelle. Der Gedanke brachte Stone zum Lächeln. Das musste er unbedingt in seinen nächsten Englischaufsatz einbauen. Seinen Lehrer mit einer unerwarteten Analogie erschrecken. Oder handelte es sich um ein Gleichnis?

Widerwillig nahm er die Kopfhörer raus.

»He, ich kann sie sehen. Da ist sie, dort links«, sagte Stone. »In der Endzone.« Er machte Konversation, damit Grey nicht merkte, wie sehr ihm die Erwähnung von Mum zusetzte. Von hier oben waren die Köpfe der Leute kaum mehr als Punkte.

»Nein«, erwiderte Grey, »sie ist eher im Mittelfeld.«

Als wüsste er tatsächlich ganz genau, wo sie saß. Er spielt mit, dachte Stone. Obwohl es ihm manchmal vorkam, als wüsste sein Vater immergenau, was Sadie gerade tat. Das war etwas zwischen den beiden.

Sadie und Grey stritten sich gern – Wortgefechte mit allen möglichen unterschwelligen Botschaften, die Stone hörte, aber nicht verstand. Die beiden waren Ninjas im Kampf mit Worten. Glücklicherweise kam Stone seit jeher gut mit seiner Schwester aus, denn er wäre der Erste gewesen, der zugegeben hätte, dass er in einem Streit mit ihr nicht die geringste Chance hatte. Das Mädchen schaffte es, einem einen Dolch mitten durchs Ego zu rammen.

Manchmal war er eifersüchtig darauf, dass Sadie und ihr Vater einander anschreien konnten. Bei ihm und Grey kam das nie vor.

Der Jet zog plötzlich nach rechts. Als hätte der Pilot Greys Gedanken gelesen und wollte dem Boss Gelegenheit geben, einen Blick nach unten zu werfen, um seiner Tochter auf den Kopf zu schauen. Oder als ob …

Die Kehrtwendung war zu scharf.

Viel zu scharf und abrupt. Die rechte Tragfläche beschrieb einen Abwärtsbogen.

Die Schwerkraft drückte Stone gegen die Außenwand. Das Pad fiel vom Schoß seines Vaters. Greys Anständiger-Vater-Becher schlitterte über den Tisch, kippte und rollte über den Mittelgang davon.

»Was zum Teufel …?«, rief Grey.

Seine rechte Armlehne verfügte über eine Gegensprechanlage. Er drückte auf den Knopf. »Kelly. Was ist da los?« Kelly war die Pilotin. Sie flog diesen Jet schon seit sechs Jahren und gehörte sozusagen zur Familie.

Keine Antwort.

»Schnall dich an«, befahl Grey. Dann wollte er aufstehen, aber die Fliehkräfte brachten ihn aus dem Gleichgewicht, sodass er praktisch um seinen Sitz herumklettern musste. Er prallte gegen die Außenwand, stemmte sich hoch und taumelte Richtung Cockpit wie ein Betrunkener in einem Sturm.

Jetzt hatte der Jet nicht nur Schlagseite nach rechts, sondern zeigte mit der Nase nach unten. Sie waren eindeutig im Sturzflug. Und zwar viel zu steil!

Durch das Fenster sah Stone, dass das Spielfeld bereits näher herangerückt war und in einem absurden Winkel zu ihnen stand. Große Kerle auf einem grünen Rechteck, die irgendwie bergauf zu rennen schienen. Er sah die riesige Anzeigetafel, auf der die Nachspielzeit verkündet wurde.

»Kelly!« Grey hatte die Tür zum Cockpit erreicht und konnte sich kaum aufrecht halten. »Alles in Ordnung da drin? Was ist los?«

Grey rüttelte an der Tür, doch sie ging nicht auf. Er drehte sich zu seinem Sohn um, und ihre Blicke begegneten sich.

Komisch, wie viel in einem Blickwechsel von zwei Sekunden liegen konnte. Angst. Trauer. Reue.

Hoffnungslosigkeit.

Grey hämmerte an die Cockpittür. »Mach auf, Kelly! Mach die Tür auf!«

Stone löste seinen Anschnallgurt und kam taumelnd auf die Beine. Der Boden sackte ihm unter den Beinen weg. Es war, als könnte er gar nicht schnell genug fallen, um ihn mit den Füßen zu erreichen. Wie in einer Achterbahn, wenn man über die erste hohe Kuppe kommt und die Fliehkraft plötzlich mit einem macht, was sie will. Der Fußboden kam ihm entgegen. Der Aufprall war nicht hart, aber eigentlich hätte der Boden ihm überhaupt nicht entgegenkommen sollen.

Stone wankte zur Cockpittür. Er griff nach Sitzlehnen, verfehlte sie, seine Finger klatschten aufs braune Leder, und seine Füße schlitterten hilflos über den Teppich. Er prallte hart gegen seinen Vater.

Grey warf sich, so gut es ging, gegen die Tür. Er brüllte. Er fluchte, was Grey McLure eigentlich nie tat.

Das Flugzeug war nun praktisch in der Vertikalen. Stone lag mit dem Rücken auf dem Teppichboden und trat auf die Cockpittür zu seinen Füßen ein, während sein Vater daneben auf der Wand lag und ebenfalls mit aller Kraft auf sie eindrosch.

»Dad! Was ist los?«

Immer wieder trat Stone zu.

Plötzlich gab etwas nach. Der Türrahmen knackte. Ein weiterer Tritt würde genügen.

Stone zog sich an den Sitzen hoch wie an einer wackligen Leiter und ließ sich dann fallen, wobei er mit aller Kraft zutrat. Mit einem Geräusch wie von einem splitternden Ast gab die Tür nach.

Zu einem Knäuel verheddert, fielen Stone und sein Vater durch die Öffnung. Sie prallten gegen Kellys Sitz, rutschten über die Armaturen und knallten an die Windschutzscheibe. Schmerz schoss durch Stones Knie, seinen Ellbogen, seine Schulter. Aber das spielte keine Rolle mehr, so nah, wie das grüne Feld schon war. Und es wurde immer größer.

Einen kurzen Moment blitzte Kellys Gesicht auf. Sie blutete aus dem Mund, weil sie mit dem Kopf auf die Armaturen geprallt war, ihr kurzes graues Haar klebte an ihrer Stirn, und sie starrte mit glasigem fassungslosen Blick ins Leere. Auf etwas, das wohl nur sie sehen konnte.

Auf die Reihen der Zuschauer.

Sein Vater, der mit den Armen ruderte, ineinander verhedderte Beine, etwas, das brach, ein Kopf, der im falschen Winkel herabhing, überall Durcheinander …

»Dad!« Es war ein Schluchzen, kein Schrei.

Stone stieß sich von den Armaturen ab, fand mit der rechten Hand irgendwie den Steuerknüppel und zog fest daran.

Kelly drehte sich zu ihm um. Als würde Stone etwas vollkommen Abwegiges tun. Als wäre sie verblüfft, ihn hier zu sehen. Verträumt streckte sie die Hand nach dem Steuerknüppel aus.

Alle drei purzelten übereinander, während das Spielfeld ihnen entgegenraste. So schnell.

Viel zu schnell.

Und das wusste Stone.

Trotzdem riss er am Steuerknüppel und rief: »Dad!« Auch wenn es keinen Sinn hatte, weil Stone nichts weiter tun konnte, als ihn entsetzt und traurig, zutiefst traurig, anzusehen.

»Dad!«

Langsam reagierte der Jet. Die Schnauze kam hoch. Die Sitze im Stadion schienen sich zu entfernen, und dann kam der Himmel wieder über dem Bauwerk in Sicht.

Irgendein entfernter, noch funktionierender Teil von Stones Gehirn begriff, dass sie sich tatsächlich innerhalb des Stadions befanden. Mit einem Jet. In einer Schüssel. Im rettenden Steigflug.

Gesichter. Stone sah Tausende von Gesichtern, die zu ihm emporstarrten, so nah, dass er das Entsetzen und die aufgesperrten Augen und Münder und die verschütteten Getränke sehen konnte. Bei dem Versuch, zu fliehen, fielen die Leute über ihre eigenen Füße.

Er sah Mannschaftstrikots.

Einen Jungen mit rotem Haar.

Eine Mutter, die ihr Baby an die Brust drückte.

Einen alten Mann, der sich wie in Zeitlupe bekreuzigte.

Dann kippte das Flugzeug, und oben und unten wurden vertauscht.

Sie flogen verdammt schnell. Aber nicht mit Schallgeschwindigkeit, weshalb das Knirschen, als die Aluminiumschnauze auf Leiber, Sitze und Beton traf, noch an Stones Ohren drang.

Doch bevor sein Gehirn das Geräusch verarbeiten konnte, wurden Stones vertrauenerweckende Stirn, seine markante Nase, seine breiten Schultern und natürlich auch sein Gehirn und seine Ohren zu Brei zermatscht.

Stone war sofort tot, weshalb er nicht mehr sah, wie sein Vater durch den Riss im Cockpit hinausgeschleudert und dabei in zwei Teile gerissen wurde.

Er sah nicht, wie ein Teil von Greys Kopf, der wie eine Melone zerplatzt war, weiterflog und dabei eine Spur von grauem und rosafarbenem Gewebe hinterließ.

Ein kleines Stück eines der größten Geister der Gegenwart – nicht größer als eine Kinderfaust – landete in einem Pappbecher mit Cola light und versank im Schaum.

Dann folgte die Explosion.

DREI

Sadie McLure sah das Flugzeug erst, als es schon viel zu spät war.

Der Junge, mit dem sie da war – Tony –, war nicht ihr fester Freund. Nicht so richtig. Aber vielleicht würde er es noch werden. Wenn er ein bisschen erwachsener wurde. Wenn er aufhörte, sich so komisch anzustellen, weil sein Vater nur einer der Abteilungsleiter bei McLure Industries war und weil das Haus, in dem er wohnte, nicht mal halb so groß war wie die Garage der McLures.

»Tut mir leid wegen unserer Plätze«, entschuldigte sich Tony nun schon etwa zum zehnten Mal. »Ich dachte, dass ich vielleicht in die Skybox von meinem Kumpel komme, aber …«

Ja, das war ein echtes Problem für Sadie … dass sie bei einem Spiel, das sie weder verstand noch mochte, nicht in der Skybox saß.

Bevor Tony davon zu reden begonnen hatte, hatte sie nie auch nur etwas von einer Skybox gehört.

Insofern war der Einkommensunterschied zwischen ihnen nicht gerade das Wichtigste auf der Welt. Wenn sie sich beim Ausgehen auf die Kinder anderer Milliardäre beschränkt hätte, hätte sie nicht besonders viel Auswahl gehabt.

»Ich mische mich manchmal ganz gern unters einfache Volk«, sagte Sadie.

Er sah verwirrt aus.

»Das war ein Witz«, sagte sie, und als er nicht lächelte, fügte sie hinzu: »Nur Spaß.«

Versuch, nett zu sein, sagte sie sich.

Versuch, anpassungsfähiger zu sein.

Klar, warum nicht zu einem Footballspiel gehen? Das konnte sicher auch ganz lustig sein. Es sei denn natürlich, man war mit einem ansonsten rundum attraktiven und intelligenten Jungen unterwegs, der sich ununterbrochen für seinen fünf Jahre alten Toyota und seine Jacke entschuldigte, die nur von … Sie konnte sich nicht einmal mehr an die Marke erinnern, aber er schien der Meinung zu sein, dass es nicht die richtige war.

Wenn Wohlstand einen Nachteil hatte – und das war so ziemlich der einzige –, dann den, dass die Menschen einen unwillkürlich für einen Snob hielten. Man konnte sich so normal verhalten, wie man wollte, manche Leute waren einfach nicht davon abzubringen.

»Willst du Nachos?« Sadie hielt ihm den Pappteller hin.

»Die sind ziemlich widerlich, oder?«, antwortete er. »Nicht gerade Kaviar.«

»Tja, ich hatte für heute schon genug Kaviar«, erwiderte Sadie. Diesmal wies sie nicht extra darauf hin, dass es sich um einen Witz handelte. Stattdessen schaufelte sie sich mit einem Chip eine Jalapeño in den Mund und kaute missmutig darauf herum.

Es würde ein langer Tag werden.

Sadie hätte man am besten als eine Ansammlung von Durchschnittswerten beschrieben, die zusammen etwas ergaben, das alles andere als durchschnittlich war. Ihre Größe und ihr Gewicht entsprachen dem Durchschnitt. Aber irgendwie erschien sie weit größer, wenn sie wütend war.

Sie sah durchschnittlich gut aus. Wenn sie nicht gerade flirtete oder die Aufmerksamkeit eines Typs erregen wollte – in dem Fall war sie nämlich alles andere als durchschnittlich. Sie hatte die Fähigkeit, einfach so von »Ja, die ist schon nicht übel« auf »Oh Gott, mir bleibt das Herz stehen!« umzuschalten. Als knipste sie das Licht an. Sie konnte ihre braunen Augen auf jemanden richten und die vollen Lippen leicht öffnen … und aus dem Stand einen Herzinfarkt auslösen.

Und fünf Minuten später war sie wieder ein gut aussehendes, aber nicht weiter bemerkenswertes Mädchen.

Im Moment war sie nicht im Herzinfarktmodus. Stattdessen wirkte sie langsam etwas größer. Intelligente und aufmerksame Menschen wussten, dass das gefährlich war. Tony war intelligent – sonst wäre sie niemals mit ihm ausgegangen –, aber er war nicht besonders aufmerksam.

Himmel, überlegte Sadie, wie lange so ein Footballspiel wohl dauert? Ihr kam es vor, als hätte gerade die fünfundsiebzigste Spielstunde begonnen.

Sie konnte nicht einfach aufstehen, ihren Mantel nehmen und nach Hause gehen. Dann würde Tony denken, es hätte etwas damit zu tun, dass er kein Telefon mit Diamantgehäuse besaß oder so.

Konnte sie sich nicht an der von Tony abgewandten Seite heimlich einen Kopfhörer ins Ohr stecken? Mit ein bisschen Musik oder einem Hörbuch wäre das alles längst nicht so schlimm gewesen. Vielleicht genügte sogar weißes Rauschen. Oder ein Bier, um die Langeweile zu dämpfen.

»Ich brauche einfach eine Tarnidentität«, stellte Sadie so leise fest, dass ihre Worte von dem kollektiven Aufstöhnen verschluckt wurden, als ein Pass über den Kopf des Fängers hinwegsegelte.

Das Flugzeug bemerkte Sadie erst, nachdem es bereits seine zu scharfe Kehrtwende vollzogen hatte.

Sie erkannte es nicht als das ihres Vaters. Zumindest nicht gleich. Grey war nicht der Typ, der sich sein Firmenlogo auf das Flugzeug pinselte.

»Das Flugzeug da«, sagte sie zu Tony. Sie stupste ihn an, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Wie?«

»Schau mal, was das Flugzeug da macht.«

Das Motorengeräusch klang auch falsch. Zu laut. Zu nah.

Ihr Gehirn brauchte einen Moment, um einzusehen, dass das Unmögliche zugleich das Unausweichliche war.

Das Flugzeug würde in die Zuschauerreihen stürzen. Es war nicht aufzuhalten. Es hatte viel zu spät begonnen, wieder hochzuziehen.

Sadie packte Tonys Schulter. Nicht, um Trost zu suchen, sondern damit er sich in Bewegung setzte.

»Tony! Lauf!«

Tony blieb stehen und sah sie mürrisch an. Sadie rannte in ihn hinein und ging mit ihm zu Boden. Beim Stolpern schürfte sie sich durch die Jeans das Knie auf, doch sie schaffte es, den Fuß aufzusetzen, trat auf Tonys Luxusbauchmuskeln, stieß sich ab und lief weiter.

Das Flugzeug sauste über ihre Köpfe hinweg. Es hätte geklungen, als ginge die Welt unter, wenn das nächste Geräusch nicht noch viel lauter gewesen wäre.

Der Aufprall ließ das Stadion erbeben. Sadie ging in die Knie.

Ein Moment des Innehaltens. Nicht der Stille – das Getöse ließ nur ein wenig nach.

Und dann ein neues Geräusch, als Tonnen von Kerosin Feuer fingen. Eine Donnerwolke, keine zwanzig Meter entfernt.

Feuer!

Alles Mögliche flog durch die Gegend. Überdimensionale Schaumstofffinger mitsamt der Hände, auf denen sie noch steckten. Pappbecher und Popcorn und Hotdogs und Körperteile, so viele Körperteile, blutige Geschosse, die durch die Luft trudelten.

Die Schockwelle war so erschütternd, so überwältigend, dass Sadie ein paar Minuten lang nicht begriff, dass sie wie ein Blatt vor einem Laubgebläse zehn Meter weit durch das Stadion und mit dem Rücken gegen eine Sitzreihe geschleudert worden war. Ihr Aufprall wurde von einem kleinen Mädchen abgefedert. Weggeworfen wie eine Puppe, mit der Gott nicht mehr spielen wollte.

Sie spürte die Hitze, als hätte jemand Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt einen Pizzabackofen aufgemacht und inmitten von Käse und Peperoni eine Handgranate gezündet. Ihre Haare fingen Feuer, doch die Flammen wurden vom Vakuum der Explosion erstickt, ehe wieder Luft nachströmte.

Die nächsten Minuten über herrschte eine Art laute Stille. Sadie nahm die Schreie nicht wahr. Sie hörte auch nicht den Aufprall der Trümmer, die um sie herabregneten. Das Einzige, was sie hören konnte, war die lauteste Autoalarmanlage der Welt, die in ihrem Kopf schrillte, eine Sirene, die nicht von außen, sondern von innen kam.

Sadie rollte sich von dem zerquetschten Mädchen herunter. Sie hockte auf Händen und Knien zwischen den Sitzreihen. Etwas Klebriges quoll zwischen ihren Fingern hervor. Es war rot und weiß … blutiges Fett. Nur ein kleines bisschen, etwa so groß wie ein Stück Schinken.

Muss etwas tun, muss etwas tun, sagte ihr Gehirn ihr immer wieder. Aber was? Weglaufen? Schreien?

Jetzt fiel ihr auf, dass ihr linker Arm in eine Richtung verdreht war, in die Arme sich normalerweise nicht drehen ließen. Sie spürte keinen Schmerz, sah bloß die Knochen – ihre eigenen Knochen –, die am Unterarm die Haut durchstachen. Dünne weiße Stöckchen, die aus einer klaffenden Wunde rohen Fleisches ragten.

Sie schrie. Wahrscheinlich. Sie konnte es nicht hören, aber sie spürte, dass ihr Mund weit aufgerissen war.

Sie stand auf.

Das Feuer brannte etwa dreißig Zuschauerreihen weiter oben. Eine Heckflosse war noch intakt, wurde aber schnell von den ölig brennenden Flammen verzehrt. Eine dicke, schmierige Rauchsäule wirbelte umher und füllte ihre Nase mit dem Gestank von Tankstellen und Grillfleisch, ehe sie ihren Weg nach oben fand.

Die Flammen des Hauptbrands waren beinahe farblos.

Die Leichen brannten gelb und orange.

Wenn er nicht wie sie aus dem Weg geschleudert worden war, dann war auch Tony unter ihnen.

Ein fetter Mann kroch von dem Brand weg. Er zog sich auf den Ellbogen vorwärts, während das Feuer an seinen Beinen entlangzüngelte. Ein Junge von vielleicht zehn Jahren hockte vor dem Kopf seiner Mutter.

Sadie wurde klar, dass hinter ihr eine andere Szenerie des Wahnsinns tobte. Sie drehte sich um und sah die panische Menge. Die Menschen drängelten und schubsten einander wie eine Büffelherde auf der Flucht vor einem Löwen.

Doch manche rannten nicht weg, sondern näherten sich ängstlich dem Schauplatz des Massakers.

Ein Mann kam zu ihr und sagte etwas. Sie fasste sich ans Ohr, und er schien zu begreifen. Als er ihren gebrochenen Arm sah, tat er etwas Seltsames. Er küsste seine Fingerspitzen, berührte damit ihre Schulter und ging weiter. Später kam ihr das komisch vor, doch in diesem Moment nicht.

Das Heck des Flugzeugs stürzte in die Flammen. Durch den Qualm konnte Sadie gerade noch die Kennnummer ausmachen. Irgendwo in ihrem unter Schock stehenden Hirn hatte sie es bereits gewusst. Die Nummer bestätigte es nur.

Sie wollte es nicht glauben. Sie wollte nicht glauben, dass ihr Vater und ihr Bruder sich in dieser Rauch- und Flammenhölle befanden. Sie wollte nicht glauben, dass das, was sie atmete, der Qualm ihrer gegrillten Leiber war. Aber es ließ sich nur schwer leugnen. Es hätte sie mehr Kraft gekostet, als sie zu diesem Zeitpunkt aufbringen konnte.

In dem Moment hätte sie sich sogar vorstellen können, dass alle Menschen überall tot wären. Sie hätte sich sogar vorstellen können, dass sie selbst tot wäre.

Sie blickte an sich herunter und sah, dass ihr Hosenbein voller Blut war. Durchweichter Jeansstoff. Sie starrte stumpf nach unten, irgendwie schien ihr Gehirn nicht richtig zu funktionieren.

Und dann drehte das Stadion sich wie ein Kreisel um sie, und sie kippte um.

»Gut getwitcht«, flüsterte der Bug Man bei sich, eine stille Gratulation. Befriedigung über einen Sieg. Nicht, dass es ein besonders denkwürdiger Sieg gewesen wäre. Im Makrobereich mochte das Endergebnis zwar dramatisch sein, aber im Nanobereich war es nur langwierige Verdrahtungsarbeit gewesen. Keine Kämpfe, Bot gegen Biot. Reine Verdrahtung, Verknüpfung von Bildern und Handlungen.

Jeder hätte das gekonnt. Aber hätte das auch jeder genauso schnell hingekriegt? Hätte jeder das Gehirn der Pilotin innerhalb von drei Tagen verdrahten können? Und sie vorbereiten, um dann in derart eindrucksvoller Weise einen Schalter in ihrem Kopf umzulegen?

Ganz sicher nicht.

Er zog die linke Hand aus dem Handschuh. Dann die rechte. Mit einem leisen, saugenden Geräusch kamen sie frei. Er hob die nun freien Hände und löste den eng anliegenden Helm von seinem Kopf.

Er musste den Helm hinten besser einstellen. Er schnitt ihm immer noch in den Nacken, dort, wo das weiche Fleisch in den Schädel mit den kurz geschorenen Haaren überging.

Er war allein. Hier im fünfzigsten Stock gab es größere Räume mit bis zu vier Twitcher-Konsolen. Aber der Bug Man schätzte seine Privatsphäre. Hätte er auf den weißen Knopf gedrückt, der die automatische Verdunkelung hochfahren ließ, hätte er einen Block weiter westlich das Chrysler Building gesehen.

Kein anderer Twitcher hatte eine solche Aussicht. Nicht, dass er viel nach draußen geschaut hätte. Es ging ihm nicht um die Aussicht, sondern darum, dass er ein Anrecht auf sie hatte.

Das Zimmer war schmucklos und enthielt außer der Konsole praktisch keine Einrichtungsgegenstände. Das gedämpfte Licht stammte von den Aromatherapiekerzen in einer eleganten Kristallglasschale. Dazu kam das graue, statische Leuchten des Monitors.

Der Bug Man atmete tief durch.

Ein Sieg. Einer mehr für seine Sammlung.

Er hatte gewusst, dass sein Werk vollbracht war, als alle achtzehn Nanobots – zwei Kämpfer und sechzehn Weber – im Hirn der Pilotin gleichzeitig ausgefallen waren.

Gab es irgendjemanden sonst, der achtzehn Nanobots auf einmal hätte steuern können, von denen sechzehn aktiv Drähte legten? Selbst mit zu Verbänden zusammengefassten Bots?

Nein. Niemanden. Sollten sie es ruhig versuchen.

Trotzdem hatte er sie bloß verdrahtet. Eine wahrhaft denkwürdige Leistung wäre es gewesen, wenn Vincent ihn dabei attackiert hätte. Hätte er das hingekriegt? Vielleicht. Aber es brachte ihm überhaupt nichts, Vincent zu unterschätzen. Vincent war ein Mords-Twitcher.

Der Bug Man warf einen Blick auf ein Display, das die Telemetriedaten eines der einsamen Schleichernanobots an Sadie McLures Freund anzeigte. Der Bot versteckte sich oben in seinen Haaren, wo niemand ihn suchen würde. Das Display zeigte, dass die Umgebungstemperatur plötzlich von zwölf Grad Celsius auf dreiundsechzig Grad anstieg.

Feuerball.

Aber das genügte nicht, um den Jungen umzubringen. Es genügte nicht, um Sadie umzubringen, wenn sie nicht sehr viel näher an der Explosion dran war oder Trümmerstücke abbekommen hatte.

Ein Erfolg. Aber kein uneingeschränkter Erfolg. Aller Wahrscheinlichkeit nach gab es immer noch eine McLure.

Der Bug Man wusste, dass all die anderen draußen warten würden, um ihn zu beglückwünschen. Ihm graute davor. Der Fernseher würde laufen, sie würden sich alles in grellen Farben ansehen und an den Lippen der aufgeputschten Reporter in ihren Hubschraubern hängen.

Bug Man mochte keine Nachrufe. Es genügte ihm, einfach Erfolg zu haben. Es war sinnlos, sich darin zu suhlen, einander High Five zu geben und dergleichen mehr.

Am liebsten wäre er überhaupt nicht rausgegangen. Aber er musste schrecklich dringend pinkeln.

Er kramte sein Telefon heraus und steckte sich die Kopfhörer rein. Schnell fand er das Lied, das er suchte.

When enemies start posing as friends

To keep you even closer in the end

The rooms turn to black

A kitchen knife is twisting in my back

Der Bug Man hatte keine Freunde. Nicht in diesem Leben. Nicht bei so einer Arbeit. Und es gab eine Menge Leute, die ihm gern ein Messer in den Rücken gerammt hätten. Verfolgungswahn? Ha. Es war nur vernünftig, sich verfolgt zu fühlen.

Er zog sich die Kapuze seines Pullovers über den Kopf, holte tief Luft, um sich zu wappnen, und öffnete die Tür.

Klar, Jindal erwartete ihn mit zum Einschlagen erhobener Hand. Jindal war … Tja, was genau war er? Eine Art Twitcher-Manager? Er selbst hielt sich für eine Autoritätsperson. Die Twitcher sahen in ihm nur den Typen, der dafür sorgte, dass immer genug Red Bull im Kühlschrank war.

Jindal war fünfunddreißig und grinste ihn, den Sechzehnjährigen im Kapuzenpulli, unterwürfig an. Biederte sich an. Er machte sogar eine kleine Tanzbewegung, als wollte er den Bug Man mit ein bisschen Gettogehabe beeindrucken. Bug Man war aus Knightsbridge, einer teuren Wohngegend in London. Er kam nicht aus der Bronx. Aber was wusste Jindal schon? Für ihn kam jedes schwarze Gesicht aus dem Getto.

»Der verdammte Signalverstärker am Luftschiff hat fast den Geist aufgegeben, Jindal«, sagte Bug Man. Er sprach lauter als nötig, um die Musik in seinen Ohren zu übertönen. »Er war bei nur achtzig Prozent Leistung.«

Mal sehen, ob eine Verstärkerpanne Jindal ebenfalls zum Tanzen brachte. Bug Man drängte sich an ihm vorbei.

Bei Burnofsky lag die Sache anders. Den konnte er nicht einfach anpfeifen. Er mochte bloß ein ausgebrannter Sechzigjähriger mit einem dünnen weißen Sechstageschnurrbart und einer zerknautschten Säufernase sein, aber Burnofsky hatte was auf dem Kasten. Niemand twitchte besser als Anthony Elder alias Bug Man, aber wenn es eine Nummer zwei gab, die ihm dicht auf den Fersen war, dann Burnofsky.

Immerhin hatte er das Spiel entwickelt.

Der Bug Man zog einen Kopfhörer raus. Die Band sang gerade etwas über die Leute, mit denen man sich umgab. Burnofsky zog die schiefe, höhnische Grimasse, die sein freundlichster Gesichtsausdruck war.

»Was ist, Bug? Willst du das Video nicht sehen?«

»Verzieh dich, Burnofsky. Ich muss pissen.«

Burnofsky hatte sich anscheinend ordentlich was aus seiner Thermoskanne mit eisgekühltem Wodka reingepfiffen. Er packte Bug Man bei der Schulter und drehte ihn herum. »Komm schon, Kleiner. Willst du nicht das Makro sehen? Das ist eine Meisterleistung! Ein großer Moment für uns alle.«

Bug Man schüttelte die Hand des alten Säufers ab, doch nicht, ehe er im Hintergrund ein hochauflösendes Bild der Verwüstung sah. Es handelte sich anscheinend um ein Kamerabild des Luftschiffs. Für einen Helikopter war die Einstellung zu ruhig.

Rauch und Leichen.

Bug Man wandte sich ab. Nicht, weil der Anblick zu schrecklich war, um ihn zu ertragen, sondern weil er ihm nichts bedeutete. »Ich spiele bloß das Spiel, alter Mann.«

»Die Zwillinge wollen sich sicher bei dir bedanken«, zog ihn Burnofsky auf. »Willst du denen auch sagen, dass sie sich ›verziehen‹ sollen? Immerhin hast du heute einen entscheidenden Schlag geführt, Kleiner. Grey McLure und sein Sohn sind nur noch Holzkohle. Du gehörst jetzt zu den Großen, Anthony! Du bist ein Massenmörder im Makrobereich. Du jagst nicht mehr nur Spinnen ins Fleisch. Und wir sind ein kleines Stück näher an einer Welt des absoluten Friedens und Glücks, in der alle Menschen Brüder werden.«

»Ich möchte nur dem Klo ein Stückchen näher sein, Mann«, erwiderte Bug Man.

»Hier in diesem Land nennt man das Toilette, du kleiner englischer Mistkerl.«

Er wollte weitergehen, doch Burnofsky trat mit einem Mal näher zu ihm hin, legte Bug Man die blutleere, pergamentfarbene Hand in den Nacken, zog ihn dicht an sich heran und blies ihm die Ausdünstungen von achtzigprozentigem Schnaps ins Ohr. »Eines Tages wirst du erwachsen werden, Anthony. Du wirst begreifen, was du getan hast.« Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern. »Und es wird dich kaputtmachen.«

Bug Man stieß ihn weg, so fest, dass er zu Boden ging. »Wie blöd bist du eigentlich, Burnofsky?« Bug Man schüttelte grinsend den Kopf. Er hielt sich den Finger an die Schläfe. »Ich habe dieser Pilotin gerade das Hirn neu verdrahtet. Denkst du etwa, dass ich das nicht auch bei mir selbst machen würde? Falls ich das jemals wollte?«

Das brachte Burnofsky zum Schweigen. Der alte Mann trat einen Schritt zurück, runzelte die Stirn und wedelte mit der Hand vor seinen Augen herum, als wollte er etwas zwischen sich und Bug Mans glattes Gesicht bringen.

»Makro besteht aus Mikro, alter Mann. Du ertränkst dein Gewissen in Schnaps oder rauchst es mit diesem Zeug weg, das wie totes Tier stinkt …« Er sah, wie Burnofsky Jindal einen nervösen Blick zuwarf. Aha. Burnofsky hatte also geglaubt, dass niemand davon wüsste. Alter Narr. »Du tust, was du tun musst, Burnofsky. Das geht mich ja auch nichts an, oder? Aber ich weiß eine bessere Möglichkeit. Schnipp, schnipp, und dann neu verdrahten. Du weißt schon, falls ich irgendwann alt und matschig im Kopf werde, wie du. Und jetzt gehe ich entweder auf die Toilette oder pinkle dir ans Bein.«

VIER

Sadie McLure hatte im Krankenwagen auf dem Weg in die Notaufnahme das Bewusstsein verloren.

Als sie erwachte, fand sie sich inmitten blinkender Lichter, schwebender Gesichter, schräger Decken und neonfarbener Rohrleitungen über ihrem Kopf wieder. Alles zerfiel in seine Einzelteile. Eindrücke von grünen Arztkitteln, Atemmasken, Schläuchen und metallisch glänzendem Operationsbesteck.

Wie in einem Traum. Und es war kein schöner Traum.

Stechender, atemraubender Schmerz, als jemand gegen ihren Arm stieß.

Zusammen mit den Arztkitteln tauchten auch die Männer in den schwarzen Anzügen auf. Ein Sicherheitsdienst. Der auf die McLure aufpasste. Das war sie nun: die McLure.

Neuer Schmerz durchfuhr sie. Er kam nicht aus irgendwelchen Nervenenden. Es war ein Stich wie von einem eiskalten Dolch, den ihr die eigene Seele ins Fleisch rammte.

Dann strömte benebelte Erleichterung durch ihre Adern, als die Opiate endlich zu wirken begannen und alles dämpften.

Schlaf.

Und schreckliche Albträume davon, wie sie in eine schleimige Masse verkohlten Fleisches fiel. Wie viel zu lange geröstete Marshmallows. Und es waren nicht ihr Vater oder Bruder, die verbrannten, sondern ihre Mutter, die gar nicht verbrannt, sondern in einem Bett wie diesem gestorben war, innerlich vom Krebs zerfressen.

Sadie erwachte. Wie viel Zeit war vergangen? Sie hatte keine Möglichkeit, es herauszufinden. In dem Zimmer gab es weder Kalender noch Uhr. Stattdessen gab es einen Mann im schwarzen Anzug, mit einem weißen Hemd, einem schwarzen Schlips und einem Knopf im Ohr. Er saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem einzigen Stuhl und las einen Comic.

Er hatte sicher eine Schusswaffe. Und dazu eine Betäubungspistole. Und wahrscheinlich eine Ersatzwaffe in einem Halfter am Bein.

Sadies Leib war völlig zerschunden. Sie machte eine kurze Bestandsaufnahme und kam zu dem Schluss, dass tatsächlich jeder Zentimeter ihres Körpers schmerzte. Alles tat ihr weh, innen wie außen.

Sie lag auf dem Rücken, den Kopf leicht erhöht, eine Nadel im rechten Arm. Neben dem Bett baumelte ein durchsichtiger Plastikbeutel.

Ihr linker Arm war mit einem harten Plastikgehäuse geschient und hing, zu einem ruhenden L gebeugt, an einem Kabel.

Man hatte ihr etwas in die Harnröhre eingeführt. Es tat weh, aber zugleich hatte Sadie das Gefühl, dass es schon eine ganze Weile dort war.

»Wer sind Sie?«, fragte sie. In ihrem Kopf konnte sie die einzelnen Worte deutlich hören, doch anscheinend kamen sie eher als Flüstern heraus.

Der Mann hob blinzelnd den Blick von seinem Comic.

»Wasser«, ächzte Sadie, die mit einem Mal einen überwältigenden Durst verspürte.

Der Mann erhob sich hastig. Er trat ans Bett und drückte auf einen Knopf. Innerhalb von Sekunden öffnete sich die Tür, und zwei Schwestern kamen herein. Nein, eine Schwester und eine Ärztin, die eine hatte ein Stethoskop um.

»Wasser«, brachte Sadie gerade noch verständlich heraus.

»Zuerst müssen wir …«, sagte die Ärztin.

»Wasser!«, blaffte Sadie. »Zuerst Wasser!«

Die Ärztin wich einen Schritt zurück. Sie war nicht die Erste und würde nicht die Letzte sein, die vor Sadie zurückschreckte.

Die Schwester hatte eine Trinkflasche mit einem abgeknickten Strohhalm dabei. Sie gab Sadie einen kleinen Schluck. Es war ein Segen.

Krankenschwestern, erinnerte sich Sadie. Das hatte ihre Mutter gesagt, als sie im Sterben gelegen hatte. All die Ärzte können sich zum Teufel scheren, aber die Schwestern kommen in den Himmel. Nicht, dass Birgid McLure die Vorstellung von Himmel und Hölle ernst genommen hätte.

Allein.

Sadie war allein. Die Erkenntnis machte ihr Angst.

Nur noch ich, dachte sie.

Sie wartete darauf, weinen zu müssen, aber sie spürte keine Tränen, nur das Bedürfnis, sie zu vergießen.

Ein zweiter Mann im schwarzen Anzug betrat das Zimmer. Älter. Der Sicherheitschef der Firma. Sadie kannte ihn. Eigentlich hätte sie seinen Namen wissen sollen, doch er fiel ihr nicht ein. Ein dritter Mann, glatt und in einem sehr teuren gestreiften Anzug, auf dessen Stirn genauso gut das Wort »Anwalt« hätte tätowiert sein können.

Die Firma setzte ihre Räder in Bewegung. Anwälte, Sicherheitsleute, aber all das verdammt noch mal zu spät.

Sie musste eine dumme Frage stellen. Dumm, weil Sadie die Antwort bereits kannte. »Mein Dad? Und Stone?«

»Jetzt nicht«, sagte die Schwester freundlich.

»Tot«, antwortete der Sicherheitschef.

Die Schwester warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

»Sie ist meine Vorgesetzte«, sagte der Mann ausdruckslos. »Sie ist eine McLure. Wenn sie mich etwas fragt, antworte ich.«

Die Ärztin war mit der Lektüre von Sadies Krankenakte beschäftigt. Die Schwester musterte Sadie, als wollte sie herausfinden, wie viel sie verkraften würde. Ihrem Akzent nach zu urteilen, war sie wahrscheinlich Jamaikanerin. Oder sie stammte von einer der anderen Inseln, auf denen man so cool sprach. Sie zuckte mit den Schultern und gab Sadie einen weiteren segensreichen Schluck Wasser.

»Ich muss wissen, wie schnell ich sie hier wegbringen kann«, sagte der Sicherheitschef. Stern. So hieß er. Irgendwas mit Stern. Er hatte eines dieser Gesichter, die immer frisch rasiert aussehen. Sein Schlips war ordentlich, aber sein Kragen war ein bisschen verrutscht. Und obwohl er sich alle Mühe gab, teilnahmslos auszusehen, zuckten seine Mundwinkel ständig nach unten. Seine Augen waren gerötet. Er hatte geweint.

»Wegbringen?«, quiekte die Ärztin. »Was reden Sie da? Sie hat einen offenen Unterarm- und Speichenbruch, eine Gehirnerschütterung, innere Blutungen …«

»Doktor«, sagte Stern. »Hier kann ich nicht für ihre Sicherheit garantieren. Wir können sie gut unterbringen. Wir haben eigene Ärzte, eigene medizinische Einrichtungen. Und ein absolut wasserdichtes Sicherheitssystem.«

»Sie braucht eine MRT. Wir müssen feststellen, ob sie einen Hirnschaden erlitten hat.«

»Wir haben ein MRT-Gerät«, sagte der Anwalt mit dem Tonfall eines Harvardabsolventen und verströmte dabei vollkommene Selbstsicherheit – mit dem Tonfall eines Menschen, dem man besser nicht widersprach. »Ich bin gegenwärtig Ms McLures gesetzlicher Vormund und ihr Rechtsbeistand. Und ich glaube, dass Ms McLure lieber von unseren Ärzten behandelt werden möchte. Außerdem ist es Ihnen und Ihrem Krankenhaus sicher nicht recht, wenn draußen vor der Tür rund um die Uhr die Presse kampiert.«

Stern warf ihr einen Blick zu. Er bemühte sich, nicht zu unverhohlen zu ihr zu schauen, aber Sadie bemerkte seinen Blick und verstand.

Nein, es kam ganz und gar nicht infrage, dass Fremde ihr in den Kopf schauten. Dort würden sie vielleicht Dinge sehen, die sie schwerlich verstehen konnten. Also wusste Stern Bescheid. Das war praktisch.

»Bringt mich nach Hause«, sagte Sadie.

Stern nickte knapp. »Ja, Ms McLure. Nach Hause.«

Nicht weit von Noahs Zuhause gab es einen Park, aber es nieselte, und bald würde es wahrscheinlich richtig anfangen zu regnen, weshalb er und seine beiden Kumpels Mohammed und Little Cora ihren Fußball im dürftigen Schutz zweier hoher Mauern hin- und herkickten.

Noah dribbelte, machte einen eleganten Pedalada-Stepover und trat den Ball dann mit der Hacke rückwärts zu Mohammed.

»So einen Scheiß-Chilena krieg ich auch hin«, erklärte Little Cora beharrlich, womit sie einen Radfahrtrick meinte, bei dem man einen Salto machen und dabei den Ball in der Luft erwischen musste. Little Cora war der Meinung, dass ein Satz ohne das Attribut »Scheiß-« nicht vollständig sei.

»Einmal vielleicht«, gab Mohammed zurück. »Dann fällst du auf den Kopf und liegst sechs Wochen im Krankenhaus.«

Little Cora stürmte auf ihn los und nahm ihm den Ball ab. Sie kickte ihn mit beeindruckender Wucht an die nächstbeste Wand und zielte sehr schlecht dabei. Der Ball traf die Gitterstäbe vor dem Küchenfenster eines Pizzarestaurants, prallte ab und flog auf ein am Zaun angeschlossenes Motorrad zu. Der Zaun trennte den Weg von den Bahngleisen, und genau in dem Moment, in dem Mohammed anfing, auf Little Cora zu schimpfen, rauschte ein Zug vorbei und übertönte das Geplänkel der beiden.

Noah griff nach dem Lenker des Motorrads und richtete es wieder auf, ehe es ganz umkippte. Dann lief er hinter dem Ball her, der ein gutes Stück weitergerollt war.

Ein junger Mann war zuerst da. Er blieb vor dem Ball stehen, dribbelte ihn ein bisschen, nur um sein Können zu zeigen, und kickte ihn dann weg von Noah, zu seinen Freunden zurück.

Der Mann war Asiat – ein Chinese, vermutete Noah – und auffällig gut aussehend. Er kam jedenfalls nicht aus der Nachbarschaft.

»Noah?«, sagte er.

Das ließ Noah wie angewurzelt stehen bleiben. Seine Freunde näherten sich langsam und etwas ängstlich, um ihm beizustehen.

Der Mann hatte nichts Bedrohliches an sich. Er bleckte nicht die Zähne und kam auch nicht näher heran. Gelassen erwiderte er Noahs Blick.

»Und wer bist du?«

»Ich suche nach Noah Cotton.«

Sein Akzent klang amerikanisch in Noahs Ohren.

»Das bin ich«, gab Noah mit einer Mischung aus Trotz und Desinteresse zu. Noah war ein Stadtkind und hatte von klein auf gelernt, misstrauisch zu sein.

Der Amerikaner war Anfang zwanzig, insbesondere für einen Chinesen ziemlich groß, schlank und gepflegt. Er trug einen langen marineblauen Kaschmirmantel, darunter einen dunklen Anzug und ein teures weißes Hemd, das am Hals nicht etwa von einem Schlips, sondern von einer Art weißen Blumenbrosche zusammengehalten wurde.

»Mein Name ist Nijinsky«, sagte der Amerikaner. »Ich bin ein Freund deines Bruders.«

»Nijinsky. Klingt russisch.«

Lächelnd zuckte Nijinsky mit den Schultern. Einen Moment lang blitzten seine erstaunlich weißen Zähne auf. »Ich muss zugeben, dass es ein seltsamer Name ist. Die meisten nennen mich Jin.«

»Warum suchen Sie mich?«

Nijinsky blickte zu Boden, um seine Gedanken zu ordnen. Oder zumindest tat er so, als müsste er das. Dann sagte er: »Nun, Noah, Alex hat mich gebeten, nach dir zu sehen, falls … falls ihm etwas passiert.«

Noah hatte plötzlich Mühe, zu atmen. »Ach ja?«

»Ja. Dein Bruder hat eine sehr wichtige, aber sehr gefährliche Arbeit geleistet. Du musst wissen, dass er über ein ganz besonderes Talent verfügte.«

»Er war raus aus der Armee. Hat mit alldem Schluss gemacht.«

»Das hier hat nichts mit der Armee zu tun.«

Noah starrte ihn an, und der Mann erwiderte seinen Blick aus schwarzen, mandelförmigen Augen mit mädchenhaft langen Wimpern. Seine Miene wirkte offen und ehrlich. Sie schien nichts zu verbergen.

Nijinsky warf einen vielsagenden Blick Richtung Mohammed und Little Cora, die noch näher herangekommen waren.

»Ist schon in Ordnung, Leute«, sagte Noah zu seinen Freunden. »Draußen ist es eh zu nass. Morgen, ja? Nach der Schule.«