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Der sympathische Mittvierziger Hans Lanzspiel, ein Biologe mit großem Herz und noch größerer Klappe, erwacht am Ufer der Lahn und ist zunächst erstaunt über das römische Patrouillenschiff, das sich dem Ufer nähert. Doch die vermeintlichen Hobby-Römer entpuppen sich als echte Römer! So schwer er es zunächst glauben kann, so völlig unmöglich es ist - er ist in die Vergangenheit, genauer ins Jahr 83 n. Chr. gereist. Nach anfänglichen Schwierigkeiten freundet er sich mit dem aus Syrien stammenden römischen Offizier Quintus Tilius an. Zusammen meistern sie den antiken Alltag und erleben mit ihrem Freund Berowulf, einem bei der römischen Armee dienenden germanischen Kundschafter, dramatische Abenteuer und das Leben in der römisch-germanischen Grenzregion. Die Geschichte spielt vor dem historisch korrekten Hintergrund und beschreibt realistisch und faktenreich das Leben in der damaligen Zeit.
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Übersichtskarte
Ausschnitt der linksrheinischen römischen Provinzen Germania superior und Germania inferior.
Rechtsrheinisch germanisches Stammesgebiet („Germania magna“)
Kapitel 1
Germania superior 83 n. Chr
An der Lahn, August 2018
Germania superior 83 n. Chr
An der Lahn, August 2018
Germania superior 83 n. Chr
Am Rhein, August 2018
Germania superior 83 n. Chr
Am Rhein bei Koblenz, August 2018
Germania superior 83 n. Chr
Kapitel 2
Bei Koblenz, August 2018
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, August 2018
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, August 2018
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, August 2018
Kapitel 3
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, September 2018
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, September 2018
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, September 2018
Kapitel 4
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, Oktober 2018
Germania superior, 90 n.Chr.
An der Lahn zwischen Limburg und Gießen, Oktober 2018
Germania magna, 90 n.Chr.
An der Lahn zwischen Limburg und Gießen, Oktober 2018
Kapitel 5
Germania superior, 83 n.Chr.
Bei Koblenz, Dezember 2018
Germania superior, 84 n.Chr.
Bei Koblenz, Februar 2019
Germania superior, 84 n.Chr.
Zwischen Koblenz und Mainz, April 2019
Germania superior, 84 n.Chr.
Mainz, April 2019
Germania superior, 84 n.Chr.
Mainz, April 2019
Kapitel 6
Germania magna, 84 n.Chr.
Bei Frankfurt, Mai 2019
Zwischen Frankfurt und Butzbach, Mai 2019
Germania magna, 84 n.Chr.
Kapitel 7
Am Schiffenberg, Mai 2019
Germania magna, 84 n.Chr.
Waldgirmes und Dünsberg, Mai 2019
Germania magna, 84 n.Chr.
Zwischen Gießen und Marburg, Mai 2019
Kapitel 8
Germania magna, 84 n.Chr.
In Nordhessen, Juni 2019
Germania magna, 84 n.Chr.
In Nordhessen, Juni 2019
Germania magna, 84 n.Chr.
In Nordhessen und Teutoburger Wald, Juni 2019
Germania magna, 84 n.Chr.
Kapitel 9
Teutoburger Wald und Nordhessen, Juli 2019
Germania magna, 84 n.Chr.
Rothaargebirge und Westerwald, Juli 2019
Germania magna und Germania inferior, 84 n.Chr.
Kapitel 10
Bonn, August 2019
Bonna und Confluentes, 84 n.Chr.
Bonn und Mainz, August 2019
Mogontiacum, 84 n.Chr.
Kapitel 11
Mainz und Koblenz, September 2019
Germania superior, 84 n. Chr.
An der Eder, April 2020
Germania superior, 84 n. Chr.
An der Eder, April 2020
Kapitel 12
Germania magna, 85 n. Chr.
Von Nord- und Mittelhessen an den Rhein, Mai 2020.
Mittelhessen
Fast geräuschlos und synchron tauchen die Ruder in das trübe Wasser der Laugona1, nur ein sehr leisen Knarzen von Holz ist zu hören. Das dichtbewachsene Ufer, wie eine grüne Wand. Der Graureiher ist so überrascht von ihrer plötzlichen Anwesenheit, dass er statt aufzufliegen uns bewegungslos, den gerade gefangenen Frosch noch im Schnabel, erschrocken anstarrt – gut so!
„Die Männer sind gut eingespielt“ denkt Quintus Tilius als er seinen Helm kurz abnimmt, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. „Verdammte Hitze“ murmelt er und fängt dabei den leicht genervten und durchaus besorgten Blick seines Optio2 Gaius auf und antwortet mit einem leichten Nicken.
Ja, ja noch zwei Flussbiegungen, dann würden sie den Rückweg antreten. Dienstvorschrift XVII der Classis Germanicus3 für Patrouillenfahrten - „Mindestens einfache Speerwurfweite, also 80 Fuß, Abstand zum Ufer halten“ – sehr witzig, die Laugona ist hier nur etwas 90 Fuß breit und ihr Boot, eine schnittige Flussliburne, ist inklusive der Ruder gut 30 Fuß breit – sie unterschritten damit den vorgegebenen Mindestabstand deutlich.
Als Zenturio4 und Kommandant dieses Bootes teilt er die Bedenken seines Optio durchaus – mehr Abstand zum Ufer wäre besser, aber was sollen sie machen, diese Patrouillenfahrten sind absolut notwendig.
Sie folgen dem gewundenen Flusslauf nun bereits seit Sonnenaufgang, bisher eine typische Fernpatrouille, keine Besonderheiten, reine Routine.
Es ist dabei zunehmend schwülwarm geworden, Mücken schwirren, Libellen brummen leise vorbei, plötzlich prallt die Sonne in einer heißen Flut auf sie nieder.
Quintus Tilius schließt kurz seine Augen. Sonne und Wärme, die Wüste Syrias5, flimmernd und durch die trockene Hitze so viel angenehmer als diese Schwüle hier, immer mehr Bilder der Heimat, klar und in schneller Folge.
Verdammt, aufpassen! Quintus reißt die Augen auf und schlägt sich mit dem Handrücken auf die Nase – der Schmerz macht ihn wieder wach.
Praktisch im selben Moment kommt das Signal des im Bug knienden germanischen Spähers – eine leichte, sachte Armbewegung – die zum sofortigen Stillstand der Ruder und einem leisen Gleiten des eleganten Schiffes führt. Nur das Wasser der Laugona gluckert an der Bordwand, sonst ist nichts zu hören. Jetzt sieht Quintus auch den Grund des Signals. „Dann also los“ flüstert Quintus, als er leise seinen Schild aus der Halterung nimmt.
Sonne satt, wie im Urlaub - habe ich mich eingecremt? Nichts ist ärgerlicher als ein Sonnenbrand. Wie komme ich auf Urlaub – ich habe keinen Urlaub. Ja es ist echt heiß, die Sonne ballert vom Himmel aber ich habe definitiv keinen Urlaub.
Ein heftiger Schlag auf den Oberarm – erwischt, scheiß Mücken!
Durch meine halbgeschlossenen Augenlider sehe ich vor mir die Lahn trübe dahinfließen. Ach ja klar, Libellen fotografieren am Heuchelheimer See.
Die prachtvolle Gelbe mit den schwarzen Streifen ist so cool. Wenn man sich die Makroaufnahmen ansieht, diese riesigen und schillernden Insektenaugen, dann braucht man keine Alienfilme mehr zu gucken.
Ich schau mich um, kein Fotoapparat zu sehen.
Und komisch, an eine Sandbank an der Lahn kann ich mich gar nicht erinnern – Kiesgruben gibt’s, aber Kiessandbänke?
Nun machen sich auch die schmerzhaft drückenden Kieselsteine am Rücken und Hintern bemerkbar. Ich blickte an mir herunter, mein Blick bleibt an meiner Männlichkeit hängen. Oh Mann - nackt! Nackt an der Lahn!
Himmel, wo sind meine Klamotten? Schnell richtete mich auf, sind etwa Leute hier? Scheiße, wäre das peinlich. Hektische Blicke - Gott sei Dank, niemand zu sehen.
Vielleicht habe ich die Sachen im Auto gelassen, drüben an der Böschung der B49.
Das Gegenargument: wieso sollte ich tagsüber nackt vom Auto zur Lahn laufen, also Schwachsinn!
Irgendetwas stimmt hier definitiv nicht. Alkohol und Drogen fallen aus. Obwohl, man hört ja von K.O.-Tropfen und so. Ich kann mich aber an nichts in der Richtung erinnern, also auch Quatsch.
Ich gehe in die Hocke, Richtung Schnellstraße ist nichts zu sehen oder zu hören. Wieviel Uhr ist es eigentlich?
Vielleicht noch so früh, dass ich mit etwas Glück hier irgendwie unbemerkt verschwinden kann.
Mein Blick bleibt am Dünsberg hängen. Das gibt’s doch nicht – wo ist denn der Wald hin? Alle Bäume sind weg, stattdessen sind 15 – 20 Rauchsäulen zu sehen, die dünn in den Himmel steigen.
Ein dumpfer Schlag und Kiesgeprassel führen meinen Blick wieder zur Lahn.
Scheiße, doch nicht alleine! Wollte ich vielleicht statt Libellen die Reenactment-Truppe im Römerlager bei Waldgirmes fotografieren?
Moment, dieses Schiff da habe ich doch schon mal gesehen, das war doch im römischen Marinemuseum in Mainz, oder?
Diese Hobby-Römer sehen echt fit und profimäßig aus.
„Hallo, cooles Landungsmanöver, schade, dass ich keine Kamera dabeihabe.“
Keine Antwort. Siedend heiß fällt mir wieder ein, dass ich hier blöd nackt rumstehe. Ich blicke wieder an mir herunter und wieder hoch. Was hat der Typ eben gesagt? Etwas zischt in der Luft, dann Dunkelheit.
Der Schlag saß, der nackte Germane fällt wie ein Sack Hirse zusammen.
„Gut gemacht, Gaius.“ Quintus Tilius steht mit gezogenem Schwert und mit Schild neben dem bewusstlosen Germanen. War zu erwarten, dass der Germane die Aufforderung, sich sofort hinzulegen, nicht versteht.
„Hängt ihm was über, ist ja nicht zum Ansehen der Typ!“
Sein Optio Gaius wird erneut unruhig, ein Blick in die Runde, Rückversicherung per Augenkontakt mit unserem germanischen Späher; der schüttelt den Kopf, außer dem Gefangenen ist niemand hier am Ufer.
„Der Gefangene reicht, wir kehren um.“
Erleichtert und routiniert schnurrt Gaius die Befehle zum Fesseln des Gefangenen und für das Ablegemanöver runter, das Schiff schnellt unter den kräftigen Ruderschlägen flussabwärts voran.
Quintus nimmt den schweißnassen Helm ab, der Fahrtwind kühlt angenehm, das schlanke und elegante Schiff beweist wieder mal seine exzellenten Qualitäten. Es gibt einfach keine Schiffe, die hinsichtlich Geschwindigkeit und Manövrierbarkeit mit den römischen leichten Flussliburnen vergleichbar sind. Etwa 50 Fuß6 lang, knapp 10 Fuß breit, Mast mit Segel, 18 Männer an den Rudern plus vier weitere Besatzungsmitglieder. Leicht, schnell und effektiv, ideal für Flusspatroullien.
Quintus setzt sich neben den bewusstlosen Gefangenen. Es ist übrigens sein Mantel, mit dem der Germane verhüllt wurde, „Danke Gaius“, Quintus grinst in sich herein.
Die goldene, fein gearbeitete Mantelspange, die er vor 2 Jahren auf dem Markt in Antiochia7 erworben hat, glitzert auf der Schulter des Germanen.
Entspannt lehnt sich Quintus an die Bordwand und hängt seinem Gedanken nach.
Die Sonne und das unbeschreiblich helle Licht Syrias, der Geruch der Gewürze des Markts in Antiochia, das Geschrei der Händler. „Schaut mein Herr, diese herrliche Spange, echt Gold.“ Natürlich, was sonst.
Mit einem dumpfen Geräusch entfaltet sich ihr Segel und bringt Quintus Tilius wieder in die Realität zurück.
„Gut, dass der Wind gedreht hat, Gaius, Jupiter Dolichenus ist uns offensichtlich gewogen.“
„Du sagst es Zenturio, Hin- und Rückweg überwiegend unter Segel ist eher selten.“
Gaius sieht hoch zufrieden aus, bedeutet dies doch, dass sie noch in der vorgeschriebenen Zeit zurück sein werden; und damit kein Verstoß gegen die Dienstvorschriften.
Quintus betrachtet den neben ihm sitzenden bzw. zusammengesunkenen Gefangenen nun genauer. Irgendwie seltsam dieser Germane, sehr gut rasiert, keine Schwielen an den Händen und Füßen, sehr kurze Haare mit einem fast römischen Haarschnitt. Anderseits schwächlich und ziemlich alt für einen germanischen Kundschafter. Möglicherweise hat er an der Laugona ein Gelübde oder ähnliches zu erfüllen, für das er nackt sein muss? Oder irgendwas religiöses vielleicht?
Oder er war einer der in der Region noch vereinzelt vorkommenden Landoudioer8, dieser Keltenstamm hat ja heilige Männer, Druiden genannt. Dazu passt auch die Beobachtung, dass der Bereich des ehemaligen keltische Oppidums Dunumbriga9 offensichtlich noch bewohnt ist. Eine sehr wichtige Information für seinen Patrouillenbericht.
Bisher waren sie davon ausgegangen, dass die Region hier an der Biegung der Laugona nach Norden wenn überhaupt dann nur spärlich bewohnt ist.
Quintus wirft noch einen letzten Blick nach Norden. Vielleicht hat die Besetzung des Oppidums Dunumbriga sogar eine militärische Relevanz? Das wird den Präfekten sicher interessieren.
Leichte Übelkeit und rasende Kopfschmerzen, ich brauch eine Großpackung Ibuprofen.
Stöhnend hebe ich den Kopf. Ein heftiger Stoß in die Seite, mir bleibt die Luft weg. Scheiße, was soll das? Japsend schaue ich in die Richtung aus der der Stoß kam.
Da sitzt leicht grinsend einer der Hobby-Römer mit protzigem Helm und schimmernder Rüstung neben mir.
Muskulöser Kerl, gut gebräunt, allerdings mit einer großen Narbe auf der Wange. Wer hat denn da bei der Wundbehandlung so gepfuscht, wohl Kassenpatient, was?
Der Typ sieht irgendwie nicht unsympathisch aus, wenn er nicht so grob wäre. Mit seinen pechschwarzen Haaren, den dunklen Augen und der geraden Nase könnte er vielleicht griechischer oder türkischer Abstammung sein, oder Iraner.
Jedenfalls Typ Romeo, was für Frauen.
Ein schneller Blick nach unten, Gott sei Dank, die haben mir so eine Art Umhang verpasst. Das Grinsen meines Sitznachbarn wird breiter.
„Danke für die Klamotte, hast du vielleicht auch eine Hose für mich?“
Statt einer Antwort ein erneuter echt heftiger Schlag.
Schmerz überall, verdammt, den habe ich nicht kommen sehen, pfeifend ziehe ich Luft. „Arschloch!“ will ich sagen, bekomme aber kein Ton raus, da ich bemüht bin, überhaupt paar Atemzüge hinzukriegen.
Was sind das denn für durchgeknallte Typen hier, spinnen die? „Du bist…“ Seine Hand schnellt vor und verschließt meinen Mund, gleichzeitig taucht ein unangenehm spitzer und scharf aussehender Dolch vor meinem linken Auge auf.
Fuck! Sind die komplett irre?!
Erst jetzt merke ich, dass ich an Händen und Füßen gefesselt bin. Eine Gänsehaut läuft langsam vom Haaransatz südwärts, kalter Schweiß, der Kopfschmerz ist schlagartig weg.
„Physiologische Angst- und Fluchtreaktion“, heftiges Ein- und Ausatmen.
Die Hand auf meinem Mund verschwindet, der Dolch bleibt, mein Sitznachbar grinst weiter, eher freundlich anteilnehmend als hämisch, und legt den Finger auf seinen Mund. Psst, verstehe, ich soll die Klappe halten. Der Scheiß-Kidnapper kann mich mal, als Hobby-Römer verkleidet, was soll das werden? Ich nicke, er auch, der Dolch verschwindet an seiner Seite.
Mein Blick bleibt an seinem Gürtel hängen, der unglaublich aufwändig verarbeitet und mit silbernen Einlegearbeiten verziert ist. Daran hängt auch noch ein Schwert. Auch sonst hat er sich viel Mühe gegeben, wie ein Römer auszusehen – spielt wohl einen Offizier oder so. Sein Brustpanzer aus plierten Stahlspangen sieht aus, als ob er schon einiges abbekommen hat.
Auch die übrigen Typen im Boot sind nicht ohne, alle sehr kräftig wie sie da synchron die Ruder durchziehen. Ihre Klamotten und Rüstungen sehen echt „Vintage“ aus.
Wie lange die wohl geübt haben, so perfekt ein nachgebautes antikes Schiff zu bedienen?
Vorne im Bug hockt so eine Art Waldschrat mit langen Haaren, ohne Rüstung dafür mit einem freien muskulösen Oberkörper, wohl der Bodybuilder unter den Typen hier.
Da habe ich morgen bei der Arbeit den Kollegen aber mal was zu erzählen. Es sei denn, es ist eine echte Entführung durch gewaltbereite Hobby-Römer.
Trotz meiner Angst muss ich etwas grinsen, weil die Vorstellung so idiotisch ist, gleichzeitig kommen die Kopfschmerzen mit Macht zurück.
Mein Grinsen wird von meinem Nachbar erwidert – sehr witzig, du Arsch.
Die nächsten Stunden verbringe ich wegen der heftigen Kopfschmerzen mit geschlossenen Augen und der Hoffnung, dass dies alles ein großer Quatsch ist und die Kopfschmerzen verschwinden. Letzteres geht in Erfüllung…
1 Römischer Name für den Fluss Lahn
2 Optio ist ein Dienstgrad (Unteroffizier) der römischen Armee
3 Classis Germanicus, Name der römischen Binnenflotte am Rhein
4 Zenturio ist ein Dienstgrad (höherer Offizier) der römischen Armee
5 Syria, Name einer römischen Provinz, die etwa das heutige Syrien sowie die südöstliche Türkei umfasste
6 1 römischer Fuß sind etwa 30 cm – 50 Fuß sind also ca. 16m, d.h. 10 Fuß sind etwa 3m
7 Antiochia war die Hauptstadt der römischen Provinz Syria (Syrien), heute die türkische Stadt Antakya
8 Landoudioer, keltisch-germanischer Volksstamm, der das Lahntal bewohnte
„Gaius, ich brauche gleich zwei Männer, die mich mit dem Gefangenen begleiten, außerdem kommt der Mattiaker10 als Dolmetscher mit.“
Quintus Tilius sieht zu dem mattiakischen Späher rüber.
„Wie ist nochmal dein Name?“
„Berowulf.“
„Gut Berowulf, du kommst mit mir.“
„Zu Befehl, Zenturio!“
Sie verlassen jetzt die Laugona und rudern, weiterhin unter Segel, in den breiten Rhenus11 flussabwärts. Die Sonne steht jetzt knapp über den westlichen Hügeln. Auf dem linken Rhenusufer tauchen die Häuser und öffentlichen Gebäude von Confluentes12 auf, schon im Schatten gelegen, während die grandiose, über 1200 Fuß lange Rhenusbrücke noch in der Sonne liegt.
Eine berittene Truppe überquert glitzernd die Brücke. Sicher Kameraden meiner Cohors VII Raetorum Antoniniana equitata13, Quintus schaut ihnen nach, wie sie im schnellen Trab in Richtung Kastell verschwinden.
Sie nähern sich zügig der Hafenanlage von Confluentes, auch hier herrscht noch große Geschäftigkeit, es ist laut und sieht nach geordnetem Chaos aus. Mehrere Frachtschiffe werden noch be- oder entladen, auf den Molen stapeln sich Waren. Ochsen-bespannte Karren und Mulis warten in Reihen, die Händler und Seeleute beeilen sich, noch vor Sonnenuntergang fertig zu werden.
Mit ihnen ist auch die Liburne der Südpatrouille angekommen. Beide Schiffe steuern parallel die Anlegemolen an.
„Na Quintus, hast du einen schönen Fang gemacht?“
Das ist Marius Maximus, ein Zenturio der Classis Germanicus, der germanischen Flotte. Wenn der ins Reden kommt…
„Tja, Marius, Fortuna war mit mir.“
„Mmh, der Gefangene sieht ja interessant aus, komische Frisur für einen Germanen. Naja - wie steht` s Quintus, willst du mal sehen ob auch Venus dir hold ist – es hat doch der neue Gasthof am Ufer der Mosella14 aufgemacht, den wollte ich mir nach dem Dienst mal ansehen.“
Quintus kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Bist du nicht fest liiert, Marius?“
„Liiert? Und wenn schon, du Spielverderber. He, du Idiot was soll das denn?“
Die letzten Worte gelten nicht Quintus, sondern Marius Steuermann, der eine ablegenden Frachtkahn übersehen und heftig touchiert hat.
Das ist die Gelegenheit das Gespräch zu beenden. Das Anlegemanöver läuft wie am Schnürchen, eine Routinesache.
Der Gefangene hat sich die ganze Zeit erstaunt umgesehen und sieht ihn nun mit fragenden Augen an.
Ein Wink, er versteht und steht auf. Die Männer haben ihm schon die Fußfesseln abgenommen.
„Also gut Gaius, ich geh dann mal mit dem Gefangenen zum Kommandanten. Bis später.“
Sein Optio nickt und grüßt vorschriftsmäßig mit einem Faustschlag auf seinen Brustpanzer.
Quintus, Berowulf und der Gefangene in Begleitung von 2 Soldaten verlassen schnellen Schrittes den Hafen.
Auf dem Weg zum Prätorium15 überlegt Quintus, was der Kommandant wohl zu seinem exotischen Gefangenen sagen wird. Im Kopf legt er sich zudem den Bericht der Patrouillenfahrt zurecht, den er gleich vortragen wird.
„Zenturio Quintus Tilius, 1. Kohorte, meldet sich zum Patrouillenbericht in Begleitung eines Gefangenen.“
Die Wache am Tor des Kastells salutiert und gibt den Weg frei.
Wieso ist mir das nicht schon eher aufgefallen? Keine Städte an der Lahn, zum Beispiel Limburg hätte man doch sehen müssen. Und überhaupt keine Straßen und Autos, einfach nix! Was ist hier los? Also doch die Drogentheorie oder ein andauernder Tagtraum? Praxistest nicht bestanden! Niemand hat im Tagtraum schmerzhaften Sonnenbrand oder wird im psychischen Drogenrausch tatsächlich verkloppt.
Die dann verbleibende Hypothese will ich aber auch nicht anerkennen. Gut, dass die Kopfschmerzen fast weg sind, allerdings scheint die Beule an der Stirn, wo mich der als Römer verkleidete Schläger erwischt hat, rekordverdächtig ausgebildet zu sein. Schon die kleinste Berührung der Stirn ist schmerzhaft. Wenn ich hier fertig bin, gibt’s saftige Anzeigen wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und und und. Da könnt ihr Gift drauf nehmen, meine „römischen“ Freunde!
Nach der doch eher eintönigen Fahrt auf der Lahn, wie gesagt ohne Hinweis auf irgendwelche menschlichen Aktivitäten, kommen wir auf den Rhein.
Hier ist erstaunlich viel los auf dem Wasser, mehrere auch auf Antike gemachte Segel- und Ruderboote sind unterwegs. Allerdings fehlen die üblichen Rheinschiffe, die Schleppkähne oder Ausflugsdampfer. Wir fahren flussabwärts, vor uns erscheint eine imposante Brücke aus Holz, auf der linken Rheinseite taucht eine kleinere Stadt auf. Eigentlich müsste hier doch irgendwo Koblenz sein.
Diese kleine Stadt ist definitiv nicht Koblenz und diese große Holzbrücke nicht die Autobahnbrücke.
Unser Schiff schwenkt nach links ab und steuerte auf einen Hafen zu. Vom Hafen führt eine Kopfsteinpflasterstraße, „natürlich“ ohne Autos, zwischen ebenfalls sehr auf antik gemachten Häusern den Hang hinauf zu einer Art Burg.
Naja, soll wohl ein Kastell sein, die spielen hier ja Römerzeit.
Könnte das alles hier eine gigantische Filmkulisse sein, Gladiator II oder so? Never ever, viel zu aufwändig. Und wie kann man die Autobahn und eine ganze Großstadt verstecken?
Mein Sitznachbar tauscht sich mit einem weiteren Hobby-Römer eines parallel ankommenden Schiffs aus. Dabei kommt Fortuna und Venus vor. Und war die „Taberna“ nicht ein Gasthaus? Gut, das große Latinum ist jetzt auch schon 27 Jahre her, aber so paar Vokabeln sind offensichtlich hängen geblieben. Schon irre, dass die Schauspieler hier für ihren Sandalenfilm Latein sprechen, und so flüssig.
Jetzt werden mir endlich die Fußfesseln abgenommen, Gott sei Dank können wir mal runter von dem Kahn, mein Hintern fühlte sich schon völlig taub an von dem stundenlangen sitzen auf den Holzplanken. Mit dem obligatorischen heftigen Stoß beginnt der Abmarsch.
Die Häuser entlang der Straße sehen wirklich seltsam aus, teils Fachwerk teils gemauert aber vom Stil eher irgendwie mediterran, alle ziemlich bescheiden aber straßenseitig mit durchgehenden Kolonnaden, quasi überdachten Bürgersteigen. Fast alle Häuser haben kleine Läden im Erdgeschoss, schlecht zu erkennen was da verkauft wird. Die höchsten Gebäude sind zweistöckig, die meisten aber einstöckig.
Außer paar Esel- und Ochsenkarren null Verkehr, aber viele Fußgänger. Alle Leute sind als Römer oder als Kelten oder was auch immer verkleidet und tun so, als ob sie noch nie etwas anderes getan hätten. Einige schauen mich sogar erstaunt an, was ich jetzt eher lächerlich finde – ihr seht seltsam aus, nicht ich! Total albern, hier mit den antiken Klamotten rumzulaufen, sogar mit Kindern. Habt ihr alle nichts zu tun oder was?
Also eins musste ich meinem Sitznachbarn lassen, cool-lockeres Befehlen hat er drauf, irgendwie strahlt er eine natürliche Autorität aus. Jedenfalls kommen alle seinen Aufforderungen umgehend und engagiert nach.
Egal, ich habe mit ihm auf alle Fälle noch eine Rechnung offen, bei passender Gelegenheit – brutal schlagen und mit einem Messer vorm Gesicht rumfuchteln geht nämlich gar nicht.
Eine rausgeputzte Dame mit echt aufwändigem retro-antikem Kleid, schmuckbehangen sowie einer irren, ja kunstvollen Frisur, überquert mit Gefolge vor uns die Straße. Wir warten, bis sie den Laden gegenüber betreten hat.
Wir kommen an einem marmorgefassten Brunnen vorbei, wo Leute sich Wasser holen und andere sitzen, sich unterhalten und in die Abendsonne genießen. Wenn nicht alles so komplett irre wäre, könnte ich direkt Lust bekommen, beim Römerspielen mal mitzumachen.
„Aber erst nehmt ihr mir mal die Fesseln ab und entschuldigt euch. Da ist übrigens Freiheitsberaubung, hier Leute, ihr seid meine Zeugen – die haben mich gekidnappt!“
Das musste jetzt mal gesagt werden. Mein vor mir gehender Sitznachbar schaut mich über die Schulter mit einem interessierten Blick an, einer meiner zwei Begleiter haut mir als Antwort mit dem Schaft seines Pilums (so nennt man doch den römischen Speer, oder?) so heftig auf den Rücken, dass mir ungewollt die Tränen in die Augen schießen.
„Wichser, wir sprechen und noch“, keuche ich.
Die Leute am Brunnen sehen mich an wie, ja wie eigentlich? Wie einen Fremden, wie einen Gefangenen!
„Ich BIN ein Gefangener“, durchzuckte es mich, und nur noch sehr schwach „Lass es bitte ein Drogenrausch oder besser ein übler Traum sein!“
Das Blut pocht in meinen Ohren, eine Mischung aus Angst und Wut durchflutete mich – und die Kopfschmerzen sind auch wieder da. Allein unter gewalttätigen Idioten, die noch dazu Römer spielen – wie krank und irre ist das denn! Aber ist es auch gefährlich? Wollen die mich vielleicht sogar umlegen? Aber wieso denn?
Da spüre ich eine Hand am Oberarm und schau in die ernsten aber freundlichen Augen meines Sitznachbarn.
„Omnia bene, amicus meus“, das wiederholt er 3-4-mal, sehr langsam und jedes Wort betonend.
Ich denke er meint „Alles gut mein Freund“, soviel Latein habe ich noch drauf. Er will mich wohl beruhigen, hat anscheinend meine Panikattacke bemerkt. Wie war das noch, was heißt „Danke“ auf Latein? Ich versuch`s mit „Gratias!“
Er lacht kurz und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter.
Das beruhigt mich nun tatsächlich ein wenig. Vielleicht ist der Typ doch nicht so gestört und aggressiv, auch wenn ich ihn sicher nicht „Freund“ nennen werde.
Unser Ziel ist offensichtlich das Kastell. Wir müssen am Tor warten; jeder der da rein will, wird von den grimmiggelangweilt tuenden Hobby-Wachen kontrolliert.
Ich schau mich um, ein Römerkastell habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Die Verteidigungsmauern sind seltsamerweise außen weiß verputzt mit quadratisch eingeritzter, also imitierter „Quadersteinoptik“, noch dazu mit rotgefärbten Fugen. Das sieht irgendwie albern oder besser gesagt deplatziert aus - weiße Kacheln passen eher zu einem Bad als zu einer Verteidigungsanlage. So eine mittelalterliche Ritterburg aus Bruchstein wirkt dagegen doch deutlich militärischer. Die bestimmt 8m hohen, weißglänzenden, glatten Mauern wirken viel zu modern, wer sich da in der Requisite wohl vertan hat?
Die vor den Mauern angelegten doppelten, etwa 5m tiefen Spitzgräben sind akkurat angelegt. Wenn man da mal reingefallen ist, stell ich mir schwierig vor, da wieder rauszukrabbeln. Das mächtige Doppeltor wird von 2 Türmen eingerahmt, von oben guckt ab und zu eine weitere Wache auf uns runter.
Vor uns gibt’s jetzt Ärger, ein Händler oder sowas, der zwei bepackte Esel mit sich führt, darf offensichtlich nicht ins Kastell rein und macht beim Abgang seinem Ärger mit lauten lateinischen Sprüchen Luft. Toller Schauspieler! Ich grinse ihn an, er macht eine eindeutige Geste - du mich auch.
Endlich sind wir dran. Die Wache am Tor grüßt nach einer kurzen Ansage meines Sitznachbarn zackig und lässt uns rein. Im Kastell geht es die gepflasterte breite Straße geradeaus bis zu einer Straßenkreuzung. Hier stehen paar ansehnliche Gebäude, wir gehen rechts rüber in eines dieser Hauptgebäude. Durch eine schön gearbeitete breite Holztür mit Messingbeschlägen betreten wir eine kleine aber hohe Halle. Nach Innen wird die Halle durch Säulen von einem nett angelegten Innenhof im Atriumstil ergänzt. Hier ist es ruhiger und angenehm kühl, wozu auch die imposante Brunnenanlage mit mehreren bronzenen, reich verzierten Wasserspeiern und einem großen, geschwungenen Wasserbecken beiträgt.
Ein älterer Mann mit weißem Gewand (eine Tunika, oder?) führt uns durch den mit schön angelegten Beeten eingefassten Innenhof in ein größeres, nur spärlich möbliertes Zimmer, dessen verputzte Wände mit feinen geometrischen Mustern und phantastisch leuchtenden Farben bemalt sind.
Der Boden besteht aus einem einzigen riesigen Mosaik, das wohl eine griechisch-antike Landschaft darstellen soll.
Wow, was für ein Aufwand die hier betreiben – sieht euer aus!
Zentral im Raum steht ein mächtiger Tisch, auf dem mehrere Becher und ein großer Keramikkrug sowie eine ausladende, gut gefüllte Obstschale stehen. Schlagartig wird mir bewusst, wie durstig und hungrig ich bin. Meine Zunge kommt mir auf einmal pelzig verdickt und trocken vor, mein Magen knurrte erbärmlich, ich könnte glatt einen Kasten Cola und 10 Big Mäc verdrücken!
Mein Sitznachbar füllt einen Becher, den er mir mit einem Lächeln überreicht. Auf Ex, köstlich leicht gesäuertes kühles Wasser! Mein „Retter“ füllt erneut den Becher.
„Du hast jetzt was gut bei mir.“
„Gratias“, antwortete er, wir grinsen uns an.
Gerade als ich die ersten Weintrauben im Mund habe, geht eine Seitentür auf und ein Schauspieler, der offensichtlich ein höheres Tier darstellen soll, kommt in Begleitung von zwei weiteren uniformierten Offizieren in den Raum. Mein Sitznachbar stellt die Obstschale zügig auf den Tisch zurück und grüßt wie alle anderen Anwesenden zackig mit einem dumpfen Schlag auf die Brust:
„Ave Legat Cornelius Sulla!“
Nachdem er den Präfekten16 gegrüßt hat, geht Quintus Tilius erneut durch den Kopf, dass der Germane „Gratias“ gesagt hat, sich also bedankt hat. Er kann daher Latein bzw. kennt unsere Sprache! Das ist selten bei einem gefangenen Germanen, oder doch Kelten? Auf jedem Fall wird das Cornelius Sulla interessieren und seinem Bericht nochmal richtig Würze geben. Und der Germane kann auch höflich und zivilisierst sein, er bedankt sich wenn man ihm Essen und Trinken gibt, vielversprechend…“
Präfekt Cornelius Sulla ist wie immer in Zivil, er trägt eine wundervoll drapierte Toga in blau mit türkisen Verzierungen. Der letzte Schrei aus Rom? Aber Quintus Tilius weiß, die prächtige Toga täuscht. Cornelius Sulla ist ein ausgezeichneter Soldat und Kommandeur, der allerdings das militärische Handwerk nicht liebt, sondern beherrscht. Militärische Aufdringlichkeit und Zurschaustellung sind ihm zuwider, deshalb trägt er nur Uniform, wenn dies nötig oder verlangt ist.
„Quintus mein Freund, wen hast du denn da mitgebracht?
Wie war deine Fernpatrouille?“
Quintus berichtet ausführlich vom Ablauf der Patrouillenfahrt mit der Liburne auf der Laugona und von der Gefangennahme.
„Du sagst, ihr habt ihn in der Nähe unserer aufgegebene Stadt Ubiorum17 gefangen genommen?“
„Ja Präfekt.“
„Und er ist vielleicht Kelte statt ein Germane? Das wäre wirklich seltsam, die keltischen Ubier sind bereits vor mehr als 100 Jahren unter dem Konsulat des glorreichen Cäsar ins Reichsgebiet umgesiedelt worden.“
Quintus nickt. „Ja, aber es sind damals nicht alle Ubier gegangen. Außerdem wird berichtet, dass die Landoudioer, die wohl auch Kelten sind, in der Region noch vereinzelt siedeln. Gerade heute konnte ich beobachten, dass das ehemalige keltische Oppidum Dunumbriga weiter oder vielmehr wieder bewohnt ist, wenn auch nur von einer kleinen Gemeinschaft. Ich habe 18 Herdfeuer gezählt. Germanen siedeln nicht in ehemaligen keltischen Städten.“
Der Präfekt reibt sich die Nase und runzelt die Stirn.
„Das ist richtig, Quintus. Du meinst also, dass Kelten verstärkt diese Region an der Laugona besiedeln und vielleicht sogar ihr ehemaliges Oppidum erneut nutzen?“
Cornelius Sulla läuft nachdenklich im Zimmer auf und ab.
„Die Frage ist, wie sind sie uns gegenüber eingestellt.
Wenn es tatsächlich Landoudioer sind, wäre dies gut für uns, da sie Foederaten18 sind. Sie könnten einen Puffer zwischen uns und den feindlich gesonnen Chatten19 bilden.
Vielleicht können wir sie sogar überzeugen, uns militärisch gegen die Chatten zu unterstützen.“
Er bleibt abrupt stehen. „Gute Arbeit, Quintus. Wir bleiben an der Sache dran.“
Cornelius Sulla kommt jetzt um den Tisch herum.
„Mmh, dein Gefangener sieht recht seltsam aus. Diese Frisur, seine glatte und gepflegte Haut, bemerkenswert. Auch scheint er schon älter zu sein. Ein Adeliger oder heiliger Mann?“
Quintus nickt. „Das denke ich auch, Präfekt. Und er versteht einige wenige Wörter Latein.“
„Was? Das ist ja interessant!“ Cornelius Sulla blickt den Gefangenen direkt an: „Nenne mir deinen Namen!“
Keine Reaktion, der Gefangene kaut nachdenklich auf seiner Unterlippe. Dann zeigt er auf sich „Hans Lanzspiel.“
Dann deutete er auf den Präfekten und zieht fragend die Augenbrauen hoch.
„Er will wissen wie ich heiße. Also frech ist der ja schon!“
der Präfekt ist leicht verärgert „Wir sollten uns eine Bestrafung für diesen Kerl ausdenken!“
Eilig interveniert Quintus. „Er kennt unsere Gepflogenheiten nicht, Präfekt. Ich denke, er ist daher nicht respektlos, sondern schlicht unwissend.“
Quintus drückt den sichtlich überraschten Gefangenen runter auf die Knie. Jupiter sei Dank hat dieser sofort verstanden was Quintus von ihm will und kniet sich brav hin.
Cornelius Sulla umkreist nachdenklich den knienden Gefangenen.
„Du sagst, er war nackt als ihr ihn fandet?“
Quintus nickt „Ja. Vielleicht hat er am Fluss ein Gelübde erfüllt, vermutlich ist er ein frommer Mann.“
„Und er hat keinen Fluchtversuch unternommen?“
„Nein.“
Der Präfekt dreht eine weitere Runde.
Fast geräuschlos betreten mehrere Sklaven den Raum und zünden die an den Wänden montierten mehrarmigen ölbetriebenen Kandelaber sowie die großen, schmiedeeisernen Kohlebecken an. Im flackernden Licht verlassen sie ebenso leise wieder den Raum.
„Vielleicht ist er nur zu Hause rausgeflogen“ grinste der Präfekt schließlich, seine Adjutanten schmunzeln zustimmend.
Quintus wiegt den Kopf. „Ich glaube das eher nicht, denn die nächste germanische oder auch keltische Siedlung ist mindestens 2-3 Wegstunden entfernt von der Stelle, an der wie ihn gefunden haben. Sie nur, seine Füße sind ohne Kratzer und ohne Hornhaut.“
„Mmh. Vielleicht ist er geritten?“
„Möglich, ein Pferd haben wir allerdings nicht gesehen.“
Cornelius Sulla blickt versonnen auf den Gefangenen.
„Also gut Quintus, dann beginnen wir mal mit der Befragung.“
Quintus nickt „Jawohl, Präfekt. Ich habe Berowulf, meinen mattiakischen Späher als Dolmetscher mitgebracht.
Berowulf, komm her, wir wollen den Gefangenen befragen.“
10 Mattiaker, germanischer Volksstamm, der den Raum vom Main bis zur Lahn, den Taunus und die Wetterau, besiedelte
11 Rhenus ist der römische Name für den Rhein
12 Confluentes ist der römische Name für die heutige Stadt Koblenz
13 7. Berittene Kohorte aus Rätien. „Kohorte“ ist eine Einheit der römischen Armee (heute etwa Kompanie), Rätien war eine römische Provinz um den Bodensee und dem angrenzenden Alpenraum
14 Mosella ist der römische Name für den Fluss Mosel
15 Prätorium: Wohnhaus eines röm. Kommandanten, z.B. des Befehlshabers einer Legion oder eines Kastells
16 Präfekt ist die Bezeichnung für einen römischen Kommandeur einer Kohorte oder eines Kastells
17 Ubiorum aus Ubi (Ubier) und „orum“ für Stadt, also „Stadt der Ubier“. Ubiourum ist meine fiktive Bezeichnung für die einzige rechtsrheinische Stadtgründung der Römer, heute Waldgirmes. Der historische Name für diese Stadt ist nicht überliefert
18 Foederaten sind Völker oder Stämme, mit denen die Römer Freundschaftsverträge abschlossen
19 Chatten, germanischer Stamm (aus dem sich „Hessen“ ableitet)
Der Neue, der hier den militärischen Oberchef spielt, sieht bisschen freakig aus mit seinem kunstvollen umgehängten Gewand (Toga, oder?) und autoritär ist er auch.
Na Klasse!
Na kurzem Geplauder wollte er wohl wissen wie ich heiße.
Ich habe dann ganz primitiv auf „Ich Tarzan, du Jane“ gemacht. Aber das kam gar nicht gut an, ich musste auf die Knie, aber immer noch besser, als wieder geprügelt zu werden.
Ich muss vielleicht doch etwas vorsichtiger sein, sonst verletzten diese Irren mich doch mal heftiger oder sperren mich in so ein dreckiges Verlies oder so.
Was ist das für ein Stück, das die hier spielen? Ich blick das nicht, dieser ganze Aufwand, für was? Zumindest beherrschen die Typen Latein fließend, das ist schon beeindruckend und spricht für ein gewisses Niveau.
Ui, in einer Wolke aus Schweiß kommt jetzt dieser einen Kelten oder Germanen spielende langhaarige Typ in die Szene, der auf dem Schiff den „Mister Unnahbar“ gespielt hatte. Die Optik und das Outfit des großen, hageren Kerls sind nicht schlecht: lange ursprünglich blonde Haare würde ich sagen, jetzt aber rot getönt. Zehn-Tage-Bart, leuchtendhelle Augen, relativ enggeschnittene Hose, die von einer simplen Lederkordel als Gürtel gehalten wurde, nackter muskulöser Oberkörper. Obenrum eine Art Poncho ohne Kapuze, die schlichten Lederschuhe vom Typ Mokassins.
Und wie gesagt, er stinkt sehr „männlich“. Na mein Verständnis hat er, nach sicherlich 16 Stunden anstrengender Flussfahrt. Warum stinken die „Römer-Schauspieler“ nicht so? Das ist irgendwie auffällig. Mein Sitznachbar zum Beispiel riecht eher dezent und leicht nach Kräutern und Öl.
Seltsam, offensichtlich nutzen die sehr effektive Deos.
Der müffelnde Hobby-Germane stellt sich vor mich und quatscht mich in einem unverständlichen Kauderwelsch voll. Kein Latein würde ich sagen. Mein Lieber, keine Ahnung was du mir sagen willst. Dann in einem neuen Anlauf in einer anderen Sprache, genauso abstrus. Ach kapiere, die halten mich für Seinesgleichen und er spielt hier den Dolmetscher. Kannst du vergessen, da liegt mir ja Latein noch eher!
„Ich verstehe dich nicht – nix capito, Hombre, i don`t understand you, yo no hablo espanol!“
Mehr fällt mir erstmal nicht ein, aber der Blick von dem Germanenschauspieler daraufhin ist nicht schlecht!
„Das ist kein Germane und kein Kelte“ erklärt Berowulf entschieden.
Quintus denkt das gleiche und nickt. „Danke Berowulf, du kannst jetzt gehen.“
Der Späher grüßt zackig und verlässt geräuschlos den Raum. Der Präfekt schickt auch die beiden Offiziere hinterher, sie sind nun zu dritt im Raum.
Im Flackern der vielen Öllampen sind ihre Gesichter schwer zu erkennen. Der Präfekt läuft erneut nachdenklich auf und ab. „Schön, und was jetzt?“ Die Frage des Präfekten richtete sich natürlich an Quintus.
„Ich würde mir gerne den Gefangenen mal über längere Zeit vorknöpfen. Wie gesagt, er hat „Gratias“ gesagt und mich auch teilweise verstanden. Ich werde rauskriegen wer er ist, woher er kommt und ob er für uns nützlich sein kann.
Das wäre mein Vorschlag.“
Der Präfekt ist stehengeblieben. „Wie ich dich kenne planst du dieses Vorknöpfen ohne jede Gewaltanwendung, richtig?“, das leichte Lächeln auf seinen Lippen ist trotz des Schattenspiels der flackernden Beleuchtung gut zu erkennen. Cornelius Sulla atmet hörbar ein und nickt. „Also gut, versuch es. Wenn du die Verantwortung übernimmst, kann der Gefangene sich ohne Fesseln unter Aufsicht im Kastell bewegen. Außerhalb erstmal nicht, dafür bräuchten wir zunächst Fortschritte. Bitte berichte mir regelmäßig. Du kannst wegtreten.“
„Zu Befehl, Präfekt!“ Quintus grüßt, als Cornelius Sulla den Raum verlässt.
Das kann ja unterhaltsam werden. Der Gefangene erwidert Quintus Blick und sagt „Bonum?“
Ah ja, das Wort „Gut“ kennt er also auch. Quintus schmunzelt verholen, die sprachlichen Fähigkeiten des Gefangenen sind wirklich erstaunlich und erfreulich, das könnte wirklich eine spannende Sache werden mit diesem Germanen.
Wenn ihn sein durch langjährige Erfahrungen als Verhörspezialist geschultes Gefühl nicht völlig trügt, wird dieser seltsame keltische Druide oder germanische Priester oder was auch immer, noch für so manche Überraschung gut sein.
Bevor sie das Prätorium verlassen, nimmt er dem Germanen die Handfesseln ab, was der Gefangene mit einem freudigen Ruf quittiert.
„Komm mit“, er winkt dem Gefangenen zu, ihm zu folgen.
Mal sehen was Automedon davon hält, wenn sie einen Dauergast im Haus haben.
Ja! Endlich bin ich diese scheiß Handfesseln los, ein super Gefühl die Arme wieder frei bewegen zu können.
Während ich Dehnungsübungen veranstalte, tauschen mein Sitznachbar und ich unsere Kombination „Gratias – grinsen“ aus. Er winkt mir ihm zu folgen, wir verlassen den Besprechungsraum. Begleitet von einem sehr unauffälligen, schweigsamen Schauspieler, soll wohl so eine Art Diener sein, durchqueren wir den jetzt in der Dunkelheit liegenden Innenhof der prächtigen Villa und stehen kurz darauf auf der Straße.
Dort wartet dieser langhaarige, müffelnde Dolmetscher und auch die beiden Wachleute.
Ein kurzes Gespräch, dann drehen sich die drei nach einem Abschiedsgruß um und sind fast sofort im Dunkeln verschwunden. Das ganze Kastell liegt absolut ruhig da, es ist kaum was zu hören und alles total dunkel. Lediglich ein paar Fackeln an einigen Hauswänden geben spärliches Licht, dadurch sind die Gebäude nur schemenhaft zu erkennen.
Sind die alle schon im Bett oder was? Ich hätte eher gedacht, dass Schauspieler nach dem Set gerne einen drauf machen; vielleicht aber auch nur ein Vorurteil.
Meine Augen gewöhnen sich langsam ans Dunkle, es riecht leicht nach Holzfeuer und Pferden. Zu zweit laufen wir los und folgen an der Straßenkreuzung der Straße nach Westen, an der mehrere baugleiche, langgestreckte Gebäude liegen.
An der Kopfseite eines dieser Gebäude zieht mein Begleiter, oder besser mein Aufpasser, einen Schlüssel und öffnet eine Tür. Ah ja, offensichtlich wohnt er hier.
Wir betreten das Gebäude und stehen in einem Raum, der durch drei Öllampen spärlich beleuchtet wird. Mein Aufpasser reicht seinen Helm und die Rüstung sowie seinen umhangartigen Mantel einem älteren, grauhaarigen Typen, seinem Diener. Vielleicht spielt der aber auch einen Sklaven, die gab`s ja damals bei den „Römern“.
Der Diener verschwindet mit den Klamotten in einen Nachbarraum. Mein Aufpasser schaut mich aufmerksam an und sagt „Hans.“
Ich nicke und antwortete „Hans“ auf mich zeigend, was er nachmacht und mit dem Zeigefinger auf sich deutend erklärt „Quintus. Zenturio romanus“. Dann sieht er mich fragend an. Aha, du heißt also Quintus und bist ein römischer Zenturio, verstehe. Wenn ich mich richtig an Asterix und Obelix erinnere, war ein Zenturio ein Offizier der römischen Legion. Also ist er kein normaler Rekrut, sondern was Höheres.
Dachte ich mir schon, so wie er den ganzen Tag rumkommandiert; und belesen ist er anscheinend auch, zumindest kann er fließend Latein.
Und offensichtlich spricht er kein Deutsch. Was und wie soll ich dir, mein lieber Quintus, also sagen, wer ich bin?
Wie soll ich dir meinen Job erklären oder erklären woher ich komme. Allein „Deutschland“ wird ihm nichts sagen.
Halt, stopp, Moment mal. Jetzt tue ich schon so, als ob der Typ wirklich ein Römer ist! Ist er natürlich nicht, der Typ ist an meiner Entführung beteiligt! Andererseits ist das hier alles dermaßen irre und es ist spät und ich bin total müde.
Da ist es fast einfacher, das komische Spiel „Wir sind bei den Römern“ mitzuspielen.
Statt einer Antwort sehe ich ihn etwas hilflos mit hochgezogenen Schultern und ausgebreiteten Händen an. Er nickt verstehend und winkt mir wieder ihm zu folgen. Im angrenzenden Raum, der durch deutlich besser beleuchtet ist, steht ein reich gedeckter Tisch mit allerlei gut gefüllten Töpfchen sowie Brot und Obst. Jep, so gefällt mir das, ich habe einen Mordshunger! Wie das duftet, bestimmt total lecker!
Der den Diener oder einen Sklaven spielende Komparse steht zudem wartend mit einem großen Krug in der Hand an der gegenüberliegenden Tür. Wir nehmen auf Holzschemeln, auf denen Kissen liegen, Platz und die nächsten zehn Minuten gibt es von mir nur kauende und leicht schmatzende Geräusche zu hören. Das Essen ist echt gut, frisch, teilweise seltsam gewürzt, süß–scharf und bisschen sauer, fast wie beim Chinesen. Quintus zeigt mir die Verwendung der übelriechenden aber extrem lecker schmeckenden Würzsoße. Damit ist alles prima geschmacklich anzupassen. Mein Aufpasser oder ehemaliger „Sitznachbar“, also dieser Zenturio Quintus, beobachtet mich beim Essen. Ist mir aber echt egal, zumindest bis die erste Sättigung eintritt.
Der Hobby-Diener schenkt jetzt verdünnten Wein aus, passt gut!
Während ich die letzten Soßenreste mit einem Brot aufnehme schaue ich Quintus in die Augen und beschließe spontan, ihm zunächst mal zu trauen, denn alle anderen hier haben definitiv eine noch größere Macke und haben mich noch schlechter behandelt als er. Die Sache mit dem Dolch werde ich bei Gelegenheit aber nochmal mit ihm diskutieren.
Das Essen war die Wucht, bestimmt auch deshalb, weil ich den ganzen Tag nichts zwischen die Kiemen bekommen habe. Und plötzlich überkommt mich der absolute Fallschlaf, war `ne harte Nummer, der Tag. Ich muss jetzt ganz schnell mal ein Bett finden.
Quintus hat mein nicht mehr ganz so frisches Aussehen offensichtlich richtig interpretiert.
„Hans“ und ein Winken. Wir gehen in einen weiteren, diesmal fensterlosen Raum und dort steht tatsächlich überaus einladend ein Bett, himmlisch! Der Bedienungsschauspieler füllt Wasser in eine Schüssel, die auf einer Anrichte steht und legte eine Decke auf das Bett, guter Service.
Trotz völliger Übermüdung überkommt mich ein drängendes menschliches Bedürfnis. Ein Königreich für eine Toilette. Den Säcken hier würde ich zutrauen, mich bei diesem Bedürfnis wieder ordentlich zu verarschen! Ich zeige zwischen meine Beine und verziehe dabei theatralisch das Gesicht, offensichtlich so eindeutig, dass Quintus nickt und vorangeht. Ach du Scheiße, kein Klo im Haus!
Wir verlassen die Wohnung und gehen wieder die Straße Richtung Kreuzung und von dort zu einem weiteren, größeren Gebäude.
Die gute Nachricht ist, hier gibt es ein Klo, die schlechte Nachricht, es sind ungefähr 20 Klos in einem Raum! Und außerdem sitzen da schon zwei Figuren, die offensichtlich diesem Geschäft nachgehen. Na super.
Quintus grüßt die beiden und nimmt auf einem Klo Platz, erledigt sein Geschäft, dabei sich lustig und lautstark mit den anderen beiden unterhaltend. Verschämt nehme ich das am weitesten von den drei Typen entfernte Klo. Das Erleichterungsbedürfnis ist größer als meine Scham, die auch meinem leider sehr geräuschintensiven Entleerungsgang geschuldet ist.
Sind das hier einfache Plumpsklos? Offensichtlich nicht, unter mir fließt ein wasserführender Kanal, der meine „Hinterlassenschaften“ hurtig mitnimmt. Die Klositze sind in Marmorplatten eingelassen, auch der Fußboden besteht aus Marmor, alles sehr Nobel für ein öffentliches WC, da hat sich die Produktionsfirma für diesen Römerfilm aber finanziell weit aus dem Fenster gelehnt.
So, und was ist mit Klopapier? Hilfesuchend blickte ich zu Quintus rüber. Der demonstriert mir dann die römische Variante: man nehme den neben dem Klo liegenden Stab, an dessen einem Ende ein Schwamm steckt, befeuchtete diesen in dem vor jedem Klo stehenden Wasserbehälter und führe den Stab mit Schwamm durch die gespreizten Beine zum Wischen nach hinten. Klugerweise ist dafür eine entsprechende Aussparung im gemauerten Kloaufsitz vorhanden. Geht ganz gut - ich hoffe nur, das Wasser für den Schwamm sowie dieser selber werden hier häufiger mal gewechselt… Quintus nickt kurz, wir brechen auf und ich folge ihm zurück in seine Wohnung und in mein Bett, ein letzter Gruß und ich bin noch bevor mein Kopf das Kissen berührt, eingeschlafen.
Das hat Hans nicht zum ersten Mal gemacht. Die Toiletten sind ihm zumindest vom Prinzip bekannt, er muss da schon Praxis gesammelt haben. Vielleicht ist dies nicht sein erster Kontakt mit Römer, grübelt Quintus, während er sich von Automedon, seinem Freund und Haussklaven, noch einen Becher Wein einschenken lässt.
Müdigkeit überkommt ihn, glücklicherweise hat er wegen der heutigen Fernpatrouille morgen Vormittag dienstfrei. Sein Dienst, formale Rekrutenausbildung, beginnt erst nach der Mittagsstunde.
„Ich werde morgen versuchen, mehr aus ihm herauszubekommen. Ein bisschen Latein verseht er ja, wieviel genau, wäre dann mal zu klären“ überlegt Quintus laut. Automedon nickt zustimmend, während er das Lampenöl nachfüllt.
Quintus ist völlig klar, dass für dieses Vorhaben ein gewisses Vertrauen notwendig ist. Dieser Germane - Hans - muss sich schon sicher fühlen, sonst wird er nicht reden.
Diese Erfahrungen hatte er häufig gemacht, wenn er in Dalmatia20 oder in Syria Gefangene verhörte oder Abgesandte befragt hat. Wie der Präfekt schon sagte, Gewalt ist dabei nicht seine Linie, ineffektiv und seiner Meinung nach der römischen Armee unwürdig.
Seinen Ruf als begabter Verhörspezialist hat er sich im Laufe seiner militärischen Laufbahn erworben. Das fing schon in seiner ersten Dienstzeit in der III. Legion Gallica in Syria an, wo er wegen seinen Sprachkenntnissen im Krieg gegen die Parther und im Jüdischen Krieg als Kundschafter und Übersetzer eingesetzt war. Sein damaliger Chef in der III. Legion, der Zenturio Marcus Lepidus, ein übler und brutaler Typ, prägte den Spruch „Quintus Tilius Verhörrezept: Beobachtungsgabe, Verständnis und die richtige Sprache – lasch aber effektiv.“
Jedenfalls war er damit deutlich erfolgreicher als seine Kollegen, die sich auf die Folter verließen und damit häufig sehr zweifelhafte Resultate erzielten. Das hatte dann schließlich auch seinen Zenturio Marcus Lepidus überzeugt, dem Effektivität und Ergebnisse am wichtigsten waren, egal wie sie erzielt wurden. Seine damaligen Beförderungen zunächst zum Optio und dann zum Zenturio hatte er vor allem seinen großen Erfolgen bei Verhören und der nachrichtendienstlichen „Betreuung“ von feindlichen Verhandlungsführern oder Abgesandten zu verdanken.
Diese erfolgreiche Methodik konnte er nach seiner Versetzung zur Legion IV Flavia Felix in Singidunum21 im Krieg gegen die Daker und bei Aufständen in Dalmatia noch weiter verbessern.
Langsam dämmert Quintus aus seinen Erinnerungen wieder zurück in die Gegenwart und blickt auf, Automedon steht nun wartend neben ihm.
„Na Automedon, hat dich der heutige heiße Tag auch irgendwie an Antiochia erinnert?“
Automedon schaut ihn spöttisch an. „Ehrlich gesagt nein, dafür fehlt hier einfach der Duft der Gewürze des Basars, die sich im warmen Wind biegenden Feigenbäume und die nur leicht verhüllten Mädchen.“
Sie lachen und Quintus lädt Automedon ein, mit ihm noch ein oder zwei Wein zu trinken und in Erinnerungen an die Heimat zu schwelgen. Dafür gehen sie in das kleine Atrium in der Mitte des Hauses, von dort sind die Sterne zu sehen und der leichte Wind zu spüren.
„Nun Quintus, bleibt unser neuer Gast länger?“
Quintus nimmt einen Schluck Wein.
„Gute Frage, Automedon. Ich denke eher schon, er ist irgendwie etwas Besonderes. Daher will ich unbedingt mehr von ihm erfahren. Du weißt ja, wie ich das mache.“
Automedon schaut in den Nachthimmel und dann seinen Herren an. „Wenn du im Dienst bist, bin ich allein mit ihm.
Ich nehme an, dass es dir sehr recht wäre, wenn ich in dieser Zeit einen vertieften Blick auf diesen Hans werfen würde, stimmt` s?“
Quintus prostet ihm lächelnd zu und ist sich erneut sehr sicher, dass er Automedon bald die Manumissio, die Freiheit, schenken wird. Er hat die Freiheit verdient und soll seinen Lebensabend frei und wenn er will in der syrischen Heimat verbringen.
Die Nacht ist warm, sie reden und schweigen und trinken.
Und träumen von ihrem Zuhause. Es sind bereits zwei Öllampen heruntergebrannt und die Nachtwache hat schon längst die 6. Stunde, also Mitternacht, ausgerufen, als sie sich zur Ruhe begeben.
Geräusche dringen an mein Ohr, irgendjemand ruft etwas und Pferde wiehern, dazu klirrende und rhythmische Geräusche.
Oh Gott war das ein geiler Traum, gewalttätige Hobby-Römer, aufwändige Kulissen, brutale Entführung, Schläge, Gemeinschaftsklos, ich musst unwillkürlich grinsen, war abartig gut! Ich lasse noch halbschlafend den Traum genüsslich Revue passieren und kuschel mich fest in meine Decke.
Der leichte aber deutliche Geruch von Holzfeuer und noch etwa Undefinierbaren bringen mich dazu, die Augen als kleine Sehschlitze zu öffnen.
„Hans!“
Oh nein, bitte nicht, ich fahre schlagartig hoch und bin hellwach. „Das gibt’s doch nicht!“, ich schreie fast. Das sitzt wieder mein „Sitznachbar“ der gestrigen „Bootstour“ neben meinem Bett. Quintus, richtig? Dieser Schauspieler, der einen römischen Offizier, genauer einen Zenturio, mimt.
„Hans!“, sagt der nochmal, ein Lächeln um die Mundwinkel.
„Quintus“, stöhne ich, er nickt und grinst sehr breit.
Ich lasse mich zurückfallen – FUCK!
Es ist dasselbe Zimmer wie gestern, wir sind in der Wohnung von Quintus, in diesem verfluchten Römerlager oder Kastell oder was auch immer, verdammt, verdammt, verdammt! KEIN Traum!
Adrenalinschub vom Feinsten, Anflüge von Panik und Hektik, Fluchtgedanken, ich bin immer noch von den Idioten gefangen!
„Ego amicum vestrum“, immer wieder und langsam widerholt Quintus diesen Satz.
„Ego“ heißt „ich“ und „amicus“ „Freund“ das ist mir klar, er ist also mein Freund oder was. Und die Entführung und die grob-brutalen Spielchen gestern? Alles vergessen, Schwamm drüber oder was? Vergiss es!
Anderseits hatte ich doch für mich beschlossen, diesem Quintus erstmal zu trauen.
Resigniert würge ich „Gratias“ heraus, was ihn dazu veranlasste laut zu lachen und mir mal wieder kräftig auf die Schulter zu hauen.
Er zeigt auf einen Stapel Klamotten, die auf einer Truhe liegen, davor stehen 3 Paar hohe Sandalen. Okay, das ist mal eine gute Idee, das Nacktsein gestern war alles andere als cool. Den Hintern zu Quintus gedreht, probiere zuerst das überdimensionale dunkelgrüne T-Shirt, das bis zu den Knien reicht. Nennt sich eine Tunica, oder? Passt soweit, ist aus Leinen und angenehm zu tragen, hatte schon befürchtet, dass der Stoff eklig kratzig ist.
Quintus zeigt mir, wie der mit Metallplättchen verzierte Ledergürtel das Ganze in eine passable Form bringt. Ganz annehmbar, fühlt sich gut an.
„Unterhosen habt ihr wohl nicht, oder?“
Rätselnder Blick von Quintus, ich winke ab, egal, geht auch so. Eins der drei Paar Sandalen, so halbhohe Teile mit viel Schnürung, passt ebenfalls ganz gut. Socken trägt man als Römer offensichtlich nicht. Quintus muss mir wie einem Dreijährigen die Schnürung binden, da lob ich mir doch Klettverschlüsse oder Schnürsenkel in Ösen. Die Eisenköpfe der Sohlen sollen wohl wie Stollen wirken.
Naja komfortabel geht anders, die Sohle ist viel zu steif zum Abrollen, was noch durch den fehlenden Absatz verstärkt wird.
Quintus läuft mir mit seinen Sandalen was vor. Okay, scheint Übungssache zu sein und insgesamt viel besser als gestern, als ich den ganzen Tag barfuß rumlaufen durfte.
Gestern! Kein Traum, keine Drogen?
„Und wenn ihr jetzt alle noch echte Römer seid, ist der Irrsinn perfekt!“
