Captain Future 1: Der Sternenkaiser - Edmond Hamilton - E-Book
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Captain Future 1: Der Sternenkaiser E-Book

Edmond Hamilton

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Beschreibung

James Carthew, Präsident der Erdregierung, ist verzweifelt: Durch einen Agenten erfährt er, dass auf dem Jupiter ein Verbrecher sein Unwesen treibt, der sich selbst "Sternenkaiser" nennt und seine Gegner in Affenwesen zurückverwandelt. Carthew ruft Captain Future zuhilfe und bittet ihn, sich an Bord der Komet zu begeben und zum Jupiter zu fliegen. Doch auf Curt Newton und seine Freunde lauert in den Tiefen des Weltraums eine entsetzliche Gefahr ... Der Roman Captain Future and the Space Emperor ist im Winter 1940 in dem Magazin "Captain Future Wizard of Science" erschienen. Er wird hier, erstmals auf Deutsch, mit sämtlichen Illustrationen und allen zur Serie gehörigen Materialien der Originalausgabe vorgelegt. Wie schon bei den beiden Bänden mit den Verschollenen Abenteuern von Captain Future, Die Rückkehr von Captain Future und Der Tod von Captain Future, hat es sich die vorliegende Neuausgabe zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte werden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche übertragen. Deutsche Erstausgabe Ins Deutsche übertragen von Frauke Lengermann Mit einem Grußwort von Dietmar Dath

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Seitenzahl: 268

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Edmond Hamilton

CAPTAIN FUTURE 1 – Der Sternenkaiser

Vorlage für die Übersetzungen war der Erstdruck

»Captain Future and the Space Emperor«

in CAPTAIN FUTURE MAGAZINE (Winter 1940).

Das Zusatzmaterial übersetzte Andreas Stöcker

© 2012 by Erbengemeinschaft Edmond Hamilton

Mit freundlicher Genehmigung der Paul + Peter Fritz AG, Zürich

Nachwort © 2012 by Dietmar Dath

© dieser Ausgabe 2012 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: H. W. Wesso

Lektorat: Karin Will

Redaktion: Hannes Riffel

Korrektorat: Ilona Pritzens & Robert Schekulin

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.wordpress.com]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

[email protected] | www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-17-2 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-942396-41-7 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

Vorbemerkung

DER STERNENKAISER

1. Kapitel: Tod auf dem Jupiter

2. Kapitel: Erbe der Vergangenheit

3. Kapitel: Hinterhalt im Weltraum

4. Kapitel: Welt der kriechenden Kristalle

5. Kapitel: Die Macht des Sternenkaisers

6. Kapitel: Bestien, die einst Menschen waren

7. Kapitel: Otho nimmt die Fährte auf

8. Kapitel: Die Spur

9. Kapitel: Magie aus dem Labor

10. Kapitel: Unter den Jupitermonden

11. Kapitel: Gehirn und Roboter

12. Kapitel: Das Geheimnis der Mine

13. Kapitel: Der Platz der Toten

14. Kapitel: Der Lebende Ahne

15. Kapitel: Verhängnis eines Erdenmenschen

16. Kapitel: Die Gefängnisgrube

17. Kapitel: Kammer des Schreckens

18. Kapitel: Der Schläfer in der Höhle

19. Kapitel: Die Geschichte der Ahnen

20. Kapitel: Das geheime Wissen der Ahnen

21. Kapitel: Enttarnt!

22. Kapitel: Der Weg des Captain Future

ANHANG

Under Observation

The Futuremen: Nr. 1 – Der Roboter aus Metall

The Worlds of Tomorrow: Jupiter

The March of Science: Wissenschaft auf der Weltausstellung

Die Zukunft von Captain Future

Gestern in hundertzwanzig Jahren

Weitere Bücher bei Golkonda

Phantastik im Golkonda Verlag

Vorbemerkung

Wie schon bei den beiden Bänden mit denVERSCHOLLENEN ABENTEUERN VON CAPTAIN FUTURE, Die Rückkehr von Captain Future und Der Tod von Captain Future, hat es sich der vorliegende erste Band der Neuausgabe der Romane um Curtis Newton zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte werden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche über­tragen. Im Original auftretende Holprigkeiten und Widersprüche, die nicht selten den Entstehungsbedingungen der Texte geschuldet sind, werden belassen. Allerdings bemüht sich die Übersetzung auch, die Eleganz, das gezielt eingesetzte Pathos und die unterschwellige Ironie der Sprache zu erhalten. Edmond Hamilton war einer der Begründer dessen, was wir heute als »Space Opera«, als große Weltraumoper kennen. Er hat diese Form der abenteuerlichen SF nicht nur mit begründet, er hat sie auch zu einem ersten Höhepunkt geführt. Dem möchten wir in jeglicher Hinsicht gerecht werden.

Die Redaktion

DER STERNENKAISER

1. Kapitel: Tod auf dem Jupiter

Der eisige, unheimliche Hauch einer viele Millionen Meilen entfernten Bedrohung durchwehte das weiträumige, sanft erleuchtete Büro in einem der gewaltigsten Wolkenkratzer New Yorks.

Der Mann, der dort an seinem Ebonitschreibtisch saß, war bekümmert. Das große Fenster vor ihm gab den Blick frei auf die beeindruckende Silhouette der vom Mondlicht beschienenen Stadt, und er konnte die kalte, unheilvolle Aura jener Bedrohung beinahe körperlich spüren. Er fröstelte bei dem Gedanken an das, was sich, wie er wusste, in diesem Moment zutrug.

»Das muss ein Ende haben«, murmelte er leise vor sich hin. »Irgendjemand muss diesem Schrecken ein Ende setzen. Denn sonst ...«

James Carthew, Präsident der Erdregierung, die seit dem letzten Weltkrieg über die gesamte Menschheit herrschte, war noch nicht alt. Ein Mann in den Fünfzigern stand, so dachte man zu jener Zeit, in der Blüte des Lebens. Doch die entsetzliche Verantwortung, das Schicksal der gesamten Menschheit zu lenken, hatte ihn lange vor der Zeit altern lassen.

Das grau melierte Haar lichtete sich über der hohen Stirn, tiefe Sorgenfalten zerfurchten die klugen, willensstarken Gesichtszüge, und in den dunklen Augen lag ein erschöpfter, sorgenvoller Ausdruck.

Unwillkürlich suchten seine feingliedrigen Finger Halt am Rand der Schreibtischplatte, als plötzlich die Tür zu seinem Büro geöffnet wurde und North Bonnel eintrat, sein schlanker, dunkelhaariger Sekretär.

»Das Linienschiff, das zwischen Erde und Jupiter verkehrt, ist soeben gelandet, Sir«, berichtete er. »Die Meldung ist vor wenigen Sekunden eingetroffen.«

»Gott sei Dank!«, brummte Carthew. »Sperling müsste in fünf Minuten hier sein. Er weiß, dass ich auf seinen Bericht warte.«

Bonnel zögerte.

»Hoffentlich ist es ihm gelungen, dem Geheimnis, das dort draußen lauert, auf den Grund zu gehen. Das Sonderkomitee, das die Belange der menschlichen Siedler auf dem Jupiter vertritt, hat sich heute Nachmittag erneut über Televisor an uns gewandt.«

»Ich weiß – sie beschweren sich wieder über die dortigen Zustände«, entgegnete Carthew voller Bitterkeit. »Jeder von ihnen gibt sich redlich Mühe, seine Klagen noch lauter zu äußern als seine Vorgänger.«

»Das ist nur verständlich, Sir«, wagte der junge Sekretär einzuwenden. »Die Zustände dort draußen müssen wirklich schlimm sein, solange sich diese grässliche Sache weiter ausbreitet.«

»Sperling hat bestimmt herausgefunden, wo das Problem liegt«, erklärte der Präsident zuversichtlich. Er warf einen Blick auf die immerwährende Uranuhr auf seinem Schreibtisch. »Er müsste jeden Moment hier eintreffen ...«

Ein Schrei aus einem der unteren Stockwerke des großen Regierungsturms ließ ihn verstummen. Es war der Schrei einer Frau.

In der riesigen Regierungszentrale der Erde und ihrer Kolonien waren zahlreiche Sekretärinnen angestellt. Auch zu dieser späten Stunde hielten sich ein paar von ihnen im Gebäude auf. Aber was hatte einer von ihnen solche Angst eingejagt, dass sie einen gequälten Schrei ausgestoßen hatte?

James Carthew erhob sich von seinem Stuhl, und sein faltiges Gesicht sah plötzlich bleich und besorgt aus. Der Sekretär zuckte ebenfalls zusammen.

»Da stimmt etwas nicht, Sir! Ich sehe besser nach, was ...«

Eilig ging er zur Tür, die jedoch in diesem Moment von außen aufgerissen wurde.

Der junge Bonnel wich erschrocken zurück.

»Der Herr steh uns bei!«, rief er aus.

In der geöffneten Tür stand eine unglaubliche, abscheuliche Gestalt, ein Ungeheuer, das einem Albtraum entsprungen schien.

Es handelte sich um einen riesigen, gebückt gehenden Menschenaffen, haarig und abstoßend. Seine gedrungene Gestalt war in einen Overall aus weißer Kunstseide gezwängt. In dem Kleidungsstück wirkte er wie eine schauerliche Travestie des Menschengeschlechts; das haarige Gesicht war zu einer bestialischen Maske verzerrt, und das weit aufgerissene Maul entblößte gewaltige Reißzähne. In seinen Augen glomm es kalt, als er in das Zimmer gestürmt kam. »Vorsicht!«, brüllte Bonnel voller Verzweiflung.

In diesem Augenblick erschien ein bleicher Wachmann in der dunklen Uniform der Planetenpolizei in der Tür. Er richtete seine Strahlenpistole auf die Bestie.

»Warten Sie – nicht schießen!«, rief James Carthew plötzlich aus, denn er hatte dem haarigen Monster direkt in die Augen geblickt.Doch die Warnung kam zu spät. Der Wachmann hatte gesehen, wie sich eine unfassbare, bedrohlich wirkende Gestalt dem Präsidenten näherte – und abgedrückt.

Das kleine Strahlengeschoss bohrte sich in den breiten Rücken des Menschenaffen, und das Gesicht der Kreatur verzerrte sich in plötzlicher Qual. Mit einem tiefen, fast menschlichen Stöhnen brach sie zusammen.

James Carthew stieß einen entsetzten Schrei aus und sprang vorwärts. Sein Gesicht war kreidebleich, als er sich über die Kreatur beugte.

In den eigenartig blauen Augen des Affen erlosch der letzte Lebensfunke, während er zum Präsidenten hochblickte und zu sprechen versuchte.

Doch aus dem haarigen Rachen kam nur ein rasselndes, gurgelndes Geräusch – seine letzten Worte verschmolzen zu einem tierischen Grunzen, das nur schwer zu verstehen war.

»Jupiter ... der Sternenkaiser ... Ursache für den Atavismus ...«, keuchte die Kreatur in einem fast ausgestorbenen Dialekt.

Sie bemühte sich vergeblich, den Kopf zu heben. Die brechenden blauen Augen, die sich mit gequältem, flehenden Ausdruck auf den Präsidenten richteten, wirkten fast menschlich.

»Die Bedrohung ...«

Und dann, während sie sich abmühte, ein weiteres Wort zu formulieren, floss das Leben aus ihr heraus. Sie sank zu Boden, den Blick ins Leere gerichtet.

»Tot!«, rief Carthew verzweifelt und am ganzen Leib zitternd aus.

»Mein Gott, es hat gesprochen!«, wunderte sich der leichenblasse Wachmann. »Dieser Affe – hat gesprochen!«

»Das war kein Affe«, sagte Carthew mit heiserer Stimme. »Das war ein Mensch!«

Er richtete sich auf, während Wachmänner und Angestellte aufgeschreckt in das Büro gerannt kamen.

»Raus hier – Sie alle«, flüsterte Carthew und wies mit zitternder Hand zur Tür.

Entsetzt, den Blick starr auf den monströsen, haarigen Leichnam auf dem Boden gerichtet, zogen sie sich zurück und ließen den Präsidenten und seinen Sekretär mit der makabren Leiche allein.

»Gütiger Gott – diese blauen Augen! Das kann nicht Sperling gewesen sein!«, sagte der junge Sekretär erschaudernd.

»Und doch war es kein anderer«, bestätigte James Carthew mit leiser Stimme. »Ich habe ihn an den Augen erkannt – aber es war bereits zu spät. John Sperling, unser bester Geheimagent, hat sich in eine Bestie verwandelt, die nun tot hier auf dem Boden liegt!«

»Sie haben ihn mit dem Auftrag losgeschickt, die grauenhaften Vorkommnisse auf dem Jupiter zu untersuchen, und jetzt ist er ihnen selbst zum Opfer gefallen!«, rief Bonnel heiser aus. »Wie all die anderen Menschen dort draußen hat er sich in eine Bestie verwandelt. Und dennoch war er noch menschlich genug, um zurückzukehren und zu versuchen, Bericht zu erstatten!«

Der bleiche junge Sekretär blickte seinen Vorgesetzten flehentlich an.

»Was kann es nur sein, das dort draußen auf dem Jupiter eine Heerschar von Ungeheuern gebiert? Im vergangenen Monat hatten wir Hunderte solcher Fälle – Hunderte von Menschen, die sich in affenähnliche Bestien verwandelt haben!«

»Was immer es ist, es geht hier um mehr als nur um den Jupiter«, flüsterte Carthew verstört. »Was, wenn sich diese seltsame Plage auch auf anderen Planeten ausbreitet – zum Beispiel auf der Erde?«

Bei dieser Vorstellung wurde Bonnel noch bleicher.

»Gütiger Gott, das darf niemals geschehen!«

Der Präsident betrachtete den haarigen Leichnam zu seinen Füßen, der noch vor wenigen Wochen einer der scharfsinnigsten, tapfersten Geheimagenten der Planetenpolizei gewesen war.

»Vielleicht hat Sterling einen Bericht verfasst«, murmelte Carthew. »Das sollen Geheimagenten zwar eigentlich nicht, aber ...«

Der junge Sekretär begann hastig, die Kleider der haarigen Kreatur zu durchsuchen. Mit einem leisen Schrei zog er ein Blatt Papier aus einer der Overalltaschen.

Es war mit einer plumpen, unleserlichen Handschrift bedeckt, die aussah wie das Gekrakel eines Kindes. Die Überschrift lautete: ›An den Präsidenten.‹ Carthew las laut vor:

Das Schiff ist nur noch einen Tag von der Erde entfernt, doch ich spüre die Verwandlung so schnell voranschreiten, dass ich befürchte, nicht mehr klar denken, geschweige denn mich klar ausdrücken zu können, wenn ich die Erde erreiche. Schon vor Tagen habe ich mich auf dem Jupiter mit der Seuche angesteckt. Ich wollte unter allen Umständen zur Erde zurückfliegen, um zu berichten, was ich herausgefunden habe, bevor ich mich vollständig in eine Bestie verwandelt habe.

Ich habe herausgefunden, dass diese Pest von einem mysteriösen Wesen ausgeht, das von allen der »Sternenkaiser« genannt wird. Ich weiß nicht, ob es sich um einen Erdbewohner oder um einen Jovianer handelt. Wie er dieses Übel hervorruft, kann ich genauso wenig sagen, aber er muss über irgendwelche Kräfte verfügen, mit denen er die Menschen von der Erde zu beeinflussen vermag. Ich habe nichts bemerkt, bis ich anfing, mich zu verwandeln und mein Geist sich vernebelte, während mein Denken von Tag zu Tag schwerfälliger wurde.

Mehr kann ich jetzt nicht schreiben ... es fällt mir schwer, den Stift zu halten ... Ich traue mich nicht, meine Kabine zu verlassen, so stark hat sich mein Äußeres verändert ... Meine Gedanken werden immer wirrer ... ich wünschte, ich hätte mehr herausgefunden ...

Mitleid und Entsetzen mischten sich im Blick des jungen Sekretärs, als James Carthew diese letzten Worte vorlas.

»Also hat Sperling nichts weiter entdeckt, als dass diese schreckliche Seuche vorsätzlich und mit menschlicher Hilfe verbreitet wird!«, rief er. »Stellen Sie sich das vor: Er muss sich den ganzen Rückflug zur Erde in seiner Kabine versteckt haben – in dem vollen Bewusstsein, dass er jeden Tag mehr und mehr zur Bestie wurde. Seine einzige Hoffnung bestand darin, die Erde zu erreichen, während er noch menschlich war ...«

»Wir haben jetzt keine Zeit, über Sperlings Schicksal nachzugrübeln«, stellte Carthew mit rauer Stimme fest. »Wir müssen an die Leute denken, die auf dem Jupiter und auf den anderen Planeten leben – und diesem Schrecken Einhalt gebieten!«

In diesem Moment wurde James Carthew die schwere Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, erneut schmerzlich bewusst. Die neun Planeten, vom Merkur bis zum Pluto, hatten sich seiner Obhut anvertraut. Und jetzt konnte er deutlich spüren, wie sich ihnen allen eine geheimnisvolle, schreckliche Gefahr näherte; ein finsteres, unfassbares Grauen, das sich wie ein unsichtbares Gift ausbreitete.

Die ersten Berichte über die Seuche waren vor Wochen vom Jupiter eingetroffen. Dort draußen, auf dem gewaltigsten der neun Planeten, dessen weitläufige Dschungel und riesige Ozeane noch weitgehend unerforscht waren, hatte sich eine beträchtliche Zahl von Menschen niedergelassen und eine Erdkolonie gegründet. Um die Hauptstadt Jovopolis herum hatten jene Menschen Dutzende kleiner Städte errichtet, und dort gingen sie nun ihrem Tagewerk nach. Sie arbeiteten in Minen, als Zimmerleute oder bauten im großen Stil Getreide an.

Eine dieser kleinen Kolonien hatte die ersten, schier unglaublichen Berichte an die Erde gesandt. Menschen, die zu Bestien wurden! Menschen, die sich aus unerklärlichen Gründen in affenähnliche Tiere verwandelten und deren Körper und Geist von Tag zu Tag bestialischer wurden. Ein schrecklicher Rückschritt auf dem Weg der menschlichen Entwicklung! Die Opfer waren zu Atavismen geworden, die sich auf der Leiter der Evolution rasend schnell abwärts bewegten.

Als er die ersten Berichte erhielt, hatte Carthew kaum glauben können, was da geschrieben stand. Doch schon bald waren die Meldungen bestätigt worden. Hunderte von Menschen waren der Seuche inzwischen zum Opfer gefallen, und unter den Siedlern breitete sich Panik aus.

Carthew hatte Wissenschaftler entsandt, Männer, die in planetarer Medizin bewandert waren, um die Seuche zu bekämpfen. Doch sie hatten es weder geschafft, die Verwandlungen aufzuhalten, noch hatten sie herausgefunden, wodurch sie hervorgerufen wurden. Auch die Geheimagenten der Planetenpolizei hatten keinen Erfolg gehabt. Sperling, der Beste unter ihnen, hatte, obwohl er für seine Nachforschungen mit dem Leben bezahlen sollte, genauso wenig erfahren wie seine Kollegen.

»Wir müssen unverzüglich alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um dieser Plage Herr zu werden«, sagte Carthew aufgewühlt. »Immerhin wissen wir nun, dass diese Verwandlungen vorsätzlich ausgelöst werden – von diesem Geschöpf, das Sperling als den ›Sternenkaiser‹ bezeichnet.«

»Aber wenn nicht einmal Sperling, unser bester Agent, etwas gegen ihn ausrichten konnte, wer kann uns dann noch helfen?«, fragte Bonnel verzweifelt.

James Carthew schritt zum Fenster und trat hinaus auf den kleinen Balkon. Er blickte hinauf zum Vollmond, der in majestätischen Glanz getaucht hoch über den himmelstürmenden Türmen des nächtlichen New York dahinglitt.

Im zerfurchten Gesicht des Präsidenten zeichnete sich tiefe Sorge ab, während er das leuchtend weiße Antlitz des einsamen Erdsatelliten betrachtete.

»Jetzt gibt es nur noch einen, der uns retten kann«, sagte er bedächtig. »Ich werde Captain Future um Hilfe bitten.«

Der Sekretär erstarrte.

»Captain Future? Aber wenn Sie ihn rufen, dann wird die ganze Welt wissen, dass wir uns in einer schlimmen Notlage befinden!«

»Das hier ist eine schlimme Notlage!«, rief sein Vorgesetzter aus. »Er ist unsere letzte Hoffnung. Setzen Sie sich per Televisor mit dem Stützpunkt der meteorologischen Raketenpatrouille auf Spitzbergen in Verbindung. Geben Sie Befehl, das Magnesiumleuchtfeuer zu entzünden.«

»Wie Sie wünschen, Sir«, antwortete der Sekretär und eilte zum Bildschirm hinüber.

Wenig später kehrte er zum Fenster zurück, wo James Carthew noch immer mit besorgter Miene zum Mond hinaufschaute.

»Das Leuchtsignal am Nordpol ist entzündet worden.«

Sie verharrten in angespannter Stille. Eine Stunde verstrich – und noch eine. Die Uranuhr zeigte an, dass Mitternacht lange vorüber war.

Weit draußen, jenseits der Wolkenkratzer New Yorks, hatte der Mond seinen Zenit bereits überschritten, und in der Ferne waren die Startfeuer der Sternenkreuzer zu sehen, die vom Raumflughafen zu entfernten Planeten wie Venus, Saturn oder Pluto aufbrachen.

»Warum kommt Captain Future nicht?«, rief Bonnel aus, als er nicht länger zu schweigen vermochte. »Sein Schiff braucht nur wenige Stunden vom Mond bis zur Erde – er müsste längst hier sein.«

James Carthew hob das graue Haupt.

»Er wird kommen. Er ist immer gekommen, wenn wir ihn um Hilfe gebeten haben.«

»Ich bin sogar schon hier«, sagte eine tiefe, amüsiert klingende Stimme.

Sie kam von dem kleinen Balkon vor dem Fenster. Wie durch Zauberhand war dort plötzlich ein großer, rothaariger Mann aufgetaucht.

»Curt Newton – Captain Future!«, rief der Präsident erfreut.

Curt Newton war ein hochgewachsener, athletisch gebauter junger Mann. Er war über einen Meter achtzig groß, besaß widerspenstiges rotes Haar, und seine breiten, geschmeidigen Schultern sprengten beinahe die Jacke seines grauen Kunstseidenanzugs. Er trug einen flachen Gürtel aus Tungstit, in dem eine eigenartige Handfeuerwaffe steckte, und an seiner rechten Hand glänzte ein großer, seltsam anmutender Ring.

In dem gut aussehenden, gebräunten Gesicht des jungen Mannes zeichneten sich um Augen- und Mundpartie winzige Lachfältchen ab, die von Humor zeugten. Dennoch lauerte hinter dem schelmischen Ausdruck der grauen Augen noch etwas anderes, etwas Tiefgründiges und Bedächtiges, eine verborgene, übermächtige Entschlossenheit.

»Captain Future«, sagte James Carthew noch einmal, »wo ist Ihr Schiff, die Komet?«

»Wir haben mithilfe des magnetischen Ankers an der Außenfassade des Wolkenkratzers angelegt«, erwiderte Captain Future fröhlich, »und hier kommen auch meine Kameraden.«

Kaum hatte er das gesagt, sprang schon eine seltsame Gestalt auf den Balkon. Dem Äußeren nach menschlich, schien ihr Körper aus Gummi zu bestehen und gleichsam knochenlos zu sein, und ihre Haut leuchtete in einem strahlenden Weiß. Sie trug einen Metallharnisch, und die geschlitzten grünen Augen funkelten hell in einem fremdartigen weißen Gesicht.

Nach dem gummiartigen Androiden oder künstlichen Menschen folgte eine weitere, nicht minder seltsam anmutende Gestalt: ein gewaltiger Metallroboter, der auf gepolsterten Füßen über den Balkon schritt. Er war mehr als zwei Meter groß, und in seinem knollenförmigen Metallschädel glühten zwei fotoelektrische Augen.

In der rechten Hand trug der Roboter einen quadratischen, durchsichtigen Kasten. Darin befand sich das lebende Gehirn, dessen gläserne Augenlinsen auf der Vorderseite des Kastens angebracht waren. Selbst in diesem Moment glitten sie auf den beweglichen Metallstielen aufmerksam hin und her, um das Gesicht des Präsidenten genauer in Augenschein zu nehmen.

»Meine Assistenten kennen Sie bereits«, sagte Curt Newton schließlich. »Grag, der Roboter, Otho, der Androide, und Simon Wright, das lebende Gehirn. Wir sind mit Höchstgeschwindigkeit zur Erde geflogen, nachdem ich Ihr Signal gesehen habe. Was gibt es für ein Problem?«

»Wir brauchen Ihre Hilfe, Captain Future – und zwar dringend«, sagte James Carthew verzweifelt. »Sie müssen sofort zum Jupiter fliegen.«

»Jupiter?« Der gut aussehende junge Mann runzelte die Stirn. »Ist dort etwas Ungewöhnliches vorgefallen?«

»Das Grauen geht dort um!«, rief der Präsident. »Ein finsteres Grauen, dem so schnell wie möglich Einhalt geboten werden muss. Hören Sie ...«

2. Kapitel: Erbe der Vergangenheit

Der Name von Captain Future, dem größten Feind alles Bösen und aller Bösewichte, war jedem Bewohner des Sonnensystems geläufig.

Dieser hochgewachsene, aufgeweckte, rothaarige junge Abenteurer mit dem sympathischen Lachen und den fliegenden Fäusten war der unerbittliche Erzfeind aller Unterdrücker und Ausbeuter menschlicher sowie planetarer Spezies des Systems. Er, der draufgängerische Verwegenheit mit unbedingter Zielstrebigkeit und unvergleichlicher wissenschaftlicher Brillanz zu verbinden verstand, schlug in seinem Kampf für die Gerechtigkeit eine ruhmreiche Bresche durch die neun Welten des Systems.

Er und seine drei nichtmenschlichen Kameraden, das lebende Gehirn, der Roboter aus Metall und der künstliche Mensch, waren im ganzen System Gesprächsthema Nummer eins. Jeder wusste, dass sich das Zuhause des Zauberers der Wissenschaften in einem Krater auf dem öden, einsamen Mond befand. Nachts blickten die Menschen zu dem kalten Gestirn hinauf und fühlten sich sicherer, denn sie wussten, dass Captain Future dort wohnte, wachsam und allzeit bereit. Sobald eine Unheil bringende Gefahr die neun Welten bedrohte, würde Captain Future nicht zögern, ihr entgegenzutreten.

Doch wer war dieser Captain Future eigentlich? Und welche Geschichte verbarg sich hinter der Herkunft seiner drei nichtmenschlichen Kameraden? Wie kam es, dass er über derart herausragende wissenschaftliche Fähigkeiten verfügte?

Das war eine Geschichte, die nur der Präsident selbst kannte. Und es war vielleicht die seltsamste Geschichte, die im Sonnensystem je erzählt worden war.

Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ein junger Erdbewohner, ein Biologe namens Roger Newton, einen großen Traum gehabt. Sein Traum war es, Leben zu erschaffen – künstliche, intelligente Lebewesen, die logisch denken und der Menschheit dienen sollten. Er war bereits weit fortgeschritten auf diesem schwierigen Weg und spürte, dass er kurz davor stand, sein Ziel zu erreichen.

Doch ein Politiker, der für seine Skrupellosigkeit und seinen rücksichtslosen Ehrgeiz berüchtigt war, erfuhr von Roger Newtons nutzbringender Erfindung. Vergeblich unternahm er mehrere waghalsige Versuche, sie ihm zu stehlen. Falls diese Erfindung jemals in solche Hände geraten würde, befände sich die Menschheit in großer Gefahr. Deshalb beschloss Newton, nach einer sicheren Zuflucht zu suchen, wo er seine Arbeit im Geheimen fortsetzen konnte.

In einer Nacht im Juni 1990 hatte der junge Biologe seinen Entschluss seinen einzigen Vertrauten mitgeteilt – seiner Frau Elaine und seinem treuen Mitarbeiter, Simon Wright.

Sie befanden sich auf ihrer abgeschiedenen Farm in den Adirondack Mountains, wo Roger Newton mit rastlosen Schritten das große, überfüllte Labor durchmaß und sich mit der Hand nervös durch das rote Haar strich. Sein schmales, empfindsames Gesicht mit den blauen Augen sah besorgt aus, während er zu seinen Freunden sprach.

»Früher oder später werden Victor Corvos Spione uns aufspüren«, sagte er. »Gar nicht auszudenken, was meine Erfindung in seinen Händen anrichten könnte! Wir müssen die Erde verlassen und einen Ort aufsuchen, wo er uns niemals finden kann.«

»Aber wohin sollen wir gehen, Roger?«, fragte Elaine Newton angstvoll, wobei ihre sanften grauen Augen gereizt funkelten und sie mit ihren schlanken Fingern an seinem Ärmel zupfte.

»Ja, wohin sollen wir gehen?«, fragte auch Simon Wright mit seiner metallisch klingenden Stimme. »Auf einen der von Menschen besiedelten Planeten?«

»Nein, wenn wir uns in einer der planetaren Kolonien niederlassen, finden uns Corvos Agenten irgendwann«, erwiderte Newton.

»Wo ist dann diese Zuflucht, von der du sprichst, wenn die Erde oder einer der anderen Planeten nicht infrage kommen?«, wollte Simon Wright wissen, und seine künstlichen Linsenaugen richteten sich fragend auf Newton.

Simon Wright war kein Mensch. Einst war er ein Mensch gewesen; ein berühmter, älterer Wissenschaftler, dessen Körper von einer unheilbaren Krankheit heimgesucht wurde. Um seinen herausragenden Intellekt vor dem Tod zu bewahren, hatte Newton der Bitte des alten Mannes nachgegeben, Wrights lebendes Gehirn aus seinem Körper entfernt und es in einen Serum-Kasten eingeschlossen, wo es auf unbestimmte Zeit weiterleben konnte.

Dieser Kasten ruhte nun auf einem Tisch zwischen Newton und seiner Frau. Es handelte sich um ein durchsichtiges Metallgefäß mit etwa dreißig Zentimeter Seitenlänge. Es bestand aus einer geheimen Metalllegierung und war unempfindlich gegen Stöße, Hitze und Kälte. Außerdem enthielt der Kasten eine winzige Batterie, welche die Perfusionspumpe und den Serumfilter ein Jahr lang mit Strom versorgte.

An den Seiten eingelassene Mikrofone sorgten dafür, dass Simon Wright über ein ausgezeichnetes Gehör verfügte. Sprechen konnte er mithilfe eines Resonators, der an der Vorderseite des Kastens befestigt war, und dank seiner künstlichen Linsenaugen, die sich auf kleinen, beweglichen Metallstielen hin- und herbewegten, konnte er sehen. In diesem Kasten lebte das genialste Gehirn der Wissenschaftsgeschichte.

»Wo können wir einen sicheren Unterschlupf finden, wenn nicht auf der Erde oder einem der anderen Planeten?«, fragte Wright noch einmal mit seiner metallischen Reibeisenstimme.

Newton ging zu einem der Fenster und zog den Vorhang beiseite. Draußen lagen die nächtlichen Hügel friedvoll im silberfarbenen Glanz des majestätischen Vollmonds, der sich gerade am Himmelszelt erhob.

Die weiße Scheibe des großen Erdsatelliten, dessen Antlitz von dunklen Gebirgsketten und Tiefebenen durchzogen war, leuchtete in schonungsloser Klarheit vom Himmel herab. Newton deutete hinauf zum Mond, während das Gehirn und das Mädchen ihn verwundert ansahen.

»Dort oben werden wir unsere Zuflucht finden«, sagte Roger Newton. »Dort oben, auf dem Mond.«

»Auf dem Mond?«, rief Elaine Newton und rang nach Luft. »O nein, Roger – das ist unmöglich!«

»Warum sollte es unmöglich sein?«, entgegnete er. »Eine interplanetare Rakete hat die Strecke schnell zurückgelegt. Außerdem haben wir noch genug Geld aus dem Erbe meines Vaters übrig, um uns eine solche Rakete zu kaufen.«

»Ausgerechnet der Mond!«, rief Elaine, in deren Augen ein Ausdruck tiefer Abscheu lag. »Diese unfruchtbare, luftlose Kugel, zu der sich niemals ein Mensch verirrt! Wer könnte dort leben?«

»Es wäre sehr einfach, dort zu leben, Liebes«, erwiderte ihr Ehemann mit ernster Stimme. »Wir werden Werkzeug und Ausrüstung mitnehmen, um uns ein unterirdisches Zuhause einzurichten, mit einer Glasitkuppel, sodass wir freie Sicht auf Sonne und Sterne haben. Mithilfe von Atomgeneratoren wird es uns möglich sein, zu heizen und zu kühlen und außerdem Gestein in Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff umzuwandeln, um Atemluft und Trinkwasser zur Verfügung zu haben. Und natürlich werden wir genügend konzentrierte Nahrungsmittel mitnehmen, sodass wir bis an unser Lebensende gut versorgt sind.«

»Ich halte das für einen guten Plan, Roger«, sagte Simon Wright bedächtig. »Auf dem Mond wird uns Corvo sehr wahrscheinlich nicht suchen. Wir werden dort in Ruhe arbeiten können, und ich bin überzeugt, dass es uns gelingen wird, ein lebendes Geschöpf mit künstlicher Intelligenz zu erschaffen. Sobald unsere Aufgabe vollbracht ist, können wir zurückkehren und der Menschheit eine neue Spezies künstlicher Diener an die Seite stellen.«

Elaine lächelte tapfer.

»Also gut, Roger«, sagte sie zu ihrem Ehemann. »Dann gehen wir eben dorthin. Vielleicht werden wir dort genauso glücklich sein, wie wir es hier auf der Erde gewesen sind.«

»Wir?«, wiederholte der junge Biologe überrascht. »Aber du kannst nicht mitkommen, Elaine. Als ich ›wir‹ gesagt habe, meinte ich Simon und mich. Du kannst doch unmöglich an diesem wilden, einsamen Ort leben!«

»Glaubst du wirklich, ich lasse dich allein dorthin gehen?«, rief sie. »Nein, wenn du gehst, dann werde ich dich begleiten.«

»Aber was wird aus unserem Kind ...?«, widersprach er und runzelte besorgt die Stirn.

»Unser Kind kann ebenso gut auf dem Mond geboren werden wie auf der Erde«, erklärte sie. Zögernd fügte sie hinzu: »Wenn du mich hier zurücklässt, dann wird Victor Corvo mich finden und mich zwingen, ihm deinen Aufenthaltsort zu verraten.«

»Sie hat recht«, warf das Gehirn mit seiner ausdruckslosen, schneidenden Stimme ein. »Wir müssen Elaine mitnehmen.«

»Wenn das so ist, dann habe ich keine Wahl«, sagte Newton schicksalsergeben und sichtlich besorgt. »Dennoch ist es ein furchtbarer Ort, um einen geliebten Menschen dorthin mitzunehmen – und ein furchtbarer Ort für ein Kind, um dort geboren zu werden ...«

Zehn Wochen segelten Newton, Elaine und Simon Wright – Mann, Frau und Gehirn – in einer großen Rakete, die vollgestopft war mit wissenschaftlichen Ausrüstungsgegenständen und Vorräten, in geheimer Mission zum Mond.

Unter der Oberfläche eines Kraters namens Tycho errichteten sie sich ein unterirdisches Zuhause, und schon bald wurde dem Mann und der Frau ein Sohn geboren – ein rothaariger Junge, den sie Curtis nannten.

Und dort unten, in dem Labor auf dem abgeschiedenen Mond, der nun ihre Heimat war, erschufen Newton und Simon Wright ihr erstes künstliches Geschöpf: einen gewaltigen Roboter aus Metall.

Grag – so nannten sie den Roboter – war über zwei Meter groß, eine kräftige, menschenähnliche Gestalt aus Metall mit unfassbar starken Gliedmaßen. Seine Augen und sein Gehör waren über die Maßen empfindlich; sein Gehirn bestand aus metallischen Neuronen, und somit war er intelligent genug, um sprechen, arbeiten, denken und primitive Gefühle empfinden zu können.

Doch auch wenn Grag, der Roboter, sich als zutiefst loyaler, treuer Gehilfe erwies, waren seine Geisteskräfte nicht groß genug, um Newton zufriedenzustellen. Der junge Biologe erkannte, dass, wenn er ein menschenähnliches Wesen erschaffen wollte, dieses aus Fleisch und Blut – und nicht aus Metall – bestehen musste. Nach mehreren Wochen intensiver Arbeit stellten sie eine weitere künstliche Kreatur fertig: einen Androiden aus synthetischem Fleisch.

Diesen künstlichen Menschen nannten sie Otho. Er war ein leichenblasses Geschöpf, dessen gummiartiges, synthetisches Fleisch so geformt war, dass es menschenähnlich aussah, doch der haarlose, weiße Schädel und das Gesicht mit den langgezogenen Schlitzaugen sowie sein außergewöhnliches körperliches Reaktionsvermögen und seine überdurchschnittliche Auffassungsgabe waren fast schon unmenschlich. Newton und Wright stellten bald fest, dass Otho, der künstliche Mensch, viel schneller lernte als der Roboter Grag.

»Othos Training kann als abgeschlossen betrachtet werden«, erklärte Newton schließlich. Und als er weitersprach, leuchteten seine Augen triumphierend: »Es ist nun an der Zeit, zur Erde zurückzukehren und das Resultat unserer Forschungen zu präsentieren. Otho wird der erste einer ganzen Spezies von Androiden sein, die der Menschheit hilfreich zur Seite steht.«

Elaines Gesicht strahlte vor Glück.

»Zur Erde zurück! Aber können wir das wirklich wagen, wenn Victor Corvo dort auf uns wartet?«

»Corvo wird sich nicht trauen, uns zu belästigen, wenn wir als Wohltäter der gesamten Menschheit zurückkehren«, entgegnete ihr Mann voller Zuversicht.

Er wandte sich an die beiden nichtmenschlichen Geschöpfe.

»Grag«, befahl er, »du und Otho, ihr geht hinaus und entfernt die Felstarnung von der Rakete, damit wir den Rückflug zur Erde vorbereiten können.«

Nachdem der riesige Metallroboter und der gummiartige Androide das unterirdische Gewölbe durch die Luftschleuse verlassen hatten, brachte Elaine Newton ihren kleinen Sohn in das große Labor.

Sie deutete hinauf zur Glasitkuppel, durch die ein kreisförmiger Ausschnitt des Nachthimmels zu erkennen war. Unter all den Sternen stach die wolkenverhangene, blaue Erdkugel hervor, die halb im Schatten lag.

»Sieh nur, Curtis«, sagte sie fröhlich zu dem Kind. »Dorthin werden wir nun zurückkehren – zurück zur Erde, unserem Heimatplaneten, den du noch nie gesehen hast!«

Der kleine Curtis Newton blickte mit weisen, grauen Kinderaugen hinauf zu der großen Kugel und streckte seine plumpen Ärmchen aus.

Newton hörte, wie die Tür der Luftschleuse zugeschlagen wurde. Überrascht drehte er sich um. »Grag, Otho – ihr seid schon zurück?«

Da schnarrte Simon Wrights warnende Stimme. »Das sind nicht Grag und Otho – ich weiß, wie ihre Schritte klingen«, rief das lebende Gehirn. »Das sind Menschen!«

Elaine stieß einen Schrei aus, und Newton erbleichte. In der Türöffnung standen vier Männer in Raumanzügen, die mit langen Strahlenpistolen bewaffnet waren.

Als sie ihre Helme absetzten, kam das Gesicht ihres Anführers zum Vorschein, ein Gesicht wie das eines Raubvogels und auf geheimnisvolle Weise anziehend.

»Victor Corvo!«, rief Newton entsetzt, als er den skrupellosen Mann wiedererkannte, der es auf seine Erfindungen abgesehen hatte.

»Ja, Newton, hier bin ich!«, frohlockte Corvo. »Sie dachten wohl, hier wären Sie sicher – aber am Ende habe ich Sie doch aufgespürt!«

Newton sah, dass in den triumphierenden schwarzen Augen des Mannes eine tödliche Drohung stand. Als er das bleiche Gesicht seiner Frau und ihren entsetzten Blick sah, entschloss sich der junge Biologe zu einer verzweifelten Tat.

Mit einem waghalsigen Sprung hechtete er zu dem Stahlschrank in der Ecke, in dem er seine Strahlenpistolen aufbewahrte. Doch er sollte ihn nie erreichen. Feuerzungen schossen aus den Pistolen von Corvos Männern und trafen ihn mitten in der Bewegung. Leblos sank er in sich zusammen.

Elaine Newton schrie auf und legte das Kind auf den Tisch, außerhalb der Reichweite der Waffen. Dann stürzte sie hastig an die Seite ihres Mannes.

»Elaine, sei vorsichtig!«, rief das Gehirn.

Doch sie drehte sich nicht um. Die Flamme aus Corvos Pistole traf sie seitlich, und sie sank neben ihrem Mann zu Boden.

Der kleine Curtis auf dem Tisch begann zu schluchzen. Corvo würdigte ihn keines Blickes, sondern schritt an den beiden reglosen Körpern vorbei zu dem quadratischen Serumkasten aus Metall, der das lebende Gehirn von Simon Wright enthielt. Triumphierend blickte er in die funkelnden Linsenaugen.

»Und nun zu Ihnen, Wright«, sagte er lachend. »Wenn ich mit Ihnen fertig bin, wird alle Macht, die in diesem Labor verborgen ist, mir gehören.«

»Corvo, Sie sind ein toter Mann«, entgegnete das Gehirn tonlos. »Dafür werden Sie bezahlen, und zwar bald. Der Tod ist bereits unterwegs.«

»Wagen Sie es nicht, mir zu drohen, Sie armseliges, körperloses Gehirn!«, höhnte Corvo. »Ich werde Ihnen das Maul stopfen ...«

In diesem Moment kamen zwei Gestalten in das Laboratorium gestürmt.

Corvo und seine Männer fuhren erschrocken herum und starrten entsetzt die beiden fremdartigen Geschöpfe an, die den Raum betreten hatten. Sie wollten ihren Augen nicht trauen. Der riesige Metallroboter und der gummiartige Androide! Unbeweglich standen sie da und betrachteten mit nichtmenschlichen Augen den Schauplatz des Todes.

»Grag! Otho! Tötet sie!«, rief die metallische Stimme des Gehirns. »Sie haben euren Herrn ermordet! Tötet sie! Tötet sie!«

Unter dem dröhnenden Wutgebrüll des Roboters und mit einem grimmigen, zischenden Schrei aus dem Mund des Androiden stürzten sich die beiden auf die Angreifer.

In weniger als einer Minute lagen Corvo und seine Männer am Boden – der Roboter hatte ihnen mit seinen Metallhänden den Schädel eingeschlagen, der Androide hatte ihnen mit seinen flinken Händen den Hals umgedreht. Nachdem sie ihre Feinde überwältigt hatten, standen Grag und Otho unbeweglich da und musterten ihre Umgebung mit blitzenden Augen.

»Stellt mich neben euren Herrn und eure Herrin!«, drängte Simon Wright. »Vielleicht leben sie noch.«

Der Roboter setzte den Kasten neben den beiden versengten Gestalten ab. Wrights Linsenaugen untersuchten sie.

»Newton ist tot, aber Elaine lebt noch«, erklärte das Gehirn. »Grag, heb sie hoch!«