Captain Future 2: Erde in Gefahr - Edmond Hamilton - E-Book

Captain Future 2: Erde in Gefahr E-Book

Edmond Hamilton

0,0

Beschreibung

Ein riesiger schwarzer Stern rast auf das Sonnensystem zu. Allein der finstere Dr. Zarro kann das Unheil abwenden doch er ist dazu nur bereit, wenn er zum Herrscher über die Menschheit ernannt wird. Captain Future und seine Gefährten eilen zu Hilfe. Wird es ihnen gelingen, die Erde vor dem Untergang zu bewahren? Der Roman "Calling Captain Future" ist im Frühjahr 1940 in dem Pulpmagazin Captain Future erschienen. Er wird hier, erstmals auf Deutsch, mit sämtlichen Illustrationen und allen zur Serie gehörigen Materialien der Originalausgabe vorgelegt. Die vorliegende Neuausgabe hat es sich zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte werden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche übertragen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 308

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Impressum

Edmond Hamilton

Captain Future 02 – Erde in Gefahr

Vorlage für die Übersetzungen war der Erstdruck

»Calling Captain Future«

in Captain Future Magazine (Frühjahr 1940).

Den Anhang übersetzte Andreas Stöcker

© 2013 by Erbengemeinschaft Edmond Hamilton

Mit freundlicher Genehmigung der Paul + Peter Fritz AG, Zürich

© dieser Ausgabe 2013 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: H. W. Wesso

Lektorat: Hannes Riffel

Korrektorat: Robert Schekulin

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

[email protected] | www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-18-9 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-942396-42-4 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Vorbemerkung

ERDE IN GEFAHR

1. Kapitel: Die Bedrohung aus dem All

2. Kapitel: Die Futuremen

3. Kapitel: In den Wüsten des Mars

4. Kapitel: Flug in die Gefahr

5. Kapitel: Spur zum Pluto

6. Kapitel: Friedhof der Raumschiffe

7. Kapitel: Begegnung im Weltall

8. Kapitel: Auf der arktischen Welt

9. Kapitel: Die Ankunft des Doktor Zarro

10. Kapitel: Die Marschierenden Berge

11. Kapitel: In der Eisstadt

12. Kapitel: Das interplanetare Gefängnis

13. Kapitel: Straße der Jäger

14. Kapitel: Kobalt

15. Kapitel: Monster-Falle

16. Kapitel: Welt der Illusionen

17. Kapitel: Die Halle der Feinde

18. Kapitel: Das Geheimnis des dunklen Sterns

19. Kapitel: In den Tiefen des Weltraums

20. Kapitel: Spur zwischen den Sternen

Anhang

THE WORLDS OF TOMORROW

UNDER OBSERVATION

Weitere Bücher bei Golkonda

Phantastik im Golkonda Verlag

Vorbemerkung

Wie schon bei den beiden Bänden mit den Verschollenen Abenteuern von Captain Future, Die Rückkehr von Captain Future und Der Tod von Captain Future, sowie bei Band 1, Der Sternenkaiser, hat es sich der vorliegende zweite Band der Neuausgabe der Romane um Curtis Newton zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte werden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche übertragen. Im Original auftretende Holprigkeiten und Widersprüche, die nicht selten den Entstehungsbedingungen der Texte geschuldet sind, werden belassen. Allerdings bemüht sich die Übersetzung auch, die Eleganz, das gezielt eingesetzte Pathos und die unterschwellige Ironie der Sprache zu erhalten. Edmond Hamilton war einer der Begründer dessen, was wir heute als »Space Opera«, als große Weltraumoper kennen. Er hat diese Form der abenteuerlichen SF nicht nur mit begründet, er hat sie auch zu einem ersten Höhepunkt geführt. Dem möchten wir in jeglicher Hinsicht gerecht werden.

Die Redaktion

ERDE IN GEFAHR

Curtis Newton, der Zauberer der Wissenschaften, und seine treuen Futuremen stehen vor einer fast unüberwindlichen Aufgabe: Sie müssen Doktor Zarro aufhalten – und seine Legion der Verdammten!

1. Kapitel:Die Bedrohung aus dem All

Der große Linienkreuzer Pallas befand sich auf seinem planmäßigen Flug von der Venus zur Erde. Seine Motoren pulsierten vernehmlich. In den hell erleuchteten Sälen des großen Schiffes wimmelte es von Männern und Frauen, die tranken, lachten, redeten oder zu der unvergesslichen Musik des venusianischen Orchesters tanzten.

Oben im Televisorraum saß »Sparks« gähnend über seinen Instrumenten. Der junge Funker von der Erde blickte hastig auf, als der stämmige erste Offizier des Linienkreuzers den Raum betrat.

»Rufen Sie Erdraumhafen Vier und teilen Sie ihnen mit, dass wir morgen pünktlich um zehn Uhr andocken werden«, befahl der Offizier.

Sparks betätigte seine Schalter und drückte die Ruftaste. Der Televisorbildschirm erwachte zum Leben. Auf ihm erschien der Flugleiter vom Dienst des Erdraumhafens Vier.

Der Flugleiter hörte sich den Bericht an und nickte. »In Ordnung, Pallas. Wir werden Dock Fünfzehn für Sie bereit...« In dem Moment passierte es!

Der Televisor verblasste, während ein unglaublich starkes Funksignal unbekannter Frequenz sich seiner bemächtigte. Das Bild eines Mannes erschien.

»Was zum Teufel ...«, keuchte Sparks.

Der Mann auf dem Bildschirm sah wirklich außergewöhnlich aus. Er schien von der Erde zu stammen, und dennoch verliehen ihm seine große, hagere, schwarz gekleidete Gestalt, seine gewaltig hervortretende Stirn und sein Schädel sowie seine hypnotisch glosenden schwarzen Augen die undefinierbare, aber verblüffende Aura eines Übermenschen.

»Doktor Zarro ruft die Völker des Sonnensystems«, krächzte er mit rauer, tiefer Stimme. »Völker der neun Welten, ich überbringe euch die Warnung vor einer furchtbaren Gefahr – einer Gefahr, die eure stümperhaften, dummen Wissenschaftler bisher noch nicht einmal bemerkt haben. Ein riesiger dunkler Stern rast aus dem grenzenlosen Abgrund des Weltalls auf unser Sonnensystem zu! Diese gigantische tote Sonne kommt aus Richtung der Konstellation Sagittarius – ihre exakte Position ist Rektaszension 17 Stunden und 41 Minuten, Deklination minus 27 Grad, 48 Minuten. Sie kommt geradewegs auf uns zu und wird unser System bei ihrer derzeitigen Geschwindigkeit in wenigen Wochen erreichen. Dieses heranstürmende Ungeheuer wird unser System zerstören – sofern es nicht umgelenkt wird.«

Doktor Zarros heisere Stimme wurde tiefer, bis sie einem hallenden Donnern glich.

»Ich kann diesen heranstürmenden dunklen Stern umlenken, wenn man mir rechtzeitig die Macht dazu gibt!«, rief er. »Ich allein! Ich bin Herr über Kräfte, die euren ignoranten Wissenschaftlern unbekannt sind, da ich ursprünglich überhaupt nicht aus diesem System stamme. Wer oder was ich bin, ist in dieser Notlage nicht von Bedeutung. Ich werde eine Legion von Männern bilden, die an mich glauben und mir helfen werden, diese Gefahr abzuwenden – eine Legion der Verdammten! Aber um die Kräfte vorzubereiten, die diese heranstürmende Gefahr umlenken können, muss ich die vollständige Befehlsgewalt über alle Ressourcen dieses Systems haben. Wenn diese schreckliche Bedrohung abgewendet werden soll, müssen ich und meine Legion vorübergehend die Alleinherrschaft über dieses System erhalten.«

Die Gestalt des Doktor Zarro verschwand vom Bildschirm des Televisors und ließ den Funker und den ersten Offizier der Pallas wie vom Donner gerührt zurück.

»Wer zum Teufel war das?«, keuchte der stämmige Offizier. »Er sah nicht völlig menschlich aus!«

Der junge Funker schüttelte verwirrt den Kopf. Da erschien der Flugleiter des Erdraumhafens wieder auf dem Bildschirm und rief: »Haben Sie diese Übertragung von dem Mann, der sich Doktor Zarro nennt, empfangen? Er hat alle Wellenlängen überlagert – jeder Televisor im ganzen System hat ihn gehört!«

Der Flugleiter schaltete hastig ab. Der junge Sparks blickte gespannt zu seinem ersten Offizier auf.

»Glauben Sie, dass an seiner Warnung irgendwas dran ist? Wenn wirklich ein dunkler Stern auf das System zurast ...«

»Unfug, das kann überhaupt nicht sein«, erklärte der Offizier. »Da will sich nur jemand wichtigmachen, wenn auch auf höchst seltsame Weise.«

»So hat es sich gar nicht angehört«, murmelte Sparks verunsichert.Er drückte einige Schalter, sodass er mehrere Sender gleichzeitig hereinbekam. Ein Kaleidoskop von Gesichtern wanderte über den Televisorbildschirm. Ein Sturm von Nachrichten, die sich mit der erstaunlichen Botschaft des selbsternannten Doktor Zarro beschäftigten, raste zwischen den Planeten hin und her.

»Auf jeden Fall hat er im System für einen Haufen Wirbel gesorgt!«, erklärte der Funker. »Und glaubt man den Nachrichten, ist nicht jeder so skeptisch wie Sie.«

Oben an der Televisoranlage ertönte ein Summer.

»Allgemeine Regierungsmitteilung!«, rief Sparks laut, und seine Gesichtszüge erstarrten. Er streckte die Hand aus und drückte auf einen Knopf.

Ein Vertreter der Regierung des Systems erschien auf dem Televisor. Er sprach mit fester Stimme und großer Entschlossenheit.

»Dies ist eine Mitteilung an die Bevölkerung des Systems. Der sogenannte Doktor Zarro, der heute Abend eine Warnung gesendet hat, ist lediglich ein gemeiner Schwindler, der versucht, dem System Angst einzujagen«, sagte der Regierungsvertreter. »Seine Behauptungen sind unwahr. Astronomen haben umgehend die von ihm angegebene Position im Weltraum überprüft und nichts gefunden. Der dunkle Stern existiert nicht!«

»Was habe ich Ihnen gesagt«, spöttelte der erste Offizier, nachdem der Regierungsvertreter abgeschaltet hatte. »Nur ein verrückter Schwindel, das ist alles.«

»Vielleicht«, murmelte der Funker. »Aber der Mann sah nicht wie ein Schwindler aus. Er wirkte seltsam, mächtig – übermenschlich!«

»Ach was – das ist nur ein durchgedrehter Panikmacher«, wiederholte der stämmige Offizier. »Die Planetenpolizei wird ihn bald zur Strecke bringen.«

Aber die Planetenpolizei brachte Doktor Zarro nicht zur Strecke. Zwei Wochen später verkündete der merkurianische Nachrichtensprecher: »... und so war die Planetenpolizei nicht in der Lage, den mysteriösen Doktor Zarro, der diese Botschaft gesendet hatte, aufzuspüren, denn seine Wellenlänge, deren Quelle weder geortet noch analysiert werden konnte, war völlig neuartig. Etwas Vergleichbares ist den Experten bisher noch nie untergekommen.

Karthak, Saturn: Eine verheerende Atomexplosion forderte heute in der Kolonie zahlreiche Opfer ...«

Die zahlreichen Chrom-Bergleute und Ingenieure in der kleinen Bar in einer der Zwielichtstädte auf dem Merkur beachteten die Nachrichten nicht weiter. Einer von ihnen, ein großer glatzköpfiger Bergmann von der Erde, hatte angefangen, sich mit einem kleinen merkurianischen Ingenieur zu streiten.

»Ich sage Ihnen, ich habe diese Botschaft gehört«, beharrte der Merkurianer, »und dieser Doktor Zarro war kein Erdenmensch! Er sah ...«

»Schaut – da ist er wieder!«, rief jemand aus der Menge und zeigte auf den Televisor. Alle starrten verblüfft zu dem Apparat hinauf. Der Nachrichtensprecher war aus dem Äther verschwunden, und die große hagere Gestalt von Doktor Zarro erschien mit glosenden Augen auf dem Bildschirm.

»Völker der neun Welten, ihr habt meiner Warnung nicht geglaubt«, wetterte Doktor Zarro. »Stattdessen habt ihr entschieden, euren dummen ›Wissenschaftlern‹ zu glauben. Aber nun sollt ihr es selbst sehen. Der nahende dunkle Stern ist inzwischen so groß geworden, dass man ihn mit kleinen Teleskopen erkennen kann.

Blickt selbst zu der Position im Weltraum, die ich genannt habe, und ihr werdet diese monströse tote Sonne sehen, die mit jeder schicksalhaften Minute näher kommt. Schaut hinauf – und seht selbst, ob eure ›Wissenschaftler‹ recht hatten oder Doktor Zarro.« Doktor Zarro verschwand vom Televisor und ließ die versammelten Bergleute und Ingenieure nach Atem ringend zurück.

»Eine weitere betrügerische Warnung«, rief der kahlköpfige Erdenmann.

»Da bin ich mir nicht so sicher«, murmelte der kleine merkurianische Ingenieur. Er wandte sich zu einem jüngeren Merkurianer um. »Atho, hast du nicht ein kleines Teleskop? Hol es und bau es auf – dann werden wir ja selbst sehen.«

Kurz darauf versammelten sie sich auf der dunklen Straße der metallenen merkurianischen Stadt um das kleine Elektroteleskop, das auf einen bestimmten Punkt in der Konstellation Sagittarius gerichtet war.

»Da ist etwas!«, rief der junge Merkurianer. »Ich kann es sehen!«

Einer nach dem anderen starrten sie durch das Okular. Dort draußen in der Milchstraße sahen sie eine winzige finstere Scheibe.

»Das ist wirklich ein dunkler Stern«, murmelte der kleine Ingenieur. »Und er muss von gewaltiger Größe sein, um so weit außerhalb des Systems als Scheibe sichtbar zu sein.«

Die von den unterschiedlichsten Planeten stammenden Männer und Frauen sahen einander an. Ein Hauch von Zweifel hatte sich in ihnen eingenistet.

»Wenn tatsächlich ein dunkler Stern auf das System zurast, dann wird er die neun Welten zerstören, ganz so, wie Doktor Zarro voraussagt!«, rief ein Venusianer mit weit aufgerissenen Augen. »Vielleicht sollten wir ihm die Befehlsgewalt über das System geben, nach der er verlangt.«

»Ach, ich glaube das immer noch nicht«, erklärte der kahlköpfige Bergmann von der Erde. »Lasst uns abwarten, was die Regierung dazu zu sagen hat.« Alsbald drängten sie sich wieder um den Televisor in der Bar. Ein Regierungssprecher blickte in die Kamera.

»Völker des Systems, unsere Wissenschaftler haben jetzt so etwas wie einen dunklen Planetoiden im Sagittarius entdeckt«, gab der Offizielle zu. »Aber von ihm geht keinerlei Gefahr aus! Soweit es unsere Wissenschaftler ermittelt haben, hat er so gut wie keine Masse. Es gibt also nichts zu befürchten.«

»Seht ihr?«, erklärte der glatzköpfige Bergmann von der Erde triumphierend. »Ich hab euch ja gesagt, dass das alles Unsinn ist.«

Aber die anderen wirkten besorgt. Einer von ihnen, der junge Merkurianer, sprach aus, was alle dachten.

»Zuerst haben die Wissenschaftler behauptet, dort gäbe es überhaupt keinen dunklen Stern! Jetzt gestehen sie ein, dass Doktor Zarro recht hatte und sich dort ein dunkler Stern befindet. Sie behaupten, es fehle ihm an Masse, um uns schaden zu können, auch wenn er groß ist. Was, wenn sich die Wissenschaftler erneut irren? Was, wenn Doktor Zarros Warnung zutrifft?«

Sie sahen einander an, und alle ergingen sich in wilden Mutmaßungen.

»Wenn es zutrifft, dann ist Doktor Zarro der Einzige, der uns vor dem dunklen Stern retten kann! Er war es, der uns davon berichtete, als unsere Wissenschaftler sogar noch seine Existenz bestritten ...«

Der kahlköpfige Bergmann schüttelte den Kopf. Wie alle modernen Menschen hatte er stets vollstes Vertrauen in die Wissenschaftler des Systems gehabt. Dieses Vertrauen war immer noch nicht erschüttert, obwohl Doktor Zarro bewiesen hatte, dass die Wissenschaftler sich einmal geirrt hatten.

»Ich verlasse mich trotzdem auf das Wort unserer Wissenschaftler, und nicht auf das dieses mysteriösen Doktor Zarro«, erklärte er störrisch. »Sie würden es uns sagen, wenn eine ernsthafte Gefahr bestünde ...«

Dieser Erdenmann mochte an seinem Vertrauen festhalten. Anderen kam es, in verschiedenen Regionen des Systems, zunehmend abhanden.

»Es gibt eine Bedrohung! Eine schreckliche Bedrohung für das ganze System! Und nur Doktor Zarro kann sie abwenden!«

Der Sprecher war ein Erdenmensch, der sich auf dem Saturn niedergelassen hatte, ein dunkel gebräunter Mann von vierzig Jahren, dessen Gesicht seine tiefsitzende Sorge nicht verbergen konnte.

Seine Frau, seine Familie und ein paar Freunde hatten sich mit ihm im Wohnzimmer seiner Farm versammelt. Draußen in der Nacht erstreckten sich die gewaltigen Ebenen des Saturn, wo die hochgewachsenen Saturnianer im Licht der strahlenden Monde auf ihren grotesken Rössern hin und her ritten, um das eigenartige Vieh des Planeten zu hüten.

»Der dunkle Stern existiert – das können die Wissenschaftler nicht bestreiten –, und ausgehend davon, wie schnell seine sichtbare Größe zunimmt, rast er mit erschreckender Geschwindigkeit auf unser System zu«, fuhr der Rancher mit ernster Stimme fort. »Wenn er nicht irgendwie umgelenkt wird, zerstört er womöglich das ganze System. Und Doktor Zarro ist der Einzige, der ihn vielleicht umlenken kann.«

»Woher wollen Sie wissen, dass Doktor Zarro dazu in der Lage ist?«, fragte ein kolonialer Beamter skeptisch.

»Ich weiß es nicht, aber wem könnte es gelingen, wenn nicht ihm? Er hatte diesen dunklen Stern schon lange entdeckt, bevor unsere Wissenschaftler ihn überhaupt sehen konnten. Demzufolge muss er über größere Fähigkeiten verfügen als unsere Wissenschaft. Ich sage: Geben wir ihm die Befehlsgewalt über das System, nach der er verlangt, und lassen wir ihn tun, was er kann.«

»Das würde bedeuten, ihn zum Diktator über das ganze System einzusetzen«, betonte ein Nachbar des Ranchers.

»Es ist besser, vorübergehend von einem Diktator regiert zu werden, als mitansehen zu müssen, wie die neun Welten durch eine Katastrophe vernichtet werden!«

Der Erdenmensch sprach aus, was mehr und mehr Menschen im System dachten. Doktor Zarro hatte einmal bewiesen, dass die Wissenschaftler falsch lagen. Was, wenn sie sich wieder irrten? Die Antwort darauf entschied für das System über Leben oder Tod.

Mehr und mehr Menschen erklärten, dass sie Doktor Zarros Warnungen glaubten. Und die Anhänger des mysteriösen Propheten, seine Legion der Verdammten, tauchten im ganzen System auf. Sie alle trugen Schwarz, mit einem scheibenförmigen Emblem auf dem Ärmel, und auf dem Bug ihrer Raumkreuzer prangte dasselbe Emblem. Sie rasten durch das in Furcht und Schrecken versetzte System, geheimnisvolle Boten des mysteriösen Doktors.

»Doktor Zarro sendet immer um diese Zeit«, sagte die Frau des Ranchers. »Lasst uns sehen, ob das auch heute Abend der Fall ist.«

Sie schalteten den Televisor ein. Minuten später nahm die imposante Gestalt des Doktors den ganzen Bildschirm ein.

»Völker des Systems, eure Wissenschaftler behaupten, es bestehe keine Gefahr«, rief er. »Aber wo sind diese Wissenschaftler jetzt? Wo ist Robert Jons, der merkurianische Astronom, der sich über meine Warnungen lustig gemacht hat? Wo ist Henry Gellimer, der Astrophysiker, der mich als Schwindler dargestellt hat? Warum sind die großen ›Wissenschaftler‹, die über meine Warnungen gelacht haben, verschwunden?

Diese Wissenschaftler sind aus dem Sonnensystem geflüchtet, um nicht der kommenden Katastrophe ausgeliefert zu sein!«, donnerte Doktor Zarro. »Sie sind mit ihren Familien geflohen, haben das System in Raumschiffen verlassen, um abzuwarten, bis die Katastrophe vorüber ist, und dann werden sie auf die Planeten zurückkehren, die verschont geblieben sind. Sie retten sich selbst, während Milliarden von Menschen, die an sie geglaubt haben, umkommen werden!« Nachdem der dunkle Prophet wieder vom Bildschirm verschwunden war, sahen der Rancher und seine Freunde einander fassungslos an.

»Wenn diese Wissenschaftler wirklich aus dem System geflohen sind, dann beweist das, dass Doktor Zarro recht hat«, rief der Rancher.

»Wir wissen noch nicht, ob das wirklich geschehen ist – Doktor Zarro könnte auch gelogen haben«, erwiderte der Beamte besorgt.

»Seht, die Regierung meldet sich zu Wort!«

Das angespannte Gesicht eines Regierungsvertreters erschien in einer systemweiten Ringsendung auf dem Bildschirm – die Regierung ließ auf jede Botschaft von Doktor Zarro eine beruhigende Stellungnahme folgen. Diese aktuelle Stellungnahme war jedoch keineswegs beruhigend.

»Völker des Systems, es ist wahr, dass viele unserer angesehensten Wissenschaftler und ihre Familien verschwunden sind. Aber wir sind uns sicher, dass sie nicht geflohen sind – wir glauben, dass hier ein falsches Spiel getrieben wird. Wir bitten das System, nicht den Verlautbarungen dieses Doktor Zarro zu glauben, sondern Vertrauen zu haben, dass keine Gefahr besteht ...«

»Vertrauen haben?«, rief der Rancher vom Saturn. »Wie können wir Vertrauen in die Beteuerungen der Wissenschaftler haben, dass keine Gefahr besteht, wenn sie geflohen sind, um sich selbst zu retten? Es besteht Gefahr – und Doktor Zarro ist unsere einzige Chance, sie abzuwenden!«

»Ich glaube inzwischen auch, dass du recht hast«, stimmte ihm sein Nachbar beunruhigt zu. »Wir müssen die Regierung dazu zwingen, alle Macht an Doktor Zarro zu übergeben!«

An diesem Abend demonstrierte eine riesige Menschenmenge in New York City auf der Erde vor dem gewaltigen Wolkenkratzer, der die Regierung des Systems beherbergte.

»Der Präsident – und der Rat – müssen zurücktreten – und ihre Macht abgeben – an Doktor Zarro – und die Legion – bis diese Bedrohung vorüber ist!«, rief die Menge im Chor.

James Carthew, der Präsident der Regierung des Systems, stand am Fenster seines Büros und blickte auf die wogenden, von Angst erfüllten Massen hinab. Sein Sekretär wartete beklommen neben ihm.

»Das kann so nicht weitergehen«, sagte Carthew mit fester Stimme, während er auf die Menge hinunterschaute, die von der Polizei zurückgehalten wurde. »Es fehlt nicht mehr viel, und sie stürzen die Regierung mit Gewalt.«

Er ballte die Fäuste.

»Dieser Doktor Zarro ist ein gerissener Ränkeschmied, der mit den Ängsten des Systems spielt, um diktatorische Macht zu erlangen! Er ist der teuflischste und genialste Intrigant, der je diese Regierung bedroht hat!«

North Bonnel, der junge Sekretär, schüttelte bekümmert den Kopf. »Aber Sir«, gab er zu bedenken, »Doktor Zarro hat die Ankunft des dunklen Sterns vorhergesagt, während unsere größten Wissenschaftler ihn noch nicht einmal mit den leistungsstärksten Teleskopen sehen konnten.«

»Ich weiß, und ich verstehe es nicht«, gab Carthew zu. »Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir es mit einem Gegner zu tun haben, der es darauf abgesehen hat, die Macht im ganzen System an sich zu reißen. Von dem nahenden dunklen Stern kann keine wirkliche Gefahr ausgehen, wenn er nur eine so lächerlich geringe Masse hat. Die Öffentlichkeit glaubt nur, dass es eine Bedrohung gibt, und Doktor Zarro gießt mit jeder Stunde weiter Öl ins Feuer.«

Die Tür zum Büro sprang auf. Der Mann, der eintrat, trug eine dunkle Uniform mit silbernen Sternen auf den Schultern. Es war Halk Anders, der oberste Befehlshaber der Planetenpolizei.

»Sir, ich habe etwas zu berichten«, erklärte er dem Präsidenten atemlos, während er salutierte. »Die Menge gerät außer Kontrolle. Wir können sie inzwischen kaum aus dem Gebäude fernhalten. Ich habe Anrufe aus den Hauptquartieren der anderen Planeten erhalten – auch dort ist es zu Krawallen gekommen, und die Menschen fordern, dass Doktor Zarro die volle Notstandsbefehlsgewalt übertragen wird.«

Carthews zerfurchtes Gesicht erbleichte.

»Haben Sie Doktor Zarro noch nicht gefunden?«, rief er. »Wenn wir ihn verhaften und diese aufrührerischen Botschaften ein Ende nehmen ...«

Der stämmige Kommandant schüttelte den Kopf. »Es ist uns nicht gelungen, Doktor Zarros Hauptquartier ausfindig zu machen. Seine Funksprüche erfolgen auf einer neuartigen Frequenz, die wir nicht zurückverfolgen können. Wir haben versucht, den Schiffen seiner Legion der Verdammten nachzujagen, aber sie haben es immer geschafft, uns im Weltraum zu entwischen.«

»Was ist mit Jons, Gellimer und all den anderen Wissenschaftlern, die verschwunden sind?«, fragte Carthew. »Haben Sie da irgendetwas herausgefunden?«

»Nein, Sir.«

North Bonnel wandte sich verstört an seinen Vorgesetzten. »Was sollen wir nur tun, Sir? Wenn sich die Panik unter der Bevölkerung weiter ausbreitet, wird sich die Regierung innerhalb von einer Woche in der Hand von Doktor Zarro befinden!«

James Carthews bleiches Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. Er blickte aus dem östlichen Fenster des Turmzimmers auf den Vollmond, der sich wie ein großer silberner Schild majestätisch am Himmel abzeichnete.

»Es gibt einen Mann, der Doktor Zarros Verschwörung zerschlagen kann, wenn denn überhaupt jemand dazu in der Lage ist«, murmelte er. »Bisher wollte ich ihn nicht rufen, da er niemand ist, den man mit Angelegenheiten belästigen sollte, die die regulären Behörden regeln können ...«

Der Sekretär erstarrte. Sein Lippen zitterten.

»Sie meinen – Captain Future?«

»Ja, Captain Future«, sagte der Präsident, während seine Augen immer noch auf den aufgehenden Mond gerichtet waren. »Wenn irgendjemand Doktor Zarro und seine Legion aufhalten kann, dann Captain Future und seine drei seltsamen Kameraden.«

Unvermittelt drehte er sich um, und verzweifelte Entschlossenheit stand ihm in das freundliche, aber fassungslose Gesicht geschrieben.

»Schicken sie per Televisor den Befehl an den Nordpol, das Leuchtfeuer zu entzünden, Bonnel.«

Eine halbe Stunde später erblühte inmitten der gefrorenen Ödnis des ewigen Eises am Nordpol eine riesige Flammenblume – das Magnesiumleuchtfeuer war entzündet worden.

Dieses leuchtend helle Signalfeuer war weit draußen im Weltraum zu sehen. Pulsierend, blinkend und flimmernd sandte es seine Strahlen als stillen, dringlichen Appell durch die Leere.

»Wirrufen Captain Future!«

Ein Hilferuf an den großen, glanzvollen Feind alles Bösen, er möge die Pläne des mysteriösen Doktor Zarro, der die Menschheit in die Irre führte, durchkreuzen.

2. Kapitel: Die Futuremen

Eine karge, tödlich-weiße Wüste erstreckte sich über die Oberfläche des Mondes. Unter dem grellen Schein der Sonne breiteten sich die weiten Mondebenen in ewiger Stille zu den kolossalen Kratern hin aus, die wie spitze Reißzähne bedrohlich emporragten. Auf dieser trostlosen Welt gab es keinen Sauerstoff, keine Geräusche und kein menschliches Leben – mit Ausnahme eines Ortes. Auf der Sohle des Tycho-Kraters funkelte etwas wie ein runder Kristallsee. Es war ein großes Fenster aus Glasit, das in den Mondfels eingelassen worden war. Unter diesem Fenster befand sich die künstliche Höhle, gleichzeitig Labor und Heimstatt des berühmtesten Mannes im ganzen System – Captain Future. Das große Labor war dank dieses Deckenfensters in helles Licht getaucht. Eine Vielzahl von Maschinen und Regale voller Instrumente waren zu sehen. Riesige Generatoren und Kondensatoren, die unbegrenzte atomare Energie erzeugen konnten. Große Teleskope und Spektral-Teleskope, deren Röhren aus der Mondoberfläche ragten. Chemische und elektrische Apparaturen von erstaunlicher Komplexität und Gestalt – die ganze Ausrüstung des Meisters der Wissenschaft!

Die beiden Personen, die angespannt in einer Ecke des Labors arbeiteten, waren über das Dröhnen der Maschinen hinweg zu hören.

»Ist es Zeit, den Elektronenfluss umzuleiten, Simon?, fragte die tiefe, klare Stimme des einen.

»Noch nicht, Curtis«, antwortete die metallische nichtmenschliche Reibeisenstimme des anderen. »Die Transmutation ist noch nicht beendet.«

Die beiden arbeiteten an einer kugelförmigen Maschine, in die aus den großen Atomgeneratoren enorme Mengen von Energie flossen.

Einer der beiden war ein großer, rothaariger junger Mann in einem grauen Overall aus Kunstseide. Seine geschmeidige, breitschultrige Gestalt war über einen Meter achtzig groß. Er hatte ein gebräuntes, schönes, liebenswürdiges Gesicht, und in seinen grauen Augen funkelte ein ausgelassener Humor, der seine wache Intelligenz und die tiefe Entschlossenheit nicht verbergen konnte.

An seiner linken Hand trug er einen großen Ring – einen Ring, dessen neun Juwelen von einem winzigen Atomgenerator angetrieben wurden, der die Juwelen langsam in einer konzentrischen Laufbahn um ein leuchtendes Juwel in der Mitte kreisen ließ. Dieser Ring, dessen Juwelen die neun Welten repräsentierten, war im gesamten System als das Erkennungszeichen von Captain Future bekannt, des Zauberers der Wissenschaften und unerbitterlichen Feindes alles Bösen.

Captain Future – oder Curtis Newton, ein Name, den nur wenige kannten – stand am Hebel der kugelförmigen Maschine bereit. Von einem Podest aus betrachtete sein Mitarbeiter die Messwerte des Mechanismus. Dabei handelte es sich um Simon Wright, das Gehirn. Er war nur das – ein lebendes menschliches Gehirn, das keinen Körper besaß. Stattdessen war das Gehirn in einem quadratischen, durchsichtigen Kasten untergebracht, der mit einem Serum gefüllt war. An seiner Vorderseite, die als Sprachresonator diente, befanden sich zwei Stiele, auf denen seine Augenlinsen saßen.

»Die Transmutation ist fast vollendet«, verkündete das Gehirn mit seiner metallisch-künstlichen Stimme, während seine gläsernen Augenlinsen ganz genau die Messwerte überwachten. »Halte dich bereit, um den Elektronenfluss umzuleiten.«

Einen Moment später zischte er: »Jetzt!«

Curtis Newton riss den Hebel nach unten. Der pulsierende Energiefluss in der Maschine hörte auf.

Der rothaarige Zauberer der Wissenschaften entriegelte eine Klappe und öffnete sie. Aus dem Mechanismus ergoss sich ein Strom aus weißem Pulver.

»Das wäre geschafft!«, verkündete Curt. »Fünfzig Gramm Kupfer, die in reines isotopisches Bor umgewandelt wurden.«

Er trat zurück, wischte sich über die Stirn und grinste dann das Gehirn an.

»Puh, das war ganz schön anstrengend! Aber dafür müssen wir jetzt nicht zum Uranus fliegen, um das seltene Isotop zu beschaffen.«

»Ja, mein Junge«, sprach das Gehirn mit seiner Reibeisenstimme. »Diese Transmutation von Elementen ist einer deiner größten Erfolge bisher.«

Curtis’ graue Augen zwinkerten ihm zu. »Du bist ein alter Schwindler, Simon«, beschuldigte er ihn. »Du weißt ebenso gut wie ich, dass mir das ohne deine Mitarbeit niemals gelungen wäre.«

In diesem Moment wurden in einer anderen Kammer der Höhle wütende Stimmen laut. Eine davon war eine dröhnende, mechanisch klingende Stimme. Die andere dagegen klang zischend, scharf und zornig.

»Grag und Otho gehen wieder aufeinander los!«, brummte Captain Future ungeduldig. »Ich schwöre dir, die beiden treiben mich noch in den Wahnsinn.« Mit lauter Stimme rief er: »Grag! Otho!«

Zwei Kreaturen von nichtmenschlicher, merkwürdiger Gestalt betraten daraufhin das Labor.

Einer von ihnen war ein gummiartiger weißer Androide oder künstlicher Mensch. Otho, der Androide, war von menschlicher Gestalt, denn seinem künstlichen Fleisch war bei seiner Erschaffung menschliche Gestalt verliehen worden. Aber sein haarloser weißer Kopf, sein Gesicht und seine grünen Schlitzaugen, die jetzt vor Wut aufblitzten, waren nicht annähernd menschlich. Auch hätte sich kein Mensch mit so wundersamer Schnelligkeit und Gewandtheit bewegen können.

Bei seinem Widerpart handelte es sich um Grag, den metallenen Roboter. Er war mehr als zwei Meter groß, und seine metallenen Arme zeugten von unglaublicher Kraft. Die Hauptmerkmale seines Metallschädels waren seine fotoelektrischen Augen, in denen das Licht des Lebens leuchtete, und die mundähnliche Öffnung seines Sprachapparats. Im ganzen System gab es kein stärkeres Wesen als Grag, den Roboter.

Auf Grags Schulter hatte sich ein seltsames, bärenartiges kleines Tier niedergelassen, das aus anorganischem Silikatfleisch bestand. Es hatte kräftige Tatzen, eine spitze, vorwitzige Schnauze und kleine, leuchtend schwarze Augen. Es war ein Mondwelpe, eine dieser fremdartigen nicht-atmenden Kreaturen, die auf den Mondebenen gefunden worden waren, wo sie sich ernährten, indem sie die Minerale direkt aufnahmen und mit ihren kräftigen Zähnen zerbissen. Die kleine graue Kreatur kaute gerade stillvergnügt auf einem Stück Kupfer herum.

»Na, gibt es wieder Ärger zwischen euch beiden?«, wollte Captain Future von dem Roboter und dem Androiden wissen. »Können Simon und ich nicht einmal eine Minute arbeiten, ohne dass ihr euch streitet?«

»Grag ist Schuld!«, fauchte Otho wütend. Er zeigte auf das kleine graue Tier. »Dieses verdammte Schoßtier hat eine meiner besten Pistolen aufgefressen!«

Grag drückte den kleinen Mondwelpen mit seiner großen Metallhand beschützend an sich.

»Es ist nicht Eeks Schuld, Herr«, erklärte er Captain Future hörbar empört. »Eek hatte Hunger – und Kupfer schmeckt ihm so gut.«

»Entweder verschwindet dieser Mondwelpe, oder ich werde gehen!«, tobte der Androide. »Das Biest frisst alles Metall, das es in seine Tatzen bekommt – und wenn es besonders wertvolles Metall findet, wird es davon sturzbetrunken! Außerdem hat es noch eine Menge anderer Eigenschaften, die es zu einer Plage machen. Es war verrückt von Grag, dieses verfluchte Vieh zu fangen und aus ihm ein zahmes Haustier zu machen.«

»Wir Menschen mögen es, Haustiere zu halten«, verteidigte sich der Roboter. »Otho versteht es nicht, weil er kein Mensch ist wie wir.«

»Kein Mensch wie du?«, brüllte Otho wütend. »Du wandelnde Werkstatt, jeder kann sehen, dass ich ein Mensch aus Fleisch und Blut bin, während du nichts als eine schlaue Maschine bist! Wenn ich ...«

»Jetzt fang nicht schon wieder mit dieser Diskussion an«, unterbrach ihn Captain Future hastig. »Davon habe ich genug gehört.«

»Ja, ich auch«, sagte die raue Stimme von Simon Wright, dessen Augenlinsen die beiden Streitenden mürrisch musterten. »Ihr beide diskutiert ständig darüber, wer von euch menschlicher ist. Und ich, der tatsächlich einmal ein Mensch war, kann euch versichern, dass es die Sache nicht wert ist, sich darüber zu streiten.«

»Simon hat recht«, fügte Curtis Newton streng hinzu. »Jedes Mal, wenn ihr beiden etwas Zeit habt, fangt ihr an euch zu zanken, und ich bin das allmählich leid.«

Trotz des strengen Tonfalls lag ein liebevolles Funkeln in den grauen Augen dieses großen, rothaarigen Abenteurers, als er den Roboter, den Androiden und das Gehirn betrachtete.

Dies waren die Futuremen, das treue Trio von Kameraden, die mit ihm durchs ganze System gereist waren und an seiner Seite gekämpft hatten! Diese drei seltsamen Kameraden waren trotz ihrer nichtmenschlichen Gestalt mit übermenschlichen Fähigkeiten begabt und hatten in mehr als einem gefährlichen Kampf dort draußen im Sonnensystem an seiner Seite gestanden. Überdies hatten diese drei Curtis Newton hier in den Höhlengemächern auf dem Mond vom Säuglings- bis zum Mannesalter aufgezogen.

Fünfundzwanzig Jahre zuvor waren Captain Futures Eltern heimlich auf den Mond gekommen. Roger Newton war ein junger Biologe von der Erde, der einen großen Traum träumte. Er hoffte Leben erschaffen zu können – künstliche, intelligente Lebewesen, die der Menschheit dienen würden. Aber sein Werk war in Gefahr. Ehrgeizige Männer warfen begehrliche Blicke auf seine wissenschaftlichen Entdeckungen und versuchten sie zu stehlen.

Daraufhin hatte Roger Newton beschlossen, Zuflucht auf dem wilden, unbewohnten Mond zu suchen. In einer kleinen Rakete war er heimlich zum Mond geflogen. Und begleitet hatte ihn seine junge Frau Elaine sowie sein Kollege und Assistent Simon Wright – das Gehirn.

Simon Wright war ein berühmter, alternder Wissenschaftler gewesen, der kurz davor gestanden hatte, an einer unheilbaren Krankheit zu sterben. Newton hatte in einer brillanten Operation Simons Gehirn entfernt und in einen speziellen Serumkasten verpflanzt. Seitdem war das Gehirn sein treuster Freund.

Newton, seine junge Frau und das Gehirn hatten den Mond sicher erreicht und sich dort ein unterirdisches Zuhause unter dem Krater Tycho eingerichtet. Dort wurde kurz nach ihrer Ankunft ein Sohn geboren – ein Junge, den sie Curtis nannten. Und dort machten sie sich daran, künstliche Lebewesen zu erschaffen.

Grag der Roboter war das erste Wesen, dem Roger Newton und das Gehirn Leben einhauchten. Ihre zweite Schöpfung bestand nicht aus Metall, sondern aus synthetischem Fleisch, das zu einem menschenähnlichen Androiden geformt wurde – Otho, der künstliche Mensch. Diese beiden intelligenten, starken und treuen Geschöpfe zeigten Roger, dass es ihm gelungen war, seinen Traum zu verwirklichen.

Dann ereignete sich eine Katastrophe. Die finsteren Verschwörer, die es auf Newtons wissenschaftliche Geheimnisse abgesehen hatten, hatten ihn auf dem Mond aufgespürt. Es kam zum Kampf – und Roger Newton und seine junge Frau wurden umgebracht, bevor der Roboter und der Androide die Mörder töteten.

Im Sterben liegend vertraute Elaine Newton ihren neugeborenen Sohn der Obhut der drei nichtmenschlichen Geschöpfe an. Sie rang ihnen das Versprechen ab, ihn aufzuziehen und ihm einen Hass einzupflanzen auf all diejenigen, die wissenschaftliche Errungenschaften zu bösen Zwecken missbrauchen – ihn zum unbarmherzigen Feind all derer auszubilden, die die Menschen des Sonnensystems unterdrücken oder ausbeuten.

Simon Wright, Grag und Otho hatten ihr Versprechen gehalten. Sie hatten den kleinen Curtis Newton aufgezogen. Und das Gehirn, mit all seinen großartigen wissenschaftlichen Kenntnissen, hatte ihn unterrichtet, bis er ein wissenschaftliches Genie wurde, dessen Fähigkeiten sogar die seines Lehrers übertrafen. Grag der Roboter, das stärkste Lebewesen überhaupt, hatte seine Stärke gefördert, bis sie übermenschlich war. Und der Androide Otho, das schnellste und beweglichste Wesen überhaupt, hatte ihn Geschwindigkeit und Geschicklichkeit ohnegleichen gelehrt.

Dieser Curtis Newton war mit seinen drei nichtmenschlichen Lehrmeistern auf dem einsamen Mond aufgewachsen. Als er das Erwachsenenalter erreicht hatte, erzählte ihm das Gehirn die Geschichte seiner Herkunft und wiederholte den Wunsch seiner sterbenden Mutter, er möge der Held der Völker des Sonnensystems werden, der sie vor allen Unterdrückern beschützt.

»Wirst du diesen Kreuzzug gegen das interplanetarische Böse aufnehmen, diesen Kampf um die Zukunft des Systems?«

Curtis Newton hatte seine schicksalhafte Entscheidung getroffen, eine Entscheidung, die die Geschichte verändern sollte.

»Ja, Simon – jemand muss den Völkern des Sonnensystems gegen ihre Unterdrücker beistehen. Und mit der Hilfe von euch Dreien werde ich mein Bestes geben.«

Daraufhin bot Curtis Newton dem Präsidenten des Systems als Captain Future seine Dienste im Kampf gegen das interplanetarische Verbrechen an. Der Präsident, der diesem seltsamen, rothaarigen jungen Mann zunächst misstraute, bat ihn in einer verzweifelten Notlage um seine Unterstützung.

Captain Future und seine Futuremen demonstrierten ihre Macht geschickt und unerbittlich. Seitdem rief sie der Präsident ein ums andere Mal mittels des vereinbarten Signals herbei. Und ein ums andere Mal hatten sich Curt Newton und seine drei seltsamen Kameraden in gefahrvolle Kämpfe gestürzt. An all dies musste Curt denken, als er seinen Kameraden gegenüberstand.

»Ihr beiden seid für mich mehr als menschlich«, teilte er Grag und Otho spontan mit. »Warum hört ihr also nicht mit diesen ewigen Eifersüchteleien auf, von wegen, wer der Menschlichste ist?«

»Otho ist so überheblich«, dröhnte Grag, während er den Mondwelpen auf seinem Metallarm streichelte. »Er sollte daran denken, dass ich vor ihm erschaffen wurde.«

»Natürlich wurdest du das – du bist ihnen so gründlich missraten, dass sie es noch einmal versuchen mussten und mich erschufen, bevor sie zufrieden waren«, stichelte Otho mit einem höhnischen Funkeln in seinen grünen Schlitzaugen.

»Lässt du zu, dass er so etwas sagt, Herr?«, wandte sich Grag verärgert an Curtis Newton. »Er ...«

»Das Signal!«, rief das Gehirn plötzlich.

Simons Augenlinsen blickten durch das Fenster über ihnen zur großen grünen Erdkugel empor. Der Ausruf des Gehirns ließ die anderen drei augenblicklich aufschauen.

Dort, auf dem großen, wolkenverhangenen Planeten am sternenklaren Himmel, pulsierte eine leuchtende Nadelspitze aus Licht, und zwar genau am Nordpol.

»Tatsächlich, das Signal!«, sagte Captain Future ernst. »Wir werden gebraucht.«

Captain Futures Gesicht hatte sich verfinstert. Seine Nasenflügel zitterten, in seinen leuchtend grauen Augen lag etwas Frostiges, wie Stahl. Die Futuremen wurden von dem gleichen seltsamen Gefühl ergriffen. Der Ruf von der Erde! Die Sturmglocke, die diese Vier in Aktion versetzte! Es war dieser Ruf, auf den sie lange Wochen warteten, während sie in dem Mondlaboratorium lebten und arbeiteten.

Captain Futures Stimme erschallte wie eine silberne Trompete, die zur Schlacht rief.

»Zur Komet! Dieser Ruf lässt keine Verzögerung zu. Der Präsident ruft uns niemals umsonst.«

»Heb mich hoch, Grag«, erklang die ruhige Reibeisenstimme des Gehirns.

Der Roboter hob den Kasten des Gehirns an seinem Griff hoch. Während sich sein Mondwelpe an seinen anderen Arm klammerte, folgte Grag mit hastigen Schritten Curt Newton und Otho.

Zehn Minuten später erhob sich ein kleines Schiff in der Form einer länglichen Träne aus dem unterirdischen Hangar auf der Mondoberfläche. Es war die Komet, das überschnelle Schiff der Futuremen. Im ganzen Sonnensystem war es als das schnellste Schiff im Weltraum bekannt.

Zwei Stunden später stürzte die Komet auf der Nachtseite der Erde kreischend durch die Stratosphäre. Curtis lenkte das kleine Schiff direkt auf den riesigen Turm der Regierung zu, der alle anderen Gebäude im hell erleuchteten New York überragte.

Die Komet landete auf der abgeschnittenen Spitze des Turms. Als Curt und die Futuremen ausstiegen, sahen sie auf dem Platz unter sich eine große Menschenmenge, die wütend gegen die Reihen der Polizei anwogte.

Curts Lippen spannten sich. »Etwas stimmt ganz und gar nicht, wenn ich mir das so anschaue. Kommt schon – Beeilung ...«

Sie hasteten die Treppe hinunter, die sie direkt in das Büro des Präsidenten führte. Die drei Männer, die sich in dem Büro befanden – Carthew, sein Sekretär und Kommandant Anders von der Planetenpolizei – drehten sich erschrocken um.

»Captain Future!«, rief Carthew mit vor Erleichterung schriller Stimme. Seine feinen Gesichtszüge entspannten sich, während er rasch vortrat.

Der junge Bonnel und der stämmige Kommandant starrten den großgewachsenen jungen Zauberer der Wissenschaften und seine Kameraden ehrfürchtig an.

Curt Newton strahlte Macht und Zuversicht aus, wie er da stand, hinter sich das seltsame Trio der Futuremen – der riesige Grag, das von ihm getragene Gehirn und der gummiartige Androide.

»Was ist los, Sir?«, fragte Curt den Präsidenten. »Was will diese aufgebrachte Menge dort unten?«

»Sie wollen, dass ich die Regierung des Systems an Doktor Zarro und seine Legion übergebe!«, platzte es aus Carthew heraus.

»Doktor Zarro?« Curts Augenbrauen hoben sich. »Wer zum Teufel ist das?«

»Sie haben ihn nicht gehört?«, rief Bonnel ungläubig. »Wie das? Das ganze System hat seine Botschaften über den dunklen Stern empfangen.«

»Welcher dunkle Stern?«, blaffte Captain Future. »Ich weiß von nichts. Simon und ich waren die letzten Wochen in anspruchsvolle elektronische Experimente vertieft. Erzählen Sie mir, was hier vor sich geht.«

James Carthew erzählte ihm alles, wobei sich seine Stimme überschlug.

»Neun von zehn Leuten glauben den Warnungen des Doktor Zarro inzwischen völlig!«, schloss Carthew heiser. »Sie wollen, dass ich ihm alle Macht übergebe, weil er behauptet, er könne die Bedrohung abwenden.«

Curt kniff seine grauen Augen zusammen.

»Offensichtlich benutzt dieser Doktor Zarro diesen dunklen Stern lediglich als einen Vorwand, um die diktatorische Macht an sich zu reißen. Sie haben gesagt, die Astronomen des Sonnensystems sind überzeugt, dass von diesem dunklen Stern keine echte Gefahr ausgeht?«

»Ja. Sie sind sich alle darüber einig, dass die Masse des dunklen Sterns viel zu gering ist, um eine Gefahr darzustellen. Obwohl es schwer zu glauben ist, dass ein so großer Körper nur eine so geringe Masse hat.«