Captain Future 3: Die Herausforderung - Edmond Hamilton - E-Book

Captain Future 3: Die Herausforderung E-Book

Edmond Hamilton

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Beschreibung

Die Versorgung des Sonnensystems mit Gravium ist gefährdet! Die Minen, in denen dieses für die Raumfahrt unentbehrliche Metall abgebaut wird, werden bei Sabotageakten zerstört. Captain Future soll helfen, doch Curtis Newton wurde von dem geheimnisvollen "Zerstörer" entführt und befindet sich selbst in tödlicher Gefahr ... Der Roman Captain Future's Challenge ist im Sommer 1940 in dem Pulpmagazin Captain Future − Wizard of Science erschienen. Er wird hier, erstmals auf Deutsch, mit sämtlichen Illustrationen und allen zur Serie gehörigen Materialien der Originalausgabe vorgelegt. Die vorliegende Neuausgabe hat es sich zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte werden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche übertragen.

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Seitenzahl: 314

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Edmond Hamilton

Captain Future 03 – Die Herausforderung

Vorlage für die Übersetzungen war der Erstdruck

»Captain Future’s Challenge«

in Captain Future Magazine (Sommer 1940).

Den Anhang übersetzte Andreas Stöcker

© 2014 by Erbengemeinschaft Edmond Hamilton

Mit freundlicher Genehmigung der Thomas Schlück GmbH, Garbsen

© dieser Ausgabe 2014 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: H. W. Wesso

Lektorat: Hannes Riffel

Korrektorat: Robert Schekulin

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

[email protected] | www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-85-1 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-942396-86-8 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Vorbemerkung

DIE HERAUSFORDERUNG

1. Kapitel: Stunde Null

2. Kapitel: Auf dem Erdenmond

3. Kapitel: Flammende Gefahr

4. Kapitel: Konferenz im Weltall

5. Kapitel: Grag wird zu einem Gott

6. Kapitel: Donnermond

7. Kapitel: In der Welt der Ozeane

8. Kapitel: Todesfalle unter dem Meer

9. Kapitel: Fremdartige Geschöpfe

10. Kapitel: Bedrohung aus der Tiefe

11. Kapitel: Sturm auf dem Neptun

12. Kapitel: Wissenschaftliche Zauberei

13. Kapitel: Otho geht auf Fischfang

14. Kapitel: Gefährlicher Schwindel

15. Kapitel: Bewohner der Tiefsee

16. Kapitel: Die Futuremen nehmen die Fährte auf

17. Kapitel: Die Stadt des Meervolks

18. Kapitel: Kampf unter dem Meer

19. Kapitel: Drohendes Unheil

20. Kapitel: Raketentriebwerke in der Nacht

ANHANG

Under Observation

The Futuremen Nr. 2 – Der synthetische Mensch

The Worlds of Tomorrrow – Die Ozeanwelt des Sonnensystems

The Future of Captain Future

Weitere Bücher bei Golkonda

Phantastik im Golkonda Verlag

Vorbemerkung

Wie schon bei den beiden Bänden mit den Verschollenen Abenteuern von Captain Future, Die Rückkehr von Captain Future und Der Tod von Captain Future, sowie bei Band 1 und 2, Der Sternenkaiser und Erde in Gefahr, hat es sich der vorliegende dritte Band der Neuausgabe der Romane um Curtis Newton zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte werden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche über­tragen. Im Original auftretende Holprigkeiten und Widersprüche, die nicht selten den Entstehungsbedingungen der Texte geschuldet sind, werden belassen. Allerdings bemüht sich die Übersetzung auch, die Eleganz, das gezielt eingesetzte Pathos und die unterschwellige Ironie der Sprache zu erhalten. Edmond Hamilton war einer der Begründer dessen, was wir heute als »Space Opera«, als große Weltraumoper kennen. Er hat diese Form der abenteuerlichen SF nicht nur mit begründet, er hat sie auch zu einem ersten Höhepunkt geführt. Dem möchten wir in jeglicher Hinsicht gerecht werden.

Die Redaktion

1. Kapitel:Stunde Null

Der Mann, der in einem dämmrigen, kammerartigen Raum vor einer leistungsstarken Televisoranlage saß, hätte ein Mensch von der Erde sein können. Genauso gut wäre es aber auch möglich gewesen, dass es sich um einen Marsianer oder Jovianer handelte, oder dass der Unbekannte von irgendeiner anderen der neun Welten stammte.

Die genauere Bestimmung seiner Herkunft wurde dadurch erschwert, dass sein Körper in einem schwarzen Raumanzug steckte. Selbst der Glasithelm seines Raumanzugs war – von den Gucklöchern abgesehen – schwarz lackiert. Der Mann in dem Anzug konnte sehen, aber er konnte nicht gesehen werden.

Er streckte die Hand nach der hoch aufragenden Steuertafel des großen Televisors aus und stellte eine geheime Frequenz ein. Das Geräusch der immer schneller werdenden Generatoren steigerte sich zu einem wütendem Geheul. Dann sprach er in das Mikrofon, das unter dem Bildschirm angebracht war. »Der Zerstörer ruft Schiff eins!«, zischte er.

Auf dem Bildschirm erschien das Innere eines kleinen Raumkreuzers. Als Nächstes war das Gesicht des Kapitäns zu sehen, eines dunkelhaarigen jungen Venusiers mit sehr weißer Haut. Aus tief liegenden Augen starrte er den Bildschirm an, und er sprach seltsam abgehackt.

»Schiff eins auf Empfang, Sir.«

»Haben Sie den vorgesehenen Standort erreicht?«, erkundigte sich der Mann, der sich selbst »Der Zerstörer« nannte, mit zischender Stimme.

»Ja, Sir, wir befinden uns direkt vor dem Merkur.«

»Sehr gut. Sie greifen um Punkt zehn Uhr Sonnenzeit an.«

Der Zerstörer drückte auf einen weiteren Knopf. »Schiff zwei!«

Das Innere eines weiteren Raumschiffs blitzte auf dem Bildschirm auf. Auch wenn es sich bei dem Befehlshaber um einen schlaksigen, grauhäutigen Neptunier handelte, war doch auffällig, dass seine Augen ebenfalls tief in den Höhlen lagen und er genauso wie der Venusier seltsam abgehackt sprach.

»Schiff zwei auf Empfang, Sir«, sagte der Neptunier. »Wir nähern uns planmäßig dem Mars.«

»Greifen Sie um Punkt zehn Uhr Sonnenzeit an«, befahl der Zerstörer.

Ein weiterer Knopf wurde gedrückt. »Schiff drei!«

Ein ungeschlachter Erdenmensch, dessen Blick ebenso leer war wie der der Kapitäne der beiden anderen Schiffe und der genauso stockend sprach, meldete sich vom dritten Schiff. »Schiff drei ist vor dem Saturn in Position gegangen, Sir. Wir können jederzeit in den Sturzflug übergehen und ihren Schutzschirm angreifen.«

»Beginnen Sie den Angriff um zehn Uhr Sonnenzeit«, befahl der Zerstörer.

Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, drückte die geheimnisvolle schwarzverhüllte Gestalt einen weiteren Knopf, und das vierte Schiff auf der anderen Seite des Sonnensystems wurde angefunkt.

Ein massiger grüner Jovianer, der genauso stumpfe Augen hatte wie seine Kameraden, blickte den Zerstörer ernst an und antwortete mit schwerem Zungenschlag: »Schiff vier meldet sich zur Stelle, Sir. Wir nähern uns dem Erdenmond.«

Die dunkle Gestalt des Zerstörers wirkte jetzt angespannt. »Ihr Auftrag ist der Gefährlichste von allen«, erklärte sie dem Jovianer. »Denken Sie daran – ein einziger Fehler, und der Mann entwischt Ihnen. Er muss unschädlich gemacht werden, oder er wird alle unsere Pläne vereiteln. Um zehn Uhr Sonnenzeit schlägt die Stunde Null«, fauchte er heiser. »Greifen Sie um Schlag zehn an.«

Der Zerstörer berührte einen größeren Schalter. Der Bildschirm wurde schwarz, und das wütende Geheul der Generatoren wurde leiser, bis es schließlich erstarb. Die dunkle Gestalt saß mit gekrümmtem Rücken da und brütete nachdenklich vor sich hin.

»Nichts kann mich jetzt noch aufhalten«, sagte sie zu sich selbst. »Der Einzige, der meinen Plan hätte vereiteln können, befindet sich schon bald in meiner Gewalt. Wie immer wird das System ihn, durch meinen Angriff in Angst und Schrecken versetzt, um Hilfe bitten. Aber dieses Mal wird er nicht kommen. Dieses Mal werden sie ganz auf sich gestellt sein.«

Die dunkle Gestalt des Zerstörers richtete sich unvermittelt auf. »Gravium! Ohne Gravium gibt es kein Leben im System. Gravium ist der Schlüssel – und schon bald werde ich diesen Schlüssel in den Händen halten! Nur noch vierzig Minuten, und die Stunde Null ist gekommen ...«

Stunde Null …

Die Südseite des Merkur schmorte unter der sengenden Hitze der Sonne, die die Hälfte des messingfarbenen Himmels einzunehmen schien. Die Flammenkugel, die nur siebenundfünfzig Millionen Kilometer entfernt war, sorgte auf der Sonnenseite des Planeten für Temperaturen, die so hoch waren, dass sie den Schmelzpunkt der meisten Metalle überschritten!

Dennoch existierte an diesem heißesten Punkt der neun Welten eine Siedlung. Auf der ausgedörrten Felsebene der sonnenzugewandten Seite drängte sich eine Ansammlung von Schmelzhütten, Barracken, Büros und Steinbrüchen, die zu einer der fünf Gravium-Minengesellschaften des Systems gehörten. Die Kraft der Sonne war auf dem Merkur so todbringend, dass die Mine vor ihr geschützt werden musste. Ein hoch aufragender Kühlungsapparat erzeugte einen blauen, kuppelförmigen Schutzschild aus pulsierender Energie, der die stechenden Sonnenstrahlen abhielt.

Ein junger merkurianischer Metallurge trat aus einem der Laboratorien und blickte hinauf zu der gewaltigen Flammenkugel. Zum tausendsten Mal dachte er darüber nach, was wohl passieren würde, wenn der Schutzschild versagte und die Sonnenhitze ungehindert auf die Siedlung niederbrannte.

»Den Göttern sei Dank, dass der Kühlungsapparat sicher arbeitet«, sagte er sich. »Sonst würde es hier keine Mine geben. Trotzdem, das Gravium ist der einzige Grund, warum jemand es auf sich nimmt, hier zu leben.«

Gravium! Das kostbarste und wichtigste Metall im ganzen Sonnensystem! Vom Gravium hingen der gesamte interplanetare Handel und der Verkehr zwischen den neun Welten ab. Ohne Gravium gäbe es keine Schwerkraftregler und keine interplanetaren Raumschiffe.

Der junge Merkurianer warf einen Blick auf seine Uhr. »Zehn Uhr Sonnenzeit! Ich mache mich besser wieder an die Arbeit ...« Plötzlich erstarrte er.

Ein schwarzer Raumkreuzer stieß aus dem messingfarbenen Himmel herab. Er schwebte über dem Schutzschild, und ein kleines, schwarzes Objekt fiel aus dem Kreuzer auf den Kühlungsapparat.

Eine Sekunde später explodierte der lebenswichtige Turm mit einem lauten Donnern und einem hellen Lichtblitz.

»Eine Atombombe!«, schrie der Merkurianer. »Das bedeutet den Tod für ...«

Der Tod ereilte ihn in demselben Moment, in dem er die Gefahr erkannte. Die fürchterliche Sonnenhitze traf die Siedlung mit ungebremster Wucht, kaum dass der Schild zerstört war, und verwandelte den Körper des jungen Merkurianers in einen Haufen Asche.

Innerhalb von zehn Minuten hatte die entsetzliche Sonnenstrahlung die Graviummine sowie jedes Anzeichen von Leben auf dem Merkur ausgelöscht.

In der Äquatorialwüste des Mars war es Nacht. Die Sterne funkelten an einem frostigen, klaren Nachthimmel, und die beiden Monde flitzten kometengleich über den Himmel und ließen alles in sanftem Glanz erstrahlen. Ihr Licht erhellte das geschäftige Treiben in der Mine der marsianischen Graviumgesellschaft. Denn auch hier auf dem Mars wurde das kostbare Gravium abgebaut, das den interplanetaren Flugverkehr erst ermöglichte.

Zwei marsianische Bergarbeiter traten aus einem der Tunnel, um frische Luft zu schnappen. Es handelte sich um zwei rothäutige Männer mit runden Köpfen und großen Brustkästen, die genüsslich die kühle Nachtluft einatmeten. Es war kurz vor zehn Uhr Sonnenzeit ...

»Was ist das da oben, Arraj?«, fragte der jüngere von beiden und deutete nach oben.

Der ältere Marsianer sah zum Himmel. Vor dem herrlichen Glanz der Milchstraße zeichnete sich ein kleiner dunkler Fleck ab, der stetig größer wurde.

»Das sieht aus wie ein Meteor, der in unsere Richtung rast«, sagte er schnell. »Aber das muss ein großer sein ...«

»Sieh doch, Arraj – dasistein Meteor!«, rief der Jüngere aufgeregt. »Und da ist ein Schiff, das ihn lenkt!«

Einen Moment lang betrachteten die beiden das unglaubliche Spektakel. Der immer größer werdende Fleck war eindeutig ein gigantischer Meteor, der sich dem Mars mit atemberaubender Geschwindigkeit näherte. Und direkt daneben war ein dunkles Raumschiff zu sehen, das den riesigen Gesteinsbrocken mit Energiestrahlen auf Kurs hielt. Das Schiff trieb den Meteor vor sich her, sodass er direkt auf den Mars zuraste ...

»Der Meteor wird hier einschlagen«, schrie der junge Marsianer angsterfüllt. »Das Schiff lenkt ihn absichtlich in unsere Richtung, damit er die Mine trifft ...«

Der gewaltige Meteor schoss direkt auf sie zu und wurde immer größer und größer. Das Schiff, das ihn bis zum letzten Moment vorwärtsgetrieben hatte, drehte plötzlich ab und raste zurück ins Weltall.

Der jüngere der beiden wollte einen Warnruf ausstoßen, während der gewaltige Gesteinsbrocken immer näher kam. Vor Entsetzen wie gelähmt, brachte er jedoch keinen Ton heraus. Dann kollidierte die Feuerkugel mit dem Planeten. Die Wucht des Aufpralls war so heftig, das die einsame Marswüste von einem gigantischen Beben erschüttert wurde. Und als das Beben nachließ, war die Graviummine – wie vom Erdboden verschluckt. Der Aufprall hatte die Wüste in einen glühenden Schmelzofen verwandelt.

Auf der Südhalbkugel des Saturn dämmerte gerade der Morgen. Direkt über dem nördlichen Horizont, der sich hinter den gewaltigen Ebenen erstreckte, die den Großteil dieser weitläufigen, von Grasebenen bedeckten Welt einnahmen, leuchteten die Saturnringe vor dem Hintergrund des sternenübersäten Himmels.

Tief unten in einem der südlichen Täler schimmerte die Morgensonne auf den weißen Zementgebäuden und den Felsgruben einer Graviummine. Denn auch an diesem Ort wurde das wertvolle Metall abgebaut, das das System so dringend benötigte. Die Mine wurde durch einen Schutzschild aus atomarem Feuer gesichert. Eng beieinanderstehende Atomprojektoren bildeten einen Ring, aus dem kontinuierlich Flammenzungen himmelwärts schossen – der einzige Schutz vor den grauen Ungeheuern, die außerhalb des Schutzwalls lauerten.

Bei diesen grauen, großen Kriechern handelte es sich um die gefürchteten Siliciae – eine fremdartige Lebensform, die sich aus anorganischen Bestandteilen auf Siliziumbasis zusammensetzten. Wie alle Lebensformen mit hohem Siliziumanteil ernährten sie sich von Metallen und griffen alles an, was ihre unersättliche Gier zu stillen versprach. Die freigelegten Graviumadern in den Gruben stellten eine ständige Versuchung für die Kriecher dar. Deshalb umkreisten sie auch ohne Unterlass hungrig den Schutzwall aus Flammen.

Der hochgewachsene blauhäutige saturnische Ingenieur trat aus seiner Hütte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und betrachtete voller Abscheu die grauen Ungeheuer außerhalb des Flammenrings.

»Verdammtes Ungeziefer«, schimpfte er. »Ich bin es wirklich leid, sie dauernd vor Augen zu haben. Wie gern würde ich mal wieder helle Lichter und ein paar hübsche Mädchen sehen.«

Es war genau zehn Uhr Sonnenzeit. Der Ingenieur machte sich auf den Weg zu den Barracken, um seine Leute für die Tagschicht zu wecken. Plötzlich blieb er stehen und sah hinauf zum Himmel.

»Was zum Teufel ...«

Ein schwarzes Raumschiff raste auf die Graviummine zu. Es feuerte einen gewaltigen Atomstrahl ab, der die Atomprojektoren in einem ganzen Sektor des Schutzwalls zerstörte. Die Flammenmauer in diesem Sektor erlosch.

Mit aufheulenden Triebwerken schoss das Schiff wieder himmelwärts. Der saturnische Ingenieur, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand, rannte zur Alarmglocke.

»Alle sofort zur Verteidigung bereit machen – der Schutzwall ist beschädigt!«, brüllte er, während er die Glocke läutete.

Verschlafene Männer strömten aus den Gebäuden. Doch in diesem Moment ergoss sich bereits eine Horde von Kriechern durch die Lücke im Flammenring auf das Minengelände!

Zwei Stunden später verließen die monströsen Kreaturen in aller Gemütsruhe das Innere des erloschenen Flammenrings. Die Zementgebäude waren unversehrt geblieben, doch das Gelände war übersät von den zerschmetterten Leichnamen der Minenarbeiter. Und noch das kleinste Fitzelchen Metall war verschwunden, verschlungen von den Ungeheuern. Die Maschinen, die Werkzeuge, das Metall an der Kleidung der Männer und selbst die Graviumadern in den Minen – alles war von den eigenartigen Kreaturen gefressen worden. Die Graviumquelle des Saturn hatte aufgehört zu existieren.

Stunde Null …

Strahlend helles Sonnenlicht beschien die der Erde zugewandte Mondseite. In dem gleißenden Licht zeichneten sich Felsnadeln und Mondkrater überdeutlich ab, und die Mondebenen erstreckten sich in tödlicher Trostlosigkeit. Nur an einem Ort auf diesem lebensfeindlichen, unfruchtbaren Himmelskörper regte sich etwas.

Dieser Ort befand sich innerhalb der gewaltigen Bergkette, die den Krater Tycho säumte. Ein schwarzes Raumschiff war heimlich zwischen den zerklüfteten Felsspitzen des Kraters gelandet. Zwanzig Männer in Raumanzügen, von denen jeder einen flachen Schwerkraftregler auf der Brust trug, schlichen vorsichtig durch die weiße Felsebene des großen Kraters.

Der Anführer, ein großer Jovianer, dessen dunkle Augen hinter dem Glasithelm seltsam eingefallen und fremdartig wirkten, blieb plötzlich stehen und deutete auf ein großes Glasitfenster, das in die Kraterebene eingelassen war.

»Hier ist es!«, teilte der Jovianer den anderen per Anzugfunk mit. »Hier sind sie zu Hause – Captain Future und seine Futuremen!«

Captain Future, der gefürchtetste und geheimnisvollste Abenteurer des Systems, der Verteidiger des Gesetzes und der größte Feind aller Verbrecher, der legendäre Entdecker neuer Welten, der sich kämpfend einen Weg durch das Universum gebahnt hatte!

Und die Futuremen, die drei unglaublichen nichtmenschlichen Helfer des Abenteurers, die immer an seiner Seite ausharrten!

»Greifen wir sofort an?«, fragte einer der Männer.

»Nein, der Zerstörer hat uns befohlen zu warten, bis die Futuremen wie jeden Tag zu dem Laboratorium auf der anderen Seite des Mondes aufgebrochen sind«, erwiderte der Jovianer. »Da kommen sie auch schon! Runter mit den Köpfen, sofort!«

Aus einem unterirdischen Hangar glitt ein kleines tränenförmiges Schiff. Einen Feuerstreif hinter sich herziehend raste es über die Bergspitzen des Kraters.

»Jetzt ist Captain Future allein!«, rief der jovianische Anführer. Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Und es ist zehn Uhr – Stunde Null.«

Er löste eine pistolenartige Waffe von seinem Gürtel und zielte auf das Glasitfenster, das direkt vor ihnen lag. Während er den Abzug betätigte, fauchte er angespannt: »Jetzt hat die letzte Stunde von Captain Future geschlagen!«

2. Kapitel: Auf dem Erdenmond

Curtis Newton, der im ganzen System als Captain Future bekannt war, arbeitete seit Stunden an einem fesselnden wissenschaftlichen Experiment. Jetzt trat er einen Schritt zurück und begutachtete mit betrübter Miene die Apparatur, an der er gearbeitet hatte.

»Teufel auch, warum gelingt es mir nicht, den elektronischen Umlaufbahndruck umzukehren?«, fragte er sich. »Es muss einen Weg geben.«

Wie er da tief in Gedanken versunken in einer Ecke seines weitläufigen unterirdischen Mondlabors stand, vom Sonnenlicht umflutet, das durch das große Glasitfenster über ihm in den Raum fiel, gab Captain Future eine beeindruckende Figur ab. Er war einen Meter fünfundneunzig groß, und sein feuerrotes Haar leuchtete im sanften Sonnenlicht. Er trug einen eng anliegenden Overall aus hellbrauner Kunstseide, der seinen geschmeidigen, muskulösen Körperbau eher betonte denn verbarg.

Curt trug nur ein einziges Schmuckstück am Körper – wenn es denn als solches bezeichnet werden konnte. Es handelte sich um einen großen Ring an seiner linken Hand. Die neun Juwelen des Rings kreisten unablässig um einen glühenden Stein in der Mitte. Die rotierenden Edelsteine repräsentierten die neun Planeten des Sonnensystems, und dieser einzigartige Ring war das Markenzeichen von Captain Future, dem legendären Zauberer der Wissenschaften und Verteidiger der Gerechtigkeit.

»Es muss einen Weg geben, den Prozess umzukehren«, brummte Curt ratlos. »Wenn ich den Prozess in Gang setzen kann, warum gelingt es mir dann nicht, ihn umzukehren?«

Das Gerät, das Curts Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, war ein kleiner elektronischer Projektor, zwischen dessen Linsen ein quadratisches Plättchen aus massivem Gold lag.

Es war nur eins von zahlreichen Maschinen und Instrumenten in dem großen Laboratorium. Dieser weitläufige unterirdische Raum, der aus dem Mondgestein unter dem Krater Tycho herausgeschlagen worden war, stellte gleichzeitig die größte wissenschaftliche Festung des Systems dar – das Laboratorium von Captain Future und seinen Futuremen. Hier gab es neben gewöhnlichen Teleskopen, Spektroskopen und großen Atomgeneratoren zahlreiche Instrumente, deren Bauweise und Funktion nur dem jungen Wissenschaftler und seinen drei Kameraden bekannt waren.

Die Stimme eines seiner drei Gefährten drang an sein Ohr, während er gedankenverloren seine Versuchsanordnung studierte.

»Sag mal, Herr, was hältst du davon, wenn ich einen kleinen Ausflug zur Venus unternehme?«, fragte die Stimme hoffnungsvoll.

»Das geht nicht, Otho«, erwiderte Curt, ohne sich umzudrehen. »Du musst mit Simon und Grag zu dem unterirdischen Testlabor fliegen.«

»Aber ein kleiner Ausflug zur Venus würde höchstens ein oder zwei Tage dauern ...«, beharrte die Stimme.

Gereizt drehte sich Captain Future herum. »Was redest du da, Otho? Was willst du überhaupt auf der Venus?«

Vor ihm stand Otho, der Androide. Er war einer der drei nichtmenschlichen Futuremen, die im System längst zur Legende geworden waren. Otho hatte zwar eine menschliche Gestalt – war aber kein Mensch. Er war ein künstlicher Mensch, ein Androide. Er war eine Schöpfung, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhte und vor langer Zeit in ebendiesem Labor, in dem sie jetzt standen, aus synthetischem Material erschaffen worden war.

Othos äußere Gestalt glich der eines Menschen. Sein weißer, gummiartiger Körper verfügte jedoch nicht nur über übermenschliche Kraft, sondern auch über außergewöhnliche Schnelligkeit und Beweglichkeit. In seinen geschlitzten, schräg stehenden Augen in dem haarlosen weißen Kopf funkelte todesverachtende Tollkühnheit. Er hatte sein liebenswürdigstes Gesicht aufgesetzt, während er mit Engelszungen auf Captain Future einredete.

»Warum erlaubst du mir nicht, mit derKometeinen kleinen Ausflug zur Venus zu unternehmen?«, bettelte Otho. »Die Reise dient wissenschaftlichen Zwecken«, fügte er hastig hinzu. »Im unerforschten Norden der Venus existiert eine seltene fungoide Spezies, die ich mir gern genauer ansehen würde.«

Curt Newton lachte leise in sich hinein. »Du und deine seltenen Spezies!«, spottete er. »In Wahrheit langweilst du dich auf dem Mond und suchst nur nach einem Grund, mal wieder zu einer deiner verrückten Spritztouren aufzubrechen.«

»Na ja, jeder würde sich langweilen, wenn er ständig auf diesem verfluchten Mond, auf dem nie etwas Aufregendes passiert, herumhängen müsste. Seitdem wir vom Pluto zurückgekehrt sind, sind wir nicht mehr von diesem verschrumpelten Erdtrabanten weggekommen.«

Ein kratzige, metallische Stimme unterbrach das missmutige Klagelied des Androiden.

»Wenn du unbedingt eine Aufgabe brauchst, Otho«, schnarrte die harsche künstliche Stimme des Gehirns, »dann ist dein Wunsch in Erfüllung gegangen. Du kannst mich und Grag zum unterirdischen Testlabor bringen.«

Curt und Otho drehten sich gleichzeitig um. Die beiden letzten fehlenden Futuremen waren in der Türöffnung des Labors erschienen. Der eine war Grag, der Roboter, dessen gewaltiger Metallkörper mehr als zwei Meter groß war. Er überragte sie alle wie das groteske Zerrbild eines Menschen, und seine gewaltigen beweglichen Arme und Beine waren ein deutlicher Hinweis auf die kolossalen Körperkräfte, über die er verfügte. Grags Augen – zwei glühende fotoelektrische Linsen, die in seinen knollenförmigen Metallschädel eingelassen waren – musterten Captain Future fragend, während er auf ihn herabblickte.

Auf seine Metallschulter hatte sich Grags Haustier gekuschelt – ein kleines bärenartiges Geschöpf mit einem grauen Siliziumkörper, einer spitzen Nase und seltsamen kleinen Augen. In der Hand hielt der riesige Roboter einen Kasten, in dem sich der dritte der Futuremen befand.

Dieser dritte der Futuremen besaß keinen Körper. Es handelte sich um Simon Wright, der im ganzen System als »das Gehirn« bekannt war. Denn er war ein menschliches Gehirn, das in einem viereckigen, durchsichtigen Kasten lebte. Darin befanden sich Perfusionspumpen und Serumfilter, die das künstliche Blutserum zirkulieren ließen, das das Gehirn am Leben erhielt. An der Vorderseite saßen seine künstlichen Linsenaugen, die an beweglichen Metallstielen angebracht waren, und ein Resonator, mit dessen Hilfe er sich verständigte.

Die drei nichtmenschlichen Futuremen waren das seltsamste Trio des ganzen Systems, und auf allen neun Welten wurde nur mit größter Bewunderung von ihnen gesprochen. Simon Wright, das lebende Gehirn, das einst ein Mensch gewesen war; Grag der gewaltige Roboter, das stärkste Lebewesen im ganzen Universum; und Otho, der künstliche Mensch. Drei nichtmenschliche Kameraden, die über unglaubliche wissenschaftliche Macht und außergewöhnliche Fähigkeiten verfügten und ihren Anführer Captain Future, den großen Zauberer der Wissenschaften, auf seinen tollkühnen Abenteuern zur Verteidigung von Recht und Gesetz begleiteten!

Das Gehirn ergriff von Neuem das Wort, und seine Linsenaugen richteten sich auf Curt Newton, als er mit seiner Reibeisenstimme fragte: »War dein Experiment erfolgreich, Curtis? Hast du eine Lösung für das Problem gefunden?«

Curt schüttelte trübselig den Kopf. »Bis jetzt noch nicht. Es ist kein Problem, die Elektronenströme auf den Umlaufbahnen zu verdichten, aber es gelingt mir nicht, den Prozess umzukehren. Schau her ...«

Er streckte die Hand nach dem Schalter des Elektronenprojektors aus, hinter dem sich das kleine viereckige Goldplättchen befand.

»Warte«, rief Grag warnend. »Ich habe Eek mitgebracht ...«

Das kleine graue Tierchen, das zusammengerollt auf Grags Schulter gelegen hatte, hatte das Gold erspäht und wollte sich daraufstürzen.

Eek war ein Mondwelpe, ein lunares, aus Silizium bestehendes Tier, das nicht atmete und sich von Gold und Silber ernährte.

»Du bringst ihn besser in Sicherheit, Grag«, schmunzelte Curt, »sonst schrumpft der Projektor ihn zusammen mit dem Gold auf Miniformat.«

»Ich muss sagen, das ist die beste Idee, die ich seit Langem gehört habe«, rief Otho. »Wenn du Eek auf die Größe eines Moleküls zusammenschrumpfst, dann hört dieser Quälgeist vielleicht endlich damit auf, alles anzuknabbern, und macht uns keine Probleme mehr.«

Grag hatte Eek eilig unter dem Projektor herausgezogen. Aufgebracht drehte sich der große Metallroboter zu Otho herum.

»Immer beklagst du dich wegen Eek«, sagte er vorwurfsvoll zu ihm. »Du vergisst, dass Eek auf dem Pluto uns allen das Leben gerettet hat.«

»Das stimmt nicht!«, rief Otho wütend. »Und selbst wenn dieser verfluchte Mondwelpe mir das Leben gerettet hätte, würde ich ihn deswegen immer noch nicht mögen.«

»Das liegt daran, dass nur Menschen wie ich Haustiere mögen«, sagte Grag stolz. »Aber bei dir ist das natürlich anders, schließlich bist du kein echter Mensch ...«

»Sei still, Grag«, unterbrach ihn Curt eilig, als Otho ihm aufgebracht widersprechen wollte. »Ich möchte Simon mein Experiment vorführen.«

Captain Future legte den Schalter um. Ein roter Lichtstrahl schoss aus dem Projektor und traf auf das Goldplättchen. Das Plättchen schrumpfte zusammen. Innerhalb weniger Minuten besaß es nur noch ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe. Curt schaltete das Gerät wieder ab, und der Lichtstrahl erlosch.

»Ich könnte es so stark verkleinern, dass es mit bloßem Auge nicht zu sehen ist«, erklärte er. »Das Problem ist, das ich nicht weiß, wie ich ihm seine ursprüngliche Größe zurückgeben kann.«

»Na ja, in ein paar Stunden werden wir zurück sein«, sagte das Gehirn. »Auf zurKomet,Grag. Komm, Otho.«

Es dauerte nicht lang, und Curt Newton hörte das Dröhnen der Triebwerke derKomet, seines superschnellen Raumkreuzers, der aus dem Hangar schoss, um zur anderen Seite des Mondes zu fliegen. Curt verharrte regungslos und betrachtete sinnend das stille Mondlabor; sein rotes Haar leuchtete im Sonnenlicht, das durch das große Glasitfenster hereinfiel. Er liebte diese seltsame Wohnstätte auf dem wilden Mond. Dieser Ort war sein Zuhause. In diesen unterirdischen Höhlengemächern hatte er das Licht der Welt erblickt.

Seine ersten Kindheitserinnerungen drehten sich um das unterirdischen Mondlabor und die drei Futuremen – den Roboter, den Androiden und das Gehirn. Diese erstaunlichen, nichtmenschlichen Kreaturen waren ihm niemals seltsam erschienen, sondern stets vertraut und liebenswert. Sie waren seine Beschützer gewesen und seine Lehrer.

Dem Gehirn, einem hochkarätigen Wissenschaftler, hatte er eine unvergleichliche wissenschaftliche Ausbildung zu verdanken, die die Grundlage dafür bildete, dass er später zu einem Zauberer der Wissenschaften hatte werden können. Grag, dessen Körperkraft im Universum ihresgleichen suchte, hatte seine körperliche Stärke und Ausdauer trainiert. Otho, der nicht nur sehr mutig, sondern auch sehr beweglich und schnell war, hatte seine Ausbildung in die Hand genommen, was Schnelligkeit und Geschicklichkeit betraf. Sie liebten den heranwachsenden Jungen von ganzem Herzen, und Curt vergalt es ihnen, indem er sie liebte wie ein Kind seine Eltern.

Erst als er das Erwachsenenalter erreicht hatte, hatte das Gehirn ihm von seinen Eltern erzählt. Von ihm erfuhr Curt, wie Roger Newton, ein junger Wissenschaftler von der Erde, vor vielen Jahren zusammen mit seiner jungen Frau und dem Gehirn zum Mond geflohen war. Denn Simon Wright war ein Wissenschaftler von der Erde, dessen Gehirn aus seinem alternden, sterbenden Körper entnommen und in einen Kasten mit Serumflüssigkeit gelegt worden war, damit es weiterleben konnte.

Simon hatte ihm auch erzählt, dass sein Vater mit seiner Frau zusammen zum Mond geflohen war, um einem Verschwörer zu entkommen, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse für seine finsteren Machenschaften missbrauchen wollte. In ihrem neuen Zuhause auf dem Mond hatten Roger Newton und das Gehirn versucht, künstliche Lebewesen zu erschaffen. Das Ergebnis waren Grag, der Roboter, und Otho, der künstliche Mensch.

Doch die Schurken, vor denen sie geflohen waren, waren ihnen auf den Mond gefolgt und hatten Roger Newton und seine junge Frau ermordet. Grag und Otho hatten dafür gesorgt, dass die Mörder ihre gerechte Strafe erhielten, und sie ihrerseits getötet. Kurz bevor sie starb, hatte Curts Mutter ihren neugeborenen Sohn der Obhut des Roboters, des Androiden und des Gehirns anvertraut und sie angefleht, ihn zu beschützen, ihn zu erziehen und ihm zu helfen.

All diese Dinge hatte Curt erst erfahren, als er zu einem jungen Mann herangewachsen war. Und dabei war eine Entscheidung in ihm herangereift – eine Entscheidung, die sowohl seinen hervorragenden wissenschaftlichen Kenntnissen als auch seinen übermenschlichen Fähigkeiten Rechnung trug: Er beschloss, dem interplanetaren Verbrechen den Krieg zu erklären.

»Die Zunahme des interplanetaren Verkehrs, die Vermischung der verschiedenen Spezies und die vielen neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bringen Gefahren mit sich, die eine Bedrohung für alle Bewohner der neun Welten darstellen!«, erklärte Curt. »Verbrechern wie jenen, die meine Eltern getötet haben, muss Einhalt geboten werden. Mit eurer Hilfe und dank eurer Erziehung werde ich den Bewohnern des Systems dabei helfen, diesen neuartigen Bedrohungen zu begegnen.«

»Das ist genau das, was sich deine sterbende Mutter gewünscht hat, mein Junge«, hatte das Gehirn mit seiner kratzigen Stimme entgegnet. »Grag, Otho und ich werden immer an deiner Seite kämpfen. Aber das bedeutet auch, dass du dein Leben ausschließlich dieser gewaltigen Aufgabe widmen musst.«

»Ich weiß«, hatte Curt ernst erwidert. »Und wahrscheinlich werde ich dieser Aufgabe eines Tages mein Leben opfern müssen. Aber bis dieser Tag kommt, werde ich meinen Verstand und meine Kraft der Aufgabe widmen, diejenigen zu vernichten, die versuchen, jene Völker auszubeuten, die auf den neun Welten zu Hause sind.«

In jener Nacht war Curt heimlich zur Erde geflogen und hatte dem Präsidenten der obersten Regierung aller neun Welten seine Dienste angeboten.

»Wenn Sie jemals meine Hilfe brauchen sollten, dann entzünden Sie ein Signalfeuer am Nordpol«, hatte er gesagt. »Ich werde kommen.«

»WersindSie überhaupt?«, hatte der verblüffte Präsident ihn gefragt.

Ein liebenswürdiges Lächeln hatte Curts Lippen umspielt: »Nennen Sie mich – Captain Future!«

In jener Stunde wurde Captain Future geboren. Seither waren die Magnesiumleuchtfeuer am Nordpol viele Male entzündet worden. Und jedes Mal waren Captain Future und die Futuremen dem Ruf gefolgt und hatten dank ihrer Unerschrockenheit und ihrer wissenschaftlichen Meisterschaft dafür gesorgt, dass die Gefahr gebannt wurde und die Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt werden konnten.

Curts träumerisches Schwelgen in Erinnerungen wurde durch ein sanftes Läuten unterbrochen. Er sah hoch zu der Laborwand, an der zehn Uhren hingen. Neun davon gaben die genaue Zeit auf den neun Welten an. Die Zehnte zeigte die Sonnenzeit, nach der sich die Raumschiffe richteten. Es war genau zehn Uhr.

»Ich mache mich besser wieder an die Arbeit, statt mich Tagträumen hinzugeben«, murmelte Curt vor sich hin. »Mal sehen, wenn ich einen Protonenstrahl mit einer höheren Frequenz in diesen Projektor einbaue, dann müsste ...« Während er das sagte, drehte er sich zu dem Projektor herum, hielt dann aber jäh inne. Plötzlich spürte er, dass er am ganzen Körper gelähmt war. Wie ein Toter fiel er zu Boden.

»Irgendetwas blockiert die elektrischen Impulse in den Nervenbahnen meines Körpers!«, schoss es Curt durch den Kopf. »Das ist kein Zufall – jemand löst diese Lähmung mit Absicht bei mir aus ...«

Mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung bot er alle seine mentalen Reserven auf, um sich zu bewegen. Wenn er es doch nur zu dem Schrank auf der gegenüberliegenden Seite des Labors schaffen würde, dann konnte er seine Instrumente benutzen, um diese Macht, die ihn lähmte, zu neutralisieren. Aber er war völlig hilflos, unfähig, auch nur einen Finger zu rühren. Er lag ausgestreckt auf dem Boden. Und dann hörte er, wie mehrere Männer die äußere Luftdruckkammer der unterirdischen Mondbehausung betraten.

Captain Future wartete grimmig. Eine Gruppe von Männern in Raumanzügen betrat vorsichtig das Labor. Ihr Anführer, ein massiger Jovianer, hielt eine pistolenartige Waffe in der Hand, deren unsichtbaren Energiestrahl er auf den rothaarigen Zauberer der Wissenschaften richtete.

Curt, der immer noch nicht sprechen oder auch nur einen Finger rühren konnte, musterte seine Angreifer aus blitzenden grauen Augen. Eilig fesselten sie ihn mit unzerstörbaren Metallseilen, wobei sie darauf achteten, nicht selbst in Reichweite des lähmenden Strahls zu geraten. Dann schaltete der Jovianer seine Pistole aus, und Curt stellte fest, dass er sich wieder bewegen konnte. Noch einmal spannte er mit übermenschlicher Anstrengung die Muskeln, um seine Fesseln zu sprengen, aber es war vergeblich.

»Zieht ihm einen Raumanzug an«, befahl der Jovianer. »Er darf nicht sterben, während wir ihn zum Schiff bringen – so hat es der Zerstörer befohlen!«

Als Curt das Wort an den Jovianer richtete, war seine Stimme leise und tödlich.

»Wer ist der Zerstörer? Wer hat Ihnen befohlen, mich zu überwältigen?«

Aber der Jovianer lachte nur höhnisch.

»Sie werden den Zerstörer schon bald kennenlernen, Captain Future. Sie haben schon viele ausgeklügelte Pläne vereitelt, doch dieses Mal wird Ihnen das nicht gelingen. Er ist zu intelligent – er hat alsErsterzugeschlagen!«

Curts Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Irgendetwas an diesem Jovianer und seinen Männern war eigenartig. Ihre ausdruckslosen Gesichtszüge und ihr stumpfer Blick … innerlich kochte Curt vor Wut. Wer auch immer dieser Zerstörer war, er war der Erste, der es je gewagt hatte, Captain Futures unterirdische Mondbehausung anzugreifen. Mit diesem Angriff wollte der Zerstörer Captain Future herausfordern – eine Herausforderung, die Curt grimmig annahm.

Der jovianische Anführer hatte ein kleines viereckiges Aufnahmegerät aus seinem Gürtel gezogen, in das er mit lauter Stimme hineinsprach.

»Diese Nachricht ist für die Futuremen bestimmt!«, sagte er laut. »Euer Anführer befindet sich in unserer Gewalt. Wagt es nicht, uns zu folgen oder den Mond zu verlassen, wenn Ihr Euren Herrn lebend wiedersehen wollt. Wenn Ihr diesen Befehl missachtet, dann wird Captain Future sterben!«

Der Jovianer hängte das Aufnahmegerät neben der Tür auf und stellte den Auslösemechanismus so ein, dass das Gerät angehen würde, sobald die Futuremen das Labor betraten.

»Und jetzt schnell raus hier, bevor sie zurückkommen«, fuhr er hastig fort. »Der Lähmstrahl würde gegen keinen dieser drei unmenschlichen Teufel etwas ausrichten. Deshalb mussten wir auch zuschlagen, während sie fort sind.«

Curt, der immer noch gefesselt war und sich deshalb nicht wehren konnte, war in einen Raumanzug gesteckt worden. Nun trugen ihn seine Entführer aus dem Mondlabor und durch den Krater Tycho zu ihrem schwarzen Schiff, das hinter den Felshügeln versteckt auf sie wartete.

Captain Future wurde unsanft in einen kleinen Vorratsraum geworfen, der vom Hauptkorridor des Schiffes abging. Sie befreiten ihn von dem Raumanzug, lösten aber nicht seine Fesseln. Ein hoch aufragender, sehniger Uranier bewachte ihn mit gezogener Strahlenpistole.

Curt spürte, wie das Schiff mit aufheulenden Triebwerken nach oben schoss, um dann durch den Weltraum davonzubrausen. Er rollte sich herum und schaute durch die Sichtluke hinaus. Das Schiff entfernte sich von Mond und Erde und flog fast auf direktem Weg auf die flammende Sonnenkugel zu.

»Das Schiff wird sehr nah an der Sonne vorbeifliegen, was bedeutet, dass sie zu einer der Welten unterwegs sind, die sich auf der anderen Seite des Systems befinden«, schlussfolgerte Curt rasch. »Jupiter, Uranus oder Neptun ...«

Captain Future reckte den Hals, um noch etwas besser aus dem Fenster sehen zu können. Eine kalte Hand griff nach seinem Herzen, als er die grüne Erdkugel erspähte. Am Nordpol konnte er ein helles kleines Licht sehen, das mal stärker und mal schwächer aufglomm.

»Das Notsignal!«, murmelte Curt erschrocken. »Der Präsident braucht meine Hilfe!«

Es handelte sich um das Signalfeuer, das der Präsident entzünden ließ, um Captain Future und die Futuremen zu Hilfe zu rufen, wenn dem System Gefahr drohte. Und er, Captain Future, der es bisher nie versäumt hatte, diesem Ruf unverzüglich zu folgen, konnte dieses Mal nichts tun, da er als hilfloser Gefangener quer durch die weite Leere des Raums davongetragen wurde.

3. Kapitel:Flammende Gefahr

Noch nie zuvor hatte Captain Future etwas verspürt, das dem Gefühl tiefer Verzweiflung nähergekommen wäre. Das Signalfeuer bedeutete, dass sich die Erde in ernster Gefahr befand, dass es sich um einen dringenden Notfall handelte, der sein sofortiges Eingreifen erforderte. Und er konnte nichts tun! Seine Arme und Beine waren mit unzerstörbaren Metallseilen gefesselt. Außerdem bewachte ihn ein bewaffneter Uranier.

Aber Captain Future war es auch in der Vergangenheit schon gelungen, sich aus ähnlich aussichtslosen Situationen zu befreien. Wie damals, als man ihm auf dem Gefängnismond des Pluto eine Falle gestellt hatte, oder als man ihn in die Todesgrube auf dem Platz der Toten auf dem Jupiter geworfen hatte, und bei vielen anderen Gelegenheiten. Er lag reglos da, und seine bronzefarbenes Gesicht blieb unbewegt, während sein Blick wild in der Vorratskammer hin- und herschweifte.

Das Schiff blieb weiter auf seinem Kurs der Sonne entgegen. Curt war klar, dass als Ziel nur Jupiter, Uranus oder Neptun infrage kamen, die drei Planeten, die sich auf der anderen Seite des Sonnensystems befanden. Welcher von den dreien war es nur?

Curt horchte auf, als er mitbekam, wie seine Entführer miteinander sprachen. Sie sagten etwas über die Zerstörung von Graviumminen. Bedeutete das, dass der Zerstörer, der geheimnisvolle Drahtzieher, unter dessen Kommando diese seltsamen Männer standen, vorhatte, in irgendeiner Form die Graviumversorgung des Systems zu sabotieren?

»Das muss es sein«, dachte Curt. »Eine Gefahr für die Graviumquellen des Systems – das muss der Grund sein, warum Carthew nach mir hat rufen lassen!«

Gravium war das Lebensblut der interplanetaren Zivilisation. Ohne diese kostbare Substanz konnten keine Schwerkraftregler hergestellt werden. Und ohne diese Instrumente wagten es die Menschen nicht, andere Planeten zu besuchen, die eine stärkere oder schwächere Anziehungskraft besaßen als ihr Heimatplanet.

Das hatten damals, 1971, die ersten von der Erde stammenden Weltraumpioniere herausgefunden. Wenn sie Welten besuchten, in denen die Anziehung schwächer war als auf der Erde, dann hatte dies zur Folge, dass sie Schäden an ihrem Blutkreislauf und ihren Organen – wenn nicht am ganzen Körper – davontrugen. Sie alle wurden krank, manche wurden gelähmt oder starben. Anfangs schien es undenkbar zu sein, dass es jemals Menschen geben würde, die auch auf den anderen Welten leben konnten.

Doch dann entdeckte Mark Carew, einer der ersten Pioniere, auf dem Merkur ein seltsames Metall, das auf der Erde unbekannt war. Er nannte es Gravium, denn wenn man mittels einer Spule eine elektrische Strömung durch das Metall laufen ließ, dann konnte man auf diese Weise das Gewicht jedweder Materie entweder verkleinern oder vergrößern, je nach Polung und Stärke des Stroms.

Carew erfand einen Schwerkraftregler, dessen Herzstück aus einer Graviumspule bestand. Dieser Regler, den man in einem flachen Kasten auf der Brust trug, konnte so eingestellt werden, dass er automatisch alle Schwerkraftunterschiede ausglich. Auf diese Weise fühlte sich der Träger des Reglers immer gleich schwer, egal wie stark oder schwach die Anziehungskraft der Welt war, die er besuchte.

Diese Schwerkraftregler hatten den interplanetaren Flugverkehr erst möglich gemacht! Jeder interplanetare Reisende trug einen solchen. Erdenmenschen waren nun in der Lage, den Jupiter und andere riesige Planeten zu besuchen, ohne irgendwelche schädlichen Nebenwirkungen befürchten zu müssen, und auch die Jovianer und andere planetare Spezies konnten sich auf der Erde aufhalten. Ohne diese Regler wäre es mit dem interplanetaren Flugverkehr vorbei.

Aber nur durch die Existenz des kostbaren Metalls Gravium war ihre Herstellung möglich. Kein Wunder, dass Gravium das wertvollste Metall im System war! Die Minengesellschaften, die Gravium abbauten, waren verpflichtet, den gesamten Ertrag an die Regierung des Systems zu verkaufen, die die Herstellung der unverzichtbaren Regler kontrollierte.

»Wenn der Zerstörer und seine Anhänger tatsächlich einen Teil des Graviumvorrats des Systems vernichtet haben«, dachte Captain Future, »dann ist es nicht verwunderlich, dass Präsident Carthew nach mir gerufen hat.«

Plötzlich wurde ihm wieder bewusst, in was für einer aussichtslosen Lage er sich befand, und dass es keinen Weg gab, um dem Ruf des Präsidenten zu folgen. Er wand sich innerlich vor hilfloser Wut. Sein Gehirn lief auf Hochtouren, während er nach einem Ausweg suchte. Der gelbhäutige Uranier beobachtete ihn immer noch argwöhnisch mit diesem seltsam leeren Blick, die Strahlenpistole schussbereit in der Hand. Curt sah aus dem Fenster. Mehrere Stunden waren vergangen, und das Schiff flog nun sehr nah an die gewaltige Flammenkugel der Sonne heran, die es auf seinem Weg zur anderen Seite des Systems passieren würde.