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Wie gelingt es fünf Kindern im Alter von gerade zehn Jahren, gefährliche Verbrecher hinter Schloss und Riegel zu bringen? Wie ist es möglich, dass die sogenannte "Lockenkopfbande" einen aus dem Zirkus entlaufenen Tiger im tiefen Wald aufspürt und ihn wie eine zahme Hauskatze an einer Leine zurück in ihren Käfig bringt? Über solche erstaunlichen Leistungen rätseln die Menschen in der beschaulichen Kleinstadt Steinburg. Die Antworten liefert dieses Büchlein. Eines sei hier verraten: Ein magischer Spruch hilft der Bande dabei, selbst die gefährlichsten Abenteuer zu bestehen. Außerdem haben die fünf Freunde, die sich schon aus den Kita-Tagen kennen, einen tierischen Helfer: Xeni ist ein kleiner schwarzer Jagdhund mit erstaunlichen Fähigkeiten. Mit ihren feinen Sinnen und der Fähigkeit, sprechen und lesen zu können, trägt Xeni zur Lösung der kniffligen Fälle bei. Nach dem Vorbild der beliebten TV-Serie "Paw Patrol - Helfer auf vier Pfoten" werden von den Lockenköpfen Menschen und Tiere, die in Not geraten sind, gerettet, abgebrühte Gauner auf frischer Tat erwischt und an die Polizei übergeben. Aber warum den Name Lockenkopfbande? Die Antwort ist einfach. Carli, der Anführer, hat einen Wuschelkopf. Und auch Ella und der dunkelhäutige Kuba haben gelockte Haare. Außerdem gehören Maria und Anton zu der Truppe, die nach dem Motto "Einer für alle, alle für einen" gemeinsam selbst die spektakulärsten Aktionen zu einem guten Ende führen. Die Abenteuer und Geschichten in diesem Buch sind Fiktion, aber sie sind ein Spiegel der heutigen Zeit, denn sie könnten sich so oder so ähnlich im wirklichen Leben abgespielt haben. Aktuelle Themen wie Klimakrise, Tierschutz, Migration, Rassismus und Kriminalität werden darin kindgerecht und anschaulich erzählt. Das Buch richtet sich an junge Leser ab 12 Jahren. Die Abenteuer der Lockenkopfbande könnten für Sie der Ansporn sein, sich im täglichen Leben für ihrer Mitmenschen und für eine bessere Welt einzusetzen.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2026
„Verliere niemals den Blick für die kleinen Abenteuer des Lebens.“
(Altes Sprichwort)
Vorwort
Eine Bande wird gegründet
Die alte Bibliothekarin
Kater Fritz auf Abwegen
Der unheimliche Ponyripper
Helden der Kleinstadt
Bürger und Brandstifter
Nora im Hexenhaus
Der Schatz der Barone
Jagd auf Telefonbetrüger
Die Weisse Gefahr
Ein böser Traum
Von Vögeln und Eierdieben
Xeni wird geraubt
Wie schaffen es fünf Kinder im Alter von gerade zehn Jahren, gefährliche Verbrecher hinter Schloss und Riegel zu bringen? Wie ist es möglich, dass die sogenannte „Lockenkopfbande“ einen aus dem Zirkus entlaufenen Tiger im tiefen Wald aufspürt und ihn wie eine zahme Hauskatze an einer Leine zurück in ihren Käfig bringt?
Über solche erstaunlichen Leistungen rätseln die Menschen in der beschaulichen Kleinstadt Steinburg.
Die Antworten liefert dieses Büchlein. Eines sei hier verraten: Ein magischer Spruch hilft der Bande dabei, selbst die gefährlichsten Abenteuer zu bestehen. Außerdem haben die fünf Freunde, die sich schon aus den Kita-Tagen kennen, einen tierischen Helfer: Xeni ist ein kleiner schwarzer Jagdhund mit erstaunlichen Fähigkeiten. Mit ihren feinen Sinnen und der Fähigkeit, sprechen und lesen zu können, trägt Xeni zur Lösung der kniffligen Fälle bei.
Nach dem Vorbild der beliebten TV-Serie „Paw Patrol - Helfer auf vier Pfoten“ werden von den Lockenköpfen Menschen und Tiere, die in Not geraten sind, gerettet, abgebrühte Gauner auf frischer Tat erwischt und an die Polizei übergeben.
Aber warum den Name Lockenkopfbande? Die Antwort ist einfach. Carli, der Anführer, hat einen Wuschelkopf. Und auch Ella und der dunkelhäutige Kuba haben gelockte Haare. Außerdem gehören Maria und Anton zu der Truppe, die nach dem Motto „Einer für alle, alle für einen“ gemeinsam selbst die spektakulärsten Aktionen zu einem guten Ende führen.
Die auf den folgenden Seiten beschriebenen Abenteuer und Geschichten sind Fiktion, aber sie sind ein Spiegel der heutigen Zeit, denn sie könnten sich so oder so ähnlich im wirklichen Leben abgespielt haben. Aktuelle Themen wie Klimakrise, Tierschutz, Migration, Rassismus und Kriminalität werden darin kindgerecht und anschaulich erzählt.
Das Buch richtet sich an junge Leser ab 12 Jahren. Die Abenteuer der Lockenkopfbande könnten für sie der Ansporn sein, sich im täglichen Leben für ihrer Mitmenschen und für eine bessere Welt einzusetzen.
Die Illustrationen wurden mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt. Dabei sollte der Stil der generierten Bild möglichst zum Inhalt und zur Stimmung der jeweiligen Geschichte passen.
„Mama, darf ich Pawn Patrol gucken?“, fragt Carli.
„Na gut, aber nur eine Folge“, antwortet seine Mama Lena aus der Küche, wo sie gerade das Abendessen zubereitet. Heute gibt es Nudeln mit Tomatensoße. Nudeln isst der Zehnjährige für sein Leben gerne. „Njunjus“ sagt er dazu, seit er als Baby zu brabbeln angefangen hat. Dabei ist es bis heute geblieben. Auch Papa Tobi, der gleich von der Arbeit nach Hause kommen wird, ist ein „Njunju“-Fan. Einem gemütlichen Abendessen steht also nichts im Wege.
„Okay, nur eine Folge“, ruft Carli zurück. Vielleicht merkt seine Mama nicht, dass schon die zweite Folge angefangen hat. Sie ist ja beschäftigt und klappert so laut mit dem Geschirr, dass Carli vom blauen Sofa aufsteht und die Küchentür schließt, um ja keine Szene der spannenden Geschichte zu verpassen. Dabei kennt er die erfolgreiche TV-Serie fast in- und auswendig.
Die Paw Patrol besteht aus sechs Hunden, von ihrem Anführer Ryder „Fellfreunde“ genannt, die in jeder Folge den Menschen und Tieren in der Abenteuerbucht bei ihren Problemen helfen. Sie verfügen über übermenschliche Kräfte, die ihnen ein Meteorit verleiht, der im Turm der Einsatzzentrale der Patroler verankert ist.
Immer einsatzbereit: Die Lockenkopfbande kann mit Hilfe des Jagdhundes Xeni selbst die kniffligsten Fälle lösen.
Carli liebt die Serie. Stundenlang könnte er sich, wenn er das dürfte, die spannenden Geschichten um die Helfer auf vier Pfoten angucken.
Die Folge, die gerade auf dem großen Fernseher im Wohnzimmer flimmert, fasziniert Carli besonders. Die mutigen Superwelpen retten in letzter Sekunde einen Baby-Dinosaurier aus einer gefährlichen Lage. Der kleine Junge vergisst die Welt um sich. Er kommt ins Träumen. Wie gerne wäre er dabei, wenn die Helfer auf vier Pfoten ihre Abenteuer erleben! Welch ein tolles Team, das eisern zusammenhält, egal was kommen mag.
Was wäre, wenn. . .? Ein Gedanke will Carli nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ja, was wäre, überlegt der kleine Lockenkopf, wenn er mit seinen Freunden eine Bande gründen würde, um Menschen und Tieren, die in Not geraten sind, zu helfen? Einen passenden Namen hat junge auch schon parat. „Wir nennen uns die Lockenkopfbande“, flüstert er vor sich hin.
Gleich morgen wird er mit seinen besten Freunden die Idee besprechen. Und Carli weiß schon ganz genau, wer dabei sein wird. Das sind zunächst Anton und Kuba, auf die ist Verlass, echte Kumpel. Und auch Marie und Ella, zwei taffe Mädchen, sollen der Truppe angehören. In beide ist Carli ein bisschen verliebt. Das darf aber niemand erfahren.
Neulich hat er im Fernsehen einen spannenden Abenteuerfilm gesehen. „Die drei Musketiere“ oder so ähnlich hieß er. Komischerweise waren es dann vier Männer in prächtiger Uniform, die ihre Degen kreuzten und sich ewige Treue und Freundschaft schworen. Einer für alle, alle für einen, lautete ihr Motto. „So soll es auch bei der Lockenkopfbande sein“, wünscht sich Carli.
Der Zehnjährige ist mit übernatürlichen Kräften ausgestattet. Hält er die Luft an und sagt den Spruch „Zeit steh“, verharrt der Uhrzeiger so lange an einer Stelle, bis der Junge wieder ausatmet. Noch weiß niemand von dieser fantastischen Fähigkeit, doch Carli beschließt, seine Freunde in sein Geheimnis einzuweihen. Vielleicht wird es damit leichter, selbst größte Gefahren zu bestehen, überlegt er.
Etwas Schwarzes mit langen Schlappohren kommt um die Ecke gerannt. Es ist Xeni, ein kleiner Jagdhund, der wie immer auf der Suche nach etwas Essbarem ist.
„Dich hätte ich fast vergessen. Du bist natürlich auch dabei. Auf einen so klugen Hund können wir nicht verzichten“, sagt Carli und streichelt Xeni hinter den Ohren, was sie besonders gerne mag.
Sie ist wirklich ein ganz besonderer Hund. Denn der kleine Räuber, wie er manchmal genannt wird, hat nicht nur eine feine Schnüffelnase, sondern kann auch lesen und sprechen. Niemand soll erfahren, dass der Hund diese Fähigkeiten besitzt. „Womöglich stecken sie mich dann in ein Tierheim“, befürchtet das Hündchen.
Es gibt eine Ausnahme. Carli kennt das Geheimnis seines vierbeinigen Freundes. Jeden Morgen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, schlagen die beiden die Tageszeitung auf und suchen nach besonders spannenden Nachrichten, wobei das Schlappohr natürlich an Hundegeschichten interessiert ist.
Heute ist wieder so ein Tag.
„Hast du das gelesen? Ich kann das gar nicht glauben. Da soll in Amerika ein Labrador-Mischling mit einer 12,7 Zentimeter langen Zunge leben. Das soll die längste Zunge auf der ganzen Welt sein“, wundert sich Carli.
Xeni ist baff. Sie rennt vor den Spiegel im Flur, lässt ihre Zunge herausraushängen und schüttelt ungläubig den Kopf.
„Das gibt's doch gar nicht.“
Plötzlich kommt die Mama um die Ecke. „Carli, mit wem redest du denn?“, wundert sie sich.
„Ach, nichts, mit niemandem“, brummt der kleine Junge und schüttelt nur den Kopf. Sie würde es sowieso nicht verstehen. Carli und Xeni haben eine eigene Geheimsprache entwickelt, die irgendwo zwischen Bellen und Sprechen liegt. Nur sie beide beherrschen diese Sprache.
Die Freunde sind Feuer und Flamme, als sie am nächsten Tag von Carlis Plänen erfahren. Sie hocken auf einer Bank vor der Schule und stecken die Köpfe zusammen. Was für eine tolle Idee! Es gibt so viel zu besprechen. Und der Name erst: „Lockenkopfbande“. Das passt haargenau, denn schließlich haben drei Bandenmitglieder einen Wuschelkopf.
Klar, dass Carli ihr Anführer sein soll. Nach dem Vorbild der Musketiere legen Carli, Anton, Kuba, Marie und Ella die Hände aufeinander. Carli gibt die Losung aus:
„Einer für alle!“
„Alle für einen“, antworten die anderen wie aus einem Mund. Es soll so schnell wie möglich losgehen. Am besten sofort!
Der erste Einsatz lässt aber auf sich warten; er will gar nicht kommen. Es ist Ferienzeit. Ella und Anton sind mit ihren Eltern im Urlaub, irgendwo am Meer. Die Glücklichen, denkt Carli. Seit Tagen herrscht eine Bullenhitze, und es ist so gar nichts los im Städtchen. Lustlos streifen Carli und der Rest der Truppe durch ihr Revier. Am Fluss entlang und durch den kleinen Wald. Im Schatten ist die Hitze besser zu ertragen.
„Was machen wir heute Nachmittag?“, fragt Carli.
„Die Eisdiele?“, sagt Kuba.
„Zu teuer. Mein Taschengeld ist schon weg“, brummt Carli. Trübe Aussichten. Der Monat hat gerade angefangen.
„Wir könnten ins Freibad gehen“, schlägt Marie vor.
„Ohne mich. Da ist es zu voll. Außerdem waren wir gestern dort“, sagt Kuba und haut vor lauter Frust mit einem Ast gegen einen dicken Baum. Er hat sich so auf die Ferien gefreut - und nun langweilt er sich fast zu Tode. Es ist zum Verzweifeln.
Xeni, der kleine Räuber, ist immer dabei, außer natürlich im Freibad. Dort haben Hunde keinen Zutritt. Das Schlappohr hat keine Langeweile. Entlang des Weges gibt es immer was Feines zu erschnüffeln. Und wenn das Hündchen Glück hat, findet es mit seiner super Nase ein Leckerchen, das bei irgendeinem Hundetraining verloren wurde. Das passiert gar nicht so selten.
Hilflos auf dem Waldweg: Gerda Müller ist auf dem Nachhauseweg gestürzt. Ihr Einkauf liegt auf dem Boden verstreut.
Die Hitze macht der kleinen Schwarzen wenig aus. Der Fluss ist nur ein paar Meter entfernt. Das flache Ufer lädt förmlich zu einem kleinen Erfrischungsbad im Vorbeigehen ein. Xeni wagt sich aber nur bis zur Brust ins Wasser. Sie ist ausgesprochen wasserscheu.
Lustlos schlendern die Lockenköpfe über den Waldweg. Jeder hängt seinen Gedanken nach.
Doch dann plötzlich: Der kleine Räuber spitzt seine Ohren, hebt den Kopf und spannt den Körper. Xeni hält die Nase in den Wind und knurrt leise. Binnen Sekunden ist aus dem braven Hündchen ein gnadenloser Jäger geworden. Carli kennt seinen Freund. Kein Fasan, kein Hase und kein Eichhörnchen bringt den Hund derart aus der Fassung. Es geht um etwas Ernstes, vielleicht sogar um Leben und Tod, da es sich Carli sicher. Xeni zerrt wie von Sinnen an der Leine.
„Los, such!“, gibt Carli das bekannte Kommando und öffnet den Verschluss am Halsband.
Der Hund setzt sich in Bewegung. Er sprintet durch das dichte Gestrüpp und springt in einem Höllentempo über Wurzeln und Äste. Es grenzt an ein Wunder, dass er nicht gegen einen Baum rennt und sich dabei verletzt. Die Bande folgt ihm, so gut sie kann. Zum Glück dauert die wilde Hatz nicht lange. Ein schmaler Waldweg kommt zwischen den Bäumen in Sicht.
Dort liegt eine leblose Gestalt auf dem Boden. So viel ist zu erkennen. Xeni sitzt davor und bellt sich die Seele aus dem Leib. Die Freunde kommen näher.
„Das ist ja Frau Müller.“ Maries Stimme stockt. Und tatsächlich: Es ist Gerda Müller, die dort im Dreck liegt, leise stöhnt und schwer atmet.
Fast jeder kennt sie in der Kleinstadt. Frau Müller leitete viele Jahre die Stadtbücherei. Sie ist eine kluge und stets freundliche Frau. Seit der Pensionierung lebt die alte Dame alleine in einem kleinen Haus am Rande der Stadt. Ihr Mann ist schon vor ewigen Zeiten gestorben.
Früher hatte Frau Müller auch einen Hund. Er hieß Pippi. Das war kein Zufall. Der Name war eine Verbeugung vor Astrid Lindgren, die schwedische Buchautorin, die ganze Generationen mit ihren Kinderbüchern begeisterte. Pippis Körbchen stand am Eingang der Bücherei. Der wuschelige Pudel ließ sich gerne von den Kunden streicheln. Frau Müller und ihr Hund waren ein gutes Team.
Doch auch Pippi ist bereits seit geraumer Zeit tot. Einen neuen Hund wollte sich Gerda Müller nicht anschaffen.
„Was ist, wenn ich ihn nicht mehr versorgen kann. Er landet dann vielleicht im Tierheim. Das will ich nicht“, erzählt sie immer.
Nun liegt sie hier auf dem Schotterweg, der zu ihrem Haus führt. Die Lockenkopfbande schart sich um den leblosen Körper und überlegt, muss zu tun sei.
„Wir müssen einen Krankenwagen rufen“, mein Kuba und holt sein Handy aus der Tasche. Die alte Frau öffnet die Augen.
„Bitte nicht! Mir geht es schon viel besser.“
Was ist passiert?, wollen die Kinder wissen. Ihr sei plötzlich schwindelig und schwarz vor den Augen geworden. Das liege bestimmt an der Hitze.
„Seitdem weiß ich nichts mehr“, sagt Frau Müller mit schwacher Stimme und versucht, sich aufzurappeln. Sie klopft sich den Staub von ihrem Rock und beginnt, ihren Einkauf aufzusammeln, der sich bei dem Sturz im weiten Umkreis auf dem Waldboden verteilte - Joghurt, ein paar Orangen, Brot und Zucker - was man so halt zum Leben braucht.
„Lassen Sie, das übernehmen wir. Und wir begleiten sie nach Hause, damit so etwas nicht noch einmal passiert“, sagt Carli. Dem Bandenchef schießt durch den Kopf: Endlich! Der erste Einsatz für die Lockenkopfbande hat gerade begonnen.
Der Weg ist nicht weit. Hinter der nächsten Biegung taucht das Häuschen von Frau Müller auf. Die alte Dame ist sichtlich erleichtert, dass sie wohlbehalten zu Hause angekommen ist. Sie humpelt ein bisschen. Bei dem Sturz hat sie sich offensichtlich ein wenig verletzt. Sie bittet die Kinder herein.
Es gibt Limonade und Marmorkuchen, frisch aus dem Backofen, und Leckerchen für den Hund.
„Morgen muss ich zum Arzt, ein dringender Termin“, erzählt die alte Frau nachdenklich, „ich weiß gar nicht, wie ich es schaffen soll.“
„Kein Problem, wir begleiten Sie“, ergreift Carli das Wort, „Wir haben Zeit, es sind ja Ferien.“
Pünktlich steht die Lockenkopfbande am nächsten Morgen auf der Matte. Zur Begrüßung gibt‘s Limo und Kuchen. Dann geht‘s in Richtung Stadt. Während Gerda Müller ihren Arzttermin absolviert, erledigt die Bande die Einkäufe für die alte Dame. Die schweren Taschen schleppen Carli & Co. zu Frau Müllers Haus.
Die Stimmung in der Truppe hellt sich auf - es macht Spaß, anderen zu helfen. Fast täglich sind nun die Jungs und Mädels bei Frau Müller. Inzwischen sind auch Ella und Anton aus dem Urlaub zurück. Sie unterstützen tatkräftig das LockenkopfTeam.
Zu fünft sind jetzt die Kids im Einsatz. Sie helfen, wo sie nur können. Die Wäsche wird aufgehängt, das Unkraut gejätet und die Medikamente aus der Apotheke geholt. Die Aktion wird zur Routine: erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Limo und Kuchen werden mit spannenden und lustigen Geschichten aus dem langen Leben von Frau Müller garniert. Mit ihren 85 Jahren hat die alte Dame viel zu erzählen. Die Kinder sitzen um den runden Holztisch in der Stube und lauschen gespannt den Erzählungen der alten Dame.
Dann gehen die Ferien zu Ende. Der Alltag kehrt zurück. Schule, Hausaufgaben, Fußballtraining. Die Zeit wird knapp für die Lockenkopfbande. Die Besucher bei Frau Müller werden seltener. Nicht weiter schlimm, denn die alte Dame hat neue Kraft geschöpft und kann nun ihren Alltag alleine bewältigen.
Haus in Flammen: Carli und seine Freunde von der Lockenkopfbande alarmieren rechtzeitig die Feuerwehr. So kann Frau Müller vor dem Tod gerettet werden.
„Es geht mir schon viel besser. Ohne euch hätte ich es nie geschafft“, bedankt sie sich und serviert ihren Helfern noch einmal einen köstlichen Kuchen, der gerade aus dem Backofen kommt.
„Wenn Sie Hilfe brauchen, dann melden Sie sich bitte. Ein Anruf genügt, die Lockenkopfbande steht bereit“, sagt Carli zum Abschied.
Frau Müller scheint es gutzugehen. Das Telefon bleibt stumm.
Ein halbes Jahr später. Es ist tiefster Winter. Die Lockenkopfbande macht einen Spaziergang. Am Fluss entlang und durch den Wald. Wie so oft. Der Schnee knirscht unter den Schuhen. Die fünf haben nichts Besonderes vor. Ein kleines Abenteuer könnte nicht schaden. Xeni, die an der Spitze der Truppe läuft, wird unruhig. Sie hält die Nase in den Wind und spannt den Körper an. Etwas ist im Busch.
„Was hat sie denn?“, will Ella von Carli wissen.
„Weiß ich nicht, vielleicht hat sie ein Kaninchen erschnüffelt.“ Doch der Hund kommt nicht zur Ruhe. Es muss etwas anderes sein als ein Karnickel. Xeni zieht verzweifelt an der Leine.
„Es brennt irgendwo in der Nähe. Ich rieche den Rauch“, knurrt sie in ihrer Hund-Mensch-Sprache, die nur Carli versteht.
Es ist keine Zeit zu verlieren. „Zeig uns den Weg!“, ruft Carli seinem vierbeinigen Freund zu. Der Hund kennt das Ziel. Es ist das Haus von Frau Müller.
Sie ist in höchster Not. Die Scheune, die an ihr Haus grenzt, steht in hellen Flammen. Das sehen die fünf Freunde schon von Weitem. Es geht um Leben und Tod, es geht um Sekunden. Carli wählt die Nummer 112 der Feuerwehr, die sich unverzüglich auf den Weg zum Einsatzort macht.
Dann sagt er zu seinen Freunden: „Fasst euch an den Händen.“ Die Zauberformel „Zeit bleibt stehen“ soll ihnen eine Verschnaufpause verschaffen. Und tatsächlich: Für ein paar Minuten hört das Feuer auf zu lodern, über dem Haus von Frau Müller breitet sich eine seltsame Stille aus.
Das zuckende Blaulicht und das schrille Martinshorn der anrückenden Feuerwehr durchbrechen den Zeitstillstand. Das Feuer ist schnell unter Kontrolle. Es war knapp. Das Übergreifen der Flammen auf das Wohnhaus konnte gerade so verhindert werden.
Ein erfolgreicher Einsatz - aber wo ist Frau Müller? War sie etwa in der abgebrannten Scheune? Ein heftiges Klopfen und Hämmern an der Haustür bringen die Erlösung.
„Ich habe mich ein bisschen hingelegt. Was ist denn los? Warum sind so viele Leute hier und warum stinkt es so nach Rauch?“, fragt die alte Dame erstaunt und gähnt ausgiebig. Sie muss tief geschlafen haben.
Als sie erfährt, in welcher Gefahr sie war, wird sie ganz blass um die Nase. Sie habe die noch heiße Asche aus dem Ofen in der Wohnstube in die Scheune gebracht. Das müsste die Ursache für das Feuer sein.
„Ihr seid meine Retter. Ohne euch würde ich vermutlich nicht mehr leben“, bedankt sich Frau Müller bei der Lockenkopfbande, „und du natürlich auch“, ergänzt sie und krault den kleinen Hund hinter den Ohren.
„Wartet, ich habe was für euch“, sagt sie und geht aus dem Zimmer. Sie kommt zurück mit Limo, Marmorkuchen - und einer Tüte Leckerchen von der besten Sorte zurück. Auftrag erfüllt: Einer für alle, alle für einen. Auf zum nächsten Einsatz.
„Fritz ist verschwunden“, jammert Anna.
„Wie verschwunden?“ Carli ist ein bisschen verwirrt. Bei diesem Wörtchen fällt ihm spontan eine Zirkusvorstellung ein, die er vor kurzem mit Mama und Papa besucht hat. Ein Magier schwang dort mit großer Geste den Zauberstab und ließ eine Taube aus dem Zylinder verschwinden. Simsalabim, so einfach war das. Der Vogel löste sich einfach in der Luft auf.
Kann so etwas auch dem dicken roten Kater passiert sein?, überlegt Carli.
„Fritz ist verschwunden, er ist halt seit drei Tagen weg“, erzählt Anna und schluchzt. Dicke Tränen laufen der Zehnjährigen über die Wangen. Fritz ist seit den Kita -Tagen ihr bester Freund. Kein Wunder, dass Anna nun ihren Kater so vermisst.
„Bitte helft uns, Fritz wiederfinden“, sagt sie mit stockender Stimme, „ihr seid unsere letzte Hoffnung.“
Jetzt nur Ruhe bewahren. Beide setzen sich auf die Treppenstufe vor Annas Haus, und dann erfährt der Anführer der Lockenkopf-Bande die ganze Geschichte um den verschwundenen Kater.
Am Mittwochabend hat Fritz nach dem Abendbrot an der Tür gemiaut, um - wie üblich - sein Revier zu inspizieren. Das ist tägliche Routine, nichts Außergewöhnliches. Bis jetzt ist der Kater immer wohlbehalten von seinen nächtlichen Touren zurückgekehrt. Fritz ist ein Freigänger, ein vornehmes Wort für Streuner.
Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Die ganze Familie, Freunde und Nachbarn haben stundenlang nach der verschwundenen Katze gesucht - ohne Erfolg.
Ist er etwa weggelaufen? Kaum anzunehmen. Fritz liebt seine Menschen und sein Zuhause, wo er immer ein gemütliches Plätzchen findet und genug Futter bekommt. Es gibt für den roten Kater keinen Grund auszubüxen.
Hat ihn etwa jemand einfach mitgenommen? Eine absurde Vorstellung. Fritz ist ein wehrhafter Kater, der sich zwar gerne streicheln und liebkosen lässt, aber sofort seine Krallen ausfährt, wenn ihm jemand etwas Böses will. Dafür hat der erfahrene Stubentiger ein gutes Gespür. Es wäre keine gute Idee, sich mit Fritz anzulegen.
Hat er sich etwa auf einem seiner Streifzüge verirrt und findet nicht mehr nach Hause? Möglich, denn Fritz war immer eine neugierige und unternehmungslustige Katze, die möglichst viel von der Welt sehen wollte.
Die schlimmste Vorstellung: Er wurde von einem Auto überfahren. Nicht ganz von der Hand zu weisen, denn zuweilen war der Kater unvorsichtig und fühlte sich unantastbar wie ein König in seinem Revier. Was kann mir schon passieren? Die anderen sollen doch aufpassen!
Fakt ist: Fritz ist verschwunden. Es ist genauso, wie es Anna formuliert hat. Keine Magie, sondern bittere Realität.
Nun sind die Lockenköpfe gefordert. Seit der spektakulären Rettungsaktion für Frau Müller eilt der Bande ein fast legendärer Ruf voraus. Der mutige Einsatz bei einem Scheunenbrand war für Tage das Gesprächsthema im Städtchen.
Beste Freunde: Anna hält den roten Kater Fritz auf dem Arm. Das zehnjährige Mädchen hat die Lockenkopfbande um Hilfe gebeten.
Die Lokalzeitung hat in großer Aufmachung über den wagemutigen Einsatz der fünf Kinder berichtet. „Lockenköpfe retten alte Frau vor dem sicheren Tod“ lautete damals die Überschrift von Lokalreporterin Carla Klanke vom Steinburger Boten. Der Bericht auf Seite eins war mit zwei Fotos bebildert. Eines zeigte die Feuerwehr bei den Löscharbeiten, auf dem anderen bedankt sich Bürgermeister Jürgen Klein bei den Kids für die vorbildliche Hilfe.
„Wenn es in unserer Stadt junge Leute wie euch gibt, dann blicke ich mit Zuversicht in die Zukunft“, wird der Bürgermeister zitiert.
So eine öffentliche Würdigung ist Verpflichtung und Ansporn zugleich. Carli schart seine Truppe um sich. Alle sind sie da: Kuba, Anton, Ella und Marie. Natürlich hockt auch Xeni vor dem Sofa und lauscht mit ihren Schlappohren, was ihre Freunde da so beraten. Ihr erster Gedanke war Erleichterung, als sie erfuhr, dass Fritz nicht auffindbar sei. „Endlich ist die blöde Kratzekatze weg. Die hat mich schon lange genug genervt.“
Man muss wissen, dass der kleine Räuber und der rote Kater Lieblingsfeinde sind. So oft sie sich auf der Straße oder im Vorgarten treffen, gibt es Zoff und Geschrei. Während Xeni nach Kräften bellt und mit den Zähnen fletscht, faucht der Kater und fährt seine spitzen Krallen aus. Zu einem Entscheidungsfight, wer nun der König in diesem Revier ist, ist es aber bisher noch nie gekommen. Bei aller Abneigung haben beide einen gehörigen Respekt voreinander.
„Wir müssen den Kater finden und brauchen dafür einen Plan“, verkündet Carli vor seinem Team. Allgemeine Zustimmung. Die Kinder reichen sich die Hand und sagen den Spruch auf, der alle verbindet: einer für alle, alle für einen. Der nächste Fall für die Lockenkopfbande rollt an.
Die Stadt soll systematisch durchsucht werden. Die Gruppe wird geteilt. Carli und Anton bilden ein Team. Sie werden von Xeni begleitet. Mit ihrer feinen Nase hat sie eine wichtige Funktion bei der Fahndung nach dem vermissten Kater.
Sie werden die Siedlung Straße für Straße durchkämmen, an jeder Haustür klingeln und die Nachbarn befragen, ob sie das verschwundene Haustier gesehen haben.
Anton hat zu Hause mit Erlaubnis der Eltern ein Fahndungsplakat entworfen und ausgedruckt, auf dem Fritz in voller Schönheit abgebildet ist. Dazu gibt es einen kurzen Text, der die Umstände des Verschwindens erklärt. Anna will ihr letztes Taschengeld opfern. 20 Euro Belohnung bekommt von ihr derjenige, der Hinweise zum Verbleib des Katers liefert. Die Plakate haben die Kinder an vielen Stellen angebracht, wo viele Menschen vorbeikommen.
„Schaut hinter jeden Busch und hinter jede Hecke. Wir dürfen nichts übersehen.“ Es könnte ja sein, dass Fritz verletzt ist und es aus eigener Kraft nicht mehr schafft, nach Hause zu kommen, erklärt der Anführer.
Der Rest der Truppe wird sich die Wiesen und Felder außerhalb der Stadt vornehmen. Das ist zwar wie die berühmte Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, aber einen Versuch wert, ist man sich einig.
Um 12 Uhr wollen sich die Lockenköpfe zu einer Lagebesprechung treffen und das weitere Vorgehen planen. Die Vorzeichen für eine Suche sind denkbar ungünstig. Seit Tagen stürmt und regnet es. Alles trieft vor Nässe, auf den Wegen und Straßen haben sich knöcheltiefe Pfützen gebildet. Die Wiesen stehen unter Wasser. In Gummistiefeln und Friesennerz schwärmen die Kinder aus.
Die Enttäuschung ist groß, als sie mittags wieder beisammen hocken. Von dem Kater fehlt nach wie vor jede Spur. Als Anna dies hört, weint sie bitterlich.
In höchster Not: Kater Fritz hat sich auf einen umgefallenen Baum im reißenden Fluss gerettet.
„Ihr habt nicht richtig gesucht“, sagt sie - und entschuldigt sich aber eine Sekunde später. „Das war nicht so gemeint, ich bin nur so traurig.“
Die Helden sind erschöpft, frustriert und hungrig. Für heute ist es genug. Morgen wird ein neuer Anlauf gewagt. Dann will man entlang des Flusses und im Stadtwäldchen nach Fritz suchen. Morgen wollen sie alle zusammen gehen. Das unwegsame Terrain bietet unzählige Verstecke und abgelegene Bereiche, so dass größte Aufmerksamkeit notwendig ist.
Den Stadtforst kennen die Lockenköpfe in- und auswendig; denn schließlich sind sie hier fast täglich unterwegs. Das Wäldchen ist nicht groß und von mehreren Wegen durchzogen. Es dient den Menschen in der Stadt als Erholungs- und Freizeitgebiet. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier Fritz finden, ist gering. Der rote Kater hält sich lieber in der Nähe seines Hauses auf. Trotzdem lassen die fünf Freunde nicht locker. Es könnte doch sein, dass Fritz auf der Suche nach einem Mäuschen oder einem verletzten Vogel sein gewohntes Revier verlassen hat.
Systematisch kämmen die Kinder im Wald durch. Das dauert Stunden, aber das Ergebnis ist ernüchternd. Von Fritz keine Spur. Auch Xeni läuft im Zickzackkurs zwischen den Bäumen. Manchmal nimmt sie kurz Witterung auf, senkt aber dann den Kopf und trottet hinter der Lockenkopfbande her. Hier war der Kater nicht, signalisierte sie damit ihren Freunden.
Der Fluss, der nah an der Wohnsiedlung verläuft, ist die letzte Hoffnung für den Suchtrupp. Mutlosigkeit macht sich langsam breit.
„Fritz ist doch nicht so dumm, dass er zum Fluss läuft. Er hasst doch Wasser“, glaubt Marie. Die anderen nicken. Das kann man sich kaum vorstellen.
Und doch, manchmal passieren Dinge zwischen Himmel und Erde, die kaum vorstellbar sind. Wie jetzt: Der kleine Räuber strafft seinen Körper und knurrt: „Der blöde Kater ist in der Nähe. Ich kann ihn deutlich riechen.“
Nur Carli kann verstehen, was sein Hund ihm da mitteilen möchte. Der Anführer der Lockenkopfbande ist elektrisiert.
Kommen sich näher: Xeni, der kleine schwarze Jagdhund, hat mit seiner feinen Nase geholfen, den verschwundenen Kater Fritz aufzuspüren.
Endlich haben sie eine Spur. Die Müdigkeit und Abgeschlagenheit sind wie weggeblasen.
„Xeni, zeig uns den Weg!“ Der kleine schwarze Jagdhund kennt das Ziel - doch das ist noch ziemlich weit entfernt. Denn er kann mit seiner superfeinen Nase auch in mehreren hundert Metern Entfernung einen Menschen oder einen Artgenossen identifizieren. Das gilt natürlich auch für die verhassten Katzen. Mit Xeni an der Spitze trabt die Gruppe den Weg am Fluss entlang, bis der Hund plötzlich einen Haken schlägt und über eine Wiese zu einem Nebenarm des Flusses spurtet. Der Boden wird immer morastiger. Die Kinder holen sich nasse Füße. Aber niemand achtet darauf.
Endlich stehen sie am Ufer. Aus dem friedlichen Flüsschen ist nach dem starken Regen der letzten Wochen ein reißender Strom geworden, der alles mitnimmt, was sich ihm in den Weg stellt. Ein weiteres Unwetter ist im Anmarsch. Gewitterwolken haben den Himmel verdunkelt. Es blitzt und donnert ohne Pause. Strömender Regen setzt ein. Dichter Nebel steigt vom Wasser hoch. Die Sicht ist schlecht.
Und trotzdem: In der Mitte des Flusses ist eine Bewegung auszumachen. Keine Frage, es ist der rote Kater Fritz. Er krallt sich verzweifelt an einem Baumstamm fest. Die Pappel hat wohl dem Sturm der letzten Tage nicht standhalten können und ist mitgerissen worden. In der Mitte des Flusses ist der Baum dann in einem Geflecht aus Ästen und Wurzeln steckengeblieben.
Fritz miaut herzergreifend. Der Kater sieht müde und ausgehungert aus. Sein Fell ist klatschnass. Wie und warum Fritz in diese missliche Lage geraten ist, wird sein Geheimnis bleiben.
Eines ist klar, niemand kann es bei diesem Hochwasser wagen, zu dem Treibholz zu schwimmen und mit dem Kater im Arm zum Ufer zurückzukehren. Das wäre ein Selbstmordkommando. Es gibt nur eine Möglichkeit. Carli versammelt seine Truppe um sich und erklärt seinen Plan, in dem Xeni eine Schlüsselrolle spielt.
Wenn es nicht anders geht, muss die Magie her. Die Kinder fassen sich an den Händen, Carli hält die Luft an und sagt den Zauberspruch auf: „Zeit bleib stehen!“ Sofort verwandelt sich der brodelnde Fluss in eine braune Fläche, die still vor der Lockenkopfbande liegt.
Wie lange kann der Anführer die Luft anhalten? Eine Minute, höchstens zwei. Die Zeit ist knapp. Xeni schnappt sich die lange Schleppleine und rennt zu dem Stamm im Wasser, auf dem die arme Katze auf ihre Rettung wartet.
Der Hund schafft das. Er legt die Schlaufe um einen massiven Ast. Für den Rückweg zum Ufer bleibt aber keine Zeit mehr. Carli ist schon ganz rot im Gesicht, er muss wieder Luft holen. Im Nu verwandelt sich die erstarrte Fläche zu einem reißenden Strom. Immerhin ist die Schleppleine lang genug. Sie misst 15 Meter.
„Jetzt ziehen!“, gibt Carli das Kommando aus. Die Kinder legen sich ins Zeug. Ihre Füße rutschen auf dem nassen Untergrund aus, aber sie lassen nicht locker.
Endlich: Mit einem Ruck löst sich der Stamm aus der Umklammerung und setzt sich mit der Strömung in Bewegung. Gemeinsam stemmen sich die Lockenköpfe gegen das tonnenschwere Gewicht. Dann endlich gleitet das Treibgut zum Ufer. Xeni und Fritz, die Pfote an Pfote auf dem glitschigen Stamm um das Gleichgewicht kämpfen, springen gleichzeitig mit einem Riesensatz zum rettenden Ufer. Der tote Baum wird von der Strömung erfasst und verschwindet hinter der nächsten Flussbiegung. „Hurra“, schreien die Kinder vor Erleichterung. Mission erfüllt.
Hund und Katze sitzen nass und frierend am Ufer, sie sind aber unverletzt. Sie gucken sich an. Von Feindschaft keine Spur mehr. Gemeinsam bestandene Gefahren schweißen zusammen.
„Wollen wir Freunde sein?“, schlägt Xeni vor.
„Okay. Aber du darfst nicht so laut bellen. Das tut mir in den Ohren weh.“
„Versprochen. Aber nur, wenn du mich nicht so laut anfauchst. Das macht mir ein bisschen Angst.“ Der Kater nickt. Die beiden Haustiere klatschen sich mit den Pfoten ab.
Am liebsten würde Anna ihren Kater gar nicht mehr loslassen. Sie hält ihn in ihren Armen und drückt ganz feste zu. „Aua“, miaut Fritz, „du tust mir weh.“ Aber auch er ist froh, wieder zu Hause zu sein.
Natürlich sprechen sich die Heldentaten der Lockenkopfbande schnell in der Stadt herum. Carla Klanke, die für die kleine Stadt zuständige Lokalredakteurin, schreibt wiederum einen großen Bericht über Carli und seine Freunde. Sie ist eine pfiffige und erfahrene Reporterin und kennt den journalistischen Grundsatz „Kinder und Tiere gehen immer“. Will heißen: Berichte, in denen Kinder oder Tiere die Hauptrolle spielen, verkaufen sich gut, sie gehören bei den Lesern zu der beliebtesten Frühstückslektüre.
„Kater Fritz vor dem sicheren Tod bewahrt“, lautet die Überschrift. Die Autorin preist in ihrem Bericht den Mut und die Entschlossenheit der Kinder an. Und sie erwähnt besonders die unglaubliche Leistung von Xeni, dem kleinen Jagdhund. „Hunde können zwar von Natur aus schwimmen. Wie es aber Xeni geschafft hat, so eine weite Strecke in den reißenden Fluten zurückzulegen, bleibt auch für Fachleute ein Rätsel“, schreibt Carla Klanke unter anderem und beruft sich dabei auf einen bekannten Hundeexperten.
Wenn sie wüsste! Xeni ist ausgesprochen wasserscheu und meidet den Kontakt mit dem nassen Element, wo sie nur kann. Ihr Lieblingsspruch lautet: „Wasser ist zum Trinken da, für nichts anderes.“
Wie der kleine Räuber in Wirklichkeit zum unerschrockenen Wasserretter wurde, darf niemand erfahren. Die Fähigkeit der Lockenkopfbande, mit einem Zauberspruch den Lauf der Welt für einen Augenblick aufzuhalten, soll für alle Zeiten ein Geheimnis bleiben.
Eine Horrornachricht macht in der Stadt die Runde: Auf der Weide von Bauer Ernst sind zwei Ponys grausam umgebracht worden. Aufgeschlitzt und abgestochen. Die grausame Tat passierte in der Nacht. Am nächsten Morgen fand der Bauer seine Ponys Tim und Tina schrecklich zugerichtet in einer riesigen Blutlache vor.
„Ich habe am Abend noch nach dem Rechten geschaut. Der Schlitzer muss mitten in der Nacht gekommen sein. Nicht einmal der Hund hat angeschlagen“, erzählt der Bauer mit tränenerstickter Stimme. Die Menschen sind alarmiert. Die ländliche Idylle bekommt Risse. Lebt der Täter mitten unter uns? Und wird er wieder zuschlagen? Bohrende Fragen beschäftigen die Menschen in Steinburg.
Schnell hat der Täter den Beinamen „Ponyripper“. Der geht auf den Londoner Serienmörder „Jack the Ripper“ zurück, der 1888 mehrere Frauen getötet und grausam verstümmelt hat.
In jeder Familie wird darüber diskutiert. Auch Carlis Eltern können es nicht fassen, dass jemand harmlosen Tieren so etwas antun kann.
„Wie kann man nur so grausam sein?“, fragt Mama Lena und schüttelt ungläubig den Kopf. Auch für Papa Tobi ist das Abschlachten der beiden Ponys ein Rätsel. „Wer so etwas tut, der kann nicht ganz richtig im Kopf sein“, lautet sein Urteil. Damit ist das Thema für die Eltern zunächst erledigt.
Angsteinflößend: Der mysteriöse Ponyripper treibt auf den Weiden und Koppeln rum Steinburg sein Unwesen.
Für Carli, der aufmerksam dem Gespräch von Papa und Mama lauscht, noch lange nicht. Tim und Tina waren schließlich die Lieblinge vieler Kinder in der Stadt. Zusammen mit anderen Ponys und Kleinpferden drehten sie im Sommer fast jedes Wochenende ihre Runden im Stadtwald. Gegen einen kleinen Obolus durften sich die Kinder auf den Rücken der Pferdchen setzen und unter Aufsicht ihrer Eltern die schöne Natur bei einem langsamen Spaziergang genießen.
Auch die Lockenköpfe waren, als sie noch jünger waren, Stammgäste beim Ponyreiten. Für Ella war die Zeit mit Tim, Tina und den anderen Ponys ein Schlüsselerlebnis. Auf ihren Rücken wurde ihre Liebe zu Pferden geweckt. Sie ist es bis heute geblieben. Die Zehnjährige ist Mitglied in einem Reitverein und hat schon einige kleinere Turniere gewonnen. Der Tod von Tim und Tina hat sie erschüttert. Sie kann an kaum was anderes denken.
„Wie bringt es ein Mensch fertig, ein unschuldiges Tier so brutal umzubringen?“, fragt sie immer wieder. „So einer müsste für immer ins Gefängnis gesteckt werden.“
Die Zeit heilt alle Wunden, wie man so schön sagt. Die Wochen vergehen, und die Ponyripper-Geschichte gerät langsam in Vergessenheit. Die Befürchtungen haben sich nicht bestätigt, der Schlitzer hat nicht erneut zugeschlagen. Offensichtlich handelte es sich um eine Einzeltat.
Bald sorgen andere Ereignisse für Schlagzeilen und Gesprächsstoff. So auch der Brand in einem Mehrfamilienhaus, bei dem zwei kleine Hunde zu Lebensrettern wurden. Durch lautes Gebell alarmierten sie die Nachbarschaft, als sich ihr taubes Frauchen nach einer Nachtschicht aufs Ohr legte und den Brandgeruch nicht bemerkt hat.
Aber: Es war die Ruhe vor dem Sturm. Es passiert wieder. Vier Wochen später. Carli sitzt mit Mama und Papa am Samstag am Frühstückstisch und löffelt sein Müsli mit Blaubeeren. Im Hintergrund läufts das Lokalradio.
„In der vergangenen Nacht wurden auf einer Koppel in Steinburg zwei Ponys von Unbekannten getötet. Dabei waren die Täter äußerst brutal vorgegangen. Sie schlitzten die Bäuche der Kleinpferde auf und ließen die Tiere auf der Weide verbluten. Die Polizei hat eine Sonderkommission mit dem Namen ,Pony‘: gebildet. Es wird vermutet, dass die Tat im Zusammenhang steht mit einem ähnlichen Fall, der sich vor vier Wochen auf einer Pferdewiese in der Nähe von Steinburg zugetragen hat“, erzählt der Moderator, bevor er den Wetterbericht fürs Wochenende vorliest. Es bleibt sonnig und warm.
„Das gibt's doch nicht“, sagt Papa Tobi, „dem Wahnsinnigen muss schnell das Handwerk gelegt werden, bevor noch Schlimmeres passiert.“ Tobi haut mit der Faust auf dem Tisch, bis die Tassen klirren. Tierquälerei ist ihm zuwider. So eine feige und sinnlose Tat! Auch Carli ist der Appetit vergangen. Er legt den Löffel beiseite, die Schale ist noch halbvoll.
Der Satz von Papa will dem Jungen nicht aus dem Sinn gehen.
