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Die moderne Internats-Serie von Bestseller-Autorin Dagmar Hoßfeld: Jeder Band beschreibt ein Schuljahr. BAND 1: Carlotta ist gar kein Prinzessinnen-Typ. Wie soll sie es da nur im Internat auf Schloss Prinzensee aushalten? "Nur auf Probe! Und höchstens für ein Jahr!", sagt Carlotta sich. Dann wird ihr Vater seine Weltreise gemacht und seinen Dokumentarfilm gedreht haben und Carlotta kann wieder zu ihm. Aber bis es so weit ist, wird ihr Leben erst einmal ordentlich auf den Kopf gestellt. Im Internat ist man nämlich nie alleine - und muss sein Zimmer mit äußerst merkwürdigen Mädchen teilen. Der erste Band der erfolgreichen Serie über die liebenswert chaotische Carlotta: realitätsnah und humorvoll erzählt von Bestseller-Autorin Dagmar Hoßfeld – für Mädchen ab 10 Jahren.
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Veröffentlichungsjahr: 2010
CARLSEN Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. Copyright © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2010 Umschlagillustration: Edda Skibbe Typografie Umschlag und Kapitelüberschriften: Gerhard Schröder Lektorat: Susanne Schürmann Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92150-2 Alle Bücher im Internet unterwww.carlsen.de
„Mäuschen!“
Carlottas Augenbrauen berühren sich fast, so sehr zieht sie sie zusammen. Warum muss Mama sie eigentlich immer Mäuschen nennen, wenn sie etwas von ihr will? Als wäre sie noch ein Baby.
Seit drei Wochen und vier Tagen ist Carlotta zehn. Und mit zehn ist man kein Baby mehr.
Schlimmer als Mäuschen ist nur noch die Steigerung, denkt Carlotta grimmig.
„Achtung, gleich kommt’s!“, murmelt sie.
Sie fängt an zu zählen und kommt genau bis zweieinhalb, als Mama schon „Carlotta-Mäuschen!“ durch den Flur ruft.
Carlotta drückt ihr Gesicht in ihr Lieblingskuschelkissen und stöhnt. Das Kissen ist knallgrün und mit vielen kleinen Marienkäfern bestickt. Es sieht aus wie ein Stück von einer Sommerwiese. Ein bisschen duftet es auch so. Wie ein Kaninchen kräuselt Carlotta die Nase und lupft einen Kissenzipfel.
„Was ist denn?“, ruft sie zurück.
„Hallo, Mäuschen.“ Ihre Mutter kommt ins Zimmer und setzt sich zu ihr auf die Bettkante. Carlotta kann spüren, wie die Matratze nachgibt. „Draußen scheint die Sonne, und du liegst den ganzen Tag hier herum und faulenzt.“
Carlotta nimmt das Kissen vom Gesicht.
„Ich faulenze überhaupt nicht“, protestiert sie. „Ich lese.“
Jedenfalls hab ich gelesen, bis du mich gestört hast, will sie noch hinzufügen, aber sie schluckt es hinunter.
„Hast du vielleicht Lust, mit den Zwillingen in den Park zu gehen?“, fragt Mama. „Ihr Mittagsschlaf ist gleich zu Ende, und ich muss kurz in die Stadt, um mein Kostüm aus der Reinigung zu holen.“ Sie nimmt Carlotta das Buch aus der Hand, blättert darin und verzieht den Mund, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „So etwas liest du? Eine Vampirgeschichte?“
Carlotta wirft ihr Sommerwiesenkissen zur Seite, schnappt ihrer Mutter das Buch weg und lässt es blitzschnell unter der Bettdecke verschwinden. Sie liebt Vampirgeschichten. Fehlt noch, dass Mama das Buch beschlagnahmt!
„Warum denn nicht?“, fragt sie harmlos. „Es ist total spannend. Papa hat’s mir geschenkt.“
„Ach“, seufzt Mama und steht auf. „Das hätte ich mir ja denken können. Sei bitte in zehn Minuten unten. Ich ziehe die Zwillinge inzwischen an.“
Carlotta rollt mit den Augen und unterdrückt einen Fluch. Das Buch ist so spannend, dass sie unmöglich mittendrin aufhören kann. Ausgeschlossen! Aber Protest ist zwecklos, das weiß sie genau. Die Zwillinge gehen vor.
„Immer gehen die vor“, knurrt sie, als Mama die Treppe hinuntergeht und sie nicht mehr hören kann. „Echt gemein!“
Sie hatte sich so darauf gefreut, das Wochenende bei ihrer Mutter und deren neuer Familie zu verbringen. Seit ihre Eltern sich vor zwei Jahren getrennt haben, kommt das selten genug vor. Aber seit ihrer Ankunft ist sie nur Babysitter. Die Zwillinge hier, die Zwillinge da …
Carlotta schnaubt. „Was ich will, interessiert anscheinend niemanden!“
Wenig später stapft sie die ruhige Wohnstraße hinunter und schiebt den Zwillingsbuggy vor sich her. Der ist so breit und sperrig, dass sie Mühe hat, damit um die parkenden Autos herumzukurven. Als sie durch ein Schlagloch fährt, werden Lennart und Lorenz unsanft durchgeschüttelt und fangen sofort an zu greinen.
Tapfer versucht Carlotta, das anschwellende Wutgeheul zu ignorieren, aber das ist fast unmöglich, denn immerhin sind die Zwillinge zu zweit, und sie haben ausgeschlafen. Wenn sie wollen, können sie stundenlang ohne Pause brüllen, das weiß Carlotta aus leidvoller Erfahrung. Sie beugt sich vor und streichelt den beiden über die Köpfe.
„War doch nicht so schlimm, oder? Guckt mal, dahinten ist schon der Park!“, sagt sie versöhnlich.
Lennart und Lorenz hören auf zu weinen, aber anscheinend nur, um nach Luft zu schnappen. Anschließend geht es in voller Lautstärke weiter – auch als Carlotta sie durch das breite Tor in den Park schiebt, am Spielplatz vorbei, am Ententeich entlang, bis zu einer freien Bank, die im Schatten steht. Dort angekommen wirft sie den Kleinen einen finsteren Blick zu, woraufhin die beiden noch ein bisschen lauter brüllen.
Und das alles ohne eine einzige Träne, wundert sie sich und lässt sich auf die Bank fallen. Wie machen die das nur?
Während sie den Buggy mit einer Hand in leichte Schwingungen versetzt, schüttelt sie ihren Rucksack von der Schulter und angelt mit der anderen Hand ihr Buch heraus. Sie hatte es sich so schön vorgestellt, im Park zu sitzen und zu lesen, aber schon nach wenigen Minuten stellt sie fest, dass sie sich überhaupt nicht konzentrieren kann. Jedenfalls nicht, solange sie mit einer Hand die Buchseiten umblättern und mit der anderen gleichzeitig den Buggy schaukeln muss. Lennart und Lorenz machen ein Theater, als hätte sie jemand verhauen. Unmöglich!
Carlotta schaut auf, als zwei alte Damen vorbeigehen. Sie haben sich für ihren Parkbesuch extra fein angezogen, tragen duftige Seidenblusen und dezent gemusterte Faltenröcke.
Eigentlich sehen sie ganz niedlich aus, findet Carlotta, aber dann bleiben die beiden genau vor ihr stehen, mustern zuerst die Zwillinge, dann Carlotta und schütteln missbilligend die Köpfe.
Carlotta runzelt die Stirn und versucht ein möglichst gelangweiltes Gesicht zu machen. Dazu steckt sie ihre Nase ganz tief in das Buch und schuckelt den Buggy so lässig, als würde sie das Gebrüll der Zwillinge kein bisschen stören.
Langsam gehen die alten Damen weiter und tuscheln leise miteinander.
„Olle Schachteln“, brummt Carlotta. Sie pustet sich eine Haarsträhne aus der Stirn und zischt ihren Brüdern zu: „Wenn ihr nicht endlich still seid, versteigere ich euch bei Ebay. Die Leute gucken schon. Ist ja peinlich!“
Lennart und Lorenz starren sie an und halten kurz inne. Eine knappe Millisekunde später probieren sie eine noch höhere Tonlage aus.
Genervt wirft Carlotta ihr Buch auf die Bank und hält sich die Ohren zu.
Es ist Sommer, die Sonne scheint, und während ihre Freundinnen das Wochenende zu Hause, im Freibad oder sonst wo verbringen und sich amüsieren, hockt sie zwischen enkellosen Omas in einem öden Park und spielt Kindermädchen für ihre Brüder. Dabei sind Lennart und Lorenz noch nicht mal ihre richtigen Brüder, sondern nur ihre Stiefbrüder. „Halbbrüder“, wie Mama betont.
Brüder, Stiefbrüder, Halbbrüder – die Worte purzeln in ihrem Kopf durcheinander und bilden ein dickes Knäuel. Ganz langsam rutscht das Knäuel tiefer, schiebt sich in ihren Hals und bleibt dort stecken. Als Carlotta schluckt, plumpst es in ihren Magen, wo es wie ein Stein liegen bleibt.
Seit Mama und Papa sich getrennt haben, hat Carlotta ziemlich oft so einen Stein im Magen. Überhaupt ist alles ganz schön kompliziert, findet sie, besonders seit Mama sich einen neuen Mann zugelegt und kurz darauf die Zwillinge bekommen hat.
Manchmal weiß Carlotta gar nicht mehr, wo sie eigentlich hingehört: zu Mama oder zu Papa. Klar, sie lebt bei Papa, und Mama hat eine neue Familie, aber trotzdem …
Sie seufzt. Vorher, als sie und Mama und Papa noch eine richtige Familie waren und zusammengelebt haben, war alles viel schöner. Und einfacher.
Sie schluckt noch einmal und nimmt die Hände von den Ohren. Die Zwillinge haben aufgehört zu brüllen.
„Möchtet ihr einen Keks? Oder was zu trinken?“
„Teks“, schnieft Lorenz.
„Baft.“ Lennart streckt ihr eine verschwitzte Pfote entgegen.
„Okay.“ Carlotta wühlt in ihrem Rucksack, um das Gewünschte ans Tageslicht zu befördern. Lorenz bekommt einen Butterkeks in die Hand, seinem Bruder reicht sie das Fläschchen. „Wenn ihr nicht gerade brüllt, seid ihr eigentlich ganz süß“, bemerkt sie lächelnd.
Lennart gluckst leise und lässt vier kleine Schneidezähne aufblitzen. Lorenz zerkrümelt konzentriert seinen Keks.
„Wollen wir noch eine Runde drehen und dann wieder nach Hause? Mama ist bestimmt schon aus der Stadt zurück.“ Carlotta verspürt keine Lust, ihrer Mutter erklären zu müssen, woher die Kleinen ihre verschwitzten Haare und die hektischen roten Flecken auf den Wangen haben. Günstiger wäre es, mit zwei gut gelaunten Babys zurückzukehren. Eine zusätzliche Entspannungsrunde durch den Park könnte also nicht schaden. Sie stopft ihr Buch in den Rucksack zurück, gibt Lorenz noch einen Keks zum Zerkrümeln und schiebt den Buggy an den alten Damen vorbei.
„Was für süße Babys“, flötet die eine. „Sind das deine kleinen Brüder?“
„Nicht direkt.“ Carlotta schenkt der Dame ein zuckersüßes Lächeln. „Aber man kann sie mieten, stundenweise. Sind auch gar nicht teuer. Wir stehen im Telefonbuch unter Prinz-Mohr. Schönen guten Tag noch.“
Die Frauen starren ihr mit offenen Mündern sprachlos hinterher. Bevor sie noch etwas sagen können, schiebt Carlotta den Buggy im Laufschritt um die nächste Ecke und prustet laut los.
Lennart und Lorenz gucken sie verdutzt an, dann quietschen sie fröhlich mit.
Ein paar Minuten später macht Carlottas Mutter ihnen die Haustür auf. „Na, hattet ihr es schön?“, fragt sie.
Caren Prinz-Mohr, wie sie seit der Hochzeit mit Steffen Mohr, dem Vater der Zwillinge, heißt, trägt ein schickes graues Kostüm, hochhackige Schuhe und dunkelroten Lippenstift.
Sie sieht richtig elegant aus, findet Carlotta. Kein Wunder, schließlich arbeitet sie als Personalchefin in einer großen Bank. Da kann man nicht in Jeans und T-Shirt herumlaufen. Und selbst wenn, würde Mama es ganz sicher nicht tun. Sie liebt es, sich modisch zu kleiden – genau wie Steffen, der als Vermögensberater in derselben Bank arbeitet.
„Hast du noch was vor?“ Carlotta schiebt den Buggy ins Haus, hievt die Zwillinge heraus und setzt sie in ihrem Spielzimmer auf den Boden. Aus dem Badezimmer nebenan dringen merkwürdige Laute. Es hört sich ziemlich schräg an. Ungefähr so, als würde ein Nilpferd unter einem rauschenden Wasserfall für ein Musical üben.
„Du weißt doch, dass Steffen und ich heute eingeladen sind.“ Ihre Mutter stöckelt durch den Flur, während sie versucht, einen perlenbesetzten Ohrhänger am linken Ohrläppchen zu befestigen.
Carlotta zieht eine Schnute. Verflixt, das hat sie ganz vergessen! Das bedeutet ja, dass sie schon wieder Babysitter spielen muss! Hoffentlich gibt’s im Fernsehen wenigstens einen anständigen Film.
„Eine Pizza für dich liegt im Tiefkühlfach. Deine Lieblingssorte“, sagt Mama. – „Steffen?“, ruft sie in Richtung Bad. „Bist du fertig?“
Die Badezimmertür geht auf. Ein Schwall dicker, warmer Wasserdampfwolken, vermischt mit dem Duft von teurem Rasierwasser, Duschgel und Deo hüllt den Flur augenblicklich in dichten Nebel. Inmitten der Duft- und Dampfwolke taucht das knallrote Gesicht des unmusikalischen Nilpferds auf.
„Hallo, Carlotta.“ Steffen Mohr nickt Carlotta zu und verschwindet im Schlafzimmer.
Der hellblaue Bademantel betont seinen kugelrunden Bauch ziemlich ungünstig, bemerkt Carlotta kichernd, und sie fragt sich zum ungefähr hundertmillionsten Mal, warum ihre Mama ihren Vater ausgerechnet gegen diesen kleinen rundlichen Typen eintauschen musste. „Wo die Liebe hinfällt“, hat Papa mal gesagt und traurig geguckt. „Da kann man nichts machen.“
„Wechselst du den Kleinen bitte gleich die Windeln? Um sieben kannst du ihnen dann den Abendbrei geben.“ Mama schwebt an Carlotta vorbei, um Steffen zu sagen, welches Hemd er anziehen soll und welche Socken dazu passen. Er selbst ist anscheinend nicht in der Lage, sich zu entscheiden, wie Carlotta mit einem Grinsen registriert, bevor sie ins Spielzimmer geht.
Lorenz ist auf seiner weichen Kuscheldecke schon fast eingeschlafen. Lennart liegt neben ihm und knabbert an einem Beißring.
„Ihr könnt ja nichts dafür“, raunt Carlotta ihnen zu, „dass euer Papa nicht so cool ist wie meiner.“
Sie nimmt zwei frische Windeln aus dem Schrank, zieht Lorenz die kleine Jeans aus, in der er steckt, und runzelt die Stirn. Bestimmt ist die Mini-Jeans von irgendeinem angesagten Babyklamotten-Designer. Für Mama und Steffen kann’s gar nicht edel genug sein.
Sie öffnet die Druckknöpfe an Lorenz’ Babybody und befreit ihn von seiner vollen Windel. Mit einem feuchten Tuch aus einem Spender säubert sie seine Haut, streut ein bisschen Puder auf seinen runden Po und schiebt die neue Windel darunter. Ein Klebestreifen links, einer rechts, Strampelhose drüber – fertig! Carlotta betrachtet zufrieden ihr Werk. Wenn sie in den letzten Tagen eins gelernt hat, dann das perfekte Wickeln. Als Babysitterin ist sie 1a!
Als beide Babys versorgt und in ihre Kuscheldecken eingemummelt sind, schnappt sie sich ihr Buch und setzt sich auf das kleine Sofa unter dem Fenster. Eigentlich ist es ziemlich gemütlich, stellt sie fest. Plötzlich freut sie sich darauf, den Abend allein mit ihren Brüdern zu verbringen.
Mama steckt ihren Kopf ins Zimmer und verabschiedet sich. Carlotta schaut kaum auf. „Tschüss, viel Spaß“, sagt sie nur und liest weiter.
„Es wird nicht spät“, verspricht Mama. „Du hast ja meine Handynummer, falls was ist.“ Sie wirft Carlotta eine Kusshand zu und zieht die Tür hinter sich zu.
„Endlich allein“, brummt Carlotta und taucht in ihr Buch ab. Wenig später sind Lorenz und Lennart eingeschlafen. Im Zimmer ist es herrlich ruhig und dämmrig. Genau die richtige Atmosphäre, um mit düsteren Vampiren auf der Suche nach Beute um die Häuser zu flattern.
Als sie wieder aufschaut, ist es kurz vor sieben. Leise, um die Babys nicht zu wecken, schleicht Carlotta aus dem Kinderzimmer. Sie schiebt in der Küche die Pizza in den Ofen und macht sich eine große Flasche Limo auf. Dann stellt sie den Milchtopf auf den Herd. Während sie aufpasst, dass die Milch nicht überkocht, wählt sie Papas Nummer.
„Carlotta!“, ruft er fröhlich. „Ich hab gerade an dich gedacht! Geht’s dir gut? Wann kommst du nach Hause?“
„Morgen Mittag um zwölf“, sagt Carlotta. „Holst du mich vom Bahnhof ab?“
„Worauf du dich verlassen kannst!“, antwortet ihr Vater. „Ich freu mich schon auf dich!“
„Und ich mich auf dich.“ Carlotta klemmt sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter und zieht den Milchtopf vom Herd. Aus dem Kinderzimmer kommt leises Greinen. Die Zwillinge sind aufgewacht. „Ich muss Schluss machen, Papa. Bis morgen.“
„Bis morgen, Carlotta.“
Carlotta beendet das Gespräch und lächelt. Sie freut sich auf morgen. Papa hat total fröhlich geklungen. Schnell gießt sie die Milch in zwei Schälchen und rührt Bananenbreipulver hinein.
„Na dann“, murmelt sie, während sie die Schälchen in Richtung Kinderzimmer balanciert. „Auf zur fröhlichen Raubtierfütterung!“
Davon, dass Mama und Steffen um kurz nach Mitternacht nach Hause kommen, bekommt Carlotta nichts mehr mit. Sie hat die Zwillinge nach dem Füttern in ihre Bettchen gelegt, ihnen etwas vorgelesen, die Spieluhr aufgezogen und anschließend die leckere Pizza verdrückt. Danach ist sie in ihren Schlafanzug geschlüpft und hat es sich auf dem Sofa in ihrem Zimmer gemütlich gemacht – mitsamt ihrer Bettdecke, dem Marienkäferkissen und der Limoflasche.
Im Fernsehen hat es nur blöde Volksmusiksendungen und alte Krimis gegeben; nichts, wofür Carlotta sich begeistern konnte. Lieber wollte sie in Ruhe ihr Buch zu Ende lesen. Ganz geschafft hat sie es allerdings nicht. Auf der vorletzten Seite sind ihr glatt die Augen zugefallen.
Mama nimmt ihr das Buch vorsichtig aus der Hand und legt es weg, bevor sie sich hinunterbeugt und Carlotta einen Kuss auf die Stirn gibt.
„Gute Nacht, Mäuschen“, flüstert sie. „Schlaf schön.“
„Nacht“, murmelt Carlotta. „Du auch.“ Im Schlaf dreht sie sich auf die andere Seite und träumt weiter davon, eine berühmte Vampirjägerin zu sein.
Am nächsten Tag steht Papa pünktlich am Bahnsteig. Er breitet die Arme aus, als Carlotta aus dem Zug steigt. „Wie war dein Wochenende?“, fragt er, hebt sie hoch und dreht sich mit ihr einmal um die eigene Achse.
„Ganz okay“, schnauft Carlotta, als er sie wieder absetzt.
„Besser nicht?“ Papa mustert sie aufmerksam.
„Nö.“ Carlotta schüttelt den Kopf.
Papa nimmt ihr den Rucksack ab.
„Wir müssen uns ein bisschen beeilen“, drängelt er. „Das Auto steht im Halteverbot, und wir müssen auch noch irgendwo einkaufen. Zum Glück haben die Tankstellen auch sonntags auf. Unser Kühlschrank ist ziemlich leer.“
„Das ist er doch immer“, grinst Carlotta.
Papa hebt eine Augenbraue, dann lacht er. „Stimmt.“
Im Laufschritt traben sie aus dem Bahnhof und biegen um ein paar Ecken.
Als sie am Auto ankommen, steht eine Politesse davor und tippt etwas in ein kleines schwarzes Gerät. Papa drückt Carlotta schnell den Rucksack in die Arme und zaubert ein unwiderstehliches Lächeln auf sein Gesicht.
„Gerade noch rechtzeitig, was?“ Er strahlt die Politesse an und klimpert mit den Autoschlüsseln. Die Politesse schüttelt den Kopf.
„Das würde ich nicht gerade sagen“, erwidert sie, ohne den Blick zu heben. „Sie stehen im absoluten Halteverbot.“ Energisch drückt sie auf eine Taste, worauf ihr Minicomputer einen Strafzettel ausspuckt. „Bitte sehr, einen schönen Tag noch.“ Sie überreicht Papa den Zettel, bevor sie sich dem nächsten Parksünder zuwendet.
Den Zettel in der Hand haltend, starrt Papa ihr sprachlos hinterher.
Carlotta zupft an seinem Ärmel. „Komm schon“, raunt sie ihm zu. „Lass uns verschwinden, sonst kriegst du gleich noch einen.“
„So was Blödes“, schimpft Papa beim Einsteigen. „Nur wegen zehn Minuten!“ Er knüllt den Zettel zusammen und wirft ihn achtlos ins Handschuhfach, wo, wie Carlotta weiß, schon ein paar andere Strafzettel liegen. „Weißt du was? Wir pfeifen aufs Einkaufen! Lass uns lieber eine Pizza essen gehen.“
„Au ja!“ Carlotta ist sofort einverstanden. Pizza kann sie jeden Tag essen. Es ist ihr absolutes Lieblingsessen, am liebsten vegetarisch, mit Knoblauch, Spinat und viel Mozzarella.
Zum Glück ist es nicht weit bis zur nächsten Pizzeria, und ihr Vater findet sofort einen Parkplatz, direkt vor der Tür, ganz legal.
„Schön, dass du wieder da bist“, sagt er, als sie nebeneinander den gemütlichen Raum betreten und sich nach einem freien Tisch umsehen. „Ich hab was Wichtiges mit dir zu besprechen.“
„Was denn?“, fragt Carlotta neugierig. Sie rutscht auf eine Bank am Fenster. Papa setzt sich ihr gegenüber auf einen Stuhl.
„Such dir erst mal was Leckeres aus“, schlägt er vor und reicht ihr die Speisekarte. „Was möchtest du trinken?“
Carlotta bestellt sich eine Limo, ihr Vater eine Apfelschorle. Während sie auf das Essen warten, dreht er den kleinen Salzstreuer, der auf dem Tisch steht, hin und her und macht ein nachdenkliches Gesicht.
Carlotta kichert. „Bist du nervös?“, fragt sie.
„Ich? Nein, wieso?“ Papa zuckt zusammen. Er lässt den Salzstreuer los und legt beide Hände flach auf den Tisch.
„Du benimmst dich ziemlich komisch“, stellt Carlotta fest.
„Ertappt“, gibt Papa zu. „Aber ich bin nicht nervös, sondern höchstens aufgeregt.“
„Wieso?“ Carlotta runzelt die Stirn.
„Weil ich gestern den tollsten Auftrag meines Lebens bekommen habe!“ Papas Grinsen wird so breit, dass seine Mundwinkel fast die Ohrläppchen berühren. Als der Kellner ihm die Apfelschorle hinstellt, hebt er das Glas, zwinkert Carlotta zu und trinkt einen großen Schluck.
„Was? Worum geht’s? Los, sag schon!“, drängelt Carlotta aufgeregt.
Ihr Vater arbeitet als Dokumentarfilmer fürs Fernsehen. Meistens dreht er Reportagen zu politischen Themen, die Carlotta nicht besonders interessieren, aber manchmal sind auch richtig spannende Sachen dabei. Tierfilme zum Beispiel, oder Reiseberichte, für die er ins Ausland muss. Früher haben Mama und Carlotta ihn manchmal begleitet, aber seit er allein erziehender Vater ist, hat er nur noch kleinere Filmprojekte übernommen, für die er nicht so lange unterwegs sein muss. Einen großen Teil seiner Arbeit kann er zu Hause erledigen, in seinem eigenen kleinen Studio unter dem Dach oder in einem Fernsehstudio in der Nähe.
Wenn ihn das neue Projekt so nervös macht, denkt Carlotta, dann muss es wirklich was Besonderes sein.
„Du weißt doch, dass ich schon lange an einem Konzept für einen Film über den Klimawandel arbeite“, sagt Papa langsam.
Carlotta nickt gespannt. Klar weiß sie das. Seit Klimawandel, Erderwärmung und die ganzen Umweltprobleme ein Thema sind, ist es Papas größter Traum, eines Tages einen Film darüber zu machen. Er will die Menschen aufrütteln, sagt er, bevor es zu spät ist, und ihnen zeigen, dass es mit der Umweltverschmutzung und der Ausbeutung der Natur und der Tierwelt nicht so weitergehen kann. Seit Jahren sammelt er Material zusammen und bereitet sich darauf vor. Nur hat sich bis jetzt leider kein Fernsehsender dafür interessiert.
Bis jetzt, denkt Carlotta.
„Ich hab endlich einen Privatsender gefunden, dem mein Konzept gefällt und der den Film finanzieren will.“ Papas Augen strahlen vor Begeisterung. „Ist das nicht klasse? Ich könnte verrückt werden vor Freude! Endlich geht es los!“
Carlotta springt auf. Papa bringt schnell sein Glas in Sicherheit, bevor sie ihm um den Hals fällt.
„Das ist ja toll!“, jubelt sie. „Superspitzenklassephänomenal! Ich freu mich!“
„Ich mich auch, und wie!“, lacht Papa. „Gleich nach den Sommerferien geht’s los. In den nächsten Wochen muss ich noch unheimlich viel erledigen, die Ausrüstung und das Team zusammenstellen, Kameraleute engagieren, und jemanden für den Ton. Die Reise muss organisiert, die Flüge müssen gebucht werden. Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll. Am liebsten würde ich sofort loslegen.“
Carlotta setzt sich wieder hin. Der Kellner bringt ihre Pizza und für Papa einen großen Teller Tortellini.
„Oh, Mann …, ich bin viel zu aufgeregt“, jammert Carlotta. „Ich glaub, ich krieg keinen Bissen runter.“
Papa lacht. „Geht mir genauso!“
Aber dann widmen sie sich doch ihrem Essen, und während Carlotta ihre Pizza in handliche Achtel zersäbelt und genüsslich Stück für Stück vertilgt, erzählt Papa ihr von seinen Plänen.
