Caromera - H. G Götz - E-Book

Caromera E-Book

H. G Götz

0,0

Beschreibung

Der Kleinstaat "Caromera" befindet sich am wirtschaftlichen und sozialen Abgrund. Die einst ertragreiche Bernstein-Mine wird von internen Kräften als nicht mehr gewinnträchtig dargestellt, um den Rat zu diskreditieren und damit an die Macht zu kommen. Die Landwirtschaft produziert nicht mehr ausreichend, um das eigene Volk zu ernähren oder dessen Produkte am internationalen Markt zu veräußern. Die Bevölkerung leidet unter Hunger, Missernten. Die Regierung wird von einem Rat gebildet, der sich einem christlich-sozialen Weltbild verschrieben hat. Bis auf ein Mitglied, welches den Wertvorstellungen der restlichen Ratsmitglieder nichts abgewinnen kann. Dieser sieht die einzige Lösung darin, jene Mitglieder der Bevölkerung zu dezimieren, um das Land wieder zu dem zu machen, dass es einmal war. Hierzu bedient sich dieses Mitglied aller Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, um dies möglich zu machen. Nachdem der Rat abgesetzt wurde, wird das Land von Söldnertruppen kontrolliert. Um seine Vorstellungen von seinem Ideal zu verwirklichen – wird die Bevölkerung dazu gezwungen ein Serum einzunehmen - von dem er das Volk glauben macht, dass es dadurch vor Krankheiten geschützt ist. Zwei Ratsmitglieder stellen sich dem Plan in den Weg. Ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen die mörderisch-ehrgeizigen Absichten eines Wahnsinnigen beginnt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


H. G Götz

Caromera

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Rat

Spätes Treffen

Die Unterredung

Alles dahin

Auf der Flucht

Neues aus der Stadt

Stadt der Toten

Einsicht, Wut und Trauer

Der Plan

Flucht aus Prudencia

Hauptmans Vision

Aus allen Nähten

Rogners Zwiespalt

Überlaufen

San Sedrillo

Boca Blanca

Rückkehr nach Caromera

Die Boten

Hauptman

Impressum neobooks

Der Rat

Der Raum, in dem sie saßen, hatte schon bessere Tage gesehen. An den Wänden und der Decke blätterte die Farbe ab. Das Muster des Teppichs war an manchen Stellen nicht mehr zu erkennen. Dort wo die Holzdielen sichtbar waren, erkannte man mit einem Blick, dass auch die beste Politur nichts, an deren maroden Aussehen mehr hätte ändern können. So wie der Zustand des Raumes, in dem die kleine Gruppe von Männern saß, so war der Zustand des ganzen Gebäudes. Dieses einst stolze Gebäude, dass sich einst so prächtig inmitten des Zentrums dieses kleinen, aber feinen Landes ausgemacht hatte, glich, je mehr Zeit verging, einer

Ruine, die einer längst vergangenen Ära nachtrauerte. Einer Ära in der niemand zu hungern brauchte. Niemand der ohne ein Zuhause gewesen war.

Prudencia, die Umsichtige hatte man einst die heutige Hauptstadt des kleinen südamerikanischen Landes getauft, dass die Gründerväter mit dem eigenartigen Namen Caromera bedacht hatten, von dem niemand mehr wusste, wie er zustande gekommen war. Getauft von jenen Siedlern, die nach und nach eine Stadt aus dem Boden gestampft hatten, mit nichts anderem als ihren Händen, den Ressourcen, die das umliegende Land bot und den wenigen Werkzeugen die sie von der langen Fahrt, mitgebracht hatten. Und als umsichtig hatten sich die ersten Stadtväter und Siedler erwiesen. Geprägt von christlichen, wenn auch protestantischen Grundsätzen – etwas das ihnen die Kirche in Rom seit Ewigkeiten vorhielt-, präsentierte sich das einstige Dorf, das

sich schnell einen Namen zu machen wusste, bald in friedlich prächtigem, wenn auch bescheidenem Glanz. Tugenden wie Sparsamkeit, Ehrlichkeit und die Besorgnis um das Wohlergehen aller Bürger hatten sich die Bürger auf die Fahne geschrieben.

Aus allen Windrichtungen kamen sie. Jene, die in anderen Teilen dieser Welt nicht das gefunden hatten, was sie sich erhofft hatten. Frieden und bescheidenen Wohlstand behütet von einer Regierung, die darauf achtete, dass niemand zu kurz kam.

Frieden und den erhofften bescheidenen Wohlstand bekamen sie. In den unweit gelegenen Bergwerken war man auf Bernstein gestoßen, wofür sich weltweit Abnehmer fanden, sodass Arbeit im Übermaß vorhanden war. Die Landwirtschaft hatte sich dank des fruchtbaren Bodens zum zweiten wirtschaftlichen Standbein des Landes entwickelt. Bald wurden die Produkte des Landes zur begehrten Handelsware ob ihrer besonderen Qualität. Weder Hunger noch sonstige Not hatte die bescheidene

Nation jemals heimgesucht. Plagen, Krankheiten und Kriegswirren, waren zu Fremdwörtern verkommen. Wer hätte schon Interesse daran gehabt, mit einem Land Krieg zu führen, dass man an einem einzigen Tag durchqueren konnte?

So kam es, dass das einstige kleine Land bald aus allen Nähten platzte. Schnell, zu schnell hatte sich herumgesprochen das in diesem Land niemand Hunger zu leiden oder obdachlos zu sein hatte. Überall in dem kleinen Staat wurden Siedlungen gegründet, die sich regen Zulaufs erfreuten.

Trotz all dem war es dem Land gelungen, sich eine

Abgeschiedenheit zu bewahren, ein für sich selbst sein, dass stolz auf seine Errungenschaften war.

Doch waren die Vorzüge des Landes auch jenen zu Ohren gekommen, denen es in der Hauptsache darum ging, ihren eigenen Vorteil in allem zu sehen. Jene, denen weder der Sinn nach den Mühen stand, welche auch den braven Leuten von Prudencia nicht erspart geblieben war, um zu ihrem bescheidenen Wohlstand zu kommen, noch daran andere an ihren Errungenschaften teilhaben zu lassen. So kam es, dass nicht nur die Hauptstadt Prudencia bald zu einem begehrten Ankunftsziel von Einwanderern von überall her geworden war. Überall im Land siedelten sich Menschen aller Nationen an. Waren es anfangs Farmer und Handwerker allen Couleurs, die sich bald als die Säulen des kleinen Staates erwiesen, zog es nach und nach auch jene an, deren Bildung dazu beitrug das Land kulturell zu bereichern und es politisch, so auch international wenig beachtet, auf stabile soziale und wirtschaftliche Beine zu stellen.

Technische Errungenschaften wie das Internet wurden nur soweit verwendet und geduldet wie es dem Land und den Bürgern zugutekam und guttat. Neuankömmlinge wähnten sich in eine andere Zeit versetzt und waren alsbald verwundert, wie glücklich, friedlich und gesund sich das Land trotz alledem präsentierte. Doch zeigte sich bald, dass es nicht alle gut mit ihnen meinten. Allen voran Unternehmen, die in der Hauptsache daran interessiert waren, sich die Ressourcen des Landes unter den Nagel zu reißen. So war es diesen schnell gelungen, unter dem Vorschicken von gerissenen Brokern, die in Scharen in das Land eingefallen waren, sich die einfach geformte Mentalität der biederen Nation zunutze zu machen. Wider den Warnungen jener, die die Gefahr hatten kommen sehen, als Beute von Raubtieren zu enden, schien es den Landesvätern unmöglich sich dem vehementen Eindringen derjenigen, die das Land ausbeuteten, etwas entgegensetzen zu können. Bald zeigten sich Risse, in der einst so harmonisch orientierten Verwaltung des Landes. Risse die tiefer wurden, als sich die wirtschaftliche Lage des Landes zu verschlechtern begann. Risse, die von jenen genutzt wurden, die an den verbliebenen Ressourcen mehr interessiert waren, denn an der Stabilität des Landes und damit am Wohlergehen desselben.

Zwei Lager hatten sich gebildet die in ihren Auffassungen, wie das Land zu führen sei, nicht unterschiedlicher hätte sein können. Hingen die einen jener Zeit nach, in denen christlich-humanistische Werte als das Höchste galten und von denen sie nicht gewillt waren, abzulassen, waren andere weniger christlich orientierte Gruppen, daran interessiert den marktwirtschaftlichen Gedanken oberste Gültigkeit zu verschaffen.

Über Jahrzehnte war es der ersten Gruppe gelungen, die Verwaltung des Landes in ihren Händen zu halten, indem sie die Bevölkerung davon überzeugten, dass jene Gedanken, jenes Handeln, das dem Land von Beginn an gedient hatte, als alleiniges Gut taugen würde.

Bis zu jener Zeit, als sich mehr und mehr Menschen des Landes mit der Tatsache konfrontiert sahen, dass christliches Gedankengut allein sie nicht satt machen würde. Dass die Dächer ihrer Häuser damit nicht gedeckt werden konnten.

Gehälter von Staatsbediensteten wurden eingefroren oder nur teilweise ausbezahlt. Das Gesundheitssystem des Landes war nur mehr für jene zugänglich, die es sich leisten konnten.

War das Land vorher noch stolz darauf, jedem ein Dach über den Kopf und Essen auf den Tisch stellen zu können, sah es sich alsbald gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen. Bis man am letzten Loch desselben angekommen war und sich nichts mehr enger hätte schnallen lassen.

Jüngere wanderten ab, gingen in Länder, in denen sie sich ein besseres Leben erhofften. Zurück blieben jene, die sich nicht vorstellen konnten nochmals von vorne, von neuem beginnen zu können, oder es nicht wollten. Dass wenig Verbliebene das noch produziert und abgebaut wurde, entsprach nach und nach nicht mehr dem Qualitätsstandard der Abnehmer.

Die Ackerböden, die über viele Jahre hinweg, reichste Ernte garantiert hatten, hatten aufgehört, fruchtbar zu sein. Zurück blieben Böden, die kaum das Nötigste hergaben, um das eigene Volk zu ernähren.

Innerhalb des obersten Rates des Landes begannen sich Kräfte, die den christlich-humanistischen Grundgedanken als gescheitert ansahen daran, eine ganz andere Lösung ins Auge zu fassen.

Der oberste Rat trat seit seiner Gründung, auch an diesem Dienstagnachmittag zusammen. Die Unruhe war in dem kleinen Versammlungssaal mit Händen zu greifen. Allen 14 Anwesenden stand im Gesicht geschrieben, dass sie sich auch von dieser Versammlung nicht viel erwarteten. 14 Anwesende, die das Amt von ihren

Vorvätern geerbt hatten. So schrieb es das Gesetz vor.

Nur, wenn eine der Familien keine Kinder bekommen

hatte, ging dessen jeweiliger Platz an einen Außenstehenden über.

„Ich getraue mich, schon nicht mehr auf die Straße zu gehen“, sagte der momentane Vorsitzende des Rates, der alle 3 Jahre neu bestimmt werden musste.

„Die Gebäude in der Stadt verfallen zusehends, an allen

Ecken und Enden lungern Menschen herum. Unsere Lagerhäuser werden mit jedem Tag leerer, wenn in diesen überhaupt noch etwas ist, dass verteilt werden kann. Es ist kaum noch genug vorhanden, um die Ärmsten mit Lebensmitteln zu versorgen!“ Der Vorsitzende schüttelte betroffen den Kopf.

„Beim Herkommen habe ich Menschen gesehen, die in der

Mülltonne nach Essen gesucht haben.“

Die 13 anderen die sich um den abgeschabten Tisch befanden, der schon Generationen zuvor als Versammlungstisch gedient hatte sahen betroffen auf denselben, kratzten sich verlegen am Kinn oder wo es sie sonst noch juckte. Seife war mittlerweile zu einem seltenen Gut geworden.

„Wir müssen zu Mitteln kommen, die es uns gestatten das Land wiederaufzurichten“, fügte der Vorsitzende, Kleiner hinzu.

„Wir haben alle Ressourcen ausgeschöpft“, entgegnete Vizepräsident Bogwin der ihm gegenüber, am anderen Ende des Tisches saß.

„Kein Land dieser Erde ist gewillt, uns noch einen

Kredit zu gewähren“, sagte er mit leiser, kaum hörbarer Stimme. Zu sehr lastete auch auf ihm der Zustand des Landes und seiner Bevölkerung.

„Das, was wir noch aus den Bergwerken holen verwenden wir zur Abzahlung der Schulden“, ließ der Verantwortliche für Finanzen, Lampert hören. „Die Produkte aus der Landwirtschaft benötigen wir für unsere eigenen Leute so dass uns kaum etwas bleibt, um es auf dem internationalen Markt verkaufen zu können.

Und das ist kaum der Rede wert.“ Wieder wurde es still im Raum.

Was hätten sie auch sagen sollen? Seit Monaten hatte sich die Lage zugespitzt. Weitere Hilfe von außen, so hatten sie schmerzlich erfahren müssen, würde keine mehr eintreffen. Zu viel schuldete das Land jenen, die darauf gehofft hatten, dass sich bald wieder Ressourcen zum Ausschlachten finden würden. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt hatte.

„Wir haben den Irrtum begangen, den fast alle Staaten auf diesem Planeten begangen haben. Wir haben zu viel ausgegeben. Haben alles und jeden unterstützt der an die Tür geklopft hat. Egal ob derjenige etwas dafür getan hat oder nicht. Nun sind wir am Ende“, sagte das Ratsmitglied Lampert.

„Und was hätten wir ihrer Meinung nach tun sollen,

Ratsmitglied Lampert“, fragte ihn Präsident Kleiner. „Hätten wir all jene ohne Obdach und Essen lassen sollen, die danach gefragt haben? Oder… sollen wir das jetzt tun?“ Die Frage hing im Raum wie eine Wolke, die sich nicht lichten wollte.

Nicht zum ersten Mal war diese Frage aufgeworfen worden.

„So wie ich das sehe“, meldete sich das 11 Ratsmitglied Hauptman zu Wort, „...sehe ich keine andere Möglichkeit als diese!“

Kleiner sah auf.

Ihm war dieser Mann zuwider. Schon wie sein Vater vor ihm hatte, er sich zunehmend als Stachel im Fleisch vieler anderer Ratsmitglieder entpuppt. Diese Familie, die wie die meisten der anderen Ratsmitgliedsfamilien auch, hatten ihren Sitz aufgrund von Erbnachfolge einen Platz im obersten Rat des Landes erhalten.

Schon frühzeitig hatten sich die Mitglieder dieser

Familie dem christlichen Grundgedanken als alleiniges Gut widersetzt. Hatten darin eine potenzielle Gefahr gesehen, die das Land eines Tages in den Abgrund führen würde. Nun, da das Land bereits mit einem Bein über diesem schwebte, fühlten sie sich in ihrer Meinung bestätigt. Eine Meinung die auch andere Mitglieder, zu teilen begann. Zuerst stumm, dann mit leisen vorsichtigen Einwänden hatten sich andere dessen Ansichten angeschlossen. Nun, da das Land dabei war auch noch den letzten Tropfen lebendigen Blutes zu verlieren, wurden diese Stimmen zusehends lauter.

Doch noch gab es Ratsmitglieder, die sich gegen deren Idee mit der ihnen verbliebenen Energie stemmten. „Dann sagen sie uns doch mal, wie das vonstattengehen soll“, forderte Kleiner ihn auf.

„Die Gewinne, die wir aus dem Bergbau und der Landwirtschaft ziehen, reichen doch ohnehin kaum aus, um die Leute nicht auf den Straßen verhungern zu lassen. Was macht es da für einen Unterschied, wenn wir und auch um jene kümmern die es für sich selbst nicht mehr schaffen?“

Kleiners Stimme war zunehmend lauter geworden. Etwas, das seit seinem Antritt höchst selten passiert war. Er wusste, worauf dieser Mann aus war. Wieder wollte er seiner Meinung Nachdruck verleihen, dass nur jene das Recht haben sollten von den Gütern des Landes zu profitieren, die auch dafür Leistung erbrachten. Alle anderen waren in seinen Augen nur Schmarotzer, die den christlichen Grundgedanken mit Füßen traten, ihn ausnutzten.

Die gegenwärtige Situation, die nun schon geraumer Zeit anhielt diente ihm als Ansporn seiner Meinung mehr Gewicht zu verleihen.

„Als wenn dir das Christ-Sein jemals etwas bedeutet hätte“, dachte sich Kleiner, der sich schwer zurückhalten musste, um den Gedanken nicht laut auszusprechen.

Hauptman, Taktiker der er war, wartete geduldig ab, bis sich die Stimmung durch das momentane Aufbrausen Kleiners wieder beruhigt hatte.

„Fest steht, dass unser Land, unsere Bürger nicht in der Situation wären, in der sie nun mal sind, wenn wir nicht jeden und alle seit Ewigkeiten mit durchgefüttert hätten.“

Sein Blick war starr auf Kleiner gerichtet, dem das Lautwerden zu viel Energie gekostet hatte. Er fand gerade noch Kraft dafür, den Einwand Hauptmans mit einem müden Winken abzutun.

Wie lange würde er sich noch gegen diesen Hauptman und seinen Ideen behaupten können? Wie lange würde er noch die Energie haben, sich gegen diesen aufzulehnen? Er wusste, dass auch manch andere der Ratsmitglieder den Ideen Hauptmans nicht mehr ganz so entschlossen entgegentraten, wie sie es zu Beginn getan hatten. Kleiner sah, den Blick den Hauptman ihm zuwarf. Dessen spöttische Kälte, die in seinen Augen lag. So sehr er sich auch darum bemühte und es ihm leid um die Energie tat, es musste gesagt werden.

„Wir alle wissen, welche Gedenken, welche ungeheuerlichen Gedanken sie mit sich herumtragen. Doch seien sie versichert, dass ich keinen Mord an auch nur einem unserer Bürger zulassen werde!“

„Aber, aber, wer wird denn gleich von Mord sprechen“, sagte Hauptman mit gespielt belustigter Stimme. Hauptman lehnte sich leger in seinem wackeligen Stuhl zurück. Jenen den er hasste und von dem er überzeugt war, dass man ihm diesen bewusst überlassen hatte. Schon immer sah er sich seiner Meinung nach diesen kleinen unwürdigen Schikanen der anderen ausgesetzt. Demütigungen, die er nur deswegen zu erdulden hatte, weil er sich nicht damit abfinden wollte das dieses Land, sein Land, von ein paar Weichlingen in den Ruin getrieben wurde. Von Weichlingen, die sich Idealen verschrieben hatten, die jenseits aller Vernunft lagen. Von schwachen Männern, die es nicht verdient hatten, diesem Rat anzugehören!

Wie sehr er diesen Rat doch hasste. Dessen Unvernunft, dessen ineffektive Art, das Land zu führen. „Auf christlichen Werten basierend!“ Wie oft hatte er diesen Satz mit Verachtung ausgespien? Unwürdig waren sie all diese Narren, die sich erdreisteten, jedem daher gelaufenen Schmarotzer Obdach und Nahrung zu geben. Diesen unproduktiven Abschaum, welche zu nichts anderem taugten als der Allgemeinheit zur Last zu fallen!

Hass, der sich über viele Jahre in ihm aufgestaut hatte, machte sich wieder in ihm breit. Aber auch diesmal wusste er diesen Hass tief in sich zu verbergen. Er musste nur warten. Warten bis diese Narren an diesem Tisch einsahen, dass sein Weg der einzige richtige war, um das Land zu retten.

Sein Land!

Vielleicht war das, was dieser Hauptman vorschlug – wenn er es bisher auch noch nie direkt ausgesprochen hatte, tatsächlich die einzige Lösung, um wenigstens den jämmerlichen Rest dieses einstig schönen und friedlichen Landes am Leben zu erhalten.

„Was denkst du nur“, fragte Kleiner sich selbst.

„Wie kommst du nur auf den Gedanken …?“

Er spürte, wie die Scham ihm das Gesicht heiß werden ließ.

Doch geschehen musste etwas. Hauptman hatte recht. Ihre kleine einst so zufriedene kleine Nation war kurz vor dem Zugrundegehen. Allerorts sah man nichts als Zerfall. Menschen, die Hunger litten, Kinder, die das Lachen verlernt hatten.

Mit sich selbst hadernd, schlurfte Bogwin seinem Zuhause entgegen.

Selbst in seinem eigenen Leben, dass seiner Familie hatte sich so etwas wie Verzweiflung breitgemacht. Etwas, dass er als Oberhaupt der Familie und als Mitglied des obersten Rates nicht zulassen konnte. Doch musste er es sich selbst eingestehen, dass es auch für ihn immer schwerer wurde, Haltung zu bewahren. Aber wie lange noch. Wie lange noch würde es ihm gelingen? „Ich muss morgen mit Lampert reden“, sagte er sich, als er in die kleine Straße einbog, die zu seinem Haus führte. „Etwas muss geschehen. Etwas muss sich ändern, bevor alles zu spät ist.“

Mit diesem Gedanken kam er vor seinem Haus an. Langsam steckte er den Schlüssel ins Schloss, drehte den Schlüssel zweimal um und trat in den stillen dunklen Flur. Es war bereits spät. Verwundert hatte er festgestellt, dass es bereits nach 21 Uhr war, als er das Ratsgebäude verlassen hatte. Mit leisen Schritten ging er den Flur entlang. Er lauschte in das Haus hinein.

War da etwas?

Er musste sich verhört haben.

Seine Frau schien bereits im Bett zu sein.

„Gut“, dachte er sich.

Als er sich von seinen Schuhen und seiner Jacke befreit hatte, ging er in die Küche. Ihm war nach einem Glas Wein. Einer jener Selbstverständlichkeiten, die in diesen Tagen zu einem Luxus verkommen waren. Vorsichtig nahm er ein Glas aus dem Schrank, darauf achtend keinen Lärm zu machen, und goss sich ein halbes Glas davon ein.

Der Wein beruhigte ihn. Doch nicht so sehr, als das er behaupten könnte, dass es gut wäre.

Nein, etwas musste geschehen.

„Morgen“, sagte er sich. „Morgen rede ich mich

Lampert.“

„Er weiß sicher Rat!“

Stumm saß Bogwin seinem Freund und Amtskollegen in dessen Büro gegenüber. In diesem Büro, das vor nicht allzu langer Zeit vor Geschäftigkeit gebebt hatte. Doch nun, inmitten dieser Situation, in der sich das Land befand, schien der Raum, etwas von der Befangenheit, die im ganzen Land herrschte, abbekommen zu haben. Selbst das Licht, das durch die bunten Mosaikfenster fiel und das dem Raum einst eine lebendige Fröhlichkeit verliehen hatte, konnte nichts mehr dazu beitragen dem einstig gediegenen Raum seine Lebendigkeit zurückzugeben.

Die Gemütlichkeit, die dem Raum einst zu eigen war, war verflogen. Die alten aus edlem Eichenholz und nach Maß angefertigten Möbel atmeten düstere Stimmung.

Die Tatsache, dass eine Frage im Raum stand, ein Gedanke, den ihr Kollege Hauptman schon vor langer Zeit aufgeworfen hatte, erfüllte den Raum.

Beide gehörten sie zu jenen, die mit der

Ungeheuerlichkeit des angestimmten Gedankens Hauptmans in Wahrheit nichts zu tun haben wollten. Diese Idee, die Hauptman als die einzige und wahre Lösung dargestellt hatte. Allein der Gedanke daran verursachte ihnen Übelkeit. Doch, was war, wenn dieser Gedanke, diese Idee, so ungeheuerlich sie auch war, tatsächlich die einzige Lösung war?

„Ich weiß nicht mehr was ich denken soll“, gestand Bogwin seinem Freund.

Er schüttelte den Kopf, suchte nach Worten, die er verwenden konnte.

„Seit der Gründung unseres Landes haben wir es uns zur

Aufgabe gemacht, einem christlichen Leitbild zu folgen. Einem das besagt das niemand Armut, Not und Hunger zu leiden haben wird. Auf diesen Gedanken ist unsere ganze Nation aufgebaut. Und nun sitzen wir hier und denken über ..., nach!“ Er suchte nach einem Wort, das er verwenden konnte. Ein Wort, das die Tatsache weniger abscheulich klingen lassen würde, fand aber keines.

Lampert hob seine Hand, wollte einen Einwand vorbringen.

„Nein, nein lassen sie nur lieber Freund. Nichts anderes als eine menschenunwürdige Abscheulichkeit wäre es. Oder wie sollten wir es nennen, wenn wir diejenige die, nur weil sie nichts mehr zur Produktivität des Landes beitragen können, das Recht zu leben versagen würden!“

Beiden schien es eine endlos lange Zeit zu sein, in der sie ein weiteres Wort zu sagen wussten.

„Hauptman meint, dass dies die einzige Lösung sei, um das Land zu retten“, sagte Lampert.

„Hauptman und dessen ganze Sippschaft waren von jeher ein Haufen profitgeiler Aasgeier“, entgegnete Bogwin empört.

„Ich frage mich heute, wie es ihnen jemals gelingen konnte einen Sitz im Rat zu bekommen.“ „Wie wir beide wissen, steht ihnen ein Platz im obersten Rat aufgrund der Erbnachfolge zu, welches in unserer Verfassung verankert ist.“

„Ja, ich weiß“, entgegnete Lampert. „Und trotzdem …!“ Bogwin stand auf, ging an eines der Fenster, verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und sah auf die Straße.

Lampert konnte nur zu gut sehen, dass sein Freund mit jeder Sekunde angespannter wurde.

„Fest steht, dass etwas geschehen muss bevor Leute sich wegen eines Stück Brotes gegenseitig umbringen“, meinte Bogwin.

Wieder schüttelte er den Kopf.

„Wie konnte es nur so weit kommen“, fragte er in hörbar erschüttertem Ton.

„Wie sie wissen waren auch meine Vorfahren unter denen, die die Konstitution des Landes mitgestaltet haben.

Auch meine Ahnen haben sich den christliche-humanitären

Werten verschrieben, worauf unser Land aufgebaut ist.“ „Ja, natürlich weiß ich das“, antwortete Bogwin ihm.

„Sonst säßen wir jetzt nicht hier zusammen.“ Er klang ungehalten.

Lampert ließ sich davon nicht beirren. Jetzt war keine Zeit, um sich mit Kleinigkeiten oder einem verwundeten Ego aufzuhalten.

„Ich denke, wir müssen einfach zugeben, dass wir es mit unseren christlichen Werten zu weit getrieben haben. Viele sind in unser Land gekommen, haben wenig oder nichts, zum Erhalt oder dem Aufbau beigetragen und dennoch die Vorteile zu genießen gewusst. Etwas, wofür wir nun die Rechnung serviert bekommen. Sie haben uns ausgeblutet, ausgenutzt!“ Bogwin war im Laufe seiner Rede lauter geworden. Das Thema setzte ihm zu, erregte ihn und sorgte dafür, dass er, der gemeinhin dafür bekannt war immer ruhigen Blutes zu sein, in Zorn geriet.

Er drehte sich zu ihm um, sah ihn verwundert an. Beschwichtigend hob er die Hand.

„Immer mit der Ruhe“, sagte Lampert. „Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig aufreiben!“

Bogwin setzte sich wieder, atmete tief durch und sagte nach einer kleinen Weile.

„Es stimmt schon, was unser werter Amtskollege sagt“, meinte Bogwin.

„Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung, die Pensionäre, jene die aus gewissen gesundheitlichen Gründen einer geregelten Beschäftigung nicht mehr nachgehen können, sie alle kosten unserem Land viel, ja sehr viel Geld. Gleichzeitig verfügen wir nicht über die Einnahmen, die wir benötigen, um weiterhin für alle sorgen zu können. Wenn wir nicht wollen, dass Menschen sich, wie sie richtig gesagt haben, sich wegen eines Stück Brotes gegenseitig umbringen, müssen wir Schritte setzen die es uns erlauben, jene am Leben zu erhalten die dazu in der Lage sind, das Land wiederaufzubauen.“

Bogwin sah seinen Freund und Amtskollegen an. Lampert kannte seinen Freund nur zu gut. Er wusste, dass er zu jenen gehörte die abwarteten, die sehen wollten, wie das von ihm gesagte ankommen würde. Schließlich war es Lampert, der wieder zu sprechen begann. Dieser sah zu Boden, so als würde er dort auf den Dielen jene Worte suchen, die er gebrauchen konnte. „Dann müssen wir wohl das tun, was unser Kollege zwar nie ausgesprochen, wir aber trotzdem alle verstanden haben“, sagte Bogwin.

Kaum hatte er den Satz beendet, machte sich eine Kälte im Raum bemerkbar, die beide frösteln ließ.

„Ich kann nicht glauben, dass wir wirklich hier sitzen und uns erdreisten uns als Gott aufzuspielen. Wer gibt und das Recht darüber zu entscheiden, wer leben und wer sterben soll?“

Kaum hatte er den Satz beendet, wurde die Atmosphäre im Raum noch düsterer, als sie ohnehin schon war.

Betroffen sahen sie zu Boden, schämten sich ihrer Gedanken und Worte.

„Dennoch, wir müssen uns eingestehen, dass wir Fehler begangen haben“, fuhr Bogwin fort. „Fehler, die vielen Menschen das Leben kosten wird, wenn wir nicht etwas unternehmen.“

„Schon jetzt, leiden Menschen Hunger. Viele können sich nicht mehr das Nötigste leisten und wir, die wir einen Eid geschworen haben, sich um diese Menschen zu kümmern, sind dazu nicht mehr in der Lage.“

„Wie also sollen wir das Problem angehen“, fragte Lampert.

Bogwin schüttelte den Kopf.

Schließlich sagte er: „Wir sollten uns zuerst mit

Hauptman treffen. „Vielleicht hat er ja wirklich eine Lösung parat. Eine, die ganz anders aussieht, als wie wir sie verstanden haben.“

Wieder fixierte er den Dielenboden zu seinen Füßen. „Ich denke, wir wissen beide, was er gemeint hat“, entgegnete Lampert.

Bogwin blieb eine Reaktion auf das Gesagte schuldig. „Fest steht, dass wir etwas unternehmen müssen. Ich schicke ihm eine Nachricht und lass ihn wissen, dass wir uns mit ihm unterhalten wollen.“

„Dann muss es wohl sein“, sagte Lampert seufzend.

Lampert sah, dass sein Kollege begonnen hatte, einen Brief aufzusetzen.

So weit war es schon gekommen. Nun waren sie wieder beim Briefe schreiben angekommen. „Wie im Mittelalter“, dachte sich Bogwin spöttisch.

Erschöpft lehnte dieser sich danach zurück, schloss die

Augen und sagte: „Dafür kommen wir in die Hölle!“

Spätes Treffen

Lampert und Bogwin trafen spätabends im Haus von Hauptman ein.

Dieser hatte sie gleich an der Haustür empfangen und führte sie nach oben in sein Arbeitszimmer.

Dass die beiden sich nicht wohlfühlten, hätte Hauptman auch dann bemerkt, wenn deren zurückhaltende Stimmung nicht so augenfällig gewesen wäre. Zu offensichtlich war deren Nervosität und der gesenkte Blick ließ ihn, den geschickten Manipulator, den Zustand der beiden nach wenigen Sekunden erkennen.

In seinem Arbeitszimmer knisterte ein Feuer im offenen

Kamin und auf einem kleinen Seitentisch standen drei Gläser und eine Flasche Brandy. Der Raum, den sie betraten, wirkte einladend und unter anderen Umständen, hätten sie dessen Atmosphäre zu schätzen gewusst.

Verwundert sahen die beiden, wie Hauptman zum

Beistelltisch ging, sie nebenbei bat sich zu setzen. Hauptman ging zu dem kleinen Tisch, schraubte langsam den Verschluss von der Brandyflasche, und begann drei Gläser einzuschenken.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas wie Brandy in diesem Land noch gibt“, sagte Lampert noch immer verblüfft, als ihm ein Glas gereicht wurde.

Hauptman lachte auf, zeigte ein selbstsicheres Lächeln und sagte: „Alles nur eine Frage der Einteilung. Alles nur eine Frage der Einteilung.“

Nachdem er auch Bogwin ein Glas gereicht hatte, ging er mit langsamen, selbstsicheren Schritten hinter den

Schreibtisch, um sich auf seinen Stuhl zu setzen.

„Nun werte Kollegen, was verschafft mir die Ehre?“ Bogwin wäre am liebsten gleich wieder aufgestanden. Das selbstgefällige Lächeln dieses Mannes war ihm schon immer zutiefst zuwider gewesen. Dieser Hauptman wusste genau, warum sie sich dazu entschlossen hatten, mit ihm zusammen zu treffen. Bogwin verkniff sich den in ihm aufkommenden Ärger und nahm einen Schluck vom Brandy, der ihm genüsslich in die Nase stieg.

Lampert bemerkte die Gemütsregung seines neben ihm sitzenden Kollegen und ergriff das Wort.

„Nun“, begann er zögerlich.

„Wir alle wissen nur zu gut, in welcher Lage wir uns befinden!“ Er hielt kurz inne. Der Anfang war getan, doch wie sollte er weitermachen?

Hauptman fiel ihm ins Wort.

„Aber meine Herren“, preschte Hauptman vor. „Lassen sie uns doch gleich auf den Punkt kommen. Sie wollen wissen, wie ich mir die praktische Umsetzung meines Vorschlages vorstelle.“

„So könnte man es ausdrücken“, erwiderte Lampert, der sich mit jeder Sekunde unwohler fühlte.

Hauptman setzte sich auf, stellte sein Glas auf den Tisch und sah die beiden abwechselnd an.

„Wir wissen alle, dass unser Land Gefahr läuft, von der Landkarte zu verschwinden“, setzte er an. „Wir wissen auch, dass es nur deswegen soweit hat kommen können, weil wir auf Werte gesetzt haben die, ich möchte es mal so ausdrücken, falsch interpretiert und gehandhabt worden sind.“

Er sah mit bedeutungsvollen Blicken auf Lampert und Bogwin.

„Wir waren schwach und Gott allein weiß, wie oft ich dagegen protestiert habe, dass unser Land zu einem Hafen für alle wird, die ihre Hände in den Schoß gelegt hatten und mit offenem Mund dagestanden sind.“ Hauptmanns Stimme war lauter geworden.

„Und wo sind sie nun, all jene denen wir hilfreich unsere Hand hingehalten haben, die wir durchgefüttert haben? Weg! Bei den ersten Anzeichen, dass es mit unserem schönen Land bergab ging, haben sie sich aus dem Staub gemacht.“ Bogwin reichte es.

Gerade noch rechtzeitig fiel er Hauptman ins Wort, bevor dieser mit seiner Litanei fortfahren konnte. „Worin die Gründe liegen, wissen wir alle zur Genüge“, sagte er.

„Was wir wissen wollen ist, wie wir das wieder ins Lot bekommen sollen.“

Das bedeutungsvolle Herumgerede Hauptmans war ihm mit jeder Sekunde widerlicher geworden.

Hauptman lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und faltete seine Finger.

„Das genau ist die Frage“, erwiderte der nur kurz. „Um diese beantwortet zu bekommen sind wir hergekommen“, sagte Bogwin, der sich einen leicht sarkastischen Unterton nicht verkneifen konnte. „Dies stellt tatsächlich eine Herausforderung dar“, erwiderte Hauptman ihm.

„Aber, um sie nicht auf die Folter zu spannen, möchte ich ihnen gerne meinen Plan vorstellen!“

Bogwin und Lampert sahen, wie die Augen seines Gegenübers plötzlich zu leuchten begannen. Unbehagen erfüllte sie bei dem Anblick dieses grinsenden Hauptmans.

„Mein Vorschlag ist dieser. Ab sofort werden nur mehr jene mit den vollen Lebensmittelrationen versorgt, die gewillt sind, am Wiederaufbau unseres geliebten Landes mitzuwirken. Alle anderen, vor allem jene die nicht gewillt oder in der Lage sind, werden nur soweit versorgt, wie es unbedingt notwendig ist.“ Stille erfüllte den Raum.

Schließlich war es Bogwin, der das Schweigen beendete. „Und was ist mit den Älteren, den Kranken? Viele von ihnen haben dazu beigetragen, das Land mit aufzubauen. Viele ihrer Vorfahren waren mit am Aufbau dieses Landes beteiligt, haben hart gearbeitet. Was geschieht mit diesen?“

Hauptman sah ihm direkt in die Augen. Bildete er, Bogwin es sich nur ein, oder sah er ein eiskaltes Glitzern in den Augen seines Gegenübers?

„Wie gesagt“, begann Hauptman von Neuem.

„Wenn wir verhindern wollen das unser einst so gesundes

Land zugrunde geht, wenn wir verhindern wollen das sich

Menschen in den Straßen wegen eines Stück Brot an die Kehle gehen, müssen wir dafür Sorge tragen, dass genug für all jene vorhanden ist die ihren Teil dazu beitragen können, dass unser Land wieder zu dem wird, dass es einst war.“

„Sie reden um den heißen Brei herum Hauptman!“ In Bogwins Stimme hatte sich unmissverständlich Ungeduld gemischt.

„Wir müssen die Anzahl jener vermindern, die nicht dazu in der Lage sind dazu beizutragen, dass unser Land nicht vor die Hunde geht.“

Der Satz stand im Raum, hatte Gestalt angenommen.

Endlich war er gesagt worden, dieser Satz, den trotzdem er niemals zuvor ausgesprochen worden war, nun Wirklichkeit geworden war.

Bogwin und Lampert hatten, kaum dass der Satz zu Ende gesagt geworden war, die Luft angehalten.

Nach einer schier endlos langen Zeit war es wieder

Bogwin, der die Frage stellte. Jene Frage, die wie der Satz, der zum Ausdruck gekommen war, nun beantwortet werden musste.

Das Knistern des brennenden Holzes war der einzige Laut im Raum, der zu hören war. Ein Holzspalt der Feuer gefangen hatte, hatte sich mit einem Knall entzündet. Der unerwartete Laut ließ Bogwin und Lampert zusammenzucken.

Von dem kurzen lauten Knall erholt, fielen Bogwin, die winzig kleine Staubpartikel auf, die durch die Luft wirbelten. Unschuldig, im Vergleich zu dem was gerade hier vor sich ging, kamen sie ihm vor. Wie sehr er sich wünschte eines dieser unschuldigen ruhig dahinschwebenden Dinger zu sein. Alles schien in Zeitlupe abzulaufen.

Mühsam rang er sich dazu durch, sich von diesem Gedanken zu lösen.

„Und wie sollte das ihrer Meinung nach …, bewirkt werden können?“

Schon jetzt fürchtete er sich vor der Antwort, von der er wusste, dass er sie bekommen würde.

Hauptman setzte sich ruhig, sehr ruhig, fast wie in Zeitlupe auf.

„Das ist der heikle Teil“, setzte Hauptman an.

„Ich nehme nicht an, dass sie marodierende Horden durch das Land schicken wollen, die auf alles schießt, dass alt und gebrechlich ist.“

Das plötzliche Auflachen Hauptmans erschreckte ihn.

„Aber nein, nicht doch“, sagte Hauptman.

„Da gibt es eine viel elegantere Methode, um das

Problem zu lösen.“

Bogwin sah diesen Mann, der keine drei Meter von ihm entfernt saß mit starrem Blick an. Es war ihm unmöglich, auch nur zu zwinkern.

„Er hat es tatsächlich gesagt“, ging es ihm durch den

Kopf. Er hat das Undenkbare gesagt!“

Bogwin war kaum in der Lage Luft zu holen. Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, der ihm weismachen wollte, das Recht auf Atmen verwirkt zu haben, wenn er weiterhin hier sitzen und dem zuhören würde. Schon jetzt kam er sich wie ein Mörder vor.

„Reden sie Mann“, forderte er schließlich Hauptman auf, der keine Anstalten weiterzureden.

„Es befindet sich eine Substanz in diesem Land, welche dazu verwendet werden könnte die, ich möchte es mal so ausdrücken, die Anzahl jener zu vermindern die keinen Anteil mehr am Aufbau unseres Landes beisteuern können!“

„Eine Substanz“, sagte Bogwin verwundert.

„Welche Substanz sollte das Sein und woher hätten wir die Mittel, dieses zu besorgen“, fragte ihn Bogwin, dessen Unglaube in seiner Stimme unüberhörbar war.

„Es ist eine Art Serum“, hörten sie Hauptman sagen.

„Ja, ich möchte es gerne als Serum bezeichnen. Ein

Serum, der sich als sehr effizient erwiesen hat.“

„Ein Serum!“

Die Stimme Bogwins verriet seine Überraschung.

„Und woher wollen sie dieses Serum haben“, fragte Bogwin diesen Mann, der ihm von Sekunde zu Sekunde unheimlicher wurde.

„Werter Ratskollege“, begann Hauptmann. „Sie wären überrascht, was es alles zu kaufen gibt. Es mag ihnen entgangen sein, aber da draußen außerhalb unserer einst so heilen Welt, gibt es eine Welt, die unendliche

Möglichkeiten bietet.“

Bogwin fuhr sich mit einer Hand über sein Gesicht. Das was ihm dieser Mann hier erzählte, kam ihm zu fantastisch vor.

„Werter Ratskollege“, setzte Bogwin an, der sich nicht verkneifen konnte, den Titel in leicht spöttischer Manie auszudrücken.

„Ich bin ja kein Mediziner oder Chemiker. Aber selbst ich, der ich ein medizinisch ungebildeter Mensch bin, weiß, dass ein Serum die Angewohnheit hat, keine Unterschiede zu machen. Wie also in alle Welt, wollen sie verhindern, dass dieses Serum nicht jene in Mitleidenschaft zieht, die sie, angeblich, dazu benutzen wollen, um das Land wiederaufzubauen?“ Der Blick, mit dem er sein Gegenüber ansah, ließ keinen Zweifel offen, dass er an dessen Worten zweifelte.

Er legte seine Hände, mit den Innenflächen nach oben. Es schien ihnen als würde er diese betrachten, während er nach Worten suchte.

„Wie jede chemische Verbindung, so hat auch diese die Eigenschaft, dass sie so abgewandelt werden kann, dass sie entweder harmlos oder eben …, weniger harmlos ist.“ „Oder wie heißt es doch so schön, jedem das Seine.“ Die Ungeheuerlichkeit dessen, was ihnen in diesem Raum zu Ohren kam, war beinahe unerträglich.

Langsam sahen die beiden, wie Hauptman sich aus seinem Stuhl erhob und um den Schreibtisch herumging, um sich an eines der hohen Fenster zu stellen. Mit zu ihnen gewandten Rücken sagte er in ruhigem, wohl überlegten Ton: „Ich habe die Schritte vorausgesehen, die notwendig sein würden, um uns zu retten. Aus diesem Grund habe ich …, bereits vor geraumer Zeit damit begonnen Ausschau nach einem, nun nennen wir es mal, Mittel zu halten das in Frage kommen würde unsere

Probleme zu lösen.“

„Sie haben sich ein Serum besorgt, das in der Lage ist

Menschen zu töten“, sagte Bogwin, dessen Maß an Erstaunen sprengte.

„Und er ist hier in unserem Land“, wiederholte er, noch erstaunter als zuvor.

„Hauptman drehte sich mit einem Ruck um, sah Bogwin scharf an.

„Ja, das ist es!“

„Ich habe wie jeder andere auch im obersten Rat, gesehen, auf welche Katastrophe wir zusteuern. Dass es Tausende und Abertausende von Toten geben würde. Und genauso wie alle anderen habe ich gewusst, dass das Problem nicht damit aus der Welt zu schaffen sein wird, indem wir hergehen und Sparmaßnahmen setzen.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Hauptman hatte sich in einen Eifer geredet, der die beiden in seiner Vehemenz überraschte.

„Wir müssen das tun was notwendig, das unausweichlich ist. Wir müssen, dass tun, was uns als letzter Ausweg geblieben ist“, sagte er weiter.

„Das wäre Mord!“

Lampert, der die ganze Zeit damit zu kämpfen hatte,

dass Gehörte zu verdauen hatte sich zur Überraschung der beiden wieder zu Wort gemeldet.

„Mord wäre es auch, wenn man all jenen Menschen das Recht zu leben nimmt, die noch ein Leben haben“, schrie Hauptman ihn an.

Mit drei schnellen Schritten war Hauptman bei Lampert, beugte sich zu ihm hinunter, stemmte sich dabei auf beide Armlehnen und sah ihn mit einem Blick an, der keinen Zweifel offenließ, dass er es ernst meinte. „Was bleibt denn jenen noch, die heute schon mehr dahinvegetieren als das sie leben? Außer der Gewissheit, dass sie in absehbarer Zeit entweder an Hunger, an Krankheit oder Verzweiflung sterben werden!“

„Ist es denn da nicht rechtens wenigstens ihren Nachkommen ein Leben zu garantieren, dass es wert ist gelebt zu werden?

Lampert sah erschrocken zu Hauptman hoch.

„Wir sprechen hier von Tausenden von Menschen“, hörten beide Bogwin sagen.

Hauptman und Lampert drehten sich zu ihm um. Hauptman stieß sich von den Armlehnen des Stuhls ab, auf dem Lampert saß und sagte zu Bogwin: „Mag sein, aber diese werden der Garant dafür sein, dass viele andere überleben.“

Der Satz stand im Raum wie eine Hiobsbotschaft, wie eine Nachricht, von der alle wussten, dass sie eintreffen würde.

Dennoch, die Unfassbarkeit der Idee, mit der sich Lampert und Bogwin konfrontiert sahen, raubte ihnen den Atem.

Bogwin sah auf sein Glas mit dem Brandy darin. Nur zu gerne hätte er einen Schluck davon genommen aber er sich außerstande, das Glas auch nur zum Mund zu führen.

Hier saßen sie nun. Sprachen von Mord an Tausenden von

Menschen mit einem Glas Brandy in der Hand. Fast wäre Bogwin versucht, des Wahnsinns wegen die diese Idee ausströmte, aufzustehen um aus dem Raum, dem Haus zu stürmen.

Irgendetwas hinderte ihn daran. Etwas, dass er nicht benennen konnte, wollte. Es hatte Macht. Macht ihn hier und jetzt, in diesem Raum festzuhalten.

Schließlich war Lampert es, der wieder seine Stimme fand.

„Und wie stellen sie sich vor, wollen sie diese Idee dem Rat beibringen?“

Hauptmann langsam einen Fuß vor den anderen setzend, ging wieder hinter seinen Schreibtisch. Hinter diesem stehend, legte er seine rechte Hand auf den Tisch und sagte: „Es dürfte uns klar sein, dass der oberste Rat dieser Idee niemals zustimmen würde.“

Er atmete tief durch, sah dann auf und sagte, in einem Ton der den beiden anderen, wie ein Flüstern vorkam: „Der oberste Rat darf von dieser ..., Maßnahme nichts erfahren.

„Was wollen sie dann tun“, fragte ihn Bogwin.

„Menschen still und heimlich ermorden?“

„Sie gehen recht in der Annahme, dass der Rat, sollte er davon erfahren, dem niemals zustimmen wird. Einer solchen ..., Ungeheuerlichkeit!“

Für eine Sekunde lang, hatte er gezögert, diesen Satz auszusprechen.

„Eine Ungeheuerlichkeit wäre es, wenn man unzählige Menschen sterben lassen würde, wenn man die Möglichkeit hat, dies zu verhindern“, gab Hauptman zurück.

Nun nahm Bogwin doch einen großen Schluck seines Brandys. Er sah in sein Glas, schwenkte den Inhalt hin und her, betrachtete die Schlieren, die die Flüssigkeit an den Seiten des Glases hinterließ.

„Mit wem haben sie sonst noch darüber gesprochen“, wollte Bogwin von Hauptman wissen.

„Nur mit ihnen beiden“, erwiderte Hauptman darauf.

Bogwin nickte.

„Warum haben sie gerade uns in diesen Plan eingeweiht? Wer sagt ihnen, dass wir nicht schnurstracks den Rat einberufen und sie festnehmen lassen?“

Hauptman lehnte sich leger mit einer Hand an einen

Stuhl und sagte: „Erstens würde ihnen niemand diese Geschichte abkaufen. Und zweitens, was hätten sie davon?“

Er brachte es tatsächlich fertig, ein Lächeln auf seinem Gesicht zu zeigen.

„Abgesehen davon müssten sie mit der Tatsache leben, ein ganzes Land, das sie genauso lieben wie ich es tue, dem Untergang übergeben haben.“

„Ist ihnen klar, dass wir, wenn wir diesem …, Plan tatsächlich zustimmen würden und es herauskäme, wir nirgendwo auf der Welt mehr Unterschlupf finden würden“, gab Bogwin zu bedenken.

Bogwin sah Hauptman fragend an.

„Dann müssen wir dafür sorgen, dass es niemand herausfindet. Denn sollte es jemandem gelingen herauszufinden, brauchen wir uns um Unterschlupf wie sie es nennen, nicht mehr zu kümmern.“

Das Lachen, das Hauptmann daraufhin ausstieß, ließ die beiden erschaudern.

Bogwin nahm den letzten Schluck seines Brandys und stellte das Glas auf den Schreibtisch Hauptmans.

Ruckartig stand er auf.

„Ich muss das erst verdauen“, sagte er mit gesenktem Kopf.

„Tun sie das, aber bedenken sie, dass wir nicht allzu viel Zeit haben, um das richtige zu tun. Und denken sie daran, dass es für niemanden gut wäre, wenn jemand von dieser Unterredung erfahren würde“, sagte Hauptman. Bogwin blieb vor seinem Stuhl stehen, hielt in der Bewegung, die er gerade noch tun wollte, inne. Hatte er sich getäuscht oder lag ein drohender Ton in dem, was Hauptman gesagt hatte? Doch er war zu müde, zu mitgenommen, um weiter darauf eingehen zu können. Langsam stand auch Lampert auf. Er hatte bisher nur an seinem Brandy genippt. Jetzt wünschte er, er hätte das Glas auf einen Zug leer getrunken. Mit einer langsamen Bewegung stellte er das Glas auf den Schreibtisch. „Ich brauche etwas Zeit“, ließ er Hauptman wissen, ohne ihn anzusehen.

„Ich muss darüber nachdenken, kann jetzt und hier einer solchen Maßnahme nicht zustimmen.“ Er schüttelte den Kopf und begann, um den Stuhl, auf dem er noch kurz zuvor gesessen hatte, herum zu gehen.

„Natürlich verstehe ich sie, werter Ratskollege. Doch sie wissen ...“, sagte Hauptman

„Jaja, ich weiß“, antwortet Bogwin in scharfem Ton.

„Die Zeit drängt!“

„Ich schlage vor, wir sollten über dieses Thema nachdenken. Reiflich nachdenken“, schlug Bogwin vor, ohne sich zu Hauptman umzudrehen.

„Natürlich“, erwiderte Hauptman.

„Wir sollten alle noch einmal darüber nachdenken“, sagte Bogwin, der sich nun doch wieder zu Hauptman umdrehte und diesen mit einem warnenden Blick bedachte. „Wir treffen uns dann, sagen wir, in einer Woche wieder“, schlug Bogwin vor.

„Wenn es ihnen nichts ausmacht treffen wir uns hier in drei Tagen wieder, um die gleiche Zeit.“

Bogwin ging zur Tür, Lampert schlich hinter ihm her.

„Einen guten Abend noch.“

Lampert schloss sich dem Abschiedsgruß seines Kollegen an.

„Auch ihnen einen guten Abend meine Herren“, erwiderte

Hauptman den Gruß.

Hauptman stand allein in seinem Büro.

Wenige Sekunden später, öffnete sich eine Tür an der Wand die, niemand hätte vermuten können. Herein kamen zwei Männer, die sich vor Hautpman hinstellten. Hauptman beachtete die beiden nicht, sondern ging hinter seinen Schreibtisch. Mit beiden Händen stützte er sich auf seinen Tisch und sagte: „Behaltet die beiden im Auge. Ich möchte über alles unterrichtet werden, was sie tun. Wohin sie gehen. Mit wem sie sich unterhalten.“

„Ja Herr“, antwortete einer der beiden.

Schon machten sie sich daran den Raum zu verlassen.

„Noch etwas“, begann Hauptman wieder.

„Wenn sie Anstalten machen sollten in das

Polizeihauptquartier zu gehen, dann fangt ihr sie ab und bringt sie nach unten.“

Die beiden Männer sahen sich vielsagend an. Sie wussten, was dieses unten bedeutete.

Nicht erst einmal waren sie beide selbst es gewesen, die jemanden nach unten gebracht hatten. Doch noch nie, hatten sie jemanden von dort wieder nach oben gebracht.

Zumindest nicht lebend.

Bogwin ging mit langsamen Schritten durch die dunklen Straßen von Prudencia.

Er, eines der Ratsmitglieder und sich seiner Stellung bewusst, sah man normalerweise nur mit wohl gemessenen selbstbewussten Schritten durch diese, seine Stadt zu gehen. Doch wie die Stadt, in der er aufgewachsen war, wie dieser, wenn auch kleiner Staat, sich verändert hatte, so hatte auch er sich verändert. Seine einst so selbstbewussten Schritte, waren zögerlich geworden.

Wie auf Scherben ging er nun dahin. Vorsichtig einen Schritt nach dem andern setzend, so als gelte es, sich nicht die Füße an den imaginären Scherben zu verletzen.

So vieles war in den letzten Jahren passiert.

Zu viel!

Nur manchmal hob er seinen Kopf. Sah auf den Unrat, der in den Straßen lag.

Niemand kümmerte sich mehr um diesen. In manchen Ecken lungerten Menschen in kleinen Gruppen herum, die sich leise unterhielten. Diese warfen, als er an ihnen vorbei ging verstohlene Blicke zu.

Selbst jetzt im Dunkel, konnte er den Schmutz sehen, der sich auf dem Gehsteig festgesetzt hatte. An manchen Stellen standen übelriechende Pfützen, die nur darauf zu warten schienen, dass jemand in sie tappte. Eingetrocknetes, welcher Art es war, konnte er nicht ausmachen, verunzierte den Gehweg.

„Eine Schande“, dachte er bei sich selbst.

„Was ist nur aus dir geworden!“

Er hatte noch ein gutes Stück zu gehen, doch schon jetzt war ihm der Weg leid.

Wo war sie nur hin? Die Freude am Gehen, am sich bewegen, am Schlendern durch die Straßen jenes Ortes, den er einst so geliebt hatte. An dem er aufgewachsen und zur Schule gegangen war, in der er seine politische Laufbahn begonnen hatte. Sie war ihm fremd geworden, diese Stadt, für die er viele Jahre seines Lebens geopfert hatte.

Doch irgendwann, er wusste noch nicht mal, wann genau es begonnen hatte, war ein Wandel eingetreten. Schleichend zuerst. Kaum merklich hatte dieser stattgefunden. Hatte begonnen diese Stadt, dieses Land zu verändern.

Ja, zu sorglos waren sie gewesen. Zu bequem waren sie geworden. Hatten die Zeichen nicht erkannt.

Mit jedem Schritt wurde seine Stimmung düsterer. Niedergeschlagenheit schaffte sich Raum in ihm, die es ihm schwermachte einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Er versuchte, seine Gedanken mit irgendetwas zu beschäftigen, dass ihn von dem ablenken sollte, was erst vor Kurzem vorgefallen war. Wie konnte es nur geschehen, dass er sich in einem Raum mit diesem Menschen wiederfand, um sich dessen monströse Ideen anzuhören? Wie war es möglich gewesen, sich mit diesem darüber zu unterhalten, Menschenleben zu vernichten?

Gott zu spielen!

Es schien ihm, als würde er über und über mit Schmutz behaftet sein.

Doch was ihn am meisten schockierte war die Tatsache, dass er selbst darüber nachdachte, ob er Teil dieses Plans sein sollte!

Fast wäre er versucht, einen schnelleren Schritt anzuschlagen, doch mangelte es ihm dafür an Energie. Es war ihm, als würde er in einer zähen Flüssigkeit dahin waten, die ihn davon abhalten wollte, schneller nach Hause zu kommen.

Er musste runter von der Straße. Es war ihm, als könnte jeder ihm ansehen, was er soeben noch getan hatte. Nur noch wenige Meter würde er zu gehen haben. Nur noch wenige Meter bis er …!

Sein Blick fiel in die kleine Gasse die neben seinem Haus verlief und die in einen Hinterhof führte, an dessen hinterem Ende sich in früheren Zeiten eine Rutsche zum Keller befand, die dazu benutzt worden war, um Kohle hinein zu schütten.