Carte Blanche - Jeffery Deaver - E-Book

Carte Blanche E-Book

Jeffery Deaver

0,0
8,99 €

Beschreibung

Gestatten, mein Name ist Deaver – Jeffery Deaver
Schneller, cooler, raffinierter – Bond trifft Deaver. Eine explosive Mischung!


James Bond genießt einen romantischen Abend mit einer hinreißend schönen Frau. Da erreicht ihn ein dringender Alarm: Ein Lauschposten hat eine verschlüsselte Botschaft abgefangen, die einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag ankündigt. Es wird mit Tausenden von Todesopfern gerechnet. Britische Sicherheitsinteressen sind unmittelbar betroffen. Die höchsten Regierungsstellen wissen, dass nur noch James Bond die drohende Katastrophe abwenden kann. Doch will er diese Mission erfüllen, darf er sich an keine Regel halten. Und so erhält 007 eine Carte Blanche.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 613

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Jeffery Deaver

Carte Blanche

Ein James-Bond-Roman

Aus dem Englischen übersetztvon Thomas Haufschild

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel»Carte Blanche« bei Hodder & Stoughton, an Hachette Company; London.

Alle Charaktere im vorliegenden Werk sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, lebendigen oder toten, wären rein zufällig.

1. AuflageCopyright © 2011 by Ian Fleming Publications LimitedCopyrigh © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenJames Bond and 007 are trademarks of Danjaq LLC, used under licence by Ian Fleming Publications Ltd.James Bond und 007 sind Trademarks von Danjaq LLC und werden genutzt unter Lizensierung durch Ian Fleming Publications Ltd.Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-07246-9

www.blanvalet.de

Für Ian Fleming,der uns gelehrt hat,dass wir immer noch an Helden glauben dürfen.

Anmerkung des Verfassers

Der Inhalt dieses Romans ist frei erfunden. Allerdings erwähne ich darin reale Orte, einige historische Persönlichkeiten sowie bekannte Marken und Produkte wie Audi, Bentley, InterContinental, iPhone, Mercedes, Maserati und Oakley. Mit ein paar Ausnahmen entstammen auch die im Werk vorkommenden Geheimdienstorganisationen der Wirklichkeit. Dagegen sind sämtliche Charaktere, deren Unternehmen und ihre Handlungen in Carte Blanche frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Unternehmen und lebenden Personen wären rein zufälliger Natur.

Die Welt der Spionage, Gegenspionage und Nachrichtendienste ist voller Akronyme und Abkürzungen. Um diese Buchstabensuppe etwas bekömmlicher zu machen, habe ich ein Glossar hinzugefügt. Es befindet sich am Ende des Buches.

»Wir benötigen eine neue Organisation, um die Bevölkerung der unterdrückten Länder zu koordinieren, zu inspirieren, zu kontrollieren und zu unterstützen … Es ist dazu absolute Geheimhaltung erforderlich, ferner eine gewisse fanatische Begeisterung, die Bereitschaft zur Arbeit mit Personen unterschiedlicher Nationalitäten sowie uneingeschränkte politische Zuverlässigkeit. Die Organisation sollte meines Erachtens vollständig von der Maschinerie des Kriegsministeriums abgetrennt sein.«

Hugh Dalton, Minister für Kriegswirtschaft, über die Gründung von Großbritanniens Special Operations Executive, einer Gruppe für Spionage- und Sabotageaktionen, bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

SONNTAG Die rote Donau

1

Der Führer der serbischen Diesellok hatte eine Hand auf dem Totmannschalter und verspürte das prickelnde Gefühl, das ihn auf diesem Teil der Strecke stets überkam. Er befand sich nördlich von Belgrad und näherte sich Novi Sad.

Dies war die Route des berühmten Arlberg-Orient-Express, der von den 1930er- bis in die 1960er-Jahre von Griechenland aus durch Belgrad und weiter nach Norden gefahren war. Natürlich saß der Mann nicht im Führerhaus einer schimmernden Pacific-231-Dampflokomotive, die elegante Speise-, Abteil- und Schlafwagen aus Mahagoni und Messing zog, in denen die Reisenden in Luxus und Vorfreude schwelgten. Er befehligte vielmehr ein verbeultes altes Ungetüm aus Amerika, an das halbwegs verlässliche Frachtwaggons mit ganz alltäglicher Ladung angehängt waren.

Gleichwohl empfand er bei jedem Anblick dieser Reise den Schauder der Geschichte, vor allem, je näher sie dem Fluss kamen, seinem Fluss.

Trotzdem war ihm unbehaglich zumute.

Zwischen den Waggons, die für Budapest bestimmt waren und Kohle, Altmetall, Konsumgüter und Nutzholz geladen hatten, gab es einen, der ihm Sorgen machte. Er enthielt Fässer voller MIC – Methylisocyanat –, das in Ungarn bei der Herstellung von Gummi benutzt werden sollte.

Der Lokführer – ein rundlicher Mann mit schütterem Haar, abgenutzter Schirmmütze und fleckigem Overall – war durch seinen Vorgesetzten und einen Idioten von der serbischen Aufsichtsbehörde für Sicherheit und Wohlergehen im Transportwesen ausführlich über die tödliche Chemikalie in Kenntnis gesetzt worden. Vor einigen Jahren hatte das Zeug im indischen Bhopal achttausend Menschen getötet – und das innerhalb weniger Tage, nachdem in dem dortigen Chemiewerk ein Leck aufgetreten war.

Er hatte begriffen, welche Gefahr die Fracht bedeutete, als erfahrener Eisenbahner und Gewerkschaftsmitglied aber dennoch gefragt: »Was genau bedeutet das für die Fahrt nach Budapest?«

Der Boss und der Bürokrat hatten sich wissend angesehen und nach einigem Überlegen auf »Seien Sie einfach nur sehr vorsichtig« beschränkt.

In der Ferne zeichneten sich nun die Lichter von Novi Sad ab, Serbiens zweitgrößter Stadt, und die Donau erschien als blasser Streifen in der Abenddämmerung. Der Fluss wurde in Geschichte und Musik gerühmt. In Wahrheit war er braun, unscheinbar und wurde von Lastkähnen und Tankern befahren, nicht von Booten mit Liebespaaren und Wiener Orchestern im Kerzenschein – jedenfalls nicht hier. Aber Donau blieb Donau, der ganze Stolz des Balkans, und so schwoll auch jedes Mal die Brust des Eisenbahners, wenn er mit seinem Zug über die Brücke fuhr.

Sein Fluss …

Er spähte durch die schmutzige Scheibe auf die Schienen im Scheinwerferlicht der General-Electric-Diesellok und konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.

Der Gashebel hatte acht mögliche Einstellungen, wobei die Nummer eins der langsamsten Geschwindigkeit entsprach. Gegenwärtig stand er auf fünf. Der Lokführer schaltete auf drei herunter, denn es kam eine Reihe von Kehren. Die mehr als viertausend PS starke Maschine wurde etwas leiser, und die Leistung verringerte sich.

Als der Zug den geraden Streckenteil vor der Brücke erreichte, schaltete der Lokführer wieder auf Stufe fünf, dann auf sechs. Die Maschine dröhnte lauter und schneller, und von hinten ertönte mehrmals ein deutliches Klirren. Es stammte von den Kupplungen zwischen den Waggons, die auf die Beschleunigung reagierten, und der Lokführer hatte es schon unzählige Male gehört. Doch diesmal gaukelte seine Fantasie ihm vor, das Geräusch wäre durch die Metallbehälter mit der tödlichen Chemikalie in Waggon Nummer drei hervorgerufen worden. Die Fässer prallten gegeneinander und würden womöglich ihr Gift verspritzen.

Unsinn, tadelte er sich und achtete darauf, die Geschwindigkeit zu halten. Dann zog er an dem Griff des Signalhorns. Es gab eigentlich keinen Anlass, aber er fühlte sich dabei irgendwie besser.

2

Ein Mann mit ernster Miene lag wie ein Jäger im Gras einer Hügelkuppe und hörte in einigen Kilometern Entfernung ein Horn ertönen. Ein Blick durch sein Nachtsichtfernrohr verriet ihm, dass das Signal von dem Zug stammte, der aus Richtung Süden nahte und in zehn oder fünfzehn Minuten hier eintreffen würde. Der Mann fragte sich, welche Auswirkungen das auf die heikle Operation haben könnte, die unmittelbar bevorstand.

Er rückte ein Stück herum und musterte durch das Fernrohr die Diesellokomotive und den langen Strang Waggons.

Nachdem er zu dem Schluss gelangt war, dass der Zug für ihn und seine Pläne wohl keine Rolle spielte, richtete James Bond das Fernrohr wieder auf das Restaurant des Kurhotels und nahm erneut sein Ziel in Augenschein. Das große Gebäude mit der gelb verputzten Fassade und den braunen Leisten hatte schon bessere Tage gesehen, schien bei den Einheimischen aber überaus beliebt zu sein, denn auf dem Parkplatz standen zahlreiche Limousinen der Marken Zastava und Fiat.

Es war zwanzig Uhr vierzig an einem klaren Sonntagabend hier in der Nähe von Novi Sad, wo die pannonische Ebene zu einer Landschaft anstieg, die von den Serben »bergig« genannt wurde, wenngleich Bond vermutete, dass mit dieser Bezeichnung lediglich Touristen angelockt werden sollten. Für ihn, einen begeisterten Skifahrer, konnte hier allenfalls von Hügeln die Rede sein. Die Mailuft war trocken und kühl, die Gegend so ruhig wie eine Friedhofskapelle.

Bond verlagerte abermals seine Position. Er war Mitte dreißig, maß einen Meter dreiundachtzig und wog siebenundsiebzig Kilogramm. Sein schwarzes Haar war seitlich gescheitelt, und einige Strähnen fielen ihm ins Gesicht. Auf der rechten Wange verlief eine acht Zentimeter lange Narbe.

Die Kleidung für den heutigen Abend hatte er sorgfältig ausgewählt. Er trug eine dunkelgrüne Jacke und eine wasserfeste Hose des amerikanischen Herstellers 5.11, des besten Anbieters auf dem Markt für taktische Ausrüstung. An seinen Füßen steckten abgetragene Lederstiefel, die sowohl bei einer Verfolgungsjagd als auch in einem Kampf stets sicheren Halt verliehen.

Je dunkler es wurde, desto heller schimmerten im Norden die Lichter des alten Novi Sad. Mochte die Stadt heutzutage auch lebhaft und anziehend wirken, wusste Bond doch um ihre finstere Vergangenheit. Nachdem die Ungarn im Januar 1942 Tausende der Einwohner niedergemetzelt und ihre Leichen in die eisige Donau geworfen hatten, war Novi Sad eine maßgebliche Triebfeder des Partisanenwiderstands geworden. Bond wollte hier heute Abend eine weitere Gräueltat verhindern, zwar anders geartet, aber von gleichem oder gar größerem Ausmaß.

Am gestrigen Samstag war in den britischen Nachrichtendiensten Alarm ausgelöst worden. Das GCHQ in Cheltenham hatte ein elektronisches Raunen entschlüsselt. Demnach stand in der folgenden Woche ein Anschlag bevor.

besprechung in noahs büro, bestätigen vorfall für freitag, den 20., abends, rechnen mit tausenden unmittelbaren opfern und nachteiligen auswirkungen auf britische interessen, transfer der zahlungen wie vereinbart.

Wenig später hatten die Lauscher der Regierung zudem eine zweite SMS geknackt, die vom selben Telefon mit demselben Verschlüsselungsalgorithmus an eine andere Nummer geschickt worden war.

treffen sonntag im restaurant rostilj bei novi sad, 20.00 uhr. ich bin knapp eins neunzig groß, mit irischem akzent.

Dann hatte der Ire – der netterweise, wenn auch unfreiwillig, für seinen eigenen Spitznamen gesorgt hatte – das Telefon zerstört oder den Akku herausgenommen, genau wie die Empfänger der beiden Nachrichten.

In London waren am Abend das Joint Intelligence Committee und Mitglieder des COBRA, des Großen Krisenstabs, zusammengekommen, um eine Risikoeinschätzung des Vorfalls Zwanzig vorzunehmen, so benannt nach dem Datum des Freitags.

Zum Initiator oder zur Natur der Bedrohung gab es keine konkreten Erkenntnisse, aber nach Ansicht des MI6 lag der Ursprung in den Stammesregionen Afghanistans, wo al-Qaida und ihre Ableger dazu übergegangen waren, in den Ländern Europas westliche Handlanger zu engagieren. Die britischen Agenten in Kabul holten nun in großem Umfang weitere Informationen ein. Auch die serbische Spur musste verfolgt werden. Und so hatten die langen Tentakel dieser Ereignisse am Samstagabend um zweiundzwanzig Uhr nach Bond gegriffen und ihn gepackt, als er gerade in einem exklusiven Restaurant an der Charing Cross Road saß und einer schönen Frau lauschte, die ihm ausführlich und ermüdend ihr Leben als verkannte Malerin schilderte. Die SMS in Bonds Mobiltelefon hatte gelautet:

NA-EIN, kontaktieren Sie Leitstelle.

»Na-ein« – der Hinweis auf einen Nachteinsatz bedeutete, dass Bond unverzüglich reagieren musste, wann auch immer die Nachricht empfangen wurde. Das Telefonat mit seinem Stabschef hatte zum Glück das Ende der abendlichen Verabredung bedeutet, und bald darauf war Bond auf dem Weg nach Serbien gewesen. Er hatte einen Einsatzbefehl der Stufe 2 erhalten und war autorisiert, den Iren zu identifizieren sowie Peilsender und andere Zielgeber zu nutzen, um ihm zu folgen. Falls das nicht möglich war, durfte Bond den Iren gewaltsam außer Gefecht setzen und zurück nach England schmuggeln oder ihn zu einem der geheimen Verhörzentren auf dem Kontinent verfrachten.

Daher lag Bond nun inmitten weißer Narzissen und achtete darauf, die Blätter jener hübschen, aber giftigen Frühlingsblume nicht zu berühren. Er konzentrierte sich auf den Blick durch das Vorderfenster des Restaurants Roštilj, in dem der Ire vor einem nahezu unberührten Teller saß und mit seinem bislang unbekannten, aber slawisch aussehenden Gegenüber sprach. Der Einheimische hatte an anderer Stelle geparkt und war zu Fuß hergekommen, womöglich aus Nervosität. Jedenfalls gab es kein Nummernschild, das Bond hätte überprüfen können.

Der Ire war weniger schüchtern gewesen und vierzig Minuten zuvor in einem unauffälligen Mercedes eingetroffen. Das Kennzeichen hatte ergeben, dass der Wagen an jenem Tag gegen Barzahlung und unter einem Decknamen gemietet worden war. Der Mann hatte dabei einen gefälschten britischen Führerschein und Reisepass vorgelegt. Er war ungefähr in Bonds Alter, vielleicht etwas älter, einen Meter achtundachtzig groß und schlank. Auf dem Weg ins Restaurant war er regelrecht gewatschelt, mit den Füßen nach außen gedreht. Eine seltsame blonde Ponyfrisur hing ihm über die hohe Stirn, und seine Wangenknochen wiesen nach unten auf ein markantes Kinn.

Bond war überzeugt, dass es sich bei diesem Mann um die gesuchte Person handelte. Vor zwei Stunden hatte er in dem Restaurant eine Tasse Kaffee getrunken und am Eingang eine Wanze platziert. Zum angekündigten Zeitpunkt war dann der besagte Mann eingetroffen und hatte sich auf Englisch an den Oberkellner gewandt – langsam und laut, wie Ausländer dies häufig tun, wenn sie mit Einheimischen sprechen. Bond, der mittels einer App auf seinem Telefon aus dreißig Metern Entfernung zuhörte, hielt den Akzent für eindeutig aus Ulster stammend – höchstwahrscheinlich Belfast oder Umgebung. Das Treffen zwischen dem Iren und seinem hiesigen Kontakt fand leider außer Reichweite der Wanze statt.

Durch sein Fernrohr nahm Bond den Widersacher nun genau ins Visier und prägte sich alle Details ein. »Kleine Anhaltspunkte können dich retten, kleine Fehler dich töten«, hatten die Ausbilder in Fort Monckton stets gemahnt. Er registrierte, dass der Ire kontrolliert wirkte, ohne überflüssige Gesten. Als der andere eine Skizze zeichnete, zog der Ire sie mit dem Radiergummi eines Drehbleistifts zu sich heran, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Er saß mit dem Rücken zum Fenster und verdeckte sein Gegenüber; die Überwachungs-Apps in Bonds Mobiltelefon konnten bei keinem der beiden die Lippen lesen. Einmal drehte der Ire sich um und schaute nach draußen, als hätte sein sechster Sinn sich gemeldet. Die hellen Augen waren ausdruckslos. Nach einer Weile wandte er sich wieder dem Essen zu, das ihn offenbar nicht interessierte.

Das Treffen schien sich dem Ende zuzuneigen. Bond verließ die Hügelkuppe und schlich den Hang hinunter, vorbei an vereinzelten Fichten und Kiefern und durch karges Unterholz, in dem überall die weißen Blumen wuchsen. Er sah erneut das verblasste Schild mit serbischer, französischer und englischer Aufschrift, über das er sich schon bei seiner Ankunft amüsiert hatte:

KURHOTEL UND RESTAURANT ROŠTILJ

Gelegen in ein erklärte Erholungsgebiet,empfohlen von allen für Genesung nach Chirurgie, besonders hilfreich bei akute und chronische Krankheit von Atemorgane und Blutarmut.

Besuchen Sie unsere gut sortierte Bar!

Er kehrte zurück zu dem Treffpunkt hinter dem baufälligen Schuppen, der nach Motoröl, Benzin und Pisse stank, unweit der Auffahrt zum Restaurant. Seine beiden »Genossen«, wie er sie insgeheim nannte, warteten hier auf ihn.

James Bond zog es eigentlich vor, allein zu arbeiten, aber sein Plan erforderte zwei einheimische Agenten. Sie gehörten zum BIA, dem serbischen Sicherheitsinformationsdienst, was so ziemlich die harmloseste Bezeichnung für eine Spionagetruppe war, die man sich vorstellen konnte. Zur Tarnung trugen die Männer die Uniform der Polizei von Novi Sad mit dem goldenen Abzeichen des Innenministeriums.

Sie hatten vierschrötige Gesichter, runde Köpfe, nie ein Lächeln auf den Lippen und kurz geschorene Haare unter blauen Schirmmützen. Die Wolluniformen hatten die gleiche Farbe. Einer der Kerle war etwa vierzig, der andere fünfundzwanzig. Ungeachtet ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit zur gewöhnlichen Polizei hatten sie genügend Waffen mitgebracht, um einen Krieg vom Zaun zu brechen. Am Leib trugen sie schwere Beretta-Pistolen und haufenweise Munition. Auf der Rückbank des geliehenen Polizeiwagens, eines VW Jetta, lagen zwei Kalaschnikow-Sturmgewehre mit grünem Tarnanstrich, eine Uzi sowie ein Leinenbeutel voller Handgranaten – und zwar ernst zu nehmende, Schweizer HG 85er.

Bond wandte sich an den älteren Agenten, doch noch bevor er etwas sagen konnte, hörte er hinter sich ein lautes Klatschen. Er fuhr herum, griff nach seiner Walther PPS – und sah den jüngeren Serben, der mit einer Schachtel Zigaretten fest auf die Handfläche schlug. Bond, ein ehemaliger Raucher, hatte dieses Ritual schon immer völlig lächerlich und überflüssig gefunden.

Was dachte der Kerl sich nur dabei?

»Ruhe!«, flüsterte Bond eisig. »Und stecken Sie die weg. Hier wird nicht geraucht.«

Die dunklen Augen musterten ihn verblüfft. »Mein Bruder raucht die ganze Zeit, wenn er im Außeneinsatz ist. In Serbien wirkt das normaler, als nicht zu rauchen.« Auf der Fahrt hierher hatte der junge Mann endlos von seinem Bruder geschwafelt, einem leitenden Angehörigen der berüchtigten JSO, technisch gesehen einer Abteilung des Geheimdienstes, wenngleich Bond wusste, dass es sich in Wahrheit um eine paramilitärische Spezialeinheit für verdeckte Operationen handelte. Der junge Agent hatte durchblicken lassen – vermutlich absichtlich, denn er war dabei hörbar stolz gewesen –, dass sein großer Bruder zu Arkans Tigern gehört hatte, einer skrupellosen Bande, auf deren Konto einige der schlimmsten Gräueltaten der Kämpfe in Kroatien, Bosnien und im Kosovo gingen.

»Auf den Straßen von Belgrad mag das so sein, aber das hier ist ein taktischer Einsatz«, murmelte Bond. »Stecken Sie sie ein.«

Der Agent gehorchte zögernd. Er schien etwas zu seinem Partner sagen zu wollen, besann sich dann aber eines Besseren. Vielleicht war ihm eingefallen, dass Bond etwas Serbokroatisch verstand.

Bond sah wieder in das Restaurant, wo der Ire soeben einige Scheine auf das kleine Metalltablett legte – selbstverständlich benutzte er keine zurückverfolgbare Kreditkarte. Der andere Mann zog gerade seine Jacke an.

»Okay, es geht los.« Bond wiederholte den Plan. Sie würden dem Mercedes des Iren mit dem Polizeiwagen folgen, bis er sich etwa anderthalb Kilometer von dem Restaurant entfernt hatte. Dann würden die serbischen Agenten das Fahrzeug anhalten und behaupten, es passe zur Beschreibung eines Wagens, der bei einem Drogenverbrechen in Novi Sad benutzt worden sei. Der Ire würde höflich zum Aussteigen aufgefordert und mit Handschellen gefesselt werden. Sein Mobiltelefon, seine Brieftasche und alle Papiere würden auf den Kofferraum des Mercedes gelegt. Dann würde man ihn wegführen und mit dem Rücken zum Fahrzeug am Straßenrand Platz nehmen lassen.

Bond würde sich unterdessen von der Rückbank des Jetta schleichen, die Dokumente fotografieren, den Inhalt des Telefons herunterladen, etwaige Laptops und Gepäckstücke durchsuchen und dann diverse Peilsender installieren.

Der Ire würde den Eindruck bekommen, dass die Polizei ihn als Ausländer anscheinend schikanieren wollte. Daraufhin würde er ein angemessenes Bestechungsgeld anbieten und dann seinen Weg fortsetzen können.

Falls der einheimische Partner das Restaurant zusammen mit ihm verließ, würden sie denselben Plan durchführen, nur eben mit beiden Beteiligten.

»Also, ich bin mir zu neunzig Prozent sicher, dass er Ihnen die Vorstellung abkauft«, sagte Bond. »Falls jedoch nicht und er greift Sie an, vergessen Sie nicht, dass er unter keinen Umständen getötet werden darf. Ich brauche ihn lebend. Zielen Sie auf den Arm, den er bevorzugt, und zwar in die Nähe des Ellbogens, nicht auf die Schulter.« Im Gegensatz zu dem, was man im Kino zu sehen bekam, war eine Schulterverletzung meistens ebenso tödlich wie ein Schuss in den Bauch oder die Brust.

Der Ire trat nun nach draußen, die Füße auswärts gewandt. Er blieb stehen und schaute sich um. Hatte sich etwas verändert?, würde er denken. Es waren seit seiner Ankunft weitere Fahrzeuge eingetroffen; kam ihm daran irgendwas ungewöhnlich vor? Er schöpfte offenbar keinen Verdacht. Die beiden Männer stiegen in den Mercedes.

»Sie fahren zu zweit los«, sagte Bond. »Wir bleiben bei unserem Plan.«

»Da.«

Der Ire ließ den Motor an. Schaltete die Scheinwerfer ein.

Bond vergewisserte sich, dass seine Walther fest in ihrem Lederholster steckte, und stieg hinten in den Polizeiwagen ein. Auf dem Fahrzeugboden lag eine leere Getränkedose. Während Bond auf Beobachtungsposten gewesen war, hatte einer seiner Genossen sich ein Jelen Pivo gegönnt, das Bier mit dem Hirschkopf. Die Insubordination ärgerte ihn mehr als die Sorglosigkeit. Der Ire könnte Verdacht schöpfen, wenn er von einem Polizisten angehalten wurde, dessen Atem nach Bier roch. Das Ego und die Gier eines Mannes kann man sich zunutze machen, glaubte Bond, doch Inkompetenz stellt lediglich eine unentschuldbare Gefahr dar.

Die Serben nahmen auf den Vordersitzen Platz. Der Motor erwachte zum Leben. Bond klopfte gegen den Ohrhörer seines SRAC, des Short-Range Agent Communication Device, mit dem im Verlauf taktischer Operationen ein verschlüsselter Funkverkehr möglich war. »Kanal zwei«, erinnerte er sie.

»Da, da«. Der ältere Mann klang gelangweilt. Die beiden steckten sich die Knöpfe ins Ohr.

Und James Bond fragte sich erneut: Hatte er das hier gründlich genug bedacht? Trotz aller Eile, mit der dieser Einsatz veranlasst worden war, hatte Bond vier Stunden auf die Planung verwandt. Er glaubte, alle denkbaren Möglichkeiten in Erwägung gezogen zu haben.

Außer einer, wie es schien.

Der Ire tat nicht, was er unbedingt tun musste.

Er fuhr nicht weg.

Der Mercedes bog nicht etwa in die Auffahrt ein, sondern rollte vom Parkplatz auf den Rasen neben dem Restaurant, verdeckt durch eine hohe Hecke, sodass Personal und Gäste ihn nicht sehen konnten. Er steuerte auf ein mit Unkraut bewachsenes Feld im Osten zu.

»Govno!«, rief der jüngere Agent. »Was macht er denn da?« Die drei Männer stiegen aus, um besser sehen zu können. Der Ältere zog seine Pistole und wollte dem Wagen hinterherlaufen.

Bond hielt ihn zurück. »Nein! Warten Sie.«

»Er entkommt. Er hat uns bemerkt!«

»Nein – das hat einen anderen Grund.« Der Ire fuhr nicht, als würde er verfolgt, sondern ließ den Mercedes langsam voranrollen, wie ein Boot in der sanften Morgendünung. Außerdem gab es nichts, wohin er hätte fliehen können. Das Gelände wurde eingerahmt durch die Klippen oberhalb der Donau, den Bahndamm und den Wald auf den Hängen der Fruška Gora.

Bond beobachtete, wie der Mercedes in etwa hundert Metern Entfernung die Schienen erreichte. Der Wagen bremste, machte eine Kehrtwende und hielt an. Die Haube zeigte nun wieder in Richtung des Restaurants. In der Nähe stand ein Schuppen der Bahn, und es gab eine Weiche, an der ein zweites Gleis vom Hauptstrang abzweigte. Die beiden Männer stiegen aus, und der Ire holte etwas aus dem Kofferraum.

Du musst auf Handlungen des Gegners angemessen reagieren – Bond rezitierte in Gedanken eine weitere Grundregel aus dem Ausbildungszentrum von Fort Monckton bei Gosport. Du musst die Absicht des anderen ergründen.

Doch was hatte der Ire vor?

Bond nahm abermals das Fernrohr zur Hand, schaltete den Restlichtverstärker ein und stellte das Bild scharf. Der Partner öffnete soeben die Klappe eines der Signale neben den Schienen und fing an, im Innern herumzufummeln. Bond sah, dass das abzweigende Gleis verrostet und stillgelegt war. Es endete auf einem Hügel an einer Barriere.

Demnach ging es um Sabotage. Sie wollten den Zug umleiten und entgleisen lassen. Die Waggons würden den Hügel hinunterstürzen und in einem Bach landen, der in die Donau mündete.

Aber warum?

Bond richtete das Fernrohr auf die Diesellok und ihre Waggons und sah die Antwort. Die ersten beiden Wagen hatten bloß Altmetall geladen, doch hinter ihnen stand auf der Plane eines Tiefladers Opasnost! geschrieben. Gefahr! Außerdem prangte dort das international gültige diamantförmige Symbol für Gefahrgut, das im Notfall den Rettern Aufschluss über den genauen Inhalt einer Ladung gab. Beunruhigenderweise hatte dieser Diamant hier hohe Werte in allen drei Kategorien: Gesundheitsrisiko, Instabilität und Entzündlichkeit. Das W darunter bedeutete, dass die Substanz auf kritische Weise mit Wasser reagieren würde. Was auch immer auf diesem Waggon verladen war, es zählte zur tödlichsten Gefahrenstufe, abgesehen von nuklearem Material.

Der Zug befand sich nur noch etwas mehr als einen Kilometer von der Weiche entfernt und legte vor der Steigung zur Brücke an Tempo zu.

Du musst auf Handlungen des Gegners angemessen reagieren …

Er wusste nicht, inwiefern – falls überhaupt – dieser Sabotageakt mit Vorfall Zwanzig zusammenhing, aber die unmittelbare Absicht der beiden Männer war klar. Ebenso die Reaktion, die Bond nun instinktiv beschloss. »Falls die zwei verschwinden wollen, stoppen Sie sie in der Auffahrt und nehmen sie fest«, wandte er sich an die Genossen. »Ohne die Anwendung tödlicher Gewalt.«

Er sprang auf den Fahrersitz des Jetta, visierte die Wiese an, von der aus er zuvor das Restaurant beobachtet hatte, trat das Gaspedal durch und ließ die Kupplung kommen. Unter lautstarkem Protest von Motor und Getriebe schoss der leichte Wagen voran und pflügte über Büsche, Schösslinge, Narzissen und die in Serbien allgegenwärtigen Himbeersträucher hinweg. Hunde ergriffen die Flucht, und in den kleinen Häusern der Nachbarschaft gingen die Lichter an. Manch Anwohner drohte wütend von seinem Garten aus.

Bond ignorierte die Leute und konzentrierte sich darauf, die Geschwindigkeit zu halten, während er sein Ziel ansteuerte, angeleitet allein durch zwei spärliche Lichtquellen: ein zunehmender Mond über ihm und der Scheinwerfer des Unglückszuges, der weitaus heller und runder als die Himmelsleuchte war.

3

Der bevorstehende Tod machte ihm zu schaffen.

Niall Dunne hockte keine zehn Meter von der Weiche entfernt im hohen Gras. Er kniff die Augen zusammen und spähte durch die Abenddämmerung dem Führerhaus des serbischen Lokführers entgegen, der mit seinem Frachtzug immer näher kam. Erneut dachte er: eine Tragödie.

Zunächst mal war Tod für gewöhnlich eine Verschwendung, und Dunne konnte Verschwendung nicht ausstehen – sie kam ihm fast wie eine Sünde vor. Dieseltriebwerke, Hydraulikpumpen, Zugbrücken, Elektromotoren, Computer, Fließbänder … alle Maschinen waren so konstruiert, dass sie ihre Arbeit möglichst effizient erledigten.

Tod war eine Vergeudung von Ressourcen.

Doch heute Abend schien kein Weg daran vorbeizuführen.

Er schaute nach Süden, zu den weiß schimmernden Schienen im Licht des Zugscheinwerfers. Dann sah er sich um. Der Mercedes stand so, dass er vom Zug aus nicht entdeckt werden konnte. Auch dieser Stellplatz zählte zu den von Dunne präzise bedachten Details des heutigen Abends. Er erinnerte sich an die Stimme seines Bosses.

Das ist Niall. Er ist brillant. Er ist bei mir für die Planung zuständig …

Dunne glaubte im Führerhaus der Lok nun den Umriss eines Kopfes ausmachen zu können.

Tod … Er versuchte, den Gedanken abzuschütteln.

Der Zug war noch vier- oder fünfhundert Meter entfernt.

Aldo Karic gesellte sich zu ihm.

»Was ist mit der Geschwindigkeit?«, wandte Dunne sich an den Serben mittleren Alters. »Ist die in Ordnung? Er kommt mir so langsam vor.«

»Nein, ist gut«, radebrechte der Serbe auf Englisch. »Wird jetzt schneller – sehen Sie. Sie können erkennen. Ist gut.« Karic, ein brummiger Mann, atmete tief durch. Er wirkte schon den ganzen Abend nervös – nicht etwa, so hatte er eingeräumt, weil man ihn verhaften oder feuern könnte, sondern weil es so schwierig sein würde, die zehntausend Euro vor allen anderen geheim zu halten, auch vor seiner Frau und den beiden Kindern.

Dunne musterte abermals den Zug und zog dessen Geschwindigkeit und Masse sowie die Steigung des Geländes in Betracht. Ja, es war gut. Mittlerweile würde es physikalisch unmöglich sein, den Zug zum Stehen zu bringen, bevor er die manipulierte Weiche erreichte, ganz gleich, ob nun jemand versuchen würde, dem Lokführer von draußen ein Zeichen zu geben, oder ob sogar ein Vorgesetzter in Belgrad mitbekam, dass etwas nicht stimmte, im Führerhaus anrief und eine Notbremsung befahl.

Manchmal ist der Tod eben unvermeidbar, rief Dunne sich ins Gedächtnis.

Der Zug war nun noch dreihundert Meter entfernt.

In neunzig Sekunden würde alles vorbei sein. Und dann …

Doch was war das? Dunne registrierte auf einem nahen Feld plötzlich eine Bewegung. Irgendein undefinierbarer Schemen raste über den unebenen Boden direkt auf das Gleis zu. »Sehen Sie das?«, fragte er Karic.

Der Serbe erschrak. »Ja, ich sehe … Das ist ein Auto! Was ist los?«

Tatsache. Im fahlen Mondschein erkannte nun auch Dunne das helle Fahrzeug, das über Bodenwellen hinwegschoss und Bäumen und Zaunresten auswich. Wie konnte der Fahrer auf so einem Untergrund nur ein dermaßen hohes Tempo beibehalten? Es schien unmöglich.

Vielleicht irgendwelche Teenager, die eines ihrer dämlichen Spiele spielten? Dunne stellte aufs Neue einige Berechnungen an. Falls der Wagen nicht langsamer wurde, könnte er die Schienen einige Sekunden vor dem Zug überqueren … aber der Fahrer würde das Gleis überspringen müssen; es gab hier keinen regulären Bahnübergang. Falls das Fahrzeug auf dem Gleis hängen blieb, würde die Diesellok es wie eine Konservendose zerquetschen. Wie dem auch sei, es hatte keine Auswirkungen auf Dunnes Mission. Das winzige Auto würde beiseitegeschleudert werden, und der Zug würde seinen Weg auf das tödliche Gleis fortsetzen.

Halt – Moment – was war das? Dunne erkannte, dass es sich um einen Streifenwagen handelte. Aber wieso ohne Blaulicht oder Sirene? Das Fahrzeug musste gestohlen sein. Ein Selbstmord?

Doch der Fahrer des Polizeiwagens hatte nicht die Absicht, auf den Schienen zu halten oder sie gar zu überqueren. Nach einem letzten Satz über eine Bodenwelle krachte der Wagen auf die Erde und kam schlitternd zum Stehen, gleich neben dem Bahndamm, ungefähr fünfzig Meter vor dem Zug. Der Fahrer sprang heraus – ein Mann. Er trug dunkle Kleidung. Dunne konnte ihn nicht deutlich sehen, doch er schien kein Polizist zu sein. Und er versuchte auch nicht, dem Lokführer ein Zeichen zu geben. Er rannte mitten auf das Gleis und kniete sich ruhig hin, direkt vor die Lokomotive, die mit achtzig oder neunzig Kilometern pro Stunde auf ihn zuraste.

Das Signalhorn dröhnte hektisch durch die Nacht, und orangefarbene Funken stoben von den blockierenden Rädern auf.

Als der Zug nur noch wenige Meter entfernt war, hechtete der Mann von den Schienen und verschwand im Graben.

»Was geht da vor sich?«, flüsterte Karic.

In diesem Moment blitzte es vor der Lok gelblich weiß auf, und gleich darauf vernahm Dunne einen Knall, den er wiedererkannte: die Explosion einer kleinen Sprengladung oder einer Granate. Sekunden später ging die nächste Ladung hoch.

Wie es schien, hatte der Fahrer des Polizeiwagens eigene Pläne.

Mit denen er Dunnes Plan durchkreuzte.

Nein, das war kein Polizist oder Selbstmordkandidat, sondern ein Profi mit Sprengstoffkenntnissen. Die erste Explosion hatte die Schienennägel herausgerissen, mit denen das Gleis auf den hölzernen Schwellen befestigt war, die zweite dann die gelockerte Schiene ein Stück zur Seite geschoben, sodass die linken vorderen Räder der Diesellok entgleisen würden.

Karic murmelte etwas auf Serbisch. Dunne ignorierte ihn und sah den runden Scheinwerfer der Lok ins Schwanken geraten. Dann glitten die Lok und die schweren Waggons hinter ihr mit lautem Rattern und furchtbarem Kreischen von den Schienen und frästen sich einen Weg durch die Erde und den Schotter des Gleisbetts. Eine gewaltige Staubwolke stieg auf.

4

Vom Graben aus beobachtete James Bond, wie die Lokomotive und die Waggons sich in den weichen Boden gruben und immer langsamer wurden, während sie die Schienen von den Schwellen schälten und Sand, Dreck und Steine in alle Richtungen schleuderten. Schließlich stand er auf, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Ihm waren nur wenige Minuten geblieben, um das Unglück zu verhindern, bei dem eine tödliche Substanz in die Donau gelangt wäre. Nachdem er den Jetta zum Stehen gebracht hatte, hatte er sich zwei der Granaten von der Rückbank geschnappt und sie auf den Schienen platziert.

Die Lokomotive und Waggons waren wie erwartet aufrecht geblieben und nicht in den Bach gekippt. Bond hatte seine Entgleisung auf einem ebenen Stück Boden durchgeführt, im Gegensatz zu der beabsichtigten Sabotage des Iren. Nun kam der Zug zischend, ächzend und knarrend unweit des Iren und seines Partners zum Stillstand, wenngleich Bond sie in all dem Staub und Rauch nicht sehen konnte.

»Hier Teamführer Eins«, sprach er in das Mikrofon des SRAC. »Hören Sie mich?« Stille. »Sind Sie da?«, knurrte er. »Antworten Sie.« Bond massierte sich die Schulter, wo ein heißer Metallsplitter seine Jacke zerfetzt und die Haut aufgeschlitzt hatte.

Ein Knistern. Dann endlich: »Der Zug ist entgleist!« Es war die Stimme des älteren Serben. »Haben Sie das gesehen? Wo sind Sie?«

»Hören Sie genau zu.«

»Was ist passiert?«

»Hören Sie! Wir haben nicht viel Zeit. Ich schätze, die beiden werden versuchen, die Gefahrgutbehälter zu sprengen oder unter Beschuss zu nehmen. Denen bleibt keine andere Möglichkeit, um den Inhalt freizusetzen. Ich werde das Feuer eröffnen und die zwei Männer zu ihrem Wagen zurückdrängen. Warten Sie, bis der Mercedes die schlammige Stelle in der Nähe des Restaurants erreicht. Dann zerschießen Sie die Reifen und lassen die beiden nicht aussteigen.«

»Wir sollten sie uns sofort schnappen!«

»Nein. Tun Sie nichts, bis die Männer beim Restaurant sind. In dem Mercedes haben sie keine Deckung und müssen sich ergeben. Haben Sie mich verstanden?«

Das SRAC blieb stumm.

Verdammt. Bond lief durch den Staub zu der Stelle, wo der dritte Waggon, der mit dem Gefahrgut, darauf wartete, auseinandergenommen zu werden.

Niall Dunne versuchte zu begreifen, was da gerade geschehen war. Er hatte gewusst, dass er vielleicht würde improvisieren müssen, aber hiermit hatte er nicht gerechnet: mit einem Präventivschlag durch einen unbekannten Gegner.

Er spähte vorsichtig hinter dem Gebüsch hervor. Die Lokomotive stand ganz in der Nähe, rauchte, klickte, zischte. Der Angreifer war unsichtbar, verborgen im Dunkel der Nacht, dem Staub und Qualm. Womöglich war der Mann zerquetscht worden. Oder geflohen. Dunne warf sich den Rucksack über die Schulter und schlich auf die andere Seite der Lok, wo die entgleisten Waggons ihm Deckung bieten würden – für den Fall, dass der Feind noch am Leben und vor Ort war.

Dunne empfand sogar eine gewisse Erleichterung, so seltsam das klingen mochte. Der Tod war abgewendet worden. Dunne hatte sich darauf vorbereitet, sich gewappnet – der Wunsch seines Bosses war ihm natürlich Befehl –, aber die Einmischung des Fremden hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Beim Anblick der riesigen Diesellok verspürte er unwillkürlich Bewunderung. Es war eine amerikanische General Electric Dash 8-40B, alt und verbeult, wie man sie auf dem Balkan häufig zu sehen bekam, aber dennoch eine klassische Schönheit mit viertausend Pferdestärken. Er betrachtete die Stahlbleche, die Räder, Abzugsöffnungen, Achslager und Ventile, die Federn, Schläuche und Leitungen … alle so prächtig und elegant in ihrer schlichten Funktionalität. Ja, es war wirklich eine große Erleichterung, dass …

Er erschrak, denn ein Mann torkelte auf ihn zu und flehte um Hilfe. Der Lokführer. Dunne schoss ihm zweimal in den Kopf.

Es war eine wirklich große Erleichterung, dass Dunne entgegen seiner Befürchtung nicht gezwungen gewesen war, den Tod dieser wundervollen Maschine zu verursachen. Er strich mit der Hand über die Flanke der Lokomotive, so wie ein Vater das Haar seines kranken Kindes streicheln würde, dessen Fieber endlich zurückging. In ein paar Monaten würde die Lok wieder im Einsatz sein.

Niall Dunne zog den Rucksack höher die Schulter hinauf und schob sich zwischen die Waggons, um mit der Arbeit zu beginnen.

5

Die beiden Schüsse, die James Bond gehört hatte, hatten nicht dem Gefahrgutwaggon gegolten – den behielt er aus fünfundzwanzig Metern Entfernung im Blick. Er vermutete, dass der Lokführer und eventuell ein Begleiter nun tot waren.

Dann entdeckte er inmitten der Staubschwaden den Iren. Er stand mit einer schwarzen Pistole in der Hand zwischen den beiden schräg stehenden Altmetallwaggons direkt hinter der Lok. Ein offenbar voller Rucksack hing über seiner Schulter. Falls er vorhatte, die Gefahrgutbehälter zu sprengen, hatte er die Ladungen anscheinend noch nicht angebracht.

Bond zielte und schoss zweimal dicht neben den Iren, um ihn zu dem Mercedes zurückzutreiben. Der Mann duckte sich erschrocken und verschwand sogleich.

Bond schaute in Richtung des Restaurants und des geparkten Mercedes. Seine Miene verhärtete sich. Die serbischen Agenten waren seinen Anweisungen nicht gefolgt. Sie hatten den Komplizen des Iren überwältigt und ihm eine Nylonfessel angelegt. Nun umrundeten sie den Bahnschuppen und näherten sich dem Zug.

Inkompetenz …

Bond rappelte sich auf und lief geduckt auf sie zu.

Die Serben deuteten auf die Schienen. Der Rucksack stand mittlerweile unweit der Lok zwischen einigen hohen Pflanzen auf dem Boden, und dahinter lag ein Mann. Die Agenten hielten vorsichtig darauf zu.

Der Rucksack war der des Iren … aber der war natürlich nicht der Mann dahinter. Wahrscheinlich handelte es sich um den toten Lokführer.

»Nein«, flüsterte Bond in das SRAC. »Das ist ein Trick! … Können Sie mich hören?«

Doch der ältere Agent beachtete ihn nicht, sondern trat vor und rief: »Ne mrdaj! Keine Bewegung!«

In diesem Moment beugte der Ire sich aus dem Führerhaus der Lok und gab aus seiner Pistole mehrere Schüsse ab. Der Serbe wurde am Kopf getroffen und sackte zu Boden.

Sein jüngerer Kollege nahm an, dass der Mann hinter dem Rucksack gefeuert hatte, und entleerte seine automatische Waffe in den Leichnam des Lokführers.

»Opasnost!«, rief Bond.

Aber es war zu spät. Der Ire beugte sich erneut aus dem Führerhaus und schoss dem jüngeren Agenten oberhalb des Ellbogens in den rechten Arm. Der Serbe ließ schreiend die Waffe fallen und kippte nach hinten.

Während der Ire vom Zug sprang, gab er ein halbes Dutzend Schüsse auf Bond ab, der das Feuer erwiderte und dabei die Füße und Knöchel anvisierte. Doch die Rauch- und Staubschwaden waren immer noch dicht, und er verfehlte sein Ziel. Der Ire steckte die Waffe ein, schulterte den Rucksack und zerrte den jüngeren Agenten in Richtung des Mercedes. Sie verschwanden außer Sicht.

Bond lief zurück zu dem Jetta, sprang hinein und fuhr los. Wenig später schoss er über eine Hügelkuppe und landete schlitternd auf dem Feld hinter dem Restaurant Roštilj. Es herrschte absolutes Chaos. Personal und Gäste flohen panisch. Der Mercedes war weg. Bond schaute zurück zu dem entgleisten Zug. Der Ire hatte nicht nur den älteren Agenten getötet, sondern auch seinen eigenen Komplizen – den Serben, mit dem er zu Abend gegessen hatte. Der Mann lag noch immer gefesselt auf dem Bauch. Der Ire hatte ihn einfach erschossen.

Bond stieg aus dem Wagen und filzte den Toten, aber der Ire hatte dem Mann die Brieftasche und auch alles andere abgenommen. Bond zog seine Sonnenbrille aus der Tasche, wischte sie sauber und presste Daumen und Zeigefinger des Leichnams auf die Gläser. Er kehrte zum Jetta zurück und nahm die Verfolgung des Mercedes auf, raste mit hundertzehn Kilometern pro Stunde über die gewundene Straße voller Schlaglöcher.

Nach einigen Minuten sah er in einer Parkbucht etwas Helles liegen. Er stieg auf die Bremse, konnte mit Mühe das Ausbrechen des Hecks verhindern und hielt an. Der Wagen wurde vom Qualm der eigenen Reifen eingehüllt. Am Straßenrand lag der jüngere Agent. Bond stieg aus und beugte sich über den zitternden und jammernden Mann. Die Schussverletzung am Arm war ernst, und er hatte viel Blut verloren. Einer seiner Schuhe fehlte, desgleichen ein Zehennagel. Der Ire hatte ihn gefoltert.

Bond klappte sein Messer auf, schnitt mit der rasiermesserscharfen Klinge einen Streifen vom Hemd des Mannes ab, nahm einen Zweig vom Wegesrand und drehte damit den Wollstreifen immer enger, um den Oberarm abzubinden. Dann beugte er sich vor und wischte dem Serben den Schweiß von der Stirn. »Wo ist er hin?«

Keuchend und mit schmerzverzerrter Miene plapperte der Verwundete auf Serbokroatisch los. Dann begriff er, wer Bond war. »Verständigen Sie meinen Bruder … Sie müssen mich ins Krankenhaus bringen, dann nenne ich Ihnen einen Ort.«

»Ich muss wissen, wo er ist.«

»Ich habe nichts verraten. Er hat es versucht. Aber ich habe nichts über Sie gesagt.«

Der Junge hatte mit Sicherheit alles ausgeplaudert, was er über die Operation wusste, aber das war jetzt nicht das Thema. »Wo ist er hin?«, wiederholte Bond.

»Das Krankenhaus … Bringen Sie mich hin, und ich sage Ihnen, wo er ist.«

»Reden Sie, oder Sie sind in fünf Minuten tot«, erwiderte Bond ruhig und löste die Aderpresse am rechten Arm des jungen Mannes. Blut schoss hervor.

Der Serbe blinzelte. Er hatte Tränen in den Augen. »Also gut! Scheißkerl! Er hat gefragt, wie er von der M-21, der Schnellstraße, zur E-75 kommt, der Autobahn. Die führt nach Ungarn. Er will nach Norden. Bitte!«

Bond band den Arm wieder ab. Er wusste natürlich, dass der Ire nicht nach Norden unterwegs war; der Mann war ein skrupelloser, schlauer Taktiker und brauchte nicht nach dem Weg zu fragen. Bond sah in dem Iren die eigene Hingabe an das Handwerk widergespiegelt. Noch vor seiner Ankunft in Serbien würde der Mann sich die Umgebung von Novi Sad in allen Einzelheiten eingeprägt haben. Und er würde auf der M-21, der einzigen größeren Straße in der Nähe, nach Süden fahren. Sein Ziel dürfte Belgrad oder ein vorbereiteter Ort zur Evakuierung sein.

Bond klopfte die Taschen des jungen Agenten ab, nahm dessen Mobiltelefon und wählte die 112, den Notruf. Als eine Frau sich meldete, legte er das Telefon neben den Mund des Mannes und rannte zurück zu dem Jetta. Dann erforderte die unebene Straße bei hoher Geschwindigkeit seine volle Aufmerksamkeit, und er konzentrierte sich aufs Bremsen und Lenken.

Er raste in eine Kurve, und der Wagen rutschte über die weiße Mittellinie. Ein großer Lastwagen mit kyrillischem Logo kam ihm entgegen und wich seitlich aus. Der Fahrer ließ wütend die Hupe ertönen. Bond riss das Steuer herum, kehrte auf die rechte Fahrspur zurück und vermied eine Kollision um nur wenige Zentimeter. Dann jagte er weiter. Der Ire war die einzige Verbindung zu Noah und den für Freitag angekündigten Tausenden von Opfern.

Fünf Minuten später, kurz vor der M-21, verringerte Bond das Tempo. Ein Stück voraus sah er ein orangefarbenes Flackern, dazu aufsteigende Rauchschwaden, die Mond und Sterne verhüllten. Kurz darauf traf er an der Unfallstelle ein. Der Ire war aus einer engen Kehre und auf einen vermeintlich breiten Seitenstreifen gerutscht, hinter dessen Büschen es jedoch steil nach unten ging. Dort lag der Wagen nun auf dem Dach. Der Motorraum brannte.

Bond hielt an, zog den Zündschlüssel des Jetta ab und stieg aus. Dann nahm er die Walther und eilte halb laufend, halb schlitternd den Hügel hinunter auf den Mercedes zu. Dabei hielt er nach Gefahren Ausschau, konnte aber keine entdecken. Kurz vor dem Wagen blieb er stehen. Der Ire war tot. Er hing angeschnallt kopfüber im Fahrersitz, und die Arme baumelten nach unten. Blut bedeckte Gesicht und Hals und tropfte auf den Fahrzeughimmel.

Der Qualm ließ Bond die Augen zusammenkneifen. Er trat das Seitenfenster ein, um den Leichnam zu bergen und ihm die Taschen zu leeren. Dann würde er den Kofferraum nach Gepäck und Laptops durchsuchen.

Er klappte sein Messer auf, um den Sicherheitsgurt zu durchtrennen. Aus der Ferne näherten sich Sirenen. Bond sah zur Straße hinauf. Die Löschfahrzeuge waren noch mehrere Meilen entfernt, würden aber bald eintreffen. Beeilung! Die Flammen schlugen immer höher aus dem Motorraum. Der Rauch war beißend.

Bond setzte die Klinge an und dachte plötzlich: Die Feuerwehr? So schnell?

Das ergab keinen Sinn. Die Polizei, ja. Aber nicht die Feuerwehr. Er packte den Mann bei den blutigen Haaren und drehte den Kopf.

Das war nicht der Ire. Der Tote trug eine Jacke mit der gleichen kyrillischen Aufschrift wie der Laster, mit dem Bond beinahe zusammengestoßen wäre. Der Ire hatte den Lkw angehalten, dem Fahrer die Kehle durchgeschnitten, ihn in den Mercedes gesetzt und den Wagen über die Kante geschoben. Dann hatte er die örtliche Feuerwehr verständigt, um den Verkehr zu verlangsamen und Bond abzuhängen.

Den Rucksack und alles andere aus dem Kofferraum hatte der Ire natürlich mitgenommen. In Höhe der Rückbank lagen allerdings zwei Stücke Papier auf dem Fahrzeughimmel. Bond schnappte sie sich und steckte sie ein, bevor die Flammen ihn zum Rückzug zwangen. Er lief zurück zu dem Jetta und raste in Richtung M-21 davon. Die sich nähernden Blinklichter blieben hinter ihm zurück.

Dann zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche. Es ähnelte einem iPhone, war aber etwas größer und mit besonderen Optik-, Audio- und anderen Systemen ausgestattet. Außerdem enthielt es zwei Telefone – eines, das auf die offizielle oder inoffizielle Tarnidentität eines Agenten registriert werden konnte, sowie eine versteckte Einheit mit diversen Verschlüsselungspaketen und Hunderten von Apps für den taktischen Einsatz. (Da das Gerät von der Abteilung Q entwickelt worden war, hatte es keinen Tag gedauert, bis irgendein Witzbold im Büro die Dinger »iQPhones« taufte.)

Bond öffnete eine App, die ihn sogleich mit einer Lauschstation des GCHQ verband. Dann gab er dem Stimmerkennungssystem eine mündliche Beschreibung des gelben Lastwagens vom Typ Zastava Eurozeta, den der Ire fuhr. Der Computer in Cheltenham würde automatisch Bonds gegenwärtigen Standort sowie die möglichen Routen des Lkw ermitteln und dann den Satelliten anweisen, alle passenden Fahrzeuge in der näheren Umgebung ausfindig zu machen und zu verfolgen.

Fünf Minuten später summte das Telefon. Hervorragend. Bond sah auf das Display.

Doch die Nachricht stammte nicht von den Schnüfflern. Sie kam von Bill Tanner, Bonds Stabschef. Der Betreff lautete ABTAUCHEN – also ein dringender Notfall.

Bond schaute fortwährend zwischen Straße und Telefon hin und her und las weiter.

GCHQ hat Meldung aufgefangen: Serbischer Agent aus Vorfall-20-Einsatz auf Weg ins Krankenhaus gestorben. Hat angegeben, Sie hätten ihn im Stich gelassen. Serben haben Ihre Festnahme angeordnet. Sofort abbrechen und evakuieren.

MONTAG Der Lumpensammler

6

Nach dreieinhalb Stunden Schlaf wurde James Bond in seiner Wohnung in Chelsea um sieben Uhr morgens durch den elektronischen Weckton seines Mobiltelefons geweckt. Seine Augen richteten sich auf die weiße Decke des kleinen Schlafzimmers. Er blinzelte zweimal und rollte sich aus dem Doppelbett. Die Schmerzen in Schulter, Kopf und Knien schob er beiseite. Er wollte unbedingt die Fährten von Noah und dem Iren aufnehmen.

Die Kleidung vom Vortag lag auf dem Hartholzboden. Bond verstaute die taktische Ausrüstung in einer Sporttasche, hob die restlichen Sachen auf und warf sie in die Wäschetonne. Er wollte May, seiner schottischen Haushälterin, nicht zumuten, seine Klamotten vom Boden aufzusammeln. Sie war ein echter Schatz und kam dreimal pro Woche, um seine Wohnung in Ordnung zu bringen.

Bond ging nackt ins Badezimmer, stellte die Dusche so heiß, dass er es gerade noch aushielt, und schrubbte sich mit unparfümierter Seife ab. Dann schaltete er auf kaltes Wasser um und blieb darunter stehen, bis er auch das nicht mehr aushielt, trat aus der Dusche und trocknete sich ab. Er untersuchte die Verletzungen vom letzten Abend: zwei große auberginefarbene Blutergüsse am Bein, ein paar Kratzer und die Schulterwunde von dem Granatsplitter. Nichts Ernstes.

Er rasierte sich mit einem schweren Rasierhobel, dessen Griff aus hellem Büffelhorn gefertigt war. Bond benutzte dieses edle Gerät nicht etwa, weil es umweltverträglicher war als die Einwegrasierer aus Plastik, die von den meisten Männern bevorzugt wurden, sondern einfach weil die Rasur gründlicher ausfiel – und etwas Geschick erforderte. James Bond suchte auch die kleinen Herausforderungen.

Um Viertel nach sieben war er angezogen: ein marineblauer Anzug von Canali, ein weißes Hemd aus Sea-Island-Baumwolle und eine burgunderfarbene Grenadine-Krawatte, die letzteren beiden von Turnbull & Asser. Dazu schwarze Slipper. Bond trug nie Schnürsenkel, außer bei Einsatzkleidung oder wenn das Handwerk es erforderte, etwa um einem Agentenkollegen mittels der Form der Schleife eine stumme Nachricht zu übermitteln.

Aufs Handgelenk schob Bond sich seine stählerne Rolex Oyster Perpetual, das 34mm-Modell, mit einer Datumsanzeige als einziger Komplikation. Er brauchte weder die Mondphasen zu wissen noch den exakten Zeitpunkt des höchsten Flutwasserstands bei Southampton. Und er vermutete, dass auch sonst kaum jemand Verwendung für solche Spielereien hatte.

Das Frühstück – seine Lieblingsmahlzeit – nahm er meistens in einem kleinen Hotel in der nahen Pont Street ein. Hin und wieder bereitete er sich auch selbst eines der wenigen Gerichte zu, die er beherrschte: drei Eier, sanft verrührt mit irischer Butter. Dazu gab es Speck und knusprigen Vollkorntoast mit noch mehr irischer Butter und Marmelade.

Heute jedoch saß ihm der Vorfall Zwanzig im Nacken, und es blieb keine Zeit fürs Essen. Stattdessen begnügte er sich mit einem ultrastarken Jamaica Blue Mountain Kaffee, den er aus einem Porzellanbecher trank und dabei Radio 4 hörte, um herauszufinden, ob die Zugentgleisung und die nachfolgenden Todesfälle es in die internationalen Nachrichten geschafft hatten. Sie hatten es nicht.

Seine Brieftasche und sein Geld steckten bereits in seiner Tasche, sein Autoschlüssel ebenfalls. Er nahm die Plastiktüte mit den Gegenständen, die er aus Serbien mitgebracht hatte, sowie die verschlossene Stahlkassette mit seiner Waffe und Munition, die er innerhalb Großbritanniens nicht legal am Körper tragen durfte.

Dann eilte er die Treppe seiner Etagenwohnung nach unten. Früher waren dies zwei geräumige Ställe gewesen. Er schloss die Tür auf und betrat die Garage. Hier war gerade genug Platz für die beiden Wagen sowie einige Ersatzreifen und Werkzeuge. Er stieg in das neuere der Fahrzeuge, einen aktuellen Bentley Continental GT, der Lack im charakteristischen Granitgrau der Firma, der Innenraum in geschmeidigem schwarzem Leder.

Der W12-Turbomotor erwachte leise zum Leben. Bond schaltete mit der Lenkradwippe in den ersten Gang, bog auf die Straße ein und ließ seinen anderen Wagen hinter sich zurück, einen weniger leistungsstarken, aber dafür temperamentvolleren und ebenso eleganten 1960er Jaguar E-Type, der seinem Vater gehört hatte.

Er reihte sich in den Verkehr nach Norden ein, zusammen mit Zehntausenden anderen, die genau wie er am Beginn einer neuen Woche zur Arbeit in die Londoner Innenstadt fuhren – obwohl Bonds Tätigkeit natürlich alles andere als durchschnittlich war.

Und das Gleiche galt für seinen Arbeitgeber.

Drei Jahre zuvor hatte James Bond noch im monolithisch grauen Gebäude des Verteidigungsministeriums in Whitehall an einem grauen Schreibtisch gesessen, während der Himmel draußen keineswegs grau, sondern so blau wie ein schottischer Hochlandsee an einem schönen Sommertag gewesen war. Nach seiner Entlassung aus der Royal Naval Reserve hatte Bond kein Interesse daran gehabt, ab jetzt bei Saatchi & Saatchi die Bücher zu führen oder für NatWest Bilanzen zu prüfen. Ein ehemaliger Fechtkamerad vom Fettes College hatte ihm geraten, es bei der Defence Intelligence zu versuchen.

Nachdem er dort eine Reihe von Analysen verfasst hatte, die als präzise und wertvoll geschätzt wurden, hatte er seinen Vorgesetzten gefragt, ob die Möglichkeit bestünde, eine etwas aufregendere Tätigkeit zugewiesen zu bekommen.

Nicht lange nach diesem Gespräch hatte er eine geheimnisvolle Einladung zum Mittagessen im Travellers Club an der Pall Mall erhalten. Die Nachricht erreichte ihn handschriftlich auf Papier, nicht etwa per E-Mail.

Am fraglichen Tag war Bond dann zu einem Ecktisch im Speisesaal geführt worden und hatte gegenüber von einem stämmigen Mann Mitte sechzig Platz genommen, der ihm lediglich als der »Admiral« vorgestellt wurde. Der Fremde trug einen grauen Anzug, dessen Farbe perfekt zu der seiner Augen passte. Sein Gesicht war fleischig, und auf seiner Kopfhaut waren unter dem spärlichen, nach hinten gekämmten braungrauen Haar einige Muttermale zu erkennen. Der Admiral musterte Bond ruhig, aber nicht herausfordernd, hochmütig oder allzu prüfend. Bond hielt dem Blick mühelos stand – ein Mann, der im Kampf getötet hat und beinahe selbst gestorben ist, lässt sich nicht durch irgendwelche Blicke einschüchtern. Ihm wurde jedoch klar, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, was im Kopf des Admirals vorging.

Sie reichten einander nicht die Hände.

Ein Kellner nahm die Bestellung auf. Bond wählte gedünsteten Heilbutt mit Sauce hollandaise, Salzkartoffeln und gegrilltem Spargel. Der Admiral entschied sich für gegrillte Niere mit Speck und fragte Bond: »Wein?«

»Ja, bitte.«

»Wählen Sie einen aus.«

»Burgunder, würde ich sagen. Côte de Beaune? Oder einen Chablis?«

»Vielleicht den Alex Gambal Puligny?«, schlug der Kellner vor.

»Perfekt.«

Die Flasche kam kurz darauf. Der Kellner zeigte Bond mit gewandter Geste das Etikett vor und schenkte ihm einen Schluck ein. Der Wein hatte die Farbe heller Butter, roch erdig und hervorragend und war genau richtig temperiert, nicht zu kalt. Bond nippte daran, nickte beifällig, und ihre Gläser wurden zur Hälfte gefüllt.

Nachdem der Kellner gegangen war, sagte der ältere Mann in barschem Ton: »Sie sind ein Veteran, ich ebenfalls. Keiner von uns hat Interesse an Small Talk. Ich habe Sie hergebeten, um Ihren weiteren beruflichen Werdegang zu besprechen.«

»Das habe ich mir schon gedacht, Sir.« Bond hatte nicht beabsichtigt, das letzte Wort hinzuzufügen, doch es war ihm schlicht unmöglich gewesen.

»Sie haben womöglich davon gehört, dass es im Travellers Club als unschicklich gilt, Geschäftsunterlagen hervorzuholen. Ich fürchte, wir müssen gegen diese Regel verstoßen.« Der ältere Mann zog einen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts und reichte ihn Bond. »Das ist eine Geheimhaltungserklärung.«

»Ich habe bereits eine unterschrieben …«

»Gewiss haben Sie das – für die Defence Intelligence«, fiel der Mann ihm schroff ins Wort, weil es ihm merklich missfiel, das Offensichtliche tatsächlich aussprechen zu müssen. »Die hier hat etwas mehr Biss. Lesen Sie.«

Bond las. Mehr Biss, in der Tat, gelinde formuliert.

»Falls Sie nicht gewillt sind, das Dokument zu unterzeichnen, werden wir bei unserem Mittagessen über die Wahlergebnisse plaudern oder über das Forellenangeln im Norden oder darüber, wie diese verdammten Kiwis uns letzte Woche mal wieder geschlagen haben. Danach kehren wir in unsere Büros zurück.« Der Admiral hob fragend eine buschige Augenbraue.

Bond zögerte nur einen Moment, schrieb dann seinen Namen auf die Linie und reichte das Dokument zurück. Es verschwand wieder in dem Jackett.

Ein Schluck Wein. »Haben Sie schon mal von der Special Operations Executive gehört?«, fragte der Admiral.

»Ja, habe ich.« Bond hatte nur wenige Vorbilder, aber Winston Churchill stand weit oben auf der Liste. In seinen jungen Tagen als Reporter und Soldat auf Kuba und im Sudan hatte Churchill großen Respekt für Guerillaoperationen entwickelt. Später, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, hatten er und der Minister für Kriegswirtschaft, Hugh Dalton, die SOE geschaffen, um Partisanen hinter den deutschen Linien mit Waffen zu versorgen und britische Spione und Saboteure per Fallschirm abzusetzen. Die Organisation, die auch als Churchills Geheimarmee bezeichnet wurde, hatte den Nazis unermesslichen Schaden zugefügt.

»Gute Truppe«, sagte der Admiral. »Nach dem Krieg wurde sie dichtgemacht«, brummte er. »Wegen unsinnigen Kompetenzgerangels, Organisationsschwierigkeiten und Hickhack beim MI6 und in Whitehall.« Er trank einen Schluck von dem duftenden Wein. Dann wurde das Essen serviert, und das Gespräch verlangsamte sich. Es schmeckte vorzüglich. Bond sagte es. »Der Küchenchef weiß, was er tut«, bestätigte der Admiral. »Er ist jedenfalls nicht bestrebt, eines Tages im amerikanischen Fernsehen zu kochen. Ist Ihnen bekannt, wie Five und Six entstanden sind?«

»Ja, Sir – ich habe eine Menge darüber gelesen.«

Admiralität und Kriegsministerium hatten 1909 das Secret Service Bureau ins Leben gerufen, und zwar als Reaktion auf die Sorge, die Deutschen könnten England mit Spionen infiltrieren und letztlich eine Invasion versuchen. (Den Anstoß zu dieser Befürchtung hatten kurioserweise einige populäre Kriminalromane geliefert.) Wenig später wurde das SSB aufgeteilt, und zwar in das Directorate of Military Intelligence Section 5 – oder MI5 – für die innere Sicherheit und Section 6 – oder MI6 – für die Auslandsspionage. Six war die älteste durchgängig tätige Spionageorganisation der Welt, trotz Chinas gegenteiliger Behauptung.

»Was ist die eine große Gemeinsamkeit der beiden?«, fragte der Admiral.

Bond hatte keine Ahnung.

»Die glaubhafte Abstreitbarkeit«, murmelte der ältere Mann. »Sowohl Five als auch Six wurden als eigenständige Dienste konzipiert, damit die Krone, der Premierminister, das Kabinett und das Kriegsministerium sich im verhassten Spionagegeschäft nicht die Finger schmutzig machen mussten. So ist es heute immer noch. Five und Six stehen häufig im Fokus des Interesses. Sex-Dossiers, Verletzung der Privatsphäre, Ausschnüffeln von Politikern, Gerüchte über illegale Eliminierungen … Alle schreien nach Transparenz. Dabei scheint es niemanden zu interessieren, dass das Wesen des Krieges sich verändert und dass die andere Seite sich kaum mehr an die Regeln hält.« Noch ein Schluck Wein. »In manchen Kreisen ist man zu der Ansicht gelangt, dass auch wir uns an andere Spielregeln halten sollten. Vor allem nach dem elften September und dem siebten Juli.«

»Falls ich Sie richtig verstehe, reden Sie also von einer neuen Version der SOE, die formal allerdings weder zu Five, Six noch dem MoD gehört«, sagte Bond.

Der Admiral sah Bond ins Gesicht. »Ich habe die Berichte über Ihre Einsätze in Afghanistan gelesen – Royal Naval Reserve, und doch ist es Ihnen gelungen, den vordersten Kampfverbänden der Infanterie zugeteilt zu werden. Das hat einiges an Initiative erfordert.« Die kühlen Augen verengten sich. »Es heißt, Sie hätten hinter den Linien auch ein paar weniger offizielle Missionen durchgeführt. Dank Ihnen wurde einigen Zeitgenossen, die großes Unheil hätten anrichten können, ein dicker Strich durch die Rechnung gemacht.«

Bond wollte gerade an seinem Puligny-Montrachet nippen, der höchsten Daseinsform der Chardonnay-Traube. Doch er stellte das Glas wieder ab. Wie, zum Teufel, hatte der alte Mann bloß davon erfahren?

Der Admiral fuhr leise und ruhig fort. »Es herrscht kein Mangel an Burschen vom Special Air oder Boat Service, die mit einem Messer oder Scharfschützengewehr umgehen können. Aber die können nicht notwendigerweise auch in anderen, sagen wir subtileren Situationen bestehen. Und dann gibt es jede Menge talentierter Mitarbeiter von Five und Six, die den Unterschied zwischen …« Er warf einen Blick auf Bonds Glas. »… einem Côte de Beaune und einem Côte de Nuits kennen und flüssig Französisch und Arabisch sprechen, aber beim Anblick von Blut – ob nun eigenes oder fremdes – in Ohnmacht fallen.« Der stählerne Blick fixierte ihn. »Bei Ihnen scheint es sich um die eher seltene Kombination des Besten aus beiden Welten zu handeln.«

Der Admiral legte Messer und Gabel auf dem Knochenporzellan ab. »Ihre Frage.«

»Meine …?«

»Hinsichtlich einer neuen Version der Special Operations Executive. Die Antwort lautet Ja. Sie existiert sogar schon. Hätten Sie Interesse, ihr beizutreten?«

»Ja«, erwiderte Bond, ohne zu zögern. »Obwohl ich gern wissen würde: Was genau macht sie eigentlich?«

Der Admiral überlegte kurz, als bemühe er sich um eine möglichst geschliffene Antwort. »Unsere Mission ist einfach«, sagte er dann. »Wir schützen das Königreich … was auch immer zu diesem Zweck nötig ist.«

7

Bond näherte sich in seinem schnittigen, leise schnurrenden Bentley nun dem Hauptquartier der besagten Organisation in der Nähe von Regent’s Park. Die dank der Verkehrsführung unerlässliche Zickzackfahrt durch Londons Innenstadt hatte eine halbe Stunde gedauert.

Der Name seines Arbeitgebers war fast so vage wie der der Special Operations Executive: die Overseas Development Group. Ihr Generaldirektor war der Admiral, nur bekannt als M.

Formell unterstützte die ODG britische Firmen dabei, im Ausland Filialen zu gründen oder zu erweitern oder Investitionen zu tätigen. Bonds OT – oder offizielle Tarnung – war eine Anstellung als Sicherheits- und Integritätsanalytiker, zu dessen Aufgaben zählte, die Welt zu bereisen und Geschäftsrisiken zu bewerten.

Sobald er am jeweiligen Zielort eingetroffen war, nahm er allerdings stets eine IOT – oder inoffizielle Tarnung – mit einer fiktiven Identität an, legte die Excel-Tabellen beiseite, streifte die Einsatzkleidung über und bewaffnete sich mit einem Gewehr Kaliber 308 samt Zielfernrohr. Es konnte auch sein, dass er sich in einen fein geschnittenen Savile-Row-Anzug hüllte, um in einem Privatclub in Kiew Poker mit einem tschetschenischen Waffenhändler zu spielen und sich einen Eindruck von dessen Leibwächtern zu verschaffen, bevor er zum wahren Grund des Besuchs kam: der Auslieferung des Mannes an ein geheimes Verhörzentrum in Polen.

Die ODG war unauffällig in die Hierarchie des Foreign and Commonwealth Office, also des Außenministeriums eingegliedert und in einem schmalen sechsgeschossigen edwardianischen Gebäude in einer Nebenstraße untergebracht, die von der Devonshire Street abzweigte. Zwischen ihr und der geschäftigen Marylebone Road lagen farblose – aber tarnende – Anwaltskanzleien, Arztpraxen und Büros von Nichtregierungsorganisationen.

Bond bog in den Tunnel ein, der zu der Tiefgarage unter dem Gebäude führte. Er blickte in den Irisscanner und wurde danach ein zweites Mal überprüft, diesmal durch einen Menschen. Die Barriere senkte sich, und Bond suchte sich einen Parkplatz.

Auch der Aufzug kontrollierte Bonds blaue Augen, bevor er ihn ins Erdgeschoss brachte. Dort betrat Bond die Waffenkammer neben dem Schießstand und händigte die verschlossene Stahlkassette an den rothaarigen Freddy Menzies aus, ehemals Corporal beim SAS und einer der besten Waffenmeister der Branche. Er würde sicherstellen, dass die Walther gereinigt, geölt und auf Schäden überprüft wurde und dass die Magazine Bonds bevorzugte Munition enthielten.

»In einer halben Stunde ist sie fertig«, sagte Menzies. »Hat sie sich gut benommen, 007?«

»Ich kann nicht klagen«, entgegnete Bond.

Er fuhr in den dritten Stock, bog aus dem Aufzug nach links ab und folgte einem schmucklosen, weiß gestrichenen Korridor mit vereinzelten Schrammen an den Wänden. Die Monotonie wurde durch einige Drucke aufgelockert. Sie zeigten London in der Zeit zwischen Cromwell und Viktoria sowie zahlreiche Schlachtfelder. Jemand hatte Töpfe mit Grünpflanzen auf die Fensterbänke gestellt – natürlich Plastikpflanzen, denn echtes Grünzeug hätte externes Personal zum Gießen und Beschneiden bedeutet.

Am Ende eines weiträumigen Bereichs mit mehreren Computerarbeitsplätzen saß eine junge Frau an einem Schreibtisch. Wie außergewöhnlich, hatte Bond einen Monat zuvor bei ihrem ersten Zusammentreffen gedacht. Ihr Gesicht war herzförmig, mit hohen Wangenknochen und umrahmt von Rossetti-rotem Haar, das von ihren fabelhaften Schläfen bis weit über ihre Schultern wogte. Am Kinn hatte sie ein winziges, nicht ganz mittig gelegenes Grübchen, das Bond absolut bezaubernd fand. Ihre haselnussbraunen Augen blickten aufmerksam drein, und ihre Figur entsprach ganz Bonds Geschmack: schlank und elegant. Die unlackierten Fingernägel waren kurz geschnitten. Heute trug sie einen knielangen schwarzen Rock und eine aprikosenfarbene hochgeschlossene Bluse, die aber dünn genug war, um die Spitze darunter erahnen zu lassen. Auf diese Weise gelang es ihr, gleichzeitig geschmackvoll und aufreizend auszusehen. Ihre Beine waren in milchkaffeefarbene Nylonstrümpfe gehüllt.

Mit Halter oder ohne?, fragte Bond sich unwillkürlich.

Ophelia Maidenstone war eine Nachrichtenanalytikerin des MI6 und als Verbindungsoffizierin der ODG zugeteilt worden, da es sich bei der Group nicht um einen klassischen Nachrichtendienst, sondern in erster Linie um eine taktische Einsatzgruppe handelte. Folglich wurde die ODG, genau wie das Kabinett und der Premierminister, von dritter Seite mit Informationen versorgt. Und der Hauptlieferant war der MI6.

Zugegeben, Bonds Interesse war ursprünglich durch Phillys Aussehen und ihre offene Art geweckt worden, und ihr unermüdlicher Arbeitseifer und Einfallsreichtum hatten es wachgehalten. Ebenso verführerisch war jedoch ihre Vorliebe für schnelle Motoren. Ihr Lieblingsgefährt war eine BSA Spitfire, Baujahr 1966 – die A 65, eines der schönsten je gebauten Motorräder. Es war nicht das leistungsstärkste Modell der Birmingham Small Arms Company, aber ein echter Klassiker, und mit dem richtigen Tuning (das Philly Gott sei Dank eigenhändig in die Tat umsetzte) hinterließ die Spitfire beim Start einen breiten Streifen Gummi auf dem Asphalt. Die junge Frau hatte Bond erzählt, dass sie bei jedem Wetter fuhr und zu diesem Zweck extra eine wasserfeste Lederkombi besaß. Er hatte sich das Kleidungsstück in dem Moment als überaus eng vorgestellt und eine Augenbraue hochgezogen. Sie hatte darauf mit einem sardonischen Lächeln reagiert und ihn eiskalt abblitzen lassen.

Wie sich herausstellte, war sie verlobt. Der zugehörige Ring, den er sogleich bemerkt hatte, trug irreführenderweise einen Rubin.

Damit war die Sache geklärt.

Philly blickte nun mit ansteckendem Lächeln auf. »James, hallo! … Warum sehen Sie mich so an?«

»Ich brauche Sie.«

Sie schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Ich wäre wirklich gern behilflich, aber ich bin hier gerade mit einer Sache für John beschäftigt. Er ist im Sudan, und die Lage spitzt sich immer weiter zu.«