Caspar und der Meister des Vergessens - Stefanie Taschinski - E-Book + Hörbuch

Caspar und der Meister des Vergessens E-Book

Stefanie Taschinski

4,8
11,99 €

Beschreibung

Caspars Eltern sind geniale Puppenspieler. Doch ihr Erfolg hat seinen Preis: Seit Generationen muss die Familie ihr jüngstes Kind dem Meister des Vergessens opfern. Eines Tages verschwindet Caspars Bruder Till, auch aus den Erinnerungen der Erwachsenen. Nur Caspar und seine Schwester können ihn retten. Denn der Meister hat ein kaltherziges Ziel: Mit Hilfe aller verschwundenen Kinder will er die perfekte Puppe erschaffen und zum Leben erwecken."Caspar und die Meister des Vergessens" von Stefanie Taschinski kombiniert zeitlos und atmosphärisch Kinderalltag und Fantastik.

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Seitenzahl: 288

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Über dieses Buch

»Alle fünfzig Jahr soll das jüngste Kind dem Meister gehören auf ewig. Und es soll von seiner Familie vergessen sein, als wäre es nie geboren.«

 

Zuerst glaubt Caspar noch an einen bösen Traum. In der Neujahrsnacht verschwindet sein kleiner Bruder Till spurlos, und seine Eltern können sich von einem Moment auf den nächsten nicht mehr an ihren jüngsten Sohn erinnern. Caspar findet heraus, dass ein uralter Vertrag hinter dem Ganzen steckt und Till mit einigen anderen Kindern gefangen gehalten wird. Wild entschlossen macht er sich auf die Suche und gelangt schließlich nach Memoria. Doch wenn er Till retten will, muss er nicht nur gegen den geheimnisumwobenen Meister kämpfen, sondern auch gegen das Vergessen …

 

 

 

 

Für Sveni

 

 

 

Unauflöslich durch Licht und Nacht

den Faden genommen durch meine Macht.

Der Faden, gesponnen durch alle Zeit,

Memorias edelste Kostbarkeit.

1. Kapitel

Caspar warf die Tür so heftig hinter sich zu, als wollte er das alte Haus zum Einstürzen bringen. Die hell erleuchteten Schaufenster neben dem Eingang bebten, und der silberne Falter, der über dem Eingang des Theaters hing, tanzte an seinen Fäden.

Er fror sofort. Die winzigen Schneekristalle brannten auf seinem Gesicht, und die Worte seines Vaters gingen ihm nicht aus dem Sinn. »Ach, Caspar. Anatol kommt auch gut ohne dich zurecht.«

Schnaubend zog Caspar seine Mütze tiefer über die Ohren. Als ob!

Vor zehn Minuten hatte er sich noch so darauf gefreut, zu Anatol in die Theaterwerkstatt zu gehen, um ihm beim Schnitzen des Bühnenbilds zu helfen. Das neue Stück seiner Eltern hieß Noah, und die Karten waren seit Wochen ausverkauft. Caspar war so glücklich gewesen, als der Werkstattgeselle ihn um Hilfe gebeten hatte. »Du hast eine gute Hand zum Schnitzen«, hatte Anatol gesagt. Zum ersten Mal durfte Caspar sogar mit den scharfen Profimessern arbeiten, und begeistert hatte er jede freie Minute in der Werkstatt verbracht.

Doch das konnte er jetzt wohl vergessen. Denn wenn es nach Mama und Papa ging, hatte er seinen kleinen Bruder bis zum Ferienende an der Backe und würde überhaupt nicht mehr in die Werkstatt kommen.

Angefangen hatte alles beim Mittagessen. Sein Vater, Greta, Till und er hatten gerade die letzten Pfannkuchen aufgeteilt, als seine Mutter in die Küche gelaufen kam. »Kleine Planänderung«, hatte sie verkündet. »Die Redakteurin vom Radio kommt schon um eins statt um drei.«

»Was?« Sein Vater ließ die Gabel sinken. »Aber die Programme sind noch nicht gefaltet, und die neuen Fotos müssen auch noch auf unsere Internetseite.«

Caspar sah auf die Uhr. Es war genau zwanzig Minuten vor eins.

Für einen kurzen Moment lehnte seine Mutter sich erschöpft gegen den hohen Kühlschrank und blickte kopfschüttelnd auf die lange To-do-Liste, die dort hing. »Es ging nicht anders, Kolja.« Sie seufzte. »Heute Nachmittag kommt das Fernsehteam, und die große Lichtprobe steht auch noch an.« Sie blickte Hilfe suchend zu Greta. »Schatz, könntest du vielleicht die Fotos einsetzen und dich um die Programme kümmern? Das wäre großartig!«

Seine dreizehnjährige Schwester lächelte stolz. »Na klar, Mamsi. Kein Problem.«

Greta war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Beide hatten das gleiche wellige, dunkelbraune Haar und das herzförmige Gesicht, das ihnen ein verschmitztes Aussehen gab. Und obwohl sie nur knapp zwei Jahre älter war als Caspar, behandelten ihre Eltern sie schon fast wie eine Erwachsene.

»Wir wollten doch eislaufen gehen«, unterbrach Till Caspars Gedanken. »Du hast es versprochen, Greta!«

Caspar sah, wie sein Vater die Stirn runzelte, und wusste sofort, was kommen würde.

»Tut mir leid, Till, aber wir brauchen heute Gretas Hilfe.« Er schob die runde Brille auf der Nase zurecht und blickte zu ihm. »Caspar kann mit dir eislaufen gehen.«

»Wieso ich?« Caspar schüttelte den Kopf. »Ich hab erst gestern auf Till aufgepasst.«

Er sah zu seiner Schwester. Warum sagte sie nichts?

Till, der im Herbst sechs Jahre geworden war, wischte mit einem Stück Pfannkuchen durch den Zucker und strahlte. »Dann machen wir ein Wettrennen, Caspar. Das wird cool.«

Während Greta ihrer Mutter ähnlich sah, hatte der Kurze dieselben wachen, braunen Augen wie ihr Vater und eine kleine Knubbelnase. Seine Wangen glühten in der Vorfreude, seinen großen Bruder den ganzen Nachmittag für sich zu haben.

»Vielleicht morgen oder übermorgen«, sagte Caspar. »Nur heute geht es echt nicht.« Er blickte zu seinen Eltern. »Anatol braucht meine Hilfe in der Werkstatt. Sonst bekommen wir das Bühnenbild bis zur Aufführung nicht mehr fertig.«

»Ach, Caspar.« Sein Vater schob den Stuhl zurück und stand auf. »Anatol kommt auch gut ohne dich zurecht.«

Seine Mutter wuschelte ihm durchs Haar. »Mach euch noch eine Kanne heißen Kakao, mein Großer. Draußen ist es eiskalt.«

Und mit diesen Worten waren seine Eltern aus der Küche gerauscht.

Und hier stand er nun und versuchte, mit seiner Enttäuschung klarzukommen. Warum nur war alles, was Greta tat, großartig und wichtig, und was er tat, zählte nicht für zwei Kronen?

Vor ihm auf der Straße krochen die Autos durch tiefe Schneefurchen. Der Fahrradweg war ganz unter weißen Massen begraben, und auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig glitten zwei Frauen auf Langlaufskiern vorbei. Durch den dichten Schnee konnte Caspar ihre Gesichter kaum erkennen, aber ihre fließenden Bewegungen erinnerten ihn unwillkürlich an die Marionetten seines Vaters.

Ein guter Puppenspieler, das wusste er, konnte seine Puppe so bewegen, dass es ganz natürlich aussah. Und sein Vater, Kolja Winter, war einer der besten. Caspar und seine Geschwister waren es gewohnt, dass ihre Eltern jedes Jahr für mehrere Wochen mit ihren Puppen auf Tournee gingen. Dann kümmerte sich Anatol um sie.

Und wie heute kam das Fernsehen regelmäßig in ihr Theater, um seine Eltern zu interviewen oder eine Vorstellung aufzuzeichnen. An einen Bericht erinnerte sich Caspar noch ganz besonders gut. Es war kurz nach Tills Geburt gewesen, als sein Vater alle Holzmarionetten, sogar den Feuerspucker, das Nashorn und das Skelett von der Bühne, auf den Dachboden des Theaters in den Fundus verbannt hatte, um – wie Papa sagte – etwas vollkommen Neues zu beginnen.

Das Neue waren Puppen aus Pappe, mit kantigen Gesichtern und Körpern, die bis zu zwei Meter groß sein konnten und ein magisches Spektakel auf die Bühne zauberten.

»Genialer Theatermacher erfindet das Puppenspiel neu!«, »Brillant!«, »Federleicht und unvergesslich – Marionettentheater reloaded!«

So titelten die Zeitungen, und sein Vater und seine Mutter erhielten für ihr allererstes Stück Der Natzman sogar den großen Preis der königlichen Theaterakademie.

Wie es sich anfühle, zu einer so alten und berühmten Puppenspielerfamilie zu gehören, hatte ihn eine der Journalistinnen gefragt.

»Verdammt gut!«, hatte Caspar stolz geantwortet und damit alle zum Lachen gebracht. In letzter Zeit war dieses »Verdammt gut« allerdings ganz schön eingedampft. Wenn sie ihn heute gefragt hätten, wäre wohl eher etwas wie »Na ja, geht so« oder ein halbherziges »Okay« rausgekommen. Denn in letzter Zeit hatte Caspar immer wieder das Gefühl, dass er gar nicht richtig dazugehörte.

Wütend trat er nach dem Schnee und kickte ihn gegen die Reifen eines parkenden Wagens, als sich wie aus dem Nichts eine Hand auf seine Schulter legte. Sie war kräftig, trotz der Kälte ohne Handschuh und zog Caspar von der Straße weg.

Caspar wusste, wer hinter ihm stand, noch ehe er sich umdrehte.

»Anatol«, rief er hoffnungsvoll. »Soll ich doch in die Werkstatt kommen?«

Wortlos schüttelte der Geselle den Kopf und hielt ihm seinen Schal und Rucksack entgegen. »Da.«

Vermutlich hatte seine Mutter ihn Caspar hinterhergeschickt.

Anatol war nicht besonders groß, aber der kräftigste Mann, den Caspar kannte, mit breiten Schultern, muskulösen Beinen und starken Händen, die morgens an der Kreissäge Holz für neue Kulissen zuschnitten und abends mit feinem Pinsel geschickt das Gesicht einer neuen Marionette bemalten. Hände, die schnitten, schliffen und schnitzten, solange Caspar denken konnte. Sein Vater war es gewesen, der mit ihm das erste Holztier geschnitzt hatte. Aber Anatol hatte ihm gezeigt, wie man Holz lesen konnte; wie man in dessen Maserung die Geschichte eines Esels oder Zauberers fand.

Niedergeschlagen nahm Caspar die Sachen entgegen. »Immer muss ich auf den Kurzen aufpassen. Das ist nicht fair!«

Orangerot glomm die Zigarette zwischen den Schneeflocken auf.

»Ich weiß«, brummte Anatol. Eine silberne Wolke stieg von seinen Lippen auf. »Familie ist wichtig, Caspar.«

»Hm, klar.« Caspar nickte unwillig. Das Letzte, was er von Anatol jetzt hören wollte, war eine Predigt, dass er ein guter Bruder sein sollte. Er wusste selbst, dass es nicht Tills Schuld war. Ihre Eltern hatten halt so mega viel um die Ohren. Aber trotzdem …

Der Blick unter den buschigen Augenbrauen ließ ihn nicht los. »Wenn ihr wieder zurück seid, kommst du zu mir.« Erneut glomm die Glut auf. »Ich brauche dich nachher in der Werkstatt, hörst du?«

Mit einem Mal fühlte sich Caspar leichter ums Herz. Anatol war es doch wichtig, dass er kam und ihm beim Schnitzen half! »Du kannst dich auf mich verlassen«, sagte er und atmete tief durch. »Ich … ich war einfach nur genervt von dem Kurzen.«

Hinter ihnen flog die Tür des Theaters auf.

»Ich bin fertig!«, rief Till fröhlich und kam mit dem Schlitten über den Bürgersteig auf sie zugetrabt. Innerhalb weniger Sekunden waren seine grüne Bommelmütze und die darunter hervorblitzenden roten Haare voller Schnee. Caspar konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, dass an Tills Jacke noch ein paar Popcornkrümel vom letzten Kinobesuch klebten und sein kleiner Bruder wieder mal die Schuhe vertauscht hatte.

»Du hast Entenfüße.«

Till sah auf seine neongrünen Boots. »Ist doch piepenhagen!«

»Komm, zieh die Schuhe richtig an, bevor wir hier einschneien!«

Till schob trotzig das Kinn vor. »Das ist nur passiert, weil du so schnell los bist!«

Caspar lachte. »Anscheinend nicht schnell genug, um dem Entenfußmonster zu entkommen.«

»Wie meinst du das?«

»Ich will einfach los, du Schneekopf!«

»Blödknopf!«, murmelte Till und stieg aus dem ersten Stiefel.

»Schneekopf.«

»Blödknopf!«

»Schneekopf.«

Anatol warf den Zigarettenstummel in den Schnee und legte jedem von ihnen eine Hand auf die Schulter. »Seid vorsichtig, Jungs!«, ermahnte er sie und strich Till unbeholfen über die Wange.

»Klar«, sagte Caspar und blinzelte überrascht. Was war denn mit dem los? Caspar wusste zwar, dass sich unter Anatols knorriger Rinde ein gutes Herz verbarg, aber ein Kuscheltyp war der Geselle ganz gewiss nicht.

»Klar«, sagte auch Till, nahm die Kordel, die am Schlitten hing, und stellte sich neben seinen Bruder.

Noch immer machte der Geselle keine Anstalten, sie gehen zu lassen. Die Schneeflocken wirbelten um seine dunkle Gestalt, und für einen Moment hatte Caspar das seltsame Gefühl, er würde darauf bestehen, sie wieder mit hineinzunehmen.

Doch dann war der Moment vorbei, und sie marschierten los.

 

Sie kämpften sich durch das dichte Schneetreiben die Straßen bis zum Kanal vor. Caspar konnte schon eins der Schiffe erkennen, die dort vor Anker lagen. Die eingerollten Segel waren von einer dicken Schneeschicht bedeckt, und an der Saling blitzte eine Eiszapfengirlande bis zur Mastspitze hoch.

Caspar hatte seiner Mutter versprochen, dass sie nicht zwischen den Booten fahren würden. Sie hatte Angst vor versteckten gefährlichen Stellen, an denen das Eis zu dünn war, um sie zu tragen. Aber Caspar lief ohnehin viel lieber auf der großen Fläche, die die Stadtreinigung mitten auf dem zugefrorenen Kanal vom Schnee geräumt hatte. Dort war das Eis spiegelglatt und sirrte unter den Kufen wie ein gespannter Marionettenfaden.

Heute waren wegen des Schneetreibens nicht so viele Leute auf dem Eis. Unten am schmalen Ufer lagen nur wenige Taschen und Rucksäcke. Caspar steuerte genau diese Stelle an. Hier kamen sie gut aufs Eis, und falls Till sein Tempo auf den Schlittschuhen nicht halten konnte, schien es Caspar der beste Treffpunkt, um sich wiederzufinden.

Er nahm den Rucksack ab, holte Schlittschuhe und Wollsocken raus und setzte sich neben Till auf den Schlitten.

»Keine Entenfüße, okay?«

»Ich bin ja nicht blöd!«, erwiderte Till würdevoll und zog eine der geringelten Wollsocken über. Dann guckte er ganz genau, welcher Schuh an welchen Fuß gehörte.

Caspar stieg in seine neuen Eishockeyschlittschuhe, die er zu Weihnachten bekommen hatte. Sie passten wie angegossen und umschlossen seine Knöchel perfekt.

Plötzlich fühlte er, wie Till ihn stupste. »Hilfst du mir? Die gehen so schwer!« Zur Demonstration hob Till den Fuß und zog an den Enden der Schnürsenkel. Nichts tat sich.

Mit einem schiefen Grinsen hockte Caspar sich vor seinen Bruder und begann, die Schnürsenkel Öse für Öse zusammenzuziehen. »Die gehen ja richtig schwer!« Caspar zog seine Handschuhe aus, um besser zufassen zu können.

Er band seinem Bruder gerade die zweite Schleife, als er aus dem Augenwinkel neben sich eine Bewegung wahrnahm. Ein Schatten glitt seitlich an ihm vorbei. Da war jemand an seinem Rucksack!

»Hey!«

Instinktiv griff Caspar nach einem der Träger und hielt den Rucksack fest. Genau in diesem Moment sprang der andere schon auf und rannte weg.

Caspar kam hoch, doch mit den schmalen Kufen konnte er nicht laufen. Verdammt! Sein Herz hämmerte.

»Der wollte uns beklauen!«, rief er und schaute der schmalen Gestalt hinterher, die bereits über die Uferstraße in Richtung der schmalen Gassen floh.

Till stand neben ihm und schüttelte den Kopf. »Die«, sagte er.

»Was?«

»Na, das Mädchen!«, erklärte Till geduldig.

»Wieso Mädchen?«

Till wedelte mit seinen Fäustlingen. »Sie hatte solche Handschuhe an wie Greta.«

Caspar runzelte die Stirn. »Selbst gestrickte?«

»Nein, ich mein, mit Glitzer drauf!«

Caspar schaute seinen kleinen Bruder an. »Hast du ihr Gesicht gesehen?«

Till krauste seine kleine Nase. »Nur ganz kurz. Und sie hatte eine Mütze auf.«

Caspar blickte noch einmal zu der Gasse, in die der Dieb oder die Diebin verschwunden war. Er schüttelte den Kopf. »Egal, wer das war – zwei Kinder zu beklauen ist echt ’ne miese Nummer.«

»Aber du hast aufgepasst!«, sagte Till, und die Bewunderung in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Caspar zuckte lässig mit den Schultern und setzte den Rucksack auf. Ja, es war noch einmal gut gegangen. Er zog seinen kleinen Bruder mit aufs Eis, und wenig später sausten sie über den zugefrorenen Kanal.

Wie eine lockere Decke lag der Schnee auf dem Eis, sodass die Kufen ihrer Schlittschuhe mühelos hindurchglitten. Caspar hielt direkt auf die Mitte des Kanals zu. In einem weiten Bogen fuhren sie an den Booten vorbei, bis ihnen nichts mehr den Blick versperrte und sie über die ganze weite Fläche bis zu den Häusern am anderen Ufer sehen konnten. Caspar fuhr eine Kurve, drehte mitten im Schwung und kam rückwärts zu Till gefahren, der unsicher auf ihn zueierte. Zwei Schritte, seine Füße rutschten auseinander, und er fiel auf den Po. Till lachte und rappelte sich wieder hoch. Da musste auch Caspar lachen, und dann flog er mit gebeugtem Oberkörper und schwingenden Armen über das Eis, unter dessen Oberfläche das dunkle Wasser gurgelte und drückte. Den Vorfall mit der Diebin hatte er fast schon wieder vergessen.

2. Kapitel

Die Dämmerung setzte ein, als sie sich auf den Heimweg machten. Till war so müde, dass er seine Füße kaum noch heben konnte. Er setzte sich auf den Schlitten und Caspar zog ihn. Zunächst kicherte Till noch, doch dann wurde er immer stiller, und schon bald hörte Caspar nur noch seinen eigenen Atem, das Stapfen seiner Schuhe und das gleichmäßige Schlurfen, das die Kufen des Schlittens im Schnee hervorriefen. Er hatte Hunger, und trotz seiner dicken Handschuhe verlor er langsam das Gefühl in den Fingern. Links und rechts am Straßenrand sprangen bereits die Laternen an. Caspar beeilte sich. Er hatte Anatol ja versprochen, noch in die Werkstatt zu kommen.

Plötzlich fiel ihm auf, dass Tills fröhliches Geplapper verstummt war. Erschrocken drehte er sich um. War der Kurze etwa vom Schlitten gefallen? Doch sein kleiner Bruder lag zusammengesunken über dem Rucksack und war eingenickt.

So erreichten sie das Theater. »Müder Löwe, wir sind da«, sagte Caspar und stupste seinen Bruder an.

Seine Eltern hatten das Haus im vergangenen Sommer neu verputzen und grün streichen lassen. Alles sah schön und frisch aus. Auch die Holzverkleidung im Erdgeschoss hatte eine neue schwarze Lackschicht erhalten. Anatol hatte den silbernen Falter über dem Eingang von seinen eisernen Fäden geholt, die alte Farbe einmal komplett abgeschliffen und dann neu bemalt. Im unteren Stockwerk befand sich das Foyer mit dem angrenzenden Theater, darüber wohnte die Familie.

Durch das niedrige Schaufenster entdeckte Caspar seine Schwester, die am Rahmen gelehnt stand und nach draußen spähte. Vermutlich hielt sie schon nach ihnen Ausschau.

Die Jungen wollten durch die Vordertür schlüpfen, als Greta ihnen den Weg versperrte.

»Ihr Yetis klopft euch draußen erst mal den Schnee aus dem Fell!«, sagte sie. »Und vergesst nicht, den Schlitten ordentlich wegzustellen.«

Caspar schnitt eine Grimasse. Die gab ja mal wieder voll die Chefin. Er zwinkerte Till zu, dann zog er seine Schwester am Arm nach draußen. Er hatte noch nicht vergessen, dass sie so leicht ums Babysitten herumgekommen war.

»Hej! Was soll das?«

Die Jungs sprangen wie verrückt um sie herum und schüttelten sich den Schnee aus den Jacken, dass es nur so wirbelte!

»Stopp!«, kreischte sie. »Seid ihr wahnsinnig?«

»Wir sind Yetis!«, rief Caspar. »Yetis, die Gerechtigkeit wollen!«

»Yeti-Alarm!«, kicherte Till.

Caspar hielt Greta fest, Till zog seine Handschuhe aus und grub seine Eishände durch ihr Haar bis zum Hals.

»Hilfe! Hilfe!«

»Ergibst du dich?«, brüllte Till.

»Ja, ja!«

»Lässt du uns jetzt rein?«, fragte Caspar.

»Ja, ich lasse die Yetis rein«, sagte Greta.

Caspar lockerte den Griff. Er war sehr zufrieden mit sich und grinste seinem kleinen Bruder zu. Mit ein paar Knüffen stolperten die zwei Jungs in den Vorraum des Theaters. Das Foyer war mit Parkett ausgelegt und hatte dunkelrot gestrichene Wände, genauso rot wie die Doppeltür des Theaters, durch die Greta jetzt verschwand.

Die Jungen schälten sich aus ihren Winterjacken und hängten sie zum Trocknen an die Garderobe.

Dann öffnete Caspar seinen Rucksack, um die feuchten Sachen rauszunehmen. Unter den Wollsocken und Gretas Schal, den sie wohl in seinem Rucksack vergessen hatte, stieß er auf etwas Kantiges, Hartes. Neugierig zog er das Ding heraus.

Till, der gerade seinen dicken Pulli über den Kopf gezerrt hatte, schaute Caspar über die Schulter.

»Was hast du da?«, fragte er.

Caspar betrachtete das Paket überrascht. Es war ein Bündel grob gehackter Holzstücke, die mit einem Faden fest zusammengeschnürt waren.

»Keinen Schimmer.« Er blickte zu Till. »Hast du das vorhin eingesteckt?«

»Nö.«

»Dann gehört’s vielleicht Greta«, überlegte Caspar schulterzuckend und legte das Paket zur Seite. »Wird sie mit ihrem Schal in meinem Rucksack vergessen haben.«

Seine Schwester hatte diesen Sammelfimmel – von daher würde es ihn wirklich nicht wundern, wenn dieses merkwürdige Paket ihr gehörte.

»Guck mal, das Holz ist bemalt.« Till zeigte auf einen der Scheite. »Und das daneben sieht aus wie ein Schuh.« Mit gerunzelter Stirn versuchte der Kurze eines der Holzstücke aus dem verschnürten Bündel zu ziehen. »Caspar, hast du ein Messer dabei?«

»Nein«, sagte Caspar automatisch, obwohl er sein Messer unter der Jacke in seiner Messertasche trug. Es war eines der alten Schnitzmesser aus der Werkstatt, das Caspar vor ein paar Wochen in einer Schublade entdeckt hatte und das niemand mehr benutzte. Natürlich war Anatol Caspars Fund nicht entgangen, und sie hatten eine Verabredung getroffen: Caspar durfte das Messer überallhin mitnehmen, aber nur, wenn er es niemandem zeigte.

»Sonst halten dich deine Mitschüler noch für einen Räuber«, hatte Anatol gesagt.

Und Caspar hatte nicht vor, sein Versprechen zu brechen.

Denn auch wenn die Klinge dringend einen neuen Schliff benötigte und der Holzgriff an der oberen Kante eingerissen war, wollte er nicht riskieren, dass Anatol das Messer wieder einkassierte.

»Ich krieg die Knoten nicht auf«, quengelte Till.

Caspar schaute sich das Bündel genauer an. An einigen Holzscheiten schien jemand herumgeschnitzt zu haben. Andere waren bemalt. Eigenartig! Nach Kaminholz sah das nicht aus.

Caspar betrachtete den Knoten. Es waren gleich mehrere, und das Band saß so fest um das Holz, dass es sich keinen Millimeter bewegen ließ. Plötzlich hatte er ein flaues Gefühl in der Magengegend. Da war doch jemand an seinem Rucksack gewesen. Vorhin, die Gestalt am Ufer!

Caspar tastete mit der Hand nach der Lasche und löste den Druckknopf. Dann zog er das Messer aus dem Etui, das er am Gürtel trug.

»Kein Wort zu niemandem!«, befahl er seinem kleinen Bruder.

Till riss die Augen auf. »Kein einziges!«, flüsterte der Kleine und sah zu, wie Caspar behutsam das Messer unter die Schnur schob.

Niemand brauchte ihm zu sagen, dass er vorsichtig sein sollte. Er achtete genau darauf, dass die Klinge von ihm wegzeigte und er genügend Abstand zu Till hatte. Es war gar nicht so einfach, den Faden durchzuschneiden, der fest und elastisch zugleich war. Doch schließlich gelang es Caspar, er trennte den Faden durch, und die Holzscheite fielen auf den Boden.

»Guck mal«, sagte Till. »Eine Hand.«

Das Holz, das Till ihm zeigte, war der Länge nach gespalten, sodass statt der ganzen Hand nur drei Finger übrig geblieben waren. Caspar legte die zweite Hälfte dazu. Stück für Stück fügten sie die Scheite zusammen. Bei einigen konnten sie nur raten, ob es ein Bein oder ein Arm war, denn nicht alle Teile waren bemalt. Dem einen fehlte die Hand, dem anderen ein Teil des Schuhs, und der größte Holzscheit, den sie als Körper identifizierten, schien nur grob mit dem Beil behackt worden zu sein.

»Krass!«, sagte Caspar. Es war ganz eindeutig. Vor ihnen lag eine Marionette.

»Aber sie hat ja gar keinen Kopf!«, sagte Till.

Caspar wurde es noch eine Spur kälter. Dieses Ding, das da vor ihnen auf dem Boden lag, war ihm unheimlich. Er schluckte, und sein Mund fühlte sich ganz trocken an.

Der fehlende Kopf.

»Ob der alte Kopf kaputt ist?«, fragte Till.

»Keine Ahnung«, sagte Caspar, packte alles hastig zusammen und stopfte das Bündel zurück in den Rucksack, den er dann mit einem Tritt unter den Tisch im Foyer beförderte, gerade so, als könnte er ihren Fund einfach unsichtbar machen.

»Komm, die anderen warten bestimmt schon«, sagte er zu Till und wusste selbst nicht, warum er den Kurzen auf einmal so schnell wie möglich zu ihren Eltern bringen wollte.

3. Kapitel

Im Theaterraum war es dunkel. Nur die Bühne war beleuchtet. Caspar lief vor Till her durch den Mittelgang. Ihre Eltern trugen auf der Bühne wie immer komplett schwarze Sachen. Caspar wusste, dass das Publikum sie schon nach wenigen Augenblicken nicht mehr wahrnahm, sondern ganz in den Bann der Figuren gezogen wurde.

Noah war die neueste Puppe seiner Eltern – ein durchgedrehter Bademeister, in dessen Zwei-Meter-Pool alles und jeder, vom sprechenden Fußball bis zur dänischen Königin, baden ging.

»Psst«, bedeutete Greta ihnen von vorn. Wie es schien, waren Caspars Eltern mitten im Probedurchlauf.

Über dem bläulich schimmernden Becken, das sein Vater aus mehreren Paketen Frischhaltefolie und einer türkis gestrichenen Platte gebaut hatte, schwamm Noah mit Schwimmbrille in langsamen Bewegungen durch die Luft.

Noahs kantiges Gesicht war aus vielen Papp-Rechtecken zusammengesetzt und drehte sich in ihre Richtung.

»Hej! Hej! Das Schwimmbad hat geschlossen!«, knurrte der Bademeister sie an und schob die Schwimmbrille hoch.

Caspar musste lachen. Sein Vater konnte wahnsinnig gut verschiedene Stimmen imitieren.

Till, der sich bereits auf einen Sitz in der ersten Reihe hatte fallen lassen, kicherte. »Noah! Noah, weißt du, was wir heute gemacht haben?«

Noah stieg aus dem Becken. »400-Meter-Schwimmen?« Er streckte seine Stoffarme nach oben und zur Seite und machte eine Kniebeuge. »Langstreckenpupsen?« Dann kam er mit schlingernden Beinen nach vorn an den äußeren Beckenrand und musterte Till.

»Seepferdchen füttern?«

Einmal mehr fragte Caspar sich, wie seine Eltern es schafften, ihre Bewegungen so perfekt aufeinander abzustimmen, dass sogar er vergaß, dass sie auf der Bühne waren. Während seine Mutter den Kopf der Figur bewegte, spielte sein Vater Arme und Beine.

»Wir waren Schlittschuh laufen! Caspar hat mich auf dem Schlitten gezogen, und …«, Till reckte triumphierend sein Kinn, »wir sind beinahe ausgeraubt worden! Jemand wollte Caspars Rucksack klauen. Aber er hat ihn noch festgehalten.«

Caspar stöhnte. Der Zwerg mal wieder! Die Geschichte hatte er Mama und Papa erst nach der Probe erzählen wollen.

»Ach ja?« Papa runzelte die Stirn.

Mama ließ den Kopf der Puppe sinken. »Ausgeraubt?« Sie klang besorgt.

»Ach, Mamsi«, mischte Greta sich ein. »Du weißt doch, die Jungs übertreiben gern mal. Vermutlich ist einfach nur jemand über ihren Rucksack gestolpert.«

»Klugscheißerin«, flüsterte Caspar ihr zu und wollte gerade ansetzen, seinen Eltern zu erklären, was genau passiert war, als Till von seinem Sitz sprang. »Das ist keine Übertreibung! Ich hab die Diebin gesehen! Sie hatte Glitzerhandschuhe an und war an Caspars Rucksack. Und wisst ihr, was sie noch gemacht hat?«

»Ich glaube, sie hat uns mit jemandem verwechselt«, hörte Caspar sich sagen.

»Verwechselt?« Seine Mutter klang nicht überzeugt.

»Wie kommst du denn darauf?«, wollte sein Vater wissen.

Caspar zögerte kurz. »Weil … weil sie mir vielleicht etwas in den Rucksack gesteckt hat, und …«

Neben ihm jaulte Till auf. »Lass mich erzählen! Lass mich erzählen!«, rief er und stieß Caspar mit beiden Händen gegen die Brust.

»Sag mal, spinnst du?!« Casper hielt Tills Hände fest. Das war seine Geschichte – schließlich hatte er dafür gesorgt, dass der Rucksack nicht geklaut worden war.

Mama sprang von der Bühne. »Caspar, Till, müsst ihr euch ausgerechnet jetzt streiten?« Sie zog die beiden auseinander. »Ihr seht doch, dass Papa und ich mitten in der Probe sind!«

Papa stieß einen Seufzer aus. »Also, noch mal von vorn.« Er sah Caspar an. »Es war ein Mädchen an deinem Rucksack?«

Caspar wollte antworten, doch da stand Greta schwungvoll von ihrem Sitz auf. »Vermutlich in seinen Träumen«, sagte sie und lachte spöttisch. »Ich geh nach oben. Sagt mir Bescheid, wenn ich noch etwas helfen kann.«

Seine Mutter wandte sich wieder an Caspar. »Fehlt denn irgendetwas?«, fragte sie.

»Nein, aber jetzt hört mir mal richtig zu!« Caspar wurde ungeduldig. »Als wir eben nach Hause gekommen sind, habe ich eine ziemlich komische Marionette in meinem Rucksack gefunden.«

Papa sah auf seine Armbanduhr. »Nun, die wird wohl Anatol gehören.«

Caspar schüttelte energisch den Kopf. »So sieht Sie aber nicht aus. Ich kann sie holen. Der Rucksack steht gleich im Foyer.«

»Die ist richtig gruselig«, sagte Till mit ernstem Gesicht.

Mama strich ihm über den Kopf. »Bestimmt.« Sie lächelte und stieg wieder auf die Bühne. »Aber jetzt müssen Papa und ich wirklich weiterproben.«

Caspar sah ungläubig von seiner Mutter zu seinem Vater. War das alles? Wollten sie sich die Puppe denn nicht einmal ansehen?

 

Caspar räumte die Teller vom Tisch. Obwohl er am Nachmittag so hungrig gewesen war, hatte er kaum einen Bissen heruntergebracht. Während des ganzen Abendbrots hatte er darüber nachgedacht, wem das Holzbündel gehören könnte: Diesem merkwürdigen Mädchen? Oder vielleicht doch Greta oder Anatol? In der Werkstatt hatte sich keine Gelegenheit ergeben, mit dem Gesellen darüber zu sprechen, denn kaum war Caspar dort angekommen, hatte sein Vater Anatol komplett in Beschlag genommen.

Ausnahmsweise war Caspar froh, dass seine Mutter so viel um die Ohren hatte. So hatte sie gar nicht bemerkt, wie er das Essen auf dem Teller nur herumschob. Normalerweise hätte sie bestimmt nachgebohrt, warum er keinen Appetit hatte, denn es war verdammt schwer, unter ihrem Radar zu fliegen. Aber heute hatte sie nichts gesagt.

Von oben hörte er Geräusche. Jetzt brachte seine Mutter Till in die Badewanne, sein Vater war ein weiteres Mal nach unten ins Theater gelaufen, um einen der bunten Lichtfilter auszuwechseln, und Greta war im Wohnzimmer, um in Ruhe zu telefonieren.

Caspar klappte die Spülmaschine zu und horchte. Gerade war Gretas Stimme verstummt. Er schwang sich den karierten Rucksack über die Schulter, den er aus dem Foyer mit hochgebracht hatte, und ging hinüber.

Greta saß mit angewinkelten Beinen auf der Fensterbank und malte mit der freien Hand Blumen auf die beschlagene Scheibe. Mit der anderen hielt sie ihr Handy ans Ohr.

»Greta?« Er zog den dicken türkis-blau gestreiften Schal aus dem Rucksack. »Vermisst du nicht was?«

Sie nahm ihr Handy runter, aus dem es leise tutete. »Mein Liebischal!«, rief sie, rutschte vom Fensterbrett und unterbrach die Verbindung. »Wo hast du den denn gefunden?«

»In meinem Rucksack. Ich hab ihn vorhin beim Schlittschuhlaufen entdeckt.«

Seine Schwester nahm ihm den Schal ab und wickelte ihn sich um den Hals. Mit einem glücklichen Lächeln schmiegte sie sich in die weiche Wolle.

»Oh Mann, stimmt ja. Ich hab ihn dir in der Bücherhalle gegeben, als wir die Bücher zurückgebracht haben.«

Richtig! Jetzt erinnerte er sich auch wieder.

Seiner Schwester war in der aufgeheizten Luft schwindelig geworden. Aber gerade interessierte ihn viel mehr, wie etwas anderes in seinen Rucksack gekommen war.

»Und … fehlt dir vielleicht noch irgendwas?«

Greta schüttelte den Kopf. »Nö.«

Caspar versuchte, diese Information zu verarbeiten. Langsam zog er die Wohnzimmertür hinter sich zu und stand einen Moment unentschlossen im Flur. Das Licht der Küchenlampe spiegelte sich im Glas vor ihm an der Wand. Ein Foto aus dem vergangenen Sommer: Papa hatte es im Hafenfreibad aufgenommen und genau in dem Moment abgedrückt, als Caspar und Till in Badehose über den Steg rannten. Greta und ihre Mutter kamen etwas hinter ihnen.

Aus dem Dachgeschoss hörte er, wie der Kurze lachte. Vermutlich veranstaltete er gerade eine wilde Schaumparty im Bad.

Der Rucksack lastete schwer auf Caspars Schulter. Er hatte keine Lust, ihn die Treppe nach oben zu schleppen. Vor allem hatte er keine Lust, das seltsame Bündel mit in sein Zimmer zu nehmen. Bei dem Gedanken an die zerhackten Holzscheite wurde Caspar wieder ganz kalt. Sie gehörten weder ihm noch Till. Gretas waren es auch nicht. Und zu Anatol passten sie gar nicht, da war er sich absolut sicher.

So, wie die Dinge lagen, war es vermutlich das Beste, das Ding einfach wegzuschmeißen.

»Caspar!«, rief seine Mutter von oben runter. »Soll ich das Wasser für dich in der Wanne lassen?«

»Ja! Bin sofort da«, antwortete er und rannte die Treppe ins Erdgeschoss runter. Aber vorher musste er noch etwas loswerden.

4. Kapitel

Die Hintertür führte direkt in den gepflasterten Hof, in dem sich auch das Werkstattgebäude mit Anatols Wohnung und dem Marionettenfundus befand. In der Werkstatt brannte noch Licht.

Caspar lief hinaus in die Kälte. Ohne Jacke und Mütze war es richtig, richtig kalt. Die eisige Luft brannte bei jedem Atemzug. Er hielt sich die flache Hand vor die Nase, um seine eigene Wärme zu spüren. Das Kopfsteinpflaster war von einer glatten Eisschicht überzogen, sodass er bei jedem Schritt aufpassen musste, nicht der Länge nach hinzufallen. Schlitternd kam er am Fahrradschuppen an, wo die Mülltonnen standen.

Hastig hob er den Deckel und öffnete den Rucksack. Über ihm an der Regenrinne blitzte eine Reihe spitzer Eiszapfen auf, als hätte sein Vater dem Haus ein Raubtiergebiss geschnitzt. Caspar wandte den Blick ab. Was dachte er nur für komische Sachen? Er wollte es schnell hinter sich bringen. In den Rucksack greifen, das Bündel nehmen und in die Tonne damit. Schnell!

Als seine Finger das raue Holz berührten, hielt er unwillkürlich die Luft an. Es kostete ihn Überwindung, die Hand um das Bündel zu schließen. Die Schnur, die er am Nachmittag wieder um die Scheite gebunden hatte, schien beinahe lebendig zu sein.

Trotz der Kälte begann seine Hand zu schwitzen. Er riss das Bündel aus dem Rucksack.

Holz! Es ist nur ganz gewöhnliches Holz, versuchte er sich zu beruhigen.

Eine zerteilte Hand. Ein hölzerner Schuh. Ein angedeutetes blaues Hosenbein.

Er schloss die Augen.

Wirf es weg, sagte er sich.

Wirf es weg!

Aber seine Hände bewegten sich einfach nicht.

 

Das Geräusch der Kreissäge erlöste ihn aus dem Bann. Sein Gesicht war taub vor Kälte. Was stand er hier noch herum? Er warf den Deckel der Mülltonne zu, klemmte sich das Bündel unter den Arm und glitschte zur Werkstatt.

Drinnen schob Anatol eben die letzten Zentimeter einer großen Sperrholzplatte durch die Kreissäge. Der Geselle war in einem ligurischen Bergdorf in Norditalien geboren und hatte dort wie bereits sein Onkel, sein Großonkel und viele Generationen von Collodis zuvor das Handwerk des Puppenschnitzens erlernt. Intagliare burattino. Caspar wusste, dass es einer dieser zahlreichen italienischen Onkel gewesen war, der Anatol nach Kopenhagen und als seinen Nachfolger in ihr Theater geholt hatte. Die Verbindung der beiden Familien reichte weit zurück.

Caspar durchquerte den Raum, legte das Bündel auf der Werkbank ab und kickte den Rucksack in die Ecke. Neben ihm stellte Anatol die Maschine aus und nahm die Ohrenschützer ab. Ein Heben der Augenbrauen zeigte ihm, dass der Geselle ihn bemerkt hatte.

»Tschätschätschäk!«

Caspar blickte zum linken Metallträger hoch, der vom Steinfußboden bis zur hohen Decke reichte. Gerade schob sich ein schwarzer Schnabel aus dem runden Loch des Vogelkastens, dann schlüpfte Elsa, Anatols zahme Elster, aus ihrem Haus, hockte sich auf die Stange und schüttelte ihr Gefieder. »Tschätschätschäk!«, rief sie, während sie neugierig zu ihnen hinuntersah.

Caspar rieb seine Hände. Sie waren noch ganz steif von der Kälte draußen. Vorsichtig wickelte er die Schnur von den Holzscheiten. Wie Knochen fielen sie klackernd auf die Werkbank.

Elsa drehte zwei Runden unter der Werkstattdecke. Aus dem Augenwinkel sah Caspar, wie Anatol den Arm ausstreckte, damit sie landen konnte, doch die Elster flog an ihm vorbei und setzte sich auf Caspars Werkbank.

»Hallo, Elsa!«, rief er überrascht.

Die Elster hüpfte näher an ihn heran und beäugte die Holzstücke. Er begann die Teile an ihren Platz zu legen. Den dicksten Scheit in die Mitte. Elsa flatterte schimpfend zur Seite. Dann die Unter- und Oberarme. Die gespaltene Hand. Nun hüpfte die Elster wieder näher und pickte nach der Hand.

»Hej, lass das!« Caspar scheuchte die Elster von dem Holz weg. »Was soll das denn?«

Er war so mit dem Sortieren und Untersuchen der einzelnen Teile beschäftigt, dass er nicht merkte, wie Anatol sich leise neben ihn stellte.

»Il segno!«, flüsterte er.

Caspar blickte auf. »Was?«

Anatol nahm eines der Beinhölzer und betrachtete es von allen Seiten. Täuschte Caspar sich, oder zitterten die großen Hände? Anatols Gesicht war aschfahl.

»Woher hast du das?«

»Also hast du es mir auch nicht in den Rucksack gesteckt?«, fragte Caspar.

Anatol schüttelte entsetzt den Kopf. »Nein! Aber woher kommt das?«

»Ich … ich hab’s gefunden«, sagte Caspar.

Anatols Augenbrauen schossen in die Höhe. »Gefunden?«

»Hm, in meinem Rucksack. Es … es ist ja nur eine Holzpuppe. Ich reparier sie«, entfuhr es Caspar. Was rede ich denn da?, ging es ihm gleichzeitig durch den Kopf. Bis zu dieser Sekunde war es ihm nicht in den Sinn gekommen, irgendetwas mit diesem Holzhaufen anzustellen. Außer ihn in die Mülltonne zu werfen.

Mit einem Stöhnen legte Anatol das Beinstück zurück und musterte Caspar mit einem gequälten Ausdruck.

»Du willst was?«, stieß der Geselle hervor. »Du willst sie reparieren? Das ist keine Puppe! Das ist nur Holz, Caspar. Ohne Kopf. Ohne Seele.«

Sie hat ja keinen Kopf! Genau das war Till auch sofort aufgefallen.

Auf Anatols Stirn hatten sich tiefe Falten gebildet, sein Mund war nur noch ein schmaler Strich. Er fasste nach Caspars Arm.

»Wer hat sie dir gegeben?«

Caspar wich einen Schritt zurück. »Niemand.« Was war denn nur in Anatol gefahren? »Das heißt … ich weiß es nicht genau«, sagte er. »Da war ein Mädchen an meinem Rucksack. Vorhin, als wir eislaufen waren. Vielleicht hat sie mir das Ding in den Rucksack gesteckt.«