Dominik Mikulaschek (geb. 1983 in Linz) schreibt Kinderbücher, bei denen man noch „nur ein Kapitel“ liest – und plötzlich ist es doch später. Er liebt Rätsel, die man wirklich lösen kann, Regeln, die man höflich ignoriert (wenn es sein muss) und Geschichten, in denen Freundschaft stärker ist als jedes Klemmbrett. Seine Abenteuer sind spannend, aber nie zu gruselig: Es geht ums Entdecken, ums Zusammenhalten – und um dieses kribbelige Gefühl, wenn man merkt: Hier stimmt was nicht … und wir sind die Ersten, die es merken.
Dominik Mikulaschek
Chaos im Schullandheim
Lustiges Kinderbuch ab 8 | Klassenfahrt, Streiche, Teamwork
tredition GmbH
© 2026 Dominik Mikulaschek
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz–Beusen–Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Dominik Mikulaschek, Holzwurmweg 5, 4040 Linz, Austria.
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Kapitel 1 – Ankunft mit zu vielen Regeln
Das Schullandheim „Waldheim Stille Post“ roch exakt so, wie Milo es befürchtet hatte: nach nadeligem Wald, nach Linoleumboden und nach einer ganz großen Portion Bürokratie. Milo Mertens (9) kletterte aus dem Bus und spürte sofort dieses kribbelige Gefühl in seinen Fingerspitzen, das immer dann auftauchte, wenn irgendwo ein Klemmbrett in der Nähe war. Es war das Gefühl, dass die Ferien eigentlich schon vorbei waren, noch bevor man den Koffer aus dem Laderaum gezerrt hatte. „Atmet mal tief ein, Jungs!“, rief Frau Krambeutel und versuchte, so etwas wie Urlaubsstimmung zu verbreiten, während sie ihren Dutt festzog. „Das ist pädagogisch wertvoller Sauerstoff, direkt aus der Natur und völlig ohne WLAN-Strahlung!“ Turbo Tan stolperte hinter Milo aus dem Bus und hielt seine Thermoskanne fest umschlossen, als wäre sie ein heiliges Relikt. „Wenn der Sauerstoff hier so wertvoll ist, hoffe ich, dass er wenigstens nach Pizza riecht“, murmelte Turbo und sah sich misstrauisch um. Er klopfte auf seinen Rucksack, in dem sein „Heim-Überlebensset“ leise klapperte. „Ich habe für alle Fälle drei Liter Notfall-Kakao dabei, falls die Verpflegung hier nur aus Kräutertee und guten Ratschlägen besteht.“ Fina Fuchs war bereits drei Schritte weiter und hatte ihr Notizheft gezückt, noch bevor der Busfahrer den Motor abgestellt hatte. „Regel-Check Nummer eins“, flüsterte sie und deutete auf ein riesiges Banner, das über dem Eingang des Heims flatterte. Auf dem Banner stand in grauen Buchstaben: HERZLICH WILLKOMMEN IM WALDHEIM – BITTE LÄCHELN NUR IM 4/4-TAKT UND NACH VORHERIGER ANMELDUNG. Darunter prangte ein Stempel, den Milo nur zu gut kannte: ARR – Abteilung Heim & Harmonie. „Wenn Regeln anfangen zu hängen, bevor wir überhaupt die Koffer haben, stimmt was nicht“, stellte Fina fest und notierte: *Regel-Version 1.0 – Optimierte Begrüßungs-Emotionen.* Milo sah zum Haupteingang, wo ein Mann stand, der so aussah, als hätte man ihn direkt aus einem Aktenordner gefaltet. Sein Anzug war so grau wie ein verregneter Dienstagmorgen, und seine Brille saß so fest auf der Nase, dass sie vermutlich mit Sekundenkleber fixiert war. Das war Inspektor Ordnung, der oberste Hüter der Abteilung Heim & Harmonie. Er hielt ein Gerät in der Hand, das wie eine Mischung aus einer Taschenlampe und einem beleidigten Toaster aussah. Es war der Heim-Scanner, das neueste Überwachungswerkzeug der ARR. „Guten Tag, liebe Optimierungseinheiten… ich meine, liebe Kinder“, krächzte Inspektor Ordnung und hielt den Scanner direkt in Milos Gesicht. PIIEP-PIIEP-MÖÖÖP. „Achtung“, tönte eine mechanische Stimme aus dem Gerät, „Einzelgang detektiert. Subjekt atmet asynchron zur Gruppe. Das ist nicht harmonisch.“ Milo machte einen Schritt zurück und versuchte, so unauffällig wie möglich zu wirken, was schwierig war, wenn ein Gerät einen gerade als unharmonisch beschimpfte. „Entschuldigung“, sagte Milo, „ich habe nur versucht, meinen Koffer zu finden.“ Der Inspektor machte eine Notiz auf seinem Klemmbrett, das aus verstärktem, schusssicherem Papier zu bestehen schien. „Koffer sind Privatsache, und Privatsache ist der Feind des Projekts“, erklärte der Inspektor trocken. „Ab heute gilt hier die HEIM-ORDNUNG PLUS. Das bedeutet: Alles ist Teamwork.“ Er deutete auf ein neues Schild, das gerade von einem mechanischen Arm neben die Tür genagelt wurde: TEAMWORK IST PFLICHT. Turbo hob die Hand. „Bedeutet Teamwork auch, dass wir meinen Kakao gemeinsam trinken müssen? Weil, ganz ehrlich, das wäre eine echte Krise.“ Der Inspektor sah Turbo an, als wäre er ein falsch ausgefülltes Formular. „Genussmittel sind in der Gruppe zu koordinieren“, sagte er. „Einzel-Trinken führt zu Einzel-Denken, und Einzel-Denken führt zu… Fehlern.“ Frau Krambeutel räusperte sich und versuchte, so auszusehen, als hätte sie die Situation unter Kontrolle, obwohl ihre Augenbrauen nervös zuckten. „Herr Inspektor, wir sind hier für eine Klassenfahrt, nicht für eine Inventur der Kinderseelen“, warf sie ein. Der Inspektor ignorierte sie einfach und tippte auf seinen Scanner. „PROJEKT TEAM-TEST ist nun offiziell gestartet. Wer nachts flüstert, bekommt eine Team-Aufgabe. Wer alleine geht, bekommt eine Team-Aufgabe. Wer ohne Antrag träumt… nun ja, Sie wissen schon.“ Milo sah zu Fina, die bereits die zweite Seite ihres Heftes füllte. „Plan A“, flüsterte sie, „wir finden heraus, wo der Ausschaltknopf für diesen Typen ist.“ „Plan B“, ergänzte Milo, „wir finden heraus, warum das Chaos hier so verdächtig ordentlich aussieht.“ Milo spürte das Kribbeln in seinen Fingern wieder stärker werden, als er sah, wie ein alter Mann mit einem zerbeulten Blaumann um die Ecke des Hauses schlich. Das war Hausmeister Kratz, der aussah, als würde er schon seit hundert Jahren in diesem Heim leben und hätte dabei vergessen, sich jemals zu kämmen. Kratz blieb kurz stehen, sah den Heim-Scanner an und spuckte eine imaginäre Gräte aus. „Heime sind wie Schränke: Voller Geschichten“, murmelte er, so laut, dass nur Milo es hören konnte. Er deutete mit einem knochigen Finger auf den Koffer von Inspektor Ordnung, der direkt neben der Tür stand. Auf dem Koffer klebte ein Aufkleber: *Testmaterial – Bitte nicht vor der ersten Krise öffnen.* „Ich sag’s euch“, brummte Kratz, „die Luft riecht hier nach Plan, und Pläne sind in Wäldern so nützlich wie ein Staubsauger am Badestrand.“ Er verschwand so schnell im Schatten des Flurs, wie er aufgetaucht war. In diesem Moment ertönte eine Durchsage über die Lautsprecher des Heims, die klang, als hätte jemand eine Tüte voller Heftklammern in einen Mixer geworfen. „Achtung, Achtung! Die Zimmerbelegung wurde soeben pädagogisch optimiert. Bitte finden Sie sich in Ihren neuen, zufällig gewählten Gruppen ein.“ Milo sah auf die Liste, die an der Wand erschien, und stellte fest, dass die Namen der Kinder darauf ständig die Plätze tauschten. Es war, als würden die Buchstaben auf dem Papier ein geheimes Wettrennen veranstalten. „Guckt euch das an“, sagte Fina und hielt ihre eigene Liste daneben. „Die Version von gerade eben war noch völlig anders.“ Sie sammelte die Zettel ein wie andere Leute Briefmarken. „Regel-Version 1.2 – Die wandernde Liste.“ Milo wollte gerade nach seinem Zimmer-Schild suchen, als er bemerkte, dass über jeder Tür im Flur kleine Monitore hingen, die ständig neue Zimmernummern anzeigten. Das Chaos war nicht zufällig. Es fühlte sich an wie eine Maschine, die gerade erst warmgelaufen war. „Wir müssen in Zimmer 12“, sagte Milo und deutete auf einen Monitor, der für eine Sekunde stabil blieb. Doch kaum hatten sie einen Schritt gemacht, piepte der Heim-Scanner des Inspektors erneut. MÖÖÖP. „Abstand zwischen Mertens und Tan beträgt mehr als 1,5 Meter. Team-Verlust droht. Bitte sofortige Korrektur durch Umarmung oder gemeinsames Singen eines Wanderliedes.“ Turbo sah Milo entsetzt an. „Wenn ich dich jetzt umarmen muss, während ich Kakao-Entzug habe, explodiert dieses Heim.“ Frau Krambeutel versuchte, die Kinder in Richtung der Zimmer zu schieben, aber die Flure schienen sich ständig zu verändern. Milo sah, wie ein Betreuer verzweifelt versuchte, ein Zimmer-Schild mit der Aufschrift „RAUM 4“ festzuhalten, aber das Schild rutschte einfach an der Wand entlang, als hätte es Beine. „Das Chaos ist geplant“, flüsterte Milo zu Fina. „Jemand testet, wie wir reagieren, wenn nichts mehr sicher ist.“ Fina nickte eifrig. „Und der Inspektor wartet nur darauf, dass wir den ersten Fehler machen, um uns eine Team-Aufgabe zu verpassen.“ Hinter ihnen tauchte Inspektor Ordnung wieder auf und hielt ein neues Schild hoch, das er direkt über den Speisesaal-Plan klebte. Auf dem Schild stand in blutroten Buchstaben: TEAMWORK IST KEINE OPTION, SONDERN EINE ANORDNUNG. Milo schluckte schwer. Er wusste, dass dieses Schullandheim kein gewöhnlicher Ort für Abenteuer war. Es war ein Labor, und sie waren die Versuchskaninchen für das PROJEKT TEAM-TEST. „Wir müssen zusammenhalten“, sagte Milo zu seinem Team. „Aber auf unsere Art, nicht auf seine.“ Turbo nickte und nahm einen Schluck aus seinem Notfall-Kakao, was der Scanner sofort mit einem empörten PIIEP quittierte. „Einzel-Trinken ist eine schwere Verletzung der Heim-Harmonie!“, rief der Inspektor und eilte auf sie zu. Doch bevor er sie erreichen konnte, passierte etwas Seltsames: Alle Zimmer-Schilder im Flur erloschen gleichzeitig und zeigten nur noch ein einziges Wort an. Milo starrte auf den Monitor vor ihrer Tür und spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Auf allen Bildschirmen stand nun: INITIALISIERE PHASE 2 – CHAOS-STUFE 1. „Willkommen im Urlaub“, murmelte Milo, während im gesamten Heim das Licht flackerte und die erste Tür wie von Geisterhand ins Schloss fiel.
Kapitel 2 – Turbo findet den „Notfall-Kakao“