Chaotin in love - Anni Ninn - E-Book
Beschreibung

Liebeskummer, ein riesengroßer Schuldenberg, kein Job in Sicht und Stress mit der Familie? Patricia will ihr Leben umkrempeln und erpresst ihren erfolgreichen Ex-Freund, damit sie für ihn arbeiten darf. Ihre Aufträge scheinen völlig harmlos, bis sie durch Zufall einem großen Skandal auf die Spur kommt und selber in das Visier von Verbrechern gerät, die nach außen ihre weiße Weste wahren. Und dann platzt noch ein absoluter Traummann in ihr Leben und versucht, ihr Herz zu erobern … "Chaotin in love“ enthält die vier Chick-Lit-Krimis von Anni Ninn: "Chaotin mit Herz sucht ...", "Chaotin zum Verlieben gesucht", "Küss die Chaotin" und "Verliebt in die Chaotin".

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EPUB

Seitenzahl:1027

Sammlungen



Anni Ninn

Chaotin in love

Chaotin Collection (Sammelband)

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Buch 1: Chaotin mit Herz sucht …

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Epilog

Buch 2: Chaotin zum Verlieben gesucht

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Epilog

Buch 3: Küss die Chaotin

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Buch 4: Verliebt in die Chaotin

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Epilog

Impressum neobooks

Buch 1: Chaotin mit Herz sucht …

1

Mein Telefon klingelte. Schwerfällig drehte ich mich zur Seite und zog mir die ganze Decke über den Kopf. Sofort beschwerten sich meine Füße, denen es plötzlich zu kalt war. Ich hatte wohl über Nacht die Fenster aufgehabt. Bei zehn Grad Außentemperatur ganz schön mutig.

Irgendwie musste José mir viel zu viel von seinem billigen Tequila in die Drinks gemischt haben, wenigstens war mir der letzte Abend nur verschwommen im Gedächtnis geblieben.

Ich war nicht stark genug, das Klingeln zu ertragen. Mein Kopf brummte noch heftiger von dem Geräusch, deswegen ging ich ran.

„Hallo?“, krächzte ich mit rauer Stimme.

In dem Augenblick schossen Erinnerungsfetzen der letzten Tage durch meinen Kopf. Was, wenn am anderen Ende meine Mutter war? Oder die Bank?

Mit einem Schlag war ich hellwach. Mir fiel ein, dass gestern Samstag gewesen war. Also war jetzt Sonntag. Ein Anruf von der Bank war daher unwahrscheinlich.

„Hallo?“, wiederholte ich etwas deutlicher. Ich hielt das Handy von mir weg, um die Nummer im Display erkennen zu können. Oh, Gott. Mir wurde übel.

„Patricia?“, hörte ich da schon eine tiefe Stimme an meinem Ohr.

Mein Herz setzte aus. Es war Victor. Mein Ex-Freund, erfolgreicher und absolut anbetungswürdiger Vollblutjournalist, männlich, gutaussehend, voller Sexappeal und leider nicht mehr erreichbar für mich. Dachte ich wenigstens.

Aber jetzt rief er mich an. Unfassbar.

„Äh … hallo, Victor!“, stotterte ich überrascht und rang nach Luft. Nach dem ersten überraschten Aussetzer begann mein Herz zu rasen.

Im Hintergrund hörte ich Kindergeschrei, das waren vermutlich die Gören seiner neuen Freundin Nora. Vielleicht vermisste er mich doch? Wenigstens ein bisschen? Warum sonst rief er mich an, wenn sie in der Nähe war? Meine Phantasie verselbstständigte sich, und ich war schon bei der Szene, in der er vor mir kniete und die Frage aller Fragen stellte, da unterbrach er meinen Gedankenstrom ungeduldig.

„Ich habe nicht viel Zeit. Aber es geht klar. Komm Mittwoch früh um neun zu mir ins Büro. Vielleicht habe ich etwas.“

Wieder Kinderstimmen im Hintergrund, dann Türenknallen und wildes Kreischen.

„Sorry, muss Schluss machen“, hörte ich noch, dann war die Verbindung unterbrochen.

Irritiert hielt ich das Handy von mir weg. Hallo? Was war denn das? Träumte ich noch, oder war das tatsächlich real? Seit er mich verlassen hatte, wünschte ich mir so sehr ein Zeichen von ihm, einen Anruf. Auch weil er mir nach der Trennung verboten hatte, ihn ständig anzurufen. Besonders, weil die schicke, langbeinige Nora mit den pechschwarzen Haaren und dem Schneewittchen-Look meine Kontaktaufnahmen als störend empfand. Dabei litt ich wie ein Hund und der Klang seiner Stimme konnte mich wenigstens ein kleines Bisschen trösten und mir das Gefühl geben, dass er doch noch irgendwie für mich da war.

Aufgeregt spielte ich an meinem Handy rum. Ob ich ihn später, wenn Nora und die Kinder weg waren, noch mal anrufen sollte? Warum wollte er sich plötzlich mit mir treffen?

Unschlüssig checkte ich die eingegangenen Nachrichten. In meinem Mädels-Chat mit meinen besten Freundinnen Yvette und Alex schien einiges los zu sein. Wieso waren die beiden so früh schon aktiv? Die hätten doch genauso mit einem miesen Kater und Brummschädel vor sich hindümpeln müssen wie ich.

Ich tippte auf die Vorschau, und sofort öffneten sich die einzelnen Sprechblasen. Ich las die letzte, von zehn Uhr. Jetzt war es elf.

„Mein Gott, sag ein dickes Entschuldigung auch von mir, falls er sich wirklich meldet. WIE PEINLICH!!!!!“ Dahinter jede Menge Grimassen-Smileys, die die Zähne zeigten.

Peinlich? Was? Entschuldigung? Bei wem?

Ich begann, der Reihenfolge nach zu lesen. Um neun Uhr morgens war es losgegangen.

„Oh, seid ihr schon wach? Meldet euch!!!! Habe ich das echt getan gestern? Ich war so betrunken. Brauche weiblichen Beistand.“ Das kam von Yvette.

Alex hatte geantwortet: „Geht mir genauso. Aua. Bei dem sind wir jetzt wohl alle komplett unten durch. Ist nicht schlimm, oder Pip?“

Pip, das war einer meiner Spitznamen.

Darunter noch einmal Alex: „Pip? Pippilein? Was sagst du dazu?“

Dann eine Bemerkung von Yvette: „Ich glaube, manchmal ist das mit der Liebe nicht so einfach …“

„Na, wenigstens hat der Abend wohl nicht dazu beigetragen, dass er dich zurück will.“

Dieser Spruch von Alex tat weh. Auch wenn sie den Text mit einem Haufen zwinkernder Smileys versehen hatte; es sollte ein Scherz sein.

Mit jeder weiteren Zeile, die ich las, wuchs in mir ein ungutes Gefühl.

„Das war schon eine Nummer … Dass wir das wirklich gemacht haben!“

Was meinte Yvette?

„Pip, wie geht’s dir denn damit? Alles okay?“

Was, Alex? Nichts war okay, ich wollte wissen, wovon die beiden da schrieben. Eine Weile kramte ich in meinen Erinnerungen, aber da war nichts. Außer dem verschwommenen Bild von drei Jumbo-Margaritas und einer Riesenportion Nachos mit Hackfleisch und Käse. Ich überflog weitere Kommentare. Irgendwann kam ein „Falls er sich wirklich meldet, sag ihm, es tut uns leid und es war nicht so gemeint“ von Alex. Dann folgte die letzte Nachricht von Yvette, die ich schon kannte.

Ich machte mir nicht die Mühe, sie noch einmal zu lesen, sondern rief lieber gleich an.

„Alex?“ Mir war noch immer übel, und meine Stimme klang gepresst.

„Hey, Süße, ich bin ja so erleichtert, dass du dich meldest! Oh mein Gott, Yvette und ich haben bis eben noch telefoniert, nachdem du nicht mitgechattet hast. Warum hast du denn nicht geantwortet?“

„Ich, äh, ich war noch nicht wach.“

„Kein Wunder, Mensch, das war ja echt ein Abend. Bei Victor haben wir jetzt wohl alle drei verschissen.“

„Victor? War Victor auch noch da?“ Ich konnte es kaum glauben, Victor im „Mexxo“?

„Quatsch, wieso? Ich meine, wegen unseres Anrufs!“

„Anruf?“

„Ja, klar, das war ja so dermaßen zum Im-Boden-Versinken …“

„Wie Anruf?“

„Sag bloß, du weißt das nicht mehr?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nicht?“, fragte sie zögernd nach, weil sie nichts von mir hörte.

„Nichts.“

„Du weißt nichts mehr.“ Alex lachte. „Na, dann sei froh.“

„Bin ich aber nicht. Was haben wir denn gemacht?“

Alex schien kurz zu überlegen.

„Verschon mich nicht“, sagte ich tapfer. „Na ja, aber verdirb mir auch nicht den Sonntag“, schob ich hinterher.

„Also…“ Alex machte eine kleine Pause. „Das war so … Wir haben zusammen die Schulden errechnet, die du bei deinem Onkel hast.“

Das wusste ich noch.

„Und dann haben wir rumgesponnen, wie du Geld verdienen könntest.“

Aha? Das war mir neu.

„Du hast erzählt, dass Victor manchmal Leute braucht, die für ihn Storys recherchieren. Die bei Leuten im Dreck rumwühlen oder sich als Putzfrau in ein Büro einschleusen lassen.“

Das stimmte sogar, auch wenn ich nicht mehr wusste, dass ich den beiden davon erzählt hatte.

„Ja und, weiter?“, drängelte ich.

„Na, und dann hast du erzählt, dass es mal einen Typen gab, der für ihn gearbeitet und sich dabei dumm und dusselig verdient hat.“

Ich erinnerte mich an unsere gemeinsame Zeit. Victor, dem kein Skandal zu dreckig und kein Sumpf zu tief war, um nicht darin abzutauchen. Eine Weile hatte er einen pfiffigen Studenten gehabt, der die Drecksarbeit für ihn machte. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn eine seiner Hauptaufgaben hatte darin bestanden, den Hausmüll von Menschen zu durchwühlen und sich jeden zerrissenen Zettel und jede Verpackung genau anzuschauen. Die Menschen, um die es dabei ging, waren natürlich keine normalen Bürger, nicht irgendwer. Victor war ja nicht abartig veranlagt. Obwohl – ein wenig schon. Er hatte mich abserviert, und das fand ich schon abartig.

Es ging um Leute, die Victor verdächtigte, illegale Geschäfte zu tätigen, und deren Machenschaften er publik machen wollte. Dieser Student hatte mit einem Stundenlohn von zehn Euro angefangen. Victor war ein Knauser. Irgendwann hatte der Student gesehen, was Victor bekam, wenn er die Story gut verkaufte; vor allem, wenn Fotos dabei waren. Der Student hatte hoch gepokert und gefordert, künftig prozentual an Victors Einnahmen beteiligt zu werden. Sonst werde er zur Konkurrenz gehen, zu Tobi, hatte er gedroht. Victor hatte sich darauf eingelassen. Sie hatten beide gut verdient. Ich wusste, dass der Student vorhatte, ein Auslandsjahr einzulegen, und meinte mich zu erinnern, dass das gerade losging.

„Und?“, drängelte ich.

„Ach, wir haben ihn angerufen.“

„Wen?“

„Victor natürlich.“

„Oh, nein.“

„Äh, das heißt, Yvette musste ihn anrufen.“

„Oje.“

„Ja“, sagte Alex.

„Warum Yvette?“

„Weil du gesagt hast, dass Victor die Polizei einschaltet, wenn du noch einmal bei ihm anrufst. Dass du das nie, wirklich nie mehr machen darfst.“

Auch das stimmte. Demnach hatte ich mich geradezu vorbildlich verhalten! Also wozu diese ganzen reumütigen Chatnachrichten?

„Ach, dann ist ja alles gut. Und Yvette hat ihn gefragt, ob ich für ihn arbeiten kann?“

Das hatte ja auch funktioniert, wunderbar! Jetzt, wo ich festzustellen meinte, dass der Abend doch nicht so komplett peinlich verlaufen war, wollte ich das Gespräch abkürzen. Mir war noch immer schlecht, und ich musste dringend auf Toilette.

Alex räusperte sich. Irgendwas wollte sie noch sagen.

„Was, Alex?“

„Ach, Süße, ganz so ist es nicht gelaufen …“

„Nicht?“

„Nein. Es gab noch einen Mittelteil.“

„Aha?“

Wieder druckste Alex herum.

„Alex, ich muss mal. Jetzt erzähl schon!“

Alex begriff den Ernst der Lage und redete weiter. Ich merkte, dass es sie Überwindung kostete.

„Also, von vorne. Ich bin jetzt mal schonungslos und gebe es so wieder, wie es war.“

Huch, wie streng sie sein konnte! Ob sie so auch im Unterricht mit ihren Schülern umging?

„Ja, ja, mach schon“, drängelte ich.

„Dass Yvette angerufen hat, habe ich ja schon erzählt. Wir hatten alle drei einen im Tee und waren echt lustig drauf. Und dann – Yvette hatte sich kaum gemeldet, da hast du ihr das Handy aus der Hand gerissen und Victor beschimpft.“

„Beschimpft?“

„Ja, beschimpft. Was er für ein herzloses Arschloch sei und dass er dich nie geliebt hätte und nie für dich da gewesen sei und …“ Plötzlich versiegte ihr Redefluss. Ich hatte den Eindruck, sie wollte mir etwas verschweigen.

„Und? Und was?“ Ich setzte mich auf und rutschte schon mal zur Bettkante.

„Und … Na, was man Männern dann so sagt.“

„Das wäre?“, versuchte ich nachzuhelfen, doch dann fiel es mir selber ein. „Oh, Shit!“, rief ich und sprang auf. „Ich habe doch nicht etwa was zum Thema ‚schlecht im Bett’ oder ‚Penislänge’ gesagt?“

Ich bekam keine Antwort.

„Habe ich?“, fragte ich kleinlaut nach. „Hey?“

„Ich habe genickt“, kam es vom anderen Ende.

„Konnte ich nicht sehen, ist ja kein Bildtelefon.“

„Er hat es mit Fassung getragen.“

Ein Glück. Ich sank zurück auf die Bettkante. Nervös spielte ich an meinen braunen Locken.

„Na ja, und dann mussten auch wir ihm sagen, wie scheiße er ist und war und immer sein wird und dass wir es allen Frauen weitererzählen werden, besonders Nora.“

„Oh!“, stieß ich kleinlaut hervor. „Das habt ihr gemacht?“

„Klar. Hey, wir sind deine Freundinnen, und er war echt mies zu dir! Erst nutzt er dich so schamlos aus und dann trennt er sich. Ganz mieser Typ! Eigentlich hast du nur seinetwegen die ganzen Schulden. Schließlich hast du ihm den Rücken freigehalten und ihm Büro und Haushalt geschmissen. Er sollte das Geld deinen Verwandten zurückzahlen. Der kann froh sein, dass du so fair zu ihm bist.“

Alex war die Beste. Yvette war die Beste.

„Ihr seid die Besten“, fasste ich meine Gedanken zusammen.

„Danke, schön zu hören.“ Alex’ Stimme klang warm. Es war so lieb, dass sie zu mir hielt.

„Kommt es noch schlimmer?“, fragte ich.

„Wie man es nimmt.“ Sie lachte leise. „Oh, Mann. Also, als Yvette und ich mit unserer Tirade fertig waren, hast du wieder die Kontrolle über das Telefon übernommen. Du bist aufgestanden und hast dich vom Tisch entfernt. Ganz ehrlich, ich glaube, du hast ihn erpresst.“

Ich? Zu solchen Methoden war ich doch gar nicht fähig! Und womit hätte ich ihn überhaupt erpressen sollen?

„Echt?“, fragte ich.

„Ja, wir haben nur noch Wortfetzen gehört, so was wie ‚Aufträge’, ‚Politiker’, ‚Wahl’… Sagt dir das was?“

Ich verneinte nachdrücklich, obwohl ich mir sehr gut zusammenreimen konnte, worum es gegangen war.

„Na, und zum Schluss hast du ihm bis heute Morgen Zeit gegeben, sich zu überlegen, ob er dich gegen eine Erfolgsprämie einstellt.“

Das war doch sehr höflich von mir. Wenigstens hatte ich ihn mit meinen Bitten nicht überfahren oder ihm, noch schlimmer, die Pistole auf die Brust gesetzt!

„Dann bist du an den Tisch zurückgekommen, und ich habe nur noch gehört, wie du gesagt hast, dass seine Journalistenkollegen es bestimmt sehr spannend finden würden, dass er käuflich war. Besonders Tobi.“

Ich Miststück. Ich kleines, gemeines Miststück. Aber ich war auch gerissen. Trotz meines Alkoholpegels am Abend zuvor. Beeindruckend. Tobi war in der Journalistenschule Victors schärfster Konkurrent gewesen, und das war er auch geblieben. Sie schienen in einem nie endenden Wettstreit um die besten Storys und tollsten Frauen zu stehen. Wobei Tobi mich noch nicht angebaggert hatte.

„Also, wenn er sich tatsächlich meldet, sag ihm bitte, bitte ein dickes Sorry von Yvette und mir!“

„Victor hat sich schon gemeldet. Eben gerade.“

„Wow!“, stieß Alex aus. „Und?“

„Ich hab den Job! Mittwoch geht es los.“

„Alle Achtung. Du bist so cool.“

Mir wurde noch wärmer in der Bauchgegend, oder lag das nur daran, dass ich wirklich dringendst auf die Toilette musste? Ich kniff die Oberschenkel zusammen unter dem geblümten Nachthemd.

„Es hat also geklappt. Verdammt, bist du cool“, wiederholte Alex.

Mein Ego wuchs und wuchs.

2

Nach einem kleinen Abstecher in mein Badezimmer kroch ich wieder unter die Bettdecke. Langsam kam auch meine Erinnerung zurück. Leider. Denn dafür, dass ich mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte, gab es einen triftigen Grund. Auslöser war ein äußerst unbefriedigendes Telefonat mit meiner Mutter, keine achtundvierzig Stunden zuvor.

„Pip, du kannst nicht kommen.“

So energisch klang sie selten.

„Bitte, bitte, bitte!“

„Es ist schlecht heute Abend.“

Ich sah sie vor mir, wie sie gequält den Kopf schüttelte, ohne den Hörer vom Ohr zu nehmen.

„Ich fühl mich so allein, Mama. Mir fällt die Decke auf den Kopf.“ Seit ich nicht mehr mit Victor zusammen war, litt ich unter schlimmen Einsamkeitsattacken.

Ich hörte meine Mutter am anderen Ende der Leitung leise atmen.

„Wirklich, Mama …“, schob ich nach.

Stille.

„Schatz, es geht leider nicht.“

„Ach, Mama.“

„Ach, Paddy…“, seufzte sie.

„Paddy“ klang nicht gut; so nannte sie mich nur, wenn sie nicht mit sich reden ließ. Oder sauer auf mich war. Also fast nie.

„Mutti …“, entgegnete ich schwach.

„Paddy.“

„Was kann denn bitteschön an einem Freitagabend wichtiger sein als ein Besuch deiner lieben Tochter?“

„Nichts, mein Schatz“, erklärte sie, „aber wir kriegen Besuch.“

„Super“, rief ich. „Wer kommt denn?“

Ich hörte ein Räuspern.

Stille.

„Onkel Rudi und Tante Hanne. Du kannst natürlich gern dazukommen, aber das willst du sicher nicht.“

„Oh?“

„Liebes, Pip, wir konnten nicht anders. Familie ist Familie … Es kann ja nicht ewig so weitergehen.“

„Oh!“

Fast wäre mir das Herz stehen geblieben, und mein Magen krampfte sich zusammen. Wenn das nicht noch Ärger gab!

„Ach, ich bleibe zu Hause. Allein. Ist nicht so schlimm.“

Meine Stimme klang schwach; diese Mitteilung war ein Schlag ins Gesicht. Onkel und Tanten besaß ich einige, aber Onkel Rudi und Tante Hanne hatte ich das Herz gebrochen. Ihrem Lebenswerk die Zukunft geraubt. Es mit Füßen getreten. Daraufhin hatten sie mich aus ihrem Leben verstoßen und meine Eltern gleich mit. Warum es da plötzlich wieder eine Annäherung gab, war mir schleierhaft. Und wer wusste schon, was sie meinen Eltern alles erzählten?

Ich musste etwas unternehmen.

Am frühen Abend fuhr ich mit meinem Mountainbike heimlich zu meinen Eltern. Sie wohnten in einem kleinen Vorstadthaus. Quadratisch, praktisch, gut.

Der große Wagen von Onkel Rudi stand schon da, ein schwarzer Kombi, Mercedes E-Klasse. Trotz der Dunkelheit stach er mir sofort ins Auge. Frisch polierter Lack reflektierte das Licht einer Laterne. In der Reihe von zerbeulten Kleinwagen und alten VW-Bussen, die jungen Familien gehörten, wirkte das Auto so deplatziert wie Gisele Bündchen bei einem Schönheitswettbewerb in der Dorfdisko.

Das Rad schloss ich ein paar Häuser weiter an einen Laternenpfahl und schlenderte unauffällig zurück. Die Straße war leer. Ich legte die Handfläche auf die Kühlerhaube des Mercedes. Sie war noch warm. Das war gut. Allzu lange konnten sie noch nicht da sein. Sicher waren sie noch beim vorsichtigen Small Talk.

Im Esszimmer, das zur Straße ging, brannte schummriges Licht. Ich schlich über den Lichtfleck, den die Beleuchtung auf den Rasen warf. An die Seitenwand des Hauses gedrückt, versuchte ich, etwas zu verstehen.

Leises Gemurmel war durch die dünnen Wände des Nachkriegbaus zu hören. Eine tiefe Stimme. Onkel Rudi? Ich presste das Ohr an den rauen Putz. Schade, dass das Esszimmer nur nach vorn raus ein Fenster hatte; durch das Glas hätte ich sicher mehr verstanden. Aber vor dem Haus konnte ich auch leicht von den neugierigen Nachbarn entdeckt werden.

Obwohl die Mauern dünn waren, hörte ich so gut wie nichts. Vielleicht brachte es etwas, wenn ich nach hinten ging, zur Rückseite des Hauses? An das Esszimmer schloss sich die Küche an, die Räume waren miteinander verbunden. Daneben lag das Wohnzimmer zum Garten hin. Wenn sie nach dem Essen dorthin wechselten, würde ich sie noch viel besser belauschen können.

Ich stellte gerade einen Fuß auf die Terrasse hinter dem Haus, als ich ein leises Klicken hörte. Dann roch es schwach nach Rauch.

„Pip!“, zischte direkt vor mir jemand entgeistert.

„Mama!“

Ich war genauso erschrocken. Zum Glück hatte sie mich nicht Paddy genannt. Also war sie nicht sauer.

„Was machst du hier, Kind? Im Dunkeln!“

Ich hatte mich schnell gefasst.

„Mama! Du rauchst?“

„Ich kann nicht anders. Das macht mich alles so nervös, der Besuch und so.“

Verlegen stand sie vor mir. Zupfte an ihrem zu engen Kleid und wirkte wie ein Kind. Sie hatte sich die Haare für diesen besonderen Anlass in leichte Wellen gelegt, und die großzügigen Locken verliehen ihr einen noch gütigeren Ausdruck, als sie sowieso schon hatte.

„Ach Mama.“ Ich legte ihr eine Hand auf den Arm. „Der Arzt sagt doch, du sollst nicht rauchen.“

„Was soll ich denn sonst tun? Ich platze gleich vor Nervosität.“

„Trink doch was! Mich entspannt das immer“, sagte ich und grinste sie an.

Ein wunderschönes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Das Komplizinnenlächeln. Sie bohrte mit dem Zeigefinger ein kleines Loch in die Blumenerde eines Pflanzenkübels. Dann tippte sie mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf die Zigarette, exakt über dem kleinen Erdloch. Die Asche fiel genau in die Mulde. Sie schien Übung zu haben.

„Und was machst du hier?“

„Ich, ich konnte einfach nicht zu Hause bleiben.“

„Warum nicht?“

„Weil Rudi und Hanne hier sind.“

Sie zog an der Zigarette und sah mich nachdenklich an. Dann näherten sich Schritte von drinnen.

Ich verschwand um die Ecke.

„Brauchst du Hilfe in der Küche?“ Das war meine Tante.

Ich hörte Schritte, dann schloss sich die Tür.

Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Als sie verschwunden waren, setzte ich mich auf den kleinen Absatz der Terrasse zum Garten hin.

Eine Weile blieb ich noch auf dem kalten Holz sitzen und versuchte, die Stimmen im Inneren des Hauses zu verstehen, aber sie waren zu leise.

Ich fror. Irgendwann mussten sie sich doch ins Wohnzimmer setzen! Müdigkeit und Schwere kamen über mich. Kurz vor dem Einnicken hörte ich ein lautes Scheppern. Drinnen wurde abgeräumt; irgendetwas war auf den Küchenboden gefallen. Na endlich. Dann konnten die Herrschaften ja zum gemütlichen Teil des Abends übergehen, der hoffentlich im Wohnzimmer stattfand.

Ich hörte, wie die Tür zur Terrasse noch einmal geöffnet wurde, und verzog mich schnell um die Hausecke.

„Pip?“ Das war wieder meiner Mutter.

Sicherheitshalber antwortete ich nicht. Vielleicht hatte sie den anderen doch verraten, dass ich da war, und wollte mich dazu bitten?

„Pip, es ist noch Braten übrig.“

Ein dumpfes Klappern, Porzellan auf Holz, schätzte ich. Und dann breitete sich ein unwiderstehlicher Duft aus.

Die Tür wurde wieder geschlossen, und das Licht in der Küche erlosch.

Meine Mutter hatte mir tatsächlich einen Teller Essen nach draußen gestellt. Mit Besteck. Sie wusste, dass ich noch da war. Also setzte ich mich wieder auf den kleinen Absatz und zog mir den Teller heran. Der Braten war herrlich. Saftig, würzig, und dazu Klöße mit Soße, ein Traum. Als ich fertig war, bahnte sich ein kleiner Rülpser seinen Weg. Ich konnte nur hoffen, dass mich keiner gehört hatte.

Jetzt war mir wärmer.

Inzwischen war es im Wohnzimmer hell. Durch die eckigen Lichtflecken auf dem Rasen wanderten Schatten. Sie machten es sich jetzt gemütlich. Das Wohnzimmerfenster stand einen kleinen Spalt offen. Ich musste vorsichtig sein, damit sie mich nicht sahen oder hören konnten.

Wenig später hockte ich mit angezogenen Beinen unter dem Fenstersims. Irgendwie kamen mir meine Jeans besonders eng vor, was in der hockenden Position noch schlimmer war.

Leichter Regen setzte ein. Die Tropfen machten ein feines Geräusch, wenn sie auf den kräftigen Blättern der Rhododendronsträucher landeten. Fast zärtlich. Ich fühlte mich allein. So richtig einsam und verlassen.

Drinnen waren sie immer noch beim Small Talk.

„Und wie geht es Thomas?“, fragte meine Mutter.

Ich drehte den Kopf noch weiter in Richtung Hauswand.

„Gut, gut“, beeilte sich meine Tante zu sagen. „Hier, wir haben ein neues Foto von ihm.“

Meiner Mutter entfuhr ein: „Ich glaub es nicht. Er hat sich ja wahnsinnig verändert!“

Mein Onkel ergänzte stolz: “Er hat sich in Brasilien wieder für den Kitesurf-Worldcup in Sankt Peter-Ording qualifiziert. Davor kommt er uns besuchen.“

Ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, entfuhr mir ein anerkennender Pfiff. Drinnen war es plötzlich ruhig. Hatten sie mich gehört?

Dann fragte meine Mutter: „Bleibt er diesmal länger?“

„Ich glaube nicht.“ Meine Tante klang traurig. „Er sagt, es ist ihm zu kalt in Deutschland.“

Kein Wunder.

Im Stillen konnte ich ihm nur beipflichten. Mir war es definitiv auch zu kalt, besonders in diesem Augenblick. Ich schlang die Arme um die Knie, um meine Körperwärme etwas zu halten.

Thomas, das war der Pflegesohn von Rudi und Hanne. Sie hatten ihn zu sich genommen, als er drei war. Ihre Ehe war bis dahin kinderlos geblieben, und daran hatte sich auch nichts mehr geändert. Still und heimlich ging ich davon aus, dass sie Thomas weniger aus Kinderliebe und Großherzigkeit aufgenommen hatten, sondern – zumindest bei Onkel Rudi vermutete ich das – weil sie sich einen Erben und Nachfolger für ihr Unternehmen wünschten. Ich hatte diesen Cousin als kleinen, blassen Jungen in Erinnerung. Wir hatten uns nur wenige Male gesehen; die meiste Zeit war er im Internat gewesen.

Bis Thomas mit siebzehn bei einem Schüleraustausch in Australien das Kitesurfen gelernt hatte, war er ein vorbildlicher Einserschüler gewesen, bei dem alle davon ausgingen, dass er in die Fußstapfen meines Onkels treten würde. Nach dem Auslandsjahr hatte er sich komplett verändert und beschlossen, gleich nach dem Abitur auszuwandern, um seiner neuen Leidenschaft dauerhaft nachgehen zu können. Er konnte inzwischen davon sogar sehr gut leben.

Rudi und Hanne waren am Boden zerstört gewesen, und es hatte lange gedauert, bis sie sich wieder fingen. Und dann, unvermittelt und plötzlich, waren sie auf die wahnwitzige Idee verfallen, statt Thomas mich zu fördern. Also war eigentlich er schuld an meiner bescheidenen Situation. Ohne ihn hätte ich nicht da unter dem Fenster gehockt und mir einen abgefroren.

„… und Patricia?“

Oh, sie waren auf mich übergeschwenkt. Hoffentlich hatte ich noch nichts verpasst.

„Ehrlich gesagt machen wir uns Sorgen.“ Das war mein Vater.

Ich versuchte, lautlos zu atmen. Das monotone Geräusch des Nieselregens hatte ich mit etwas Übung ausblenden können.

Stille. Warum sagte keiner was? Ich erhob mich halb aus der Hocke, um zwischen dem Nippes auf der Fensterbank hindurch ins Wohnzimmer zu spähen.

Mein Vater räusperte sich.

„Also, mein lieber Schwager, liebe Hanne, warum wir euch eingeladen haben …“ Wieder räusperte er sich. „Es tut uns wahnsinnig leid, und selbstverständlich werden wir euch das Geld zurückzahlen.“

„Aber nein!“

Mein Onkel klang resolut. Ein echter Manager, der es gewohnt war, dass er die Ansagen machte.

„Doch, doch …“, pflichtete meine Mutter meinem Vater bei.

Jetzt mischte sich Tante Hanne ein.

„Nein, um das Geld geht es gar nicht. Und wie wollt ihr es überhaupt auftreiben?“

Das fragte ich mich auch. In den Jahren, die mein Onkel und meine Tante mir mein vermeintliches Wirtschaftsstudium finanziert hatten, waren sicher hunderttausend Euro zusammengekommen, wenn nicht mehr.

„Wir haben mit der Bank gesprochen“, sagte meine Mutter leise. „Wir werden eine Hypothek auf das Haus aufnehmen.“

Mir wurde schlecht. Ich konnte nur beten, dass ich mich verhört hatte. Das war doch eine Sache zwischen Rudi, Hanne und mir! Warum mischten sich meine Eltern ein? Das wollte ich nicht.

„Aber das Haus ist das Einzige, was ihr habt. Das können wir nicht annehmen, Ella.“ Meine Tante klang besorgt.

„Wisst ihr ...“, ergriff mein Onkel wieder das Wort, und ich ahnte schon, dass mir nicht gefallen würde, was jetzt kam. „… es ist nicht das Geld. Das ist eine Investition, die ich längst abgeschrieben habe.“

„Wir sind nur so enttäuscht.“ Ich konnte meine Tante kaum hören, so leise sprach sie. „Die ganzen Jahre … Nie hat sie ein Wort gesagt. Und dann das.“

Das. Das war eine zufällige Begegnung meines Onkels mit dem Dekan des Fachbereichs Wirtschaft, Professor Doktor h.c. Schwenn, auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung gewesen.

Ich wusste nicht, wie das Gespräch zwischen ihnen verlaufen war, aber in meiner Phantasie klang es ungefähr so:

„Oh, Professor Schwenn, kennen Sie eigentlich meine überaus begabte Nichte, Patricia Nell? Sie studiert fleißig in Ihrem Fachbereich und wird nach ihrem Abschluss meine Nachfolge im Unternehmen antreten.“

Einige Male hatte ich Prof. Schwenn, wie ich ihn nannte, sogar gesehen. Wenn ich an der Uni war. Prof. Schwenn war ein hagerer Mann mit spitzem Gesicht und schwarzem Ziegenbärtchen.

„Ihre Nichte?“, hörte ich ihn in meiner Phantasie sagen.

„Sie studiert schon ein paar Jahre und müsste bald fertig sein. Könnte man das nicht beschleunigen?“ Das war wieder mein Onkel.

„Ich werde mich bei den Kollegen erkundigen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich das nicht regeln ließe. Geben Sie mir doch bitte Ihre Karte, ich lasse von mir hören!“

An diesem Punkt brach das Gespräch in meiner Vorstellung ab. So oder so ähnlich musste es gelaufen sein. Mit der Konsequenz, dass Prof. Schwenn meinen Onkel angerufen haben musste, um ihn über den aktuellen Stand meiner Studienerfolge zu informieren. Und die waren in den letzten Jahren nicht umwerfend gewesen. Ich hatte zwar engagiert gestartet, das war, bevor Victor so dringend meine Hilfe brauchte. Als er sich dann mit dem Sender überworfen hatte und sich seine eigene Existenz aufbauen wollte, hatte ich die meiste Energie in seine Unterstützung gesteckt.

Nach dem Telefonat war ein Unwetter über mir losgebrochen. Das größte Donnerwetter meines Lebens.

3

„Hey, Pippilein!“

Die begeisterte Stimme von Alex klang laut durch den Hörer. Es war der Tag nach meinem heimlichen Besuch bei meinen Eltern. Mein Kopf dröhnte, meine Nase war dicht, und dann kratzte es auch noch fies im Hals.

„Nenn mich nicht so!“, krächzte ich und schielte auf den Radiowecker neben meinem Bett. Fünfzehn Uhr. Verdammter Mist! Wieso hatte ich so lange geschlafen? Ich musste husten.

„Pippi, bist du krank?“ Jetzt klang Alex besorgt.

„Ich, ich weiß es nicht. Aber nenn mich nicht so“, stammelte ich und streckte nacheinander beide Beine und den freien Arm unter der warmen Bettdecke hervor. Alles dran. Was war also mit mir los?

Langsam kam die Erinnerung an den Vorabend wieder hoch. Eine unschöne Erinnerung, die ich, als ich weit nach Mitternacht völlig durchgefroren und regennass in meine Wohnung zurückgekehrt war, mit einer weiteren Riesenportion Käsenudeln und einer Flasche Rotwein zu betäuben versucht hatte.

Wer hätte auch ahnen können, dass die Versöhnung meiner Eltern mit der Verwandtschaft sich so in die Länge ziehen würde?

„Ach, Pip“, sagte Alex sanft. „Ich wollte nur fragen, was denn nun mit heute Abend ist. Du hast noch gar nicht geantwortet.“

„Wie, was?“

Hatten Alex und Yvette geschrieben? Yvette war meine beste Freundin, und Alex war es auch. Es war durchaus erfüllend und praktisch, zwei beste Freundinnen zu haben. Und es ging auch gar nicht anders! Als Lehrerin fiel Alex in der Klausurenphase als Ratgeberin regelmäßig aus. Yvette war meine Konstante. Gelangweilt von ihrem Job, beschäftigte sie sich nicht nur in ihrer Freizeit mit allem, was der Lebenshilfe- und Esoterikmarkt hergab, und war somit eine unerschöpfliche Quelle an Lebensweisheiten. Sie schaffte es sogar, während ihrer Arbeitszeit eine Ausbildung zur Heilpraktikerin zu absolvieren – oder zumindest dafür zu lernen.

„Ja wie? Noch nicht mal gelesen?“

„Ehrlich gesagt, nein.“ Langsam wurde meine Stimme geschmeidiger. Also doch kein Totalschaden.

„Wir wollten uns in der Stadt treffen, um acht. Essen, Cocktails, Quatschen und so. Was man an einem Samstagabend eben so macht.“

„Hm?“, brummte ich.

„Wie? Keine Lust?“

Ich streckte mich noch einmal, irgendwie tat mir alles weh.

„Ach, ich bin nicht gut drauf.“

„Was ist denn?“

„Meine Eltern haben sich mit meinem Onkel und meiner Tante ausgesprochen“, erklärte ich kleinlaut.

„Mit dem Onkel und der Tante?“

„Jaaa!“ Ich hoffte, mitleiderregend zu klingen.

„Oh, Shit.“ Alex wusste sofort, dass es nicht gut um mich stand.

„Du brauchst Ablenkung, Süße. Unbedingt. Komm nachher mit.“

„Ach, ich weiß nicht ...“

Irgendwie wollte ich mich ein wenig bitten lassen. Ich brauchte das Gefühl, dass ich Alex wichtig war, dass sie den Abend ohne mich – mit Yvette allein – nur halb so schön finden würde. Höchstens halb so schön, wenn nicht nur ein Drittel so schön.

Aber da war noch mehr. Und das war nicht lustig: Ich hatte kaum noch Geld für diesen Monat und konnte mir einen unbeschwerten Mädelsabend mit Essengehen und anschließendem Besuch einer Cocktailbar eigentlich nicht leisten.

Nach dem, was ich am Abend zuvor gehört hatte, dachte ich nicht einmal mehr daran, es so zu machen wie sonst in solchen Situationen: meine Mutter um etwas Kredit zu bitten, den ich ihr sowieso nie zurückzahlen würde.

„Ach, Pip, bitte! Ohne dich ist es nur halb so schön.“

Mir ging das Herz auf. Was wäre das Leben ohne gute Freundinnen?

„Ich würde ja gern …“ Ich versuchte, den Inhalt meines Portemonnaies zu überschlagen. Vielleicht noch fünfzig Euro? Wenn ich das Klimpergeld aus der Küchenschublade dazuzählte, kam ich mit Glück auf Sechzig. Und das musste noch eine Weile reichen.

Sicherheitshalber hustete ich.

„Oh, du bist doch krank?“

„Hm, ein wenig. Ich glaube, so richtig in die Stadt schaffe ich es nicht. Wollen wir nicht hier zum ‚Mexxo’?“

Das „Mexxo“ war so ziemlich der mieseste Laden, den es in meiner näheren Umgebung gab. Ein Mexikaner mit billigem Essen und noch billigeren Cocktails. Es hätte mich nicht gewundert, wenn der Besitzer selbst gebrannten Alkohol in die Drinks gemischt hätte.

„Ach, echt, ‚Mexxo’? Ich dachte, das findest du auch mies?“

„Ja, aber ich kann heute nicht so weit, bei mir ist irgendein Infekt im Anflug.“

„Wenn wir sonst auf dich verzichten müssten und du unbedingt willst. Ich sag Yvette Bescheid.“

„Danke!“ Ich war erleichtert.

Das „Mexxo“ war zwar wirklich grenzwertig, aber bei Inhaber José, wie ich ihn nannte – eigentlich hieß er Jürgen – konnte ich immer anschreiben lassen. Oder mit Karte zahlen und mir mehr Bargeld herausgeben lassen. José hatte Verständnis für die, die am Rande der Gesellschaft lebten, und im Gegenzug hatte ich Verständnis für seine Speisen und Getränke, die sich am Rande der Qualitätsstandards des Gesundheitsamtes bewegten. Ab und zu tauchte ich mit ein paar Leuten im „Mexxo“ auf. Vorzugsweise gegen Ende des Monats.

Wir verabschiedeten uns ausgiebig, und dann ließ ich mich erschöpft in die Kissen sinken.

Gerade, als ich wieder wegschlummerte, klingelte mein Handy erneut. Ich schielte auf das Display. Meine Mutter. Mit schlechtem Gewissen stellte ich den Ton aus und ließ es klingeln.

Ich fühlte mich einem Gespräch mit ihr noch nicht gewachsen. Angeschlagen und verkatert, wie ich war.

Lustlos kaute Yvette auf den viel zu salzigen Nachos herum und tunkte ab und zu einen in einen der drei Dips, die José gebracht hatte. Die Diskussion über die Inhaltsstoffe hatte er gut weggesteckt, zumindest traute er sich noch an unseren Tisch. Vielleicht auch, weil er seinen Aushilfen nicht zumuten wollte, uns weiter zu bedienen?

Seit Yvette Veganerin war, kam mir ihr Leben irgendwie kompliziert vor. Sie schaute zu mir rüber und leckte sich einen Rest Paprikapulver von den Lippen.

„Sag mal, was ist eigentlich mit dir los?“ Auch Alex guckte mich über ihren Jumbo-Margarita hinweg neugierig an.

„Erkältung.“ Ich hustete, um die Mitteilung zu verdeutlichen.

„Und sonst?“, hakte sie nach.

„Blöd.“

„Was?“ Yvette leckte sich noch einmal über die Lippen.

Ich hatte noch keine Gelegenheit gefunden, die beiden ausführlicher über den Versöhnungsbesuch von Onkel Rudi und Tante Hanne bei meinen Eltern zu informieren.

„Na ja, meine Eltern hatten gestern Besuch. Verwandtschaft. Meine Eltern bestehen darauf, das Geld, das mein Studium gekostet hat, zurückzuzahlen. Sogar mit Zinsen.“

„Das wird nicht wenig sein.“ Yvette sah mich mitfühlend an.

„Das Schlimme ist, sie haben das Geld nicht. Ihr wisst ja, wie es bei uns aussieht. Nichts zu holen.“

Beide nickten.

„Und woher wollen deine Eltern das Geld nehmen?“ Alex trank einen kräftigen Schluck aus ihrem riesengroßen Glas.

„Sie wollen eine Hypothek auf das Haus aufnehmen“, erklärte ich meinen Freundinnen.

„Und?“ Alex stupste mich an.

„Was und?“, entgegnete ich wortkarg.

Mir ging es wirklich mies, seit ich im Garten gelauscht hatte. Meine Eltern wollten ihren Lebenstraum, ein eigenes kleines Häuschen, an die Bank verpfänden, nur um mir zu helfen!

„Das kannst du doch nicht zulassen. Deine armen Eltern.“ Das war Yvette. Tolle Freundinnen.

„Wollte ich auch nicht.“

Jetzt war es raus. Beide sahen mich erleichtert an.

„Mein Onkel hat das Angebot nicht angenommen. Noch nicht. Sagt, er hätte das Geld abgeschrieben.“ Ich legte eine kleine Pause ein, holte tief Luft und machte meinen Gefühlen Luft. „Ich fühl mich so mies, das glaubt ihr nicht.“

„Klar“, sagte Alex nur.

„Logisch“, ergänzt Yvette.

Wir schwiegen eine Weile und stopfen das, was von unserem versalzenen Essen noch übrig war, in uns hinein.

„Und was machst du jetzt?“ Yvette blieb hartnäckig.

Ein tiefer Atemzug, dann sagte ich bestimmt: „Ich organisiere das Geld.“

Dabei versuchte ich, möglichst cool zu klingen. So als könnte ich die Summe mit einem Wochenendjob zusammenbekommen. Oh nein. Hatte ich das wirklich gesagt? Blöder Alkohol! Hoffentlich hörten sie nicht heraus, dass ich selber noch nicht so recht an das glaubte, was ich von mir gab.

„Hey, super!“

„Klasse.“

„Wow.“

„Cool.“

„Respekt.“

Die beiden strahlten mich an. Das ließ mich noch unsicherer werden.

„Bloß, Leute, woher krieg ich so viel Geld?“

„Wie viel denn genau?“, fragte Yvette.

„Lass mich rechnen …“ Ich legte die Stirn in Falten. Und dann forderte ich meine Freundinnen auf: „Schreib mal eine mit!“

Alex holte sofort einen Kugelschreiber und ihr Notizbuch aus ihrer Handtasche. Ich überschlug die Ausgaben für Miete, Nebenkosten und für meinen großzügigen Lebensunterhalt, den mit Rudi und Hanne monatlich überwiesen hatten. Alex schrieb eifrig mit.

„Ich komme auf hundertzweiundzwanzigtausendvierhundert Euro“, verkündete sie, nachdem sie alles zusammengerechnet hatte.

Yvette pfiff durch die Zähne.

Ich senkte nur den Kopf. Irgendetwas kritzelte Alex noch auf das Papier.

„Wenn ich jetzt noch die Zinsen der letzten Jahre berechne, dann komme ich auf hundertfünfundzwanzigtausend Euro.“ Alex legte den Stift zur Seite und schüttelte ungläubig den Kopf. „Und das alles nur, weil du Victor den Rücken frei gehalten hast. Ganz schön teurer Spaß!“

Ich saß nur stumm auf meinem Stuhl und versuchte, mich immer kleiner zu machen. Wie ich je an so viel Geld kommen sollte, war mir schleierhaft.

„Hast du einen Plan?“ Alex war wie gewohnt pragmatisch.

Ich schüttelte den Kopf, noch immer erschlagen von dem Betrag, und schämte mich unendlich.

„Du brauchst einen Plan.“ Jetzt stupste Yvette mich an.

„Ja, klar.“

Ich hoffte, dass das siegessicher klang. Es musste ein neuer Lebensabschnitt anbrechen, die Zeit war reif. Ab sofort würde ich mich verhalten, wie niemand in meiner näheren Umgebung es je vermutet hätte. Verantwortungsbewusst und erwachsen: So war mein neues Ich.

Aber zunächst kam José vorbei, um abzuräumen.

„Noch eine Runde?“ Er deutete auf unsere leeren Jumbo-Margarita-Gläser.

Wir nickten alle drei. Am nächsten Morgen mit dem Erwachsensein zu beginnen würde auch noch genügen.

Und das war dann der Morgen, an dem ich völlig verkatert von Victors erstem Anruf seit sechs Monaten überrascht wurde.

4

Am besagten Mittwoch, an dem ich bei Victor erscheinen sollte, weckte mich zur Abwechslung mal kein Anruf, sondern mein Wecker. Ich stellte ihn wieder aus und malte mir im Halbschlaf aus, wie es gleich bei ihm werden würde. Allein der Gedanke daran, ab heute wieder öfter in seiner Nähe sein zu dürfen, weckte in mir wohlige Erinnerungen. Verträumt drehte ich mich um und genoss das aufgeregte Flattern meines Herzens.

Zum Glück erinnerte mich kurz darauf die Schlummerfunktion daran, endlich aufzustehen.

Ich hatte gerade so noch Zeit zum Duschen, meinen Kaffee trank ich im Stehen. Die Alkohol- und Ess-Exzesse hatte ich gut verkraftet. Am Sonntag hatte ich sogar unfreiwillig Nulldiät gemacht; mir war den ganzen Tag übel gewesen.

Um halb zehn stapfte ich die endlosen Treppen zum Gemeinschaftsbüro hoch. Es lag in der Altstadt, in einem denkmalgeschützten Haus direkt unter dem Dach. Ich schnaufte schwer. Schweiß rann mir von den Achseln in Richtung Hüften. Wieso hatten alte Gebäude immer so viele Treppen? Oder bildete ich mir das ein? Alte Erinnerungen kamen in mir hoch. Das Büro hatte ich nach langem Studium des Immobilienteils der Tageszeitung gefunden. Wir hatten es gemeinsam wieder auf Vordermann gebracht. Naja, eigentlich war das größtenteils mein Verdienst, denn Victor musste ja Kontakte knüpfen und schreiben, damit die Miete wieder rein kam.

Gabi, eine junge Journalistin, ließ mich rein. Sie hatte ihren Schreibtisch direkt hinter der Eingangstür. So war sie unfreiwillig zur Empfangsdame geworden.

„Ich wollte zu Victor.“

„Der ist kurz weg. Warte doch in seinem Büro.“

Sie nickte in Richtung des hinteren Teils der Räumlichkeiten. Victor war Hauptmieter und hatte sich beim Einzug das beste Zimmer gesichert, einen Extraraum mit vielen Fenstern und Blick auf den Marktplatz. Erst danach hatte er die Arbeitsplätze im Hauptraum an andere freiberufliche Journalisten vermietet. Um Geld zu sparen, aber auch um ein wenig Gesellschaft und fachlichen Austausch zu haben.

Außer Gabi war noch ein junger Typ da; er saß an dem Schreibtisch in der entlegensten Ecke, nickte mir kurz zu, als ich in das zweite Büro ging, und vertiefte sich wieder in das, was er auf seinem Bildschirm sah. Er musste neu sein, ich kannte ihn nicht.

Ich setzte mich hinter Victors Schreibtisch und atmete tief ein. Ein Hauch seines Aftershaves lag noch immer in der Luft und löste ein Kribbeln in meinem Bauch aus. Erinnerungen an bessere Zeiten, als er noch dachte, ich sei eine fleißige und wissbegierige Studentin und diese Mischung scheinbar unwiderstehlich fand.

Jetzt war Nora an meine Stelle getreten und kriegte all das von ihm, was ich mir so sehr wünschte.

Ob er sich seit unserem Telefonat am Sonntag genauso viele Gedanken über uns und unsere Beziehung gemacht hatte, wie ich? In den letzten drei Tagen seit seinem Anruf hatte ich immer und immer wieder überlegt, ob die Arbeit für ihn die Chance für einen Neuanfang sein könnte.

Was er wohl für einen Job für mich hatte? Würde ich auch seinen extrem hohen Ansprüchen genügen?

Um mich von meinen Selbstzweifeln abzulenken, klickte ich mich durch die Mails auf seinem Rechner. Ein lautes Geräusch ließ mich zusammenzucken. Victor musste zurückgekommen sein.

Gerade noch rechtzeitig gelang es mir, den Drehsessel in Richtung Tür schwingen zu lassen und mein Tun verbergen. Jetzt sah ich auch, wo das Geräusch hergekommen war. Auf dem Besprechungstisch lag eine große Bäckertüte. Die musste Victor beim Eintreten dahin geworfen haben. Plötzlich duftete es unwiderstehlich nach Zimt und noch intensiver nach seinem Aftershave.

„Regel Nummer eins“, sagte er zur Begrüßung und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

Meine Knie wurden weich. Gut, dass ich saß! Der Typ sah so verdammt gut aus! Ungefähr wie Matthew McConhaughey in „Der Mandant“. Aus jeder seiner Poren strömte der Sex-Appeal eines erfolgsverwöhnten Mannes. Wir hatten uns ewig nicht gesehen, fast ein halbes Jahr lang, und seine Gesichtszüge erschienen mir noch markanter als bei unserer letzten Begegnung.

„Pünktlichkeit!“, verkündete er und fixierte mich.

„Guten Morgen“, würgte ich hervor, „ist doch klar.“ Dabei raste mein Puls bei seinem Anblick in ungeahnte Höhen.

„Wirklich?“

„Logisch!“

Souverän erwiderte ich seinen Blick und blieb sitzen, obwohl mir eher danach war aufzuspringen und ihm in die Arme zu sinken. Einmal noch an ihn gelehnt seinen betörend männlichen Geruch einatmen. Das war doch wohl drin nach der langen Zeit? Ich wurde unsicher. Sollte ich nicht einfach zu ihm hingehen? Alex hatte mir davon abgeraten. Wir hatten diese Szene am Vorabend dutzendfach geprobt. Sie hatte gemeint, ich solle mich, wenn ich ihn sah, zur Sicherheit mit beiden Händen am Bürostuhl festhalten. Also krallte ich die Finger mit ganzer Kraft um die Kanten der gepolsterten Sitzfläche.

„Ach ja?“ Lag da Spott in seiner Stimme?

„Und warum kommst du erst jetzt?“

Erschrocken schaute ich auf die Uhr.

„Äh, kann es sein, dass du erst jetzt kommst?“, fragte ich vorsichtig zurück.

„Nein, meine Liebe. Wir hatten neun gesagt.“

„Nein!“ Ich richtete meinen Blick fest auf seine Augen, aber er hielt ihm stand. Ich wurde unsicher. „Hatten wir?“, fragte ich vorsichtig.

Das konnte eigentlich nicht sein. Termine vor halb zehn nahm ich grundsätzlich nicht an. Gerade, als ich das vorbringen wollte, fiel sein Blick auf den Monitor seines Rechners.

„Was machst du da? Du hast doch nicht etwa geschnüffelt? Seine Stimme hatte einen drohenden Unterton und klang dadurch noch männlicher, als sowieso schon.

„Regel Nummer zwei: Sperr deinen Bildschirm mit einem Kennwort, bevor du den Raum verlässt.“ Ich hauchte ihm meine Worte entgegen und grinste über das ganze Gesicht. Mein Herz schlug vor Aufregung hart gegen meinen Brustkorb. Ob er meine Schlagfertigkeit wohl attraktiv fand?

Aber Victor stierte mich nur ärgerlich an. „Du hast doch nicht etwa ...?“ Den Rest der Frage ließ er im Raume stehen.

„Natürlich nicht.“ Ich hoffte, dass ich überzeugend klang.

Aber natürlich hatte ich. Selbstverständlich, und es war sehr interessant gewesen. Eigentlich hätte ich in die Ordner auf seinem Desktop schauen sollen, sie trugen die Namen von Politikern, großen Unternehmen und lokalen Prominenten. Aber bevor ich den Kopf dafür frei hatte, waren seine Mails fällig gewesen, natürlich nur die von oder an Nora. Sie durfte ihn „Schnupsi“ nennen und „Mauseschatz“. Ich war empört, durfte mir aber nichts anmerken lassen. Solche Anreden hatte er mir immer verboten!

„Wirklich nicht?“, hakte er nach.

„Was?“ Ich hatte vergessen, worum es gerade ging.

„Du hast nicht in meinem Rechner geschnüffelt?“

Ich schüttelte schwungvoll meine braunen Locken.

„Was ist denn in der Tüte?“ Mit einem Nicken deutete ich in Richtung Besprechungstisch.

„Rate mal.“

„Franzbrötchen?“

„Ich bin noch nicht zum Frühstücken gekommen, und wie ich dich kenne, hast du auch Hunger.“

Ich erhob mich von seinem Bürostuhl, ging rüber und riss die Tüte auf. Vier riesengroße, flache Gebäckstücke präsentierten sich im besten Licht. Ich griff zu.

„Und, was soll ich heute machen?“, nuschelte ich mit vollem Mund.

Victor setzte sich mir gegenüber, strich seine dunkelblonden Haare zurück und nahm sich auch ein Franzbrötchen. Dann stand er noch einmal auf und ging zum Schreibtisch. Ein paar Klicks, dann lief der Drucker sich mit monotonem Rattern warm.

Kurz darauf kam Victor mit ein paar Ausdrucken zurück und setzte sich direkt neben mich. Ganz nah an mich heran. Ich atmete seinen Geruch tief ein. Dazu der Duft der Franzbrötchen – die Mischung war zu betörend, als dass ich genau hätte zuhören können.

Aber so ungefähr vereinbarten wir, glaube ich, dass er mir erst einmal einen Fall auf der Basis von Stundenlohn gab, anhand dessen ich üben und sehen konnte, ob die Arbeit etwas für mich war. Danach wollten wir in die spannenden Recherchen eintauchen.

Neben der Sache mit der Pünktlichkeit hatte er noch weitere Regeln für mich. Ich war etwas verstimmt. Die Uhrzeit hatte er meiner Meinung nach am Sonntag selbst vorgeschlagen. Manchmal wurde er schon vergesslich, obwohl er erst Anfand dreißig war.

Die zweite Regel war, dass ich mich immer gut tarnen, nie sichtbar sein und nie einen Verdächtigen in ein Gespräch verwickeln sollte. Dazu passte auch Regel Nummer drei, die besagte, dass ich nie, und zwar wirklich nie, jemandem sagen durfte, für wen ich arbeitete. Regel Nummer vier war schon einfacher: Ich verpflichtete mich, ein Prepaid-Handy bei mir zu tragen, damit er mich jederzeit erreichen konnte, falls er einen Tipp bekam, wo eine bestimmte Person sich gerade aufhielt. Er schob mir einen kleinen Handy-Karton über den Tisch. Die Regel gefiel mir, denn sie besagte, dass Victor vorhatte, mich jederzeit – ob Tag oder Nacht – anzurufen, wenn ihm danach war. Und, im Umkehrschluss bedeutete sie, dass ich ihn jederzeit anrufen durfte, wenn ich das Gefühl hatte, einer wichtigen Fährte zu folgen oder etwas entdeckt zu haben. Das war nämlich Regel Nummer fünf. Wunderbar. Nie wieder würde er behaupten können, dass ich das Zeug zu einer Stalkerin hatte, denn er wollte es ausdrücklich so. Regel Nummer sechs fand ich dagegen etwas merkwürdig: Ich sollte immer Sneakers oder Turnschuhe tragen. Auf den tieferen Sinn dieser Regel angesprochen, sagte Victor nur, es könne sein, dass ich mal schnell weglaufen müsse.

Regel Nummer sieben war hart: Ich durfte weder meinen Eltern noch Freunden von meinen aktuellen Fällen erzählen. Regel Nummer acht war auch ziemlich blöd: Ich sollte einen Stundenzettel führen und aufschreiben, was ich in der Zeit jeweils getan hatte. Nicht nur am Anfang, bei diesem ersten Auftrag, sondern auch später, wenn er mich erfolgsabhängig bezahlen würde. Ich wollte die Regel wegdiskutieren, aber er blieb hart.

„Nein, Patricia. Das muss sein. Schließlich geht es um meinen Ruf, ich muss belegen können, dass ich genau recherchiert habe. Ich muss wissen, was du in deiner Arbeitszeit tust und wo du warst. Auch später, wenn du deine Erfolgsbeteiligung bekommst.“

„Fünfzig Prozent?“, fragte ich hoffnungsvoll.

„Zehn Prozent ab dem zweiten Fall, mehr ist nicht drin.“

Ich schluckte die bittere Pille. Kontrolle hin, Kontrolle her – ich brauchte den Job.

Mehr Regeln hatte er für den Anfang nicht. Stattdessen erklärte er mir meinen ersten Auftrag. Wir standen kurz vor der Wahl. Ein Lokalpolitiker, der für das Amt des Bürgermeisters kandidierte, hatte angeblich eine Affäre. Victor schätzte das als sehr unwahrscheinlich ein, denn der Typ war alles andere als ein Frauenschwarm. Victor vermutete, dass es sich um ein reines Gerücht handelte, wollte aber sicher sein. Andererseits war die Sache zu wenig gewinnversprechend, als dass er sich selber drum kümmern wollte. Er war mehr der Mann für die dicken Storys.

Also drückte er mir die Ausdrucke zu meinem ersten Fall in die Hand. Als Gedächtnisstütze. Die hatte ich auch nötig, denn, wie gesagt, seine Nähe und sein Duft hatten meine Auffassungsgabe nach so langer Zeit der Abstinenz stark eingeschränkt.

„Sag mal …“, hob er an, nachdem wir uns eigentlich schon verabschiedet hatten.

„Ja?“ Ich sah ihn hoffnungsvoll an. Kam jetzt doch noch etwas Privates? Vielleicht ein „Ich vermisse dich“?

„Warum willst du jetzt eigentlich richtig arbeiten?“

„Wieso?“, fragte ich irritiert zurück. Mir fielen unsere gemeinsamen Jahre ein und alles, was ich für ihn getan hatte, damit er sich in Ruhe selbstständig machen konnte. War das etwa keine Arbeit? Ich hatte sein komplettes Büro eingerichtet, den Papierkram gemacht, geputzt und gekocht. Ehrlich gesagt, war das sogar mehr als ein Vollzeit-Job gewesen, der mir nicht einmal richtig Zeit für die Besuche meiner Vorlesungen gelassen hatte.

„Ach, ich dachte nur…“ Er brachte den Satz nicht zu Ende und kratzte sich nachdenklich am Kopf.

„Was dachtest du?“ Ich legte größtmögliche Empörung in meine Stimme.

„Na ja …“, druckste er.

„Ja? Was?“ Sofort ging ich in Abwehrhaltung.

„Ich dachte nur … ich dachte, das wär nicht so dein Ding … so inhaltlich richtig zu arbeiten.“

Mein Magen krampfte sich zusammen. Das stimmte nicht ganz. Aber sollte ich jetzt mit ihm darüber diskutieren? Es würde nur alte Wunden aufreißen und das konnte ich gerade nicht gebrauchen.

Victor schein das auch einzufallen, denn er wechselte schnell das Thema. „Also abgemacht, zehn Euro die Stunde für diesen Fall. Schreib auf, was du gemacht hast. Denk an Regel Nummer acht.“

Zehn Euro? Ich schluckte. Plötzlich schien mir das sehr wenig. Besonders wenn ich an die Summe dachte, die ich Rudi und Hanne zurückzahlen musste. Sollte ich verhandeln? Victor sah mich ungnädig an. Den Blick kannte ich. Er besagte: keine Chance. Also nickte ich unwillig und verschwand.

Das Ganze klang nicht nach einem unangenehmen Job. Freie Zeiteinteilung, Kontakt zu Victor, wann immer ich wollte, und spannende Fälle. Der Stundenlohn für den ersten Fall war zwar ein Witz, aber ich hatte gute Ansätze, wie ich meine Arbeitszeit ausdehnen konnte. Die Abrechnung würde sich schon lohnen. Ein Cafébesuch hier, ein Schaufensterbummel da, zwischendurch noch ein paar ausgiebige Telefonate mit Freunden und Familie. Alles während meiner Arbeitszeit.

5

„Sag mal, spinnst du?“

Der Anruf am nächsten Morgen auf dem Prepaid-Handy weckte mich unsanft. Hätte ich das Ding bloß nicht pflichtbewusst neben meinem Bett liegen lassen!

„Wer ist da?“, fragte ich streng.

„Soll das ein Witz sein?“ Victor klang echt sauer.

„Ach, Victor? Bist du es?“, flötete ich bemüht unbeschwert und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich sein morgendlicher Anruf durcheinanderbrachte. Warum kam ich nur nicht von ihm los? Allein seine Stimme, auch wenn er sauer war, brachte mich fast um den Verstand vor Sehnsucht.

Am anderen Ende erregtes Schnauben.

„Wie, bitte, sag mir, wie kann deine Schwester meiner Freundin gestern Abend in einer Kneipe beiläufig erzählen, dass du jetzt für mich arbeitest? Und nicht nur das. Sie wusste alle Details über deinen ersten Fall.“

„Oh.“ Mehr fiel mir nicht ein.

„Was meinst du mit oh? Oh, tut mir leid, vielleicht?“

„Äh nein. Eigentlich hieß das: Oh, ich wusste nicht, dass die beiden sich kennen und auch noch miteinander reden.“

„Das tut doch nichts zur Sache!“ Er war ernsthaft sauer.

„Doch!“, entgegnete ich trotzig.

Meine Schwester hatte mich verraten. Hinter meinem Rücken unterhielt sie Kontakt zu Nora.

„Die beiden kennen sich schon länger, von der Rückbildungsgymnastik.“

„Oh“, entfuhr es mir noch einmal. Diesmal handelte es sich um tiefe Enttäuschung. Das hatte Jule nie erwähnt. Sie war doch meine Schwester, wie konnte sie mich so hintergehen und ohne mein Wissen mit dieser Frau bekannt sein? Der Frau, die mir Victor geklaut hatte.

„Patricia. Wir haben vereinbart, dass du nicht über die Fälle redest. Mit niemandem. Weißt du noch? Regel Nummer sieben? Und wenn du schon bei so einer Routinesache ins Plaudern kommst, wie soll es dann erst werden, wenn ich dich mit den richtigen Klopfern betraue?“

„Na eben, ich wusste doch, dass es nur eine Routinesache ist. Sonst hätte ich Jule nie etwas erzählt. Garantiert.“

Am anderen Ende der Leitung erklangen komische Geräusche.

„Sag mal, machst du Atemübungen?“, fragte ich verwundert.

„Ja“, gab er unsicher zurück.

„Du?“

„Atem-Yoga.“

Oh, nein. Den Kurs hatte ich immer mit ihm besuchen wollen. Ich dachte, es würde ihm guttun zu lernen, wie man sich entspannt. Er war so aufbrausend.

„Lass mich raten. Mit Nora?“ Ich hörte mich kühl bis eiskalt an.

„Darauf muss ich nicht antworten.“

„Doch, musst du.“

„Muss ich nicht.“

Wir drehten uns im Kreis, und ich fand, es sei an der Zeit, mein neues Ich herauszukramen.

Also atmete ich tief ein und sagte mit fester Stimme: „Schon gut.“

„Hä?“

War er plötzlich schwer von Begriff?

„Ich verzeihe dir“, erklärte ich und betonte jedes einzelne Wort.

„Aha. Okay?“ Er schien verblüfft.

„War’s das?“, fragte ich betont genervt. Es war noch früh, und ich wollte weiterschlafen nachdem ich feststellen musste, dass er nicht anrief, um mich zu bitten, zu ihm zurück zu kommen.

Schweigen am anderen Ende.

„Also gut, dann tschüss. Ich melde mich, wie vereinbart, wenn ich etwas herausgefunden habe. Regel Nummer … ach, das weißt du ja besser als ich.“

Er wollte noch etwas sagen, aber ich legte auf. Und fühlte mich richtig gut. Mein neues, erwachsenes Ich zeigte Wirkung. Ich beglückwünschte mich dazu, dass ich mir ihm gegenüber nichts von meiner Sehnsucht und meinem Liebeskummer hatte anmerken lassen. Ich war echt professionell!

Kurz ging mir durch den Kopf, dass ich mich bei meiner Mutter melden musste; seit dem unbefriedigenden Telefonat und dem Abend auf ihrer Terrasse hatte ich alle ihre Versuche, mit mir in Kontakt zu treten, ignoriert. Es waren einige gewesen. Am Sonntag hatte sie mehrmals angerufen. Am Mittwoch hatte ich sogar einen Brief von ihr im Briefkasten gehabt, dazu mehrere Anrufe auf dem Handy, die ich unbeantwortet gelassen hatte. Der Brief lag auf dem Küchentisch. Ungeöffnet.

Ich war noch nicht bereit.

Trotz dieser Erkenntnis schlief ich fast augenblicklich wieder ein. Meine Träume waren wirr. Jule, meine Schwester, verbündete sich mit der fiesen Nora, und beide verhöhnten mich und warfen mir vor, dass ich nicht beziehungsfähig sei und Victor gar nicht verdient hätte. Dann tauchte auch noch Victor selbst auf, um mir vorzuhalten, wie sehr er während unserer Beziehung unter meinem kindlichen und unreflektierten Verhalten gelitten habe. Auch wenn das alles ein Traum war, hatte doch zumindest diese Szene ihren Ursprung in der Realität. Genau das hatte Victor mir nämlich tatsächlich vorgeworfen, als er unsere Beziehung beendete.

Danach zogen auch noch Onkel Rudi und Tante Hanne durch meinen unruhigen Schlaf und weinten. Dazu sagten sie immer wieder synchron: „Du hast uns so enttäuscht, Patricia, so enttäuscht! Es geht nicht um das Geld, das haben wir abgeschrieben, es geht um das Vertrauen, das wir dir entgegengebracht haben.“ Als sich dann noch meine Mutter mit tränennassen Wangen zu den beiden gesellte, wurde es mir zu viel. Ich konnte einiges aushalten, aber das war mehr, als ich ertrug. Ich schreckte hoch mit dem miserablen Gefühl irgendetwas verkehrt gemacht zu haben.

Der gemeine Anruf von Victor hatte mir sogar in meinen Träumen die gute Laune verdorben. Es war schon ziemlich manipulativ, mich aus dem Schlaf zu reißen, um mir einen schlechten Start in den Tag zu bescheren. Aber diese Seite kannte ich ja an ihm, schließlich waren wir fünf Jahre lang ein Paar gewesen.

Während dieser Jahre hatte ich ihm den Rücken freigehalten, ihn beim Karrieremachen unterstützt, ihn umsorgt. Und seinen kometenhaften Aufstieg miterlebt.

Als wir uns kennenlernten, war er schon mit dem Studium fertig. Er sah aus wie ein Filmstar mit seiner athletischen Figur, den dunkelblonden Locken und diesem intellektuellen, zynischen Lächeln, das mir immer das Gefühl gab, ihm meilenweit unterlegen zu sein.

Damals hatte er noch seine feste Anstellung bei unserem lokalen Nachrichtensender, dessen Programm immer montags bis freitags eine halbe Stunde vor den Zwanzig-Uhr-Nachrichten im Dritten lief. Aber diesen Job hasste er zutiefst. Und ich konnte das verstehen, selbst wenn ich ihn nicht in Schutz nehmen wollte. Die Leute dort waren ihrem Wesen nach und in ihrer Recherchearbeit so subjektiv! Keiner bemühte sich um eine neutrale, sachliche Berichterstattung. Nicht einmal ansatzweise taten sie das, sodass Victor regelmäßig mit seinem Redaktionsleiter und den Kollegen aneinandergeriet. Regelmäßig. Von Beginn seines Arbeitstages, um vierzehn Uhr in der Redaktionskonferenz, bei der er die ersten Aufreger erlebte, bis um einundzwanzig Uhr, wenn nach der gelaufenen Sendung und der Besprechung der Themen für den nächsten Tag endlich Feierabend war.

Nach einem Eklat war er schließlich gegangen. Er hatte öffentlich eine Kollegin kritisiert und dafür mächtig Ärger in der Redaktion bekommen. Das nahm er zum Anlass, das Handtuch zu werfen.

Und damit nahmen wohl auch die Ereignisse ihren Lauf, die bei mir zu diesem riesengroßen Schuldenberg führten. Denn er war seitdem freiberuflich tätig. Und ich hatte ihn beim Aufbau seiner Selbstständigkeit tatkräftig unterstützt. So doll, dass ich selber meine Ziele völlig aus den Augen verloren hatte, na, obwohl, das stimmte nicht ganz. Denn damals dachte ich noch, wir würden sowieso bald heiraten und Kinder kriegen und ich würde in unsere Beziehung investieren, indem ich alles für ihn tat, damit er in Ruhe seine Karriere vorantreiben konnte.

Und das tat Victor. Er nahm es gerne an, dass er sich um nichts zu kümmern hatte und ich degradierte mich immer mehr zu seiner Putzfrau, Köchin und persönlichen Assistentin. Natürlich, ohne dass ich je dafür bezahlt wurde.

Das Modell schien auch erst wunderbar zu funktionieren. Er wurde schnell erfolgreich. So erfolgreich, dass er ständig mit irgendwelchen Tipps für heiße Storys und Skandale überschüttet wurde. Tag und Nacht war er an irgendwelchen mehr oder weniger aussichtsreichen Spuren, die ihm die nächste große Enthüllung bringen konnten. Und mit jedem Tag entfernten wir uns weiter voneinander. Denn sein Berufsleben fand auf der Autobahn statt, mit Vollgas auf der Überholspur. Mein Leben dagegen war wie eine Fahrt im Ochsenkarren über einen schlammigen Feldweg, langsam und voller unüberwindbarer Schlammlöcher und Hindernisse.

In miesester Laune quälte ich mich endgültig aus dem Bett. Auf dem Küchentisch lag wie ein einziger Vorwurf der Brief, den meine Mutter geschrieben haben musste, daneben die Ausdrucke zu meinem ersten Auftrag.

Ich machte mir einen doppelten Espresso mit warmer Milch, natürlich aufgeschäumt. Mein Laptop stand aufgeklappt zwischen Victors Notizen und dem verschlossenen Umschlag. Ich öffnete mein Schreibprogramm und legte los.

Auftrag: 001

Thema: hochgeheime Beschattung eines sehr fragwürdigen

Politikers

Beginn: gestern

Ende: hoffentlich bald

Tätigkeitsnachweis Tag 1

Fahrt zu dem zu beschattenden Subjekt 0,25 Stunden

vertraut machen mit dem Wohnumfeld 0,25 Stunden

nähere Recherche der Infrastruktur 1,0 Stunde

Rückfahrt 0,50 Stunden

Summe 2 Stunden

Was? Nur zwei Stunden? Das waren gerade mal zwanzig Euro. Dabei hatte meine nähere Recherche der Infrastruktur so ausgesehen, dass ich in einem nahe gelegenen Café das Nachmittagsangebot für Senioren getestet hatte. Eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen für drei Euro. Was verdammt günstig war. Besonders in dieser piekfeinen Gegend, in der ein weißer, steriler, sauteurer Bungalow neben dem anderen stand. Ein schlechtes Gewissen hatte ich deswegen nicht. Schließlich musste ich wissen, wo sich der lumpige Politiker in seinem näheren Umfeld mit subversiven Personen treffen konnte, ohne aufzufallen. Leider hatte ich ihn nicht zu Gesicht bekommen.

Aber zwanzig Euro? Das war zu wenig. Ich schaute mir meine Aufstellung noch einmal an und korrigierte großzügig.

Tätigkeitsnachweis Tag 1

Fahrt zu dem zu beschattenden Subjekt 0,75 Stunden

vertraut machen mit dem Wohnumfeld 2 Stunden

nähere Recherche der Infrastruktur 2,75 Stunden

Rückfahrt 1 Stunde

Summe 6,5 Stunden

Schon besser. Ich drückte auf das kleine Symbol mit dem Briefumschlag in meinem Schreibprogramm und versendete die Datei an Victors Mailadresse. Dazu tippte ich einen Hinweis, dass ich mir das Geld später abholen würde.

Das war geschafft. Zufrieden lehnte ich mich auf dem Küchenstuhl zurück und trank einen Schluck von meinem inzwischen kalten Milchkaffee. Geld verdienen war gar nicht so schwer. Eigentlich hatte der kleine Ausflug gestern sogar Spaß gemacht. Und Victor würde ich heute auch noch sehen, wenn auch nur geschäftlich.

Mein Blick fiel auf den Umschlag von meiner Mutter.

Im Café am Vortag hatte ich mit meiner Schwester Jule telefoniert. Ob sie wusste, dass Onkel Rudi und Tante Hanne unsere Eltern besucht hatten? Sie hatte es mit keiner Silbe erwähnt, als ich ihr von meinem neuen Job erzählte. Ich beschloss, zu ihr zu fahren und sie auszuhorchen. Dann würde ich wissen, wie groß die Wut meiner Eltern war und wie schlimm der Brief sein konnte. Und warum, zum Teufel, sie mit der bekloppten Nora gesprochen hatte, wollte ich sie fragen.

Auf dem Weg zu Jule fuhr ich durch die Altstadt und hielt bei Victors Büro.

Als ich rein kam, saß er über ein paar Blätter gebeugt an seinem Schreibtisch. Er hatte einen roten Stift in der Hand. Den Anblick kannte ich nur zu gut. Victor saß an der Endkorrektur eines Artikels. Es war warm. Er trug nur ein T-Shirt zu den ausgewaschenen Jeans.

„Ah, Patricia, wie läuft es?“ Er nickte mir zu. Seinen unfreundlichen Anruf von heute Morgen schien er vergessen zu haben.

„Gut, wirklich gut.“ Das Stimmte sogar, jetzt, wo ich ihn sah.

„Schön.“

„Und bei dir?“ Ich zeigte auf die Blätter vor ihm.

„Ach, Endkorrektur, weißt ja.“