Chaotin zum Verlieben gesucht - Anni Ninn - E-Book
Beschreibung

Es sind nur zwei Worte, die ich mir von meinem Ex-Freund Victor wünsche: komm zurück. Denn wer, wenn nicht er - ein erfolgreicher und unwiderstehlicher Enthüllungsjournalist - lässt mein Herz dahinschmelzen? Die Frage lässt sich leicht beantworten: Der umwerfende Typ, neben dem ich heute Morgen aufgewacht bin. Hört sich eigentlich einfach an, wenn ich bei der Familie dieses zweiten Wahnsinnskerls nur nicht hoch verschuldet wäre. Und einfach ist es nicht, das Geld zurückzuzahlen. Victor, für den ich eigentlich arbeite, hat gerade keinen Job für mich. Da hilft nur eins: selber ermitteln. Und plötzlich dreht sich mal wieder alles um einen spektakulären Fall, bei dem es nicht nur um einen Mord geht.

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EPUB

Seitenzahl:238

Sammlungen



Anni Ninn

Chaotin zum Verlieben gesucht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1

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3

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5

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9

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Epilog

Leseprobe

Impressum neobooks

1

Vorsichtig öffnete ich die Augen. Ein wunderbarer Traum hielt mich gefangen. Ich spürte noch die warmen, kräftigen Arme eines absoluten Traummannes, der mich fest umschlungen hielt. Wohlig streckte ich mich aus und stieß hart gegen ein Knie. Und so viel war mir sofort klar: Es war stark behaart.

Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett und begutachtete erschrocken, was ich vor mir sah.

Ich war nackt, und auf dem Bett lag wirklich ein Mann. Und zwar ein äußerst attraktiver. Sogar der attraktivste, den ich je gesehen hatte, Kinofilme und Modezeitschriften eingeschlossen.

Eigentlich der größte Wunsch aller unfreiwilligen Singlefrauen, wie mir. Aufwachen mit dem heißesten Kerl des Universums an ihrer Seite. Zudem war er noch sportlich, ein erfolgreicher Kite-Surf-Champion und der Erbe eines großen Firmenimperiums.

Es war Tom.

Er hielt die Augen geschlossen und atmete ruhig und fest. Langsam nahm ich auch meine Umgebung wahr. Ich befand mich in einem geräumigen Zimmer, das geschmackvoll mit hochwertigen weißen Lackmöbeln und geschmackvollen Deko-Gegenständen in warmen Brauntönen ausgestattet war. Überall lagen Kleidungsstücke über den Boden verteilt.

Tom lag zwischen zerwühlten Laken und hatte ein glückliches Lächeln auf dem Gesicht.

Zuerst dachte ich, wir seien in einem Luxushotel gelandet. Vielleicht ein Traum in einem Traum, aus dem ich doch noch nicht erwacht war?

Dann fiel mir der gestrige Tag wieder ein. Ich spürte, wie mein Gesicht warm wurde. Oh shit. Hatte ich …? Ich hatte doch nicht …? Allein bei dem Gedanken an das, was gestern und heute Nacht geschehen war, wurde ich rot. Gut, dass Tom noch selig vor sich hinschlummerte und mich nicht sah.

Wir mussten im Haus meines Onkels und meiner Tante sein. Und das hier war sicher das Gästezimmer. So genau wusste ich es nicht, denn ich hatte diesen Raum vorher noch nie betreten.

Noch unter Schock tippelte ich so leise wie möglich von Kleidungsstück zu Kleidungsstück und suchte meine Sachen zusammen. Dann zog ich mich an und setzte mich auf einen breiten Sessel, der in einer der Ecken am Fenster stand.

Ich musste nachdenken.

Die letzte Nacht war so unwirklich und noch immer so überwältigend, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.

Aber Tom war der Pflegesohn meines Onkels und meiner Tante, bei denen ich durch widrige Umstände hoch verschuldet war. Ich konnte ihnen noch nicht in die Augen schauen, ohne vor Scham im Boden zu versinken und jetzt saß ich in ihrem Haus im Gästezimmer. Gut, dass die beiden doch erst heute von ihrem kurzen Ausflug nach Rom zurückkommen wollten.

Da konnte ich nach einer kleinen Stärkung in der Küche wenigstens verschwinden, ohne von ihnen überrascht zu werden.

Plötzlich hörte ich, wie sich ein Schlüssel in einem Türschloss irgendwo im Haus drehte. Dann das Klacken von schweren Gegenständen, die auf die Marmorfliesen gestellt wurden.

Ich schlich auf Zehenspitzen zur Zimmertür, die noch offen stand. Jetzt konnte ich auch eine Frau sprechen hören. Es war eindeutig meine Tante Hanne.

Mist. Die beiden waren von ihrem Kurztrip deutlich früher zurückgekommen, als erwartet. Und eins wusste ich genau: Ich wollte ihnen um keinen Preis über den Weg laufen.

Ich schloss vorsichtig und völlig lautlos die Zimmertür. Ein Blick zu Tom, der so friedlich schlief. Selbst jetzt sah er aus wie ein Filmstar. Seine Arme lagen offen vor sich, genau da, wo ich noch vor wenigen Minuten gelegen hatte. So als ob sie nur darauf warteten, dass ich mich wieder in sie schmiegte.

Aber dafür war jetzt keine Zeit. Ich schlich zum Fenster und wagte einen Blick durch die mokkafarbenen schweren Gardinen. Das Gästezimmer war ebenerdig, ich sah direkt in eine gepflegte, parkartige Gartenanlage. Am Ende des Grundstücks spiegelte sich die Morgensonne auf einem auslandenden Seerosenteich.

Wow! So nobel wohnte meine Verwandtschaft seit neusten? Den villenähnlichen Bungalow hatten Rudi und Hanne erst vor ein paar Monaten bezogen, das war leider nach unserem Zerwürfnis und so hatte ich noch keine Einladung erhalten, ihr neues Reich zu besichtigen.

Ich öffnete das Fenster, kletterte über die breite Fensterbank in den Garten und schlug mich an der Hauswand herum durch Rhododendrenbüsche, Rosensträucher und Azaleen in Richtung meines Fahrrads.

Eine halbe Stunde später schloss ich noch immer verwirrt und durcheinander meine Wohnungstür auf.

Mein kleines Rebhuhn Vidette tapste mir verschlafen entgegen. Sie hatte meine nächtliche Abwesenheit offensichtlich gut überstanden.

Ich griff sie mir und lud sie in meine überdimensionale Handtasche. Über einen kleinen Morgenspaziergang würde sie sich sicher freuen. Und auch mir würde ein wenig Zeit guttun, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Kaum war hatte ich mein Fahrrad an ein Verkehrsschild in der Nähe der satten Wiesen am Fluss geschlossen, da piepse mein Handy.

Ich zog es mit Vidette aus der Tasche und öffnete die neu eingegangene Nachricht.

„Hey du Süße, sag mal, hast du vielleicht einen ausgeprägten Fluchtinstinkt? Ich dachte, wir frühstücken zusammen nach dieser wunderschönen Nacht.“

Stand das echt da? Mich durchlief ein warmer Schauer bei den Gedanken an die Details. War das wirklich eine wunderschöne Nacht für ihn? Ich wusste noch genau, wie ich anfangs noch krampfhaft versucht hatte, meinen Bauch einzuziehen, es aber im Laufe der Nacht völlig aus den Augen verloren. Noch nie hatte ich mich so wohl und geborgen gefühlt, wie in den letzten Stunden.

Aber da war noch etwas. Meine Gedanken schweiften zu Victor, meinem erfolgreichen Ex-Freund und neuerdings auch Auftraggeber. Der hatte mich vor einigen Monaten Hals über Kopf für die schneewittchengleiche Nora verlassen und nicht nur meine Zukunftsträume von einer glücklichen Familie mit ihm zerstört, sondern auch mein Herz gebrochen. Der Schmerz war auf einmal wieder voll da. Denn irgendwie wollte ich ihn zurück. Und ich wollte mein altes Leben zurück, in dem ich ihm den Rücken freigehalten hatte, damit er seine Karriere als Enthüllungsjournalist vorantreiben konnte, ohne sich um so alltägliche Dinge wie einkaufen, Essen kochen, putzen, einfache Büroarbeiten oder Rechnungen kümmern zu müssen. Ich war sogar regelmäßig mit seinem Auto in die Waschanlage gefahren und hatte es danach gründlich nachpoliert. Victor hasste stumpfe Wasserflecken auf seinem smaragdschwarzen Autolack.

Was würde Victor sagen, wenn ich ihn so mir nichts dir nichts ersetzte? Vielleicht war das alles ja wirklich nur ein Test von ihm, um zu sehen, ob ich auch zu ihm hielt, wenn bei ihm mal die Sicherungen durchbrannten? Vielleicht war es nur Torschlusspanik. Er wäre nicht der erste. Auch Prinz William hatte sich nach langen Jahren kurzzeitig von seiner Kate getrennt. Nur um dann festzustellen, dass er nie eine bessere als sie finden würde.

Und eventuell hatte ich mit meiner Eskapade alles kaputt gemacht.

Ohne nachzudenken wählte ich die Nummer von Alex, einer meiner beiden besten Freundinnen. Sie ging sofort ran.

„Alex?“

„Hey Pippilein, hast Glück, dass du mich erwischt, hab eine Freistunde.“ Pip oder Pippi, gerne auch Pippilein waren einige meiner Spitznamen, die sich durch meine drei Vornamen Patricia Inga Paula erklärten.

„Ach Alex …“, stöhnte ich in den Hörer und setzte Vidette dabei auf die vom Morgentau feuchte Wiese.

„Hey …?“ Alex Stimme klang noch eine Spur wärmer.

„Ich glaube, ich habe Mist gebaut.“

„Ach, Quatsch. Was denn? Wird schon nicht so schlimm sein.“

„Hmh. Wie man es nimmt.“

„Bist du wieder angeschossen worden?“, fragte sie scherzhaft.

Ich zögerte.

„Schlimmer …“, antworte ich dann mit Grabesstimme.

„Pip! Was? Du hast doch nicht etwa wieder was mit Victor angefangen?“, mutmaßte sie entgeistert.

Ich schwieg.

„Neee, oder?“, kam es ungläubig von ihr.

„Nein, nein“, versicherte ich ihr hektisch.

„Was denn dann? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. So klingst du doch nur, wenn du etwas mit einem Mann ... oh … oh!“ Alex unterbrach ihre Spekulationen und atmete tief ein.

„Tom?“

„Hmh.“

„Und wie war es?“

Ich wollte antworten, aber in meinem Hals saß ein dicker Kloß. Alex ließ mir Zeit.

„Schön. Zu schön.“, würgte ich nach einer Weile hervor. Denn auch wenn wir nicht miteinander geschlafen hatten, war die Nacht mit ihm wunderschön gewesen.

„Na Pippi, Waaaaahnsinn!“

Alex stieß einen so lauten Jubelruf aus, dass sogar Vidette, die neben mir ging verwundert zu mir hoch schaute.

„Unglaublich. Ich bin so stolz auf dich. Wie kam das denn?“

Inzwischen war ich an einer kleinen etwas verrotteten Bank mit Blick über den träge strömenden Fluss angelangt und setzte mich auf das feuchte Holz.

Und dann begann ich zu erzählen. Eigentlich war es nur ein Zufall gewesen. Mit der satten Bezahlung meines ersten Auftrags, den ich für Victor erledigt hatte, wollte ich den ersten Teil meiner Schulden bei meiner Verwandtschaft zurückzahlen. Als ich gestern zu ihnen geradelt bin, hatte ich einen dicken Umschlag mit über zehntausend Euro bei mir. Es war zwar nicht einmal ein Zehntel des Geldes, das ich ihnen noch schuldete, aber zumindest ein Anfang.

Tom, der eigentlich als Kite-Surf-Profi in Australien lebte, war bei ihnen zu Besuch. Und prompt hatten wir uns eine wilde Knutscherei geliefert.

Ich dachte, es wäre keiner zu Hause und dann stand plötzlich Tom vor mir. Nachdem er mir glaubhaft versichert hatte, dass er seine Eltern erst am späten Abend aus Rom zurück erwartete, war ich geblieben. Eigentlich nur auf einen Kaffee. Doch dann rief sein Onkel an. Tom solle sich keine Sorgen machen. Der Flug wurde gestrichen und sie würden erst heute kommen.

Hatten wir beiden uns vorher noch züchtig am Küchentisch gegenübergesessen, gab es nach dieser Nachricht kein Halten mehr.

Hatte er sich zu mir rübergebeugt? Oder war er aufgestanden und hatte mich sanft in den Arm genommen?

Es war wie aus meinem Gehirn gelöscht. Aber was ich noch wusste war, dass es wunderschön war.

Ich wurde sogar rot, als ich Alex am Telefon davon erzählte. Als ich fertig war, meinte sie nur: „Pip, ich bin so glücklich für dich.“

Und nach einer Pause schon sie noch nach: „Und jetzt?“

„Tom muss heute weiter nach Sankt Peter-Ording. Da findet ja dieser World Cup teil, an dem er teilnimmt und die haben dort guten Wind. Er muss noch trainieren, bevor es los geht und hat dort noch ein paar Termine mit seinen Sponsoren.“

„Ach das ist ja doof. Und besuchst du ihn da?“

Ich überlegte kurz.

Eigentlich musste ich dorthin. Ich hatte ihm zugesagt. Aber das war vor unserer gemeinsamen Nacht. Wenn ich nicht kam, dann wäre er sicher enttäuscht. Aber wenn ich kam und es nur halb so schön werden würde, wie in den letzten Stunden, dann würde mein Herz brechen, wenn er Ende des Monats wieder nach Hause musste. Denn er wohnte ja am anderen Ende der Welt. Brisbane. Selbst wenn mein Herz sich noch längst nicht von der Sache mit Victor nicht erholt hatte und ich irgendwie noch auf ein Comeback hoffte, eine erneute Trennung würde ich definitiv nicht verkraften können.

Durchs Telefon hörte ich, wie Alex von einer Kollegin etwas gefragt wurde. Sie antwortete knapp.

„Sorry, Pip, bin wieder ganz Ohr.“

„Yvette und Michael wollten auch mitkommen.“, wich ich ihr aus. Und tatsächlich, die kurze Unterbrechung hatte sie abgelenkt, sie spürte nicht den unsicheren Unterton in meiner Stimme.

„Ach, ich bin sooooo happy! Endlich bist du über Victor weg. Er ist auch echt nicht der Richtige!“ Ich konnte deutlich spüren, wie Alex sich für mein vermeintlich neues Glück freute.

Dann wurde Alex wieder von einer Kollegin unterbrochen.

„Du, ich melde mich später, muss zur nächsten Stunde.“, verabschiedete Alex sich und legte auf.

Nachdenklich dirigierte ich Vidette zurück zu meinem Rad. Ich musste nachher mit Alex unbedingt noch einmal meine Theorie zu Victors Torschlusspanik diskutieren. Am besten bei einem gepflegten Cocktail. Und vielleicht hatte meine zweite beste Freundin ja auch Zeit, um dazu zukommen.

Mein Telefon klingelte. Meine Schwester Jule.

„Pip, du musst sofort kommen. Es ist etwas Schreckliches geschehen!“

2

„Ich kann es mir nicht erklären.“ Meine Mutter schluchzte.

Der Arzt legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

„Bitte, Frau Nell. Hat er sich über etwas aufgeregt?“

„Nein.“ Sie schniefte.

Meine Schwester Jule und ich nahmen sie in den Arm.

„Ach, Mami. Nicht weinen“, sagte Jule.

Dabei war uns beiden selbst danach zumute. Wir waren sofort gekommen. Unser Vater lag noch im OP.

„Er hat nur den Anrufbeantworter abgehört“, sagte meine Mutter.

„Gab es da vielleicht schlimme Nachrichten?“, hakte der Arzt nach.

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Aber Mama, wo warst du denn? Das Telefon ist doch sonst dein Hoheitsgebiet!“

Ich war ehrlich überrascht. Seit wann überließ sie diese Schaltstelle meinem Vater?

Jule strich meiner Mutter über die Haare. Genau so, wie Mama es früher bei uns gemacht hatte.

Sie schluchzte wieder.

„Wir sind vom Einkaufen gekommen, und ich habe gesagt, ich gehe kurz nach dem Garten sehen.“

Sie machte eine Pause.

„Der Anrufbeantworter hat geblinkt, und ich habe ihn gebeten, die Nachricht abzuhören. Ich dachte, dann ist er länger beschäftigt.“

Sie zitterte. Ihr Körper wurde von einem Weinkrampf geschüttelt.

„Ich … ich“, stammelte sie. „Ich wollte doch nur schnell eine Zigarette rauchen, draußen, und dachte, dann ist er abgelenkt und kriegt es nicht mit.“

Wir drückten sie fest.

„Das wird schon wieder, Mama“, flüsterte ich.

Dabei war ich mir nicht sicher, ob das wirklich stimmte. Der Arzt quittierte meine Worte mit einem skeptischen Blick.

Stunden später saßen wir völlig übermüdet in den Besuchersesseln im Wartebereich. Meiner Mutter waren vor lauter Erschöpfung die Augen zugefallen. Ein Glück. So fand sie wenigstens ein wenig Ruhe im Schlaf.

Jule und ich unterhielten uns leise.

„Ich fass es nicht. Ein Quatsch redet dieser Arzt, von wegen Aufregung und so. Unsere Eltern leben ja wohl komplett skandalfrei. Wer soll denen denn etwas Spektakuläres auf den Anrufbeantworter sprechen, dass Papa davon einen Herzinfarkt bekommt?“

„Ja Ärzte sind manchmal seltsam.“, pflichtete ich meiner Schwester bei. „Überhaupt nicht zeitgemäß. Kein Wunder, dass die alternativen Heilmethoden boomen.“

„Aber komisch ist es doch.“ Jule überlegte kurz. „Sag mal, haben Mama und Papa nicht eine Fernabfrage an dem Gerät?“

Ich schüttelte den Kopf. „So viel Schnickschnack hat das Ding nicht.“

Es war sowieso ein Wunder, dass sie sich einen Anrufbeantworter angeschafft hatten. Ihr Telefon stammte noch aus den Achtzigerjahren, und sie standen der gesamten modernen Technik eher verschlossen gegenüber.

„Und was, wenn da doch was Schlimmes drauf ist? Eine Lösegeldforderung oder eine Morddrohung vielleicht?“

Seit wann ging denn mit Jule dermaßen die Phantasie durch? Das passte gar nicht zu ihr.

Aber auch ich war beunruhigt. Mein Vater war ein robuster Mann. Wenn ihn wirklich ein Anruf aus der Bahn geworfen hatte, musste dieser es in sich gehabt haben.

„Ich fahr hin und höre das mal ab. Viel mehr als warten können wir eh nicht tun“, sagte ich.

Puh. War ich froh, dieser bedrückenden Atmosphäre entkommen zu sein! Ich schwang mich auf mein Fahrrad und machte mich auf dem Weg zu dem kleinen Siedlungshaus, in dem meine Eltern wohnten.

Es roch leicht verbrannt. Auf dem Weg durch die Küche sah ich, woher der Geruch kam. Die Terrassentür stand offen. Zwischen zwei Holzbohlen lag ein Zigarettenstummel, der sich durch etwas trockenes Laub gefressen hatte. Um ihn herum glühte es rötlich.

Ich griff mir ein Glas Wasser und löschte die Glut. Dann schloss ich die Terrassentür und ging in den Flur. Zögernd drückte ich auf die Abspieltaste des Anrufbeantworters.

„Ella, meine Liebe. Bist du da? Ich muss mit dir reden.“ Die Stimme erkannte ich sofort. Das war meine Tante Hanne. „Bitte, Ella. Es geht um Patricia.“

Mir wurde unbehaglich.

„Wir kamen eben aus Paris und ....“, meine Tante machte eine kurze Pause. Hatte sie mich etwa doch wegschleichen sehen und erzählte jetzt brühwarm meinen Eltern, dass ich etwas mit Tom angefangen hatte? Vielleicht sogar, um an ihr Erbe zu kommen?

„… als wir eben wiederkamen …“, sprach sie weiter und räusperte sich ein paar Mal, „… hatten wir einen dicken Umschlag im Briefkasten.“

Ach, darum ging es. Ich atmete auf.

„Da war Geld drin … und eine merkwürdige Botschaft“, redete meine Tante weiter. „Ich glaube, Ella, dass vielleicht doch etwas dran ist an der Vermutung, dass Patricia auf die schiefe Bahn geraten ist. Meinst du, sie verkauft vielleicht doch ihren Körper oder zumindest Drogen? Woher soll sie sonst plötzlich zwölftausend Euro haben? Zwölftausend! Rudi sagt, die Scheine sind echt. Bitte ruf mich an.“

Oh nein. War denen nicht klar, woher ich das Geld hatte? Ich arbeitete für meinen Exfreund Victor. Die Zwölftausend waren praktisch meine komplette Bezahlung für den ersten Fall gewesen. Hatte Tom ihnen nicht erzählt, womit ich mein Geld verdiente und warum ich gestern bei ihm zu Hause war?

Mir fiel ein, dass unser Gespräch noch gar nicht auf diese Frage gekommen war. Genauso wenig wie auf die Frage, warum ich jahrelang auf Kosten seiner Eltern gelebt hatte.

Ich hörte die Nachricht noch einmal ab und schüttelte den Kopf. Meine Eltern wussten doch, was ich tat. Oder etwa nicht?

Die Nachricht auf dem Anrufbeantworter war zu Ende. Ich löschte sie.

Zurück in der Klinik, fand ich meine Mutter und Jule genau so in die Sessel gesunken, wie ich sie zurückgelassen hatte. Nur hatten sie sich aneinander gelehnt. Beide schienen zu schlafen. Vorsichtig setzte ich mich neben Jule. Ich wollte sie nicht wecken.

„Und, was war auf dem AB?“, flüsterte sie, ohne die Augen zu öffnen.

Ich zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nichts.“

„Komisch. Mama war sich so sicher, dass sie draußen gehört hat, wie Papa eine Nachricht abhört. Und als Nächstes kam schon das dumpfe Geräusch, als er zu Boden gegangen ist. Da muss er den Herzinfarkt gehabt haben.“

Wir schwiegen eine Weile.

Dann nahm ich unser Gespräch wieder auf.

„Sag mal, Jule, du hast Ma und Pa doch erzählt, dass ich für Victor arbeite, oder?“

Sie beugte sich vor und sah mich überrascht an.

„Nein. Nicht ganz so konkret. Sollte ich?“

„Aber ja, warum denn nicht?“

„Na ja, du hast gesagt, dass du eigentlich mit niemandem darüber reden sollst und dass Victor so sauer war, weil ich es wusste und seiner neuen Freundin erzählt habe.“

Ich erinnerte mich dunkel.

„Aber das ist doch was anderes. Mama und Papa hätten es natürlich wissen dürfen!“

„Ach, na ja, ist ja egal. Erzähl es Ma doch, wenn sie wach ist. Da freut sie sich bestimmt.“

Ich blieb stumm.

„Wie kommst du da jetzt drauf, Pippi?“

„Ach, nur so.“

3

Ich saß fest. Eigentlich hätte ich gar nicht hier sein sollen. Zwischen all dem Verbandszeug, den wasserdichten Bett-Unterlagen und Infusionsständern. Es war zwei Tage nach der Operation meines Vaters.

Der Lagerraum befand sich am Ende des Flurs, an dem das Zimmer meines Vaters lag.

Jetzt konnte ich nicht mehr weg. Die Türklinke wurde heruntergedrückt. Ich konnte mich gerade noch hinter einem Regal mit frischer Bettwäsche verstecken. Es roch gut hier, so sauber irgendwie.

Warum ich nicht einfach rausspazierte und demjenigen, der in der Tür stand, selbstbewusst zurief: „‘tschuldigung, ich dachte, das wär die Toilette“? Ganz einfach. Irgendwie interpretierten die Leute meine gut gemeinten Handlungen seit Neustem alle falsch. Und einer weiteren Anschuldigung, zum Beispiel der des Diebstahls von Krankenhauszubehör, wollte ich mich nicht aussetzen.

Zusammengekauert harrte ich aus. Jemand räumte etwas in die Regale. Dann ging die Tür erneut auf.

Sicher verschwand der Krankenhausmensch wieder. Ich wollte mich schon aufrichten, da hörte ich Stimmen. Schnell duckte ich mich wieder.

„Da bist du?!“, sagte ein Mann herrisch.

Er bekam keine Antwort.

„Meinst du es macht Spaß, dich im ganzen Haus zu suchen?“

Statt einer Antwort hörte ich zunächst nur ein Geräusch auf dem Linoleum. So als könne jemand nicht ruhig stehen bleiben. Gummischuhe quietschten auf dem Boden. Wie von den Sohlen dieser Gummischuhe, die Krankenhausangestellte bei der Arbeit tragen. Der Angesprochene schien sich nicht wohlzufühlen.

„Du willst es doch auch!“

Offensichtlich duldete der Mann keinen Widerspruch. Ich hörte ein leises Stöhnen. Oh nein. Bitte lass die beiden jetzt keinen Sex haben, dachte ich. Nicht hier und nicht vor meinen Augen. Äh, Ohren.

„Heute Nacht. Ein Uhr, sieh zu, wie du das hinkriegst!“ Das war wieder der Mann.

Es gab wieder leise Quietschgeräusche auf dem Boden.

„Du weißt was passiert, wenn du nicht da bist!“ fügte er düster hinzu.

Die andere Person blieb stumm, schien sich aber der Anweisung nicht unbedingt fügen zu wollen. Das entnahm ich dem wütenden Ton des Mannes. Hier ging es nicht um ein Schäferstündchen im gegenseitigen Einvernehmen. Nur der Typ wollte irgendetwas, vermutlich Sex. War das nicht Nötigung von Schutzbefohlenen?

Es gab ein komisches Ratschen. Wie von einem Feuerzeug. Kurz darauf roch es merkwürdig verbrannt. Irgendwie giftig. Ein abgefackeltes Kondom?

Ich hörte einen gequälten Laut, wie von einem Tier.

Über mir blinkte in regelmäßigen Abständen ein Rauchmelder rot. Aber er sprang nicht an.

Als Nächstes ging die Tür auf, jemand verließ den Raum. Dann hörte ich ein kräftiges Ausatmen. Das Regal, hinter dem ich hockte, wackelte. Ich richtete mich etwas auf und schielte daran vorbei, konnte aber nur einen kleinen Teil von einem weißen Kittel sehen, der langsam zu Boden sank und dann aus meinem Blickfeld verschwand.

Wieder ging die Tür auf.

„Pip?“ Das war die Stimme von Jule. „Pippi? Oh, Entschuldigung. Ich wollte nicht … geht es Ihnen nicht gut? Ich suche meine Schwester. Aber hier ist sie wohl nicht. Ich geh dann mal. Tschüss.“

Und ich war wieder mit der unbekannten Person allein.

Ich traute mich kaum, zu atmen. Aber das wurde mit der Zeit immer schwieriger. Mein Gesicht war verquollen vom Weinen und meine Nase verstopft, deswegen atmete ich die ganze Zeit durch den Mund. Die Luft war trocken und ich musste immer öfter schlucken, um nicht loszuhusten.

Geh endlich! Raus mit dir! Mit der geballten Kraft meiner Gedanken versuchte ich, die zweite Person aus dem Raum zu bewegen.

Meine Beine schmerzten, aber ich wollte mich um keinen Preis verraten. Inzwischen ging es mir nicht mehr darum, dass jemand meinen Rückzug in den Lagerraum als verdächtig einstufen könnte. Ganz im Gegenteil. Ich vermutete, dass ich gerade eine Situation miterlebt hatte, die mehr als zwielichtig war. Und ich wollte kein offizieller Zeuge sein.

Mein Hals kratzte immer heftiger. Blöde trockene Luft. Konnten die sich im Krankenhaus keine Raumbefeuchter leisten? Da wurde man ja auch als Besucher krank und konnte sich gleich einweisen lassen!

Jule saß am Bett meines Vaters, als ich mit steifen Beinen in sein Krankenzimmer gestakst kam. Es hatte noch eine ganze Weile gedauert, bis die Luft rein war und ich aus dem Raum verschwinden konnte.

Mein Vater schlief. Ich hatte heimlich gehofft, dass sie es zwischenzeitlich aufgegeben hatte, auf mein erneutes Auftauchen zu warten. Oder dass ihr Mann sie nach Hause gebeten hatte, weil er mit den beiden Kindern überfordert war.

Leider war beides nicht der Fall.

„Hey Pippi“, flüsterte sie. „Alles gut bei dir? Ich dachte schon, du wärst abgehauen.“

Sie war erleichtert, mich zu sehen. Und sie schaute mich fragend an. Mir kamen wieder die Tränen.

„Pip. Du musst doch nicht weinen!“

Sie hatte gut reden. Schließlich war es nicht ihre Schuld, dass unser Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte. Und dann noch diese verwirrende Nacht mit Tom. Das alles war deutlich zu viel für mich gewesen.

„Er hat ein schwaches Herz. Das konnten wir doch nicht ahnen.“

Ich setzte mich auf die Lehne ihres Stuhls und drückte mich an sie.

„Wo ist Mama?“

Ich fühlte mich beschissen.

„Keine Ahnung, sie war noch nicht wieder da. Muss sich wohl erst fangen.“

Das konnte ich mir vorstellen. Es war grauenvoll, was ich meiner Familie zumutete.

„Ich habe das nicht gewollt.“

Das Einzige, was ich zu meiner Entlastung vorbringen konnte, klang ziemlich abgedroschen. Denn es war allen Beteiligten klar, dass es nicht meine Absicht war, jemanden in den Tod zu treiben. Wenigstens nicht meinen Vater.

Was konnte ich denn dafür, dass mein Vater trotz seines Zustandes aufgeregt lallend auf meine Mutter eingeredet hatte, als sie gestern nach ihm schauen durfte.

Etwas in der Art wie: „Wo ist Pip? Weißt du eigentlich, was sie Schlimmes tut?“

Die Schwester von der Intensivstation hatte alle Mühe gehabt, ihn zu beruhigen. Und das war nicht gut, denn ein frisch operierter Herzpatient sollte alles andere tun, als sich aufzuregen.

Ich war entsetzt gewesen, als meine Mutter uns davon berichtete. Jule hatte sein Gerede als Nebenwirkung der Narkose und der starken Medikamente abgetan, die er bekommen hatte.

Insgeheim war ich fasziniert vom menschlichen Gehirn. Da stoppte es seine bewusste Aktivität in dem Augenblick, in dem es die Nachricht auf dem Anrufbeantworter hörte und durch den Herzinfarkt ausgebremst wurde. Und kaum lief die Pumpe wieder rund, setzte es genau bei dem Gedanken an, den es zuletzt gedacht hatte. Erstaunlich und auch etwas unheimlich. Ich hatte eigentlich gehofft, dass es meinem Vater so gehen würde wie den meisten Menschen nach einem unvermittelten einschneidenden Erlebnis: Sie vergaßen die Minuten und manchmal auch Stunden davor.

Als wir ihn dann bei unserem nächsten Familienbesuch einen Tag später auf der Herzstation begrüßten, war er deutlicher geworden. Und das war der Auslöser für meinen Rückzug in den Lagerraum gewesen.

„Pip!“, hatte er mit schwacher Stimme gesagt. „Mit der kriminellen Karriere ist Schluss. Sofort.“

Er war noch sehr mitgenommen von der Operation. Aber gegen seinen Vaterinstinkt konnte er nicht an.

„Aber ich bin doch gar nicht kriminell!“, hatte ich gestammelt und war zur Tür getaumelt.

Wir hatten die Jacken ausgezogen in der stillen Hoffnung, dass sich das Missverständnis schnell klären ließe. Aber da hatten wir nicht mit meinem Vater gerechnet. Offenbar fand er, dass sein Herzinfarkt nicht umsonst gewesen sein sollte.

„Prostitution ist vielleicht inzwischen ein ganz normaler Beruf“, fing er leise an zu dozieren.

Ich hörte, wie meine Mutter aufschrie und aus dem Raum stürzte. Seine letzten Worte bekam sie nicht mit.

„Aber deswegen ist das noch lange nicht gut für dich! Da kannst du schnell ins Drogenmilieu abrutschen oder von zwielichtigen Gestalten bedroht werden!“

Sein Ton erlaubte keine Widerworte. Außerdem war er sehr angeschlagen. Die Ärzte weigerten sich noch, eine Prognose abzugeben.

Ich war verstört. Und beunruhigt. In diesem Augenblick machte ich mir mehr Sorgen um meine Mutter, als um irgendwen sonst. Denn sie war der Mensch, der an das Gute in mir glaubte. Unerschütterlich.

Dass sie plötzlich so fassungslos aus der Tür gestürzt war, löste in mir Panik aus. Was, wenn sie vor Enttäuschung und Wut das nächste Skalpell von einem Operationstisch stahl und sich etwas antat? Oder meinem Vater, dessen Gene ich zur Hälfte in mir trug?

Ich lief in den Flur und sah sie noch von Weitem. Zum Glück weg von den Operationssälen.

„Mama! Warte doch!“, rief ich ihr hinterher.

„Geh weg, Pip! Es ist genug. Lass mich.“

Mir stiegen Tränen in die Augen, und als ich sie weggewischt hatte, war meine Mutter verschwunden. Ein Pfleger kam aus dem Zimmer neben mir und rollte ein Krankenbett an mir vorbei. Es war mit einem Laken bedeckt. Vom Kopf- bis zum Fußende. Darunter zeichnete sich ein regloser Körper ab. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen Toten.

Mir wurde schummerig, irgendwie drehte sich alles um mich herum. Mit letzter Kraft öffnete ich die Tür zu dem Raum hinter mir und verschwand darin. Zum Glück war es ein Lagerraum und kein Krankenzimmer.

Bis dahin hatte ich meiner Familie verschwiegen, was ich seit ein paar Wochen trieb. Nur Jule hatte ich anfangs von meinem ersten Auftrag für Victor Posch, meinen anbetungswürdigen Ex, erzählt. Aber Victor, dieser Geheimniskrämer, hatte das nicht lustig gefunden. Er lebte ständig in der Angst, dass ihm jemand eine coole Story klauen könnte. Er war ein mit allen Wassern gewaschener Journalist, der bereits den einen oder anderen Skandal hatte aufdecken können. Mich hatte er für Recherchearbeiten angestellt. Nicht ganz freiwillig, wie er immer wieder gern betonte.

Dass ich bei meinem ersten Auftrag angeschossen worden war, wussten meine Eltern auch nicht. Es war nur ein Streifschuss gewesen, und ich hatte Angst, dass meine Eltern versuchen würden, mir den Job auszureden, wenn sie davon erfuhren. Das hätte bedeutet, dass sie sich selber daranmachen würden, meinem Onkel und meiner Tante die Ausgaben für mein Studium zu erstatten. Mit Zinsen. Sie würden eine Hypothek auf ihr Haus aufnehmen und den Rest ihres Lebens meine Schulden abstottern müssen. Das konnte ich nicht zulassen.

Bei Jule war es anders gelagert. Die kannte meinen Auftraggeber nur zu gut. War auch mit seiner neuen Freundin Nora bekannt. Aber letztlich wusste sie genauso wenig über den weiteren Verlauf meines ersten Falles. Denn sie hatte mir etwas Wertvolles überlassen. Vidette, die sie vorübergehend bei sich beherbergt hatte. Sie und die ursprüngliche Besitzerin wähnten es bei mir in Sicherheit. Dieses kleine Tier war mir sehr ans Herz gewachsen. Ich befürchtete, dass es mir genommen würde, wenn Jule und ihre Nachbarin von meinem aufregenden Leben erfuhren und mitbekam, welche Rolle das Tier bei der Schießerei gespielt hatte.