Chaotische Küsse - Poppy J. Anderson - E-Book
Beschreibung

Als einziges Mädchen in einer Familie mit vier Brüdern hat Kayleigh Fitzpatrick schon sehr früh gelernt, wie man sich durchsetzen muss, um nicht unterzugehen oder an den Marterpfahl im Garten gebunden zu werden. Als Ärztin in einer chaotischen Notaufnahme steht sie täglich ihren Mann und weiß sich zu helfen, wenn randalierende Patienten durchdrehen und auf hilflose Krankenschwestern losgehen. Als ledige Tochter einer katholischen Mutter muss sie sich jedoch öfter, als ihr lieb ist, anhören, dass es an der Zeit sei, sich endlich auf die Suche nach einem Mann zu machen und Babys in die Welt zu setzen. Da Kaleigh jedoch die Erfahrung gemacht hat, dass die meisten Männer von ihrer zupackenden und burschikosen Art sowie von ihrem hitzköpfigen Temperament eher abgeschreckt sind, legt sie keinen Wert darauf, sich für irgendeinen Mann zu ändern, schließlich mag sie sich so, wie sie ist. Das Einzige, das ihr zu ihrem Glück fehlt, ist ein Date für die Hochzeit ihres Bruders, schließlich hat sie großkotzig vor ihren Brüdern damit geprahlt, dass es kein Problem für sie sei, eine Verabredung für diesen besonderen Anlass zu finden. Leider geht ihr Plan nicht auf und sie sieht sich schon dem Spott ihrer gnadenlosen Brüder ausgesetzt, als sie plötzlich Schützenhilfe von einer Seite bekommt, mit der sie wirklich niemals gerechnet hätte.

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Beliebtheit


Table of Contents

Title Page

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Epilog

Buchvorschau auf „Prickelnde Küsse“ (Band 4)

Die Fitzpatricks

Weitere Romane von Poppy J. Anderson

Impressum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebesroman

 

 

 

Chaotische Küsse

 

 

 

 

 

 

Poppy J. Anderson

 

 

 

 

 

 

Band 3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage Juni 2015

 

 

Copyright © 2015 by Poppy J. Anderson

Covergestaltung: Catrin Sommer rausch-gold.com

Unter Verwendung von © Minerva Studio – fotolia.com

 

Korrektorat: SW Korrekturen e.U

 

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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

 

 

 

 

 

 

 

 

Für all die Kayleighs da draußen!

Seid wild, frech, chaotisch, originell und einfach ihr selbst.

 

 

 

 

 

1. Kapitel

 

 

„Kayleigh? Ich ... ich bräuchte deine Hilfe!“

Kayleigh Fitzpatrick verdrehte die Augen, biss ein letztes Mal von ihrem Apfel ab und warf den Rest in den Abfalleimer neben der Anmeldung der Notaufnahme, bevor sie sich mampfend auf den Weg in Behandlungsraum Nummer zwei machte, aus dem lautes Geschrei drang. Den dumpfen Geräuschen und dem nervösen Gekreische nach zu schließen, vermutete Kayleigh, dass der Medizinstudent Gary Probleme bei der Wundversorgung des betrunkenen Obdachlosen hatte, der mit einer Platzwunde an der Stirn und einer halb leeren Wodkaflasche im Arm eingeliefert worden war.

Für einen Samstagabend war es erstaunlich ruhig, wenn man bedachte, dass es Anfang Mai war und die Spinner der Stadt langsam aus ihrem Winterschlaf erwachten. Es gab Patienten wie den obdachlosen Murphy, die das ganze Jahr über in schöner Regelmäßigkeit in der Notaufnahme vorstellig wurden. Alkoholexzesse, Barprügeleien und Unfälle hatten Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat Konjunktur. Dann jedoch gab es Fälle, die zu einer ganz bestimmten Jahreszeit in der Notaufnahme eintrudelten.

Im Frühling waren dies Motorradfahrer, die sich nach der Winterpause verschätzten und mit ihren Zweirädern Unfälle bauten.

Im Sommer quollen ihre Behandlungsräume von Teenagern über, die während ihrer Schulbälle in viel zu hohen Schuhen umknickten oder dank einer Alkoholvergiftung ihre Smokings und Ballkleider vollkotzten.

Zu Halloween schienen alle Verrückten Ausgang zu haben und in Hexenkostümen oder als verkleidete Dominas die Stadt unsicher zu machen, während an Thanksgiving gezeigt wurde, dass Männer mit Tranchiermessern furchtbar ungeschickt waren. Im letzten Jahr hatte Kayleigh gleich fünf Patienten gehabt, die nicht die liebevoll zubereiteten Truthähne tranchiert, sondern sich selbst einen oder gleich mehrere Finger abgesäbelt hatten. Feiertage waren eh eine heikle Angelegenheit. Zu Weihnachten war es besonders schlimm, da Familienväter beim Anbringen der Weihnachtsdekoration vom Dach fielen oder als verkleidete und leicht angetrunkene Santas auf den eisigen Gehwegen ihrer Häuser ausrutschten. Dann kamen Familienzwistigkeiten dazu, die manchmal sogar so weit gingen, dass kreischende Großonkel aus den Krankenwagen gehoben wurden, weil ihnen eine Gabel im Auge steckte.

Eines war ganz klar: Für den Dienst in der Notaufnahme musste man stahlharte Nerven haben. Besonders dann, wenn man in dem Stadtteil Bostons lebte, der fast ausschließlich aus irischstämmigen Einwohnern bestand. Wie Kayleigh dank ihrer eigenen Familie wusste, neigten Amerikaner mit irischem Blut nämlich dazu, einen über den Durst zu trinken, sehr schnell an die Decke zu gehen und ihre Zwistigkeiten mit den Fäusten auszutragen. Anschließend saßen die Streithähne zwar Arm in Arm an der Theke ihrer Lieblingskneipe, lallten zusammen Lieder und beteuerten, wie sehr sie einander mochten, jedoch war es Kayleigh, die ihre Prellungen und Knochenbrüche behandeln durfte.

„Kayleigh“, ertönte Garys schrille Stimme beinahe flehentlich, als Kayleigh gerade den Raum betrat und sah, dass sich Murphy zur Wehr setzte und Gary attackierte, weil dieser ihm die Wodkaflasche aus dem Arm nehmen wollte. Dem hilflosen Medizinstudenten, der einem Welpen gleich von einem Fuß auf den anderen sprang, war anzusehen, dass er keine Ahnung hatte, was er tun sollte, als Murphy ihn wütend anschnaubte und die Zähne bleckte.

Mit einem unterdrückten Lachen verdrehte Kayleigh die Augen und stieß einen lauten Pfiff aus, während sie an den Behandlungstisch trat und Gary beiseite drängte.

„Was ist denn hier los?“, wollte sie amüsiert wissen und schüttelte den Kopf, als Murphy den Griff um seine Flasche noch verstärkte. „Hallo, Murphy, altes Haus.“

„Dr. Fitzpatrick“, lallte Murphy fröhlich und stank dermaßen, dass Kayleigh ohnmächtig geworden wäre, wenn sie diesen Geruch nicht bereits gewöhnt gewesen wäre. Traurig, aber wahr, doch Murphy war nicht der größte Stinker, den sie hier jemals behandelt hatte.

Er deutete auf seine Flasche und schenkte ihr ein zahnloses Grinsen. „Auch nen Schluck?“

Sie schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf, während sie nach einem Paar Handschuhe griff. „Heute nicht, aber nett, dass du fragst.“

Murphy stieß einen Rülps aus und nickte verächtlich in Richtung Gary, der hinter Kayleigh Posten bezogen hatte. „Mit Ihnen teile ich gerne, Dr. Fitzpatrick, aber nicht mit dem Kleinen dort! Er wollte mir die Flasche wegnehmen!“

„Och“, seufzte sie, während sie in die Handschuhe schlüpfte und großzügig übersah, dass Gary, der mehr als einen Kopf größer als sie war, sich ängstlich hinter ihr versteckte. „Das ist unser Medizinstudent, Murphy, und darf vermutlich noch nicht einmal Alkohol trinken. Hatten wir bei deinem letzten Besuch nicht vereinbart, dass du einmal in der Woche zum Duschen herkommst?“

Keinesfalls beschämt oder eingeschüchtert zwinkerte Murphy ihr zu. „Nur wenn Sie mich duschen, Dr. Fitzpatrick.“

„Darauf kannst du lange warten! Außerdem hättest du bei mir nicht viel zu lachen, weil ich dich mit einem Gartenschlauch abspritzen würde“, erwiderte sie belustigt und beugte sich vor, um sich Murphys Wunde anzuschauen. „Wie bist du denn dieses Mal an diese Verletzung gekommen, Murphy?“

Aus glasigen Augen schenkte er ihr einen nachdenklichen Blick. „Keine Ahnung.“

Kayleigh konnte sich sehr gut denken, dass Murphy vermutlich wieder einmal in Streit mit einem anderen Obdachlosen geraten war. Seit sie vor fast vier Jahren in der Notaufnahme zu arbeiten begonnen hatte, kannte sie auch Murphy, der zwar liebenswert, jedoch selten nüchtern anzutreffen war. „Lass mal schauen, Murphy.“

„Bekomme ich ein Schmerzmittel, Dr. Fitzpatrick?“

Innerlich verdrehte sie die Augen, als sie Murphys geradezu euphorische Stimme hörte, erklärte jedoch bedächtig: „Die einzige Spritze, die du von mir bekommst, ist eine Tetanusimpfung, Murphy.“

Ohne auf Murphys Proteste zu achten, wollte sie von Gary wissen: „Wie würdest du bei der Behandlung des Patienten vorgehen, Gary?“

Der Student, der verdächtig nah an sie heranrückte und ihr über die Schulter sah, begann zu stottern: „Äh ... äh ... ich würde die Wunde klammern.“

Kayleigh warf Brenda, der diensthabenden Krankenschwester, über Murphys niedergestreckte Gestalt einen bedeutungsvollen Blick zu und rempelte Gary an, damit er ihr nicht dermaßen eng auf den Leib rückte. Gleichzeitig hakte sie ächzend nach: „Hast du nicht etwas vergessen, Gary?“

„Äh ...“

Brendas verächtliches Schnauben ließ sogar den lallenden Murphy, der damit begonnen hatte, ein Sauflied zu singen, irritiert nach oben sehen.

Da Kayleigh sicher war, dass Gary kurz vor einem Tränenausbruch stand, raunte sie so geduldig wie möglich: „Wundversorgung beinhaltet auch eine Desinfektion, Gary. Zuerst solltest du dir ein Antiseptikum schnappen und die Wunde desinfizieren.“

„Okay“, murmelte der Student betreten. „Soll ich die Stelle betäuben?“

Kayleigh verzog den Mund und verschränkte die Arme vor der Brust, während ihr Blick auf Murphy fiel, der ihr ein zahnloses und zudem betrunkenes Lächeln schenkte. Er hätte in dem Zustand vermutlich nicht einmal bemerkt, wenn man ihm bei vollem Bewusstsein einen Fuß amputiert hätte. Daher erwiderte sie trocken: „Das wird sicherlich nicht nötig sein. Anstatt die Wunde zu klammern, nähst du sie bitte mit einer sauberen Donati-Naht.“ Sie nickte Brenda zu. „Wir brauchen einen fünf-null Faden. Außerdem bekommt Murphy noch eine Tetanusimpfung.“

„Heißt das, dass der Kleine mir eine Spritze in den Arsch geben wird?“ Murphy schien hellauf begeistert zu sein.

Kayleigh nickte und trat beiseite, während sie aus ihren Handschuhen schlüpfte und diese in den dafür vorgesehenen Abfalleimer warf. Mit gespielter Begeisterung fügte sie hinzu: „Es wird sogar noch besser, Murphy! Gary wird dich anschließend zum Duschen begleiten und darauf aufpassen, dass deine Naht nicht nass wird.“

Garys gequältes Seufzen ignorierte sie und gab ihm mit einem scharfen Blick zu verstehen, dass er sich an die Arbeit machen sollte. Während sie anschließend zusah, wie der Medizinstudent unbeholfen Murphy behandelte, der noch immer seine Wodkaflasche im Arm hielt, kam sie nicht umhin, sich zu fragen, ob sie auch jemals dermaßen trottelig gewesen war. Sie war sich ziemlich sicher, dass dies niemals der Fall gewesen war.

Gary konnte froh sein, dass Murphy sein Patient war, da dieser großzügig darüber hinwegsah, dass er vermutlich eine wenig ästhetische Narbe zurückbehalten würde. Brendas Schnaublaute, mit denen sie jeden von Garys Handgriffen kommentierte, zeigten Kayleigh, dass sie nicht die Einzige war, die darüber den Kopf schüttelte, wie dilettantisch der junge Mann arbeitete.

Irgendwie konnte Kayleigh verstehen, dass die gesamte Notaufnahme genervt war, da Gary seit seinem Praktikumsbeginn vor fünf Monaten noch immer nicht in der Lage war, die Krankenblätter alphabetisch einzusortieren, einen Zugang zu legen oder auch nur Fieber zu messen. Meistens stand der junge Mann mit dem Welpenblick und den erröteten Wangen im Weg herum und erschwerte vor allem dem Pflegepersonal das Leben. Wenn er nicht diese niedliche Unbeholfenheit an den Tag gelegt hätte, wären die Krankenschwestern vermutlich längst auf ihn losgegangen und hätten ihn mit einem Infusionsständer bewusstlos geschlagen, doch dank der regelrecht süßen Tollpatschigkeit des blondhaarigen Studenten kniffen sie ihm lieber in die Wangen und tätschelten seinen Kopf. Jedenfalls die meisten. Brenda war eine Ausnahme, immerhin arbeitete sie seit dreißig Jahren in der Notaufnahme und war gegen Welpenblicke und Grübchen immun.

Seufzend gestand Kayleigh, dass Gary tatsächlich wie ein Welpe war. Auch die kleinen Fellknäuel konnte man schwer anschreien, wenn sie mitten ins Wohnzimmer pinkelten oder einen Schuh fraßen. Zwar war Gary bereits stubenrein und hatte in ihrer Gegenwart noch nie an einem Schuh gekaut, dennoch erinnerte er Kayleigh immer an den kleinen Beagle, den sich ihr Nachbar zugelegt hatte, als sie acht Jahre alt gewesen war. Auch Gary konnte man kaum böse sein, wenn er wieder einmal irgendeinen Unsinn anstellte. Leider sahen das der Oberarzt und Garys Ausbilder anders, wie Kayleigh bei der letzten Besprechung erfahren hatte. Ihrer Meinung nach war der junge Student nicht wirklich für das stressige Leben eines Notarztes geeignet. Viel eher sollte er in einer ruhigen Privatpraxis arbeiten und gestürzten Omis den Fuß bandagieren, während diese ihn mit Keksen fütterten.

In einer Notaufnahme musste man ziemlich tough sein, durfte keine Berührungsängste haben und musste zupacken können. Wenn man danach ging, war Kayleigh für das Leben als Notärztin geboren worden, schließlich war sie mit vier Brüdern aufgewachsen und entstammte einer Familie, in der ihr Großvater, ihre Onkel, ihr Vater und ihre Brüder entweder Feuerwehrmänner oder Cops waren. Es gab vermutlich keine härteren Jobs als diese. Sie selbst hatte die Hälfte ihrer Kindheit in der Feuerwache ihres verstorbenen Dads verbracht und war die Einzige in der Notaufnahme, die randalierende Schläger mit geübten Griffen zur Räson bringen konnte. Dank ihres zweitältesten Bruders Shane kannte sie alle gängigen Methoden, um jemanden dingfest zu machen. Außerdem war sie bereits in der sechsten Klasse für ihren rechten Haken berühmt gewesen und hatte eine größere Klappe als Eddie Murphy. Im Gegensatz zu Gary passte sie in die Notaufnahme wie die Faust aufs Auge.

Das wurde ihr wieder einmal klar, als sie eine halbe Stunde später an der Aufnahme stand und einige Krankenblätter bearbeitete, als sich ein unzufriedener Patient mit ihrer Kollegin Stephanie stritt, weil er eine Krankenbescheinigung verlangte, obwohl er lediglich einen Kratzer an der Hand hatte. Kayleigh sah von ihren Unterlagen auf und runzelte die Stirn, während ihre Kollegin den wutschnaubenden Mann kaum bändigen konnte.

„Hören Sie, Mr. Miller ...“

„Nein, Sie hören zu! Wie soll ich mit dieser Verletzung zur Arbeit gehen?“ Er wedelte mit seiner linken Hand herum, auf der ein winziges Pflaster klebte.

Kayleigh klappte eine Akte zu und ächzte ironisch: „Wenn Sie nicht zu Fuß gehen wollen, können Sie auch den Bus nehmen, guter Mann.“

Einen Moment lang schien der aufgebrachte Patient irritiert zu sein, bevor er demonstrativ auf seine Hand deutete. „Die Wunde könnte sich infizieren und ich könnte meine Hand verlieren!“

„Ja, ja“, schnaubte Kayleigh sarkastisch. „Außerdem erblindet man bei einem Gerstenkorn und verliert seinen Pipimann bei zu häufigem Gebrauch.“

„Ich finde Sie überhaupt nicht komisch“, beschwerte er sich, während Kayleighs Kollegin sich amüsiert zur Seite drehte.

Gespielt ernst nickte Kayleigh dem Mann zu, schnappte sich seine Hand und runzelte besorgt die Stirn. „Wie ich befürchtet hatte. Am besten wäre es, wenn wir Ihnen fürsorglich die Hand amputieren, damit Sie nicht eine Sepsis bekommen und den ganzen Arm verlieren oder an dieser schlimmen Wunde krepieren.“

Mit einem Knurren entriss der Mann ihr die Hand und polterte davon.

„Oh Mann, Kayleigh“, lachte ihre Kollegin prustend. „Meinetwegen hätte ich ihn auch einen Tag krankschreiben können!“

Abwehrend schüttelte Kayleigh den Kopf. „Das wäre ja noch schöner! Wenn ich wegen jedes Kratzers zu Hause bliebe, könnte ich jetzt schon in Rente gehen.“

„Untersteh dich! Schließlich brauchen wir dich hier noch eine Weile.“ Auch Stephanie schnappte sich eine Krankenakte und griff anschließend nach einem Kugelschreiber, den sie aus der Tasche ihres weißen Kittels hervorkramte. Kayleigh wunderte sich wieder einmal, wie Stephanie nach einer fast vierundzwanzigstündigen Schicht noch immer wie aus dem Ei gepellt aussehen konnte, während sie selbst mehr als derangiert wirken musste. Sie hatte das Gefühl, dass ihr dunkles Haar in unordentlichen Strähnen herunterhing, dass sie grauenvolle Augenringe haben musste und dass sie vermutlich ebenfalls unter die Dusche springen sollte, um nicht genauso wie Murphy zu riechen.

Normalerweise machte es ihr überhaupt nichts aus, dass sie nicht so hübsch zurechtgemacht war wie beispielsweise ihre Schwägerin Hayden, die liebend gern hübsche Kleider trug, ihr Haar frisierte und immer perfekt gefeilte Nägel hatte. Doch als Kayleigh aufblickte und den Partner ihres Bruders entdeckte, der mit einem ihrer Kollegen sprach und grüßend die Hand hob, sobald er sie bemerkte, bereute sie es, nicht eine dieser Frauen zu sein, die ein Faible für hübsche Kleider, ordentliche Frisuren und perfekte gefeilte Nägel hatten.

Alec Anderson war der Typ Mann, der die Blicke der Frauen aller Altersgruppen auf sich zog und nur ein kleines Lächeln von sich geben musste, damit diese Schnappatmung bekamen. Seit fast drei Jahren war er mittlerweile Shanes Partner und hatte sich ziemlich schnell als charmanter Zeitgenosse herausgestellt, der bei ihrem Bruder ein und aus ging und damit Kayleigh in den Wahnsinn trieb, die seit fast drei Jahren heimlich in ihn verknallt war.

Ja, sie wusste es! Natürlich war es lächerlich, dass eine erwachsene Frau wie sie, die sich in ihrem Leben noch nie von irgendjemandem oder von irgendetwas ins Bockshorn hatte jagen lassen, schüchtern wurde, wenn es um einen Mann ging. Außerdem war es auch nicht so, dass sie sich aus lauter unerwiderter Liebe nach Alec Anderson verzehrte und heulend auf ihrer Couch saß, schließlich ging sie aus, hatte Spaß und traf sich mit Männern für Dates. Trotzdem begann ihr Puls jedes Mal zu rasen, wenn sie auf Alec traf, und ein eifersüchtiger Stich machte sich in ihr breit, wenn Shane darüber berichtete, dass sein Partner eine neue Freundin hatte.

Allem Anschein nach kam Alec ziemlich rum, wenn man ihrem Bruder Glauben schenken durfte. Dies war eine Tatsache, die Kayleigh ein Dorn im Auge war, denn es machte sie verrückt, dass Alec ständig mit anderen Frauen ausging, jedoch noch nie auf die Idee gekommen war, sie um ein Date zu fragen. Ein außenstehender Beobachter hätte nun einwenden können, dass Alec vermutlich nicht mit ihr ausging, weil er sein Verhältnis zu seinem Partner, der immerhin ihr Bruder war, nicht gefährden wollte, doch Kayleigh wusste es besser, schließlich hatte Alec gleich zu Beginn seiner Partnerschaft Hayden um ein Date gebeten, als diese für kurze Zeit von Kayleighs ältestem Bruder Heath getrennt gewesen war.

Nein, Alec Anderson hatte einen anderen Grund, Kayleigh nicht als potenzielle Freundin zu betrachten. Sie war einfach nicht sein Typ.

Leider waren alle Frauen, mit denen Alec ausging, regelrechte Püppchen, die stets perfekt gestylt waren, hübsche Kleider trugen und auch nicht davor zurückschreckten, für ihn das Hausmütterchen zu spielen.

Auf der Verlobungsparty ihres Bruders vor wenigen Monaten war Alec mit einer winzigen Blondine aufgetaucht, die Kayleigh nett gefunden hätte, wenn sie Alec nicht mit dieser übertriebenen Heldenverehrung im Blick hinterhergerannt wäre und den Eindruck erweckt hätte, dass sie ihm am liebsten die Pantoffeln hinterhergetragen hätte. Während Kayleigh damals neben ihren beiden jüngeren Brüdern gestanden und sich lauthals über irgendeinen Schiedsrichter im letzten Spiel der Patriots gegen die New York Titans aufgeregt hatte, war Alecs Begleitung nur dadurch aufgefallen, dass sie den ganzen Abend über zuckersüß gelächelt und ansonsten geschwiegen hatte. Zudem hatte sie ein faltenfreies Kleid getragen, während Kayleigh alte Jeans und ein Trikot der Boston Red Sox getragen hatte.

Der Unterschied hätte nicht größer sein können.

Kayleigh ging das typisch Weibliche einfach ab. Sie konnte es nur so erklären, dass das Leben mit vier Brüdern dazu führte, dass man sich weder für rosafarbene Kleider oder Ballettunterricht noch für das Schminken interessierte und dass man sich stattdessen mit Autos beschäftigte, auf Bäume kletterte und Baseball in der Garageneinfahrt spielte, während man sich mit seinem Bruder darum stritt, wer das wahnsinnig coole Spiderman-Shirt bekam, das dem ältesten Bruder zu klein geworden war. An ihr war ein richtiger Junge verloren gegangen.

Natürlich besaß Kayleigh auch Kleider und Make-up. Außerdem las sie sogar ziemlich gerne Liebesromane, auch wenn sie dies in aller Heimlichkeit tat, um ihren Brüdern keinen Grund zu liefern, sie damit hemmungslos aufzuziehen. Dennoch war ihr klar, dass sie sich von den üblichen Frauen, die anscheinend in Alec Andersons Beuteschema passten, grundlegend unterschied.

Wäre sie eine der Frauen gewesen, die sich auf Teufel komm raus für einen Mann verbogen, hätte sie ihr kurzes Haar länger wachsen lassen, ihre Kleidung etwas weiblicher gestaltet und hätte darauf geachtet, ihre große Klappe zu minimieren, doch Kayleigh fand nicht, dass sie sich für einen Mann ändern sollte. Warum auch? Bei aller Bescheidenheit, aber sie war eine lustige, intelligente und freundliche Person, die viele Freunde, tolle Hobbys und eine Familie hatte, die sie liebte. Außerdem war sie alles andere als eine hässliche Hexe. Mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, das allen Fitzpatricks zu eigen war, sagte sie sich, dass Detective Alec Anderson dies mit der Zeit auch einsehen würde. Bis dahin würde sie ihn aus der Distanz anschmachten und hoffen, dass er bald von den übertrieben aufgehübschten Frauen die Nase voll hatte.

Als er wenige Augenblicke später auf sie zukam, hatte Kayleigh lediglich einen Gedanken: Glücklicherweise war Stephanie verheiratet, denn ihre bildhübsche Kollegin gehörte genau zu den Frauen, mit denen sich Alec ständig sehen ließ. Der Ring an ihrem Finger würde ihn netterweise auf Distanz halten.

In der Hoffnung, besonders lässig zu wirken und sich nicht anmerken zu lassen, dass seine Gegenwart ihren Puls in die Höhe trieb, nickte sie ihm zu, als er vor ihr stehen blieb.

„Hey, Kayleigh, wie geht’s?“

„Gut.“ Angelegentlich kritzelte sie ihre Unterschrift unter ein Formular und runzelte fragend die Stirn. „Und selbst?“

„Na ja“, erwiderte er lachend und sah sie aus funkelnden Augen an, während er sich durch das blonde Haar fuhr und in seinem dunklen Anzug unverschämt gut aussah. „Es würde mir besser gehen, wenn mein fauler Partner nicht bald heiraten und mir wegen der Hochzeitsvorbereitungen die ganze Arbeit überlassen würde.“

Überrascht hob sie den Kopf und hatte nun die Gelegenheit, ihm voll und ganz ins sympathische Gesicht zu sehen. „Ich wusste gar nicht, dass Shane sich freigenommen hat.“

„Hat er auch nicht“, erwiderte er und zuckte mit der Schulter. „Während ich wegen eines Falles deinen Kollegen befragen durfte, steht dein Bruder vier Blocks weiter in einer Bäckerei und holt Kuchenproben ab. Gleich gable ich ihn wieder auf, damit wir Thorne die Proben für den Hochzeitskuchen bringen können.“

Grinsend legte sie die Akte beiseite und vergrub die Hände in den Taschen ihres Kittels, während sie Stephanie ignorierte, die interessiert das Gespräch zu verfolgen schien. „Eigentlich dachte ich, dass es verboten sei, Steuergelder für private Zwecke zu missbrauchen.“

Der gut gelaunte Detective der Mordermittlung stieß ein tiefes Lachen aus, das in ihr den Wunsch weckte, ebenfalls aufzulachen. „Und ob es verboten ist! Daher hoffe ich, dass du uns nicht verpfeifst.“

„Es ist ja nicht so, als hätte ich davon noch nie profitiert“, erwiderte Kayleigh vergnügt und gab zu: „Als Ryan noch Streife gefahren ist, hat er Hayden und mir Pizza geliefert – mit Blaulicht.“

„Aha.“ Er betrachtete sie vergnügt. „Die Fitzpatricks haben es wirklich faustdick hinter den Ohren.“

Das konnte Kayleigh nicht leugnen und raunte daher verschwörerisch: „Du weißt nicht einmal die Hälfte!“

„Das befürchte ich auch, immerhin weiß ich aus eigener Erfahrung, wie hitzköpfig deine Brüder sein können.“ Er zwinkerte ihr zu und spielte auf ihren ältesten Bruder Heath an, der sich mit ihm geprügelt hatte, nachdem Alec mit Hayden ausgegangen war. Kayleigh gab es nicht gerne zu, aber damals hatte sie versucht, ihrer jetzigen Schwägerin auszureden, mit dem gut aussehenden Detective auszugehen. Nicht nur, weil sie ihrem Bruder gegenüber loyal sein wollte und sie gewusst hatte, dass Heath und Hayden einfach zusammengehörten, sondern weil sie ein wenig eifersüchtig gewesen war, dass Alec nicht sie um ein Date gebeten hatte.

Um sich von diesen Gedanken abzulenken, erklärte sie beiläufig: „Shane kann froh sein, dass du dich einverstanden erklärt hast, als Hochzeitsplaner einzuspringen.“

„Völlig umsonst mache ich es nicht, immerhin hat mir dein Bruder zugesichert, dass ich von den unterschiedlichen Kuchen probieren darf.“ Er schob mit der rechten Hand den Ärmel seines Sakkos hoch und schaute auf die Uhr. „Ich sollte mich langsam auf die Socken machen, damit Shane nicht den ganzen Kuchen allein aufisst. Man sieht sich, Kayleigh.“

„Jo“, erwiderte sie so salopp wie möglich und nickte angelegentlich, während Alec wieder verschwand.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen, räusperte sich Stephanie nur wenige Sekunden später und flüsterte amüsiert: „Netter Kerl. Ist er noch Single?“

Irritiert warf Kayleigh ihr einen Seitenblick zu und wollte ächzend wissen: „Was sagt Parker zu deinem Interesse an anderen Männern?“

Stephanie wedelte belustigt mit ihrer Hand vor dem Gesicht herum. „Ich frage doch nicht wegen mir, sondern dachte eher an dich.“

„An mich?“

„Ja“, bekräftigte Stephanie fröhlich. „Er scheint ein toller Typ zu sein und hat einen netten Hintern, wie man sogar durch seine Anzughose sehen konnte. Außerdem brauchst du für die Hochzeit deines Bruders ein Date, oder? Also? Ist er noch Single?“

Vor ihrer glücklich verheirateten Kollegin wollte sie sich nicht die Blöße geben, dass sie in einen Mann verknallt war, der sie in den vergangenen drei Jahren stets wie einen Kumpel behandelt hatte, und zuckte daher möglichst desinteressiert mit der Schulter. „Keine Ahnung. Das ändert sich anscheinend wöchentlich. Sag mal, weißt du, ob der Patient aus der fünf schon vom Röntgen zurück ist?“

„Nicht so schnell.“ Stephanie schüttelte belustigt mit dem Kopf. „Wieso fragst du ihn nicht einfach, ob er dich auf Shanes Hochzeit begleiten will?“

Die Frage war einfach zu beantworten, dachte Kayleigh schnaubend. Sie würde eher im Boden versinken und vor lauter Peinlichkeit sterben, bevor sie Alec Anderson um ein Date bat. Doch das verriet sie ihrer Kollegin nicht, sondern entgegnete gespielt empört: „Alec ist der Partner meines Bruders und lediglich ein Kumpel. Wie sähe es denn aus, wenn wir zusammen zu Shanes Hochzeit gingen?“

„Himmel, Kayleigh!“ Stephanie gab ihr einen Klaps gegen den Oberarm. „So kommst du nie an ein Date für die Hochzeit.“

Kayleigh verzog den Mund und schnappte sich ein Bonbon aus dem riesigen Glas neben der Anmeldung, das normalerweise den kleinen Patienten vorenthalten war. Sie warf sich die sauer schmeckende Süßigkeit in den Mund und schmatzte. „Du klingst schon wie meine Mom, die ständig davon redet, dass ich mir endlich einen Mann suchen und kleine Kinder in die Welt setzen soll. Eigentlich dachte ich, dass ich hier meine Ruhe vor solchen Debatten hätte und weit weniger peinliche Gespräche führen müsste – du weißt schon: über Hämorrhoiden, Stuhlgänge und Geschlechtskrankheiten“, ächzte sie ironisch.

„Wer spricht denn von einer Hochzeit und Kindern!“ Stephanie beugte sich vor und wisperte vertraulich: „Du musst ihn ja nicht gleich heiraten, aber ich glaube, dass dir ein kleines Abenteuer mit dem Partner deines Bruders ganz guttäte.“

Mit einem Stöhnen verdrehte Kayleigh die Augen, denn von bedeutungslosen Affären hatte sie die Nase voll, wenn sie bedachte, dass es verdammt frustrierend war, um sich herum dermaßen viele glücklich verliebte Paare zu sehen, während man selbst eine Barbekanntschaft mit nach Hause nahm und diese nach einem Kaffee am nächsten Morgen aus dem Haus warf.

Glücklicherweise wurde sie einer Antwort enthoben, als vor der Tür der Notaufnahme die Sirene eines Krankenwagens zu hören war und kurz darauf ein Unfallopfer eingeliefert wurde.

 

 

 

 

2. Kapitel

 

 

Der vorwurfsvolle Blick ihrer Mutter löste bei ihr keine Schuldgefühle aus, als sich Kayleigh eine riesige Portion Hackbraten auf den Teller schaufelte und anschließend großzügig Soße über ihr Essen goss. Sie war viel zu hungrig, um sich von den tadelnden Blicken ihrer Mom beeindrucken zu lassen.

„Du warst bereits in der letzten Woche nicht bei der Messe, Kayleigh.“

„Mom“, entgegnete sie geduldig, während sie mit ihren vier Brüdern, ihrer Schwägerin Hayden, ihrer zukünftigen Schwägerin Thorne, dem sechsjährigen Brady, der kleinen Joey und Baby Kayla am Tisch saß und am sonntäglichen Familienessen teilnahm. „In der letzten Woche war ich doch auf einem Seminar ...“

Anscheinend machte sich ihre Mutter größte Sorgen um ihr Seelenheil, da sie ihre Tochter aufgebracht unterbrach. „Aber heute hättest du am Gottesdienst teilnehmen müssen, schließlich hattest du keinen Dienst im Krankenhaus, sondern hast einen freien Tag!“

Obwohl vier ihrer fünf Kinder in Schichtdiensten arbeiteten, wusste Ellen Fitzpatrick immer ganz genau, wann ihre Kinder zur Arbeit gingen und wann sie einen freien Tag hatten. Für Kayleigh war es unbegreiflich, wie ihre Mom aus dem Stegreif sagen konnte, wie die chaotischen Arbeitszeiten ihrer Kinder aussahen, immerhin wusste sie meistens selbst nicht, wann sie zur Arbeit gehen musste. Beinahe war es so, als verfügte ihre Mutter über übermenschliche Fähigkeiten, die es ihr möglich machten, in die Köpfe ihrer Kinder zu schauen. Als Jugendliche war es nervig gewesen, eine Mom zu haben, die jedes noch so winzige Geheimnis durch einen einzigen Blick ergründen konnte. Beispielsweise war es ihr ein Leichtes gewesen, herauszufinden, dass Kayleigh bei der Mathearbeit in der fünften Klasse geschummelt hatte, obwohl der Lehrer sie nicht einmal erwischt hatte. Auch heute befürchtete Kayleigh, dass ihre Mutter ihr an der Nasenspitze ansah, wenn sie etwas ausgefressen hatte.

„Meine letzte Schicht war wirklich anstrengend“, erklärte sie und versenkte die Gabel im köstlichen Hackbraten ihrer Mom.

Ellen schüttelte tadelnd den Kopf. „Der Pater hat bereits nach dir gefragt, weil ihm aufgefallen ist, dass du gefehlt hast. In wenigen Wochen heiratet dein Bruder in unserer Kirche, also solltest du dir im Vorfeld Mühe geben ...“

„Mom“, unterbrach Shane seine Mutter belustigt und reichte seinem Sohn ein Stück Brot, das sich Brady mit einem Haps in den Mund schob. „Ich glaube kaum, dass unsere Hochzeit in Gefahr ist, wenn Kayleigh den Gottesdienst schwänzt.“

„Danke, großer Bruder“, erwiderte Kayleigh grinsend und nickte Shane zu, der hochzufrieden neben seiner Verlobten und Mutter seines Sohnes saß und sich wie der kleine Brady ein Stück Brot in den Mund stopfte. An ihre Mom fügte sie halb beruhigend, halb neckend hinzu: „Hast du Angst, dass ich ins Fegefeuer gerate, wenn ich nicht oft genug in die Kirche gehe?“

Anstatt ihrer Mom war es ihr großmäuliger Bruder Ryan, der seinen Senf dazugeben musste, als er von seinem Teller aufsah und schnaubte. „Du kommst auch so ins Fegefeuer, keine Sorge. Ob du nun in die Kirche gehst oder nicht, wird den Teufel nicht die Bohne interessieren.“

„Ryan“, empörte sich Ellen Fitzpatrick und schlug ein Kreuz, bevor sie auf den sechsjährigen Brady deutete, der interessiert verfolgte, was um ihn herum passierte. „Es ist Sonntag! Wir haben den Tag des Herrn und du sprichst über den Teufel. Schämen solltest du dich!“

„Och, Mom ...“

Genießerisch lehnte sich Kayleigh zurück und beobachtete, wie ihr jüngerer Bruder zusammenzuckte, als ihre Mom abwertend den Kopf schüttelte. Dass sich der Tadel ihrer Mom nun nicht mehr auf sie bezog, sondern auf Ryan, ließ Kayleigh zufrieden grinsen. Dies war sehr typisch für die Familie Fitzpatrick, die eine eigene Dynamik besaß.

Familienzusammenkünfte liefen meist sehr laut, fröhlich und teilweise auch explosiv ab. Kayleigh konnte sich nicht erinnern, dass es jemals ein Essen gegeben hätte, bei dem sich die Familie angeschwiegen hätte. Selbst nach dem tragischen Unfalltod ihres Dads vor einigen Jahren war es nicht vorgekommen, dass sie wortlos am Tisch gesessen hatten. Dafür waren sie alle viel zu großmäulig und quirlig. Ihr Dad hatte immer behauptet, dass die Lautstärke der Familie damit zusammenhing, dass die Fitzpatricks irischer Abstammung waren und daher allein genetisch bedingt nicht ruhig sein konnten. Obwohl Kayleigh Medizinerin war, musste sie zugeben, dass ihr Dad recht gehabt hatte – wenigstens was das Unvermögen der einzelnen Familienmitglieder betraf, für kurze Zeit die Klappe zu halten.

Ihr ältester Bruder Heath war zwar ein verantwortungsvoller Ehemann und Vater und ein engagierter Feuerwehrmann, doch es brauchte nicht viel, um ihn an die Decke gehen zu lassen. Während er der geduldigste Vater war, den man sich nur vorstellen konnte, und er seine beiden Töchter und seine Frau mit der größten Hingabe und Fürsorge behandelte, war er nur schwer zu beruhigen, wenn er in Streit mit jemandem geriet.

Auch sein um ein Jahr jüngerer Bruder Shane war in seinem Revier dafür bekannt, dass man ihm bestenfalls aus dem Weg gehen sollte, wenn er schlecht gelaunt war. Leider besaß Shane wie alle Fitzpatricks ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und konnte nur schlecht Kritik oder Befehle annehmen. Während seiner bisherigen Karriere als Polizeibeamter hatte ihm diese Hitzköpfigkeit schon das eine oder andere Mal Probleme bereitet. Seit die bezaubernde schwarzhaarige Frau an seiner Seite ihm jedoch eine zweite Chance gegeben und sogar eingewilligt hatte, ihn zu heiraten, bemühte er sich sichtlich darum, alles richtig zu machen und durch eine blütenweiße Weste zu glänzen. Kayleigh fand es extrem belustigend, dass Shane derart darauf bedacht war, Thorne auf Händen zu tragen. Ihrer Meinung nach hätte ihr großer Bruder ruhig noch mehr auf Knien vor Thorne herumrutschen können, um all das wiedergutzumachen, was er der Mutter seines Sohnes vor sieben Jahren angetan hatte, doch Thorne schien ebenfalls blind vor Liebe zu sein, da sie Shane alles verziehen zu haben schien und ihn mit einem ebenso vernarrten Lächeln bedachte wie er sie.

Trotz der Tatsache, dass Kayleigh noch immer etwas stinkig auf ihren großen Bruder war, der im Rahmen einer verdeckten Ermittlung Thorne kennengelernt und ihr nicht nur die große Liebe vorgespielt hatte, sondern plötzlich und ohne eine Erklärung verschwunden war, während Thorne sechs Jahre lang allein den gemeinsamen Sohn Brady großgezogen hatte, freute sich Kayleigh darüber, dass Shane nun derart glücklich war. Mit Thorne hatte der Idiot das große Los gezogen und Brady war der klügste und lustigste Junge, dem Kayleigh jemals begegnet war. Sie war völlig vernarrt in ihren Neffen und hätte ihn am liebsten nicht hergegeben, wenn er bei ihr übernachtete. Außerdem schien sich Shane bald über erneuten Familienzuwachs freuen zu dürfen, da sich Kayleigh sicher war, dass hinter der plötzlichen Heirat, Thornes plötzlicher Alkoholabstinenz und Shanes geradezu lächerlicher Vorsicht, seine Frau nicht einmal einen Teller tragen zu lassen, ein Geschwisterchen für Brady steckte.

Auch jetzt belud Shane zuvorkommend einen Teller für seine Angebetete und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe, nachdem er den Teller vor ihr abgestellt hatte.

Obwohl Kayleigh nicht zu der Fraktion der seufzenden Romantikerinnen gehörte, musste sie angesichts des deutlich sichtbaren Liebesbeweises ihres Bruders lächeln, immerhin belud er seinen Teller erst dann, als seine Verlobte versorgt war, obwohl er ein schrecklicher Vielfraß war – wie alle anderen Mitglieder der Familie ebenfalls.

Dies brachte Kayleigh auf ihre beiden jüngeren Brüder, die die friedliche Stimmung durch lautes Schmatzen und den Streit um ein Endstück des Bratens zerstörten.

Bis heute verstand Kayleigh nicht, warum ihre Eltern nach ihr mit dem Kinderkriegen nicht aufgehört hatten, sondern so weit gegangen waren, Heath, Shane und ihr ein dermaßen freches und kaum zu bändigendes Zwillingspaar vorzusetzen.

Ryan und Kyle waren nicht nur besonders hübsch anzusehen und unterschieden sich von den ersten drei Fitzpatricksprößlingen durch ihr blondes Haar, sondern konnten einem tierisch auf die Nerven gehen. Insbesondere Ryan besaß eine hemmungslos große Klappe und hielt sich nun, da er ebenfalls in den Rang eines Detectives aufgestiegen war, für die Krone der Schöpfung. Dass Kayleigh ihren um drei Jahre jüngeren Bruder sehr, sehr lieb hatte, änderte nichts an der Tatsache, dass sie ihn manchmal gerne verprügelt hätte.

Mit Kyle dagegen konnte man es sehr viel besser aushalten, immerhin war er ruhiger und bodenständiger als sein Zwilling. Außerdem verbrachte Kayleigh gerne ihre Zeit mit ihm, da er sich nach seiner Ausbildung zum Rettungssanitäter dazu entschlossen hatte, wieder die Schulbank zu drücken und wie sie Medizin zu studieren. Sie war sich sicher, dass er ein ausgezeichneter Arzt sein würde, und war gleichzeitig erleichtert, dass einer ihrer vier Brüder einen Job haben würde, bei dem sie sich nicht ständig fragen musste, ob er während einer Schicht verletzt werden könnte.

„Tante Kayleigh? Gibst du mir einen Maiskolben?“

Brady riss sie aus ihren Gedanken heraus und schaute sie mit seinen braunen Augen derart liebenswert an, dass sie nicht anders konnte, als ihrem Neffen ein breites Lächeln zu schenken, während sie ihm einen Maiskolben auf den Teller legte.