Verlag: Romance Edition Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Charade: Bittersüßes Spiel E-Book

Nyrae Dawn  

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E-Book-Beschreibung Charade: Bittersüßes Spiel - Nyrae Dawn

"New Adult Romance" Teil 1 der erfolgreichen THE GAMES Serie aus den USA Um mit ihrer tragischen Vergangenheit abzuschließen, hat sich die junge Studentin Cheyenne ein nach außen hin perfekt erscheinendes Leben aufgebaut. Eine Fassade, die erste Risse bekommt, als sie ihren Freund beim Fremdgehen erwischt. In einem verzweifelten Versuch, ihr Gesicht zu wahren, bittet sie den sexy Bad Boy Colt, eine Beziehung mit ihr vorzutäuschen. Colt benötigt dringend finanzielle Unterstützung bei der Versorgung seiner todkranken Mutter. Als Cheyenne mit ihrem verrückten Plan auf ihn zukommt und ihm Geld für seine Hilfe anbietet, lässt er sich schließlich auf das bittersüße Spiel ein. Was beide jedoch nicht bedacht haben, sind Gefühle, die nach ihren ganz eigenen Regeln spielen …

Meinungen über das E-Book Charade: Bittersüßes Spiel - Nyrae Dawn

E-Book-Leseprobe Charade: Bittersüßes Spiel - Nyrae Dawn

NYRAE DAWN

CHARADE

Bittersüßes Spiel

New Adult Romance

Aus dem Amerikanischen von Carina Köberl

CHARADE

NYRAE DAWN

Die Originalausgabe wurde 2012 unter demTitel CHARADE von Nyrae Dawn veröffentlicht

Deutsche ErstveröffentlichungCopyright © 2014 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH8712 Niklasdorf, AustriaCHARADE Copyright © 2012 by Nyrae Dawn

Covergestaltung: © jdesign.atTitelabbildung: © Andrey KiselevKorrektorat: Gaby Hoffmann, www.profi-lektorat.de

ISBN-Taschenbuch: 978-3-902972-02-6ISBN-EPUB: 978-3-902972-12-5

www.romance-edition.com

Für Tara. Einfach, weil du meine beste Freundin bist und weil jeder besten Freundin ein Buch gewidmet werden sollte. Ich hab dich lieb, danke, dass du ein Teil meines Lebens bist.

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

Epilog

Danksagung der Autorin

1. Kapitel

Cheyenne

Ich starre. Unfähig, meinen Blick von der Szene vor mir abzuwenden, während ich zu verarbeiten versuche, was mein Freund gerade gesagt hat. »Inwiefern ist es nicht, wie es aussieht, wenn du nackt mit einem anderen Mädchen im Bett liegst?«

Meine Stimme klingt ruhig, obwohl in meinem Magen das reinste Chaos ausgebrochen ist. Ich fühle mich, als müsste ich mich jede Sekunde übergeben.

Keinesfalls will ich mich vor den beiden übergeben müssen!

Ich sehe Gregory an, der neben einer Rothaarigen im Bett liegt, doch alles, was er zustande bringt, ist zurückzustarren. Der Typ, dem ich dummerweise nach all der gemeinsamen Zeit vertraut habe – wider besseren Wissens, denn mir war immer klar, dass man sich niemals wirklich auf jemanden verlassen kann.

Panik droht, in mir aufzusteigen. Wie eine Flamme, die sich rasend schnell auf einem Stück Papier ausbreitet, kurz davor, auf mich überzuspringen. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Meine Brust schmerzt. Meine Sicht beginnt, zu verschwimmen.

Nein! Eine Panikattacke kann ich jetzt nicht gebrauchen. Ich hatte seit Jahren keine mehr und weigere mich, das wegen dieses Bastards nun zu ändern.

Dennoch. Mein Körper hört nicht auf meinen Einwand. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, öffnen und schließen sich. Es fühlt sich wie eine Energiewelle an, die durch jeden Teil meines Körpers schießt und mich ins Taumeln bringt. Mit aller Macht unterdrücke ich diesen inneren Aufruhr.

»Cheyenne, Baby … Es tut mir leid«, sagt Gregory.

Ich schüttle den Kopf und trete einen Schritt zurück, wütend und verletzt wie lange nicht mehr.

Gregory springt aus dem Bett. Nackt. »Du weißt, dass ich dich liebe. Es war ziemlich hart letztes Jahr …« Er langt nach seinen Boxershorts und zieht sie an, während er redet und weiter auf mich zukommt. »… als du noch auf der Highschool warst und ich hier. Ich habe dich furchtbar vermisst, und das hier war das letzte Mal. Ich habe ihr gesagt, dass es das letzte Mal war.« Er wirft der Rothaarigen einen Blick zu, als suche er nach Bestätigung für seine Worte.

Sie sieht ihn aber nur finster an, bevor sie sich anzieht. Gregorys Blick kehrt zu mir zurück. »Okay, ich habe Mist gebaut. Aber das ändert nichts daran, dass du die Einzige bist, die ich liebe.«

Abermals bricht Übelkeit über mich herein. Lügen. »Du hast mich so sehr vermisst, dass du ein anderes Mädchen flachlegen musstest?«

Red, wie ich die Rothaarige insgeheim nenne, schnaubt, aber wir ignorieren sie beide.

»Ich bin ein Kerl, Chey …« Er schüttelt den Kopf, als wäre ich es, die sich unvernünftig verhält und eine zu große Sache aus einem kleinen Fehler macht.

»Du bist ein Kerl? Das ist die schlimmste Ausrede, die ich jemals gehört habe! Wir waren zu Hause den ganzen Sommer lang zusammen; inzwischen sind wir seit zwei Wochen auf dem College, und du legst sie immer noch flach? Das macht wirklich Sinn! Ach ja und … danke, dass ich nicht fragen musste, wie lange das schon zwischen euch läuft. Ein klügerer Mann hätte abgewartet und gehofft, ich würde annehmen, er hätte mich das erste Mal betrogen.«

Gregorys Augen weiten sich, als ihm sein Fehler bewusst wird. Gib niemals mehr zu, als unbedingt nötig! Das sollte er eigentlich wissen, immerhin sind seine Eltern Anwälte. Arschloch.

Meine Augen brennen, aber ich werde den beiden nicht die Genugtuung geben, in Tränen auszubrechen. Ich habe schon lange damit aufgehört, Leuten zu zeigen, auf welche Weise sie mich verletzen können.

Die Rothaarige steht auf, sieht mich finster an und streift Gregorys Schulter, als sie an ihm vorbeigeht. »Ich verschwinde hier.«

»Warte!«, sage ich, als ich sie erkenne. »Hast du mich ihr nicht vor zwei Nächten auf der Willkommensparty vorgestellt?«

Red ist so dreist und errötet, bevor sie nach draußen stapft. Sie hat definitiv kein Recht, irgendwelche teuflischen Blicke in meine Richtung zu werfen, immerhin wusste sie, dass Gregory eine Freundin hat.

Hatte. Das Wort hinterlässt einen bitteren Geschmack in meinem Mund. Er hätte eine sichere Wahl sein sollen. Unsere Familien sind befreundet. Er hat mich gut behandelt, während wir zusammen waren.

Was habe ich nur an mir, dass die Leute denken, sie könnten mich ausnutzen und danach zur Seite werfen? Warum ist es so leicht, mich zu betrügen?

Eine Schwindelwelle trifft mich, als ich an meine Mom denke. Sofort versuche ich, die Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. Ich habe sehr hart an mir gearbeitet, nicht dieses Mädchen zu sein. Das Mädchen, dessen eigene Mutter es nicht genug lieben konnte, um bei ihm zu bleiben. Auf diese Weise sollte mein Leben nicht ablaufen. Nicht mehr. Die letzten zehn Jahre sind perfekt gewesen. Ich bin ein neuer Mensch, alles sollte besser werden. Ein einfaches, unkompliziertes, gewöhnliches Leben, als Ersatz für alles, was ich früher nicht hatte.

Ich bin Cheyenne Marshall. Der Kapitän des Tanzteams. Ich wurde zum beliebtesten Mädchen der Highschool gewählt. Ich habe Freunde. Jede Menge.

Aber das war früher. Auf der Highschool. Heute bin ich hier mit Gregory auf neuem Territorium, bisher, ohne neue Freunde gefunden zu haben. Jede einzelne Person, die ich hier kenne, kenne ich durch ihn.

Ich schließe meine Augen und strecke eine Hand aus, um mich an der Mauer abzustützen, während die Realität meines neuen Lebens über mich hereinbricht.

Ich stecke hier fest. Allein.

Nein, nein, nein! Ich kann nicht weinen. Ich kann nicht durchdrehen. Ich drehe dennoch gleich durch!

Die Muskeln in meinen Fingern verkrampfen, erneut wollen sich meine Hände zu Fäusten ballen.

»Chey … komm schon, Baby. Du weißt, ich liebe dich. Wir gehören zusammen.« Gregory macht einen Schritt auf mich zu, und für eine Sekunde … Eine Sekunde überlege ich, meine Hand nach ihm auszustrecken. Es ist Gregory. Ich habe meine Jungfräulichkeit an ihn verloren. Ich wollte ihn heiraten, denn wir passen gut zusammen. Außerdem würde er mich nicht verlassen. Ich habe alles dran gesetzt, das Mädchen zu sein, das nicht von anderen Menschen verlassen wird.

Ich … oh Gott. Ich habe ihm vertraut. Wie konnte ich nur zulassen, jemandem zu vertrauen? Er hat mit anderen Mädchen gevögelt. Darüber kann ich nicht hinwegsehen.

Ich kämpfe gegen die Tränen, die kurz davor sind, den Damm zu durchbrechen. »Nein, Gregory. Wir gehören nicht zusammen.«

Er steht zwischen dem Bett und mir, seine Boxershorts hängen schief von seinen Hüften, und er sieht sehr …, sagen wir mal, schlaff aus.

»Was willst du damit sagen, Chey? Willst du schlussmachen?« Sein Lachen klingt mehr nach einem frustrierten Schnauben. »Das ist eine beschissene Idee. Du kennst hier doch niemanden. Keiner der Jungs wird etwas mit dir anfangen wollen. Sie wissen, dass du mir gehörst.«

Sein Ego macht mich krank. Ich werde nicht dieses Mädchen sein. Werde nicht allein und von ihm abhängig sein, wie er gern glauben möchte. »Ich gehöre dir nicht.«

»Chey …« Er scheint sich Mühe zu geben, sanft zu klingen. »Ich sage ja nur, dass sie dich immer so sehen werden.«

»Nicht jeder«, sage ich und ringe mir ein spöttisches Lächeln ab. Ein Versuch, ihm zu zeigen, dass ich ihn nicht brauche.

Sein Gesicht wird hart, und seine Augen verengen sich. »Wer? Hat sich jemand an dich herangemacht?«

Der verärgerte Ausdruck auf seinem Gesicht treibt mich an. »Das geht dich nichts an«, erwidere ich und verschränke meine Arme. »Alles, was du wissen musst, ist, dass ich dich nie betrogen habe, während wir zusammen waren. Aber jetzt sind wir das ja nicht mehr.« Ich lasse ihn an diesem Gedanken leiden, wie ich wegen den Bildern von ihm und dem Rotschopf nackt im Bett leiden werde. Dann wende ich mich ab, um zu gehen.

»Cheyenne!«, ruft er mir nach, aber ich laufe weiter und knalle die Tür seines Apartments zu.

Ich fahre nicht weit, bevor ich am Straßenrand halte. In der Sicherheit meines Autos gebe ich mir fünf Minuten, um loszulassen. Fünf Minuten, in denen laute Schluchzer meinen Körper schütteln.

Wie konnte ich ihm nur diese Macht über mich geben? Überhaupt irgendeine Macht? Gregory hätte Normalität symbolisieren sollen. Eine Konstante. Er sollte mich nicht verlassen.

Mehr Tränen. Ich lasse meinen Kopf nach vorne auf das Lenkrad fallen. All der Schmerz in mir steigt hoch und bringt alte, quälende Erinnerungen mit sich, die ich mir schon so lange nicht mehr erlaubt habe, zu denken.

»Baby, Mommy ist gleich wieder da, okay? Bleib in diesem Zimmer, bis ich wieder zurückkomme.«

Mama küsst meine Stirn und geht aus dem Raum. Es ist laut. So laut mit der Musik und dem Wummern, dass ich die Hände über meine Ohren lege.

Sie hat gesagt, sie würde mich nicht verlassen. Mich nie wieder allein lassen.

Ich kauere in der Ecke, die Knie an meine Brust gezogen, die Hände immer noch auf meinen Ohren, die Augen fest geschlossen.

Sie wird gleich wieder da sein. Sie hat es versprochen.

Die Tür geht auf. Ich habe keine Ahnung, woher ich das weiß. Ich weiß es einfach. Ich atme aus, sicher, dass sie es sein wird … Ruckartig öffne ich die Augen. Ein Typ, ein großer Typ mit Bart, kommt herein, zusammen mit einer Frau. Sie küssen sich, und es ist ekelig. Ihre Hände sind überall auf dem Körper des anderen.

Was tun die da?

»Vince. Da ist ein Kind in der Ecke.« Kurz frage ich mich, ob sie mir helfen werden. Ob sie meine Mama für mich finden werden. Aber dann fangen beide an zu lachen. Meine Augen brennen, und Tränen rinnen über meine Wangen.

»Raus mit dir, Kleine! Das hier willst du nicht sehen!«, ruft der unheimliche Mann.

Er hat recht. Ich will nur meine Mama. Ich will nach Hause.

Ich springe auf und laufe aus dem Zimmer. Überall sind Leute. So viele Menschen, dass ich kaum durchkomme. Sie schubsen mich und rempeln mich an, während die laute Musik mein Herz immer schneller klopfen lässt.

Ich durchsuche weiter das Haus. Suche nach Leuten. Nach Mama. Es riecht nicht besonders gut, aber ich erkenne den Geruch nicht. Jemand verschüttet etwas von seinem Drink auf mir, und ich weine noch mehr. Diesen Geruch kenne ich. Das ist Bier. Mamas alter Freund hat das auch gern getrunken.

Niemand fragt, ob er mir helfen kann.

Ich kann Mama nicht finden.

Sie hat mich allein gelassen.

Eine andere Stimme. Ein anderer Mann. »Ich werde dir helfen, deine Mama zu finden …«

Schaudernd setze ich mich auf und wische mir die Tränen von den Wangen. Ich bin nicht mehr dieses Kind. Diese Erinnerungen dürfen nicht mehr mein Leben bestimmen, also konzentriere ich mich auf das Hier und Jetzt.

Gut möglich, dass ich Gregory nicht so sehr in mein Herz gelassen habe, wie normale Freundinnen es getan hätten, aber ich habe ihm vertraut. Mehr, als ich hätte tun dürfen. Menschen verletzen dich, wenn du es zulässt. Und ich will nie wieder verletzt werden.

Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel und stelle fest, halbwegs in Ordnung auszusehen. Meine dunkelbraunen Augen sind kaum gerötet, und ich kann auch keine Flecken auf meiner sonst makellosen Haut erkennen.

Ich öffne meine Handtasche und fische meinen Eyeliner heraus. Danach folgt Mascara, und ich füge sogar etwas Lipgloss hinzu.

»Ich bin nicht mehr dieses Kind«, wiederhole ich immer wieder, während ich in den Spiegel sehe. Schon bin ich wieder Cheyenne Marshall und nicht mehr dieses kleine, panische Mädchen auf der Party, das im Stich gelassen wurde. Ich bin stärker als meine Vergangenheit.

Noch einmal hole ich tief Luft, dann starte ich meinen Wagen und fahre los.

»Männer sind solche Arschlöcher. Mein letzter Freund hat mich auch betrogen. Mit Veronica ist alles so viel einfacher.«

Damit erringt Andrea meine Aufmerksamkeit. Die Uni hat erst vor ein paar Wochen angefangen, und wir sind nie zur selben Zeit in unserer Studentenwohnung. Das ist vermutlich erst das dritte Mal, dass wir uns unterhalten. »Wie …?«

»Ich bin bisexuell.« Andrea setzt sich auf. »Hast du ein Problem damit?« Sie hat ihr pinkfarbenes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und trägt ein gleichfarbiges Volleyballshirt.

Ich habe noch nie jemanden getroffen, der auf Mädchen und Jungs steht. Ich weiß nicht, warum, aber ich hätte erwartet, dass solche Leute anders aussehen.

Ich höre auf, Andrea zu mustern, als mir ihre Frage bewusst wird. Dabei straffe ich meine Schultern, als würde mich das weniger durschaubar machen. Ein Blick hat offenbar ausgereicht, um über die Sache mit Gregory Bescheid zu wissen. »Nein, kein Problem. Woher weißt du, dass mein Freund mich betrogen hat?«

Wie lässig ich das gesagt habe! Weil es mir nämlich egal ist. Zumindest soll Andrea das denken.

Ohne eine Antwort abzuwarten, lege ich mich wieder auf mein Bett und wende mich der Mauer zu. Die Wahrheit ist, dass es mir überhaupt nicht gut mit alldem geht, doch das ist das Letzte, was ich sie sehen lassen will.

Wie peinlich ist das? Erst zwei Wochen auf dem College, und ich finde heraus, dass mein Freund mit anderen Mädchen schläft. Oder zumindest mit einem anderen Mädchen. Wie konnte mir das nur passieren?

»Dich in deinem Bett zu verstecken, lässt das Problem nicht verschwinden.«

»Ich verstecke mich nicht«, antworte ich, ohne mich zu bewegen.

»Das ist er doch gar nicht wert. Lass dich von ihm nicht fertig machen.«

Woher will sie wissen, wie viel Gregory mir wert ist? Ich stelle die Frage nicht, weil ich ohnehin nicht fertig bin. Nicht wegen eines Typen. Da stehe ich drüber. »Bitte? Als würde ich ihm erlauben, mich zu verletzen. Ich bin drüber hinweg. Im Moment bin ich nur müde, Andrea.«

Sie bewegt sich hinter mir, und ich bin sicher, dass sie aufgestanden ist. »Klar bist du das. Und mein Name ist Andy.«

Mit einem Quietschen öffnet sich die Tür, bevor sie sich mit einem Knall wieder schließt.

Mein Herz macht einen Satz. Wer glaubt diese Frau, zu sein? Gibt vor, mich zu kennen, obwohl sie in Wahrheit keinen blassen Schimmer hat. Ich komme immer wieder auf die Beine. Bewege mich vorwärts. Vergesse die Vergangenheit, in der man mich immer wieder verlassen hat. Und auch von Gregory und Red werde ich mich nicht unterkriegen lassen!

Genau aus diesem Grund sollte ich jetzt raus aus diesem Bett und weitermachen. Nach dem Typen suchen, den ich erfunden habe oder auf eine Party gehen. Irgendetwas tun. Ich bin auf dem College, und rein gar nichts sollte mich dazu bringen, mich in diesem Bett zu verkriechen.

Aber ich bin müde. Zu müde, um mich aufzuraffen. Stattdessen ziehe ich mir die Decke über den Kopf und versuche, herauszufinden, wie mein Leben diese Wendung nehmen konnte.

»Du hörst dich erschöpft an«, sagt Tante Lily durch das Telefon.

»Ach ja? Ich bin mir nicht sicher, wieso. Es ist alles in Ordnung.« Ich schwinge meine Beine über die Bettkante und setze mich auf. Dann streiche ich mir mein dunkles Haar hinters Ohr. Fast augenblicklich fallen die Strähnen zurück in mein Gesicht.

Tante Lily seufzt. »Wenn du dir sicher bist.«

Kurz wünsche ich mir, sie würde nachhaken. Ob ich ihr die Sache mit Gregory erzählen soll? Doch das würde bedeuten, sie an mich heranzulassen, und ich weiß nicht, ob ich schon soweit bin.

Ich stehe auf. Es gibt keinen Grund, mich weiter im Bett zu verkriechen. Was passiert ist, ist passiert, und nichts wird daran etwas ändern. Je schneller ich damit klarkomme, desto besser. Es würde außerdem keinen Sinn machen, über Fakten nachzugrübeln, die morgen noch dieselben sein werden, ganz egal, was ich anstelle.

Es gibt auch keinen Grund, dieses Gespräch weiter aufzuschieben. Tante Lily und Onkel Mark werden es ohnehin herausfinden. Besser, sie erfahren es von mir. »Gregory …, er ist fremdgegangen.« Die Worte ziehen mich auf das Bett zurück. Sie auszusprechen, lässt es wirklicher erscheinen. Er hat mich betrogen, obwohl ich das perfekte Spiel gespielt habe. Die perfekte Freundin war ihm dennoch nicht gut genug.

Lily atmet scharf ein. »Bist du dir sicher?«

»Ich bin früher auf den Campus zurückgekehrt und habe sie zusammen erwischt.«

Ein paar Sekunden ist nur Stille zu hören. »Das tut mir leid, Süße.« Mitleid schwingt in ihrer Stimme mit, und ich weiß genau, was sie jetzt denkt. Nach allem, was sie schon durchmachen musste, sollte ihr das nicht auch noch passieren.

Aber ich will kein Mitleid. »Mir geht’s gut, Lily. Es ist wirklich keine große Sache. Ich habe ohnehin schon darüber nachgedacht, mit ihm schlusszumachen.« Die Lüge geht mir ganz leicht von der Zunge.

Sie hält inne, und ich frage mich, ob sie mehr erfahren will. Ob sie sich wünscht, ich würde mich für sie öffnen. Sie an meinen Problemen teilhaben lassen. Für einen kurzen Moment lasse ich zu, mir das auch zu wünschen.

»Trotz allem kann es nicht leicht für dich sein. Bist du dir sicher, damit zurecht zu kommen? Du lässt dich nie unterkriegen, Cheyenne. Es muss doch wehtun.«

Schon wieder habe ich das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Mein Kopf pocht. Hör auf! Das mit den Panikattacken habe ich schon durch. Ich lasse das nicht mehr zu, ständig auszuflippen. »Solche Dinge passieren nun mal, Lily. Ich bin schockiert, aber man weiß ja, dass die meisten Beziehungen junger Leute nicht halten oder?«

Ich bin zurück im Spiel und hoffe, sie kauft es mir ab.

Tante Lily seufzt erneut. »Ich bin stolz auf dich … Deine Mom wäre das sicher auch«, fügt sie hinzu.

Mein ganzer Körper spannt sich an. Wäre sie das? Ich weiß es nicht. Die Frau, die ich kannte, scheint mir nicht dieselbe zu sein, die mit Lily aufgewachsen ist. Die, die ich kannte, hat mich auf Saufpartys allein gelassen, und es war ihr gleichgültig, ob ich zur Schule gegangen bin oder nicht.

Moms Lächeln kommt mir in den Sinn, und mir wird schwer ums Herz. Ich habe ihr Lächeln geliebt. Auch ihr Lachen.

Schon wieder brennen meine Augen. »Da ist jemand an der Tür. Ich muss los«, lüge ich und lege auf.

Ich kämpfe um mein inneres Gleichgewicht. Darum, mich nicht wieder in dieses kleine Mädchen zu verwandeln. Ich brauche Gregory nicht. Oder sonst jemanden, und das werde ich ihm beweisen. Ohne ihn bin ich besser dran.

Und wenn es eine Sache gibt, die ich ohne Zweifel weiß, dann, dass ich verdammt noch mal nie wieder jemanden so nah an mich heranlassen werde.

2. Kapitel

Colt

Sterbende haben einen ganz eigenen Geruch. Sogar jene, die noch Monate zu leben haben. Es ist beinahe ein alter Geruch, der an ihrer Haut zu haften scheint.

Das ist verdammt ekelhaft. Aber wenn es um jemanden geht, den man liebt, denkt man nicht daran, wie abstoßend, sondern wie verdammt scheiße das alles ist.

In derselben Sekunde, in der ich das Apartment betrete, trifft mich dieser Geruch, und ich weiß nicht, ob ich durch meine Nase oder meinen Mund atmen soll. Ersteres würde mich dazu zwingen, den Geruch erneut wahrzunehmen. Letzteres, mich zu übergeben, was mich vermutlich zum größten Schlappschwanz dieses Planeten macht. Wenn sie das alles durchstehen kann, sollte ich in der Lage sein, sie zu besuchen!

»Colton? Bist du das?« Ihre Stimme klingt glücklich, trotz allem, was sie durchmachen muss. Kann sie den Tod riechen, so wie ich? Wird ihr davon übel oder ist sie immun dagegen?

Ich bin so ein Scheißkerl.

»Natürlich bin ich es, Mom. Oder hast du einen anderen umwerfenden, jungen Mann erwartet?« Ich gehe um die Ecke ins Wohnzimmer. Die Vorhänge sind offen, geben das große Fenster frei. Sie hat Sonnenschein immer geliebt. Ich frage mich, was zur Hölle es noch gibt, das sie strahlen lässt.

Mom lacht. Sie sitzt in einem alten, ramponierten Rollstuhl, mit dem Morgenmantel um ihre Schultern, den ich ihr vor acht Jahren zu Weihnachten geschenkt habe. Er ist ganz löchrig. Das dumme Ding hätte man schon vor Jahren entsorgen sollen, aber sie wirft ja nie etwas weg. Wenn man nicht viel hat, passt man vermutlich besser auf die Dinge auf, die man besitzt.

Ich küsse sie auf die Stirn und fühle mich sofort erbärmlich, weil ich den Atem anhalten muss. Sie trägt heute keinen Hut, und Flaum ist alles, was von ihrem Haar übrig geblieben ist.

»Was gibt’s Neues?« Staub steigt auf, als ich mich in den Sessel neben ihr fallen lasse.

»Nicht viel. Wie geht’s dir heute?« Ihre Stimme bricht, und sie fängt zu husten an. Verdammt, ich will mir die Ohren zuhalten, damit ich es nicht hören muss.

Ja, was für ein wundervoller Sohn ich doch bin! Sie würde alles für mich tun, ich hingegen ertrage es kaum, sie anzusehen. »Wie fühlst du dich?« Die Frage erscheint mir viel wichtiger, als ein Gespräch über mich.

Ihr Haar war früher blond und glänzte. Ich erinnere mich, dass andere Leute es immer mit Sonnenschein verglichen haben. Vielleicht hat sie es deshalb so gern, wenn die Vorhänge geöffnet sind. Der Winter wird hart werden. Sie wird vermutlich nicht hier sein …

»Ich fühle mich großartig.« Mom verschränkt die Arme. Ich verdrehe die Augen. Klar. Wie großartig kann sie sich schon fühlen? Die Ärzte sagen, es könnte noch eine Woche dauern oder auch drei Monate. Das wisse man nie so genau. Eine bescheuerte Antwort, wenn man mich fragt. Das sind Ärzte. Sollten die so etwas nicht wissen? Wenn sie in der Lage sind, dir zu sagen, dass du sterben wirst, sollten sie doch auch den Zeitrahmen besser bestimmen können.

»Mom …«

»Colton«, entgegnet sie, und ein Lächeln umspielt ihre Lippen. »Erzähl mir von der Uni. Wie laufen deine Kurse?«

Beschissen. Ich hasse sie. Sie sind nicht einmal annähernd so wichtig, wie alles, was mit dir passiert. »Alles cool. Die Kurse haben ja erst vor ein paar Wochen angefangen.«

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Dieses Thema ist alles, was sie interessiert und alles, worüber sie redet, während ich immer kurz davor stehe, zu explodieren. Ich sollte mich nicht um meine Noten sorgen. Ich sollte mich um sie kümmern und alles tun, was dazu nötig ist, damit es ihr halbwegs gut geht.

Daher tue ich ja auch die Dinge, die ich nun einmal tue.

Mom schenkt mir ein weiteres Lächeln, eine Mischung aus Freude und Schmerz in ihren Augen. Dieser Blick hat die Macht, mich von innen heraus zu vernichten. Es fühlt sich an, als brenne er sich durch meinen Körper – so, wie sich der Krebs durch ihren brennt und alles zerstört, das sich ihm in den Weg stellt.

Sie berührt mein Bein. Gott, ihre Finger sind so dünn. »Ich kann nicht fassen, dass mein Sohn schon drei Jahre auf dem College ist. Du bist so schnell erwachsen geworden. Mir war immer klar, dass du alles erreichen kannst, Colton.«

Eine Krankheit namens Schuld breitet sich in mir aus, denn ich kann den Sinn in alldem nicht erkennen. Mir war das College immer scheißegal. Ich weiß, wer ich bin und was aus mir werden kann. Kein dummer Abschluss wird daran etwas ändern. Aber sie? Sie hat das immer für mich gewollt.

Mom war ein Crackbaby und hat überlebt. Sie wurde von einer Pflegefamilie zur anderen geschoben und hat es durchgestanden. Sie wusste immer, wer ihre Mom war – ein Mädchen, das die Highschool geschmissen hat, von zu Hause weggelaufen und drogenabhängig geworden ist. Mom hat nie Drogen genommen, aber sie wurde jung mit mir schwanger, wie ihre Mom, und auch sie hat die Highschool geschmissen. Lässt sich das Muster erkennen?

Der beschissene Teil an dem Ganzen ist, dass mein Geld von genau der Sache kommt, die alle ihre Probleme verursacht hat.

Drogen.

Sie hat alles überstanden. Sich von nichts runterziehen lassen. Sich den Arsch abgearbeitet. Das Arschloch von meinem Vater jedes Mal wieder aufgenommen, wenn er in unser Leben zurückgestolpert ist, und wenn er uns wieder verlassen hat, war Mom für mich da. Alles, was sie je von mir wollte, war, die Highschool abzuschließen, um dann aufs College zu gehen.

Als könnte dieser Bullshit mein Schicksal ändern.

»Es ist keine große Sache, Mom.« Ich drücke ihre Hand, damit sie weiß, dass ich ihr nicht böse bin. Vorsichtig, um ihr nicht weh zu tun.

»Doch, ist es.«

Sie wurde krank, als ich im letzten Jahr der Highschool war, und es geschah alles ziemlich schnell. Ich habe ihr versprochen, alles zu tun, wenn sie nur wieder gesund werden würde. Wir haben Stipendien und finanzielle Hilfe beantragt, und ihr Zustand fing tatsächlich an, sich zu bessern. Wir dachten schon, sie hätte es geschafft. Ich jedoch steckte fest. Ich habe ihr ein Versprechen gegeben und wusste, dass ihr dieses Versprechen wichtiger war, als ihr Leben.

Drei Jahre später bin ich immer noch auf der Uni, und diesmal wird sie wirklich sterben. Mein Abschluss verkörpert alles, was ihr wichtig ist. Als wäre ein Stück Papier das alles wert.

»Wann kommt Maggie denn nach Hause?« Es ist definitiv Zeit für einen Themenwechsel.

Maggie ist eine ehemalige Krankenschwester, mit der Mom sich angefreundet hat. Sie wohnen zusammen, und Maggie kümmert sich um Mom. Das Hospiz sieht ab und an nach ihr, während Maggie immer da ist, und das ist eine große Hilfe. Unser ganzes Leben kämpfen wir mit den Leuten von der Versicherung, aber sobald man im Sterben liegt, sind die Dinge mit einem Mal anders. Es ist beschissen, dass es erst soweit kommen muss.

»In ungefähr einer Stunde. Ich bin aber ziemlich müde.« Sie gähnt. So etwas passiert oft. Sie scheint okay zu sein, und dann kann sie sich plötzlich kaum noch wachhalten.

»Ich bringe dich ins Bett.«

»Ich bin okay. Ich will nicht schlafen, wenn du mich besuchst.«

»Ist schon in Ordnung. Ich muss ohnehin zur Arbeit. Ich wollte nur kurz vorbeikommen und sehen, wie es dir geht.«

Ich muss zu meiner angeblichen Arbeit. In der Fast Food Industrie zu arbeiten, würde mir niemals so viel Geld oder Flexibilität einbringen. Beides brauche ich, um für sie da zu sein. Das Hospiz mag sich um die Tatsache kümmern, dass sie im Sterben liegt, aber das ist nicht alles, worüber ich mir Sorgen machen muss.

»Wenn du meinst.« Sie gähnt erneut. Ich stehe auf, um sie ins andere Zimmer zu rollen, doch sie stoppt mich. »Ich möchte laufen. Hilfst du mir dabei?«

Fest schließe ich meine Augen, und Schmerz schießt durch meinen Körper. Wie beschissen ist das? Sie ist achtunddreißig. Sie sollte keine Hilfe brauchen, nur um in ihr Schlafzimmer zu gelangen. »Natürlich.«

Sie lehnt sich an mich, während ich ihr aus dem Rollstuhl helfe. Ihre Arme sind ganz locker um mich gelegt, also halte ich sie etwas fester, um sicherzustellen, dass sie nicht hinfällt. Wir brauchen vier Minuten für einen Weg, der eigentlich nur dreißig Sekunden bedarf.

Wir erreichen das Schlafzimmer, in dem ihr Krankenhausbett steht, und ich helfe ihr, sich hinzusetzen. Als ich versuche, ihr den Morgenmantel auszuziehen, hält sie mich auf. »Ich trage ihn gern. Damit fühle ich mich dir näher.«

Ich beiße mir auf die Zunge. Scheiße, das ist hart. »Das sagen mir alle Mädchen.« Ich zwinkere ihr zu, bevor ich sicherstelle, dass sie sich ordentlich hinlegen kann. Nachdem ich die Decke über sie gezogen habe, küsse ich sie noch einmal auf die Stirn. »Ich rufe dich später an, okay?«

Sie antwortet nicht, und ich weiß, es liegt an ihrer Müdigkeit.

Meine Hände betteln förmlich darum, auf etwas einschlagen zu dürfen. Etwas tun, irgendetwas, das den Schmerz in mir verfliegen lässt.

Als ich die Schlafzimmertür erreiche, höre ich ein gekrächztes »Colton?«

Ich drehe mich um und sehe sie an. »Du kannst auf dieser Welt alles erreichen. Das habe ich immer gewusst. Vergiss das nicht.«

Etwas in mir zerbricht. Ich bin nicht derjenige, für den sie mich hält. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt sein will. Glücklicherweise muss ich ihr nicht antworten, denn sie ist längst eingeschlafen.

Das nächste Haus, das ich betrete, wird von einem anderen Geruch bestimmt: Alkohol, Gras und Gott-weiß-was. Die Musik dröhnt so laut, dass die Wände vibrieren.

»Was geht, Mann?« Adrian nickt mir zu. Er lehnt an der Wand, und ein Mädchen küsst seinen Hals.

»Hast du Spaß?« Ich grinse ihn an. Er wird nicht mehr lange mit diesem Mädchen im Wohnzimmer sein. Sie werden sich ein Zimmer, einen Schrank oder ein Auto suchen. Ich kann es ihm nicht verdenken.

»Darauf kannst du wetten«, antwortet Adrian, bevor ich weitergehe. Auf dem Weg hierher wollte ich nur allein sein, aber jetzt, wo ich unsere überfülltes, beschissenes, kleines Haus betreten habe, wird mir klar, dass ich genau das brauche: eine Ablenkung. Vielleicht von derselben Art, die sich Adrian angelacht hat.

Ich gehe auf direktem Weg zu meinem Kleiderschrank, in dem ich meinen geheimen Vorrat aufbewahre und schnappe mir eine Flasche Tequila. Damit ausgerüstet, kehre ich ins Wohnzimmer zurück, wo sofort ein Platz auf der Couch für mich frei gemacht wird. Darauf lasse ich mich fallen, während ich zugleich die Flasche an meine Lippen hebe und einige Schlucke hinunterspüle.

Keine zwei Minuten später spüre ich, wie sich jemand neben mich setzt. »Hey, Colt.«

Immer noch an die Rückenlehne der Couch gelehnt, drehe ich meinen Kopf, um Deena anzusehen. Ich habe gewusst, dass sie es sein würde. Ihr schwarzes Haar ist nach hinten zusammengebunden, und sie hat allerhand Make-up aufgetragen, aber das interessiert mich alles nicht. Sie ist genau das, was ich jetzt brauche.

»Was machst du denn hier?«

»Nach dir suchen.« Sie beißt sich auf die Unterlippe, und ich weiß, sie spielt mit mir. Das ist okay für mich. Ich würde es nicht anders haben wollen.

»Was machst du dann so weit weg?« Ich bewege mich keinen Zentimeter. Das muss ich auch nicht.

Deena lässt sich nicht zweimal bitten. Sie klettert auf meinen Schoß, und ihr Mund senkt sich auf meinen.

Scheiß auf den Tequila! Scheiß auf alles! Ich schnappe mir Deena und übernehme die Kontrolle über unseren Kuss, während ich darum kämpfe, alles andere zu vergessen.

Es funktioniert nicht. Dennoch gebe ich mein Bestes, mich selbst zu täuschen.

3. Kapitel

Cheyenne

Ich kann nicht fassen, wie grässlich es sich anfühlt, alleine den Campus zu überqueren. Ich komme mir wie eine Versagerin vor. Als wüsste jeder, was passiert ist, obwohl das vermutlich nicht stimmt. Noch zumindest. Das College ist nicht besonders groß, und Neuigkeiten verbreiten sich schnell.

Mein Handy vibriert. Als ich sehe, dass es Gregory ist, der mich zum millionsten Mal anruft, drücke ich auf »ignorieren«. Denkt er wirklich, dass ich mit ihm reden werde? Dass ich nach einem Tag bereit bin, mir noch mehr seiner Entschuldigungen anzuhören? Offensichtlich kennt er mich überhaupt nicht.

Habe ich ihm jemals die Chance dazu gegeben?

Plötzlich überkommt mich ein unerschütterliches Verlangen nach Koffein. Nichts hilft mir mehr, mich besser zu fühlen, als ein eiskalter Karamellmacchiato. Ich hole mein Handy hervor, um jemanden anzurufen, als mir einfällt, dass es niemanden gibt, mit dem ich Kaffee trinken gehen könnte. Niemanden. Ich hatte bisher nicht wirklich Gelegenheit, viele der Mädchen hier kennenzulernen. Die wenigen, die ich kenne, hat Gregory mir vorgestellt – alles Mädchen aus der Schwesternschaft, die zu seiner Studentenverbindung gehören und die Freundinnen seiner Bruderschaftskollegen. Wie dumm von mir, da mitgemacht zu haben!

Mein Herz fängt an, ein wenig schneller zu schlagen. Ich atme tief ein und versuche, mich zu beruhigen. Ich brauche nicht lange, bis ich das Café erreiche. Nachdem ich bestellt habe, setze ich mich in eine Ecke und versuche, Ordnung in das Chaos meines Lebens zu bringen.

Gregorys Worte schwirren noch immer durch meinen Kopf: Keiner der Jungs wird etwas mit dir anfangen wollen. Sie wissen, dass du mir gehörst.

Ich hasse es, ihm recht geben zu müssen, und wünsche mir, es wäre nicht so.

Zur Hölle, wie soll ich das bloß alleine durchziehen? Mist! Ich will niemanden daten. Schon beim Gedanken an die Anfangsphase, das aufgesetzte Lächeln und das Ich-will-dich-kennenlernen-Gefasel dreht es mir den Magen um. Hier auf dem College auszugehen, wird nicht einfach werden. Jeder scheint mit Gregory befreundet zu sein oder zumindest zu wissen, wer er ist.

Gregory.

Kurz schleicht sich ein brennender Schmerz in mein Herz. Ich will das Konzept, das ich für Gregory und mich entworfen habe, nicht vermissen. Das Konzept war nicht real. Ich weiß nicht mal, ob ich Gregory geliebt habe. Ja, wir haben die Worte ausgesprochen, aber habe ich ihn wirklich geliebt?

Die Wahrheit ist … Liebe macht mir verdammt viel Angst. Ich habe mir nicht mehr erlaubt jemanden zu lieben, seit …

Du kannst nicht dorthin gehen, wo Mommy hingeht.

Ich schließe die Augen, als könnte das die Stimme meiner Mom in meinem Kopf zum Schweigen bringen. Ich mag Gregory nicht aus ganzem Herzen geliebt haben, aber ich habe gedacht, wir würden für immer zusammenbleiben. Ich habe gedacht, wir würden glücklich sein. Jetzt weiß ich, dass nicht nur ich Geheimnisse hatte. Immerhin hatten meine nichts damit zu tun, mich mit jemand anderem zu treffen.

Warum muss sich jeder meiner Gedanken um Gregory drehen? Ich bin eine neunzehnjährige Studentin. Ich sollte die beste Zeit meines Lebens haben. Meine Unabhängigkeit und mein … Singledasein genießen.

Ich setze mich aufrechter hin, schließlich muss nicht die ganze Welt wissen, wie hundeelend ich mich fühle. Dann sehe ich mich um. Keiner der Jungs, die den Coffee-Shop betreten, sind Cheyenne-Material. Warum halte ich überhaupt nach anderen Männern Ausschau? Weil ich so getan habe, als hätte jemand mit mir geflirtet. Oder vielleicht will ich ihm einfach nur beweisen, dass ich auch anderen auffalle.

Die Tür öffnet sich. Oh mein Gott! Ich ducke mich.

Was tust du nur, Cheyenne? Setz dich auf, sei selbstbewusst! Du kannst das besser!

Ich kann mich dennoch nicht dazu durchringen.

Zwei Jahre meines Lebens habe ich Gregory geschenkt, und ihm ist das völlig egal? Er hat mich vor einer halben Stunde angerufen, und nun taucht er hier auf, mit Red an seinem Arm?

Zwei Jahre.

Oh Gott! Meine Brust schmerzt. Mein Atem beschleunigt sich, und meine Sicht verschwimmt.

Das passiert mir doch nicht wirklich.

Ich kämpfe darum, meinen Atem zu beruhigen, etwas zu finden, auf das ich mich konzentrieren kann, während ich alles in meiner Macht stehende tue, um Gregory nicht anzusehen. Da ist ein kleines Menü mit den Spezialangeboten, und ich lese es immer und immer wieder, nur um mich auf etwas konzentrieren zu können. Im Café wird es mit einem Mal ruhiger. Ein unheimliches Gefühl überkommt mich, und ich schwöre, ich kann die Leute flüstern hören.

Ich blicke hoch und verteufle zugleich meinen Mangel an Selbstkontrolle. Hätte ich nur nicht hochgesehen!

Sofort erblicke ich Gregory. Er sagt etwas zu Red und küsst sie, bevor er das Café verlässt. Ich bin ziemlich sicher, dass Gregory mich nicht gesehen hat, aber Red schon, denn sie kommt auf mich zu. Schon seltsam, wie gegensätzlich die Emotionen sind, die in mir miteinander kämpfen: Da ist die taffe Chey, zu der ich über die Jahre geworden bin und die Red anschreien will. Und dann ist da noch das schwache Mädchen, das sich in leeren Räumen auf Partys versteckt und geweint hat, wenn ihre Mom nicht da war. Sie steht kurz vor einer Panikattacke.

»Du tust ihm leid, weißt du?« Red verschränkt die Arme.

»Und du tust mir leid, wenn du das wirklich glaubst.« Ich verdrehe die Augen.

»Wir sind seit letztem Jahr zusammen. Ich habe von dir gewusst. Ich weiß auch, dass eure Familien befreundet sind. Dass Gregory dich unter seine Fittiche genommen hat und sich dir gegenüber auf gewisse Art verpflichtet fühlt. Mehr ist das nicht. Ich weiß das. Er weiß es. Und jetzt weißt du es auch.«

Ihre Worte treffen alle meine wunden Punkte. Ich fühle mich benutzt. Für Mom war ich eine Verpflichtung, dann für Lily und Mark und jetzt auch noch für Gregory? Er weiß noch nicht einmal alles über mich. Nein! »Hast du dich nie gefragt, ob er dir das nur erzählt hat, um dich ins Bett zu kriegen? Ich meine, nicht, dass es besonders schwierig für ihn gewesen zu sein scheint, dich da hinzukriegen.«

Ihr Gesicht wird so rot wie ihr Haar. »Leck mich doch! Du tust mir leid. All die Zeit hast du tatsächlich gedacht, er würde mit dir zusammen sein wollen. Ich weiß, was er wirklich will. Er will mich, damit wirst du leben müssen. Wenn du mich entschuldigst, mein Freund wird jeden Moment wieder da sein. Er wollte nur etwas aus dem Auto holen.«

Sie dreht sich um und geht. Ich versuche, einen Weg zu finden, um mich zu verteidigen, als Gregorys Stimme mich stoppt. Er kommt gerade durch die Tür.

»Pass auf, wo du hinlatschst!«, sagt Gregory. Er streckt seinen Rücken durch, als wollte er größer wirken, und Red stellt sich an seine Seite.

Ein anderer Typ steht vor ihm. Er hat dunkelblondes Haar, durchsetzt mit etwas helleren, sonnengeküssten Strähnen. Es ist unordentlich, als hätte er es heute noch nicht gekämmt, und er ist gute zehn Zentimeter größer als Gregory. Er trägt zerknitterte Hosen mit einem Loch vorne am Knie. Ich kann erkennen, dass sie abgetragen sind und nicht zerrissen gekauft wurden.

Ein schwarzes T-Shirt spannt sich über seine Brust, und sein rechter Arm ist gänzlich mit Tattoos bedeckt. Es ist kein Stück Haut mehr zu erkennen, so viele sind es.

Der Tattootyp lacht. Ich sehe die Anspannung in Gregorys Gesicht. Ob Red sie auch sehen kann? Kennt sie ihn gut genug, um zu wissen, was in ihm vorgeht? Er ist wütend, weil dieser Typ ihn ausgelacht hat – peinlich ist es ihm auch.

Der Tattootyp dreht sich von ihm weg und schüttelt den Kopf, da fasst Gregory ihn am Arm. Er mag es nicht, wie ein Idiot dazustehen, und ich bin mir sicher, er will vor seinem neuen Mädchen angeben. Wie unklug. Soweit ich weiß, hat Gregory sich noch nie geprügelt, und dieser Kerl sieht aus, als würde er es oft tun.

»Ich glaube, du lässt jetzt besser meinen Arm los, Hübscher.«

Der Tattootyp reißt sich nicht los, obwohl ich sicher bin, er könnte es. Er fixiert Gregory nur mit seinem Blick. Mein Freund – nein, mein Exfreund – erwidert seinen Blick ein paar Sekunden lang. Irgendetwas geht zwischen den beiden vor, und ich will wissen, was.

»Wie auch immer.« Gregory lässt seinen Arm los. »Komm schon, Maxine! Lass uns gehen.«

Maxine. Kotz. Ich hasse diesen Namen. Hasse dieses Mädchen, das denkt, es sei so viel besser als ich. Dass sie etwas hat, das ich nicht habe. Und Gregory … Ich kann nicht glauben, was er ihr über mich erzählt hat.

Sobald sie durch die Tür gegangen sind, blicke ich wieder den Tattootypen an. Zwischen den beiden herrscht offensichtlich eine gewisse Feindseligkeit.

Reds Behauptungen treffen mich erneut. Ich tue ihm leid? Fehlplatzierte Verantwortung? Scheiß doch auf ihn! Dieser Typ hier wäre der perfekte Weg, um es Gregory heimzuzahlen.

Ein seltsames, fast schon verzweifeltes Gefühl überkommt mich. Es ist stark und macht mich leichtsinnig. Ich bin nicht stolz darauf, aber als der Tattootyp seinen Kaffee entgegennimmt und geht, hänge ich mir meine Tasche um, schnappe mir meinen Karamellmacchiato und folge ihm. Er hat lange Beine, und ich muss mit meinen kurzen beinahe joggen, um Schritt zu halten. Nicht, dass ich wissen würde, was ich zu ihm sagen soll, sobald ich ihn eingeholt habe – darum kümmere ich mich später.

»Hey.« Mist! Wie heißt er? »Du. Hey du, mit den Tattoos.«

Er stoppt und dreht sich um. Wartet, während ich auf ihn zugehe.

»Hi … ähm … hi«, stottere ich.

Er sieht gut aus. Das ist das Erste, was mir auffällt. Allerdings auf eine völlig andere Art, als Gregory. Er hat tolle Lippen, gerade Zähne. Seine Augen sind unglaublich. Hellblau – dunkler in der Mitte und sehr viel heller am Rand. Auf jeden Fall hübsch, und mit Ecken und Kanten, die Gregory fehlen.

Reiß dich zusammen, Chey!

»Hi. Ich bin Cheyenne.« Ich reiche ihm meine Hand. Zuerst denke ich, er wird einfach weitergehen und mich ignorieren, aber dann gibt er sich einen Schubs und nimmt meine Geste an.

»Colt.«

»Colt?«

»Bist du wirklich hier, um dich über meinen Namen lustig zu machen, Prinzessin?« Seine Stimme ist etwas sanfter, als vorhin bei Gregory, aber nicht viel.

»Du hast recht. Ich …« … habe keinen Schimmer, was ich sagen soll. Doch dann denke ich an den Anblick von Gregory und Maxine. Die brennende Wut zwischen ihm und Colt. Wie ich mich gefühlt habe, als ich die beiden im Bett erwischt habe.

»Also … der Typ da drin?«, sage ich. »Der Typ, der sich dir gegenüber gerade wie ein Idiot benommen hat?«

»Das Arschloch aus der Bruderschaft? Was ist mit ihm? Ein Freund von dir?« Er grinst.

Mein Mut verabschiedet sich plötzlich und lässt nur die verhasste Panik zurück. Es macht mich wütend. Ich will meine Stärke nicht verlieren. Die neue Cheyenne ist aus ihr gemacht. »Weißt du was? Vergiss es!« Ich kehre ihm den Rücken zu und entferne mich ein paar Schritte.

»Wie du willst«, sagt er hinter mir. Seine Antwort überrascht mich. Ist er nicht mal ein bisschen neugierig, was ich sagen wollte?

»Hast du eine Freundin?«, platzte ich heraus.