Charlie. Wo ein Wille ist ... - Sissi Kaipurgay - E-Book

Charlie. Wo ein Wille ist ... E-Book

Sissi Kaipurgay

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Beschreibung

Meine Story aus dem Adventskalender 2015. Achtung: Mann mit Mann. Es sind Spuren von Bettsport und Zucker enthalten. Charlie – Wo ein Wille ist …   Charlie stammt aus Libyen. Auf die Bitte seiner Mutter hin verlässt er das Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht. Mit einem Schiff, das gnadenlos überladen ist, geht es nach Lampedusa. Von dort beginnt eine Odyssee, die in Hamburg endet. Entgegen seiner Hoffnungen kann er dort nicht Fuß fassen und lebt als Obdachloser. Der Winter naht … ~ * ~   Gay-Romance, ca. 14.500 Worte Zugabe: Schlampiger Adonis Einen Tag vor Heiligabend hat es richtig bei Armand und Heiko gekracht. Die Folge: Heiko packt ein paar Sachen und verschwindet. War es das oder haben sie doch noch eine Chance? ~ * ~

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 80




Sissi Kaipurgay

Charlie. Wo ein Wille ist ...

Gay Romance

Für alle, die ihre Heimat voller Hoffnung verlassen.BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Charlie – Wo ein Wille ist …

 

 

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

 

Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

 

Text: Sissi Kaiserlos

Korrektur: Caro Sodar

Foto von Pixabay – Design Caro Sodar. Danke, liebe Caro.

 

Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/

 

Charlie – Wo ein Wille ist …

Charlie stammt aus Libyen. Auf die Bitte seiner Mutter hin verlässt er das Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht. Mit einem Schiff, das gnadenlos überladen ist, geht es nach Lampedusa. Von dort beginnt eine Odyssee, die in Hamburg endet. Entgegen seiner Hoffnungen kann er dort nicht Fuß fassen und lebt als Obdachloser. Der Winter naht …

~ * ~

1.

Von dem Gepäck, mit dem Charlie von daheim losgezogen war, hatte man ihm nichts gelassen. Gerade mal das, was er am Körper trug, durfte er mitnehmen, um mit unzähligen anderen Flüchtlingen in ein Boot gepfercht zu werden. Jeder Millimeter Platz zählte und spülte weiteres Geld in die gierigen Rachen der Schlepper.

Mit Müh und Not erreichte das überladene Schiff Lampedusa, wo man sie in ein Lager pferchte. Charlie hatte nicht damit gerechnet, mit offenen Armen empfangen zu werden, so naiv war er nicht. Der blanke Hass, der ihm und seinen Schicksalsgefährten entgegenschlug, kam dennoch unerwartet. In der ersten Nacht schlief er kaum und schmiedete neue Fluchtpläne. Hier wollte er keinesfalls bleiben, noch viel weniger in ein anderes Notfalllager gebracht werden. Die Luft war geschwängert von Aggressionen und Hilflosigkeit. Immer wieder hörte er Kinder weinen, Leute streiten und ab und zu kläfften Hunde. Wachen patrouillierten mit ihnen hinter dem hohen Maschendrahtzaun, der die riesige Ansammlung von Zelten umschloss.

Einige Tage lang beobachtete er aufmerksam seine Umgebung, vor allem die Streifengänger hinterm Zaun. Er stellte fest, dass der frühe Abend, wenn alle mit der Essensausgabe beschäftigt waren und dementsprechendes Durcheinander herrschte, der beste Zeitpunkt für eine Flucht war. Im schwindenden Sonnenlicht besaß er eine reelle Chance, unbemerkt über die Umzäunung zu klettern und unterzutauchen.

Am nächsten Tag setzte er seinen Plan in die Tat um. Unbehelligt gelangte er auf die andere Seite des Zaunes, lief geduckt zwischen niedrigen Sträuchern in Richtung Meer und schlug anschließend einen Haken. Langsam, wie ein einheimischer Spaziergänger, näherte er sich der Stadt. Zum Glück unterschied er sich äußerlich kaum von den Einheimischen. Mit seinen schwarzen Haaren, braunen Augen und dem olivfarbenen Teint ging er glatt als Europäer durch. Seine Klamotten hatte er am Vortag extra gründlich gewaschen, so dass er einigermaßen gepflegt wirkte.

Er schlenderte in Richtung Hafen. An der langgestreckten Mole lagen zahlreiche Fischerboote, kleine Motorschiffe und ein paar Yachten. Sein Plan bestand darin, jemanden zu finden, der ihn für einen angemessenen Preis ans Festland brachte. Seine Großmutter hatte ihm, zusätzlich zu dem Betrag für die Überfahrt, ein bisschen Geld zugesteckt. Nicht besonders viel, aber für die Passage nach Sizilien würde es hoffentlich reichen. Danach musste er sich irgendwie durchschlagen. Hauptsache, er kam weg von der Insel und dem schrecklichen Elend im Lager.

Grundsätzlich war Charlie ein positiver Mensch und nicht zimperlich. Ihm war klar, dass er sehr wahrscheinlich seinen Körper verkaufen musste. Es wäre nicht das erste Mal. So lange er seine Seele dabei behielt, konnte er damit leben.

Am Ende der Mole verkroch er sich hinter einigen dickstämmigen Palmen. Während er mit angezogenen Beinen im Schutz der großen Gewächse darauf wartete, dass sich endgültig Dunkelheit über die Insel senkte, wanderten seine Gedanken zu seiner Familie.

Sein Vater war vor einigen Jahren bei einem Straßengefecht verfeindeter Allianzen erschossen worden. Danach hatte seine Mutter ihren Lebensmut verloren. Sie versank in Schwermut, war nicht mehr imstande zu arbeiten und somit oblag es ihm, Geld für den Lebensunterhalt ranzuschaffen. Meist fand er Arbeit auf irgendwelchen Baustellen, aber wenn dieses Einkommen nicht reichte, musste er auf sehr gefährlichem Weg für Einnahmen sorgen. Homosexuelle Handlungen wurden schwer bestraft, daher galt es mit äußerster Vorsicht vorzugehen, wenn er sich auf die Suche nach einem Freier begab.

Irgendwann hatte er die Geheimniskrämerei satt und seiner Mutter erzählt, was er tat, damit sie etwas zu Essen und ein Dach überm Kopf hatten. Im ersten Moment war sie schockiert gewesen, doch dann bewirkte seine Beichte etwas Gutes: Sie fand neuen Mut und drängte ihn dazu, das Land zu verlassen, um sein Glück woanders zu finden. Außerdem nahm sie Kontakt zu ihren Schwiegereltern auf, den sie nach dem Tode seines Vaters aus Kummer unterbrochen hatte. Sie wurde mit offenen Armen empfangen und lebte nun bei seinen Großeltern. Um seine Mutter brauchte er sich daher keine Sorgen mehr machen, sonst wäre er niemals ihrem Wunsch gefolgt.

Inzwischen war es dunkel geworden. Die Luft kühlte nach der Hitze des Tages etwas ab und es wehte eine leichte Brise. Nur noch vereinzelt schlenderten Menschen über die Mole. Charlie stand auf, streckte seine vom Kauern steifen Glieder und schritt erneut die Reihe von Booten ab. Bei den meisten handelte es sich um Nussschalen, die wohl kaum die weite Strecke bis nach Sizilien überstehen würden, daher konzentrierte er sich auf die wenigen Yachten.

Einige lagen still da, ohne dass Licht brannte oder jemand an Bord zu sehen war, bei anderen war die Kajüte hell erleuchtet. Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, tagsüber nach einer geeigneten Möglichkeit zu suchen. Tja, das fiel ihm leider zu spät ein. Charlies Magen knurrte und seine Kehle fühlte sich ausgedörrt an. Im Moment sehnte er sich fast nach dem Auffanglager zurück, wo wenigstens sauberes Wasser zur Verfügung stand, aber Umkehren kam nun nicht mehr infrage. Notfalls musste er eben in einem der kleinen Shops, die den Anleger säumten, etwas zu trinken und zu essen kaufen. Das würde sein Budget weiter schmälern, doch was blieb ihm sonst übrig?

Er ging gerade an einer schneeweißen Yacht vorbei, als er aus dem Augenwinkel schwaches Licht auf deren Hinterdeck bemerkte. Dem flackernden Schein nach, stammte es von einer Kerze. Charlie blieb stehen, kniff konzentriert die Augen zusammen und versuchte mehr zu erkennen. Eine massige Gestalt saß in einem Stuhl auf dem Deck, der Statur nach zu urteilen wohl ein Mann. Sein Herz begann wild zu schlagen und er musste sich mehrfach über die trockenen Lippen lecken und schlucken, bevor er einen Ton herausbekam.

„Hallo?“, rief er leise auf Englisch.

Der Typ drehte den Kopf in seine Richtung.

„Hallo?“ Beim zweiten Mal klang seine Stimme schon weniger rau.

Nun stand die Gestalt auf und wandte sich ganz um. Charlie kam sich wie auf dem Präsentierteller vor. Während der Mann ihn, im Licht der Straßenlaternen, bestimmt gut sehen konnte, nahm er nur einen Umriss wahr. Sein Vorhaben erschien ihm plötzlich aberwitzig, doch andererseits … was hatte er noch zu verlieren? Seine Jungfräulichkeit jedenfalls nicht.

„Kann ich Ihnen helfen?“, antwortete der Typ, ebenfalls auf Englisch, wobei er an der Kajüte vorbei zum Vorderdeck kletterte.

Nach und nach erkannte Charlie mehr Details. Eine stattliche Wampe, spärliches Haupthaar, ein sympathisches Gesicht. Der Mann trug Shorts, darüber ein offen stehendes buntes Hemd. Neugierig wurde er gemustert.

„Tourist?“, fragte der Typ.

„So ähnlich. Ich suche eine Überfahrt nach Sizilien.“

Ein Weilchen herrschte Stille. Charlies Herz sank immer mehr und er wollte sich schon abwenden, als der Mann überraschend fragte: „Lust, auf einen Drink an Bord zu kommen?“

Eckart, so hieß der Kerl, entpuppte sich als Hauptgewinn. Nicht nur, dass Charlie sein Geld behalten durfte, er lernte auch ein paar Brocken Deutsch und musste nur ab und zu seinen Arsch hinhalten. Eckart war ein guter Liebhaber, dazu noch zärtlich, litt aber unter Erektionsschwäche. Ein absoluter Pluspunkt, da Charlie schon ein paar ästhetische Ansprüche an seinen Bettpartner hatte. Eckart entsprach so gar nicht dem, was er als sexy empfand.

Dennoch genoss er die Wochen, die sie miteinander an Bord verbrachten. Sie teilten den gleichen Humor und hatten viel Spaß, daher war er ziemlich traurig, als er in Marseille das Schiff verließ. Das war seine Entscheidung gewesen. Eckart hatte angeboten, ihn noch bis nach Spanien zu begleiten, das bedeutete jedoch etliche Kilometer mehr bis zu dem Ziel, das sich Charlie mittlerweile in den Kopf gesetzt hatte: Er wollte nach Hamburg.

Von seinem Geld besorgte er einen Rucksack, eine Decke, Wechselklamotten sowie einige Körperpflegeprodukte. So ausgestattet, trat Charlie die Odyssee nach Hamburg an.

***

„Dankeschön“, murmelte er, schenkte dem Spender ein Lächeln und prüfte erst danach, was für eine Münze in seinem Becher gelandet war. Ein zehn-Cent-Stück. Er seufzte. Na ja, Kleinvieh machte auch Mist.

Fröstelnd zog er die Decke enger um seine Schultern. Durch das Stück Pappe, auf dem er kauerte, drang Kälte. Inzwischen war die Hitze Lampedusas nur noch eine schwache Erinnerung, genau wie der Segeltörn mit Eckart. Zwei Monate hatte Charlie gebraucht, um nach Hamburg zu gelangen. Unter Einsatz seines Körpers und Bedingungen, an die er lieber nicht zurückdachte. Entgegen seiner Hoffnungen entpuppte sich Hamburg mehr und mehr als eine Stadt, die keine Zukunft für ihn bot. Vergeblich hatte er versucht, irgendwo Arbeit zu finden. Ein Manko war sein schlechtes Deutsch, ein weiteres natürlich die fehlende Erlaubnis. Er hauste unter Brücken, in Parks und in der ständigen Angst, aufgegriffen und abgeschoben zu werden.

Nun stand auch noch der Winter bevor. Wie naiv von ihm, diesen nicht einkalkuliert zu haben. Er besaß aktuell nur dünne Klamotten und keinerlei Erfahrung mit Kälte, jedenfalls nicht mit der hier herrschenden Temperatur. In Libyen waren die Winter zwar auch hart gewesen, aber die Temperaturen nur selten unter den Gefrierpunkt gesunken.

Die letzte Nacht hatte er im Eingangsbereich eines Kaufhauses zugebracht, dabei aber kaum ein Auge zugetan. Zum einen aus Furcht vor der Polizei, zum anderen ängstigten ihn die glatzköpfigen Kerle in dunklen Klamotten, die grölend durch die Innenstadt zogen. Jedes Mal, wenn so eine Gruppe vorbeikam, hatte er sich tiefer in den Schatten gedrückt und stumm darum gebetet, dass sie ihn nicht entdeckten.

Dementsprechend müde war Charlie heute, wobei das eigentlich zum Normalzustand geworden war. Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn er einfach einschlief und nie wieder aufwachte. Sein aktuelles Leben glich einem Alptraum, sogar im Vergleich zu dem in seiner Heimat. Dort hatte er wenigstens eine Familie. Was zählte da schon die Freiheit, offen schwul sein zu dürfen? Tief versunken in seine trüben Gedanken, nahm er das Treiben in der Fußgängerzone nur am Rande wahr.