Verlag: Poppy J. Anderson Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Charmante Küsse - Poppy J. Anderson

Kyle Fitzpatrick ist mit seiner Arbeit als Kinderarzt verheiratet und steckt seine ganzen Energien in das Wohl seiner kleinen Patienten, die ihm sehr am Herzen liegen. Dass darunter sein Privatleben leidet, macht ihm nichts aus, schließlich ist er mit einer großen und teilweise chaotischen Familie sowie mit zahlreichen Nichten und Neffen gesegnet, die ihn auf Trab halten. Als lediger Arzt ist er außerdem der Aufmerksamkeit einiger Krankenschwestern ausgeliefert, die sich ihm nur allzu gerne an den Hals werfen. Kyle interessiert sich jedoch nur für Morgan – für die rothaarige Frau, die den Kinderarzt unglaublich charmant findet und sich bei ihm zum ersten Mal seit langer Zeit geborgen fühlt. Und dann gibt es da noch den kleinen Cody, um den sich Kyle kümmern möchte. Als Kyle Morgan unwissentlich belügt, gerät die heile Welt der beiden aus den Fugen, und Morgan befürchtet, ihm nicht mehr vertrauen zu können. Doch manchmal kann aus einer Tragödie etwas ganz Wunderbares entstehen.

Meinungen über das E-Book Charmante Küsse - Poppy J. Anderson

E-Book-Leseprobe Charmante Küsse - Poppy J. Anderson

Table of Contents

Title Page

Impressum

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Epilog

Exklusive Leseprobe aus „Geheimzutat Liebe“

Die Fitzpatricks

Weitere Romane von Poppy J. Anderson

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebesroman

 

 

 

Charmante Küsse

 

 

 

 

 

 

Poppy J. Anderson

 

 

 

 

 

 

Band 5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage August 2016

 

 

Copyright © 2016 by Poppy J. Anderson

Covergestaltung: Catrin Sommer rausch-gold.com

Unter Verwendung von © Aila Images – shutterstock.com

© VladFree – shutterstock.com

 

Korrektorat: SW Korrekturen e.U.

 

www.poppyjanderson.de

 

 

poppyj.anderson@googlemail.com

 

 

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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

Poppy J. Anderson

c/o copywrite Literaturagentur

Georg Simader

Woogstr. 43

60431 Frankfurt

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

 

Eine Stimme in Codys Kopf sagte ihm, dass er schreien sollte.

Tatsächlich war der Schrei da und so laut, dass sein Kopf bald explodieren würde, auch wenn ihn außer ihm niemand hörte. Nur er konnte den Schrei hören – den panischen, entsetzten und grauenvollen Schrei, der ihm selbst Angst machte.

So fest er nur konnte, kniff Cody die Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander und hoffte, dass dies nur ein schlimmer Albtraum war und dass er gleich in seinem Bett wach wurde. Und dass seine Mom ihm Frühstück machte und dass sein Dad mit ihm und mit Matt eine Runde Basketball in der Auffahrt spielte.

Stattdessen waren da Sirenen, laute Stimmen und viel schlimmere Schmerzen als bei seinem Sturz vom Fahrrad vor ein paar Monaten. Außerdem gab es noch diesen Schrei, der seit dem Moment aus ihm herauskommen wollte, als er mit dem Kopf nach unten aufgewacht war und gesehen hatte, dass das Gesicht seines Dads ganz rot vor Blut und der Sitz seiner Mom leer gewesen war. Und Matt ...

„Cody Baker, zehn Jahre alt. Verdacht auf ein Polytrauma mit Kopf- und Thoraxverletzungen nach einem schweren Autounfall auf der dreiundneunzig. Auf dem Weg hierher hatte er eine Tachykardie und Hypotonie. Wir konnten einen Zugang legen und NaCl-Lösung verabreichen.“

„Wie sind seine Vitalwerte?“

„Wir müssen die Wirbelsäule stabilisieren und brauchen ein CT.“

„Er blutet aus dem Thorax.“

„Bereitet eine Thoraxdrainage vor.“

„Hängt einen Beutel Null negativ an.“

„Der linke obere Quadrant scheint frei zu sein.“

„Wo ist das Ultraschallgerät?“

Cody öffnete wie in Zeitlupe die Augen und schloss sie gleich darauf wieder, weil grelles Licht ihn blendete. Nur mühsam konnte er sich auf die aufgeregten Stimmen um ihn herum konzentrieren, verstand jedoch nicht, was sie sagten. Aus irgendeinem Grund konnte er keinen Muskel rühren, sondern lag bewegungslos auf dem Rücken und hatte das Gefühl, sich selbst beobachten zu können. Die Schmerzen waren zwar noch da, doch er war nun so müde, dass er sie gar nicht mehr spürte.

Er wollte einfach nur noch schlafen ...

„Terry hat erzählt, dass die Polizei einen Betrunkenen verhaftet hat, der mit hundert Sachen in das Auto gedonnert ist. Er hat keinen Kratzer abbekommen, weil er in einem dieser sauteuren SUVs saß. Aber die Familie des Kleinen hatte nicht solch ein Glück. Die Mutter ist noch am ...“

„Schwester Donovan, konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit und halten Sie sich ein bisschen zurück. Der Patient kann Sie hören.“

„Natürlich, Dr. Fitzpatrick. Es tut mir leid.“

Langsam drehte Cody seinen Kopf zur Seite und blinzelte, weil ihm schlecht wurde und weil er nach seiner Mom und seinem Dad und seinem Bruder suchen wollte. Nur verschwommen sah er Menschen in Krankenhauskleidung, merkwürdige Geräte und geflieste Wände. Einen kurzen Augenblick blitzte der Gedanke in seinem Kopf auf, dass seine Mom jede Woche eine furchtbar kitschige Krankenhausserie im Fernsehen sah, in der die Menschen ähnlich gekleidet waren und in der ständig jemand starb ...

Mom!

Plötzlich legte ihm jemand eine Hand auf den Kopf, bevor eine ruhige Stimme erklang. „Hey, Cody. Mein Name ist Kyle und ich bin Arzt. Du bist im Krankenhaus. Kannst du mir sagen, wie es dir geht?“

Erschöpft und panisch zugleich legte Cody den Kopf ein Stück zurück und schaute suchend umher, bis er ein freundliches Gesicht gleich über sich fand. Er wollte dem Mann mit den blonden Haaren sagen, dass ihm schlecht war, dass er sich komisch fühlte und dass er nicht wusste, was er hier tat – außerdem wollte er wissen, wo seine Mom, sein Dad und Matt waren. Er öffnete den Mund, aber kein Wort kam heraus.

„Schon gut, Cody. Alles wird gut.“ Der Mann lächelte beruhigend. „Wir kümmern uns um dich und sorgen dafür, dass es dir bald wieder besser geht.“

Cody schüttelte den Kopf und wollte nach seinen Eltern und seinem Bruder fragen. Stattdessen bekam er keine Luft mehr und eine Maschine begann ohrenbetäubend zu piepen.

„Dr. Fitzpatrick, seine Atmung ...“

„Ich sehe es“, erklärte der blondhaarige Arzt, dessen Hand noch immer auf Codys Kopf lag. „Einen fünfer Tubus, bitte.“

Augenblicklich schnappte Cody nach Luft und schaute dem Mann namens Kyle ängstlich ins Gesicht. Er wusste nicht, was hier passierte, aber es machte ihm Angst. Auch wenn er schon zehn Jahre alt war und vor einem Monat sogar seinen ersten Kuss bekommen hatte, wollte er jetzt, dass seine Mom hier war und ihn in den Arm nahm. Er wollte nicht allein sein, während Fremde ihn untersuchten, sondern brauchte seine Mom. Und seinen Dad und seinen kleinen Bruder.

Er brauchte seine Familie.

Schluchzend schüttelte er den Kopf.

„Schon gut, Cody. Alles wird gut“, erklärte der Mann und ging neben der Liege, auf der Cody lag, in die Hocke, bevor er mit ernster Stimme fortfuhr: „Wir kümmern uns um dich und sorgen dafür, dass es dir bald wieder besser geht. Ich werde einen kleinen Schlauch in deinen Hals einführen, damit du besser atmen kannst. Das wird nicht wehtun. Du musst keine Angst haben, Kumpel. In Ordnung?“

Cody wollte so viel sagen, wollte weinen und wollte nicht hier sein. Am liebsten wäre er einfach weggerannt, weil er Angst hatte und keinen Schlauch in seinem Hals haben wollte. Jedoch würgte er lediglich hervor: „Versprochen?“

Der Mann drückte seine Hand. „Ich passe auf dich auf. Versprochen.“

 

 

 

 

1. Kapitel

 

 

„Bist du sicher, dass du aufstehen willst? An deiner Stelle würde ich mich wieder aufs Ohr hauen.“

Kyle Fitzpatrick rieb sich müde über seine Augen, gähnte herzhaft und streckte anschließend die Hand aus, damit seine Mitbewohnerin Pam ihm den Kaffee reichen konnte, dessen Duft sein Schlafzimmer erfüllte. Es war nicht nur der Kaffee gewesen, der ihn geweckt hatte, schließlich war er es dank seiner Ausbildung zum Arzt gewohnt, zu den unmöglichsten Zeiten aufzustehen, nicht länger als dreißig Minuten am Stück zu schlafen und keinen Wecker zu benötigen, weil ihm seine innere Uhr sagte, dass es Zeit war, sich aus den Federn zu schwingen.

Obwohl er erst vor knapp fünf Stunden ins Bett gegangen war, nachdem er eine Zwanzig-Stunden-Schicht hinter sich gebracht hatte, wollte er heute einiges erledigen und konnte es sich daher nicht leisten, länger im Bett zu liegen. So verlockend seine weiche Matratze auch sein mochte ...

„Wann bist du nach Hause gekommen, Kyle? Ich habe gar nicht gehört, dass jemand die Wohnung betreten hat. Es muss ziemlich spät gewesen sein – ich habe nämlich bis in die Morgenstunden einen Artikel über intrakranielle Verletzungen gelesen, der gerade erst veröffentlicht wurde. Vorgestern hatten wir in der Neurologie eine Subarachnoidalblutung, die im OP geklippt wurde. Stevenson ließ mich den Clip setzen. Es war der Wahnsinn!“

Während er einen großen Schluck Kaffee nahm, sagte er sich, dass Pam zwar die nervtötende Angewohnheit besaß, am frühen Morgen ohne Unterlass zu quatschen, dass sie jedoch auch großartigen Kaffee machte. Momentan war er müde, kämpfte gegen den Drang an, sich wieder hinzulegen, und musste erst einmal wach werden. In dieser Situation hätte er auf Pams Ausführungen über ein Aneurysma lieber verzichtet, hielt jedoch die Klappe. Stattdessen nahm er einen weiteren Schluck und ignorierte die kurzhaarige Blondine geflissentlich, die vor seinem Bett stand und keine Anstalten machte, ihn allein zu lassen. Und die nun in allen Einzelheiten den Status ihres Patienten beschrieb, als wäre Visite mit dem Chefarzt.

Zu gerne wäre er mit seinem Kaffee im Bad verschwunden, um dort seine Ruhe zu haben, doch da er unter seiner Bettdecke nackt war, wollte er in Pams Gegenwart nicht aufstehen.

Ein paar Dinge mussten immerhin privat bleiben.

Es mochte zwar stimmen, dass er ihre bevorzugte Tamponmarke kannte und dass sie ihn während einer besonders schlimmen Grippewelle vor zwei Jahren mit Hühnersuppe gefüttert hatte, aber das hieß nicht, dass er nackt vor ihr herumspazieren würde. Sie hatten während ihres Medizinstudiums aneinander geübt, wie man Blut abnahm, einen Zugang legte und das Abdomen untersuchte, doch komplette Nacktheit war untereinander tabu.

Anders wäre es nämlich nicht möglich gewesen, seit fast zehn Jahren befreundet und seit drei Jahren Mitbewohner zu sein. Auf das Drama konnte Kyle verzichten. Pam war seine Mitbewohnerin, seine Arbeitskollegin und seine beste Freundin. Wären sie auf die schwachsinnige Idee gekommen, sich voreinander auszuziehen, hätte es in einer Katastrophe geendet. Wenn er eine nackte Frau sehen wollte, dann ging er aus, flirtete und fand mit etwas Glück jemanden, mit dem er die Nacht verbringen konnte.

Für viel mehr fehlte ihm ohnehin die Zeit. Als jemand, der gerade seinen Facharzt gemacht hatte und in einem Krankenhaus arbeitete und zudem sechs Nichten und Neffen hatte, mit denen er Zeit verbringen wollte, wusste er nicht, wann er auch noch eine funktionierende Beziehung hätte führen sollen.

Außerdem gab es da noch Cody.

Anders als sein Zwillingsbruder Ryan, der sich bis vor zwei Jahren mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, das Wort Beziehung auch nur in den Mund zu nehmen, gehörte Kyle der Sorte Mann an, der gerne eine Frau an seiner Seite gehabt hätte. Mit seinen einunddreißig Jahren war er sowieso in einem Alter, in dem man heiratete, Nachwuchs plante und einen Kredit für ein Reihenhaus aufnahm. Er dagegen lebte in einer WG, fuhr immer noch mit dem Fahrrad zur Arbeit und besuchte seine Mom, wenn er Lust auf Hausmannskost hatte. Alles in allem war er verdammt glücklich, immerhin lebte er für seine Arbeit als Kinderarzt. Eine Familie konnte er auch noch später gründen. Doch eine feste Freundin hätte er ziemlich gerne gehabt, wenn er ehrlich war. Leider war er realistisch und wusste, dass es kaum eine Frau mit seinen stressigen Arbeitszeiten ausgehalten hätte.

Seine Mom betonte zwar ständig, dass auch seine ältere Schwester Kayleigh Ärztin war und im gleichen Krankenhaus wie er arbeitete und dennoch verheiratet sowie Mutter eines Zwillingspaares war, doch Kyle konnte sich nicht vorstellen, seine Arbeit mit weniger Elan als momentan anzugehen. Es mochte seine Mutter vielleicht enttäuschen, dass er ihr in den nächsten Jahren kein Enkelkind schenken würde, doch immerhin hatte sie bereits sechs Enkel und sein Zwillingsbruder zeigte seit ein paar Monaten überraschend großes Interesse an Einfamilienhäusern, sodass sicherlich bald ein weiterer Fitzpatrick die Familie bevölkern würde.

„Morgen Mittag will Stevenson eine Hemisphärektomie an einem Fünfjährigen durchführen und ich darf assistieren. Die Galerie ist für Zuschauer offen. Kommst du auch, um es dir anzuschauen?“

Kyle gähnte ein weiteres Mal und schüttelte anschließend den Kopf, während er sich zur Seite beugte, um die Kaffeetasse neben das Bett auf den Boden zu stellen.

„Morgen Mittag wird Codys Gips entfernt, und ich habe ihm versprochen, dabei zu sein.“ Er reckte sich kurz. „Anschließend besprechen wir mit Hank seine neue Physio.“

Als Pam nicht sofort antwortete, schaute Kyle hoch und schob sich ein paar widerspenstige Strähnen seines blonden Haares zurück. Seine Mitbewohnerin nagte unschlüssig auf ihrer Unterlippe herum und rümpfte dabei die Nase.

Seufzend wollte er wissen: „Was ist?“

„Kyle, ich will dir nicht zu nahetreten, aber Cody ist dein Patient. Der Kleine ist dir schon viel zu sehr ans Herz gewachsen. Vielleicht solltest du ein bisschen Abstand zu ihm halten.“

Hilflos hob er eine Schulter in die Höhe. „Cody ist ganz allein, Pam. Was soll ich denn tun? Der Junge liegt seit drei Monaten im Krankenhaus und hat seine Eltern und seinen Bruder verloren – und er ist erst zehn Jahre alt.“

„Aber er ist dein Patient“, erwiderte Pam beinahe sanft. „Du hast ihn verarztet. Jetzt solltest du dich langsam zurückziehen.“

Kyle antwortete nicht darauf.

Während seines Studiums war ihm beigebracht worden, keine allzu persönliche Beziehung zu seinen Patienten aufzubauen, sondern professionell mit ihnen umzugehen. Mitgefühl war erlaubt, aber alles, was darüber hinausging, hatte bei einem Arzt nichts zu suchen. Doch das war leichter gesagt als getan.

Als Kinderarzt fühlte man sowieso noch sehr viel mehr mit seinen Patienten mit, aber wenn man einen Zehnjährigen versorgte, der nur knapp einen schweren Autounfall überlebt hatte und der so viele Operationen hatte durchstehen müssen, dass es für zehn Leben reichte, dann konnte man gar nicht anders, als eine besondere Beziehung zu dem kleinen Kerl aufzubauen. Er hatte dem Jungen noch in der Notaufnahme versprochen, auf ihn aufzupassen, und dieses Versprechen hatte er gehalten. Was hätte er auch tun sollen, nachdem Codys Mom bei dem Autounfall gestorben war, sein Dad nach zwei Wochen im Koma starb und sein kleiner Bruder während einer Operation einen Herzstillstand hatte und für tot erklärt wurde? Der Junge war völlig allein, hatte entsetzliche Verletzungen erlitten, von denen er sich nur sehr langsam erholte, und musste damit klarkommen, dass er keine Familie mehr hatte.

Sein Schicksal hatte Kyle mitten ins Herz getroffen, als er nachts an Codys Bett saß, Krankenakten bearbeitete und die Vitalwerte des Jungen überwachte, der immerhin selbst in einem sehr kritischen Zustand eingeliefert worden war.

Seither fühlte sich Kyle für Cody verantwortlich.

Pam meinte es mit ihren Ratschlägen nicht böse, doch wie sollte sie auch nur erahnen, was in ihm vorging? Sie hatte schließlich nicht am Bett des Jungen gesessen, ihm sagen müssen, dass seine Familie bei dem Autounfall umgekommen war, und den schluchzenden Cody getröstet, der völlig verzweifelt gewesen war.

„Das ist nicht so einfach, Pam“, erwiderte er daher mit einem Seufzen. „Der Junge hat keine Familie mehr.“

„Du bist jedoch nicht seine Familie“, rief sie ihm in Erinnerung und bückte sich, um seine Kaffeetasse aufzuheben. „Mir tut der Kleine auch sehr leid, aber du bist lediglich sein Arzt.“

Er war schon sehr lange mehr als nur Codys Arzt, schließlich hatte der Junge ihn zu seiner Vertrauensperson gemacht. Und Kyle hatte den aufgeweckten Zehnjährigen in sein Herz geschlossen. Er sorgte sich um den Blondschopf, besuchte ihn jeden Tag, auch wenn er gar keinen Dienst hatte, und freute sich, sobald es Cody gut ging. Wie sollte er jetzt einfach damit aufhören, sich um den Jungen zu kümmern oder sich um ihn zu sorgen? Dazu lag er ihm viel zu sehr am Herzen.

Seine Mitbewohnerin war Chirurgin und hatte daher naturgemäß eine eher distanzierte Beziehung zu ihren Patienten. Außerdem hatte sie nicht so viel Zeit mit Cody verbracht wie er oder ihn dabei beobachtet, wie er nach mehreren Operationen wieder zu laufen begann. Und sie hatte nicht ein paar Blumen auf das Grab von Codys Familie gelegt, weil der Kleine sie darum gebeten hatte.

Das alles hatte Kyle gemacht.

Um Pam nicht zu gestehen, dass Cody sehr viel mehr als nur sein Patient geworden war und dass er den kleinen Kerl lieb gewonnen hatte, erwiderte Kyle nichts, sondern schaute zu seiner Mitbewohnerin hoch.

In einem möglichst lässigen Tonfall erklärte er: „Lass uns das Thema wechseln. Was hast du heute noch vor?“

Sie zuckte mit der Schulter und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Es ist Sonntag und ich habe zum ersten Mal seit Wochen keinen Wochenenddienst, was heißt, dass ich mir eine Pizza bestelle und im Bett stundenlang Netflix sehen werde.“

„Das klingt ja verlockend.“ Kyle schnitt eine Grimasse und drapierte das Laken um seine nackten Hüften. „Meine Mom wird höchstwahrscheinlich wieder ihren Hackbraten machen. Lust, mich zu begleiten?“

Pam stieß ein heiseres Lachen aus und hob abwehrend die Hände. „Danke für das Angebot, aber ich passe lieber.“

Da der Hackbraten seiner Mom seinesgleichen suchte, hob Kyle verwirrt eine Augenbraue in die Höhe. „Bist du schon derart Netflix-süchtig, dass du den Hackbraten meiner Mom verschmähst?“

Seine Mitbewohnerin verdrehte die Augen. „Nichts für ungut, Kyle, aber als ich beim letzten Mal mit zu deiner Mom zum Essen gegangen bin, hatte ich den Eindruck, dass sie sich bereits Gedanken um unsere Hochzeitstorte machte. Von daher bleibe ich lieber hier.“

Nun stieß er ein heiseres Lachen aus. „Sie ist Irin und hat eine romantische Ader. Außerdem glaubt sie nicht, dass Männer und Frauen unter einem Dach leben können, ohne dass sie Sex haben.“

Schnaubend entgegnete Pam: „Das gilt vielleicht für Männer und Frauen im Allgemeinen, aber wir sind Ärzte. Ich wünschte, ich würde endlich wieder einen nackten Mann sehen, ohne dass er mein Patient ist!“

Höflich, wie er nun einmal war, überhörte er ihr Gejammer und erwähnte nicht, dass Pam ein Date mit dem netten Rettungssanitäter Max hätte haben können, der sie bereits seit Monaten anbaggerte. Chirurgen waren furchtbare Snobs, die nur mit anderen Chirurgen ausgingen – Rettungssanitäter waren unter ihrer Würde. Als ehemaliger Rettungssanitäter, der Kyle vor seinem Medizinstudium gewesen war, hätte ihn diese Haltung eigentlich ärgern sollen, doch glücklicherweise amüsierte es ihn eher.

Bevor Pam noch länger über ihre Sexflaute hätte lamentieren können, scherzte er: „Meine Mom weiß, dass du meine beste Freundin bist. Kommst du mit, wenn ich dir verspreche, dass du kein Hochzeitskleid anprobieren musst?“

Kopfschüttelnd entgegnete Pam: „Tut mir leid, mein Lieber, aber ich bin ziemlich erschöpft und werde keine Kraft für die allwöchentlichen Fitzpatrick-Zwistigkeiten haben. Da musst du allein durch.“

„Na, vielen Dank auch“, murrte Kyle. „Zu gütig.“

Mit einem Lachen verschwand sie endlich aus seinem Schlafzimmer.

Die allwöchentlichen Fitzpatrick-Zwistigkeiten begannen nur wenige Stunden später, als sich die Familie wie jeden Sonntag bei seiner Mom einfand, um das sonntägliche Mittagessen miteinander einzunehmen. Es hatte regelrecht Tradition, dass sich die gesamte Familie jeden Sonntag bei seiner Mom traf, um dort ihren berühmten Hackbraten zu essen, der auf der Welt seinesgleichen suchte. Außerdem besuchte die Familie vorher meistens zusammen die Messe, da seine Mom als erzkatholische Frau mit irischen Wurzeln eher ihr streng gehütetes Apfelkuchenrezept verraten hätte, als den Gottesdienst zu schwänzen. Obwohl Kyle gläubig war, musste er zugeben, dass er den Kirchenbesuchen nicht allzu viel abgewinnen konnte, weshalb er gerne seinen Job vorschob, um vor seiner Mom eine Ausrede zu haben, weshalb er nicht mitkommen konnte. Auch heute war es sein Glück, dass er eine anstrengende Schicht hinter sich hatte. Von daher hatte er sich vor der fast zweistündigen Messe drücken können und stattdessen seine Wäsche gemacht, was bitter nötig gewesen war. Immerhin hatte er kein einziges Sockenpaar mehr gefunden, das zueinandergepasst hätte.

In den vergangenen sieben Jahren hatte sich die Platzverteilung am Tisch seiner Familie ein wenig verändert. Als sein Dad vor acht Jahren bei einem Unfall während seiner Arbeit als Chief der hiesigen Feuerwehrwache umgekommen war, waren sie noch zu acht gewesen. Seine Eltern, sein Bruder Heath mit seiner Verlobten Hayden, Shane, seine Schwester Kayleigh sowie sein Zwillingsbruder Ryan und er hatten im Esszimmer der Familie Platz gefunden.

Mittlerweile waren Heath und Hayden miteinander verheiratet und stolze Eltern der siebenjährigen Joey und ihrer fünfjährigen Schwester Kayla. Außerdem schien Hayden wieder in anderen Umständen zu sein, wenn man bedachte, dass sie seit Wochen keinen Schluck Alkohol anrührte und nicht einmal bei Heaths Beförderung vor zwei Wochen mit einem Glas Champagner angestoßen hatte. Als Arzt kannte er die Anzeichen und vermutete sehr stark, dass er bald ein weiteres Mal Onkel werden würde. Seine anderen Geschwister taten ihr Übriges, um ihn mit Nichten und Neffen zu versorgen. Sein zweitältester Bruder Shane hatte zusammen mit seiner Frau Thorne immerhin zwei Jungen zur Familie beigesteuert. Der mittlerweile elfjährige Brady eiferte seinem Dad nach und sprach jetzt schon davon, dass er eines Tages Polizist werden wollte, während der vierjährige Connor viel lieber mit seinem Spielzeugfeuerwehrauto spielte und damit seinen ältesten Onkel Heath erfreute, der immerhin auf dem besten Weg war, Chief seiner Feuerwehrwache zu werden. Thorne dagegen hatte vor einem Jahr begonnen, am College Kurse in Jura zu belegen, worauf die ganze Familie entsetzlich stolz war.

Thornes Bruder Aidan war mittlerweile Kyles Schwager, da er Kayleigh geheiratet hatte und mit ihr die zweijährigen Zwillinge Ellie und Charlie in die Welt gesetzt hatte, die ziemliche Wildfänge waren. Tatsächlich mischten die beiden die gesamte Familie auf und hatten es faustdick hinter den Ohren. Da Kyle selbst ein Zwilling war, der zusammen mit seinem Bruder ständig Unsinn angestellt und seine Eltern vermutlich in den Wahnsinn getrieben hatte, taten ihm seine Schwester und sein gutmütiger Schwager ein wenig leid.

Auch jetzt machten Ellie und Charlie den Eindruck, dass sie einen Exorzismus gebrauchen konnten, als ihre Mom ihnen Gemüse auf die Teller tat. Das Gezeter der beiden hätte Kyle vermutlich eine Migräne verursacht, wenn er nicht daran gewöhnt gewesen wäre, schreiende Kinder um sich zu haben.

Obwohl auch Kayleigh als Ärztin im Krankenhaus arbeitete, lehnte sie sich entnervt zurück und hob ergeben die Hände.

„Du bist dran, Aidan. Zwing du sie dazu, ihre Möhren zu essen. Ich bin raus und gebe auf.“

Während seine Göttergattin ein Gesicht machte, als stünde sie kurz vor ihrer Hinrichtung, lachte ihr Mann lediglich fröhlich und beachtete die kreischenden Zwillinge kaum, die sich gegenseitig Kartoffelpüree in die Haare schmierten.

„Du kannst nicht kapitulieren, Schatz, schließlich wolltest du die beiden unbedingt haben.“

Die dunkelhaarige Kayleigh sah ihren Mann bedeutungsvoll an, rümpfte die Nase und schob eine spitze Gabel aus Ellies Reichweite. „Nichts für ungut, Aidan, aber ich dachte, dass wir ein umgängliches Mädchen wie Joey oder einen Sonnenschein wie Connor bekommen würden. Niemand hatte mich darauf vorbereitet, Mutter von Zwillingen zu werden, die eine frappierende Ähnlichkeit mit meinen Zwillingsbrüdern haben könnten, die geradewegs aus der Hölle kommen.“

Ellen Fitzpatrick räusperte sich vernehmlich. „Aus der Hölle?“

„Nichts für ungut, Mom, aber hast du jemals den Film Das Omen gesehen? Ryans und Kyles Kindheit waren vermutlich Vorlage für das Drehbuch!“

Auch wenn Kyle die Beschreibung seiner Schwester wenig schmeichelhaft fand, entgegnete er nichts. Stattdessen beobachtete er, wie sich Ryan empört aufrichtete und mit der Gabel auf seine Schwester zeigte, während er selbst auf ein paar Erbsen herumkaute. Dass an der Gabel ein Stück Hackbraten hing, das die Größe einer Faust hatte, zeugte eher davon, dass Ryan ziemlich gefräßig war, aber nicht, dass er mit Satan im Bunde stand – fand Kyle.

„Das Omen? Entschuldige, Schwesterherz, aber wenn hier jemand dem Teufel Konkurrenz machen könnte, dann bist das du!“

Seine Schwester kniff die Augen zusammen. „Was soll das denn heißen?“

„Das soll heißen, dass du Satan locker entthronen könntest und dass dir ein roter Umhang und ein Dreizack fabelhaft stehen würden.“

„Pah!“

„Wo er recht hat, hat er recht“, stimmte Shane zu und grinste geradezu diabolisch. „Als Kleinkind hast du deinen Puppen die Köpfe rasiert ...“

„Nicht zu vergessen – ihre Wutanfälle, bei denen wir uns im Wandschrank versteckt haben“, warf Heath ein, während er mit professioneller Ruhe sein Essen klein schnitt.

„Du bist nicht sehr hilfreich, Heath“, jammerte Kayleigh. „Und nett bist du auch nicht! Ich hatte keine Wutanfälle!“

Shane begann ungläubig zu husten. „Du hast so laut gebrüllt, dass einmal sogar das Jugendamt vor der Tür stand, weil die Nachbarn es mit der Angst zu tun bekamen.“

„Das ist nicht wahr“, widersprach Kayleigh aufgebracht. „Mom, stell das klar! Meinetwegen war niemals das Jugendamt da! Wenn das Jugendamt ins Haus gekommen wäre, dann, weil Ryan und Kyle mehrmals hintereinander Läuse hatten!“

„Keiner von uns hatte Läuse“, rief Ryan entrüstet und schielte zu seiner schwarzhaarigen Freundin, die das Streitgespräch mit großem Interesse verfolgte.

„Und ob, Ryan! Mom hat euch gleich zweimal hintereinander die Köpfe geschoren. Mit einer Sonnenbrille aus den Siebzigern hättet ihr wie Kojak ausgesehen!“

„Ach ... und deshalb hast du deinen Puppen sofort das Gleiche angetan?“, schnarrte Ryan. „Wie Kojak, dass ich nicht lache!“

„Hört bitte auf.“ Kyles Mom seufzte inbrünstig. „Es ist immerhin Sonntag. Außerdem gebt ihr kein gutes Beispiel für die Kinder ab. Und um eines klarzustellen: Das Jugendamt stand niemals vor der Tür und die Läuse habt ihr euch beim Spielen mit den Gallaghers eingefangen. Ich habe euch jeden Tag in die Wanne gesteckt“, beharrte Kyles Mom entrüstet, während ihre Wangen geradezu brannten. Für eine Frau, die in jedem Jahr auf dem Kirchenbasar für ihren Apfelkuchen ausgezeichnet wurde und deren Haus immer wie geleckt aussah, war es vermutlich die größte Schmach, dass ihre Kinder Läuse mit nach Hause gebracht hatten.

Ihre Schwiegertochter Thorne legte besänftigend den Kopf zur Seite und zwinkerte der älteren Frau zu. „Brady hat sich im Kindergarten gleich drei Mal Läuse geholt. Damals kam ich mir wie die schlechteste Mutter und wie der schlimmste Messi der ganzen Stadt vor, Ellen. So etwas passiert schon einmal.“

„Wenn wir Läuse hatten, dann haben wir sie vermutlich von Kayleigh bekommen.“ Ryan hob triumphierend das Kinn. „Du hattest ständig verfilzte Haare und kamst andauernd dreckig vom Spielplatz nach Hause, Kayleigh. An deiner Stelle, Aidan, würde ich mir alte Kinderfotos deiner Frau ansehen. Es wäre ein Wunder, wenn du bei diesem Anblick nicht die Flucht ergreifen würdest.“

Kyle beobachtete, wie Aidan grinste und seiner Tochter mit großem Geschick eine Möhre anbot, die sich diese fröhlich in den Mund schob.

Kayleigh dagegen runzelte missmutig die Stirn. „Wenn hier jemand in der Hölle den Teufel vom Thron stößt, dann ist das Ryan. Außerdem hatte ich nie Läuse!“

„Müsst ihr am heiligen Sonntag ständig über den Teufel sprechen? Wir waren doch gerade erst in der Kirche.“ Ellen Fitzpatrick schüttelte tadelnd den Kopf. „Außerdem will ich beim Essen nichts von Läusen hören. Das verdirbt mir noch mehr den Appetit als Kyles Patientengeschichten.“

Kyle warf seiner Mom einen belustigten Blick zu. „Du solltest es nicht darauf anlegen, Mom. Erst vorgestern wurde ein Patient eingeliefert, der etwas zu viel Bier getankt hatte und der Meinung war, in diesem Zustand den Müllschlucker reparieren zu können. Von nun an wird seine Frau die Bierdosen für ihn öffnen müssen, weil ...“

„Keine Details, Brüderchen“, warnte ihn Heath und erschauderte. „Ich kann es bildlich vor mir sehen, also musst du es nicht noch zusätzlich beschreiben.“

Schulterzuckend schnitt Kyle eine Kartoffel klein. „Eigentlich wollte ich ein wenig Aufklärungskunde betreiben, falls einer von euch irgendwann ein Bier zu viel getrunken hat und dann den Müllschlucker reparieren will. Hayden würde sich sicherlich von dir scheiden lassen, wenn sie anschließend alle Gurkengläser öffnen muss.“

Besagte Schwägerin zwinkerte ihm zu. „Nicht zu vergessen die Batterien in der Fernbedienung“, fuhr sie fort. „Mit nur einer Hand könnte dies schwierig werden. Wenn Heath die Sportnachrichten nicht sehen kann, wird er immer so grantig.“

„Hey“, beschwerte der sich. „Ich werde nie grantig.“

„Und ob, Liebling.“ Seufzend musterte Hayden ihn, bevor sie sich an Kyle wandte. „Vermutlich würde ich in kurzer Zeit Amok laufen, wenn Heath tatsächlich auf die Idee käme, den Müllschlucker im alkoholisierten Zustand zu reparieren.“

„Fein.“ Ernsthaft nickte er. „Dann kannst du dich von dem grantigen Kerl endlich scheiden lassen und mich stattdessen heiraten. Es wird auch langsam Zeit!“

Während Hayden hell auflachte, reagierte Heath mit einer grimmigen Miene und einer typischen Fitzpatrick-Drohgebärde, indem er eine Faust erhob.

Kyle grinste geradezu wölfisch. „Nichts für ungut, Bruderherz, aber deine Frau braucht jemanden, der sie auch zu schätzen weiß und der nicht nur von ihr verlangt, die Batterien deiner Fernbedienung zu wechseln.“

„Klingt das nur in meinen Ohren wie eine sexuelle Anspielung?“, flötete Ryan vergnügt.

Heath dagegen legte seiner Frau demonstrativ besitzergreifend einen Arm um die Schulter. „Ich weiß mein Eheweib sehr wohl zu schätzen, Brüderchen.“ Und zur allgemeinen Information fuhr er fort: „Mindestens viermal in der Woche.“

„Also wirklich, Heath.“ Ellen Fitzpatrick schüttelte den Kopf und deutete auf die Kinder, die bunt verteilt am Familientisch saßen. „Muss das vor den Kindern sein?“

Brady, der verbotenerweise mit einem Smartphone am Tisch saß, das Kyle als den Besitz seines Zwillingsbruders identifizierte, sah nicht einmal auf, als er seiner Großmutter abgeklärt erwiderte: „Mir macht es nichts aus, wenn ihr über Sex redet, Grandma.“

Einen Moment lang herrschte Totenstille am Tisch, bis sich Shane räusperte und seinen Sohn neugierig fragte: „Woher weißt du denn, was Sex ist, Großer?“

Der Elfjährige, der seinem Vater so ähnlich sah, dass es fast unheimlich war, hob eine Augenbraue und entgegnete lässig: „Ich bin elf, Dad.“

„Aha.“ Belustigt kräuselten sich Shanes Mundwinkel, und auch Kyle bemerkte, dass sein Mund vor unterdrücktem Lachen zuckte. „Das erklärt natürlich alles.“

„In der Schule weiß jeder, was Sex ist. Mrs. Miller hat uns schon vor einem Jahr alles darüber erzählt“, fuhr sein Neffe fort, bevor er das Smartphone in die Höhe hielt. „Außerdem hat Onkel Ryan unanständige Fotos auf seinem Handy.“

Im allgemeinen Entsetzen lachte Kyle laut auf und verschluckte sich beinahe an einer Möhre. Ryan dagegen beschwerte sich bei seinem Neffen: „Du sollst die Spielstände im Auge behalten und dir nicht meine Fotos anschauen, Brady!“

„Dürfte ich wissen, was für Fotos sich mein Sohn gerade angesehen hat?“, fragte Thorne mit professioneller Ruhe.

„Das willst du lieber nicht wissen“, entgegnete Ryan mit einem Ächzen, während er tatsächlich rot anlief.

Seine Schwägerin antwortete ziemlich ruhig: „Ich denke doch, dass ich das will.“

Ellen Fitzpatrick war in heller Aufregung. „Wieso hast du unanständige Fotos auf deinem Handy, Ryan?“

„Wieso sollte er nicht, Mom?“ Kayleigh lachte wie verrückt. „Er hat sich ja auch schon mit seinen eigenen Handschellen ans Bett fesseln lassen ...“

„Kayleigh“, warnte Ryan seine Schwester, die schadenfroh den Mund verzog. „Halt die Klappe.“

Aidan räusperte sich – sichtlich darum bemüht, nicht wie seine Frau in lautes Gelächter auszubrechen. „Was meint Brady eigentlich, wenn er von unanständigen Fotos redet?“

Auch wenn Ryan die Schamesröte in die Wangen stieg, war Jordan nicht aus der Fassung zu bringen, als sie anstelle ihres Freundes erwiderte: „Als Ryan vor einem Monat diesen Lehrgang in D.C. hatte, hat er mir ein paar Nacktfotos von sich geschickt – und ich habe mich revanchiert. Vermutlich hat Brady die in die Finger bekommen.“

„Nacktfotos?“ Shane griff nach dem Handy in den Fingern seines Sohnes. „Zeig mal her ...“

„Shane“, entrüstete sich Ellen und streckte die Hand aus. „Gib mir sofort das Handy. Ich konfisziere es.“

„Danke, Mom.“ Ryan funkelte seinen älteren Bruder an. „Bevor sich Shane Jordans Fotos ansieht, packe ich das Handy lieber weg.“

„Du bekommst das Handy erst wieder, wenn ihr euch auf den Weg nach Hause macht“, konstatierte seine Mom ernst, nahm besagtes Telefon entgegen und schob es in die Tasche ihrer Strickjacke. Gleichzeitig schnalzte sie abfällig mit der Zunge. „Wie kommst du darauf, Brady das Handy zu geben, damit der Junge nach Spielständen schauen kann? Du weißt, dass an diesem Tisch Handys nicht erlaubt sind – vor allem nicht sonntags!“

„Abgesehen davon, dass er nicht an die Nacktfotos gedacht hat, bevor er das Handy einem Elfjährigen in die Finger gedrückt hat.“ Jordan verdrehte die Augen und nickte dem Neffen ihres Freundes zu. Anscheinend machte sie sich keine Gedanken darum, dass der elfjährige Brady sie in ganzer Pracht hatte sehen können. „Hast du die Fotos irgendjemandem geschickt?“

Der Junge schüttelte den Kopf, brach jedoch schnell den Augenkontakt zu ihr ab. Kyle musste seinem Neffen zugutehalten, dass er für einen Jungen in seinem Alter ziemlich cool war. Er hätte mit elf vermutlich einen hochroten Kopf gehabt, wenn er Nacktfotos seiner zukünftigen Tante betrachtet hätte. „Nein, habe ich nicht.“

Die dunkelhaarige Feuerwehrfrau, die in der gleichen Einheit wie Heath arbeitete, stahl sich grinsend ein paar Bohnen vom Teller ihres Freundes und verriet Brady augenzwinkernd: „Du hättest Onkel Ryans Nacktfotos an dein Handy schicken sollen, um ihn zu erpressen.“

„Ich habe gar kein Handy“, widersprach Brady grummelnd und warf seinen Eltern dabei einen vorwurfsvollen Blick zu. „Fast alle meine Freunde haben ein Handy – nur ich nicht.“

Jordan schnalzte mit der Zunge. „Tja, spätestens jetzt hättest du eins, wenn du dich etwas cleverer angestellt hättest.“

„Setz meinem Sohn keine Flausen in den Kopf, Jordan. Er bekommt kein Handy.“ Thorne verdrehte die Augen und sah ihren Göttergatten an. „Und du, mein Freund, solltest kein so großes Interesse an den Nacktfotos anderer Frauen finden.“

„Ach, Schatz, es bleibt doch in der Familie.“ Ganz der Charmeur alter Schule küsste Shane seine Frau unanständig lange, was bei seinem ältesten Sohn einen lauten Würgeanfall auslöste.

„Bäääääääh, jetzt geht das schon wieder los!“

„Mom, gib mir das Handy zurück“, jammerte der einunddreißigjährige Ryan wie ein Pubertierender. „Ich habe eine Wette laufen und muss wissen ...“

„Wenn du nicht augenblicklich ruhig bist, Ryan Niall Fitzpatrick, dann – so wahr mir Gott helfe – schere ich dir den Kopf“, drohte ihm seine Mom, woraufhin er verstummte.

„Falls du Ryan den Kopf nicht scherst, wäre es toll, wenn du mir stattdessen ein Foto von ihm als Kind mit geschorenem Kopf zeigen könntest, Ellen.“ Völlig unbeeindruckt lud sich Jordan ein weiteres Stück Hackbraten auf den Teller. „Ich würde zu gerne wissen, wie er ohne Haare aussah. Und wenn du schon nach alten Fotos suchst, könntest du mir auch ein paar Aufnahmen von ihm zeigen, als Ryan noch ein Baby war.“

„Reicht es nicht, dass du dir seine Nacktfotos ansehen musst, Jordan?“, stöhnte Kayleigh. „Ryan ist zwar ganz nett anzusehen, aber mit geschorenem Kopf ... Na ja!“

Interessiert verfolgte Kyle, wie sein Zwillingsbruder die Augen zusammenkniff und seine Freundin argwöhnisch betrachtete. „Wieso willst du dir Babyfotos von mir ansehen?“