Chefarzt Dr. Norden Doppelband 3 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Chefarzt Dr. Norden Doppelband 3 – Arztroman E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! E-Book 1: Schuldgefühle E-Book 2: Nicht so forsch, Kollegin!

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Inhalt

Schuldgefühle

Nicht so forsch, Kollegin!

Leseprobe

Chefarzt Dr. Norden – Doppelband 3 –

Chefarzt Dr. Norden

Patricia Vandenberg

Schuldgefühle

Fea Norden macht sich schwere Vorwürfe

»Sag mal, war das vorhin eine Erdbeerroulade, die du da hereingebracht hast?« Felicitas Nordens erwartungsvoller Blick ruhte auf ihrer Schwiegertochter in spe.

»Erdbeerroulade mit Sahne und frischen Bio-Erdbeeren, handgepflückt aus unserem Schrebergarten«, erwiderte Tatjana stolz. Sie stand vor dem Tisch in ihrem Café ›Schöne Aussichten‹ und wartete auf die Bestellung. Wie immer um diese Jahreszeit standen frische Blumen auf den zusammengewürfelten Tischen. Sie spiegelten sich in der Decke aus gehämmertem Silber, in deren Mitte ein halbblinder Kronleuchter prangte. So ungewöhnlich er war, so nahtlos fügte er sich in die fantasievolle Einrichtung ein. Bunt bezogene Sofas und Tische und Stühle in allen erdenklichen Farben und Formen rundeten den Stilmix ab. Bei jedem anderen hätte die Einrichtung chaotisch gewirkt. Doch Tatjana hatte ein Händchen für das richtige Maß. Das gesamte Interieur bildete eine gemütliche Einheit, die in der ganzen Stadt nach ihresgleichen suchte.

Das stellten auch Laurenz und Melanie fest, ein befreundetes Ehepaar der Nordens, die das sagenumwobene Café ›Schöne Aussichten‹ zum ersten Mal besuchten.

»Lass mich raten: Du hast die Erdbeeren gepflückt, während sich Danny im Liegestuhl von seinem anstrengenden Alltag erholt hat«, scherzte Daniel Norden gut gelaunt. An diesem Tag hatte er frei und freute sich seines Lebens. Nur seine ehemalige Haushälterin Lenni würde gegen Abend in die Klinik zu einer Routineuntersuchung kommen. Doch bis dahin war noch viel Zeit.

»Weit gefehlt. Ich lag im Liegestuhl …«

Fee sah Tatjana verwundert an.

»Danny war noch nie ein begeisterter Gärtner. Wie hast du das denn hingekriegt?«

»Ganz einfach. Ich habe ihm gedroht, dass ich ihn auf dem Stuhl festbinde und vor seinen Augen eine ganze Erdbeerroulade allein esse. Das hat gewirkt.«

Triumph im Blick wandte sich Fee an ihren Mann.

»Meine Rede! Erpressung ist das halbe Leben. Besonders in der Kindererziehung.«

Ihre drei Begleiter lachten.

»Das werde ich mir für später merken.« Zärtlich strich Melanie über die Rundung ihres Bauches. Sie war im sechsten Monat schwanger. »Du bist schließlich Expertin in Sachen Kindererziehung.«

»Da bin ich mir gar nicht so sicher. Jedes Kind ist schließlich anders. Was bei dem einen wirkt, hilft bei dem anderen noch lange nicht.« Einen Moment lang dachte Fee an die glückliche, wenn auch anstrengende Zeit zurück, als ihre fünf Kinder noch klein gewesen waren. Manchmal fragte sie sich, wie sie das alles geschafft hatte.

Tatjana stand noch immer am Tisch. Allmählich wurde sie ungeduldig. Das Café war gut besucht, und ihre Arbeitskraft wurde gebraucht.

»Ich will ja nicht stören. Aber wenn ihr heute noch etwas essen wollt, solltet ihr bestellen.«

»Also, ich nehme einen klassischen Flammkuchen.« Laurenz klappte die Karte zu. »Der lacht mich so richtig an.« Er sah seine Frau fragend an. »Und du?«

»Ich nehme nur eine Rhabarberschorle. Schließlich bin ich schon dick genug.«

Laurenz bestellte Flammkuchen und Schorle, als Melanies Überzeugung schwankte.

»Obwohl … Flammkuchen klingt schon verlockend.«

»Geht das schon wieder los!«, offenbar hatte Laurenz bereits Bekanntschaft gemacht mit dieser Unentschlossenheit.

»Melanie kann nichts dafür. Das sind die Hormone.« Fee zwinkerte ihrer Freundin zu. »Progesteron und Östrogen werden für die Launen verantwortlich gemacht. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass eine Schwangerschaft eine Zeit tiefgreifender Veränderungen ist. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.«

»Da hörst du es!« Melanie lächelte ihren Mann an. »Ich kann gar nichts dafür, dass ich mich nicht entscheiden kann.«

»Das musst du jetzt aber. Schließlich hat Tatjana noch etwas anderes zu tun«, erinnerte Laurenz seine Frau.

»Ich kann ja schon einmal die Erdbeerrouladen und den Kaffee bringen. Bis ich zurück bin, haben Sie sich sicher entschieden.«

In Gedanken versunken kehrte Tatjana an die Theke zurück. Niemand ahnte, dass sie fürchtete, selbst schwanger zu sein. Einen Arzttermin hatte sie erst in der kommenden Woche bekommen. Bis dahin sollte niemand davon erfahren. Sie musste selbst erst mit sich ins Reine kommen.

Inzwischen setzten Laurenz und Melanie ihre Diskussion fort.

»Hast du denn Hunger?«

»Keine Ahnung.« Ratlos zuckte sie mit den Schultern. »Irgendwie schon.«

»Dann bestelle ich dir auch einen Flammkuchen.«

»Und wenn ich doch nicht hungrig bin?«

»Dann lasst ihr ihn einpacken und nehmt ihn mit nach Hause.« Dieser pragmatische Vorschlag kam von Daniel Norden.

Hilflos sah Melanie von einem zum anderen. Plötzlich schwammen ihre Augen in Tränen.

»Und wenn ich morgen keine Lust auf Flammkuchen habe?«

»Dann bestelle ich dir eben Kuchen.«

Melanie riss die Hände hoch.

»Auf gar keinen Fall! Willst du, dass mir schlecht wird?«

Während die Freunde nicht dabei gewesen, hätte Laurenz längst die Beherrschung verloren. So aber riss er sich zusammen.

»Dann also doch einen Flammkuchen.«

Melanie schüttelte den Kopf.

»Nein. Gar nichts. Mir ist der Appetit vergangen.« Entschieden schob sie die Karte von sich. »Aber du könntest vorsichtshalber deinen Flammkuchen mit Gemüse bestellen, falls ich später doch hungrig bin.«

Daniel und Fee brachen in Lachen aus. In diesem Moment kehrte Tatjana an den Tisch zurück, servierte Getränke und Kuchen und nahm Laurenz’ Bestellung auf. Zu ihrer Erleichterung drehte sich das Gespräch jetzt um die Zubereitung des perfekten Flammkuchens und nicht mehr um Schwangerschaften, sodass sie kein künstliches Lächeln aufsetzen musste.

*

Auch Dr. Matthias Weigand, Notarzt in der Behnisch-Klinik, hatte an diesem Tag frei. Gemeinsam mit seiner neuen Freundin Dr. Sandra Neubeck schlenderte er durch den Englischen Garten. Die beiden waren noch nicht lange ein Paar. Sandras aufbrausende Art hatte den Start nicht ganz einfach gemacht.

Nach einer Reihe von Enttäuschungen hoffte Matthias, in ihr endlich die Partnerin gefunden zu haben, nach der er sich schon so lange sehnte. Sandra arbeitete als Assistenzärztin an der Behnisch-Klinik und wusste um den stressigen Alltag, von den kaum vorhandenen freien Wochenenden und der ständigen Abrufbereitschaft, die einem Klinikarzt drohend im Nacken saß. Im Augenblick standen die Zeichen aber günstig, dass er zwei ganze Tage mit seiner neuen Liebe verbringen konnte. Zeit, die ihm wichtig war, um Sandra endlich besser kennenzulernen.

»Du hast mir noch gar nicht erzählt, warum es dich von Freiburg ausgerechnet nach München verschlagen hat.« Hand in Hand spazierten sie am Eisbach entlang.

Der Frühling hatte mit aller Macht Einzug gehalten. Überall grünte und blühte es, und die Menschen zog es nach draußen an die frische Luft. Schon jetzt waren die Tische im Biergarten am Chinesischen Turm gut besetzt. Auf den Wiesen spielten Kinder und Hunde, hier und da hatten sich ein paar besonders tapfere Picknicker auf Decken niedergelassen. Zwischen zwei Bäumen hatten junge Leute ein elastisches Band gespannt und trainierten mit begeisterter Unterstützung der Zuschauer ihre Balance. Sandras Blick hing an den modernen Seiltänzern.

»Es gibt vieles, was ich dir noch nicht erzählt habe«, antwortete sie geheimnisvoll und dachte offenbar gar nicht daran, das Rätsel zu lösen. »Schau mal, der kann das richtig gut!« Sie deutete auf einen jungen Mann, der kühne Sprünge auf dem schmalen Band wagte und jedes Mal sicher landete.

»Das ist doch gar nicht schwer. Die Leine ist ja mindestens fünf Zentimeter breit«, behauptete Matthias in einem Anflug von Selbstüberschätzung. Er wollte Sandra um jeden Preis imponieren und trat auf die Gruppe junger Leute zu. Nach ein paar Sätzen machten sie Platz. Siegessicher winkte Matthias seiner Begleiterin zu und bestieg das federnde Band. Begleitet von Anfeuerungsrufen der Umstehenden auf der einen und Sandras spöttischen Blicken auf der anderen Seite breitete er die Arme aus. Vorsichtig schob er einen Fuß vor den anderen, als er auch schon gefährlich ins Schwanken geriet und hinunterfiel. Zur Belustigung seiner Zuschauer landete er wie ein Käfer auf dem Rücken. Ein Mann erbarmte sich seiner und hielt ihm die Hand hin.

Als Matthias wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte, sah er seinem Retter ins Gesicht.

»Reinhart, was machst du denn hier!« Lachend klopfte er dem Kollegen auf die Schulter.

Sandra beobachtete die beiden mit Argusaugen. Sie war noch relativ neu an der Klinik und kannte noch nicht viele der Kollegen.

»Ich habe mir heute extra frei genommen, um unseren Notarzt vor einem schlimmen Schicksal zu bewahren.«

»Du bist zu gut zu mir.« Matthias sah sich um. »Bist du allein unterwegs?«

»Wo denkst du hin? Klaiber, Gröding und die geschätzte Kollegin May sind auch mit von der ­Partie. Sie ziehen allerdings den Biergartentisch einer wackeligen Slackline vor.«

»Eine weise Entscheidung«, witzelte Matthias, als sich Sandra zu ihnen gesellte.

»Willst du mich nicht bekannt machen?«, fragte sie, ohne Reinhart aus den Augen zu lassen.

»Wie unaufmerksam von mir!« Da war es wieder, das Gefühl, das ihn in Sandras Gegenwart so oft beschlich. War er zu empfindlich, oder konnte er ihr wirklich nicht genügen? »Das ist der geschätzte Kollege Reinhart Witt aus der Radiologie. Dr. Sandra Neubeck, seit kurzem Assistenzärztin in unserer zweiten Heimat.«

Reinhart begrüßte Sandra freundlich und wechselte ein paar Worte mit ihr.

»Was haltet ihr davon, wenn wir uns zu den Kollegen gesellen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte er das Paar mit sich. »Wir können zwar nur alkoholfreies Bier trinken, aber besser als nichts.«

Eigentlich hatte Matthias Weigand den Tag allein mit Sandra verbringen wollen. Ehe er aber Gelegenheit hatte, auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln, lief sie schon hinter Reinhart her. Zähneknirschend heftete sich Matthias an ihre Fersen.

Mit großen Hallo wurden sie von dem Anästhesisten, der Kinderärztin und dem Chef der Onkologie begrüßt und an den Tisch gebeten.

Diesmal übernahm Sandra es selbst, sich vorzustellen.

»Warum trinkt ihr alle alkoholfrei?«, erkundigte sich Matthias und stellte ein richtiges Bier für sich und eine Limonade für Sandra auf den Tisch.

»Wir haben alle Dienst heute Nachmittag, wollten aber die schönen Stunden nutzen.« Der Anästhesist Arnold Klaiber hob sein Glas. »Auf die neue Kollegin. Prost!«

»Vielen Dank.« Sandra stieß mit der Limo an und lächelte in die Runde. »Dann sehen wir uns ja vielleicht heute Nachmittag.«

Überrascht sah Matthias seine neue Freundin an.

»Aber ich dachte, wir verbringen den Tag zusammen«, raunte er ihr zu. »Ich habe schon einen Tisch beim Griechen bestellt.«

Sandra lächelte herablassend.

»Und weil ich griechisches Essen nicht mag, habe ich mich heute zum Dienst eingetragen.« Sie tätschelte ihm die Wange. »Komm schon, sei nicht sauer. Du hat mir selbst lang und breit erklärt, dass deine bisherigen Freundinnen nie Verständnis für deinen Beruf und die Arbeitszeiten aufgebracht haben.«

Reinhart klopfte Matthias tröstend auf die Schulter.

»Komm schon! Nicht traurig sein. So bleibt die Liebe länger frisch.« Er zwinkerte Sandra zu. »Außerdem ist sie bei uns in guten Händen. Das weißt du doch, oder?«

»Bei Arnold und Gröding bin ich mir sicher. Aber du wandelst ja bekanntlich seit Neuestem wieder auf Freiersfüßen …«

»Ich bin doch nicht verrückt und spanne einem Kollegen die Frau aus!« Energisch schüttelte Reinhart den Kopf. »So schön sie auch sein mag.«

Sandra lachte geschmeichelt. Sie hatte andere Pläne, und ihre Beziehung mit Matthias hatte einen ganz anderen Grund als Liebe. Aber sie hütete sich davor, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Noch war die Zeit nicht reif dafür.

*

»Es war so schön, euch mal wieder gesehen zu haben.« Wie im Flug waren die Stunden vergangen. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Zum Abschied umarmte Melanie das befreundete Ehepaar.

»Das nächste Mal kommt ihr zu uns.« Fee trat zur Seite, um der Aushilfe Platz zu machen. Florentina balancierte ein schweres Tablett, das sie sicher an den dicht besetzten Tischen vorbei manövrieren musste. »Da seid ihr bestimmt schon zu dritt.«

»Vielleicht schaffen wir es vorher ja noch einmal«, tat Laurenz seine Hoffnung kund. Er half seiner Frau in die leichte Sommerjacke.

»Versprich nicht, was du nicht halten kannst«, ermahnte sie ihn. »Du weißt selbst, wie das ist. Gerade vor der Geburt nimmt man sich alles Mögliche vor, was man gar nicht schaffen kann. Man neigt dazu zu glauben, dass das Leben vorbei ist, wenn erst ein Kind da ist.«

»Das genaue Gegenteil ist der Fall.« Lächelnd hielt Daniel seiner Freundin die Tür auf.

Gemeinsam mit Fee sah er den beiden nach, wie sie Hand in Hand davongingen.

»So ein hübsches Paar!«, murmelte Felicitas und lehnte sich an ihren Mann.

»Und vergesslich obendrein!« Tatjana trat zu ihnen und wedelte mit einem Portemonnaie durch die Luft. »Das hat Florentina gerade auf der Bank gefunden. Es gehört Laurenz.«

Fee überlegte nicht lange.

»Ich bringe es ihm!«

Ehe es sich Daniel versah, war seine Frau auch schon losgelaufen.

»Halt, Laurenz, warte! Du hast deinen Geldbeutel vergessen.« Ihre Stimme hallte fröhlich von den Häuserwänden wider.

Das Ehepaar war am Ende der Straße angelangt. Laurenz drehte sich um. Er wechselte ein paar Sätze mit seiner Frau, ehe er im Laufschritt über den Fahrradweg lief. Im selben Moment schoss ein Fahrradfahrer um die Ecke.

»Vorsicht!« Fees gellender Schrei kam zu spät. Der Zusammenstoß war unvermeidlich. Nur einen Sekundenbruchteil später geschah das Unglück. Ein Krachen, Schreien, das Scheppern von Aluminium und Blech auf dem Asphalt. Beim Aufprall zerbarst die Fahrradlampe, Scherben spritzten über den Weg.

Daniel zögerte nicht und stürzte an seiner Frau vorbei auf die beiden Männer zu, die sich stöhnend auf dem Boden wälzten. Melanie stand wie zur Salzsäule erstarrt, die Hände schützend auf den Bauch gelegt. In Windeseile bildete sich eine Menschentraube um die Verunglückten. Von dem Lärm aufgeschreckt, trat Tatjana aus der Bäckerei. Ihr eingeschränktes Sehvermögen ließ keinen Schluss auf das zu, was gerade geschehen sein mochte. In so einer Situation war sie ganz auf ihr Hörvermögen und die übrigen Sinne angewiesen. So stand sie zunächst nur da und lauschte konzentriert.

»Lassen Sie mich durch! Ich bin Ärztin«, verlangte Felicitas, als sie gleich darauf ihre Fassung wiedergefunden hatte.

Murrend machten die Menschen Platz. Einigen war anzusehen, dass sie ihre Worte für eine Lüge hielten. Zum Glück zückte niemand ein Handy, um die beiden Verletzten zu filmen.

»Ruf in der Klinik an! Wir brauchen zwei Wagen.« Über den Fahrradfahrer gebeugt, gab Daniel mit ruhiger Stimme seine Anweisungen.

Fee tat, was er von ihr verlangt hatte, ehe sie sich um den verletzten Laurenz kümmerte. Tatjana dagegen hatte die Umgebung inzwischen sondiert. Ein Geräusch war ihr besonders aufgefallen: Ein leises Weinen, das kaum gegen den Lärm ankam. Sie kannte die Stimme. Doch auch das Parfum der weinenden Frau sprach eine eindeutige Sprache.

»Melanie?« Tatjana trat auf die werdende Mutter zu, die noch immer am Ende der Straße stand. »Sie sind doch Melanie?«

»Was …, was ist mit Laurenz? Wie geht es ihm?«, fragte Melanie statt einer Antwort.

»Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass Fee und Daniel das Richtige tun«, versprach Tatjana, als sich die werdende Mutter plötzlich zusammenkrümmte.

*

»Wen haben wir?«, rief die Notärztin Frau Dr. Lekutat, als sich die Türen der Ambulanz öffneten und die Kollegen eine Liege hereinschoben.

»Laurenz Grün, 35 Jahre alt. Er wurde von einem Fahrrad angefahren. Verdacht auf Wirbelsäulentrauma mit Sensibilitätsstörungen in den Beinen.« Der Rettungsarzt Erwin Huber drückte ihr ein Klemmbrett in die Hand. »Gleich kommt noch der Fahrradfahrer, mit dem er zusammengestoßen ist. Außerdem haben wir eine Schwangere mit vorzeitigen Wehen.«

»Zum Glück ist der Kollege Weigand gerade gekommen.« Im Laufschritt überflog sie die Informationen. »Der kann den Rest übernehmen.«

Keine Minute später öffneten sich die Türen erneut und Daniel Norden kam herein. Er begleitete die Liege mit dem Fahrradfahrer, der sich neugierig umsah. Felicitas folgte den beiden auf dem Fuß. Sie schob den Rollstuhl mit Melanie, die sie direkt in die Gynäkologie brachte.

Daniel dagegen begrüßte den Kollegen Weigand.

»Was machst du denn hier? Ich wähnte dich an einem verschwiegenen Tisch in einem schummrigen griechischen Restaurant.«

Matthias verzog das Gesicht.

»Da war der Wunsch wieder einmal der Vater des Gedanken«, seufzte er. »Sandra hat es vorgezogen, sich zum Dienst einzutragen. Und bevor ich meinen Kummer in Ouzo ertränke, mache ich mich lieber nützlich.«

»Solche ambitionierten Mitarbeiter lobe ich mir.« Daniel lachte. »Das hier ist übrigens Theo Schulte. Er hatte eine Kollision mit dem anderen Herrn.«

Matthias erinnerte sich an den lädierten Laurenz.

»Sie scheinen den größeren Dickschädel zu haben«, wagte er einen kleinen Scherz in Theo Schultes Richtung.

Der verstand nicht und tippte stattdessen zufrieden auf den Helm, der neben ihm auf der Liege lag.

»Ich würde sagen, den besseren Helm. Die Investition hat sich gelohnt.«

Hinter seinem Rücken schnitt Matthias eine Grimasse.

»Trotzdem entführe ich Sie jetzt in mein Behandlungszimmer und danach in die Radiologie, um etwaige Verletzungen auszuschließen.«

»Super! Ich war noch nie im Krankenhaus. Da kann ich meinen Kollegen was erzählen.«

Weder Dr. Weigand noch Daniel Norden beneideten die Mitarbeiter des Herrn Schulte.

»Der arme Mann kann einem richtig leid tun«, sagte er zu Schwester Linda, als Matthias mit seinem Patienten um die Ecke verschwunden war. »Wenn er sonst nichts zu erzählen hat.« Ehe Linda etwas erwidern konnte, sah er auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zu Lennis Termin. Eine halbe Stunde, die Daniel gut nutzen konnte. Er hatte kaum den Behandlungsraum betreten, in dem Melanie von Dr. Thoma untersucht wurde, als Fee auf ihn zustürzte. Sie fasste ihn an der Hand und zog ihn mit sich nach draußen. Jetzt, da sie die Verantwortung an einen Kollegen abgegeben hatte, begannen ihre Nerven zu flattern.

»Oh, Dan, ich mache mir solche Vorwürfe.« Sie ließ seine Hand los und begann, vor ihm auf dem Flur auf und ab zu laufen. »Als ich Laurenz gerufen habe, war der Fahrradfahrer nicht da. Das beschwöre ich. Er kam plötzlich um die Ecke geschossen. Wie aus dem Nichts.« Ihr hilfloser Blick klebte förmlich an Daniel. »Wenn ich ihn nicht gerufen hätte, wäre das alles nicht passiert.«

Daniel nahm seine Frau an den Schultern und schüttelte sie leicht.

»Beruhige dich, Feelein! Selbstvorwürfe bringen uns jetzt auch nicht weiter. Und Laurenz und Melanie schon gar nicht. Wie geht es ihr überhaupt?«

Fee zuckte mit den Schultern.

»Der Schock hat offenbar Wehen ausgelöst. Mehr weiß ich noch …«

Die Tür des Behandlungsraums klappte zu.

»Mutter und Kind sind wohlauf.« Der Gynäkologe Theo Gröding trat zu den beiden.

»Gott sei Dank!«

Doch Gröding war noch nicht fertig. »Allerdings ist wirklich eine Wehentätigkeit zu beobachten. Deshalb werde ich Frau Grün zur Beobachtung hier behalten und sie zunächst mit hoch dosiertem Magnesium behandeln.« Endlich lächelte er, wenn auch verhalten. »Schwester Regina bringt die Patientin auf ihr Zimmer.« Er nickte dem Chef und seiner Frau zu und machte sich auf den Weg auf seine Station.

Daniel sah ihm nach.

»Na, siehst du, Feelein. Alles wird gut! Du musst nur daran glauben«, sagte er sanft.

»Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen.« Unglücklich ließ sie den Kopf hängen.

»Das sollte lieber der Fahrradfahrer haben. Immerhin war er es, der einfach so um die Ecke geschossen ist.« Daniel Norden warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Allmählich wurde es Zeit, sich auf Lennis Untersuchung vorzubereiten. »Tust du mir einen Gefallen?«

»Natürlich.« Fee sah ihn fragend an.

»Ich habe Lenni doch versprochen, heute den Gesundheits­check zu machen …«

»Richtig. Das hatte ich völlig vergessen.«

»Ich aber nicht.« Daniel lächelte. »Kannst du bitte bei Frau Dr. Lekutat in Erfahrung bringen, wie es Laurenz geht?«

»Natürlich.« Wenn sie ehrlich gewesen wäre, wäre Felicitas viel lieber nach Hause gelaufen, in ihr Bett gekrochen und hätte die Bettdecke über den Kopf gezogen, wie sie es als Kind getan hatte. Doch leider waren diese Zeiten ein für alle Mal vorbei. Nach einem Kuss machte sie sich auf den Weg.

*

»Guten Abend, Frau Kraft.« Die Chefsekretärin Andrea Sander stand an ihrem Schreibtisch und blickte hoch, als Lenni, die ehemalige Haushälterin der Familie Norden, eintrat. »Was kann ich für Sie tun?«

Inzwischen waren nur noch zwei der fünf Kinder zu Hause, und Fee und Daniel arbeiteten die meiste Zeit, sodass Lennis Hilfe nur noch selten gebraucht wurde. Nicht um Ideen verlegen, hatte sie sich nach einer anderen Aufgabe umgesehen und prompt im Klinikkiosk gefunden, den Tatjana neben dem Café ›Schöne Aussichten‹ betrieb. Mit ihrer schnoddrigen Art war Lenni schon bald in der ganzen Klinik bekannt und beliebt.

»Ich habe einen Termin bei Dr. Norden.«

Überrascht sah Andrea in ihren Kalender.

»Komisch. Der Chef hat doch heute frei.«

»Das ist schon alles in Ordnung. Wir zwei brauchen keinen Terminkalender.«

In ihre Worte hinein klopfte es.

»Ist Dr. Norden zu sprechen?«, fragte der Verwaltungsdirektor Dieter Fuchs.

»Tut mir leid, er hat heute frei«, wiederholte Andrea Sander.

»Heute kümmert er sich ausnahmsweise einmal nur um mich«, ergänzte Lenni schnippisch.

»Das werden wir ja sehen.« Dieter Fuchs ging an den beiden Frauen vorbei Richtung Bürotür, als hinter ihm Daniel Nordens Stimme erklang.

»Lenni, wunderbar! Sie sind ja schon da! Dann können wir gleich anfangen.« Er legte den Arm um ihre Schultern und führte sie aus dem Büro.

Fassungslos starrte Dieter Fuchs den beiden nach.

»Moment, Herr Dr. Norden, ich müsste Sie kurz in einer dringenden Angelegenheit sprechen! Es geht um die Kürzung der Assistenzarztstellen.«

Der Klinikchef steckte den Kopf noch einmal herein.

»Sobald ich fertig bin, melde ich mich bei Ihnen, Herr Fuchs.«

»Ach, Chef, was soll ich denn den anderen Besuchern sagen, die womöglich noch hereinschneien?«, schickte Andrea Sander eine Frage hinterher.

»Dass ich heute frei habe und ab morgen früh wieder zu sprechen bin.« Daniel zwinkerte ihr zu, ehe er endgültig verschwand.

»Das ist ja wohl die Höhe!« Ungläubig starrte der Verwaltungsdirektor den beiden nach.

Auf dem Weg ins Behandlungszimmer lachte sich Lenni ins Fäustchen.

»Das war großartig. Sie haben ja wirklich was von mir gelernt.«

Daniel schickte ihr einen amüsierten Seitenblick, sagte aber nichts und hielt ihr stattdessen galant die Tür auf.

»Wer kümmert sich denn inzwischen um den Kiosk?«

»Das erledigt Oskar. Hoffentlich lässt er sich nicht wieder von irgendwelchen hübschen Frauen über den Tisch ziehen.«

»Das glaube ich nicht. Dazu hat er viel zu viel Angst vor Ihnen.« Daniel schloss die Tür und komplimentierte Lenni auf die Behandlungsliege.

Während sie den Ärmel zum Blutdruckmessen hochkrempelte, musterte sie ihn misstrauisch.

»Wie meinen Sie denn das?«

Um sich nicht mit einer Antwort um Kopf und Kragen zu reden, steckte Daniel Norden schnell das Stethoskop in die Ohren und begann mit der Untersuchung.

*

»Spüren Sie das?« Christine Lekutat fuhr mit dem Kugelschreiber über das Schienbein ihres Patienten.

Laurenz schloss die Augen und konzentrierte sich.

»Nein.«

»Und das hier?« Sie versuchte es am anderen Bein.

Er schüttelte den Kopf.

»Was hat das zu bedeuten?«

Christine Lekutat zog den Bildschirm des Computers heran und deutete auf die Aufnahme aus der Radiologie.

»Durch den Aufprall hat sich dieser Wirbelknochen verschoben.« Sie umkreiste einen hellen Fleck auf dem Monitor. »An dieser Stelle hat sich im Rückenmarkskanal eine Flüssigkeitsansammlung gebildet. Aufgrund der knöchernen Anteile im Wirbelkörper kann der Kanal dem Druck nicht nachgeben. Folge ist eine Quetschung der Nervenbahnen.« Sie schob den Bildschirm wieder weg und sah Laurenz ernst, aber bestimmt an. »Sie merken ja selbst, dass die Nerven keine Reize mehr weiterleiten.«

»Und was kann man dagegen tun?« Die Sorgen standen ihm ins Gesicht geschrieben.

»Wir operieren.« Christine Lekutat stand auf, ging zum Schreibtisch und griff nach dem Telefonhörer. Ihr Blick ruhte auf ihrem Patienten. »Dabei entfernen wir ein möglicherweise vorhandenes Hämatom und erweitern den Wirbelkanal. Nach dem Eingriff bekommen Sie abschwellende und entzündungshemmende Medikamente. Danach sollte alles wieder in Ordnung sein.« Sie wählte eine Nummer und wartete.

»Und was, wenn nicht?« Laurenz Stimme zitterte.

»Dann bekommen Sie einen hübschen Rollstuhl«, erwiderte die Chirurgin unbarmherzig. In diesem Moment meldete sich ihr Gesprächspartner. »Herr Dr. Norden? Hier spricht Lekutat. Wir müssen operieren.«

Schweigend hörte Daniel zu, was die Kollegin ihm zu sagen hatte. Mit jedem Wort wurde sein Herz schwerer.

»Ein unachtsamer Moment, und schon sind drei Leben in Gefahr«, murmelte er.

»Nichts für ungut, Chef. Aber wir wollen es mal nicht übertreiben«, wies Christine Lekutat den Klinikchef zurecht. »Ein Rollstuhl ist ja noch lange kein Todesurteil.«

»Der Mann ist werdender Vater«, brauste Daniel auf. »Können Sie sich vorstellen, dass seine Frau nicht gerade davon träumt, nicht nur einen Kinderwagen, sondern auch ihren Mann zu schieben? Vorausgesetzt, das Kind überlebt die Sache überhaupt.« An seine Frau wollte er in diesem Moment gar nicht denken. Fee würde es sich niemals verzeihen, wenn ihre Freunde nicht wieder gesund wurden. Schnell schob er diesen Gedanken beiseite. Noch war nichts verloren. »Geben Sie mir fünf Minuten. Ich werde bei der OP dabei sein.« Er legte auf und starrte blicklos vor sich hin, ehe Leben in ihn kam.

Dr. Lekutat dagegen kehrte zu ihrem Patienten zurück.

»Na bitte! Sie haben es selbst gehört! Heute ist Ihr Glückstag. Der Chef persönlich kümmert sich um Sie.«

Laurenz stöhnte auf und schloss die Augen. Er wusste nicht, was schlimmer war. Diese Chirurgin oder die Aussicht darauf, im Rollstuhl zu landen.

*