Chicas, das Böse und das Meer - Fe Mars - E-Book

Chicas, das Böse und das Meer E-Book

Fe Mars

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Beschreibung

Thriller, Liebesgeschichte, Roadnovel: Die junge DJane Anaïs sucht ihre plötzlich verschwundene Schwester und im Schneechaos Münchens beginnt eine atemlose Verfolgungsjagd, die Anaïs bis Tarifa bringt, ins südlichste Spanien. Wo ist Maxine? Ist sie entführt worden? Wer steckt dahinter? Und was wollen die beiden Männer von Anaïs? Anaïs weiß nur, sie sind gefährlich und sie sind skrupellos. Anaïs kann niemandem mehr trauen und sie sucht nach Antworten. Obwohl sie Angst hat und obwohl ihre abenteuerliche Reise ins Ungewisse führt – mitten hinein ins Herz des Bösen.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Fe Mars

Chicas, das Böse und das Meer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1 Wo

2 bist

3 du?

4 Meine

5 Welt

6 dreht

7 sich

8 um

9 dich.

10 Aber …

11 Wer

12 bist

13 du

14 wirklich?

15 Kann

16 ich

17 dich

18 retten?

19 Oder

20 bist

21 du

22 verloren?

23 Gibt

24 es

25 die

26 Liebe?

27 Oder

28 ist

29 das

30 Glück

31 eine

32 Illusion,

33 lost

34 girl?

Danksagung:

Impressum neobooks

Prolog

Die Wellen ließen das Boot tanzen - kleine Wogen, die mit kurzen, rhythmischen Schlägen an den Rumpf der Barke schlugen und das Mondlicht auf der tiefschwarzen Wasseroberfläche zum Zittern brachten.

Die echsenhaften Augen des Mannes, der auf der abgeschabten Holzbank im Bug saß, starrten auf die Silhouette der Hügelspitzen, die sich keine vierzehn Kilometer entfernt aus dem Meer hoben. Schwarz auf schwarz, von einer Lichterkette gesäumt. Afrika.

Der Mann schaute so regungslos, dass sich die Lichter des fremden Kontinents in seinen Pupillen spiegelten; vielleicht war es aber auch nur die Helligkeit des Mondes.

„Keine Pannen und kein Aufsehen“, sagte er. „Verstanden? Und jetzt …“ Er machte mit dem Kinn eine Bewegung in Richtung der kleinen Stadt, deren Hafenlichter sich ans Ufer kauerten, als könnten sie so den kalten atlantischen Winden entgehen.

Dann wandte er seinen Blick erneut nach Afrika. Am Schaukeln des Holzkahns konnte er spüren, wie die beiden Männer hinter ihm in Bewegung gerieten. Sie verzichteten darauf, zu antworten. Sie arbeiteten schon lange zusammen.

Der kleinere ließ den Motor der Jolle an und steuerte sie in die Hafeneinfahrt, nicht ohne ein Kreuzzeichen zu schlagen und seine Fingerspitzen zu küssen, wie er es immer tat, wenn er die Jesusstatue passierte, die ihre segnende Hand über sie erhob. Der andere kräuselte die Lippen und schnippte seinen Zigarettenstummel ins Wasser.

1 Wo

Wenn sie früh genug lief, war nichts zu hören als das Geräusch ihrer Turnschuhe auf dem Asphalt. Anaïs mochte das: die kurzen, trockenen Schallwellen, ihr abruptes Verstummen. Der Rhythmus ihrer Schritte zwischen den Häuserschluchten. Sie mochte die Einsamkeit dieses Geräuschs.

Während sich das bleiche Morgenlicht über die Dächer schob, hatte sie das Gefühl, ganz für sich allein zu sein. Das Gefühl, dass keiner sie sah, keiner etwas von ihr wollte. Freiheit.

So war es zumindest normalerweise. Nicht heute. Sie ertappte sich dabei, dass sie konzentriert lauschte.

Eine Taube segelte fast im Sturzflug vor ihr zu Boden, landete und machte ein paar tollpatschige Hopser. Das Muster ihrer Federn glich dem des Himmels, über dessen immer heller werdendes Grau sich nun rosige Streifen schoben. Mit einem kurzen Schwenk wich Anaïs dem Vogel aus.

Wieder dieses Gefühl. Anaïs blieb abrupt stehen und drehte sich um, ihr Herz klopfte plötzlich wild.

Jemand war hinter ihr, sie spürte es. Das war in den letzten Tagen schon ein paarmal so gewesen.

Auf dem kümmerlichen Grünstreifen weiter unten an der Straße konnte sie einen Mann mit seinem Hund erkennen. Er kehrte ihr den Rücken zu mit hängenden Schultern, die Hände in den Taschen vergraben. Von irgendwoher drang das Rumpeln einer Kehrmaschine. Sonst war da nichts. Und niemand. Vielleicht machte der Schlafentzug sie paranoid? Sie hatte letzte Nacht höchstens drei Stunden geschlafen. Im Hinterraum vom Blitz, dem Club, in dem sie öfters als DJane arbeitete. Sie fühlte sich aufgekratzt, leicht betäubt, schwerelos im Kopf. Wolkenhirn.

Anaïs schüttelte den Kopf, versuchte ihn freizuschütteln. Da war nichts! Seit wann war sie so ängstlich? Sie zuckte die Achseln und lief weiter.

Sie nahm die Abkürzung durch die Gärten in den Hof ihres Wohnhauses. Vorbei an den Müllcontainern und durch den Hintereingang. Sie mochte das alte Gebäude mit den hohen Räumen und dem Stuck an den Decken. Es schien so stabil.

Seit acht Monaten wohnten sie jetzt hier in München, sie und Maxine, die große Schwester, und immer noch war es fast ein Gefühl wie Weihnachten, wenn sie nach Hause kam. Anaïs’ Schritte hallten in dem leeren Stiegenhaus. Leise sperrte sie die Wohnungstür auf, hielt dabei die Schlüssel in der Faust, damit sie nicht klimperten. Um Maxine nicht zu wecken. Falls sie da war. In letzter Zeit war das nicht mehr so sicher. Seit sie den neuen Freund hatte.

Aber ja! Maxines Stiefel standen in der Garderobe, ihr Anorak hing darüber. Anaïs schlüpfte aus ihren Schuhen, warf die Jacke über den Haken und ging auf Strümpfen in die Küche. Das Geschirr vom Vortag war gespült. Gute Maxine. Wenn sie nicht immer für Ordnung sorgen würde!

Einen Moment lang betrachtete Anaïs versonnen die Kaffeemaschine, dann holte sie die Dose mit den Greens aus dem Kühlschrank. Sie maß einen Löffel voll in ein Glas und ließ Wasser darauf laufen. Sie liebte das unglaublich saftige Grün des Getränks. Wie Frühling. Während es draußen gerade Winter wurde.

Wenigstens war heute ein Abglanz von Licht zu sehen, aber im Spätherbst und Winter, wenn die Sonne manchmal wochenlang nicht schien, war die ganze Stadt grau. Die fahle Farbe verschlang irgendwann alles. Sogar Anaïs selbst.

Anaïs betrachtete ihr diffus gespiegeltes Abbild in der Fensterscheibe. Ihre Augen? Hellgrau. Das Haar? Aschblond. Die Spitzen waren noch heller und die beiden Dreads sowieso ausgebleicht. Vielleicht sollte sie ihr Haar einfach weizengrasgrün färben. Mit einem Seufzer drehte Anaïs sich zum Küchentisch, ließ sich auf einen der Stühle fallen und legte die Füße auf die Bank.

Sollte sie sich doch einen Kaffee machen und sich erst gar nicht mehr hinlegen? Geistesabwesend hob sie ein vergilbtes Stück Zeitungspapier auf, das auf dem Tisch lag. Wie die Zeitung von heute sah das nicht aus. Sie warf einen genaueren Blick auf das Datum. Das Blatt war vierzehn Jahre alt, vom neunten Oktober. Im ersten Moment kam ihr das Datum nur vage bekannt vor, dann streifte es sie wie ein kleiner Schock. Natürlich. Das Todesdatum ihrer Eltern: der siebte Oktober. Das war die Zeitung von damals mit der Todesanzeige. Maxine musste an dem verstaubten Karton mit den alten Fotos gewesen sein.

Anaïs verzichtete darauf, das Doppelblatt aufzuschlagen, faltete es stattdessen noch einmal sorgfältig in der Mitte zusammen. Es war zu früh am Morgen, um sich den Erinnerungen zu stellen.

Warum Maxine wohl an der Familienkiste gewesen war? Früher hatte sie das manchmal getan, wenn sie sich mit der Beschützerrolle, in die sie nach dem Tod der Eltern geschlüpft war, und mit der Verantwortung für die kleine Schwester überfordert gefühlt hatte. Ratsuchend hatte sie dann in die lächelnden, papierenen, nicht mehr alternden Gesichter der Eltern gestarrt. Maxine war damals ja selbst noch ein Kind gewesen, nur drei Jahre älter als Anaïs. Natürlich hatte es auch Leo gegeben, ihren Großvater, bei dem sie danach gelebt hatten. Trotzdem, Maxine hatte sich verantwortlich gefühlt. Immer. Vermutlich würde sich das nie ändern.

Konnten einem alte Fotos und Briefe denn helfen? Sie, Anaïs, wurde nur traurig davon. Aber für Maxine war das anscheinend anders. Nun, jeder musste selbst wissen, was ihn stark machte.

Sachte legte Anaïs das Zeitungsblatt zurück auf den Tisch. Was Maxine wohl gerade für ein Problem hatte? Zum Vergnügen hatte sie bestimmt nicht in dem Karton gekramt, das war sicher.

2 bist

Auch wenn das Blitz leer war, hing immer noch der Geruch von kaltem Rauch im Raum. Die Mauern schienen es auszudünsten, gespeichert aus früheren Zeiten - inzwischen war ja überall Rauchverbot in den Clubs. Allerdings wehte trotzdem manchmal der Geruch nach einer Selbstgedrehten durch die tanzende Menge. Oder nach Marihuana. Anaïs mochte die Gerüche, beide. Obwohl sie selber weder rauchte noch kiffte noch sonst etwas nahm, was unter der Hand oder auch offen angeboten wurde. Um in Trance zu fallen, musste sie nur tanzen. Trance Dance. Sie liebte das. Genau wie Maxine.

„Anaïs, Süße, du lächelst so geheimnisvoll, als wüsstest du etwas, das ich nicht weiß!“ Paul zwinkerte ihr hinter dem Tresen hervor zu. Paul war der Besitzer des Blitz. Ein massiger Mann, der einem das Blaue vom Himmel heruntererzählen konnte, aber seit Anaïs erlebt hatte, wie er sich bei einer Kontrolle vor ein paar Kids gestellt hatte, die der Polizei missfallen hatten, einfach nur weil sie schräg angezogen waren, mochte sie ihn.

„Ich stell nur die Anlage ein“, rief sie. “Für später!“

„Das erklärt immer noch nicht dein Lächeln, Mädchen.“

„Du gibst wohl nie auf?“

„Nie.“

„Also gut, ich hab gerade an Maxine gedacht.“

„Ah, das erklärt alles. Wenn ich an deine Schwester denke, krieg ich auch ein Smile wie Mona Lisa!“

„Das geht, glaube ich, den meisten Kerlen so.“

„Der Fluch der Schönheit … Wann kommt sie denn wieder mal? Täusche ich mich oder hat sie sich schon länger nicht mehr blicken lassen?“

Anaïs antwortete nicht. Früher war Maxine fast jedes Mal mitgegangen, wenn Anaïs im Blitz aufgelegt hatte. Zuerst nur, um ein Auge auf die kleine Schwester zu haben, aber dann hatte ihr einfach das Tanzen Spaß gemacht. Bis in letzter Zeit.

„Hey!“ Die Tür flog auf und Bugo stürmte herein, einen

Schwall Frischluft hinter sich herziehend. Bugo kellnerte im Blitz. „Hat einer von euch Ärger oder was?“

„Wieso?“ Paul warf ihm einen verständnislosen Blick zu.

„Weil draußen ein paar Bodybuilder mit Sonnenbrille stehen und so tun, als würden sie alles betrachten, nur nicht die Eingangstür vom Club. Sehr unauffällig.“

„Vielleicht tun sie das ja wirklich.“ Paul runzelte die Stirn.

„Ich kann Ärger noch zwei Meilen gegen den Wind riechen. Das muss mein afrikanisches Blut sein.“ Ein Grinsen breitete sich auf Bugos hübschem, dunklem Gesicht aus. „Und die beiden riechen eindeutig nach Ärger.“

Paul trat zur Tür, öffnete sie einen Spalt und warf einen Blick auf die Straße. „Und die zwei wären wo?“

„Direkt gegenüber.“ Bugo schob sich hinter seinen Boss und schaute ebenfalls hinaus. „Weg“, stellte er fest. „Na ja, vielleicht hab ich mich doch geirrt.“

Achselzuckend zog Paul die Tür wieder zu. Er tauchte hinter der Bar ab und Anaïs hörte Flaschen klirren. Sie seufzte und warf ihre Jacke über einen Stuhl. Heute Abend war Mathetest, sie musste das vergessen haben, als sie den Termin mit Paul ausgemacht hatte. Trotzdem, ein Problem war das nicht, die paar Schulstunden ließen sich einschieben. Sie begann sowieso nicht vor elf mit dem Auflegen. Tatsächlich mochte sie das Abendgymnasium. Die Lehrer waren nicht so von oben herab, sondern behandelten ihre Schüler als gleichgestellte Erwachsene.

Sie begann in den Platten zu stöbern. Trance-Dance-Abend oder Old School Jungle? Anaïs stülpte die Kopfhörer über, legte ein paar Schalter um, schob den ersten Regler hoch und begann im Takt zu wippen.

3 du?

Eisregen. Kleine Geschosse wurden vom Himmel gefeuert, vereinzelt begann sich Schnee darunter zu mischen. Jede Straßenlaterne war von einem Heiligenschein umgeben, während ihr zittriges Licht es kaum bis zum Boden schaffte.

Anaïs zog sich die Kapuze ihres Anoraks so weit wie möglich ins Gesicht, die Nase fest im Schal vergraben, der ihre Atemluft warm und feucht zurückwarf. Es war die einzige warme Stelle, die sie irgendwo spüren konnte.

Wenigstens war Mathe ganz gut gegangen. Und sie hatte gleich eine S-Bahn erwischt. Das war doch auch schon was. Sie verließ den Rosenheimer Platz, lief weiter und bog in die kleine Seitenstraße zum Blitz ein.

„Anaïs Palme?“ Der Mann trat so plötzlich aus dem Schatten eines Hauseinganges, dass sie mit einem erschrockenen Laut zurückfuhr.

„Und wenn?“ Sie wollte an ihm vorbei, aber er versperrte ihr grinsend den Bürgersteig.

„Kein Wenn. Komm einfach mit, dann kriegst du unterwegs alles Weitere erklärt, Schätzchen.“

Schätzchen? Das war wohl kaum sein Ernst. Der Eisregen war gerade dabei, ihr in den Kragen zu kriechen, ein Gefühl, das ihr den letzten Humor für so eine Anmache raubte.

„Hör mal zu, du Freak. Ich weiß nicht, woher du meinen Namen kennst, aber ich bin ganz sicher nicht dein Schätzchen und ich gehe genauso sicher nirgendwohin mit dir. Also, lass mich vorbei und vor allem in Ruhe, klar?“ Mit einem schnellen Ausfallschritt auf die Straße wollte Anaïs an ihm vorbei, um im gleichen Moment von einer anderen Hand am Arm gepackt zu werden. „¡Idiota!“, zischte jemand. Anaïs fuhr herum.

„Entschuldigung … Mein Kollege ist etwas ungeschickt, aber wir kommen in der besten Absicht.“

„Und die wäre?“ Ein Blick auf den Sprecher ließ Anaïs’ Magen ein Stück tiefer rutschen. Ihre Finger tasteten nach dem Pfefferspray. Waren es die scharfkantigen, wie mit einem Messer eingeritzten Züge oder der Ausdruck in den Augen, der dem Gesicht etwas Bedrohliches gab?

„Lassen Sie mich los!“ Verdammt - das Pfefferspray musste im Rucksack sein oder sonst wo. Auf jeden Fall nicht da, wo sie es gebraucht hätte. Und warum war ausgerechnet heute so ein scheußliches Wetter? Die Straße lag menschenleer, obwohl sie weiter unten schon den Neonschein des Blitz schimmern sah.

Vergeblich zerrte Anaïs an ihrem Arm, der Mann schien es nicht einmal zu bemerken.

„Also, ich schlage vor, dass wir jetzt einen kleinen Ausflug unternehmen. Komm einfach mit, dann wird alles gut, chica. Na?“

„Was soll der Scheiß? Ihr seid ja irre!“ Anaïs versuchte sich mit Gewalt freizukämpfen. Erfolglos. Die beiden hakten sie jetzt unter, als wollten sie mit ihr einen Spaziergang machen.

„Hilfe!“ Anaïs begann zu schreien. „Hi…“ Die Hand lag so schnell auf ihrem Mund, dass sie sich verschluckte und würgend hustete. Die Finger rochen nach Zigaretten.

„So geht das nicht, Kleine.“ Sie konnte den Atem des Messergesichts an ihrer Wange spüren. „Bevor du weitere Dummheiten machst, können wir dir auch gleich sagen, dass wir deine …“

„He, was geht da ab? Anaïs? Bist du das?“ Bugo stand plötzlich vor ihnen, wischte sich den Regen aus den Augen und starrte sie an. „Moment mal, was macht ihr da mit ihr?“

Anaïs stieß einen erstickten Laut aus.

Bugo reagierte sofort. Mit einem wütenden Aufschrei warf er sich auf den Nächststehenden. Der Mann taumelte unter dem Anprall einen Schritt zurück, der Griff um Anaïs’ Arm lockerte sich und die Hand rutschte von ihrem Mund. Im selben Augenblick hatte sie sich auch schon mit einem Ruck befreit, während sie dem anderen Typen mit aller Kraft gegen das Schienbein trat.

„Weg hier!“ Bugo packte ihre Hand und zog sie mit sich. Sie rannten, bis sie den Club erreichten. Als Bugo die Eingangstür aufstieß, wehten ihnen Musik und Stimmen von drinnen entgegen. „Puh … Was wollten die denn von dir?“

Anaïs warf einen raschen Blick über die Schulter: Die Männer waren verschwunden. „Keine Ahnung! Zwei Verrückte, die irgendwas davon gefaselt haben, ich solle mitkommen oder so … Danke, Bugo.“

Bugo schüttelte den Kopf, dann blickte er nachdenklich in Richtung Tür. „Aber ich kenne die beiden. Glaub ich zumindest, so ganz hundertpro könnte ich es zwar nicht sagen, aber …“

„Was?! Wer sind die?“

„Die Gleichen, die heute Nachmittag vor dem Club gestanden haben.“ Er sah Anaïs mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wenn du mich fragst, sieht fast nach …“

„He! Macht ihr mal voran, ihr zwei, oder wollt ihr heute als Türsteher arbeiten?“ Paul klatschte auffordernd in die Hände.

„Die zwei Kerle von heute Nachmittag wollten gerade deiner DJane an die Wäsche, Boss!“

„Wem? Anaïs?“ Paul trat schnaubend hinter dem Tresen hervor. „Das sollen die mal probieren, dann kriegen sie es aber mit mir zu tun. Sind die noch da?“

„Nein.“ Anaïs schüttelte den Kopf.

„Na, umso besser. Und du fährst mir heute mit dem Taxi nach Hause, Mädchen, keine Widerrede. Das geht aufs Haus, damit wir uns verstehen. Ist denn überhaupt alles okay mit dir?“ Besorgt blickte Paul sie an.

„Ja, ja, schon gut. Ist ja nichts weiter passiert.“ Anaïs schlüpfte aus ihrem feuchten Anorak und schüttelte sich.

„He, Boss, kommst du mal?“ Gitta, die schon seit der früheren Schicht kellnerte, winkte quer durch den Raum. „Bin schon da.“ Paul tätschelte Anaïs den Arm, bevor er mit einer entschuldigenden Geste verschwand, während Bugo Anaïs aufmunternd zuzwinkerte und zu den Hinterräumen lostrabte.

Anaïs blieb mit hängenden Armen stehen. Die hatten ihren Namen gekannt. Warum hatte sie das Paul nicht gesagt, oder Bugo? Einen kleinen Ausflug. Beide hatten einen Akzent gehabt. Chica. Also wohl spanisch.

Hätte Bugo heute Abend nicht noch mal weggemusst und wäre deswegen überraschend auf der Straße aufgetaucht, wer weiß, was passiert wäre. Was hatte der eine sagen wollen, als Bugo dazwischengeplatzt war? Dass wir deine … Deine was? Und dass die beiden vermutlich heute Nachmittag schon da gewesen waren … Anaïs spürte, wie ihr eine Gänsehaut über den Nacken kroch.

4 Meine

Könnten Sie bitte noch einen Moment warten, wollte Anaïs sagen, bis ich bei der Haustür bin? Leider kam ihr eine Auftragsmeldung aus dem Taxifunk nach dem ersten Wort dazwischen. Eine krächzende Stimme, die eine Adresse ansagte. Der Fahrer drückte einen Knopf. „Bin schon unterwegs!“ Dann hielt er an. „Alles schon bezahlt, junge Frau“, meldete er über die Schulter zurück.

Anaïs spürte seine Ungeduld, weiterzukommen. Sie murmelte einen Gruß, stieg aus und schlug die Tür zu. Das Auto fuhr sofort los und entfernte sich mit gedämpftem Motorbrummen.

Die Straße lag still vor ihr. Es musste ungefähr Viertel nach drei sein, vielleicht schon halb vier. Sie war eine Stunde früher gegangen heute, Bugo hatte die Turntables übernommen. Im Club war nicht viel los gewesen und Bugo machte das manchmal mehr Spaß als das Kellnern, das wusste sie. Paul hatte auch nichts dagegen gehabt, und so war sie klammheimlich durch den Hinterausgang verschwunden, wo das Taxi schon auf sie gewartet hatte. Keiner hatte es ausgesprochen, aber es hatte wie eine Gedankenblase in der Luft gehangen: Falls die Kerle immer noch in der Nähe sind.

Zuerst hatte sie aufgeatmet, als sie sicher im Taxi saß, doch dann war ihr etwas eingefallen. Siedend heiß. Warum hatte sie nicht vorher daran gedacht? Wenn die ihren Namen kannten, dann wussten sie bestimmt auch ihre Adresse, oder? Hätte sie doch nur Bugo gebeten, sie zu begleiten, war es ihr durch den Kopf geschossen. Dann hatte sie versucht, Maxine anzurufen, war aber nur auf der Mailbox gelandet.

Sie biss sich auf die Lippen und atmete tief durch. Nach der Mischung aus verbrauchter Luft und Schweiß im Club brannte ihr die Nachtluft kalt und klar in der Lunge. Mit schmalen Augen blickte sie zum Haus hinüber - alles schien ruhig. Ein paar Autos waren am Straßenrand geparkt, ein einsames Fenster im nächsten Gebäude erleuchtet, nichts Beunruhigendes.

Zögernd spähte sie noch einmal in alle Richtungen. Was sollte das alles? Warum sollte jemand sich die Mühe machen, sie zu bespitzeln, ihren Namen herauszufinden und sie zu verschleppen? So ein Quatsch! Purer Zufall, sonst nichts. Das Leben war kein Fernsehkrimi.

Trotzdem. Anaïs rannte los, über die Straße und zur Haustür; schnell die Tür auf, ihre Schritte hallten in dem leeren Gang. Jetzt klirrten die Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Himmel, sie zitterte ja wie verrückt. Nichts wie rein! Sie drückte die Wohnungstür hinter sich zu, legte die Sicherheitskette vor und ließ sich aufatmend gegen die Wand der Garderobe sinken. In der Wohnung war alles ruhig. Klar, ihre Schwester schlief. Was sollte sie sonst um diese Uhrzeit tun?

Anaïs begann plötzlich leise zu kichern. Sie war wirklich schon paranoid! Konstruierte sich irgendwelche Geschichten zusammen. Dabei war die ganze Sache letztlich harmlos. Warum die ihren Namen kannten? Wie gesagt: ein dummer Zufall. So was gab es. Sie musste dafür sorgen, dass sie mehr Schlaf bekam. Und damit konnte sie gleich anfangen: geschwind in die Küche, einen Träum-süß-Tee überbrüht und ab ins Bett.

Anaïs schaltete das Küchenlicht ein - und erstarrte.

Der Tisch lag umgestürzt auf der Seite, ein Stuhl daneben, in einer Glasscheibe der Hängeschränke prangte ein gezacktes Loch. Ein Kissen war aufgeplatzt und weiße Federchen zitterten in einem kaum merklichen Lufthauch am Boden.

„Maxine!“ Jetzt schrie sie es mit sich überschlagender Stimme, während sie bereits die Tür zum Schlafzimmer der Schwester aufriss.

Stille antwortete ihr. Maxines Bett war unberührt, das Zimmer dunkel, nur das Licht am Notebook glühte, als hätte Maxine eben noch am Computer gesessen. Ein kleiner Lichtpunkt, sonst nichts.

„Maxine“, flüsterte Anaïs.

Fort. Maxine war fort. Anaïs spürte es so deutlich, als hätte sie bereits in jedes Zimmer geschaut. – Trotzdem stürzte sie los, durchstöberte jeden Winkel der Wohnung. Im Badezimmer roch es nach Maxines Parfüm, zu stark, um angenehm zu sein. Der Flakon war zu Bruch gegangen, kleine Scherben lagen überall am Boden verstreut, ein paar Tiegel und Cremetuben dazwischen, der Wäschekorb war umgestürzt. Anaïs holte die Kehrschaufel aus der Küche, begann die Scherben flüchtig zusammenzufegen. Vielleicht würde es ihr ja beim Denken helfen, wenn sie ein wenig Ordnung machte. Vielleicht half es gegen die Panik, die in ihr brodelte wie Lava, bereit, jeden Moment auszubrechen.

„Denk, Anaïs, denk nach“, flüsterte sie beschwörend. Was war geschehen? Ein Kampf ohne Frage, Spuren davon in der Küche und im Bad. Der Rest der Wohnung lag unberührt. Einbrecher, Diebe? Unwahrscheinlich. Die hätten eher die Schlafzimmer durchsucht. Kein Mensch hortete Wertgegenstände in der Küche. Und Maxine? War sie ihnen in die Quere gekommen? Oder waren sie ihretwegen gekommen? Womöglich war jemand hinter ihr her, so wie diese beiden, die heute sie, Anaïs, abgepasst hatten. Aber warum?

Oder war Maxine gar nicht in der Wohnung gewesen? Aber ihre Stiefel standen ja in der Garderobe! War sie vielleicht doch hier irgendwo? Vielleicht hatte sie sich ja vor den Eindringlingen versteckt, im Keller, auf dem Dachboden. Dort hatte Anaïs noch nicht nachgesehen, das würde sie jetzt sofort nachholen.

Sie stellte hastig den Wäschekorb ab, stopfte mechanisch ein herausgerutschtes Handtuch zurück, wandte sich schon ab, stutzte dann. Was war das? So rot unter dem Handtuch? Doch kein … Blut?

Anaïs hob das Handtuch ganz vom Boden, schob den Korb zurück. Ihr Hirn erkannte das Zeichen sofort, zog es aus der verborgenen Kammer ihrer Kindheit und ordnete es ein, während sie noch stand und sich zu glauben weigerte, was sie sah.

Maxine musste einen Lippenstift verwendet haben, leuchtend rot, schmierig, auf der Kreislinie ein Klecks, dann schien der Stift abgebrochen zu sein. Die zwei Zickzacklinien, die den Kreis durchschnitten, waren klar, mit scharfen Ecken. Krokodilsrachen hatten sie die Linien genannt, damals, nach dem Tod der Eltern, als ihre Welt auf einmal so brüchig geworden war. Eng zusammengerückt waren sie zu jener Zeit, Anaïs und ihre Schwester, um sich nicht ganz so schutzlos zu fühlen, und mit einem Mal spürte Anaïs, als geschähe es in diesem Moment, die weiche Wange Maxines an ihrer eigenen, den warmen Atem, der an ihrem Ohr flüsterte: „Wir machen uns ein Zeichen aus. Eines, das sonst keiner kennt. Wenn wir jemals in Gefahr kommen. Und wir schwören uns, dass wir uns dann gegenseitig helfen.“

Sie hatten sich den Krokodilsrachen ausgedacht, denn wo sollte man in größerer Gefahr sein als in so einem Maul, gefangen von spitzen Zähnen? Sorgfältig hatten sie das Zeichen damals auf ein Blatt gemalt und Maxine hatte daruntergeschrieben: Gefahr! Ich brauche absolut deine Hilfe!

Dann hatten sie feierlich geschworen.

Hinter Anaïs’ Augen brannten plötzlich Tränen. Das Zeichen war nie zur Anwendung gekommen, aber es war immer gut und tröstlich gewesen, zu wissen, dass es existierte. Damals.

Anaïs ließ sich auf die Knie fallen und fuhr die verschmierte rote Kontur mit dem Finger nach. Der Kreis, die gezackten Linien, die kindlich formulierten Worte.

Gefahr! Ich brauche absolut deine Hilfe!

Was war mit Maxine geschehen, dass sie das hier auf den Boden geschmiert hatte? Was für eine Angst musste sie angetrieben haben, dass ihr das Zeichen wieder eingefallen war … Und wo war sie jetzt?

5 Welt

Der Keller. Sie musste auch dort noch nachsehen. Ihr Abteil, mit einer hölzernen Gittertür abgetrennt, hinter der ihre Snowboards lehnten, ein paar noch unausgepackte Umzugskartons, ein Ikea-Regal mit irgendwelchen Pokalen, die Maxine gewonnen hatte, anderweitiges Zeugs, sonst nichts.

Der Innenhof? Stand Maxine dort, blickte in den Himmel, bestaunte die Winternacht? Was für ein ausgemachter Schwachsinn! Anaïs lief trotzdem hinaus, schaute hinter die Müllcontainer, zur Teppichstange, in die Ecke, in der alte Gartengeräte lagen. Wieder nichts.

Sie kehrte zurück in die Wohnung, tippte noch einmal Maxines Nummer in ihr Handy. Nach einem Moment des Wartens hörte sie entfernt ein melodisches Klingeln. Es kam aus dem Gang. Langsam ließ Anaïs das Telefon sinken. Maxine hatte ihr Handy gar nicht dabei.

Sie ging zurück in die Küche, hob den umgekippten Stuhl auf und ließ sich darauf fallen. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht, rieb sich die Augen, die Wangen. Was um alles in der Welt sollte sie tun? Wenn sie nur nicht so übernächtigt gewesen wäre, so müde, dass sie gar nicht mehr richtig denken konnte. Wie gelähmt starrte sie auf das Loch in der Scheibe des Küchenschranks. Die Minuten dehnten sich ins Unerträgliche, vom Ticken der Küchenuhr in gleichmäßige Scheiben geschnitten.

Das Schrillen ihres Mobiltelefons ließ sie hochfahren. Du liebe Güte, hatte sie den Klingelton so laut gestellt? Fahrig nestelte sie das Gerät aus ihrer Jeanstasche, fast rutschte es ihr aus den Fingern, sie konnte es gerade noch festhalten, während sie einen Blick auf das Display warf. Eine unterdrückte Nummer.

Sie hörte die Stimme, bevor sie etwas sagen konnte, ein dringliches Flüstern: „Anaïs? Anaïs? Bitte, antworte!“

„Maxine!“

„Ani, du musst mir helfen. Bitte, Ani! Die bringen mich nach Ta…“ Die Verbindung brach ab.

„Maxine“, keuchte Anaïs. Ihr Daumen scrollte automatisch auf Rückruf, blieb dann aber unschlüssig in der Luft hängen. Halt. Maxine hatte sie angerufen, von einem fremden Handy aus, dessen Nummer jemand nicht preisgeben wollte, hatte geflüstert, offenbar heimlich telefoniert, hatte den Anruf spontan weggedrückt. War ihr Telefonat entdeckt worden? Oder hatte sie es geschafft, das Handy blitzschnell verschwinden zu lassen? Wenn Anaïs jetzt anrief, würde es sehr wahrscheinlich im falschen Moment klingeln, vielleicht auch noch in Maxines Hosentasche, in die es nicht gehörte. Und wenn genau das erst zur Entdeckung von Maxines Anruf führte? Verdammt! Die bringen mich nach Ta… Was war Ta…? Und wer waren die?

Du musst mir helfen.

Verzweifelt knallte sie das Telefon auf den Küchentisch. Nur einen Moment später läutete es erneut, vibrierte dazu mit einem trockenen Brummen auf dem Holz. Anaïs riss es geradezu ans Ohr.

„Maxine! Wo bist du? Was ist passiert?“

In der Leitung blieb es still. „Maxine? Maxine! Bist du da?“ Anaïs war sich sicher, ein Atmen zu hören, ein Atmen in einem ruhigen, dunklen Rhythmus, der dennoch nichts Friedliches hatte. Das Gefühl der Bedrohung wurde mit einem Mal so übermächtig, dass Anaïs die Verbindung panisch wegdrückte und das Handy klappernd auf den Tisch fallen ließ. Das Herz klopfte ihr bis in den Hals.

Nein, dieses zweite Mal, das war nicht Maxine gewesen. Es hatte sich … böse angefühlt. Oder wurde sie jetzt komplett verrückt? Nein, auf ihr Bauchgefühl konnte sie sich verlassen. Und das sagte ihr, dass ihrer Schwester etwas Schlimmes zugestoßen war.

Was. Sollte. Sie. Tun?

Etwas zuckte Anaïs durch den Kopf, war genauso schnell wieder verschwunden. Frustriert schlug sie sich gegen die Stirn. Ein Gedanke, eine Idee war kurz aufgeblitzt und gleich wieder ins Dunkel ihrer Müdigkeit getrudelt. Aufgeblitzt. Ein Licht … Natürlich! Maxines Computer. Der hatte noch geleuchtet. Vielleicht würde sie dort irgendetwas finden, was ihr weiterhelfen konnte.

Anaïs lief ins Zimmer der Schwester. Ja, da stand das Notebook noch. Sie packte es, warf sich damit aufs Bett. Und da war es schon! Der letzte gegoogelte Aufruf: Tarifa. Das konnte kein Zufall sein. Was sagte Wikipedia?

Tarifa in der andalusischen Provinz Cádiz (Spanien) ist die südlichst gelegene Stadt Festlandeuropas. Sie markiert das östliche Ende der Costa de …

Von Tarifa aus konnte man schon Afrika sehen. Ein Surferparadies. Bilder von weißen Stränden, blauem Meer, das auf blauen Himmel traf. Windumtost. Bunte Kites. Volltreffer.

Was war der vorherige Eintrag im Verlauf? Ein Name: Raul Rosas. Anaïs klickte ihn an.

Raul - Maxines neuer Freund hieß Raul. Viel mehr wusste Anaïs nicht von ihm. Er schien aus irgendwelchen Gründen nicht zu wollen, dass Maxine über ihn sprach. Kennengelernt hatte Anaïs ihn auch noch nicht. Seltsamer Typ. Na ja, irgendwas musste er haben, sonst hätte Maxine sich nicht in ihn verliebt. Vielleicht war er auch einfach nur ein bisschen menschenscheu. Hatte Maxine ihn tatsächlich gegoogelt?

Da war er schon: Raul Rosas. Vielmehr: waren sie. Wie konnten so viele Männer den gleichen Namen haben und noch dazu relativ ähnlich aussehen? Alle spanisch oder südamerikanisch und schwarzhaarig. Etliche Einträge auf Facebook, ebenso viele auf Twitter, außerdem ein Video, wo ein Raul Rosas seinen Gegner in einer Art Kampfkäfig niederrang, beide Männer kahlrasiert und mit glänzenden Muskeln. Zumindest von denen war garantiert keiner Maxines Freund.

Mist, so kam sie nicht weiter.

Anaïs klickte auf Maxines Postfach. Auch hier kaum Nennenswertes, lediglich ein paar Mails von der Uni. Und was war mit Maxines Facebook-Konto? Hätten hier nicht ein paar persönliche Nachrichten sein müssen? Freunde, Studienkollegen? Seltsam. Bei Maxine war da in letzter Zeit nichts Neues mehr gepostet worden. Hatte ihre Schwester denn ihre sämtlichen Kontakte so reduziert?

Anaïs klappte das Notebook zu und starrte in die Dunkelheit. Maxine, wo steckst du? Was um alles in der Welt ist passiert? Sie schüttelte den Kopf. Wenn nur eines der Dinge, die hier standen, sprechen könnte. Eines der Bücher oder Bilder, das Bett, irgendetwas. Stumme Zeugen und hilflose Wächter.

Ein Geräusch schreckte sie auf. Ein Auto, vorne auf der Straße, aber … Wie lange war es eigentlich her, dass sie nach Hause gekommen war, eine Stunde früher als sonst?

Anaïs huschte in die Küche und knipste das Licht aus. Gut, dass der Raum nach hinten hinausging. Sie lief zurück in Maxines Zimmer und spähte am Vorhang vorbei hinaus. Verdammt! Ihr Bauchgefühl hatte recht gehabt. Ein Auto parkte vor dem Haus, eine der hinteren Türen stand offen, zwei Männer daneben, ein dicker und ein anderer, größerer. War das der mit dem Messergesicht? Schwer zu sagen; auch ob noch jemand im Wagen saß, konnte sie nicht genau erkennen. Der größere blickte plötzlich zu ihrem Fenster hinauf, als hätte er ihren Blick gespürt, und Anaïs fuhr zurück. Das Messergesicht, keine Frage. Selbst im diffusen Licht der Straßenlaterne hatte der Bruchteil einer Sekunde genügt, dieses markante Profil wiederzuerkennen. Ob er sie auch gesehen hatte hinter dem Vorhang? Und der andere musste der sein, der sich ihr in den Weg gestellt hatte, das Gesicht hatte sie nicht wahrgenommen, aber die Statur stimmte. Ihre Verfolger von vorhin … Die sie zu einem kleinen Ausflug hatten mitnehmen wollen. Was hatte der eine gesagt? Bevor du weitere Dummheiten machst, können wir dir auch gleich sagen, dass wir deine …

Die Erkenntnis war klar und sie kam blitzartig. Deine Schwester. Das hatte das Messergesicht sagen wollen, als Bugo dazwischengekommen war: … dass wir deine Schwester haben.

Nackte Angst pulsierte durch Anaïs’ Magengrube. Sie schlüpfte in ihre Converse, schnappte sich die Schlüssel und rannte los. In was für einen wahnwitzigen Alptraum war sie geraten? Was hatte das alles mit ihr zu tun? Oder mit Maxine?

Die beiden, die gerade vorgefahren waren, würde sie lieber nicht danach fragen.

6 dreht

Mit zitternden Händen zog Anaïs die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Behutsam, leise, nur kein Geräusch machen. Im gleichen Moment hörte sie, wie die Haustür im Untergeschoss aufschwang. Automatisch ging das Licht an. Drei Stockwerke ohne Lift, mehr trennte sie nicht von den Männern. Nach unten zu laufen war nicht mehr möglich. Also hinauf, zum Dachboden.

Kamen sie? Wenn ja, dann bewegten sie sich sehr leise. Anaïs’ eigene Schritte dagegen erschienen ihr laut und schwer, ihre Gummisohlen quietschten unvermittelt. Anaïs erstarrte. Hatten die sie gehört? Mit angehaltenem Atem horchte sie. Stille, dann unterdrückte Stimmen, Schritte. Langsam ließ Anaïs die Luft entweichen, zugleich schlüpfte sie aus den Schuhen, nahm sie in die Hand und huschte auf Strümpfen weiter, nicht ohne innerlich zu verfluchen, dass die Wohnungen der untersten zwei Stockwerke mit Anwaltskanzleien und einer Arztpraxis belegt waren und der vierte Stock von einem Fotografen, der ständig auf Reisen war. Was erst wie ein Glücksfall gewirkt hatte - ein Haus, in dem sie, wenn sie wollten, die ganze Nacht laute Musik machen oder Partys feiern konnten, ohne jemanden zu stören -, offenbarte gerade seine Schattenseiten: keine Mitbewohner, die ihr jetzt hätten helfen können. Wie war der Polizeinotruf? Egal. Wenn die Männer sie telefonieren hörten, würden sie schneller bei ihr sein als jede Polizei. Sie brauchte erst mal dringend ein Versteck.

Die Dachbodentür. Weiß lackiertes Eisen. Bitte, all ihr himmlischen Mächte, lasst die offen sein!

Waren die Männer schon bei ihrer Wohnungstür? Flüstern drang herauf, ein verhaltenes Schaben von Metall auf Metall. Versuchten sie das Schloss zu knacken oder war das ein Schlüssel, der ins Schloss rutschte? Hatten sie Maxines Schlüssel? Jetzt wieder Stille, die Männer mussten in der Wohnung sein. Vorsichtig drückte Anaïs die Klinke der Dachbodentür hinunter, die mit einem unwilligen Knacken nachgab. Die Tür schwang auf und Anaïs tauchte ein in den Geruch von Staub, Holz und abgestandener Luft.

Als sie und Maxine in die Wohnung eingezogen waren, hatten sie nur einmal kurz hier heraufgeschaut. Das Kellerabteil reichte ihnen zum Aufbewahren ihrer paar Habseligkeiten. Der Dachboden war früher einmal der Trockenboden gewesen, wo die Leute ihre Wäsche aufgehängt hatten, jetzt standen hier überflüssige Möbel, über die Zeiten vererbt: entweder zu sperrig für die Wohnungen oder ungeliebt, dabei einerseits zu wertvoll, um sie wegzuwerfen, andererseits nicht edel genug, um sie beim Antiquitätenhändler zu verhökern. Wie die Silhouetten unförmiger kleiner Riesen hockten sie zusammengekauert in dem vagen Schein der Straßenbeleuchtung, der über die runde Dachluke an der Stirnseite des Gebäudes hereinfiel.

Anaïs’ Hirn arbeitete auf Hochtouren. Die beiden unten würden sehr schnell feststellen, dass Anaïs nicht in der Wohnung war. Und dann? Würden sie einfach abziehen? Zum zweiten Mal mit leeren Händen? Schwer vorstellbar. Und wenn die Kerle sie suchten, dann würden sie das voraussichtlich gründlich tun. Die hatten Maxine mitgenommen, aus was für Gründen auch immer. Das war Menschenraub, nicht irgendein kleiner Einbruch. Sie musste sich ein verdammt gutes Versteck suchen! Hektisch blickte sie sich um. In einen der Schränke kriechen? Hinter die Kommode? Der Zwischenraum wäre groß genug. Aber dorthin würden sie bestimmt als Erstes blicken. Wohin sonst?

Wie staubig es hier war. Hinterließ sie eigentlich Fußspuren? Bitte, bitte nicht, das würde die Männer genau zu ihrem Versteck führen. Sie wollte das Deckenlicht keinesfalls einschalten, aber ihr Handy hatte eine Taschenlampenfunktion. Anaïs aktivierte sie mit fliegenden Fingern.

Hier lehnte ein alter Besen, nur noch eine filzige, dünne Schicht Borsten auf dem Holzgerippe. Damit ließ sich jede Spur gut verwischen, sie musste ihn nur hinter sich herziehen, dabei ein bisschen über den Boden wedeln. Die Tür des Schrankungetüms klemmte, jedoch nur kurz. Ein alter Anzug hing darin, ein Abendkleid, ansonsten war er leer. Sollte sie da hinein? Anaïs zögerte. Wenn jemand die Tür aufmachte, würde er sie da sitzen sehen, auf dem Präsentierteller, ohne eine Chance zu entkommen. Nein! Das Gleiche galt für die anderen Schränke. Gab es denn nirgends eine Nische, ein besseres Versteck? Die Männer wussten inzwischen, dass die Wohnung leer war. Und dann? Sie würden im Keller nachsehen und auf dem Dachboden. Genauso wie sie, Anaïs, Maxine gesucht hatte. Bei dem Gedanken, dass ihre Verfolger jeden Moment in der Tür stehen konnten, gaben für einen Moment ihre Beine nach. Irgendwas musste es hier doch geben!

Da, hinter dem Regal. Eine kleine Nische zur Kaminmauer hin. Unsinn, da würde man sie auch gleich entdecken, sobald man einen einzigen Blick in diese Richtung warf. Es war hoffnungslos. Kurz lehnte sie sich an die Mauer und stützte die Stirn gegen den Kaminmantel. Die Mauer hatte noch die Heizwärme des Tages gespeichert. Das Eisengitter im gemauerten Kaminmantel war nicht nur Putzklappe, es hatte früher auch Wärme in den Trockenboden geleitet. Die Klappe … Anaïs stutzte. Sie würde hindurchpassen! Nicht ganz leicht, aber es sollte gehen. Schon hatte sie den Eisenhebel aufgestemmt. Er durfte nur nicht zufallen, während sie da drin war. Die Vorstellung, hinter dem Gitter gefangen zu sein, während die Heizung wieder ansprang, ließ sie einen Moment zaudern. Vermutlich würde es schneller zum Tod führen, wenn sie, während sie verdurstete, gleichzeitig bei lebendigem Leib geröstet wurde. Bis man sie suchen und sich jemand hier herauf verirren würde, würden nur noch ihre mumifizierten Finger durch das Gitter ragen. Unwillkürlich musste sie hysterisch kichern.

Hatte auf der Kommode nicht ein Stück Draht gelegen? Entschlossen bog sie den Hebel so weit hinunter, dass er nicht mehr in die Haltevorrichtung einrasten konnte, und schob sich mit den Füßen voraus in den engen Hohlraum. Im letzten Moment dachte sie daran, sich die Kapuze ihres Sweatshirts über den Kopf zu ziehen und ihre Haare hineinzustopfen, dann hatte der dunkle Schlund sie aufgenommen. Sie fädelte den Draht durch eine der untersten Gitteröffnungen und schloss die Klappe hinter sich, zog sich vorsichtshalber noch ihr Halstuch über die Nase. Um Gottes willen nicht niesen, das würde durch das Abzugsrohr wahrscheinlich durchs ganze Haus schallen.

Jetzt konnte sie nichts mehr tun als warten.

Die Zeit dehnte sich zäh und endlos. Der Geruch nach kaltem Rauch legte sich klebrig auf Anaïs’ Haut, als wollte er nicht nur in ihre Lunge, sondern durch jede Pore in ihren gesamten Körper eindringen. Nach einer Weile begannen die Muskeln in ihren Beinen und Schultern zu schmerzen. Wie lange sollte sie versteckt bleiben, falls die beiden doch nicht kamen? Am besten, bis es hell wurde. Vielleicht waren sie ja schon weg. Hatten die Wohnung durchsucht, Anaïs nicht gefunden und daraus geschlossen, dass sie gar nicht hergekommen war.

O Gott, in was für eine Geschichte war sie da geraten? Gerade noch hatte es ausgesehen, als würden die Zeiten absolut rosig werden – eigene Wohnung, der Job im Blitz, das Abendgym -, da brachen von einer Minute auf die andere all ihre Sicherheiten in sich zusammen.

Wer waren diese Männer, die hinter ihr her waren? Und die ganz offensichtlich auch ihre Schwester entführt hatten? Immer wieder hörte sie Maxines Stimme in ihrem Kopf, das geflüsterte: Sie bringen mich nach Ta…