Verlag: Suhrkamp Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung China Girl - Don Winslow

Robert Pendleton ist ein Chemiegenie; was er entwickelt, bedeutet nicht nur Fortschritt, es bedeutet vor allem Reichtum und Macht. Als er plötzlich verschwindet, sind alle in Aufruhr: die CIA, die chinesische Regierung und die »Bank«, die sehr viel Geld in Pendletons Forschung investiert hat. Neal Carey soll ihn wiederfinden – ein Routinejob, wie er glaubt, bis er auf die schöne und geheimnisvolle Li Lan trifft. Im dunklen Herzen Chinas soll Neal die Antwort auf alle Fragen finden – oder den Tod. Alle Titel der Neal-Carey-Serie: London Undercover (Neal Carey 1)China Girl (Neal Carey 2)Way Down on the High Lonely (Neal Carey 3 – angekündigt unter dem Titel Holy Nevada)A Long Walk Up the Water Slide (Neal Carey 4 – angekündigt unter dem Titel Lady Las Vegas)Palm Desert (Neal Carey 5)

Meinungen über das E-Book China Girl - Don Winslow

E-Book-Leseprobe China Girl - Don Winslow

Robert Pendleton ist ein Chemiegenie; was er entwickelt, bedeutet nicht nur Fortschritt, es bedeutet vor allem Reichtum und Macht. Als er plötzlich verschwindet, sind alle in Aufruhr: die CIA, die chinesische Regierung und die »Bank«, die sehr viel Geld in Pendletons Forschung investiert hat. Neal Carey soll ihn wiederfinden – ein Routinejob, wie er glaubt, bis er auf die schöne und geheimnisvolle Li Lan trifft. Im dunklen Herzen Chinas soll Neal die Antwort auf alle Fragen finden – oder den Tod.

Don Winslow wurde 1953 in New York geboren. Bevor er mit dem Schreiben begann, verdiente er sein Geld unter anderem als Kinobetreiber, Fremdenführer auf afrikanischen Safaris und chinesischen Teerouten, Unternehmensberater und immer wieder als Privatdetektiv. Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Krimi Preis 2011 für Tage der Toten. Don Winslow lebt mit seiner Frau in Kalifornien.

Conny Lösch lebt Übersetzerin in Berlin. Sie hat u.a. Bücher von Ian Rankin, Elmore Leonard und Gail Jones ins Deutsche übertragen.

Zuletzt sind von Don Winslow im Suhrkamp Verlag erschienen: Savages – Zeit des Zorns (st 4489), Kings of Cool (st 4488), Vergeltung (st 4500) und London Undercover (st 4580).

DON WINSLOW

CHINA GIRL

Neal Careys zweiter Fall

Aus demamerikanischen Englischvon Conny Lösch

Suhrkamp

Die Originalausgabe erschien 1992 unter dem Titel

The Trail To Buddha’s Mirror

bei St. Martin’s Press, New York

Die deutsche Erstausgabe erschien 1997 unter dem Titel

Das Licht in Buddhas Spiegel

bei R. Piper GmbH & Co. KG, München

Das Zitat auf Seite 438 folgt der Übersetzung von Lore Krüger und Barbara Cramer-Neuhaus, Aufbau Verlag, Berlin 1956, 2008.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4581

© Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Copyright © 1992, Don Winslow

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlagmotiv: Brendan Gara/plainpicture

Umschlaggestaltung: cornelia niere, münchen

eISBN 978-3-518-74003-3

www.suhrkamp.de

Für Mark und Marcella

Zuvor hatte ich eine strohgedeckte Hütte in den Bergen gebaut, und mehrere Sommer und Winter dort verbracht, meine Leidenschaften unterdrückt und meine Begierden vernichtet.

Sheng Ch’in, Die Besteigung des Emei Shan

Prolog  DAD KLOPFT AN

Wieso hatte er bloß aufgemacht.

Neal Carey war eigentlich schlau genug – wenn man an die Tür geht, weiß man nie, wer davorsteht. Aber er hatte Hardin erwartet, den alten Schäfer, der nachmittags immer auf einen Whisky vorbeikam. Es regnete – schon seit geschlagenen fünf Tagen –, und normalerweise saß Hardin um diese Zeit längst mit einem »guten Tropfen gegen die Kälte« in der Hand hier bei ihm.

Neal zog seine Strickjacke fester um sich, schob den Sessel ein kleines bisschen näher an den Kamin und beugte sich tiefer über sein Buch. Das Feuer schlug eine tapfere, aber verlorene Schlacht gegen die Kälte und die Feuchtigkeit, die selbst für nordenglische Verhältnisse im März noch elend waren. Er nahm einen weiteren Schluck Kaffee und versuchte erneut, sich in Ferdinand Count Fathom von Tobias Smollett zu vertiefen, aber er war mit den Gedanken woanders. Den ganzen Tag lang hatte er sich schon mit dem Roman beschäftigt, und jetzt war’s Zeit für eine Unterhaltung und einen Whisky. Wo zum Teufel steckte Hardin?

Er sah aus dem kleinen Fenster des steinernen Cottages und konnte durch den Nebel und den peitschenden Regen nichts erkennen, nicht einmal den Schotterweg, der aus dem Dorf heraufführte. Sein Häuschen war das einzige in diesem Teil der Yorkshire Moors, und heute Nachmittag kam es ihm abgeschiedener vor denn je. Normalerweise gefiel ihm das – er wanderte nur alle drei bis vier Tage ins Tal, um Vorräte einzukaufen –, aber jetzt sehnte er sich nach Gesellschaft. Das Cottage, das er sonst so heimelig fand, erdrückte ihn. Die einzige elektrische Lampe schaffte es nicht, Licht in die allgemeine Düsternis zu werfen. Vielleicht litt er an einem Hüttenkoller − seit sieben Monaten hockte er, sah man von Hardins Besuchen einmal ab, alleine hier rum. Nur seine Bücher leisteten ihm Gesellschaft.

Als er es klopfen hörte, überlegte er nicht zweimal. Er sah nicht aus dem Fenster und erkundigte sich auch nicht, wer da war. Er riss die Tür auf, um Hardin hereinzulassen.

Nur dass es eben gar nicht Hardin war.

»Sohn!«

»Hallo, Dad«, sagte Neal.

Und in diesem Augenblick machte Neal Carey den zweiten Fehler. Er blieb stehen. Dabei hätte er ihm die Tür vor der Nase zuknallen, sie mit einer Stuhllehne unter dem Knauf verbarrikadieren, hinten aus dem Fenster springen und sich kein einziges Mal mehr umdrehen sollen.

Hätte er das getan, wäre er nicht in China gelandet, und Li würde noch leben.

Teil1  CHINA GIRL

1

Graham sah erbärmlich aus, wie er dort stand. Der Regen tropfte von der Kapuze seines Regenmantels auf seine schlammverkrusteten Schuhe. Er stellte seinen kleinen Koffer in eine Pfütze und wischte sich mit seiner künstlichen rechten Hand das Wasser von der Nase, schaffte es dabei sogar noch, Neal sein ganz besonderes Joe-Graham-Grinsen zu schenken, gleichermaßen boshaft wie schelmisch.

»Freust du dich nicht?«, fragte er.

»Bin ganz außer mir.«

Neal hatte ihn nicht mehr gesehen, seit Graham ihm im August am Logan Airport in Boston ein einfaches Flugticket und einen Scheck über zehntausend Pfund mit dem Befehl überreicht hatte, sich schleunigst aus dem Staub zu machen. In den Staaten waren ein paar Leute offenbar stinksauer. Neal hatte ihm die Hälfte des Geldes wiedergegeben, war nach London geflogen, hatte den Rest auf der Bank deponiert und sich in das Cottage verzogen.

»Was ist los?«, fragte Graham. »Hast du Damenbesuch, oder darf ich reinkommen?«

»Komm rein.«

Graham schob sich an Neal vorbei ins Haus. Joe Graham, triefende einmeterdreiundsechzig voller Hinterlist und Tücke, hatte Neal Carey praktisch von Kindheit an aufgezogen. Er schlüpfte aus seinem Regenmantel und schüttelte ihn aus. Dann fand er einen behelfsmäßigen Schrank, schob Neals Klamotten beiseite und hängte seinen Mantel hinein. Er trug einen knallblauen Anzug mit orangebraunem Hemd und weinroter Krawatte. Aus seinem Jackett zog er ein Taschentuch, wischte Neals Stuhl ab und setzte sich.

»Danke für deine zahlreichen Karten und Briefe«, sagte er.

»Du hast gesagt, ich soll verschwinden.«

»Was man so sagt.«

»Du hast doch gewusst, wo ich bin.«

»Wir wissen immer, wo du bist, Sohn.«

Wieder Grinsen.

Hat sich in den sieben Monaten kaum verändert, dachte Neal. Seine blauen Augen waren immer noch hellwach, sein strohblondes Haar höchstens ein klein bisschen dünner. Das Koboldgesicht sah immer noch aus, als würde es unter einem Fliegenpilz hervorlugen. Und er war jederzeit bereit, einem zu zeigen, wo der Eimer Scheiße am Ende des Regenbogens stand.

»Welchem Umstand verdanke ich das Vergnügen, Graham?«, fragte Neal.

»Keine Ahnung. Hab ich dich gestört?«

Er machte eine obszöne Geste mit seiner schweren Gummihand, die er stets halb geschlossen hielt. Damit bekam er so gut wie alles hin. Fast alles. Neal erinnerte sich, dass Graham sich einmal die linke Hand bei einer Prügelei gebrochen hatte. »Wenn du pissen musst«, hatte Graham gesagt, »weißt du, wer deine wahren Freunde sind.« Neal war einer davon.

Graham sah sich übertrieben demonstrativ um, obwohl Neal wusste, dass er in den wenigen Sekunden, die er gebraucht hatte, um seinen Mantel aufzuhängen, längst jedes Detail registriert hatte.

»Schön hast du’s hier«, sagte Graham mit ironischem Unterton.

»Für mich genau richtig.«

»Da hast du allerdings auch wieder recht.«

»Kaffee?«

»Gibt’s denn einen sauberen Becher?«

Neal ging in die kleine Küche und kam mit einem Becher wieder, den er Graham in den Schoß warf. Graham nahm ihn unter die Lupe.

»Vielleicht können wir ja irgendwohin gehen«, sagte er.

»Vielleicht können wir auch das ganze Theater lassen, und du erzählst mir, was du hier willst.«

»Wird Zeit, dass du wieder arbeitest.«

Neal zeigte auf die Bücherstapel vor und neben dem Kamin.

»Ich arbeite.«

»Ich meine richtige Arbeit.«

Neal lauschte dem Regen auf dem Reetdach. Seltsam, dachte er, dass er das hören konnte, Grahams Klopfen an der Tür vorhin aber nicht erkannt hatte. Graham hatte mit seiner harten Gummihand geklopft, weil er den Koffer in der rechten trug. Neal Carey war nicht in Form und wusste es.

Außerdem wusste er, dass es keinen Sinn hatte, Graham zu erklären, dass die Bücher auf dem Boden »richtige Arbeit« waren, also versuchte er es anders.

»Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, war ich ›suspendiert‹, schon vergessen?«

»Hast eine Abkühlung gebraucht.«

»Und jetzt bin ich kühl genug?«

»Kalt wie Eis.«

Ja, dachte Neal, genau. Eis. Steinhart, schmilzt aber schnell. Beim letzten Auftrag hätte man mich beinahe für immer kaltgemacht.

»Ich weiß nicht, Dad«, sagte Neal. »Ich glaube, ich hab mich zur Ruhe gesetzt.«

»Du bist vierundzwanzig.«

»Du weißt, wie ich das meine.«

Graham fing an zu lachen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er sah aus wie ein irischer Buddha ohne Bauch.

»Das Geld hast du noch, jedenfalls das meiste, oder? Wie lange kannst du davon leben?«

»Lange.«

»Wer hat dir beigebracht, so gut mit Geld zu haushalten?«

»Du.«

Du hast mir noch viel mehr beigebracht, dachte Neal. Wie man eine Zielperson verfolgt, ohne erkannt zu werden, wie man in eine Wohnung einsteigt, einen verschlossenen Aktenschrank öffnet und einen Raum durchsucht. Außerdem, wie man drei einfache, preiswerte Mahlzeiten pro Tag zubereitet, seine Wohnung in Ordnung hält und Selbstachtung wahrt. Einfach alles, was ein privater Ermittler draufhaben muss.

Neal war zehn Jahre alt gewesen, als er Graham zum ersten Mal begegnet war. Er hatte versucht, ihn zu beklauen, und sich dabei erwischen lassen. Danach fing er an, für ihn zu arbeiten. Neals Mutter ging auf den Strich, und seinen Vater hatte er nie gekannt, um Neals Selbstwertgefühl war es also nicht zum Besten bestellt. Er hatte kein Geld, nichts zu essen und keine Ahnung, was er eigentlich machen sollte. Joe Graham schaffte Abhilfe.

»Gern geschehen«, sagte Graham und riss Neal aus seiner Versunkenheit.

»Danke«, sagte Neal und kam sich undankbar vor, was Graham exakt so beabsichtigt hatte. Joe Graham war ein Talent allererster Güte.

»Ich meine, du willst doch an deine arschige Uni zurück, oder?«, fragte Graham.

Wahrscheinlich hat er längst schon wieder mit meinem Prof gesprochen, dachte Neal. Joe Graham stellte selten Fragen, deren Antworten er nicht kannte.

»Hast du mit Dr. Boskin gesprochen?«, fragte Neal.

Graham nickte vergnügt.

»Und?«

»Und er sagt dasselbe wie wir: ›Komm nach Hause, dir wird alles verziehen.‹«

Verziehen?!, dachte Neal. Ich hab getan, worum ihr mich gebeten habt. Für meine Mühen wurde ich mit einem Packen Geld und einer Fahrkarte ins Exil belohnt. Letzteres kommt mir gelegen, vielen Dank. Hat mich ja auch nur die Liebe meines Lebens und ein Jahr meiner Ausbildung gekostet. Aber Diane hätte mich sowieso verlassen, und ich brauchte Zeit für die Forschung.

Graham wollte ihn nicht allzu ausführlich nachdenken lassen, also sagte er: »Du kannst nicht ewig leben wie ein Molch, hab ich recht?«

»Wie ein Mönch, meinst du?«

»Ich weiß schon, was ich meine.«

Genau genommen, dachte Neal, könnte ich sehr gut ewig wie ein Mönch leben und dabei sehr glücklich sein.

Das stimmte. Neal hatte einige Zeit gebraucht, um sich an dieses Leben zu gewöhnen, aber jetzt machte es ihm Spaß, das Wasser selbst zu pumpen, auf dem Herd heiß zu machen, und sich dann draußen in eine lauwarme Wanne zu legen. Er war glücklich mit seinen Einkaufsausflügen runter ins Dorf, zweimal die Woche ein schnelles Bier trinken und vielleicht noch eine Partie Darts, auch wenn er meistens verlor, anschließend die Vorräte den Berg raufschleppen.

Sein Tagesablauf veränderte sich kaum, und das gefiel ihm. Er stand in der Dämmerung auf, setzte Kaffee auf und badete. Dann machte er es sich draußen mit dem ersten Becher bequem und betrachtete den Sonnenaufgang. Anschließend ging er zum Frühstücken rein – Toast, dazu zwei beidseitig gebratene Eier – und las bis zum Mittagessen − meist gab es Käse, Brot und Obst. Am Nachmittag wanderte er zur anderen Seite des Moors und widmete sich dann wieder seinen Büchern. Hardin und sein Hund tauchten meist gegen vier bei ihm auf, und zu dritt tranken sie jeder einen Schluck Whisky, der Schäfer und sein Schäferhund litten beide an leichten Gelenkschmerzen. Nach ungefähr einer Stunde war Hardin mit seinen Geschichten am Ende, und Neal sah noch einmal die Notizen durch, die er den Tag über gemacht hatte, dann warf er den Generator an. Anschließend machte er sich eine Dose Suppe oder einen Eintopf heiß, las noch ein bisschen und ging zu Bett.

Einsam, aber das kam ihm entgegen. Er machte Fortschritte mit seiner Masterarbeit, die er vorher immer wieder auf die lange Bank geschoben hatte, und eigentlich gefiel ihm das Alleinsein sehr gut. Schon möglich, dass er das Leben eines Mönchs führte, aber vielleicht war er ja einer.

Klar, Graham, ich könnte ewig so weitermachen, dachte er.

Und fragte stattdessen: »Was ist das für ein Job?«

»Irgendeine Hühnerkacke.«

»Klar, und du bist wegen irgendeiner Hühnerkacke extra von New York hierhergeflogen.«

Graham liebte das. Seine dreckige irische Visage strahlte wie das Gesicht eines Engels, dem Gott höchstpersönlich auf die Schulter klopft.

»Nein, Sohn, es geht wirklich um Hühnerkacke.«

In diesem Augenblick machte Neal seinen nächsten großen Fehler: Er glaubte ihm.

Graham öffnete seinen Koffer und nahm einen dicken Aktenordner heraus. Reichte ihn Neal.

»Darf ich vorstellen? Dr. Robert Pendleton.«

Pendletons Foto sah aus wie für einen internen Firmennewsletter aufgenommen, ein Porträtfoto mit der Bildunterschrift: Der neue stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Unternehmensentwicklung. An seinem Gesicht hätte man sich schneiden können, die Nase spitz, das Kinn kantig, der Blick messerscharf. Sein kurzes schwarzes Haar dünnte am Ansatz aus. Sein tapferer Versuch zu lächeln wirkte unnatürlich. Die Krawatte hätte Piloten in nebligen Nächten als Orientierungshilfe beim Landeanflug dienen können.

»Dr. Pendleton forscht im Auftrag eines Unternehmens namens AgriTech in Raleigh, North Carolina«, sagte Graham. »Vor sechs Wochen hat Pendleton seine Aufzeichnungen, Disketten und seine Zahnbürste eingepackt und ist abgereist, um an irgendeiner schwachsinnigen Konferenz an der Stanford University teilzunehmen, das liegt in der Nähe von …«

»Ich weiß.«

»… San Francisco, wo er im Mark Hopkins Hotel übernachtet hat. Die Konferenz ging über eine Woche. Pendleton ist nie zurückgekehrt.«

»Was sagt die Polizei?«

»Hab nicht mit denen gesprochen.«

»Wäre das nicht Standard in einem Vermisstenfall?«

Graham grinste ein Grinsen, maßgeschneidert, um Neal eins reinzuwürgen. »Wer hat behauptet, dass er vermisst wird?«

»Du.«

»Nein, hab ich nicht. Ich hab gesagt, er ist nicht zurückgekommen. Das ist ein Unterschied. Wir wissen, wo er ist. Aber er will nicht nach Hause.«

Na schön, dachte Neal, ich spiel mit.

»Warum nicht?«

»Warum was nicht?«

»Warum will er nicht nach Hause?«

»Freut mich, dass du endlich bessere Fragen stellst, Sohn.«

»Dann beantworte sie.«

»Er hat sich ein China Girl angelacht.«

»Womit du was meinst?«, fragte Neal. »Dass er sich in Gesellschaft einer asiatischen Liebesdienerin befindet?«

»Einer Chinesin.«

»Also, was ist das Problem, und was haben wir damit zu tun?«

»Schon wieder eine gute Frage.«

Graham stand vom Stuhl auf und ging in die Küche. Er öffnete den mittleren von drei Schränken, griff ins oberste Regal und zog Neals Scotch heraus.

»Alles hat seinen Platz und befindet sich auch dort«, sagte er fröhlich. »Das hast du ebenfalls von mir gelernt.«

Er kam wieder ins Wohnzimmer zurück, griff in seinen Koffer und holte einen kleinen Reisebecher aus Plastik heraus, der sich wie ein Teleskop ausziehen ließ. Dann schenkte er sich drei Finger breit Whisky ein und bot Neal die Flasche an.

»Klamm ist es hier«, sagte Graham.

Neal nahm die Flasche und stellte sie auf den Tisch. Er hatte keine Lust, sich übers Ohr hauen zu lassen und den Auftrag aus Sentimentalität anzunehmen.

Graham hob seinen Becher und sagte: »Auf die Queen und seine ganze Familie.«

Dann kippte er den Scotch in einem Zug runter und wartete, bis sich die Wärme ausgebreitet hatte. Wäre er eine Katze gewesen, hätte er geschnurrt, aber da er ein Blödmann war, grinste er nur anzüglich. Gegen die Kälte gewappnet, fuhr er fort: »Pendleton ist die weltweit größte Autorität, was Hühnerkacke angeht. AgriTech hat Millionen Dollar reingesteckt.«

»Lass mich raten«, sagte Neal. »Die Bank hat Millionen Dollar in AgriTech gesteckt?«

Allmählich begriff Neal, weshalb Graham hier so unverhofft aufgetaucht war.

»Bravo, mein Junge«, sagte Graham.

Damit ist alles gesagt, dachte Neal. Ich bin Grahams Junge, gehöre ihm, Levine und vor allem der Bank.

Die Bank war ein unauffälliges, kleines Finanzinstitut in Providence, Rhode Island, das seinen wohlhabenden Kunden zwei Dinge versprach: absolute Diskretion gegenüber der Presse, der Öffentlichkeit und dem Finanzamt und nebenbei stillschweigende Unterstützung bei den kleinen Problemen, die das Leben so mit sich brachte und die sich auch mit Geld nicht immer lösen ließen.

An dieser Stelle hatte Neal seinen Einsatz. Graham und er arbeiteten für einen geheimen Ableger der Bank namens »Friends of the Family«. Kein Türschild wies darauf hin, aber jeder mit dem entsprechenden Wertpapierbestand wusste, dass er sich bei Schwierigkeiten jederzeit an Ethan Kitteredge im Hinterzimmer wenden durfte und dieser unentgeltlich eine Lösung finden würde.

Normalerweise rief Kitteredge, der von seinen Angestellten nur »der Chef« genannt wurde, Ed Levine an, der Joe Graham in New York Bescheid gab, woraufhin dieser sich bei Neal Carey meldete. Anschließend zog Letzterer los, um eine ausgerissene Tochter nach Hause zu holen, eine Ehefrau im Plaza Hotel bei der Matratzengymnastik zu fotografieren oder in eine Wohnung einzubrechen und wichtige Geschäftsunterlagen herauszuholen.

Zum Dank dafür schickten ihn die Friends auf eine vornehme Privatschule, bezahlten seine Miete und seine College-Rechnungen.

»Und?«, fragte Neal. »Die Bank hat AgriTech einen gigantischen Kredit gewährt, und einer der unternehmenseigenen Starwissenschaftler gönnt sich eine Auszeit. Was soll’s?«

»Kacke. Hühnerkacke.«

»Ja, schon. Aber was ist überhaupt so toll an Hühnerkacke?«

»Nicht irgendeine Hühnerkacke. Pendletons Hühnerkacke. Hühnerkacke dient als Düngemittel, richtig? Man kippt sie auf irgendwas, damit es wächst, klingt für mich ganz schön eklig, aber hey … Egal, Pendleton arbeitet seit Urzeiten an einer Methode, mehr aus Hühnerkacke rauszuholen, indem er sie mit einem speziellen, mit Bakterien versetzten Wasser mischt. So was nennt man übrigens einen ›Wachstumsbeschleuniger‹. Früher war’s so, dass man Hühnerkacke nicht mit Wasser mischen konnte, weil dann die Wirkung verloren gegangen wäre, aber jetzt, dank Pendletons Prozess, kann man sie nicht nur ins Wasser mischen, sondern verstärkt damit die Wirkung auch noch um das Dreifache. Auf den Verkaufsregalen von AgriTech würde sich das sehr gut machen. Vielleicht kauf ich dir was zu Weihnachten. Kannst deinen Schwanz damit einreiben.«

»Danke.«

»Aber freu dich nicht zu früh. Doc Guano war zwar so kurz davor«, Graham hielt Daumen und Zeigefinger hoch, ließ einen hauchdünnen Spalt dazwischen, »die absolute Superkacke zu erfinden. Aber dann ist er auf die Konferenz gefahren und hat dort Miss Wong kennengelernt.«

»Heißt sie wirklich so?«

»Woher soll ich das wissen? Wong, Wang, Ching, Chang, was macht das für einen Unterschied?«

»Ja, und? Doktor dies, Doktor das, was macht das für einen Unterschied? Ich wette, bei AgriTech gibt es mehr als nur einen Biochemiker.«

»Keinen wie Pendleton. Außerdem hat er seine Aufzeichnungen mitgenommen.«

Neal wusste, worauf es hinauslief, und er wollte den Job nicht haben. Mag sein, dass Robert Pendleton keine Lust mehr auf die Forschung hat, dachte er, aber ich will mit meiner weiterkommen. Meinen Master machen und anschließend promovieren. Mich an irgendeinem kleinen staatlichen College anstellen lassen und den Rest meines Lebens mit Büchern verbringen, anstatt im Auftrag des Chefs schmutzige Botengänge zu erledigen.

»Dann soll ihn doch die Polizei verhaften. Die Aufzeichnungen sind Eigentum von AgriTech«, sagte Neal.

Graham schüttelte den Kopf. »Dann wäre er vielleicht ungehalten und würde sich weigern, weiter mit seinen Reagenzgläsern zu hantieren. AgriTech will den Professor nicht im Knast sehen, die wollen ihre Kacke abfüllen.«

Graham nahm die Flasche vom Tisch und goss sich noch einen ein. Er hatte ungeheuren Spaß. Wenn er Neal ärgern konnte, hatte sich der entsetzliche Flug hierher, die endlose Fahrt bis nach Yorkshire und der Aufstieg auf den verfluchten Berg doch fast schon gelohnt. Schön, den kleinen Hosenscheißer wiederzusehen.

»Wenn er nicht will, dann will er nicht«, sagte Neal.

Graham kippte sich den Whisky hinter die Binde.

»Dann muss man ihn eben überzeugen«, sagte er.

»Du verwendest ›man‹ hier ganz allgemein, richtig? Ohne an eine bestimmte Person zu denken.«

»Ich denke an dich, Neal Carey.«

Plötzlich hatte besagter Neal Carey großes Verständnis für Dr. Robert Pendleton. Beide hatten sie sich mit etwas zurückgezogen, das sie liebten – Pendleton mit einer Frau und Neal mit seinen Büchern –, und jetzt sollten sie, obwohl sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehrten, aus ihrem jeweiligen Versteck gezerrt werden. Durch ihn kriegen sie mich, dachte Neal, und durch mich kriegen sie ihn. Das ist ein Spiegelkabinett. Er griff nach der Flasche und goss sich eine gesunde Portion in den Kaffee.

»Und wenn ich nicht will?«, fragte er.

Graham bohrte seine künstliche Hand in die echte. Eine Angewohnheit, in die er immer verfiel, wenn er sich Sorgen machte oder etwas Unangenehmes zu sagen hatte.

Neal wartete die Antwort nicht ab. »Dann musst du mich eben überzeugen ...«

Graham bohrte immer fester. Neal ein bisschen zu ärgern, war immer lustig, ihn unter Druck setzen zu müssen, nicht. Trotzdem waren der Chef, Levine und Graham einer Meinung, dass Neal sich schon viel zu lange hinter seinen Büchern verschanzte, und wenn sie ihn nicht irgendwie wieder in Aktion brachten, würden sie ihn verlieren. So was kam vor: ein erstklassiger verdeckter Ermittler bekam nach einem schwierigen Einsatz Fronturlaub und kehrte nie mehr zurück. Oder noch schlimmer, er meldete sich lustlos und eingerostet zum Dienst, machte einen dummen Fehler und wurde verletzt. Passierte ständig, aber nicht Neal – Graham würde das nicht zulassen. Deshalb war er hier, um ihn auf diesen dämlichen Hühnerkacke-Auftrag anzusetzen.

»Wie lange bist du jetzt weg, ein Jahr?«, fragte Graham.

»Ungefähr. Der Auftrag kam von dir, schon vergessen?«

Neal konnte sich jedenfalls sehr gut dran erinnern. Sie hatten ihn auf die aussichtslose Suche nach der ausgerissenen Tochter eines superwichtigen Politikers nach London geschickt – eigentlich nur, damit dessen Ehefrau Ruhe gab –, aber Neal hatte es vermasselt und die Kleine tatsächlich gefunden. Sie hatte an der Nadel gehangen und war auf den Strich gegangen, er hatte sie von ihrem Zuhälter und dem Heroin losgeeist und bei ihrer Mutter abgeliefert. Womit der Chef völlig einverstanden war, nur der superwichtige Politiker war angefressen, und die Friends mussten so tun, als hätte Neal auch sie geprellt. Also war er erst mal »abgetaucht«. Sehr gerne.

»Geht das überhaupt?«, fragte Graham. »Kannst du dir an deiner arschigen Uni so lange freinehmen?«

»Nein, Graham, kann ich nicht. Die Friends haben das für mich geregelt. Wozu sage ich dir das? Du hast es selbst geregelt.«

Graham grinste. »Und im Gegenzug bitten wir dich um einen kleinen Gefallen.«

»Sonst wirst du’s umregeln?«

Graham zuckte mit den Schultern. »So ist das Leben«.

»Wieso ich?«, jammerte Neal. »Wieso machst du das nicht? Oder Levine?«

»Der Chef will dich.«

»Warum?«

Weil wir nicht rumsitzen und zusehen, wie du zum Einsiedler wirst. Ich kenne dich, Sohn. Du bist gerne allein, weil du dann grübeln und richtig schön unglücklich werden kannst. Du musst wieder arbeiten, musst in die Schule – unter Leute. Brauchst endlich wieder Betonboden unter den Füßen.

»Pendleton und du, ihr seid beide Intelligenzbolzen«, sagte Graham. »Der Chef meint, er hat dir deine teure Ausbildung nicht bezahlt, damit er bei Aufträgen wie diesem alleine dasteht.«

Neal nahm einen Schluck Scotch. Er spürte, dass Graham zum finalen Angriff überging.

»Pendleton ist Biochemiker. Ich beschäftige mich mit der englischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts!«, sagte Neal. Tobias Smollett: Literarischer Außenseiter. Neals Arbeitstitel und ein zuverlässiges Mittel gegen Schlaflosigkeit. Es sei denn, man ist Literaturnerd und hat sich aufs achtzehnte Jahrhundert spezialisiert.

»Nach Ansicht vom Chef seid ihr Intelligenzbolzen alle gleich.«

Neal versuchte es andersherum.

»Ich bin nicht in Form, Graham. Eingerostet. Ich hab in den vergangenen zwei Jahren an höchstens zwei Fällen gearbeitet und beide verbockt. Ihr wollt mich gar nicht haben.«

»Du hast Allie Chase nach Hause gebracht.«

»Aber erst hab ich’s verbockt, und um ein Haar wären wir beide dabei draufgegangen. Ich hab’s einfach nicht mehr drauf, Dad, ich …«

»Hör auf, so wehleidig rumzuheulen. Worum bitten wir dich schon? Du fährst nach San Francisco, findest das glückliche Paar, was nicht mal dir schwerfallen dürfte, da sie Zimmer 1016 im Holiday Inn in Chinatown gebucht haben. Steht alles da in der Akte. Du nimmst das Mädchen beiseite, steckst ihr ein bisschen Kohle zu, damit sie ihn verlässt. Die ist nicht blöd. Die weiß, dass es besser ist, sich fürs Nichtstun bezahlen zu lassen, als anschaffen zu müssen. Dann machst du dich an Pendleton ran, trinkst ein paar Schnäpse mit ihm und hörst dir seine tränenreiche Geschichte an, anschließend setzt du ihn ins Flugzeug. Wie lange wird das dauern? Drei oder vier Tage?«

Neal ging ans Fenster. Der Regen hatte ein kleines bisschen nachgelassen, aber der Nebel war dichter denn je.

»Schön, dass du dir das alles so genau überlegt hast, Graham. Willst du nicht gleich auch noch meine Abschlussarbeit für mich schreiben?«

»Mach den Job und komm wieder. Dann kannst du den ganzen Sommer hier in deinem Schimmelpilz-Hilton verbringen, wenn du willst. Am 9. September geht aber die Uni wieder los.«

Er griff in seinen Koffer und zog einen großen braunen Umschlag heraus.

»Stundenpläne und Leselisten für deine – wie heißt das? – Seminare. Hab ich mit Boskin abgesprochen.«

Graham ist so verdammt gut, dachte Neal. Der liebe alte Graham bringt die Belohnung mit und hält sie dir unter die Nase: Seminare, Leselisten … Eins muss man ihm lassen – er kennt seine Sklaven.

»Du bist zu gut zu mir, Dad.«

»Was du nicht sagst.«

Also, so sieht’s aus, dachte Neal. Ein paar Tage Drecksarbeit in Kalifornien, dann zurück in die mönchische Einsamkeit im Moor. Fertiglesen, auf die Graduate School. Herrgott noch mal, was für ein Doppelleben. Manchmal komme ich mir vor wie mein eigener Zwillingsbruder. Mein geisteskranker Zwillingsbruder.

»Ja, okay«, sagte Neal.

»Ich sage dir«, erklärte Graham, »das ist ein Selbstläufer.«

»Gut.«

Dann ist es vielleicht wirklich Zeit, vom Berg zu steigen, dachte Neal. Mich mit einem kleinen schmutzigen Auftrag wieder in die Welt einzuschleichen. Vielleicht mache ich es mir hier oben zu einfach, muss mich mit nichts auseinandersetzen als mit Schriftstellern, die seit über zweihundert Jahren tot sind.

Er blickte aus dem Fenster und wusste nicht, ob er Regen oder Nebel sah. Vermutlich beides.

»Mal was von Diane gehört?«, fragte Graham.

Neal dachte an den Brief, der seit sechs Monaten ungeöffnet auf dem Tisch lag. Er hatte Angst, ihn zu lesen.

»Hab auf ihren Brief nicht geantwortet«, sagte Neal.

»Bist ein Idiot.«

»Erzähl mir was Neues.«

»Hast du gedacht, die wartet ewig auf dich?«

»Nein.«

Er hatte sie ohne jede Erklärung zu Hause sitzenlassen, ihr nur gesagt, er habe einen Auftrag, dann war er für ein knappes Jahr verschwunden. Graham hatte Kontakt zu ihr aufgenommen, ihr eine Geschichte aufgetischt und einen Brief von ihr an Neal weitergeleitet. Aber Neal konnte sich nicht überwinden, ihn zu öffnen. Lieber ließ er die Beziehung sterben, als zu lesen, dass seine Freundin ihr den Todesstoß gab. Wobei sie sie ja gar nicht auf dem Gewissen hatte, dachte er. Sie hatte bloß genug Mumm, einen Nachruf darauf zu schreiben.

Graham ließ nicht locker. »Sie ist ausgezogen.«

»Bleiben hätte ihr nicht ähnlich gesehen.«

»Sie hat was auf der 104. gefunden, zwischen Broadway und West End, mit einer Mitbewohnerin zusammen.«

»Was hast du gemacht? Sie beschattet?!«

»Klar. Ich dachte, dich interessiert das.«

»Danke.«

»Kannst sie ja vielleicht mal besuchen, wenn du in die Stadt kommst.«

»Wer bist du? Meine Mutter?«

Graham schüttelte den Kopf und schenkte sich einen weiteren Whisky ein.

»Nein«, sagte er, »aber ich finde, Diane ist eine Freundin der Familie.«

Neal hätte wirklich nicht aufmachen sollen.

2

Ein echter Hingucker, diese Lila.

So hieß sie oder benutzte diesen Namen zumindest auf Kongressen. Das entnahm Neal den Unterlagen, die Graham ihm gegeben hatte und die durchzusehen er auf der endlos langen Reise nach San Francisco mehr als genug Zeit hatte. Darunter befand sich auch ein von einem Kollegen Pendletons bei einem Abendessen aufgenommenes Polaroid, das diesen neben einer auffallend gutaussehenden Asiatin zeigte. Der Kollege hatte »Robert und Lila« druntergeschrieben.

Neal konnte Pendleton nicht verdenken, dass er Lila seinen Bunsenbrennern vorzog. Ihr Gesicht war herzförmig, die Haare lang und glatt, satinschwarz und auf der linken Seite mit einem blauen Cloisonné-Kamm zurückgesteckt. Sie hatte wunderschöne Mandelaugen, mit denen sie Pendleton, allem Anschein nach, zärtlich betrachtete, während dieser sich mit seinen Essstäbchen abmühte. Sie lächelte. Wenn sie eine Professionelle war, dachte Neal, dann hatte sie auf jeden Fall Klasse, und er mochte sie schon allein wegen des Fotos.

Für Pendleton hatte er noch kein Gefühl entwickelt. Die Fakten waren übersichtlich. Dreiundvierzig Jahre alt, alleinstehend, mit seiner Arbeit verheiratet. Geboren in Chicago, Bachelor an der Colorado State University, Master an der Illinois State University, promoviert am MIT. Zwei Jahre Lehre an der Kansas State University, anschließend in die freie Marktwirtschaft. Zuerst im Auftrag von Ciba-Geigy, dann Archer Daniels Midland und schließlich AgriTech. Zehn Jahre war er dort bereits angestellt. Er wohnte in einer Eigentumswohnung, spielte ab und zu Tennis, fuhr einen Volvo. Keine finanziellen Probleme, Kreditschwierigkeiten oder Schulden. Verglich man Gehalt und Prämien mit seinen Ausgaben, stellte sich heraus, dass der Mann eine Menge Geld auf der hohen Kante haben musste. Am Wochenende trank er Bier. Er war freundlich zu allen, hatte aber keine engen Freunde. Auch keine Frauengeschichten. Männer schon gar nicht. Dünger war sein Leben.

Du lieber Gott, dachte Neal, kein Wunder, dass der Kerl durchdreht, wenn er in einer aufregenden Stadt wie San Francisco plötzlich Sex mit einer umwerfend schönen Exotin hat.

Neal war 1970 zum ersten Mal in San Francisco gewesen, das war sieben Jahre her, und damals hatte die Stadt noch als Zentrum der Gegenkultur gegolten. Mit langen Haaren, Jeans, einer geschmackvollen bunten Kette um den Hals und dem ausgehungerten Blick eines Flüchtigen hatte Neal in Grahams Auftrag eine typische Haight-Ashbury-Ausreißerin gesucht. Schließlich hatte er das Blumenkind in einer urbanen Kommune in der Turk Street entdeckt. Sie war die Tochter eines Bostoner Bankers und hatte mit allen Mitteln versucht, ihre kapitalistische Vergangenheit hinter sich zu lassen. Neal hatte sich eine Schale braunen Reis und ein Fleckchen auf dem Boden mit ihr geteilt, ihr Vertrauen gewonnen und sie anschließend an Graham verraten. Dieser erledigte den Rest, und Neal hörte später, dass sie in Harvard studierte. Verrat sollte immer ein so glückliches Ende nehmen.

Sein nächster Auftrag in San Francisco war noch einfacher gewesen. Ein Kunde der Bank wollte vor einer Skulptur im Battery Park einen Werbefilm fürs Fernsehen drehen. Wie sich herausstellte, war diese das Werk eines Künstlers aus San Francisco, der weder seine Post las noch ans Telefon ging. Neal fand A. Brian Crowe in einem Café in der Columbus Avenue. Der selbstverständlich ganz in Schwarz gekleidete Künstler versteckte sich hinter seinem Umhang, als Neal ihn ansprach. Mit zweitausend Dollar gelang es Neal, ihn dann aber doch hervorzulocken und den Deal bei zwei Iced Coffee unter Dach und Fach zu bringen. A. Brian Crowe ging glücklich nach Hause. Neal blieb noch eine Woche länger in der Stadt und reiste anschließend ebenfalls glücklich ab, was den Auftrag umso ungewöhnlicher machte.

Neal fand, man musste schön blöd sein, um San Francisco nicht zu mögen. Und egal, was man von Dr. Robert Pendleton halten mochte, ein Idiot war er nicht. Wahrscheinlich erlebte er zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie eine Romanze und wollte jetzt nicht davon lassen. Er gehörte wohl zu den wenigen Glücklichen, die es mit einer Stricherin zu tun bekommen hatten, die außerdem auch Kurtisane war, eine wahre Dame der Nacht. Wahrscheinlich nahm sie statt Bargeld nur Geschenke an, höchstens mal eine diskrete Überweisung aufs Konto.

Neal würde ihr einen Scheck ausstellen, und das war’s. Er klappte die Mappe zu und schlug Fathom auf, schlief aber schon nach zwei Kapiteln ein. Die Flugbegleiterin weckte ihn, damit er seine Sitzlehne vor dem Landeanflug auf San Francisco in eine aufrechte Position brachte.

Neal hatte das Mark Hopkins Hotel noch nie leiden können. Die Rechnung war genauso lang wie das Zimmer klein, und die Adresse in Snob Hill beeindruckte ihn nicht. Aber wenn man jemanden bestechen will, ist es immer von Vorteil, für reich gehalten zu werden. Außerdem wollte er Lila auf ein stilles Getränk im Top of the Mark einladen und dann schnell ein Zimmer zur Verfügung haben, wo er ihr in aller Abgeschiedenheit Geld übergeben konnte, und so überwand er seine Abneigung und checkte ein.

Er übergab dem hochnäsigen Mann am Empfang die goldene Kreditkarte der Bank und gestand, nur eine kleine Reisetasche als Gepäck dabeizuhaben. Anschließend begab er sich in sein Zimmer im sechsten Stock, ein Eckzimmer, weshalb man sich darin tatsächlich sogar um die eigene Achse drehen konnte, ohne die Arme vor der Brust verschränken zu müssen. Dank der Fenster hatte man einen Blick auf die Oakland Bar Bridge und einige hübsch restaurierte Häuser in der Pine Street. Neal machte sich nichts aus der Aussicht, da er ohnehin nicht vorhatte, viel Zeit hier zu verbringen. Er wollte nur ausgiebig duschen und schnell was essen, bevor er an die Arbeit ging.

Er rief den Zimmerservice an und bestellte ein Schweizer Käseomelette mit einem einfachen, getoasteten Bagel, eine Kanne Kaffee und einen Chronicle. Dann stieg er aus seinen muffigen Flugzeugklamotten und unter die Dusche. Nachdem er monatelang Wasser für gerade mal lauwarme Bäder auf dem Feuer hatte heiß machen müssen, fühlte sich die dampfende Brause großartig an. Er blieb ein bisschen zu lange darunter stehen und war noch nicht mit dem Rasieren fertig, als es an der Tür klingelte.

Er unterschrieb die Rechnung, gab Trinkgeld und schenkte sich eine Tasse schwarzen Kaffee ein, von der er immer mal wieder einen Schluck nahm, während er sich weiter rasierte. Dann setzte er sich an das Tischchen am Fenster und verschlang sein Frühstück und den Chronicle.

Neal war Zeitungsjunkie, was für einen gebürtigen New Yorker nichts Besonderes war. Die Titelseite überblätterte er zugunsten von Herb Caens Kolumne, anschließend schlug er die Sportseite auf. Die Baseballsaison würde in Kürze beginnen, und für die Yankees sah es nicht schlecht aus. Das ist das Tolle am Frühling, dachte er. Alle Heimmannschaften haben gute Chancen. Erst im Hochsommer schwindet die Hoffnung, bis sie schließlich im Herbst ganz stirbt.

Nach einer gründlichen Durchsicht des Sportteils widmete er sich den vorderen Seiten, um sich auf den aktuellen Nachrichtenstand zu bringen. Jimmy Carter war tatsächlich Präsident, Mao dagegen immer noch tot. Seine Nachfolger stritten sich um sein Erbe. Breschnew war krank. Alles beim Alten.

Wobei ihm wieder einfiel, dass er einen Job zu erledigen hatte: einen Abtrünningen aufspüren und nach Hause bringen. Bei der dritten Tasse Kaffee legte er sich einen Plan zurecht.

Besonders ausgefeilt war er nicht. Er musste lediglich zum Holiday Inn schlendern, die beiden Zielpersonen verfolgen, bis sich eine Möglichkeit auftat, Lila alleine zu sprechen, und ihr ein Angebot machen. Anschließend würde er Pendletons gebrochenes Herz in allen seinen Einzelteilen aufklauben und nach Raleigh schicken. Fast so einfach, wie einem brotlosen Künstler Geld schenken.

Was ihn auf die schlaue Idee brachte, die Laufarbeit seinen Fingern zu überlassen. Wozu sollte er sich über den Hügel quälen, nur um wertvolle Zeit zu verlieren? Er konnte doch im Zimmer anrufen. Wenn Pendleton dranging, würde Neal auflegen. Ging Lila dran, würde er sagen: »Sie kennen mich nicht, aber unter einem Wasserglas im Top of the Mark liegen tausend Dollar für Sie. Neal Carey ist mein Name. Um ein Uhr. Kommen Sie allein.« Auf der ganzen Welt gab es keine Nutte, egal wie viel Klasse sie hatte, die sich auf ein solches Date nicht einlassen würde.

Sicher, einfach und zivilisiert, dachte er. Wozu sollte er sich das Leben unnötig schwer machen.

Er fand die Nummer des Hotels in seinen Unterlagen und wählte.

»Zimmer 1016 bitte«, sagte er.

»Ich stelle Sie zur Zentrale durch.«

Er trank einen Schluck Kaffee.

»Zentrale, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Zimmer 1016, bitte.«

»Danke, einen Augenblick, bitte.«

Es dauerte länger als einen Augenblick. Eher schon zehn Augenblicke.

»Wen möchten Sie erreichen, Sir?«

Oh-ha.

»Dr. Robert Pendleton.«

»Danke. Einen Augenblick.«

Zehn Augenblicke. Lange Augenblicke.

»Tut mir leid, Sir. Dr. Pendleton ist abgereist.«

Toll.

»Äh … wann?«

»Heute Vormittag, Sir.«

Während ich geduscht, mich vollgefressen und über dem Sportteil gebrütet habe, dachte Neal.

»Hat er eine Nachsendeanschrift hinterlassen?«

»Moment, bitte.«

Hat er eine Nachsendeanschrift hinterlassen? Eine Verzweiflungsfrage.

»Tut mir leid, Sir. Dr. Pendleton hat keine Nachsendeanschrift hinterlassen. Soll ich ihm etwas ausrichten, falls er sich meldet?«

»Nein, aber danke für Ihre Hilfe.«

»Schönen Tag.«

»Danke.«

Neal schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein und beschimpfte sich selbst als Arschloch. Na gut, denk nach, sagte er sich. Pendleton ist abgereist. Warum? Vielleicht aus Kostengründen. Hotels sind teuer, und er hat sich irgendwo eine andere Bleibe gesucht. Oder bei AgriTech hat man ihm weiter die Hölle heiß gemacht, und er hat das Hotel gewechselt. Oder die Party ist vorbei und er auf dem Weg zurück nach Raleigh. Vielleicht ist das sogar die wahrscheinlichste Erklärung, aber verlassen kannst du dich nicht darauf. Also ran an die Arbeit.

Pendleton ist kein Profi, wahrscheinlich hat er also nicht daran gedacht, seine Spuren zu verwischen. Wahrscheinlich weiß er gar nicht, dass ihm jemand auf den Fersen ist. Und es gibt nur einen Ort, von dem aus ich die Verfolgung aufnehmen kann.

Neal beeilte sich mit dem Anziehen. Er schlüpfte in ein taubenblaues Button-down-Hemd, eine khakifarbene Hose und schwarze Halbschuhe, legte sich einen rotblauen Schlips um, knotete ihn aber nicht zu. Dann nahm er die Hälfte seiner Sachen aus der Tasche, ließ aber genug drin, um sie zu beschweren. Anschließend steckte er den Umschlag mit seinem Flugticket in die Tasche seines garantiert knitterfreien Allzweck-Sakkos sowie einen Zehn-Dollar-Schein in die Hosentasche und raste zum Fahrstuhl, der ewig auf sich warten ließ. Schätzungsweise brauchte er zehn Minuten zu dem einzig vernünftigen Ausgangsort für die Suche nach Pendleton, dabei wusste er nicht mal, ob er diese zehn Minuten hatte.

Das Holiday Inn befand sich in der Kearny Street, die California Street geradeaus runter. Normalerweise wäre er dorthin gelaufen, aber in dem Moment, in dem er das Hotel verließ, fuhr die Straßenbahn vor, also kaufte er eine Fahrkarte und sprang auf, hielt sich auf dem Trittbrett stehend fest, wie er’s im Kino gesehen hatte. Es war sonnig und kühl, aber er schwitzte bereits. Er befand sich im Wettrennen mit den Zimmermädchen des Holiday Inn.

An der Ecke Kearny und California Street, drei Straßenecken südlich vom Holiday Inn, sprang er ab. Er rannte nicht, schlich aber auch nicht und legte die Strecke in zirka zwei Minuten zurück. Den Blick des Portiers meidend steuerte er direkt auf die Fahrstühle zu, und tatsächlich wartete einer auf ihn. Auf dem Weg nach oben holte er tief Luft. Oder wenigstens ein bisschen. Für die bevorstehende Vorstellung wollte er gerne atemlos wirken.

Die Tür ging auf, und er betrachtete das Schild – 1001-1030 –, auf dem ein Pfeil nach links zeigte. Er trottete durch den Gang, und tatsächlich standen zwischen den Zimmern 1001 und 1012 zwei Putzwagen. Also, dachte Neal, dann kommt es jetzt drauf an, wo die Zimmermädchen angefangen haben.

Er versuchte, beunruhigt und gehetzt zu wirken, was keine große Schauspielkunst erforderte.

»Ich verpasse meinen Flug«, sagte er zu dem Zimmermädchen, das gerade aus Zimmer 1012 kam. »Haben Sie ein Ticket gefunden?«

Sie war jung und unsicher, sah ihn ausdruckslos an. Er ging um sie herum zur Tür von 1016 und rüttelte am Knauf. Abgeschlossen.

»Haben Sie ein Ticket in dem Zimmer hier gefunden? Ein Flugticket?«

Die andere kam aus 1011. »Was haben Sie verloren?«

Sie war älter. Die Chefin.

»Mein Flugticket.«

»In welchem Zimmer?«, fragte sie und musterte ihn.

Er wusste, dass er ihr keine Zeit geben durfte, Pendleton mit dem Zimmer in Verbindung zu bringen. Er hoffte, der liebe Doktor war kein großzügiger Trinkgeldgeber.

»Lassen Sie mich bitte rein? In fünfundvierzig Minuten geht mein Flieger nach Atlanta.«

»Ich rufe den Geschäftsführer.«

»So viel Zeit habe ich nicht«, sagte Neal, zog einen Zehn-Dollar-Schein aus der Tasche und legte ihn auf ihren Wagen. »Bitte?«

Sie nahm ihren Schlüsselbund und schob einen der Schlüssel ins Schloss. Die Jüngere sagte etwas auf Chinesisch, aber die andere brachte sie mit einem bösen Blick zum Schweigen.

»Schnell«, sagte sie zu Neal. Sie blieb im Eingang stehen und ließ ihn eintreten. Die Jüngere stellte sich daneben für den Fall, dass Neal einen Aschenbecher oder einen Fernseher mitgehen lassen wollte.

Neal hatte in seinem Leben einige Zimmer gefilzt, aber noch nie vor Publikum und bei tickender Uhr, vorausgesetzt, man zählte die endlosen Übungsstunden unter Grahams Aufsicht nicht mit. Das hier war eine Art Ermittlerquiz, wenn er die erste Runde überstand, konnte er um Geld und Gewinne spielen. Hilfreich wäre gewesen, hätte er wenigstens gewusst, wonach er suchte, aber er suchte ziellos, und dafür brauchte er Zeit.

Das Bett war ungemacht, ansonsten war das Zimmer aber ordentlich hinterlassen. Sie waren nicht überstürzt abgereist, hatten die nassen Handtücher sogar in die Wanne geworfen und den Müll in die dafür vorgesehenen Eimer.

Neal fing mit den Schreibtischschubladen an. Nichts.

»Scheiße«, sagte er, nur um die Szene etwas realistischer zu gestalten.

Er überprüfte den Nachttisch am Bett. Neben dem Telefonbuch und der Bibel lag ein kleiner Notizblock des Hotels. Neal kehrte seinem Publikum den Rücken zu und steckte ihn ein.

»Das schaffe ich nie«, sagte er.

»Unter dem Bett?«, schlug die Ältere vor.

Um sie bei Laune zu halten, ging er auf alle viere und sah unter dem Bett nach. Nicht einmal Staub lag dort, von einer Junggesellensocke oder einem Zettel, auf dem stand, wohin die beiden gefahren waren, einmal ganz abgesehen.

»Vielleicht hab ich’s aus Versehen weggeworfen«, sagte er im Aufstehen. »Ich Hohlkopf.«

Die Zimmermädchen pflichteten ihm begeistert nickend bei.

Der Abfalleimer war voll, als hätten Pendleton und Lila vor ihrer Abreise aufgeräumt. Höfliche, umsichtige Menschen. Drei leere Dosen Pepsi Light auf einem Stück Pappe, wie man es mit den Hemden aus der Reinigung bekommt. Ein Stadtplan von San Francisco und ein paar abgerissene Fahrkarten ganz unten.

»Du lieber Gott, wie kann man bloß so blöd sein?«, sagte Neal, als er sich bückte und in den Eimer griff. Wieder kehrte er seinem Publikum den Rücken zu, ließ dabei sein Flugticket aus der Tasche in den Eimer fallen. Dann schob er den Stadtplan und die Fahrkarten unter den Umschlag mit dem Ticket, richtete sich auf und zeigte den Zimmermädchen seinen Fund, stopfte anschließend alles zusammen in die Brusttasche.

»Vielen, vielen Dank«, sagte er.

»Schnell, schnell«, sagte die Ältere.

Schnell, schnell, dachte Neal, aber so was von.

In der Lobby wurde er vom Sicherheitspersonal aufgehalten.

Sicherheitspersonal hieß in diesem Fall ein junger Chinese, der aber deutlich größer und muskulöser wirkte, als Neal lieb war. Fast schien er die graue Uniformjacke zu sprengen. Ganz eindeutig hatte er wertvolle Zeit mit Bankdrücken verbracht. Neal, dessen Muskeln mühelos in seinem Jackett Platz fanden, wusste, dass ihn der Kerl ohne Weiteres an die Wand pressen und dort festnageln konnte. Das weiße Hemd schlug um die etwas speckige Hüfte des Mannes Falten, und am Gürtel hing ein Funkgerät. Wahrscheinlich hatte er irgendwo auch noch einen Schlagstock versteckt, dachte Neal, wahrscheinlich im Kreuz. Der Mann schien sich unterhalten zu wollen.

»Verzeihen Sie, Sir«, sagte er. Keine Spur von einem chinesischen Akzent. »Darf ich fragen, was Sie in Zimmer 1016 wollten?«

Die Jüngere hatte nicht lange gezögert und unten angerufen. So viel zu den fünf Dollar, dachte Neal.

»Ich hab mein …«

»Sparen Sie sich das. Das war nicht Ihr Zimmer.«

Neal nickte den anderen Gästen in der Lobby zu. »Können wir das draußen klären?«

»Sicher.«

Er hielt Neal die Tür auf, so dass dieser einen Eindruck von seinem Körperumfang bekam. Neal wusste, dass der Chinese sich als Nächstes vor ihn schieben und ihn an die Wand drängen würde. Dann hatte er ausgespielt, also durfte er den Bankdrücker nicht zum Zug kommen lassen.

Kaum dass er durch die Tür getreten war, hob Neal die Hand und schrie: »Taxi!«

Das erste Taxi in der Reihe schob sich an den Bordstein, woraufhin ein Portier herbeisprang und die Tür aufriss.

»Nein, nein, nein«, sagte der Bankdrücker und fuchtelte mit den Armen, während er sich zwischen Neal und das Taxi pflanzte.

Für Neal kein Problem, er wollte sowieso kein Taxi nehmen. Er wollte lieber einen schönen, steilen Berg besteigen. Mal sehen, wie weit der Bankdrücker seine Muskeln und den Bauchansatz für ein kurzes Gespräch unter vier Augen zu schleppen bereit war. Er stand links von Neal, rechts war die Bahn frei, und Neal wusste, wohin der Weg dort führte: durch North Beach hindurch auf den Telegraph Hill, der für das, was ihm vorschwebte, lang und steil genug war. Er drehte sich scharf nach rechts und rannte los.

Der Bankdrücker verschenkte zwei Sekunden, indem er am Taxi stehen blieb und sich fragte, wie blöd er jetzt wohl aussehen mochte, und eine weitere mit der Überlegung, ob sich eine Verfolgungsjagd lohnte.

Er fand, ja.

Neal freute sich nicht, als er über die Schulter blickte und den Bankdrücker hinter sich sah, aber große Sorgen machte er sich auch nicht. Der Mann würde hier keine Szene riskieren – nicht in der Nähe seines Hotels –, und die Polizei würde er wegen einer solchen Lappalie auch nicht einschalten. Trotzdem konnte es nicht schaden, den Gegner auf die Palme zu bringen, und so vergeudete Neal seinerseits eine wertvolle Sekunde, indem er sich kurz umdrehte und den Bankdrücker angrinste. Anschließend steckte er sich den Mittelfinger in den Mund, zog ihn genüsslich wieder raus und präsentierte ihn seinem Verfolger.

Dieser nahm es wie gewünscht persönlich. Er nickte, senkte den Kopf und gab Gas.

Okay, dachte Neal, komm schon. Sechs Monate lang bin ich mit schweren Vorräten im Gepäck durch die steilen Yorkshire Moors gewandert. Bergauf kann mich kein übergewichtiger, aufgepumpter Mietbulle einholen.

Neal führte ihn die Kearny rauf und bog auf dem Broadway rechts ab, wobei es hier ein kleines bisschen flacher war, als er es in Erinnerung hatte. Auf Höhe der Stripclubs und Sexshops, die gerade ihre Tore öffneten, legte er Tempo zu. Der Bankdrücker ließ sich von den müden Türstehern ablenken, die Kaffee aus Styroporbechern tranken, außerdem von den schläfrigen Tänzerinnen, die um diese Uhrzeit mit Sporttaschen bepackt eintrafen. Er stolperte über keine der leeren Bier- oder Weinflaschen und rutschte auch auf keinem Brotpapier oder sonstigem Müll aus, der hier auf dem North Beach Strip herumlag. Ein scharfer kalter Wind blies von der Bucht herauf, aber auch davon ließ sich der Bankdrücker nicht aufhalten.

Inzwischen auf billige Tricks angewiesen, überquerte Neal den Broadway im fließenden Verkehr, wurde mit wütendem Hupen bedacht, was den Bankdrücker aber gleichfalls nicht zu beunruhigen schien. Er schob sich an einem Renault vorbei und blieb Neal auf den Fersen.

Herrgott, dachte Neal, was für ein Tag. Erst vermassel ich’s und lasse Pendleton abreisen, dann lege ich mich ausgerechnet mit dem einzigen Hausdetektiv in ganz Amerika an, der mit einem überdurchschnittlich ausgeprägten Pflichtbewusstsein gesegnet ist.

Er bog links in die Sansome Street ein, wo er endlich die Steigung bekam, die er gesucht hatte. Wie ein sprudelnder Gebirgsbach, der irgendwann in einen dreckigen Fluss mündet, schien die Sansome Street Welten vom Broadway entfernt. Auf den ebenerdigen Garagen thronten weiße und pastellfarbene Apartmenthäuser mit Wintergärten, von denen aus man die Bucht überblickte. An vielen der Fenster hingen Aufkleber von Sicherheitsdiensten, die potentielle Einbrecher darauf hinweisen sollten, dass sie sich hier lieber nicht rumtrieben, es sei denn, sie wollten von Polizeischulversagern mit Schlagstöcken, Rottweilern und ausgeprägtem Minderwertigkeitskomplex gejagt werden.

Die Sansome Street war hübsch, trendy und teuer, und Neal fragte sich, woher das Geld kam. Vielleicht von Straßen wie dem Broadway, vielleicht war es den Stripperinnen und Huren durch die Finger geronnen, bei den Junkies und Pornosüchtigen abgefallen, den traurigen Säufern, die sechs Dollar für ein Glas bezahlten, nur um über billigen Bourbon hinweg irgendjemandes Tochter auf den wackelnden Arsch zu glotzen. Vielleicht war es das zornige Neonlicht des Strip, das die warmen, hellen Räume mit Bay-Blick finanzierte.

Mit diesen klassenkämpferischen Gedanken lenkte er sich von dem Schmerz ab, der ihm allmählich in die Beine schoss und daran erinnerte, die Sansome Street als das wahrzunehmen, was sie war, als steilen Anstieg auf den Telegraph Hill. Er biss die Zähne zusammen und schaltete einen Gang höher. Beim Bergsteigen gibt es einen Trick: Man hält die Knie leicht gebeugt, wie Groucho Marx, wenn er eine Treppe runtergeht. Alle drei oder vier Schritte rollt man über die Fersen ab. Die Technik entlastet die Knie und die Knöchel, und man kommt schneller voran. Schnell genug, um einen muskelbepackten, bierbäuchigen Nullachtfünfzehn-Möchtegern-Cop ausgestreckt auf dem Gehweg liegend nach Luft schnappen zu lassen.

Nachdem er seinen Verfolger weitere zwei Minuten lang bestraft hatte, warf Neal erneut einen Blick über die Schulter und sah, dass der Bankdrücker keuchte, schnaufte, brummte und schwitzte … und aufgeholt hatte.

Neal hatte keine Ahnung, wo der Honk Careys Superbergsteigetechnik gelernt hatte, hielt sein Patent aber für gefährdet. Seinen Arsch auch, weil seine Beine den umgekehrten Pinocchio gaben, indem sie sich in Holz verwandelten. Die Kanne Kaffee und das Käseomelette vom Frühstück protestierten in Form quälender Krämpfe, und auch seine Lunge erkundigte sich, ob die ganze Aktion eine so gute Idee war.

Er sah sich nach Felsbrocken oder etwas Ähnlichem um, das er dem Bankdrücker wie im Film entgegenschleudern konnte, entdeckte aber nichts. Also holte er schön tief Luft und rannte noch ein bisschen schneller. Plan A, das Lass-den-Fettsack-am-Hang-Verrecken-Manöver, war gescheitert, also versuchte er, sich einen besseren Plan einfallen zu lassen. Eine von Joe Grahams Weisheiten kam ihm jetzt zugute.

»Wenn du ihn nicht schlagen kannst«, hatte Graham einst verkündet, »musst du ihn bestechen.«

Er war dem Bankdrücker zirka zehn Sekunden voraus und schätzte, dass er mindestens fünfzehn brauchen würde, um ihn zu überlisten. Mit seiner aktuellen Taktik kam er nicht weiter – tatsächlich konnte er von Glück sagen, wenn er den Coit Tower im Park mit einem Fünf-Sekunden-Vorsprung erreichte, und fünf Sekunden genügten nicht für das, was er vorhatte, also fing er an zu laufen.

»Laufen« war ein ziemlich vollmundiger Begriff für den schlurfenden Trott, den Neal gerade noch hinbekam. Sein Herz trommelte wie Buddy Rich auf Speed, die Magenkrämpfe breiteten sich bis in die Leistengegend aus, und seine Lunge protestierte vehement mit einem pfeifenden Keuchen. Aber seine Beine bewegten sich. Er rannte bis zur Ecke Filbert Street, dann bog er links ab und wechselte auf die Nordseite der Straße. Noch im Laufen griff er mit der rechten Hand in sein Jackett, zog seine Brieftasche heraus und legte sie sich in die linke Hand. In Zusammenarbeit beider Hände gelang es ihm, einen frischen Hundert-Dollar-Schein herauszuziehen und die Brieftasche wieder einzustecken. Dann riss er den Schein in zwei Hälften, stopfte sich eine davon in die linke Hosentasche und hielt die andere wie einen Hauptgewinn im verschwitzten Griff seiner rechten.

Rasch blickte er sich um und sah, dass der Bankdrücker die Straßenecke noch nicht erreicht hatte, weshalb er seine fünfzehn Sekunden wohl bekommen würde. Er lief in den Pioneer Park, entdeckte einen bowlingkugelgroßen Stein unter einem Baum und versteckte den halben Hunderter darunter. Dann merkte er sich den Baum und sprintete so schnell er konnte den Coit Tower hinauf. Er lehnte sich neben eines der Münzfernrohre ans Geländer und mobilisierte, was ihm an Atem geblieben war. Nach Luft schnappend zog er den linken Schuh aus, steckte den Notizblock und die abgerissenen Fahrkarten hinein und zog den Schuh wieder an. Auch wenn sie einen bewusstlos schlagen, vergessen viele Kollegen beim Filzen oft, in den Schuhen nachzusehen.

Er holte noch einmal tief Luft und betrachtete die Aussicht, die ebenso umwerfend war, wie er sie in Erinnerung hatte. Die ganze Bucht lag ausgebreitet vor ihm. Links erkannte er einen kleinen Teil der Golden Gate Bridge, dort, wo sie an Marin County stieß, und dahinter die südlichen Hänge des Mount Tamalpais. Rechts davon Sausalito. Als er den Blick weiter in dieser Richtung schweifen ließ, sah er im Umkreis der gedrungenen und berüchtigten Insel Alcatraz kleine Segelboote auf dem saphirblauen Wasser. Außerdem die gesamte Länge der Bay Bridge bis nach Oakland. Ein riesiges Frachtschiff steuerte durch die Bucht auf San Mateo zu.

Er hatte ungefähr fünf Sekunden, um den Ausblick in all seiner Herrlichkeit zu genießen, dann schnaufte der Bankdrücker heran. Neal erkannte einen mordhungrigen Blick in seinen Augen und fragte sich, ob er ihn wohl gleich zu Brei schlagen würde.

Im Fernsehen ist das kein Problem, der private Ermittler und Held der Serie wird von drei doppelt so großen Kerlen verdroschen und lässt sich nach der Werbepause die Wunden von einer schönen Frau verbinden, eine Einstellung später ist er schon wieder auf den Beinen. Im echten Leben tun Prügel weh. Schlimmer noch, man verletzt sich, und die Verletzungen heilen nur langsam, wenn überhaupt. Neal wollte das alles gerne vermeiden.

Er stellte sich mit dem Rücken zur Brüstung rechts neben eines der Fernrohre, als der Bankdrücker die Plattform betrat und auf ihn zukam.

»Soll ich dir den Berg runter auch noch hinterherlaufen?«, fragte der Bankdrücker, als er sich an der Brüstung entlang an Neal heranschob. Er schnaufte heftig, war noch nicht wieder bei Atem.

»Ich weiß nicht, würdest du’s hinkriegen?«

»Du bist ein Vollidiot. Weißt du, wo ich wohne? Chinatown. Sacramento Street? Clay Street? California Street? Weißt du, wie’s da aussieht?«

Ich bin wirklich ein Vollidiot, dachte Neal.

»Steil«, sagte Neal. »Da ist es ganz schön steil.«

»Die Straßen bin ich rauf und runter, seit ich ein kleiner Junge war. Glaubst du, du kannst mich am Berg abschütteln? Wach auf.«

»Du hast recht. Entschuldigung.«

»Schon okay. Also, was ist deine Geschichte? Was hast du geklaut?«

»Nichts.«

Der Bankdrücker zog jetzt Luft durch die Nase, atmete gleichmäßig und allmählich auch wieder langsamer. Er sah sich um, wollte feststellen, ob sie alleine waren. Das waren sie.

Dann zog er seinen Ausweis vom Sicherheitsdienst aus der Tasche und hielt ihn Neal unter die Nase.

»Mach es uns einfach«, sagte er.

»Ich hab was gesucht.«

»Privater Ermittler?«

»Ja.«

»Ausweis?«

Neal hatte genug von den Vorreden, also hielt er ihm den zerissenen Hundert-Dollar-Schein unter die Nase.

»Entspann dich«, sagte er. »Du hast deinen Job gut gemacht. Ich hab nichts geklaut. Du hast mich erwischt. Und dir eine Belohnung verdient.«

Er steckte den Schein in den Münzschlitz des Fernrohrs und wollte gehen.

»Du willst mich schmieren?«

»Ja.«

»An sich hab ich nichts dagegen, ich wollte nur sicher sein.«

»Im Prinzip biete ich dir Geld an, damit du mich nicht zur Rettung deiner Ehre verprügelst.«

Der Bankdrücker grinste, akzeptierte Neals feige Kapitulation.

»Wo ist die andere Hälfte?«, fragte er.

»Unter einem der Bäume da unten.«

Ein verdammt schneller Fettsack. Sein rechter Fuß schoss zweimal auf Gesichtshöhe in die Luft, bevor Neal auch nur in Tränen ausbrechen konnte.

»Ich spiele nicht mit einem halben Hunderter Verstecken, den es wahrscheinlich nicht mal gibt.«

Neal schob sich weiter an der Brüstung entlang und sagte: »Wir machen das so: Du nimmst den halben Schein und gehst langsam runter. Ich bleibe genau hier, wo du mich im Blick hast. Der Baum ist in Sichtweite. Wenn du, sagen wir mal, zwanzig Schritte weit weg bist, sage ich dir, wo’s langgeht – du weißt schon, warm, kalt –, bis du die andere Hälfte gefunden hast.«

Der Bankdrücker dachte ein paar Sekunden lang nach.

»Es gibt nur zwei Wege hier runter«, warnte er Neal.

»Ich weiß.«

»Wenn du mich reinlegen willst, krieg ich dich.«

»Weiß ich auch.«

»Und dann breche ich dir die Knochen.«

Jetzt reicht’s, dachte Neal, sogar einem demütigen Feigling wie mir. Der Auftrag könnte mich noch einmal in das Revier dieses Mannes führen, und ich brauche ein kleines bisschen Restansehen, um einen Deal auszuhandeln. Wir müssen uns wieder auf Augenhöhe begegnen.

»Na schön«, sagte Neal. »Ich bin bewaffnet, Bruce Lee.«

Das ließ den Bankdrücker kurz innehalten. Auf die Möglichkeit, dass der weiße Volltrottel eine Waffe dabeihaben könnte, war er noch gar nicht gekommen.

»Wirklich?«, fragte er und begutachtete die Ausbeulungen an Neals Jackett.

»Nee.«

Aber ganz sicher bist du nicht, Bankdrücker, oder?, dachte Neal.

»Haben wir einen Deal?«, fragte er.

»Ich glaube, wir kommen zusammen«, sagte der Bankdrücker. Er griff langsam nach der Scheinhälfte im Münzschlitz. Dann fixierte er Neal mit einem durchdringenden Blick und zog sich langsam rückwärts zurück.

Neal zählte laut bis zwanzig, dann gab er ihm Anweisungen. Das Spiel dauerte ungefähr eine Minute, bis Neal sah, dass er unter den Stein griff und die andere Hälfte des Scheins hervorzog.

»Okay?«, schrie Neal.

»Warte! Ich prüfe noch die Seriennummer!«

Schlaues Kerlchen, dachte Neal. Wenn ich das nächste Mal komme, sitzt er bestimmt in einem eigenen Büro.

»Okay!«, brüllte der Bankdrücker. »Und jetzt?«

»Weiß nicht! Hab so was noch nie gemacht! Hast du eine Idee?«

»Wieso gehe ich nicht einfach?«

»Woher weiß ich, dass du mir nicht unten im Park auflauerst?«

»Das sind sehr hässliche Gedanken!«

»Ach was!«

Neal debattierte noch mit sich selbst, ob er ihm vertrauen konnte, als der Bankdrücker schrie: »Hast du zehn Cent?«

Wie bitte?

»Ja!«

»Okay! Ich geh zum Pier 39! Du wartest fünfzehn Minuten, wirfst zehn Cent ins Fernrohr und schwenkst auf Pier 39. Da stehe ich dann und winke.«

Interessanter Vorschlag, dachte Neal. Er schrie: »Schön! Dann bleiben dir gute zehn Minuten, um dich von der anderen Seite anzuschleichen und mich mit dem Kopf voran in die Bucht zu treten!«

»Vertraust du mir nicht?«

Nein, dachte Neal, aber ich habe keine Wahl, oder? Es sei denn, ich will noch ein paar Tage hier auf dem Hügel stehen.

»In fünfzehn Minuten schaffst du’s nicht bis Pier neununddreißig!«, schrie Neal.

»Ich nehm ein Taxi, du Arsch!«

Die Möglichkeit gab’s immer.

»Okay, okay. Zieh ab!«

»War mir ein Vergnügen, dich zu verfolgen!«

»War mir ein Vergnügen, von dir verfolgt zu werden!«

Neal sah zu, wie der Bankdrücker zwischen den Bäumen verschwand. Dann warf er einen Blick auf die Uhr. Es war Viertel vor elf, kam ihm aber sehr viel später vor. Er nutzte die Zeit, um vollständig wieder zu Atem zu kommen, seinen Puls zu senken und die Aussicht zu genießen. Er wartete zwölf Minuten, dann steckte er zehn Cent ins Fernrohr und stellte auf den Pier scharf. Der Bankdrücker musste ein Wahnsinnstaxi gefunden haben, denn es war noch nicht ganz elf Uhr, als Neal ihn auf dem Pier entdeckte. Er grinste und winkte.

Ich mag Männer, die sich ehrlich bestechen lassen, dachte Neal.

Neal ließ sich Zeit mit dem Abstieg. Er schlenderte die Greenwich Street runter auf die Columbus Avenue, blieb vor der Saints Peter and Paul Church stehen, bewunderte deren Türme und setzte sich auf eine Bank im Washington Square Park. Er teilte sich die Bank mit zwei alten Männern, die sich freundlich auf Italienisch unterhielten. Von seinem Platz aus hatte Neal einen hübschen Blick auf den Park, wo er junge Mütter mit Kinderwagen sah, ältere Chinesen beim Tai Chi und noch ältere, schwarz gekleidete Italienerinnen, die den Tauben Brotkrumen zuwarfen. Ihm gefiel, was er sah, aber was er nicht sah, gefiel ihm noch viel besser: kein Bankdrücker, keine Horden von Bankdrückerfreunden auf der Suche nach einem jungen Weißen in blauem Blazer und khakifarbener Hose. Vertrauen ist eine Sache, dachte er, Blödheit eine andere.

Er gab sich fünf Minuten auf der Bank, dann ging er weiter über die Columbus zur Ecke Broadway. Vorbei an einem halben Dutzend italienischer Cafés, Bäckereien und Espressobars – später war immer noch Zeit dafür – und direkt in den City Lights Bookstore.

Neal hatte den City Lights Bookstore bereits lange vor seinem ersten Besuch dort gekannt. Was Shakespeare and Company für die Lost Generation, war City Lights für die Beat Generation. Eine literarische Kerze im Fenster, die den Weg von Kesey zu Kerouac erhellte und in gewisser Weise auch zurück bis Smollett und Johnson und dem alten Lazarillo de Tormes.

Vor allem aber war es einfach ein verdammt guter Buchladen, in dem man sich hinsetzen und lesen konnte. Nichts deutete darauf hin, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Geschäft und keine Bücherei handelte. Dementsprechend war es sowohl ein Vergnügen als auch ein Privileg, bei City Lights ein Buch kaufen zu dürfen, und unter anderem hatte Neal genau das vor.